Dritter Akt

Zwischen zwei Sandhügeln zieht sich ein breiter Feldweg nach dem

Hintergrunde zu, zwischen anderen Hügeln, gegen das Meer hin

verschwindend. In dem Winkel, den die ferneren Hügel bilden, steht

die See als tiefblaue Wand. Darüber das hellere Blau des

wolkenlosen Himmels. Rechts vom Wege, im Vordergrund, liegt ein

wenig höher hinauf ein Kirchhof; ein Teil seiner niedrigen

Umfassungsmauer ist sichtbar, über die Mauer ragt ein altes

Kruzifix. Ziemlich weit vorn steht, in die Mauer eingebaut, die

kleine alte, mit Schindeln bedeckte Leichenhalle. Außer einem

zerzausten Hollunderstrauch an der oberen Ecke, außerhalb der

Mauer, zeigt sich keine Vegetation. Nahe bei diesem

Hollunderstrauch ist aus vier Pfählen und einem Brett vor Jahren

eine Bank errichtet worden, die stark verwittert, noch steht. Links

vom Wege liegt ein imposantes, aber stark verfallenes Mauerwerk,

Reste eines alten Klosters. Das besterhaltene Stück ist ein

Torbogen aus braun-rötlichen Ziegelsteinen. Einige sehr alte

Pappeln und Eschen erheben sich dahinter. Etwas romantisch Düsteres

liegt über diesem Gebiet.

Nicht mehr als zwei Stunden sind vergangen seit den Geschehnissen

im zweiten Akt.

Lucie liegt unweit der kleinen Bank lesend im Thymian. Mäurer kommt

vom Meer her den Weg hervor und zu ihr.

Mäurer:

Bravo! Du bist noch allein, Schusterchen. Puh! Ich fürchtete, es würde

womöglich um dich her schon russisch gesprochen. Eine verfluchte

Geschichte ist das!

Lucie:

Ich glaube, der arme Schilling mit seinen Damen kommt nicht, er fürchtet

sich.

Mäurer:

Wie kann man um Gottes willen ein Weib so wenig im Kusch halten, daß sie

einem wie eine Bracke überall auf der Fährte liegt! Die ganze Insel ist

mir verleidet. Sie hat längst, kannst du mir glauben, die Witterung, daß

wir mit Schilling etwas vorhaben. Das muß sie durchkreuzen. Davon hält

sie kein Anstandsgefühl und nichts in der Welt überhaupt zurück. -- Aber

sie kann ganz sicher sein, ich habe mir das jetzt auf meinem Gange alles

durchüberlegt -- sie hat in mir einen zum letzten entschlossenen Gegner

gefunden. Diese Beute jag ich ihr ab.

Lucie:

Vielleicht steht es gar nicht so schlimm, wie du denkst, Ottfried, und

Schilling hat Energie genug für sich allein.

Mäurer:

Sobald sich's um Energie handelt, trau ich ihm nicht. Nein! Besonders

jetzt nicht. Da dürfte doch ein sehr entschiedenes Nachhelfen unbedingt

nötig sein; daran soll es nicht fehlen, ich werde schon nachhelfen.

Aber, ob es gegenüber ihrer überlegenen weiblichen Strategie und ihrem

Arsenal gegenüber was nützen kann, weiß ich nicht.

Gabriel Schillings Flucht: Drama · 第 87 / 202 题