Schilling

(nach einigem Stillschweigen, mit scheinbarer Festigkeit):

Hanna, dies alles liegt hinter mir. Ich bin soweit ... ich habe es

hinter mich gebracht ... mit Gottes Hilfe nun überwunden. Ich habe es

mit unendlicher Mühe, sag ich dir, endlich in den gehörigen Abstand von

mir gebracht. Es ist nicht anders. Es ist zu Ende!

Hanna:

Gut! (Sie erhebt sich.) Du bist gegen mich eingenommen durch irgendwen.

Irgendjemand, den ich nicht fassen kann, hat mich in deine Ohren

verleumdet. Gut! Ich werde dir aus dem Wege gehen. Obgleich ich nicht

weiß, womit ich gefehlt habe. Aber, Liebling, ich bitte dich, sofern es

dir irgend genehm sein sollte: nimm mir den marternden Schmerz der

nagenden Grübelei aus der Brust; gewähre mir, wenn es sein kann, die

eine letzte Gelegenheit, den Schandfleck von meinem Leibe zu waschen,

der ihn in deiner Erinnerung sonst für ewig entstellen wird: Wie habe

ich dich belogen, Liebling?

Schilling:

Frage, wo du mich nicht belogen hast! Ich gebe ja zu, daß es für eine

Frau, wie dich, für eine so geniale Frau nicht immer so absolut leicht

ist, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Aber laß das! Erpresse mir

diese bittren Bekenntnisse nicht! -- Es ist nicht schön, wenn die Leute

abrücken; glaube mir, es war kein erhabener Moment, als mir der erste

den Rücken kehrte -- dann der zweite, der dritte, der vierte Schlaukopf

im Künstlerklub. Das ist keine spaßhafte Überraschung, die einem da

widerfahren ist! Aber Teufel, was wäre mir schließlich das!? Auch daß

ihr beide, dein Herr Gemahl und du, mich in eure östliche

Schmutzfinkenwirtschaft eingewickelt habt, in eure kaltblütig vorher

abgekartete Trennungskomödie, ist es nicht! Eure Vorurteilslosigkeit

ließ das erwarten. Was aber hernach deine wunderbare Liberalität gegen

deine Landsleute dir tatsächlich noch möglich machte, das zu berühren

fehlt mir der Handschuh auf der Hand.

Hanna:

Verleumdung!

Schilling:

Richtig! (Er zündet die ausgegangene Zigarre wieder an und sagt kalt,

mit verändertem Ton): Sag mal, Hanna, wann wirst du abreisen!

Ihn überkommt nun plötzlich eine auffallende Gleichgültigkeit. Er

läßt sich auf das Sofa fallen, pafft, und scheint sich

ausschließlich seiner Zigarre zu widmen. Hanna dagegen schreitet

nun erregt im Zimmer umher.

Hanna:

Dies ist, wie mir scheint, hier ein Gasthaus für jedermann, der die

Zeche nicht schuldig bleibt! -- Ich werde reisen, wann mir's

beliebt. -- Ich werde keinesfalls vor dem morgenden Tage abreisen! --

Schon deshalb nicht; ich habe eine Freundin aus Rußland mit und kann

mich unmöglich lächerlich machen.

Schilling:

Warum hast du die Freundin mitgebracht?

Hanna:

Warum lebst du denn hier mit deinen Freunden? -- Mir liegt nichts an ihr,

ich brauche sie nicht. Nun also: Sie hat sich an mich gehangen, sie ist

ohne Bekannte in Berlin; -- sie ist eine harmlose kleine Person; und ich

bin ein Weib, von allen verlassen. (Sie steht am Fenster und weint

leise.)

Gabriel Schillings Flucht: Drama · 第 81 / 202 题