Lucie

(legt die Gitarre weg und springt auf):

Kinder, ich werde mich jetzt ein bißchen umziehen und anziehn gehn; dann

werde ich einige Kreutzeretüden herunterhaspeln, denn wenn ihr wirklich

nach Griechenland reist, so laß ich mich unten in Athen doch natürlich

vor der Königin hören.

Sie eilt durch den Flur die Treppe hinauf ab, gleich darauf hört

man von oben Geigenspiel.

Schilling:

Nee, Hellas und Rasmussen vertragen sich nicht.

Mäurer:

Laß ihn, es handelt sich jetzt nicht um Rasmussen. Es handelt sich jetzt

um dich und mich. Meine Idee wäre, daß wir vielleicht erst ein bißchen

nach Kleinasien gehn, von da nach Athen, dann bleiben wir in Korfu zwei,

drei Wochen lang; und im März sind wir unten in Florenz, wo ich ja Gott

sei Dank meine Ateliermiete vor kurzem, und zwar noch im letzten

Augenblick, für drei Jahre erneuert habe. Dort kannst du auch, von den

Uffizien gar nicht zu reden, mal wieder nackte Modelle sehn.

Schilling:

Ich möchte dran glauben, wahrhaftig, Ottfried! Beinahe kann ich's, es

geht aber nicht! -- Sieh mal, mir dreht sich die Galle im Leibe um, wenn

ich denke, wieviel ich in den letzten fünf Jahren endgültig und

unwiederbringlich verlumpt habe. Es ist zu spät, man holt's nicht mehr

ein!

Mäurer:

Bis zum siebenunddreißigsten Jahr kommt niemand ohne Blessur durch die

Welt. Wir haben alle ein verknotetes Schicksal als Aufgabe, und die

Lösung kann immer wieder nichts anderes sein als die Tat.

Schilling:

Du stehst breit und fest und kraust dir den Bart. Dir gereicht eben

alles zum Guten schließlich, und mir schlägt es zum Miserablen aus.

Mäurer:

Nein, ich habe nur immer den Grundsatz gehabt, den ich auch dich zu

befolgen bitte und der: »Nimm Kraft aus deiner Schwäche« heißt.

Schilling:

Ich hab keinen Pfennig Geld in der Tasche.

Mäurer:

Daß du das immer wieder betonst, ist bei einer alten Freundschaft wie

unserer lächerlich.

Schilling:

Das hab ich auch schon ... das klingt sehr verlockend!... das hab ich

auch schon von Frauenzimmern gehört. Und dann ist es mir ziemlich übel

bekommen.

Mäurer:

Frauenzimmer und Freund ist ein ander Ding. Muß ich dich dran erinnern,

Schilling, daß ich in alten Zeiten als Hungerleider mal vor deiner Tür

um fünfzig Pfennig bitten gewesen bin, um nur mal wieder zu mittag zu

essen?

Schilling:

Es hält mich nichts, es hindert mich nichts. Ich bin bereit, und im

Augenblick meinethalben, mit dir nach dem Monde zu reisen. Und doch

glaub ich an die Geschichte nicht! -- Sieh mal, von meiner »Gattin«

Eveline bekam ich noch gestern abend hier diesen Brief. Du weißt

vielleicht nicht, daß sie über die neue Wendung der Dinge mit ... mit

Hanna im siebenten Himmel ist. -- Ja, ich hatte ihr scherzweise etwas von

deinen Absichten angedeutet. Ich hatte das Maul etwas vollgenommen, so

etwa wie: meine ganze bisherige Tätigkeit wäre eigentlich lauter

Vorarbeit und so weiter, und hoffte jetzt wirklich mit dem wirklichen

Werk mal anzufangen; was man so, um Seiten zu füllen, schreibt. Und da

lies mal gefälligst den Dithyrambus! (Er wirft Mäurer den Brief hin):

Also! Was sollte mich also festhalten? -- vorausgesetzt, daß von dem

Reisegeld etwas für die Mäuler zu Hause übrig bleibt.

Mäurer:

Was willst du mit siebenunddreißig Jahren, mein Junge, denn anders

gemacht haben als die Vorarbeit? Der Japaner Hokusai sagt: alles, was er

im Alter vor siebzig Jahren gemalt habe, sei nicht der Rede wert. Und du

willst im Alter des Schülers verzweifeln.

Schilling:

Na, Teufel, da will ich mir noch eine anstecken! -- (Merkbar erregt,

zündet er seine zweite Zigarre an): Weshalb auch nicht? -- Na, alsdann!

Versuchen wirs eben noch mal. -- Schneid hätt ich eigentlich immer, bloß

eigentlich keine Traute nicht. Es ist wahr, ich fühle mich hier etwas

anders. Ich fühle mich hier -- ich finde wirklich, daß feste Entschlüsse

ganz günstig wirken! -- ich fühle mich hier sogar aufgefrischt! Ich könnte

beinahe glauben -- beinahe wieder glauben, es gibt außer dem

jammerwürdigen Sackhupfen nach der Krume Brot und ähnlichen kläglichen

Amüsements noch einen anderen Zustand in der Welt. Die Erinnerung an ...

an ... an den Gestank fängt an zu verblassen in ... in der salzigen

Inselluft. Man bildet sich ein ... ganz ohne Spaß, man bildet sich ein

... man fragt sich, ob man sich denn tatsächlich in diesen verdammten,

rückwärtigen Trichter muß hineinziehen lassen? -- Warum denn? Nein! Ich

glaube das nicht! Ich werde mal ganz entschieden nein sagen! Warum laß

ich nicht alles mal sitzen und liegen und hocken und quetschen und

stinken nach Herzenslust? Warum nicht? Denkst du vielleicht, ich kann

das nicht? Was denn? Sie saugen sich an wie die Blutegel, sie binden

einem Hände und Füße delilahaft, sie gießen einem Blei ins Hirn, sie

knebeln einem das Maul mit Gemeinplätzen und pauken einem mit einem

täglichen Hagel von faustdicken Dummheiten das letzte bißchen Ehrgefühl

aus dem Tempel raus. Sucht mich im Peloponnes, meine Herrschaften!

(Während seines halb ernsten, halb drolligen Ausbruchs hat Schilling

sich erhoben und läuft umher. Gemeinsames Gelächter beider Freunde

beschließt die Rede.)

Mäurer:

Bravo! Man muß sich die Leber mal freipulvern!

Schilling entdeckt plötzlich das Schirmchen der Hanna Elias. Er

nimmt es auf und besieht es von allen Seiten.

Gabriel Schillings Flucht: Drama · 第 59 / 202 题