Lucie

(zuckt mit den Achseln):

Nach diesem Brief, Ottfried, allerdings. Freilich, sicher kann man es,

wie die Sachen mit Schilling liegen, nicht voraussagen. Er scheint ja in

einer Krisis zu sein, aber sag' mal selbst, sein Verhältnis zu Hanna

Elias ist schon manchmal in einer Krisis gewesen; und doch renkte sich

alles immer wieder zu unsrem beiderseitigen Mißfallen ein. -- Du weißt

ja, was sie für Mittel hat! Wenn sie es absolut will, daß er bei ihr

bleibt, na, so geht sie zu Bett und kriegt vier Wochen lang

Nasenbluten. --

Mäurer:

Äh, ich mag sie nicht! Ich bin in keiner Beziehung, nicht wahr, ein

Weiberfeind; sie brauchen auch, weiß Gott, um mir zu gefallen, nicht

alle deutsche Gänse zu sein. Aber diese Hanna macht mich ganz wild.

Wenn ich sie ansehe, fast leichenhaft wächsern, wie sie ist, dann

begreife ich nicht, wie sie leben kann, und hoffe, sie muß jeden

Augenblick abschieben. Keine Ahnung! Sie lebt; sie denkt nicht daran und

wird uns alle womöglich noch einbuddeln.

Lucie:

Ja, Ottfried, das kann ganz gut möglich sein.

Mäurer:

Verzeih mir's Gott, wenn keine Aussicht vorhanden ist, daß sie in Bälde

das Zeitliche segnet, dann muß mit Schilling erst recht was geschehn;

dann muß man erst recht mit ihm einen letzten, rücksichtslosen Versuch

machen. Dazu ist er zu gut, um an dieser Schürze zugrunde zu gehn.

Lucie:

Wer weiß, vielleicht ist deine telegraphische Einladung gerade zur

rechten Stunde gekommen.

Mäurer:

Merkwürdig, dieser ruhige, schlichte Mensch, der mehr als wir alle in

seinem gelassenen Wesen gefestigt schien, ist durch diese Person ganz

aus der Bahn gerissen. Als sie auftauchte, dacht' ich das Gegenteil.

Seine Heirat mit Eveline war Unsinn. Sie hat ihn sich, weil er immer

gegen die Äußerlichkeiten des Lebens gleichgültig war, wenn man ihn nur

ungestört malen ließ, einfach angetraut. Und da war er mit einemmal ihr

Ernährer. Hanna hat mehr Reiz, mehr Selbständigkeit, und so glaubt ich

am Anfang, sie würde für seine Kunst _das Rinascimento des vierten

Jahrzehntes_ sein. Statt dessen stellt sie seine Existenz als Künstler

und Mann überhaupt in Frage.

Lucie:

Woraus erhellt, da sie ebenfalls von orientalischer Faulheit ist, daß

Weiber, die nichts zu tun haben, bloß Unfug stiften; und ich habe mir

deshalb fest vorgesetzt, ich will diesen Winter sehr viel Kolophonium

für meinen Geigenbogen verbrauchen.

Mäurer:

Hast du die tausend und abertausend Stare und Schwalben auf den

Strohmützen der Fischerkaten drüben in Vitte gesehn? Diese Aufregung,

dieser Eifer, diese entzückende Reiselust! Packt es dich da nicht auch

wieder mächtig?

Lucie:

Wenn ich am Meer sein kann, mit dir allein, und an einem versteckten

Platz, wo uns niemand beunruhigt, so weißt du ja, daß ich sträflich

bedürfnislos und zufrieden bin. -- Weißt du übrigens, was mich der Fischer

gefragt hat?

Mäurer:

Nun?

Lucie:

Ach Unsinn, nichts! -- Bloß, ob du ein Onkel von mir bist. -- Ich habe

gesagt, ich bin deine Großmutter.

Mäurer:

Was die Menschen doch wie die Teufel neugierig sind! Aber laß das,

Schusterchen, ärgere dich nicht! Klatsch macht man durch absolute

Verachtung unschädlich! Hör' lieber zu, was ich beschlossen habe.

Nämlich, dem guten Schilling gegenüber ist mein Gewissen nicht ganz

rein. Moralische Urteile sind eigentlich nur Bequemlichkeit; und doch

hab' ich mich dieser Bequemlichkeit dem Freund gegenüber, als ich seine

Handlungsweise nicht recht mehr verstand, leider schuldig gemacht. Wenn

es ginge, möchte ich das gern jetzt wieder ausgleichen. Aber das ist

vielleicht Selbstbetrug. Ich bin vielleicht nur gut aufgelegt und möchte

mein Wohlbefinden noch steigern.

Lucie:

Nun, ein ganz, ganz schlechter Kerl bist du ja gerade nicht.

Mäurer:

Keinesfalls sehr viel schlimmer, als andere! -- Das Stück Geld unterm

Großmast, was nicht nur nach dem Aberglauben der Fischer darunter

gehört, hat Schilling leider immer gefehlt; er wäre sonst zweifellos

besser gesegelt. Und man ist in Geldsachen ja leider, wo Not an Mann

ist, auch nicht immer durchweg zum Anstand geneigt. Aber jetzt, wo die

Bremer nicht knausrig gewesen sind, will ich mal alles wieder gut

machen. Ihr müßt beide mit mir nach Griechenland.

Gabriel Schillings Flucht: Drama · 第 14 / 202 题