Für eine Portion war das genug. Mir wurde fast unheimlich. Für ein
nettes Abenteuer baute sich die Sache fast zu groß auf, das läßt sich
nicht so leicht abhaken, wie es angehakt ist. Das war nun doch einmal
ein Weib, wie ich im müßigen Ideale mir es oft gedacht hatte, ein in
heiliger Leidenschaft lohendes, alle Konvenienzen kühn verachtendes,
heldenhaft liebendes Weib. Daß mittlerweile in meiner Erinnerung auch
ihr Bild wundersam reizend und schön geworden war, habe ich dir ja
schon gesagt.
In den ersten Tagen der Ferien packte ich meinen Koffer und reiste
Tag und Nacht der alten Königsstadt Prag zu. Es war mir zumute wie
auf einer Brautfahrt. Es war doch zu rührend, wie sie meiner gedacht,
wie sie auf mich gewartet hatte, bis ich in der Lage war, ein Weib
heimzuführen. Und selbst, daß sie von mir fortgezogen, war das Werk
einer großen Seele. Sie wollte uns gegenseitig die Reinheit hüten, sie
wollte mich frei lassen, frei leben und frei wählen.
Unsere Stenographenstunde war nachmittags von fünf bis sechs Uhr
gewesen. Zu Prag ins Hotel gekommen, war mein erstes, durch einen Boten
ihr meine Ankunft anzuzeigen, und daß ich mich an demselben Tag um fünf
Uhr bei ihr einfinden würde. Hierauf reinigte ich mich sorgfältig von
dem Staube der Reise, nahm ein Mahl zu mir und bereitete mich vor auf
den Besuch.
Punkt fünf Uhr schellte ich an der Tür ihrer Wohnung. Ein schmuckes
Stubenmädchen erschien, um zu öffnen, fragte leise, ob ich der Herr
aus G. sei und führte mich dann in ein dunkelgehaltenes Gemach. Es war
fast üppig eingerichtet und die Blumen und Rosen schienen mir noch
prangender zu blühen und noch betäubender zu duften, als vor Jahren.
Da glitt sie auch schon auf mich zu, in weißem Hauskleide war sie,
sank mir an die Brust und flüsterte: »Sie sind's! Gott, wie mir das
Herz pocht!« Dann schluchzte sie und wir saßen auf einem Sofa. Obzwar
wenig Licht fiel auf ihr Antlitz, so sah ich doch, daß dasselbe etwas
rundlicher geworden war, und ihre Wangen schienen mir noch blasser
und ihre Augenwimpern noch schwärzer und ihr Mund noch röter als vor
Jahren. Und weil durch die leidenschaftliche Begrüßungsszene auch
ihre schwarzen, seidenweichen Haare locker geworden waren und nun
niederrollten auf ihre wogende Brust, so war sie unbeschreiblich schön.
Vor den schweren Fenstergardinen stand ein rundes Tischchen, an das mit
einem Kettlein ein Papagei gefesselt saß, der fortwährend krächzte.
»Ach!« flüsterte sie, »der Vogel freut sich auch, daß Sie gekommen
sind. Und Sie sind so stattlich und schön geworden, oh, ich bin
wahnsinnig vor Glück!« Dabei nahm sie meine Hände und preßte sie heftig.
»Ach, Freund!« hauchte sie, »Sie bringen mir die schönen Tage der
ersten Jugend zurück!« Und da ich kaum eines Wortes mächtig war, so
fuhr sie mit unendlichem Reize fort zu plaudern von vergangenen Zeiten,
von dem Leben in G., von ihrer Kindheit, die herbe gewesen, von dem
Glücke, das nun gekommen. Ich merkte nicht auf das, was sie sprach, ich
hörte nur ihrer Stimme süßen Klang, ich fühlte nur den Atemhauch aus
ihrem Munde -- mir verging das Denken und urplötzlich rissen meine Arme
sie wild an mich, um sie zu küssen ... In demselben Augenblicke fuhr
sie kreischend auf und stieß mich heftig zurück.
»Mein Herr!« rief sie mit vor Zorn fast erstickter Stimme, »das ist
abscheulich!« dann stürzte sie zur Glocke mit dem Ruf: »Mein Gemahl!
Mein Gemahl!«
Da trat aus dem Nebenzimmer ein schlanker, hagerer, brauner Mann im
feinsten Salonanzuge.
»Gott, o Gott!« schluchzte das Weib und preßte ihre Hände ins Gesicht:
»Diese abscheuliche Frechheit! Züchtigen Sie ihn! Meine Freundschaft
so zu mißbrauchen! Eine harmlose Plauderstunde über vergangene Zeiten!
Von meinem Glück wollte ich ihm erzählen! Und er schändet's, der
wahnsinnige Bube! -- O Gott, meine Nerven ...!«
Der braune »Gemahl« stand immer noch an der Tür und drehte seinen
langen Schnurrbart. Ich hatte mich von meiner Überraschung eher
erholt, als es mir heute selbst erklärlich ist. Ich war ausgestanden
und wartete einstweilen darauf, was der Gemahl sagen würde. Da dieser
weder einen Revolver noch einen Dolch ergriff, sondern sich nur an mir
und seiner rasenden Frau ergötzte und verschmitzt schmunzelte, so trat
ich einen Schritt an ihn und sagte: »Es ist kein übles Abenteuer. Wem
gehört sie aber nun! Sie, mein Herr, werden Gemahl genannt, und ich
werde durch glühende Liebesbriefe aus dem fernen G. herbeigeholt!«
»Hat Alte wieder Dummheit gemacht!« schnarrte der braune Mann mit
fremdartiger Betonung, dann zog er sich wieder in sein Zimmer zurück
und lehnte die Tür zu.
Eine kochende Hölle im Herzen, starrte ich das Weib an. Sie sank
mit vollendetem Faltenwurf ihres Kleides zu meinen Füßen nieder und
schluchzte: »Ach, verzeihen Sie mir! teurer Freund! Ich bin namenlos
unglücklich!«
Mit der Fußspitze schob ich sie von mir. Ohne ein Wort zu verlieren,
ging ich zur Tür hinaus. --
Seither -- so dünkt mich fast -- bin ich wesentlich klüger. Wenigstens
kann ich dir Unterricht erteilen über den Begriff: Kokette, den du
etwas flüchtig zu überspringen pflegst.
Ein Jünger Darwins.
Es möge sich unter dem Begriffe »Gott« jeder das Seine denken; wie man
ihn verliert und wie man ihn findet, ich bin davon ein Beispiel aus
vielen. Ich werde nicht philosophieren -- die Sache geht mir zu sehr
an's Herz.
Ich bin der Sohn eines niederösterreichischen Landwirtes. Nach einigen
absolvierten Gymnasialklassen in Wiener-Neustadt kam ich auf die land-
und forstwirtschaftliche Anstalt in Hermsdorf. Von Haus aus hatte
ich eine sehr religiöse Erziehung genossen, wozu auch noch meine
empfindsame Gemütsart kam. Daß mir bei jedem Abschiede meine Eltern
gute Lehren gaben, brav zu bleiben und auf Gott nicht zu vergessen,
bin ich jedoch nach und nach so gewohnt geworden, daß es gar keinen
Eindruck auf mich mehr machte. Ich fand es im Grunde ja doch so
selbstverständlich, für was hielten sie mich denn, wenn sie mir
zutrauen konnten, unbrav zu werden und Gott zu vergessen!
Einen ganz anderen Eindruck hingegen machten eines Tages, als ich
wieder ins Institut abreiste, auf mich die Worte unseres alten
Pfarrers, der in der Volksschule mein Katechet und Beichtvater gewesen
und dem ich als Knabe in der Dorfkirche ministriert hatte. Der saß in
einem Ledersessel und zog mich neben sich nieder auf einen Stuhl und
hielt mich an der Hand -- die seine war völlig kühl -- und sagte zu
mir ungefähr folgendes: »Mein Sohn, so oft du fortgehst, befällt mich
eine Bangigkeit. Wenn ich dir ins Auge schaue, da ist so viel Vertrauen
d'rin. Du gehst munter in die Welt, es ist schön draußen, du wirst
vieles Gute lernen, sie wird dir allerlei große Aufgaben stellen und
allerlei Vergnügungen anbieten -- und eines Tages wirst du gewahr
werden, daß du den kindlichen Glauben an Gott nicht mehr hast.«
So sagte er, ich wurde hierauf fast erbost und rief: »Niemals, Herr
Pfarrer, ich lasse mich nicht verführen, und meine Religion lasse ich
mir nicht rauben, so wahr --«
Ich hob den rechten Arm, er drückte mir ihn sanft zurück und sagte: »So
behüte dich Gott!«
Dann ging ich hin und war ganz glücklich im Bewußtsein meiner
Frömmigkeit und meiner Festigkeit, und schaute in die besonnte
Landschaft hinaus, wo alles so lebendig und freudenvoll war im Blühen,
Glänzen und Jubilieren, und ich erinnerte mich auf jener Wanderschaft
an den Ausspruch: Die Welt ist ein Transparent Gottes.
Zu jener Zeit war ich siebzehn Jahre alt. Ich hatte den Ruf eines
gesitteten, fleißigen Schülers; die Kollegen und die Lehrer und die
Bücher und vielerlei Welt waren um mich, viele Freunde hatte ich, und
ein paar kleine, kindische Feinde, aber niemand und nichts machte den
geringsten Versuch, mich vom Glauben abwendig zu machen. Im Gegenteile,
weil ich strebsam und ordentlich und stets munter war, so wurde ich
anderen als Beispiel aufgestellt. Wenn ich dann allein war in meinem
Zimmer, spät abends vor dem Einschlafen oder an hohen Festtagen,
gedachte ich Gottes und meiner Eltern mit dem gleichen Herzen.
In den Studien stieg ich auf: Geographie, Astronomie, Zoologie,
Botanik, Mineralogie. Hatte mir doch mein alter Pfarrer gesagt, das
Studium der Schöpfung Gottes sei auch ein frommes Werk. In freien
Stunden gab ich mich gerne mit Dichtern ab, mit den besten, die wir
haben: mit Klopstock, Körner, Herder, Schiller, Lessing, Goethe. Wohl
sah ich manches in verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Augen an.
So hatte Faust für mich nicht weniger als drei Stücke. Als ich ihn das
erstemal las, ergötzte mich darin der Spuk und der possierliche Teufel,
der schließlich den Doktor in die Hölle holt; bei einem späteren
zweiten Lesen interessierte mich vor allem die Liebesgeschichte mit
Gretchen. Das drittemal -- da war ich schon weit -- sah ich nichts als
den Philosophen Faust. In der Naturgeschichte weiß ich nicht, wann ich
das Brücklein übersprang von den alten Gelehrten zu den modernen. Es
ist ja eigentlich keine scharfe Grenze. So geht es sachte hin, es ist
manches fremd. Der Katechet und der Lehrer der Naturgeschichte hatten
keine Berührungspunkte mehr, das fiel mir anfangs gar nicht auf.
Einmal, als ich zu Hause auf Ferien war, kam der alte Pfarrer
auf Besuch und blätterte ein wenig in meinen Lehrbüchern. Sagte
aber kein Wort, sondern war herzlich wie immer. Nicht mehr war
es der Pflichteifer, der mich zum fach- und naturgeschichtlichen
Studium trieb, sondern das wirkliche Interesse an ihm; ich las alle
einschlägigen Werke, die ich bekommen konnte, selbst wenn sie weit über
das Ziel unserer Fachstudien hinausgingen. Endlich bei einem lebhaften
Gespräch mit einem Kollegen über Abstammung und Vererbung im Tierreiche
sah ich's, wo ich war. Ich war mitten im Darwin.
Jetzt wissen sie vieles von mir, was ich damals noch selbst nicht
wußte. Also gut, Tiere und Pflanzen stammen aus ganz wenig Urformen
her, vielleicht aus nur einer Urzelle! Und die Wesen züchten und
entwickeln sich im Kampfe um's Dasein. Das ist was neues, aber
es leuchtet ein. Doch das höchstentwickelte Tier, bei dem knüpft
ja der Mensch an! Und die ganze Organisation des letzteren zeigt
unwiderleglich, daß der Mensch in vielen tausenden von Jahren aus
dem Tierreiche herausgewachsen ist. So erzählte man mir Dinge, die
nicht waren?! -- Die neue Lehre dehnt sich mit ihren Grundsätzen durch
unendliche Zeiten und Räume. Und nirgends von Gott die Rede? Nirgends
eine Spur von ihm? Was ist das? -- In meiner Bedrängnis schrieb ich
dem alten Pfarrer, ich sei in eine große Verwirrung geraten, die
Naturgeschichte stimme mit der Bibel nicht und im Weltall wäre mir Gott
abhanden gekommen.
Der gute alte Mann tat ganz harmlos und schrieb zurück, meine
Beängstigung sei einerseits ein Beweis von der tiefen Religiosität
meines Gemütes, andererseits aber eine Mahnung, wie sehr ich in
diesen Dingen auf der Hut sein müsse. Mein Zweifel -- wenn er die
augenblickliche Stimmung so nennen wolle -- sei übrigens ganz grundlos.
Daß man die Bibel nicht wörtlich, sondern gleichnisweise zu nehmen
habe, sei oft genug gesagt worden, und so stimme sie, deuche ihm,
wirklich mit dem von mir angeführten Systeme. Wissenschaftliche
Forschungen könnten sich weit ausdehnen, aber endlich seien sie doch
nur etwas Menschliches, also Unvollkommenes und Begrenztes. Und
außerhalb dieses menschlichen Spielraumes -- der im Vergleiche zur
Unendlichkeit doch ganz armselig wäre -- hätte Gott Raum genug, wenn es
die Herren Gelehrten schon nicht zugeben wollten, daß er in der Seele
seiner Geschöpfe sei.
Auf diesem Karren schleifte ich meine Religiosität noch eine Weile
fort. Doch als es immer weiter in die Erkenntnis und immer tiefer in's
Leben hineinging, sah ich endlich ein, es wäre umsonst. Der kindliche
Glaube war nicht mehr zu halten. Der Gott, der sich denken ließ, war
nicht der Gott meiner Väter.
Ich dachte viel an das Oberhaupt der neuen Schule. Alt-England ist
ein gut katholisches Land, Darwin's Familie hat einen hochgeachteten
Namen, der Gelehrte selbst ist ein makelloser Charakter, von dessen
Seelenadel so manches erzählt wird. Wie kann es möglich sein, daß solch
ein Mann eine Lehre ausbildet, die von keinem Gott weiß! -- Das kann
nicht möglich sein.
In einem persönlichen Gespräche mit dem alten Pfarrer teilte mir dieser
zu meinem Troste mit, daß er vernommen habe, Darwin sei ein guter
katholischer Christ, seine Lehre werde nur schlecht verstanden und
falsch ausgelegt. Für den Augenblick leuchtete mir das wieder ein. --
Meine Fachstudien waren beendet. Ich kam auf ein großes Gut in Mähren
als Praktikant. Das war im Jahre 1880. Kurze Zeit darauf starb meine
Mutter. Noch sterbend hatte sie gesagt, sie lasse mich, den fernen
Sohn, grüßen und bei Gott im Himmel wollten wir uns alle wieder
zusammenbestellen.
Was nun in mir für ein Leid anhub! Meinem priesterlichen Freunde klagte
ich alles. Er war erschüttert und wußte mir nichts mehr zu sagen, als
ich solle beten und arbeiten.
Arbeiten, ja, Tag und Nacht, bis zur Erschöpfung. Draußen auf den
Feldern und in den Wäldern ging ich umher, solange ein Licht am Himmel,
und legte selbst Hand an den Pflug, an das Schnittscheit, und in halben
Nächten saß ich bei meinen Rechnungen und theoretischen Ausarbeitungen.
Aber beten? Gebete sagen kann man, wann man will, aber beten nicht. O
Mutter, Mutter, daß du mir auf ewig solltest genommen sein!
Und in einer solchen Nacht, da draußen ein leiser Nachtwind rieselte
in der Linde, und im Hause alle so ruhig und süß schliefen, als wäre
Himmel und Erde für sie eine sanft schaukelnde Wiege -- da kam mir
plötzlich der Gedanke: Bei Bibel und Priestern klopfe ich vergebens
an. Nur der mir den Glauben geraubt hat, kann mir ihn wieder
zurückgeben.
Ich zündete das ausgelöschte Licht wieder an und schrieb an Charles
Darwin zu Down in England.
Ich stellte ihm meine Bedrängnis vor und bat ihn um Aufklärung, was er
von Gott halte, was. er von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele
denke? -- Den Brief sandte ich am nächsten Tage ab. Zwei Wochen darauf
hatte ich Antwort, die aber so kalligraphisch geschrieben war, daß
ich die Handschrift des großen Gelehrten darin nicht vermuten konnte.
Darwin entschuldigte sich durch eine zweite Person mit seinem Alter,
mit seiner Kränklichkeit, mit der Bürde seiner wissenschaftlichen
Arbeiten; er sei außerstande, die schwierige Frage zu beantworten.
Also, er läßt mich sitzen. Er hat mich beraubt um meine Labnis und läßt
mich in der Wüste verschmachten. Er hat seine Weltberühmtheit -- die
tausend Herzen, die da brechen, kümmern ihn weiter nicht.
Als ich jedoch -- denn das war mir wie angetan -- wieder in den
Schriften des Forschers las, stellte ich mir die Frage: Ist es bei ihm
die Lockung des Ruhmes? Soll es nicht vielmehr -- so wie ja auch bei
mir -- der Drang nach Wahrheit sein? Und wie wäre es möglich, daß ein
Forschergeist so groß und so tief sein kann, wenn nicht Gott mit ihm
ist? Und war in seinem Schreiben nicht von einer +schwierigen+ Frage
die Rede? Er müsse über diesen Punkt also doch was zu sagen haben und
sehr viel, wenn es sich in einem gewöhnlichen Briefe nicht beantworten
ließe. -- Es mag seine Kränklichkeit noch so groß sein, wenn es ein
Seelenheil gilt, da muß er die Frage beantworten und sollte es ein Buch
werden.
So habe ich dem Gelehrten noch einmal geschrieben, habe ihm
vorgestellt, daß mein Heil von seiner Antwort abhänge, daß er es seinem
Jünger schuldig sei, das Gewissen zu beruhigen, daß der Forscher,
nachdem er so viel gesagt, nicht zurückschrecken dürfe davor, das
letzte Wort auszusprechen, daß ich dieses letzte Wort für eine
Offenbarung halten wollte, und daß es, fiele es aus, wie immer, mich
aus der peinigenden Ungewißheit reißen und beruhigen würde. Ich bat
inständig, wie der Verschmachtende um einen Trunk Wasser bittet, mir
wie ein sterblicher Mensch dem sterblichen Menschen offen und treu
anzuvertrauen, was er von Christus und seinen Offenbarungen, und also
auch von der Unsterblichkeit der Seele halte.
Am elften Tage nach der Absendung dieses meines zweiten Briefes kam ein
Schreiben, dessen Schriftzüge und Namensunterschrift als die des großen
Forschers erkannt werden. Das Schreiben lautet:
»Down, 5. November 1880.
Lieber Herr!
Ich bin sehr beschäftigt, ein alter Mann und von schlechter
Gesundheit, und ich kann nicht Zeit gewinnen, Ihre Frage
vollständig zu beantworten, vorausgesetzt, daß sie überhaupt
beantwortet werden kann. Wissenschaft hat mit Christus
nichts zu tun, ausgenommen insoferne, als die Gewöhnung an
wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht,
Beweise anzuerkennen. Was mich selbst betrifft, so glaube ich
nicht, daß jemals irgend eine Offenbarung stattgefunden hat. In
Betreff aber eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich
selbst die Entscheidung treffen zwischen widersprechenden,
unbestimmten Wahrscheinlichkeiten.
Ihr Wohlergehen wünschend, bleibe ich, lieber Herr,
Ihr hochachtungsvoller Charles Darwin.«
Seine Meinung hatte ich nun. Was half sie mir? Sie setzte seinen Werken
die Krone auf. Er war gottlos.
Was wäre schließlich aber daran gelegen? Hätte ich mich von ihm nur
freimachen können. Das konnte ich nicht. Seine Lehre hielt mich
gefesselt, wie eine geschehene unerbittliche Tatsache. Ich versuchte
mich mit Studium wieder auszugleichen, ging sogar auf eine berühmte
deutsche Universität, um zu sehen, wie andere mit der Sache fertig
werden. Ich hielt es aber nicht lange aus, kehrte zurück und suchte
in meiner unerleuchteten Trostlosigkeit einen andern Weg. Das
Gegengewicht, das mich bisher vor dem Niedersinken zur Erde bewahrt
hatte, war verloren, ich war ein Leib ohne Seele. Nun kamen schon die
Stunden, in denen ich solche Menschen beneidete, die imstande sind,
des Nächsten Glück spielend zu ihrem eigenen Vorteile auszunützen. Das
eben sind ja die wohlorganisierten Menschen, die den Kampf ums Dasein
siegreich bestehen und in ihrer Gattung den Egoismus zu immer größerer
Vollkommenheit ausbilden.
Ich trachtete zwischen meinem Wissen und Leben eine Harmonie
herzustellen, nämlich indifferent in moralischen Dingen, also schlecht
zu werden. Aber hierin hatte der Alte ja auch wieder recht: du kannst
nicht besser und nicht schlechter sein als du bist.
Statt schlecht zu werden, wurde ich krank. Ich vermochte in eine Welt,
in der nichts dahintersteckt, keinen Wert zu legen. Wo andere sich
balgen um die Früchte des Augenblickes, dort wurde ich gleichgültig
gegen alle Genüsse, deren letztes Ziel die Enttäuschung ist. Die
Nervenspannungen wurden lax, ich begann abzuwelken. Weil just der
Winter war, so sagten gutmütige Menschen, das Frühjahr würde mir
Besserung bringen. Andere flüsterten -- und die hörte ich am liebsten
-- bis die Bäume ausschlügen, würde ich's überstanden haben.
Es kam das Frühjahr. Und zwar nicht an einem Tage, aber in einer und
derselben Woche starb in meiner Heimat der alte Pfarrer und zu Down bei
Kent in England Charles Darwin. Ich lebte weiter. Meine Phantasie wurde
noch einmal tätig, ich stellte mir vor, wenn sich der alte Gentleman
doch geirrt hätte und wenn die beiden Hingeschiedenen in der Ewigkeit
sich begegneten, was sie wohl sagen würden zueinander?
Mein Zustand verbesserte sich nicht, ich fühlte wirklich, daß ich keine
Seele mehr hatte, nur mitunter Nervenstimmungen, die mir wehe taten.
Wer mich sah, der gab mir einen guten Rat, um gesund zu werden, und
einer meiner ehemaligen Kollegen riet mir geradezu -- und pries es als
das sicherste Mittel meiner Rettung -- ich sollte mich verlieben. Das
Weib würde mich schon wieder Gott erkennen lernen. Einstweilen sollte
ich ins Gebirge gehen, um in der reinen kräftigen Luft körperlich zu
erstarken.
Den letzteren Vorschlag, den auch mein Vater, ein geborener Tiroler,
sehr unterstützte, befolgte ich in der Tat, ich zog in's Pustertal und
habe dort den Sommer zugebracht. An flache Gegenden gewohnt, fühlte
ich mich anfangs im engen Gesichtskreise zwischen hohen Bergen noch
mehr gedrückt, hingegen taten mir die Menschen wohl. Zuerst überkam
mich freilich eine unbeschreibliche Wehmut, als ich bei ihnen die liebe
Gottesgläubigkeit und die Harmonie des Gemütes wiederfand, die mir
verloren gegangen war, aber allmählich bekam ich Anwandlungen, daß ich
das Glück meiner Person überhaupt nicht mehr als Hauptsache in Betracht
zog, sondern leidlich zufrieden war, wenn ich's an anderen sah.
Als die kalte, regnerische Zeit des Septembers kam, wurde mir übler und
ich trachtete milderen Gegenden zu. Da vollzog sich außer und in mir
ein Ereignis.
Vom Gebirge kommend harrte ich bei einem Bahnhof des Etschtals auf den
Zug, der mich nach Italien bringen sollte. Als der Zug im Bahnhofe
stillstand, wurden alle Passagiere aufgefordert, auszusteigen, der Zug
könne nicht abgelassen werden, da südlich von Trient das Hochwasser
einen Damm zerstört habe. Wie lange Verspätung? fragte man. Der Verkehr
nach dem Süden überhaupt eingestellt! war der Bescheid.
So wollte ich nach Norden, der Heimat zufahren, was konnte ich dabei
verlieren? Der Zug gegen Innsbruck wurde abgelassen. Er war groß
und sehr überfüllt. Alle Fenster waren besetzt, denn da konnte man
interessante Dinge sehen. Der Regen floß in Strömen und immer von
neuem sank schweres, finsteres Gewölke an den Berghängen nieder,
wallte, braute und staute sich in den Kesseln, als wollte es die
Felsen sprengen. Jede Wand hatte ihre weißen Adern, die hundertfältig
niedergingen. Das waren die Wasserfälle. Hier sprangen sie in Bogen,
dort in breiten Bändern, dort in dünnen Schleiern. Aus den Schluchten
donnerten braune Fluten, die dort und da mit beängstigender Gewalt
an den Bahnkörper schlugen. Der Fluß war an den meisten Stellen
ausgetreten, die Talsohle glich streckenweise einem trüben See, aus
welchem Bäume, Hügel, einzelne Gebäude, Zäune und Wegsäulen ragten.
Hier stand das Wasser ruhig, dort schoß es in breiten, verzweigten
Adern heftig dahin. Mitten durch führte unser Bahndamm, auf welchem der
Zug langsam und heftig pustend dahinfuhr. Ich war gegen meine Reise
gleichgültig gewesen, aber je zweifelhafter nun das Weiterkommen wurde,
je lebhafter wünschte ich es.
Bei einer nächsten Station gewannen wir die tröstliche Versicherung,
daß die oberen Gegenden weniger gelitten hätten und die Bahn fast
durchwegs unbeschädigt sei. Wir kamen glücklich ins Pustertal, doch
hier wurde es grauenhafter und endlich waren wir glücklich an einem
Punkte, wo wir nicht vorwärts und nicht mehr rückwärts konnten. Vor uns
hatte die rasende Rienz den Bahnkörper durchbrochen und die Schienen
standen wie eine Riesengabel in die Luft hinaus. Hinter uns sahen wir
eine Brücke niederbrechen. Ein mächtiger Fichtenstamm samt Astwerk und
Wurzel mit Erdballen hatte sich herangewälzt und schmiegte sich an
einen der Brückenpfeiler fest. Alsbald staute sich weiteres Gestämme,
das empörte die Wasser, die heute keinen Widerstand kannten, und einer
der Pfeiler begann zu krachen, das hielt noch ein paar Minuten stand,
endlich aber wankte alles und brach Joch um Joch langsam nieder.
Der Zug stand. »Wir haben Rasttag,« rief einer der Schaffner. Zur einen
Seite hatten wir die Berglehne, zur andern die überflutete Talschlucht.
Wir konnten einige Männer beobachten, Touristen mochten es sein, die
jenseits am Felshange hinkletterten, weil die Straße unter Wasser
war. Wir mußten, ob jammernd, lachend oder fluchend, unsere Behausung
endlich auch verlassen und in Wind und Regen unser Fortkommen suchen.
Der leere Zug schob sich langsam zurück auf eine gesichertere Stelle.
Ich kroch den Berg hinan, und insoferne der Nebel Ausblick gestattete,
sah ich neue und grauenhafte Verwüstungen. Da unten war ein Seitental,
in welchem gerade ein Haus zusammenfiel. Aus dem Trümmerhaufen stob
zuerst Rauch, es schien sich ein Feuer zu entwickeln, welches aber
gar bald gedämpft war, weil alles ins Wasser niedersank und sich auf
demselben fast sanft auseinanderlegte. Am Ufer schossen Menschen hin
und her, schlugen die Hände zusammen, hantierten planlos mit langen
Stangen herum, und ein Weib wollte ins Wasser springen, um eine
ertrinkende Ziege zu retten, wurde aber noch rechtzeitig zurückgehalten.
Ich trieb mich einen Tag lang herum, immer von Wasser und Erdbrüchen
verhindert und abgelenkt und selbst am Leben bedroht. Ich hatte damals
begreiflicherweise keinen Sinn für die Großartigkeit der Natur, die
mich Würmchen mit ihren ungeheuren Gewalten umgab. Heute weiß ich, daß
mir eine solche Größe in diesem Leben wohl kaum mehr begegnen wird.
Endlich kam ich zu einem Hofe, der auf festem Grunde einer Höhung
stand. Aber er war angepfropft von Leuten, die im Tale ihr Haus und
Habe verloren hatten. Das war ein Weinen und Klagen! Die einen kauerten
halbnackt in den Winkeln, daß ihre Kleider trocknen mochten; die
anderen verschlangen in Heißhunger Nahrung, die ihnen die gastlichen
Bewohner reichen konnten. Aber die Bäuerin sagte: »Helf Gott, wir
werden bald selber nichts mehr haben!«
Hier konnte ich also nicht bleiben.
Nach einer schlechten Nacht, die ich in einem Heustadl zubrachte und in
der ich inne wurde, was eine gute Nacht wert ist, kam ich wieder zum
See der Rienz hinaus; man konnte nicht mehr sagen: Tal, denn es war ein
See, der heute, da ich dieses schreibe, noch nicht abgelaufen ist und
vielleicht gar nicht ganz ablaufen kann, weil Lawinen die Schluchtpässe
verlegt haben. Mitten im See, aus dem die Dächer von Hütten, Mühlen und
Holzsägen ragten, wovon eins ums andere verschwand, mitten in diesem
weiten Gewässer auf einer schmalen, langgestreckten Insel sah ich ihrer
sechs oder acht Männer, die mit verzweiflungsvollen Gebärden um Hilfe
riefen. Ich fand nach langem Suchen Leute zusammen, die mit einem
kleinen Floße jene Männer retteten. Sie hatten einen Tag früher den
Flußdamm verteidigt und waren dabei, weil weiter oben eine Wehre brach,
plötzlich vom Wasser eingeschlossen worden. Eine furchtbare Nacht
hatten sie verlebt auf dem schmalen Damm, von welchem Stück für Stück
weggeschwemmt wurde. Zwei weitere Genossen, die bei ihnen gewesen,
hatten sich in der Finsternis der Sturmnacht von ihrer Seite verloren,
waren zugrunde gegangen, ohne daß es von den übrigen bemerkt worden.
Nun erfuhr ich auch, daß diese Gegenden von aller Welt abgeschnitten
waren. Alle Täler bis hinaus nach Lienz, bis Defereggen und
Oberdrauburg wären verheert. Aus dem Eisacktale brachte einer, der
auf Umwegen übers Gebirge kam, Nachricht von den schrecklichen
Verwüstungen, die dort und südlicher im Etschtale bei Bozen, Trient
und in der Meraner Gegend angerichtet seien. Und alle Straßen und
Eisenbahnen vernichtet, alle Telegraphenleitungen zerrissen. Ganze
Dörfer und Städte überschwemmt, zum Teile eingestürzt, fortgerissen.
Wie viele Menschen schon ums Leben gekommen und bei dem fortwährenden
Steigen der Wasser noch ums Leben kommen würden, das sei nicht
annähernd zu sagen. Aus manchen Engtälern sei gar keine Nachricht
gekommen, aber das Wasser hätte unerhörte Massen von Getrümmer
hervorgeschwemmt. Wie es den Leuten ergehe, das wisse Gott. Man
begreife nicht, woher all das Wasser kommen könne, die Regenfluten
allein könnten es nicht ausmachen. Allerdings gehe ein Wind, als wären
die Dolomiten lauter heiße Öfen, der schmelze Schnee und Eis auf den
Gebirgen. Aber es scheine, als sei in den Tauern und in den weißen
Bergen (Dolomiten) und in den Trientiner Alpen und im Ortlergebirge und
überall die Flut aus der Erde hervorgebrochen, wie es bei der Sintflut
gewesen, und es sei nicht abzusehen, was daraus noch werden solle!
Während die Leute zusammenstanden, um diese Posten zu hören, läuteten
sie in den Nachbardörfern, die teils im See standen, fortweg Sturm, und
es vergrößerte sich auch für diesen Ort, der hart am Berghange lag, die
Gefahr. Man räumte die Häuser aus, aber jetzt kam die Dorfgasse herauf
das braunrote Wasser gewallt. »Das Wasser rinnt aufwärts!« riefen die
Kopflosesten, »da ist alles aus.«
Aus den Häuserräumen hörte man das Quirln und Gurgeln des Wassers, das
Niederbröckeln von Mauerwerk; dann wieder ein Knattern und Schmettern
einstürzender Wände und Dächer. Bei den Häusern schrien die Leute, auf
den Anhöhen röhrten und blökten die Haustiere, und über alles hin war
das dumpfe Tosen.
Ein Weib kam durchs Wasser gesprungen: das Spital sei hin, die Kranken
müßten ertrinken, wenn man ihnen nicht zu Hilfe käme. Jetzt fiel es mir
ein: da könntest du ja helfen! Wir trugen die Kranken in die Kirche
hinauf, die höher stand. Aber auch einen Toten schleppten sie jetzt
herbei, einen jungen Burschen, der seine mühselige Großmutter aus
der überschwemmten Kammer gerettet und dabei den Tod gefunden hatte.
Die Gerettete war ohnmächtig, die übrigen Mitglieder der Familie
erhoben ein lautes Klagen. Da trat ein alter Mann zur Gruppe und
rief: »Was beweint ihr den da! Der ist der Glückliche. Wir sind die
Unglücklichen!« Wer einen Blick in die Gegend hinaus tat, der konnte
wohl verstehen, wie's gemeint war.
Der Himmel war finstergrau, aber die Berge standen jetzt rein bis zu
ihren weißen Gipfeln. Im dunkelbraunen See spiegelte sich ihr Bild. Von
den entwaldeten Lehnen gingen ununterbrochene Erdlawinen nieder, als
wäre »die Erde rinnend geworden«, wie sich einer ausdrückte.
Kaum hatten sie den Ertrunkenen in die Totenkammer gelegt, erscholl
-- so gut es durch das Tosen der Wasser hörbar war -- neues
Jammergeschrei. Ein Kind hatten die Wellen fortgerissen, die Mutter
desselben lief mit herzbrechenden Hilferufen hin und her, keiner wollte
sich ins wallende Wasser wagen, und das Leiblein wogte schon dem
reißenden Hauptstrome zu.
Jetzt kam's über mich. Kannst du schwimmen? rief ich mir selber zu,
nicht? So lern's! -- Und stürzte mich in's Wasser. -- Als ich wieder zu
mir kam, lag ich auf einer steinernen Treppe, und um mich waren Leute
und vor mir kniete ein Weib und beschwor mit gerungenen Händen, unter
Tränen schreiend, alles Glück des Himmels auf mich herab. Andere Weiber
beschäftigten sich mit dem geretteten Kinde, einem Mädchen von fünf bis
sechs Jahren. Und während auf das unselige Dorf immer neue Wassermassen
anbrausten von allen Seiten, und die Leute in heller Verzweiflung um
ihre Existenz rangen, war ein überglückliches Wesen da, dem seine ganze
kleine Habe zugrunde gegangen, das als Bettlerin saß an den Stufen des
Kirchentores und das nimmer satt werden konnte, sein wiedergefundenes
Kind jubelnd zu herzen und zu küssen.
»Das ist er!« schrie sie und zeigte auf mich, »o, schaue ihn an!«
Und der Blick, den das kleine Mädchen auf mich geworfen, ist mir tief
gegangen.
Ich habe es dann nicht mehr gesehen. Ich trug noch mein Weniges zu den
Schutz- und Rettungsarbeiten bei, bis am dritten Tage das Wasser zu
fallen begann, und wir alle erschöpft zur Rast sanken. --
Später habe ich nach Tagen mühevollen Wanderns in Kärnten den Punkt
erreicht, wo das Eisenbahngelaß die versprengten und verschlagenen
Reisenden und Touristen wieder in Empfang nehmen konnte.
Und als ich glücklich daheim in meinem Hügellande saß, da machte ich
die Wahrnehmung, daß ich nicht mehr krank war. Nicht mehr krank und
nicht mehr schwermütig, sondern so jung und munter, als ich's einst
gewesen.
Jetzt prüfte ich mich, was denn die furchtbare Leere, die Darwin in
mein Gemüt gerissen, wieder ausgefüllt haben möchte. Ich fand's nicht,
so sehr ich nachdachte. Vielleicht daß das große Unglück, welches ich
miterlebte, mich wieder ins Gleichgewicht gebracht, wie es ja bisweilen
geschehen soll, daß Pessimisten und Verzweifler gerade durch eine
schwere Gefahr und Not wieder zur Achtung des Lebens bekehrt werden.
Aber wenn ich mitunter so vor mich hinträumte, da sah ich in der
Dämmerung meines Herzens, wo einst das »ewige Licht« wie vor dem Altare
gebrannt hatte, zwei Sternlein schimmern -- und das waren die Augen des
geretteten Kindes.
Ehre.
»Herr Kreisrichter, ich bitte auf ein Wort!«
»Nun, nun, lieber Herr Seelader, was bringen Sie mir denn noch so spät?«
»Auf ein Wort!«
»Und so aufgeregt?«
»Es ist etwas Wichtiges. Sie werden erstaunen, Herr Kreisrichter. Ich
muß bitten, daß Sie mich festnehmen lassen!«
»Aber, Seelader! Solche Späße!«
»Es ist kein Spaß. Bei Gott nicht. Sie müssen mich einsperren.
Sogleich! Ich habe einen Freund ermordet. Den Johann Hallsteiner. Den
Sohn der alten Hallsteiner, die heute gestorben ist.«
»Was? den Johann Hallsteiner haben Sie ermordet? Aber lieber Freund,
was fehlt Ihnen denn? Der Johann Hallsteiner ist ja schon seit Jahren
tot.«
»Ich habe ihn erschossen. Ich werde alles beweisen. Ich zeige es jetzt
an. Es ist die Zeit gekommen. Herr Richter, Sie haben einen Schuldigen
vor sich!«
Nun war der Kreisrichter in der Tat erschrocken, denn der junge Mann
sah in diesem Augenblicke wirklich aus wie ein Mörder. Ganz verstört,
blaß, wirr. Der Richter klingelte und befahl dem eintretenden Diener:
»Schnell zum Doktor Grohbach. Er soll sofort kommen!«
»O nein, Herr Richter,« sagte Seelader, »krank bin ich nicht. Ich bin
ja ruhig, sehen Sie mich nur an, es ist die Wahrheit, was ich sage.«
»So kommen Sie,« sprach der Kreisrichter freundlich und suchte den
jungen Mann am Arm zu nehmen. »Ich werde Sie in Ihre Wohnung begleiten.«
»Sie sind immer gut gewesen gegen mich und sind es auch jetzt,« sagte
Seelader. »Aber es ist anders geworden. Ich darf nichts mehr annehmen.
Ich werde diese Nacht noch in meinem Zimmer zubringen, wenn Sie mich
nicht in den Arrest tun wollen, morgen jedoch zum Landesgericht gehen.
Der Verantwortung wegen sollten Sie mich aber sogleich da behalten. Es
wäre besser, Herr Kreisrichter!«
Unter warmem Zureden brachte dieser den jungen, aufgeregten Menschen
in sein Dachzimmerchen, empfahl ihn angelegentlich der Mietfrau und
schickte den Arzt.
Dann eilte er nach Hause.
»Denkt euch, Kinder!« sagte der Kreisrichter bei dem Abendessen zu
seiner Familie, »mein Amtsschreiber, der Seelader, ist erkrankt.«
Die älteste Tochter, Fräulein Ludmilla, horchte auf.
»Und das schwer, unheimlich erkrankt,« fuhr der Richter fort. »Ein
Gehirnleiden. Ich muß nur erst zu Doktor Grohbach schicken, was er
an ihm gefunden hat. Kommt der Arme heute abends -- eben erst vorhin
-- zu mir und bittet mich in höchst aufgeregter Weise, ich solle ihn
festnehmen lassen, er habe seinen Freund Hallsteiner erschossen.«
Fräulein Ludmilla legte Messer und Gabel weg.