6. März.

Nun ist es so gekommen!

Ich zittere jetzt noch, da ich es schreibe. Wozu schreibe ich es nur,

ich sage ihm ja alles und darf es sagen, o Glück!

Ich habe ihn geliebt, jetzt bete ich ihn an und den Nachkommen schreibe

ich es entgegen: er ist anbetungswürdig!

Jetzt weiß ich erst, was das ist: ein Mensch! Er hätte mich göttlicher

nicht strafen, herrlicher nicht demütigen können und erheben zugleich,

als er es getan hat. --

Das Kind dicht eingehüllt am Arm, so floh ich wie eine Diebin. Der

Wagen stand vor dem Tore; über die Aufregung vergaß ich des Schmerzes,

der mich schrecklich gequält hatte die Nacht und den ganzen Tag

hindurch.

Am Tore steht Ludwig und fragt den Kutscher, wer wegfahre. Dieser

deutet auf mich, die ich hastig aus dem Hause trete.

»Was ist das, Juliana?« ruft Ludwig.

Mir ist zum Zusammenbrechen, er stützt mich und bringt mich und das

Kind zurück in die Wohnung.

»Du wolltest -- mir entgegenfahren, mein Herz?« fragte er, »konntest es

nicht wissen, daß wir die Reise um einen Tag abgekürzt haben.«

»Ludwig,« sprach ich und mir wollte der Atem versagen, »laß mich

rasten, mir ist schlimm zum Sterben. Es wird bald besser sein. Ich will

dir dann was sagen.«

Er führte mich voll zärtlicher Sorgfalt auf mein Zimmer und schloß die

Tür ab.

»Daran tust du wohl, Ludwig,« sagte ich, dann fiel ich vor ihm auf die

Knie.

Ich habe ihm alles gesagt -- alles.

Er hörte es. Sein Blick war traurig, aber blieb liebevoll. Er hob mich

auf und setzte sich neben mich, er war blaß, und seine Hand, mit der er

die meinige hielt, zitterte.

»Juliana,« sagte er, »diese Stunde mußte kommen, ich habe sie ersehnt,

ich habe sie gefürchtet. Gerne möchte ich dir die Qual mildern,

vielleicht dadurch, daß ich dir sage: Ich wußte es schon, wußte es seit

dem Christabend.«

So viel sprach er, dann stand er auf und ging einige Male das Zimmer

auf und ab. Hierauf setzte er sich wieder und sagte: »Ich fand an

jenem Tage auf deinem Arbeitstischchen das kleine Notizbuch liegen; es

hätte meinetwegen immer dort liegen können, ich sah es nur diesmal,

da ich etwas suchte, um dir ein kleines Gedicht einzuschmuggeln,

einen Gruß dem Nahenden, der uns das nächstjährige Christfest feiern

helfen soll. Ich pflege nicht indiskret zu sein, aber als ich das

Büchlein aufschlug, sprang mir ein Wort in's Auge, das mir sofort deine

nächtlichen Träume und Ausrufe in Erinnerung brachte. Ich mußte lesen,

denn es war ein Sturm in mir, den ich beschwören wollte mit deinen

Aufzeichnungen. Aber kein Wort gab mir den Frieden zurück und ich las

alles.«

»Und hast uns nicht verstoßen und hast uns lieben können!« rief ich aus.

»Die Ehebrecherin hätte ich verstoßen,« sagte er ruhig, »Dein Fehltritt

war vor dem Tage, da wir uns die Treue geschworen. Ich entschuldige

nichts, denn daß es eine große Schuld war, beweist das Leid, welches

sie in dein Herz warf.«

»Und das Kind?«

»Ist unser. Ich gestehe dir wohl, es war eine schwere Betrübnis in mir,

da mich die Tatsache so plötzlich überrascht hatte; aber als ich des

Gemeinen Herr wurde und die Wahrheit fand, da war ich zufrieden. Es

ist mein Kind, wie es das deine ist, denn in unseren Armen ruht es,

durch unsere Fürsorge wird es gedeihen, durch unser Herz wird das seine

genährt und erweckt, durch unser Vorbild wird es uns ähnlich an Seele

und Leib. Es wird uns und nur uns lieben und nichts anderes wissen.

Nicht +der+ Augenblick ist mir der höchste, welcher der niedrigste

ist und mir möglicherweise vom Kind einst zum Vorwurf gemacht werden

kann. Nicht wer das Menschenkind erzeugt, ist sein Vater, sondern wer

es erzieht. Diesem nur hat es zu danken, denn dieser machte es zum

Menschen, diesen nur kann es lieben. Kein tierisches Band ist es, das

mich an unsern Ludwig fesselt, ethische, menschliche Beziehungen sind

es, und wenn der Himmel den lieben Kleinen beschützt, so wirst du

sehen, daß keines andern, daß +mein+ Wesen verjüngt aus ihm hervorgeht.

Auch uns verknüpfen dann unlösliche Bande der Natur, aber solche

besserer Art, und der nur kann mir mein Anrecht streitig machen, der

mir beweist, daß je ein leiblicher Vater sein Kind so teuer erkauft

hat, als ich das meine.«

In diesem Sinne hat er gesprochen. Ich wimmerte zu seinen Füßen, dann

an seiner Brust.

»Jedoch ein ernstes Wort,« so fuhr er fort, »habe ich mit dir zu

sprechen, Juliana, deiner geplanten Flucht wegen. Ich erwäge die

Gründe, die dich dazu bewogen haben, sie mögen gewichtig sein oder dir

so geschienen haben. Aber ich hätte von dir so viele Kenntnis meines

Wesens und Charakters erwartet, durch die du wissen solltest, daß unter

allen Umständen ein vertrauensvolles Bekenntnis das Beste gewesen

wäre. Ich habe dieses Bekenntnis von dir fast bestimmt noch vor der

Geburt des Kindes erwartet; es hätte dir Beruhigung und Mut gebracht,

es hätte dich meinem Herzen womöglich noch näher gebracht, schon durch

das Mitleid mit der Reuigen und durch den Vorteil, verzeihen zu können.

Wie, wenn du in den Wochen hättest sterben müssen, gepeinigt von dem

Gewissen, und ohne von mir den Beweis der +wahren+ Liebe, den ich heute

erbringen kann, hören zu können! Das alles war nicht, aber verlassen

wolltest du mich heimlich, uns drei in ein Elend stürzen, wie ein

größeres kaum zu denken ist. Diese Untreue, meine Juliana, ist mir noch

schmerzlicher, als die erste es war ...«

An all das kann ich mich noch erinnern, daß er's gesagt hatte, dann

weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als ich wieder zu mir kam,

lag ich auf meinem Bette, der Arzt stand neben mir und zu meinen

Häupten Ludwig, der mir mit einem kühlen Tuch die Stirne trocknete.

Ich legte den Arm um seinen Nacken, und sein liebes Haupt beugte sich

nieder auf mein Gesicht, und auf meine Stirne fiel eine warme Träne ...

* * * * *

Als ein letztes Siegel der Reue und der Treue, ja sozusagen als eine

Votivtafel zur Danksagung für ein so seltsamerweise gefundenes Eheglück

fühlte sich die Frau Professorin veranlaßt, diese Tagebuchblätter --

mit Hinweglassung der persönlichen Merkmale und Erkennungszeichen -- zu

veröffentlichen.

Ich, der ich dieses zu vermitteln übernahm, habe nur zwei Bedenken: als

erstes, ob die Skrupel der Frau, als zweites, ob die Philosophie des

Mannes wohl das richtige Verständnis finden werden?

Die Kokette.

Du sprichst von koketten Frauen, junger Freund, wie ein Blinder von der

Farbe. Kokett nennst du es, wenn eine Dame durch auffallende Farben,

Bewegungen, Blicke die Augen der Männer auf sich zu lenken sucht.

Kokett nennst du sie, wenn sie sich ein wenig vordrängt und ein wenig

versteckt, wenn sie ein wenig dreist ist und ein wenig erröten kann,

wenn sie ein wenig anzieht und ein wenig abstößt und so die Herzen

der Männer bearbeitet, bis sie Feuer geben, und wenn der Mann für sie

lichterloh entbrennt, sie geneigt ist, die Glut regelrecht zu dämpfen.

Das ist ja alles nett und kokett und verläuft auf das Anmutigste.

Ich kenne eine andere Koketterie, mein Junge, und will dir erzählen;

willst du keine Lehre daraus ziehen, so magst du dich wenigstens für

klüger halten, als ich war -- und das wird dir sicherlich ein großes

Vergnügen sein.

Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich mich als Student eine

Zeitlang mit Unterrichtgeben in der Stenographie fortgeholfen hätte.

Also gewann ich auch durch Vermittlung eines Bekannten wöchentlich zwei

Stunden bei einer Dame Stachari. Es war eine blasse, schwarzhaarige und

großäugige Dame, die stets in schwarzem Seidenanzuge war und am Busen

eine Kamelie oder eine rote Rose stecken hatte. Sie konnte nicht älter

als vierundzwanzig Jahre sein, ich wußte nicht, ob sie vermählt war

oder ledig; das alte Stubenmädchen erwähnte mehrmals des »Herrn«, den

ich aber nie zu Gesichte bekam. Die Wohnung bestand aus drei Zimmern,

die sehr luxuriös eingerichtet waren. Zumeist herrschte in ihnen ein

künstlich hergestelltes Dunkel und ein betäubender Blumenduft. Die

Blumen und ihr Duft, so behauptete sie, seien ihr Licht, ihre Luft,

ihre Nahrung, ihre Liebe, ihr Traum, ihre Seligkeit. Was den Männern

der Wein, der Tabak, das Opium sei, das wäre ihr die Blume; was den

Männern das Spiel, die Gefahr, das Weib sei, das wäre ihr die Blume.

Die Blume sei das einzige Wesen auf der Erde, von dem sie nichts

Schlimmes erfahren, nicht enttäuscht worden wäre.

Nun hätte ich für mein Leben gern gewußt, was die junge Dame schon für

Schicksale gehabt und worin die Enttäuschungen bestanden; natürlich

wagte ich nicht zu fragen und sie berührte ihre Vergangenheit, ihre

persönlichen Verhältnisse mit keiner Silbe.

Nachmittags von fünf bis sechs Uhr hatten wir den stenographischen

Unterricht; ich wußte aber nicht, zu welchem Zwecke sie die

Schnellschreibekunst erlernen wollte, einmal nur äußerte sie, solche

mache ihr Spaß und sei ein netter Zeitvertreib, während ich immer der

Meinung gewesen, die Stenographie sei Zeitersparnis. Indes ging ihr

die Sache doch nicht recht von der Hand; mehrmals legte sie schon in

der ersten Hälfte der Stunde den Stift weg, lehnte sich in den Sessel

zurück und machte den Vorschlag, lieber ein bißchen zu plaudern. Nun

wußte ich über nichts eigentlich zu plaudern, als über Gabelsberger,

denn ich war ein ganz unerfahrener Mensch, der bisher in Gesellschaft

sich stets bescheidener Schweigsamkeit beflissen hatte. In erster Zeit

hatte mich sogar die Ansprache verlegen gemacht: ich nannte sie gnädige

Frau, sie widersprach nicht, doch ahnte ich bald die Unschicklichkeit

dieser würdigen Ansprache, denn die Dame kam mir manchmal sehr jung

vor und ich nannte sie endlich »mein Fräulein«. Manchmal schlug sie

Heines Buch der Lieder auf, fragte mich, welche Gedichte mir am besten

gefielen und las wohl selbst eines oder das andere, wobei sie manchmal

seufzte und schwermütig ward.

Als es in den Spätherbst hineinging, wollte uns der Tag nicht

mehr leuchten zu unserem Schreibunterrichte, da wurde die Lampe

angezündet, die einen roten Schirm aus Seidenpapier hatte, so daß die

Schreibeblätter und die Hände und die Wangen einen rosenglühenden

Schein gaben. Manchmal zitterte im Schreiben ihre Hand ein wenig und

sie bat mich, daß ich sie führe, was aber durchaus nicht nach der

Schnellschreiberegel ist. -- Zwei Minuten nach Ablauf der Stunde

pflegte ich aufzustehen, mich vor meiner Schülerin zu verneigen und

davonzugehen. Bei solchem Fortgehen kam ich mir sehr einfältig vor

und ich ärgerte mich nachher, daß ich nicht artiger gewesen war gegen

das liebenswürdige Fräulein. Das böse Gewissen ließ mich deswegen oft

halbe Nächte lang nicht schlafen und ich nahm mir fest vor, das nächste

Mal sachgemäßer zu handeln. Als ich jedoch das nächste Mal wieder

neben ihr saß, wieder die stille Lampe brannte, wieder ein Heinesches

Gedicht gehaucht wurde, war ich eben gerade wieder so blöde, sehnte

mir insgeheim den Verlauf der Stunde herbei und als sie vorüber war,

zögerte es doch in mir, ob ich schon gehen oder meine Schülerin noch

ein bißchen nachsitzen lassen solle.

Eines Abends im Dezember machte mir das Fräulein die etwas

überraschende Mitteilung, daß sie auf unbestimmte Zeit verreisen werde

und daher den stenographischen Unterricht leider unterbrechen müsse.

Sie händigte mir die Hälfte des ausbedungenen Honorars ein, die andere

Hälfte stellte sie mir in Aussicht nach ihrer Rückkehr. Beim Abschiede

teilte sie mir errötend mit, daß sie sich von mir eine Gunst ausbitten

wolle -- ein Andenken von mir -- eine ganz kleine Haarlocke.

Was sie an einer Haarlocke habe? fragte ich, die Sache ins Scherzhafte

ziehend, denn ich mußte mein heftig pochendes Herz verdecken. Sie

antwortete, das wisse sie schon und schnitt mir unter unsagbar zarten

Berührungen vom Nacken links ein Löcklein ab. Nun wären wir gottlob im

richtigen Geleise! dachte ich, tat nichts dafür und nichts dagegen,

wartend, daß das Glück mir in den Schoß falle. Das Fräulein stand eine

Weile sinnend, endlich flüsterte sie: »Also denn -- es ist bestimmt, in

Gottes Rat!« damit steckte sie mir ein halbaufgeblühtes Rosenknösplein

in das Knopfloch. Ich drückte ihr die Hand, wünschte eine glückliche

Reise und Wiederkehr und taumelte zur Tür hinaus.

Die qualvolle Zeit, die nun für mich kam, ist nicht nachzuempfinden Ich

fühlte mich ganz und gar verwaist, mir war, als hätte ich die einzige

Schwester -- he, bloß eine Schwester? -- verloren. Täglich mehrmals

ging ich durch die Gasse und schaute hinauf zu ihren Fenstern, die mit

Holzbalken verschlossen waren wie mitten im Sommer. Um Neujahr waren

die Fenster plötzlich wieder offen, ich erschrak wonnig. Aber es waren

nicht mehr die dunkelroten Gardinen, es waren weiße Spitzenvorhänge,

zwischen denselben schaute ein alter schmauchender Weißkopf hervor.

Also dahin für immer!

Die Rosenknospe hielt ich wie ein Heiligtum und legte sie gepreßt in

das Etui, in welchem das Bild meiner verstorbenen Mutter war. Von ihr

hatte ich kein Bildnis, um so lebhafter baute und malte die Phantasie

an ihrer Gestalt, bis sie die Schönste, die Begehrenswerteste war, die

je auf Erden gelebt. Hören ließ sie aber nichts von sich und ich wußte

nicht, sollte ich meine Gedanken und Sehnsucht nach Osten aussenden

oder nach Westen, um sie zu finden.

Übrigens schleifte mich das Leben fort über Kummer und Freude, über

Hoffnung und Enttäuschung; mir blieb dabei nur der Vorteil, daß ich

älter und reifer wurde. Nach einem halben Jahre war die verreiste

Schülerin glücklich verwunden und nach einem Jahre vergessen.

Frauen aber vergessen nicht so leicht. Als ich im zweiten Jahre auf

der Universität war, erhielt ich eines Tages ein Paket zugeschickt.

Kein Brief und kein Name war dabei. Das Paket kam aus einem böhmischen

Orte, dessen Namen ich nicht zu enträtseln vermochte. Es bestand aus

einem Buche mit folgendem Titel: »Die Schule der Liebe. Ein Unterricht

für junge Männer und Frauen.« Ein Verlagsort war nicht angegeben,

hingegen stand an der Stelle desselben mit Bleistift geschrieben: »Dem

unvergeßlichen Lehrer die dankbare Schülerin J. St.«

Anfangs stutzte ich. Wo und wann hätte ich in der Liebe Unterricht

erteilt! Endlich verfiel ich doch auf die Stenographenstunden mit

Fräulein Stachari. Dieses schöne Buch sollte wohl der Rest des Honorars

sein. Jedenfalls habe ich mehr aus ihm gelernt, als das Fräulein aus

meinem Schnellschreibeunterricht. Als diese gedruckte Schule der Liebe

durchgemacht war, kam es mir unbegreiflich vor, daß irgend ein Mensch

blöde sein könne. Lebhafter stieg die Erinnerung an die junge schwarze

Dame in mir auf, aber nun in ganz neuer Beleuchtung; ich durchsuchte

alle Ecken und Ränder des Buches, jedes Blatt, um etwa ganz klein,

vielleicht gar in stenographischer Schrift geschrieben, ihre Adresse

zu entdecken. Vergeblich. Sie blieb mir unerreichbar und fern in

Dunkel gehüllt. Freilich fehlte es nun nicht mehr an anderweitigen

Zerstreuungen, doch tat es mir leid, wenn ich an das Fräulein Stachari

dachte.

Endlich nahm mein Leben eine andere Richtung. Die Studien

waren vollendet, ich gewann an der Universität zu G. eine

Privatdozentenstelle. Ich fühlte mich ruhiger und ernster werden

und begann mit tieferen Absichten nach dem schönen Geschlechte

auszublicken. Eine Advokatentochter war, mit der ich Verkehr anzubahnen

suchte. Zur selben Zeit erhielt ich den Brief, welchen ich noch in der

Tasche trage.

Prag, am 20. Juni 1884.

»Verehrter Professor!

Wohl kaum darf ich hoffen, daß Sie sich noch erinnern an

eine unaufmerksame und störrische Schülerin, welcher Sie

stenographischen Unterricht erteilten. Wie saßen wir doch

so fromm und dumm beisammen! Ach, lange, lange ist es her!

Die Stenographie habe ich gottlob vollständig vergessen,

wozu auch hätten wir Frauen den Mund und manchmal sogar

einen frisch roten, wenn wir uns nur aufs Schreiben verlegen

wollten! Weniger habe ich des jungen Lehrers vergessen, der

war stramm wie ein Leutnant und schüchtern wie ein Mädchen in

der Fibelklasse. Heute wird wohl das eine noch zutreffen, aber

das andere sicherlich nicht mehr. Möglicherweise hat sich auch

bei der kleinen Schülerin seither einiges geändert, denn sie

lebt in den Jahren, die wie Champagner prickeln. Keine Wirtin,

die aller Welt aufwartet mit dem Stengelglase, die aber gern

ihrem ehemaligen Lehrer den Labetrunk reichen möchte, falls er

ihn von ihrer Hand nähme. Das Leben ist, ach, so flüchtig, und

manche Frucht, die in kindischen Jahren sehnsuchtsvoll gesäet

worden, reift so spät! Aber nicht zu spät.

Ist Ihnen nie gesagt worden, daß ein junger Professor Reisen

machen, die Welt genießen und auch Prag sehen müsse? Ach, so

halten Sie sich doch daran! und das Wichtigste ist, daß Sie in

Prag sich nach Ihrer Schülerin umsehen und mit ihr einen ganzen

Abend lang von alten schönen Zeiten plaudern! Ach, wie wird

das hübsch sein! Sie dürfen mit Ihrem Besuche aber durchaus

nicht so lange warten, bis Sie ehrwürdig werden. Und damit

nicht noch mit dem törichten Schreiben soviel Zeit vergeht,

schließe ich rasch; das Weitere ist Ihre Sache.

Fremde Straßen · 第 38 / 89 题