Nun ist es so gekommen!
Ich zittere jetzt noch, da ich es schreibe. Wozu schreibe ich es nur,
ich sage ihm ja alles und darf es sagen, o Glück!
Ich habe ihn geliebt, jetzt bete ich ihn an und den Nachkommen schreibe
ich es entgegen: er ist anbetungswürdig!
Jetzt weiß ich erst, was das ist: ein Mensch! Er hätte mich göttlicher
nicht strafen, herrlicher nicht demütigen können und erheben zugleich,
als er es getan hat. --
Das Kind dicht eingehüllt am Arm, so floh ich wie eine Diebin. Der
Wagen stand vor dem Tore; über die Aufregung vergaß ich des Schmerzes,
der mich schrecklich gequält hatte die Nacht und den ganzen Tag
hindurch.
Am Tore steht Ludwig und fragt den Kutscher, wer wegfahre. Dieser
deutet auf mich, die ich hastig aus dem Hause trete.
»Was ist das, Juliana?« ruft Ludwig.
Mir ist zum Zusammenbrechen, er stützt mich und bringt mich und das
Kind zurück in die Wohnung.
»Du wolltest -- mir entgegenfahren, mein Herz?« fragte er, »konntest es
nicht wissen, daß wir die Reise um einen Tag abgekürzt haben.«
»Ludwig,« sprach ich und mir wollte der Atem versagen, »laß mich
rasten, mir ist schlimm zum Sterben. Es wird bald besser sein. Ich will
dir dann was sagen.«
Er führte mich voll zärtlicher Sorgfalt auf mein Zimmer und schloß die
Tür ab.
»Daran tust du wohl, Ludwig,« sagte ich, dann fiel ich vor ihm auf die
Knie.
Ich habe ihm alles gesagt -- alles.
Er hörte es. Sein Blick war traurig, aber blieb liebevoll. Er hob mich
auf und setzte sich neben mich, er war blaß, und seine Hand, mit der er
die meinige hielt, zitterte.
»Juliana,« sagte er, »diese Stunde mußte kommen, ich habe sie ersehnt,
ich habe sie gefürchtet. Gerne möchte ich dir die Qual mildern,
vielleicht dadurch, daß ich dir sage: Ich wußte es schon, wußte es seit
dem Christabend.«
So viel sprach er, dann stand er auf und ging einige Male das Zimmer
auf und ab. Hierauf setzte er sich wieder und sagte: »Ich fand an
jenem Tage auf deinem Arbeitstischchen das kleine Notizbuch liegen; es
hätte meinetwegen immer dort liegen können, ich sah es nur diesmal,
da ich etwas suchte, um dir ein kleines Gedicht einzuschmuggeln,
einen Gruß dem Nahenden, der uns das nächstjährige Christfest feiern
helfen soll. Ich pflege nicht indiskret zu sein, aber als ich das
Büchlein aufschlug, sprang mir ein Wort in's Auge, das mir sofort deine
nächtlichen Träume und Ausrufe in Erinnerung brachte. Ich mußte lesen,
denn es war ein Sturm in mir, den ich beschwören wollte mit deinen
Aufzeichnungen. Aber kein Wort gab mir den Frieden zurück und ich las
alles.«
»Und hast uns nicht verstoßen und hast uns lieben können!« rief ich aus.
»Die Ehebrecherin hätte ich verstoßen,« sagte er ruhig, »Dein Fehltritt
war vor dem Tage, da wir uns die Treue geschworen. Ich entschuldige
nichts, denn daß es eine große Schuld war, beweist das Leid, welches
sie in dein Herz warf.«
»Und das Kind?«
»Ist unser. Ich gestehe dir wohl, es war eine schwere Betrübnis in mir,
da mich die Tatsache so plötzlich überrascht hatte; aber als ich des
Gemeinen Herr wurde und die Wahrheit fand, da war ich zufrieden. Es
ist mein Kind, wie es das deine ist, denn in unseren Armen ruht es,
durch unsere Fürsorge wird es gedeihen, durch unser Herz wird das seine
genährt und erweckt, durch unser Vorbild wird es uns ähnlich an Seele
und Leib. Es wird uns und nur uns lieben und nichts anderes wissen.
Nicht +der+ Augenblick ist mir der höchste, welcher der niedrigste
ist und mir möglicherweise vom Kind einst zum Vorwurf gemacht werden
kann. Nicht wer das Menschenkind erzeugt, ist sein Vater, sondern wer
es erzieht. Diesem nur hat es zu danken, denn dieser machte es zum
Menschen, diesen nur kann es lieben. Kein tierisches Band ist es, das
mich an unsern Ludwig fesselt, ethische, menschliche Beziehungen sind
es, und wenn der Himmel den lieben Kleinen beschützt, so wirst du
sehen, daß keines andern, daß +mein+ Wesen verjüngt aus ihm hervorgeht.
Auch uns verknüpfen dann unlösliche Bande der Natur, aber solche
besserer Art, und der nur kann mir mein Anrecht streitig machen, der
mir beweist, daß je ein leiblicher Vater sein Kind so teuer erkauft
hat, als ich das meine.«
In diesem Sinne hat er gesprochen. Ich wimmerte zu seinen Füßen, dann
an seiner Brust.
»Jedoch ein ernstes Wort,« so fuhr er fort, »habe ich mit dir zu
sprechen, Juliana, deiner geplanten Flucht wegen. Ich erwäge die
Gründe, die dich dazu bewogen haben, sie mögen gewichtig sein oder dir
so geschienen haben. Aber ich hätte von dir so viele Kenntnis meines
Wesens und Charakters erwartet, durch die du wissen solltest, daß unter
allen Umständen ein vertrauensvolles Bekenntnis das Beste gewesen
wäre. Ich habe dieses Bekenntnis von dir fast bestimmt noch vor der
Geburt des Kindes erwartet; es hätte dir Beruhigung und Mut gebracht,
es hätte dich meinem Herzen womöglich noch näher gebracht, schon durch
das Mitleid mit der Reuigen und durch den Vorteil, verzeihen zu können.
Wie, wenn du in den Wochen hättest sterben müssen, gepeinigt von dem
Gewissen, und ohne von mir den Beweis der +wahren+ Liebe, den ich heute
erbringen kann, hören zu können! Das alles war nicht, aber verlassen
wolltest du mich heimlich, uns drei in ein Elend stürzen, wie ein
größeres kaum zu denken ist. Diese Untreue, meine Juliana, ist mir noch
schmerzlicher, als die erste es war ...«
An all das kann ich mich noch erinnern, daß er's gesagt hatte, dann
weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als ich wieder zu mir kam,
lag ich auf meinem Bette, der Arzt stand neben mir und zu meinen
Häupten Ludwig, der mir mit einem kühlen Tuch die Stirne trocknete.
Ich legte den Arm um seinen Nacken, und sein liebes Haupt beugte sich
nieder auf mein Gesicht, und auf meine Stirne fiel eine warme Träne ...
* * * * *
Als ein letztes Siegel der Reue und der Treue, ja sozusagen als eine
Votivtafel zur Danksagung für ein so seltsamerweise gefundenes Eheglück
fühlte sich die Frau Professorin veranlaßt, diese Tagebuchblätter --
mit Hinweglassung der persönlichen Merkmale und Erkennungszeichen -- zu
veröffentlichen.
Ich, der ich dieses zu vermitteln übernahm, habe nur zwei Bedenken: als
erstes, ob die Skrupel der Frau, als zweites, ob die Philosophie des
Mannes wohl das richtige Verständnis finden werden?
Die Kokette.
Du sprichst von koketten Frauen, junger Freund, wie ein Blinder von der
Farbe. Kokett nennst du es, wenn eine Dame durch auffallende Farben,
Bewegungen, Blicke die Augen der Männer auf sich zu lenken sucht.
Kokett nennst du sie, wenn sie sich ein wenig vordrängt und ein wenig
versteckt, wenn sie ein wenig dreist ist und ein wenig erröten kann,
wenn sie ein wenig anzieht und ein wenig abstößt und so die Herzen
der Männer bearbeitet, bis sie Feuer geben, und wenn der Mann für sie
lichterloh entbrennt, sie geneigt ist, die Glut regelrecht zu dämpfen.
Das ist ja alles nett und kokett und verläuft auf das Anmutigste.
Ich kenne eine andere Koketterie, mein Junge, und will dir erzählen;
willst du keine Lehre daraus ziehen, so magst du dich wenigstens für
klüger halten, als ich war -- und das wird dir sicherlich ein großes
Vergnügen sein.
Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich mich als Student eine
Zeitlang mit Unterrichtgeben in der Stenographie fortgeholfen hätte.
Also gewann ich auch durch Vermittlung eines Bekannten wöchentlich zwei
Stunden bei einer Dame Stachari. Es war eine blasse, schwarzhaarige und
großäugige Dame, die stets in schwarzem Seidenanzuge war und am Busen
eine Kamelie oder eine rote Rose stecken hatte. Sie konnte nicht älter
als vierundzwanzig Jahre sein, ich wußte nicht, ob sie vermählt war
oder ledig; das alte Stubenmädchen erwähnte mehrmals des »Herrn«, den
ich aber nie zu Gesichte bekam. Die Wohnung bestand aus drei Zimmern,
die sehr luxuriös eingerichtet waren. Zumeist herrschte in ihnen ein
künstlich hergestelltes Dunkel und ein betäubender Blumenduft. Die
Blumen und ihr Duft, so behauptete sie, seien ihr Licht, ihre Luft,
ihre Nahrung, ihre Liebe, ihr Traum, ihre Seligkeit. Was den Männern
der Wein, der Tabak, das Opium sei, das wäre ihr die Blume; was den
Männern das Spiel, die Gefahr, das Weib sei, das wäre ihr die Blume.
Die Blume sei das einzige Wesen auf der Erde, von dem sie nichts
Schlimmes erfahren, nicht enttäuscht worden wäre.
Nun hätte ich für mein Leben gern gewußt, was die junge Dame schon für
Schicksale gehabt und worin die Enttäuschungen bestanden; natürlich
wagte ich nicht zu fragen und sie berührte ihre Vergangenheit, ihre
persönlichen Verhältnisse mit keiner Silbe.
Nachmittags von fünf bis sechs Uhr hatten wir den stenographischen
Unterricht; ich wußte aber nicht, zu welchem Zwecke sie die
Schnellschreibekunst erlernen wollte, einmal nur äußerte sie, solche
mache ihr Spaß und sei ein netter Zeitvertreib, während ich immer der
Meinung gewesen, die Stenographie sei Zeitersparnis. Indes ging ihr
die Sache doch nicht recht von der Hand; mehrmals legte sie schon in
der ersten Hälfte der Stunde den Stift weg, lehnte sich in den Sessel
zurück und machte den Vorschlag, lieber ein bißchen zu plaudern. Nun
wußte ich über nichts eigentlich zu plaudern, als über Gabelsberger,
denn ich war ein ganz unerfahrener Mensch, der bisher in Gesellschaft
sich stets bescheidener Schweigsamkeit beflissen hatte. In erster Zeit
hatte mich sogar die Ansprache verlegen gemacht: ich nannte sie gnädige
Frau, sie widersprach nicht, doch ahnte ich bald die Unschicklichkeit
dieser würdigen Ansprache, denn die Dame kam mir manchmal sehr jung
vor und ich nannte sie endlich »mein Fräulein«. Manchmal schlug sie
Heines Buch der Lieder auf, fragte mich, welche Gedichte mir am besten
gefielen und las wohl selbst eines oder das andere, wobei sie manchmal
seufzte und schwermütig ward.
Als es in den Spätherbst hineinging, wollte uns der Tag nicht
mehr leuchten zu unserem Schreibunterrichte, da wurde die Lampe
angezündet, die einen roten Schirm aus Seidenpapier hatte, so daß die
Schreibeblätter und die Hände und die Wangen einen rosenglühenden
Schein gaben. Manchmal zitterte im Schreiben ihre Hand ein wenig und
sie bat mich, daß ich sie führe, was aber durchaus nicht nach der
Schnellschreiberegel ist. -- Zwei Minuten nach Ablauf der Stunde
pflegte ich aufzustehen, mich vor meiner Schülerin zu verneigen und
davonzugehen. Bei solchem Fortgehen kam ich mir sehr einfältig vor
und ich ärgerte mich nachher, daß ich nicht artiger gewesen war gegen
das liebenswürdige Fräulein. Das böse Gewissen ließ mich deswegen oft
halbe Nächte lang nicht schlafen und ich nahm mir fest vor, das nächste
Mal sachgemäßer zu handeln. Als ich jedoch das nächste Mal wieder
neben ihr saß, wieder die stille Lampe brannte, wieder ein Heinesches
Gedicht gehaucht wurde, war ich eben gerade wieder so blöde, sehnte
mir insgeheim den Verlauf der Stunde herbei und als sie vorüber war,
zögerte es doch in mir, ob ich schon gehen oder meine Schülerin noch
ein bißchen nachsitzen lassen solle.
Eines Abends im Dezember machte mir das Fräulein die etwas
überraschende Mitteilung, daß sie auf unbestimmte Zeit verreisen werde
und daher den stenographischen Unterricht leider unterbrechen müsse.
Sie händigte mir die Hälfte des ausbedungenen Honorars ein, die andere
Hälfte stellte sie mir in Aussicht nach ihrer Rückkehr. Beim Abschiede
teilte sie mir errötend mit, daß sie sich von mir eine Gunst ausbitten
wolle -- ein Andenken von mir -- eine ganz kleine Haarlocke.
Was sie an einer Haarlocke habe? fragte ich, die Sache ins Scherzhafte
ziehend, denn ich mußte mein heftig pochendes Herz verdecken. Sie
antwortete, das wisse sie schon und schnitt mir unter unsagbar zarten
Berührungen vom Nacken links ein Löcklein ab. Nun wären wir gottlob im
richtigen Geleise! dachte ich, tat nichts dafür und nichts dagegen,
wartend, daß das Glück mir in den Schoß falle. Das Fräulein stand eine
Weile sinnend, endlich flüsterte sie: »Also denn -- es ist bestimmt, in
Gottes Rat!« damit steckte sie mir ein halbaufgeblühtes Rosenknösplein
in das Knopfloch. Ich drückte ihr die Hand, wünschte eine glückliche
Reise und Wiederkehr und taumelte zur Tür hinaus.
Die qualvolle Zeit, die nun für mich kam, ist nicht nachzuempfinden Ich
fühlte mich ganz und gar verwaist, mir war, als hätte ich die einzige
Schwester -- he, bloß eine Schwester? -- verloren. Täglich mehrmals
ging ich durch die Gasse und schaute hinauf zu ihren Fenstern, die mit
Holzbalken verschlossen waren wie mitten im Sommer. Um Neujahr waren
die Fenster plötzlich wieder offen, ich erschrak wonnig. Aber es waren
nicht mehr die dunkelroten Gardinen, es waren weiße Spitzenvorhänge,
zwischen denselben schaute ein alter schmauchender Weißkopf hervor.
Also dahin für immer!
Die Rosenknospe hielt ich wie ein Heiligtum und legte sie gepreßt in
das Etui, in welchem das Bild meiner verstorbenen Mutter war. Von ihr
hatte ich kein Bildnis, um so lebhafter baute und malte die Phantasie
an ihrer Gestalt, bis sie die Schönste, die Begehrenswerteste war, die
je auf Erden gelebt. Hören ließ sie aber nichts von sich und ich wußte
nicht, sollte ich meine Gedanken und Sehnsucht nach Osten aussenden
oder nach Westen, um sie zu finden.
Übrigens schleifte mich das Leben fort über Kummer und Freude, über
Hoffnung und Enttäuschung; mir blieb dabei nur der Vorteil, daß ich
älter und reifer wurde. Nach einem halben Jahre war die verreiste
Schülerin glücklich verwunden und nach einem Jahre vergessen.
Frauen aber vergessen nicht so leicht. Als ich im zweiten Jahre auf
der Universität war, erhielt ich eines Tages ein Paket zugeschickt.
Kein Brief und kein Name war dabei. Das Paket kam aus einem böhmischen
Orte, dessen Namen ich nicht zu enträtseln vermochte. Es bestand aus
einem Buche mit folgendem Titel: »Die Schule der Liebe. Ein Unterricht
für junge Männer und Frauen.« Ein Verlagsort war nicht angegeben,
hingegen stand an der Stelle desselben mit Bleistift geschrieben: »Dem
unvergeßlichen Lehrer die dankbare Schülerin J. St.«
Anfangs stutzte ich. Wo und wann hätte ich in der Liebe Unterricht
erteilt! Endlich verfiel ich doch auf die Stenographenstunden mit
Fräulein Stachari. Dieses schöne Buch sollte wohl der Rest des Honorars
sein. Jedenfalls habe ich mehr aus ihm gelernt, als das Fräulein aus
meinem Schnellschreibeunterricht. Als diese gedruckte Schule der Liebe
durchgemacht war, kam es mir unbegreiflich vor, daß irgend ein Mensch
blöde sein könne. Lebhafter stieg die Erinnerung an die junge schwarze
Dame in mir auf, aber nun in ganz neuer Beleuchtung; ich durchsuchte
alle Ecken und Ränder des Buches, jedes Blatt, um etwa ganz klein,
vielleicht gar in stenographischer Schrift geschrieben, ihre Adresse
zu entdecken. Vergeblich. Sie blieb mir unerreichbar und fern in
Dunkel gehüllt. Freilich fehlte es nun nicht mehr an anderweitigen
Zerstreuungen, doch tat es mir leid, wenn ich an das Fräulein Stachari
dachte.
Endlich nahm mein Leben eine andere Richtung. Die Studien
waren vollendet, ich gewann an der Universität zu G. eine
Privatdozentenstelle. Ich fühlte mich ruhiger und ernster werden
und begann mit tieferen Absichten nach dem schönen Geschlechte
auszublicken. Eine Advokatentochter war, mit der ich Verkehr anzubahnen
suchte. Zur selben Zeit erhielt ich den Brief, welchen ich noch in der
Tasche trage.
Prag, am 20. Juni 1884.
»Verehrter Professor!
Wohl kaum darf ich hoffen, daß Sie sich noch erinnern an
eine unaufmerksame und störrische Schülerin, welcher Sie
stenographischen Unterricht erteilten. Wie saßen wir doch
so fromm und dumm beisammen! Ach, lange, lange ist es her!
Die Stenographie habe ich gottlob vollständig vergessen,
wozu auch hätten wir Frauen den Mund und manchmal sogar
einen frisch roten, wenn wir uns nur aufs Schreiben verlegen
wollten! Weniger habe ich des jungen Lehrers vergessen, der
war stramm wie ein Leutnant und schüchtern wie ein Mädchen in
der Fibelklasse. Heute wird wohl das eine noch zutreffen, aber
das andere sicherlich nicht mehr. Möglicherweise hat sich auch
bei der kleinen Schülerin seither einiges geändert, denn sie
lebt in den Jahren, die wie Champagner prickeln. Keine Wirtin,
die aller Welt aufwartet mit dem Stengelglase, die aber gern
ihrem ehemaligen Lehrer den Labetrunk reichen möchte, falls er
ihn von ihrer Hand nähme. Das Leben ist, ach, so flüchtig, und
manche Frucht, die in kindischen Jahren sehnsuchtsvoll gesäet
worden, reift so spät! Aber nicht zu spät.
Ist Ihnen nie gesagt worden, daß ein junger Professor Reisen
machen, die Welt genießen und auch Prag sehen müsse? Ach, so
halten Sie sich doch daran! und das Wichtigste ist, daß Sie in
Prag sich nach Ihrer Schülerin umsehen und mit ihr einen ganzen
Abend lang von alten schönen Zeiten plaudern! Ach, wie wird
das hübsch sein! Sie dürfen mit Ihrem Besuche aber durchaus
nicht so lange warten, bis Sie ehrwürdig werden. Und damit
nicht noch mit dem törichten Schreiben soviel Zeit vergeht,
schließe ich rasch; das Weitere ist Ihre Sache.