Ehe ich dieses Buch schliesse, wie wir den Bienenstock über dem
Schweigen der Winterstarre geschlossen haben, möchte ich noch einem
Einwand begegnen, der fast immer erhoben wird, wenn man die Wunder des
Bienenstaates, seinen politischen Sinn und Gewerbfleiss, dem Beschauer
vor Augen führt. Ja, heisst es gewöhnlich, das alles ist wunderbar, aber
unveränderlich und starr. Seit abertausenden von Jahren leben sie unter
bemerkenswerten Gesetzen, aber diese Gesetze sind seit abertausenden von
Jahren die gleichen geblieben. Von Urbeginn an bauen sie ihre
wunderbaren Waben, denen man nichts nehmen und nichts hinzusetzen kann,
und in denen sich das Wissen des Chemikers mit dem des Mathematikers,
Architekten und Ingenieurs in gleicher Vollendung paart; aber diese
Waben sind genau dieselben, wie in den Sarkophagen, oder in den
Darstellungen auf Steinen und in den Papyrusrollen Ägyptens. Man nenne
uns eine Thatsache, die den geringsten Fortschritt bedeutet, eine
Einzelheit, in der sie eine Neuerung getroffen, einen Punkt, wo sie von
ihrer Jahrhunderte alten Gewohnheit abgewichen wären, und wir werden uns
beugen, wir werden anerkennen, dass in ihnen nicht nur ein wundervoller
Instinkt lebt, sondern auch ein Verstand, der ein Recht hat, sich dem
des Menschen zu nähern und mit ihm auf irgend ein höheres Geschick zu
hoffen, als das der unbewussten, unterworfenen Materie.
Es sind nicht nur die Laien, die so reden. Auch Entomologen vom Range
Kirbys und Spences haben dasselbe Argument gebraucht, um den Bienen jede
Intelligenz abzusprechen, ausser der, die sich in dem engen Kerker eines
wunderbaren, aber unveränderlichen Instinktes verworren kundgiebt. »Man
zeige uns«, sagen sie, »einen einzigen Fall, wo sie unter dem Drucke der
Verhältnisse darauf gekommen sind, an Stelle von Wachs oder Propolis z.
B. Thon oder Mörtel zu verwerten, und wir werden zugeben, dass sie der
Überlegung fähig sind.«
Dieses Argument, das Romanes »the question begging argument« nennt --
man könnte es auch das unersättliche Argument nennen -- gehört zu den
allergefährlichsten und würde uns, auf den Menschen angewandt, sehr weit
führen. Wohl betrachtet, stammt es aus jenem gesunden Menschenverstande,
der oft Schaden genug stiftet und dem Galilei antwortet: »Die Erde
bewegt sich nicht, denn ich sehe die Sonne am Himmel wandeln, des
Morgens emporsteigen und des Abends untergehen, und nichts kann das
Zeugnis meiner Augen widerlegen«. Der gesunde Menschenverstand ist als
Grundlage unseres Geistes vortrefflich und notwendig, aber nur, wenn ein
erhabener Zweifel ihn stets überwacht und ihm seine unendliche
Unwissenheit nach Bedarf vorhält; anderenfalls ist er nichts als eine
Angewohnheit der unteren Stufen unseres Verstandes. Aber die Bienen
haben die Einwendung von Kirby und Spence selbst beantwortet. Sie war
kaum gemacht worden, als ein andrer Naturforscher, Andrew Knight, der
die kranke Rinde gewisser Bäume mit einer Art Zement aus Wachs und
Terpentin bestrichen hatte, die Beobachtung machte, dass seine Bienen
kein Propolis mehr eintrugen und nur dieses unbekannte Material
benutzten, das sich bald bewährte und angenommen wurde, da sie es
vollständig fertig und in grossen Mengen in der Nähe ihrer Wohnung
fanden.
Überdies läuft die Hälfte aller Bienenkunde und Bienenzucht darauf
heraus, der Initiative der Bienen Vorschub zu leisten und ihrem
praktischen Verstande Gelegenheit zu geben, sich zu üben und wirkliche
Entdeckungen, wirkliche Erfindungen zu machen. Wenn z. B. wenig Pollen
in der Natur vorhanden ist, so streut der Bienenwirt zur Auffütterung
der Brut, zu der viel Pollen nötig ist, in der Nähe des Bienenstockes
Mehl aus. Im Naturzustande, im Schoosse der Urwälder oder asiatischen
Thäler, in denen sie vor der Tertiärzeit wahrscheinlich gelebt haben,
ist ihnen ein derartiger Stoff jedenfalls nicht begegnet. Trotzdem
braucht man nur einige darauf aufmerksam zu machen, indem man sie in das
Mehl setzt, und sie werden es betasten, kosten und seine dem Blütenstaub
verwandten Eigenschaften erkennen, sie werden in den Stock zurückkehren,
ihre Schwestern von ihrer Entdeckung benachrichtigen, und alsbald wird
ein ganzer Schwarm erscheinen, um dies unerwartete und unbegreifliche
Nahrungsmittel einzuernten, das in ihrem anererbten Gedächtnis von den
Blumenkelchen unzertrennlich ist.
* * * * *
Es ist kaum hundert Jahre her, dass man nach Hubers Vorgang die Bienen
ernstlich zu beobachten und die ersten Fundamentalwahrheiten zu
entdecken begonnen hat, die ein erfolgreiches Studium erlauben. Etwas
mehr als fünfzig Jahre sind es her, dass sich durch die Erfindung der
beweglichen Waben und Kastenstöcke des Pfarrers Dzierzon eine rationelle
und praktische Bienenzucht anbahnt, dass der Bienenstock nicht mehr ein
unverletzliches Haus ist, wo alles in Mysterien gehüllt bleibt, bis der
Tod es entschleiert, wenn es nicht mehr ist. Schliesslich sind es
weniger als fünfzig Jahre her, seit durch Vervollkommnung des Mikroskops
und des Handwerkszeuges der Entomologen das Geheimnis der Hauptorgane
der Arbeitsbienen, der Königin und der Drohnen blosgelegt ist. Ist es da
erstaunlich, dass unser Wissen nicht weiter reicht, als unsere
Erfahrung? Die Bienen leben seit Jahrtausenden, und wir beobachten sie
seit zehn oder zwölf Lustren. Und wenn es auch bewiesen wäre, dass sich
im Bienenstocke nichts verändert hat, seit wir ihn geöffnet haben, so
haben wir doch noch kein Recht, daraus zu folgern, dass sich nie etwas
darin geändert hat, ehe wir ihn befragten. Wissen wir nicht, dass in der
Entwickelung einer Gattung ein Jahrhundert wie ein Regentropfen ist, der
sich im Strom verliert, und dass im Leben der Materie die Jahrtausende
ebenso schnell vergehen, wie die Jahre im Leben eines Volkes?
* * * * *
Aber es ist unbewiesen, dass sich in den Gewohnheiten der Bienen nichts
verändert haben soll. Prüft man sie ohne vorgefasste Meinung und ohne
das kleine Feld unserer heutigen Erfahrung zu verlassen, so wird man im
Gegenteil sehr merklicher Veränderungen gewahr. Und wer nennt die,
welche uns entgehen? Ein Beobachter, der etwa einhundertfünfzigmal
unsere Grösse und siebenhunderttausendmal unseren Umfang hätte (es sind
dies die Zahlenverhältnisse zwischen unserer Statur und Schwere und
denen der kleinen Honigbiene), ein Beobachter, der unsere Sprache nicht
verstünde und mit ganz anderen Sinnen begabt wäre, als wir, würde
vielleicht entdecken, dass sich in den zwei letzten Dritteln des
verflossenen Jahrhunderts recht sonderbare materielle Veränderungen
vollzogen haben, aber von unserer moralischen, sozialen, religiösen,
politischen und ökonomischen Entwickelung könnte er sich keinen Begriff
machen.
Eine höchst wahrscheinliche wissenschaftliche Hypothese wird uns
sogleich erlauben, unsere Hausbiene an den grossen Stamm der Apinen zu
knüpfen, der alle wilden Bienen umfasst, und in dem vielleicht ihre
Vorfahren zu suchen sind.[13] Wir werden dann physiologischen, sozialen,
ökonomischen, architektonischen und industriellen Wandelungen beiwohnen,
die selbst unsere menschliche Entwickelung in Schatten stellen. Zunächst
jedoch wollen wir uns an unsere Hausbiene halten, deren man etwa
sechszehn Arten zählt. Aber ob Apis dorsata, die grösste, oder Apis
florea, die kleinste, die man kennt, es ist immer dasselbe Insekt, durch
Klima und Umstände, denen es sich hat anpassen müssen, mehr oder minder
verändert. Alle diese Arten sind sich nicht viel unähnlicher, als ein
Engländer einem Russen oder ein Japaner einem Europäer. Indem wir unsere
Vorbemerkungen dermassen beschränken, wollen wir hier nur das
feststellen, was wir mit eigenen Augen und zu dieser Stunde sehen
können, ohne unsere Zuflucht zu irgend einer Hypothese zu nehmen, mag
sie noch so wahrscheinlich und unabweislich sein. Wir wollen auch nicht
auf all die Thatsachen Bezug nehmen, die man hier heranziehen könnte.
Einige der bezeichnendsten mögen in schneller Aufzählung folgen.
* * * * *
Die wesentlichste und radikalste Verbesserung, die einer ungeheuren
Arbeitsleistung in der Menschenwelt entsprechen würde, ist zunächst der
Schutz des Gemeinwesens nach aussen.
Die Bienen wohnen nicht wie wir in Städten unter offenem Himmel, die den
Launen von Wind und Wetter ausgesetzt sind, sondern ihre Siedelungen
sind ganz und gar mit einer schützenden Hülle umgeben. Im Naturzustande
und in einem idealen Klima ist das nicht der Fall. Wenn sie nur den
Tiefen ihres Instinktes Gehör gäben, so würden sie ihre Waben offen
bauen. In Indien sucht die Apis dorsata nicht allzubegierig hohle Bäume
und Felshöhlen auf. Der Schwarm legt sich an einen Astwinkel an und die
Wabe entsteht, die Königin legt, die Vorräte häufen sich ohne ein
anderes Obdach, als die Leiber der Arbeitsbienen. Man hat bisweilen
beobachtet, dass unsere nördlichen Bienen sich durch einen zu milden
Sommer täuschen liessen und diesem Instinkt wieder Gehör gaben, und man
hat Schwärme gefunden, die so im Freien im Buschwerk lebten.[14]
Aber selbst in Indien hat diese anscheinend eingeborene Gewohnheit oft
unangenehme Folgen. Sie verdammt einen Teil der Arbeitsbienen zur
Unbeweglichkeit. Die nötige Wärme für die am Wachsbau und an der
Errichtung von Brutzellen thätigen Bienen zu erzeugen, ist ihre einzige
That, und infolge dessen baut die Apis dorsata, die an den Ästen hängt,
nur eine Wabe. Das bescheidenste Obdach erlaubt ihr vier oder fünf und
noch mehr anzulegen, und um soviel hebt sich auch die Bevölkerungszahl
und der Wohlstand des Volkes. Darum haben auch alle Bienenrassen der
kalten und gemässigten Zone diese ursprüngliche Methode aufgegeben.
Augenscheinlich hat die natürliche Auslese die kluge Initiative des
Insektes geheiligt, indem sie nur die volkreichsten und geschütztesten
Stämme den nordischen Winter überdauern lässt; und was zuerst nur ein
Gedanke war, der dem Instinkte zuwiderlief, ist allmählich zur
instinktiven Gewohnheit geworden. Aber darum steht es doch fest, dass es
zuerst ein kühner und wahrscheinlich an Beobachtungen, Erfahrungen und
Überlegungen reicher Gedanke war, dem weiten, angebeteten, natürlichen
Lichte Valet zu sagen und sich in den Höhlen eines Baumes oder Felsens
zu bergen. Man möchte fast sagen, diese Erfindung war für die Geschicke
der Hausbiene ebenso bedeutungsvoll, wie die Entdeckung des Feuers für
das Menschengeschlecht.
* * * * *
Neben diesem grossen Fortschritte, der, obwohl alt und erblich, doch
jedesmal neu errungen werden muss, finden wir eine Fülle von unendlich
veränderlichen Einzelheiten, die uns beweisen, dass Politik und
Gewerbfleiss des Bienenstaates nicht in eherne Formen gegossen sind. Wir
erwähnten schon den klugen Ersatz von Pollen durch Mehl und den von
Wachs durch eine künstliche Zementmasse. Wir haben gesehen, wie
geschickt sie die oft verzweifelt ungastlichen Wohnungen, in die man sie
einschlägt, ihren Bedürfnissen anzupassen wissen. Wir haben gleichfalls
gesehen, mit welcher unmittelbaren, überraschenden Gewandtheit sie sich
die Kunstwaben, die ihnen der erfinderische Sinn des Menschen darbot, zu
Nutze gemacht haben. Hier ist die sinnreiche Ausnutzung eines wunderbar
brauchbaren, aber unvollständigen Dinges geradezu staunenswert. Sie
haben den Menschen mit seinen halben Andeutungen thatsächlich
verstanden. Man stelle sich vor, wir bauten unsere Städte seit
Jahrhunderten nicht mit Kalk, Steinen und Ziegeln, sondern mit einer
hämmerbaren Substanz, die wir mit Hilfe von besonderen Organen mühsam
aus unserem Körper ausschieden, und eines Tages setzt uns ein
allmächtiges Wesen mitten in eine fabelhafte Stadt. Wir erkennen, dass
sie aus einem ganz ähnlichen Stoffe besteht, wie wir ihn ausscheiden,
aber im übrigen ist es ein Traum, der just durch seine Logik, eine
verzerrte und gewissermaassen reduzierte und konzentrierte Logik, mehr
verwirrt, als die Zusammenhangslosigkeit selbst. Unser gewöhnlicher
Bauplan findet sich darin wieder, alles ist so, wie wir es erwarten
können, aber nur in Potenz und sozusagen durch eine eingeborene
feindliche Macht erdrückt, im Entstehen aufgehalten und nicht zur vollen
Entfaltung gediehen. Die Häuser, die vier oder fünf Meter hoch sein
sollen, bestehen nur aus kleinen Anschwellungen von Handbreite. Tausend
Mauern sind durch einen Strich angedeutet, der ihr Schicksal und
zugleich das Baumaterial, aus dem sie gebaut werden sollen, in sich
schliesst. Dazu findet sich manche grosse Unregelmässigkeit, die zu
verbessern bleibt, Abgründe müssen ausgefüllt und mit dem Ganzen in
Einklang gebracht, weite lockere Flächen versteift werden. Denn das Werk
ist unverhofft brauchbar, aber unfertig und in seinem jetzigen Zustande
geradezu gefährlich. Es scheint von einer überlegenen Vernunft ersonnen,
die unsere meisten Wünsche erraten hat, aber durch ihre eigene
Riesenhaftigkeit behindert wurde, sie anders als ganz grob zu
verwirklichen. Es handelt sich also darum, das alles zu entwirren, sich
die geringsten Absichten des übernatürlichen Gebers zu Nutze zu machen,
in wenigen Tagen das zu bauen, was sonst Jahre in Anspruch nehmen würde,
auf seine organischen Gewohnheiten zu verzichten und seine
Arbeitsmethoden von Grund aus umzuwerfen. Ganz gewiss bedürfte es aller
unserer Anspannung, um die auftauchenden Probleme zu lösen und nichts
von den Vorteilen zu verlieren, die eine grossmütige Vorsehung uns
darböte. Aber dies ist ungefähr dasselbe, was die Bienen in unseren
modernen Mobilstöcken thun.[15]
* * * * *
Selbst die Politik des Bienenstaates ist wahrscheinlich nicht stets
dieselbe geblieben, sagte ich. Es ist dies der dunkelste und am
schwersten nachzuweisende Punkt. Ich will mich nicht bei der
veränderlichen Behandlungsweise der Königinnen aufhalten, noch bei den
jedem Volke eigenen Gesetzen des Schwärmens, die sich von Geschlecht zu
Geschlecht zu vererben scheinen. Neben diesen Thatsachen, die nicht ganz
fest umschrieben sind, giebt es noch andere, die weder schwankend noch
unbestimmt sind und deutlich beweisen, dass nicht alle Arten der
Hausbiene auf derselben Stufe politischer Gesittung stehen, dass es
solche giebt, deren politischer Geist noch tastet und vielleicht nach
einer andern Lösung des Problems der Königin trachtet. Die syrische
Biene z. B. zieht gewöhnlich einhundert und zwanzig Königinnen auf und
mehr, wogegen unsere Apis mellifica höchstens bis auf zehn oder zwölf
kommt. Cheshire berichtet von einem syrischen Volke, das keineswegs
abnorm war und bei dem sich einundzwanzig tote Königinnen und neunzig
lebende und freie befanden. Dies ist der Ausgangs- oder Endpunkt einer
recht seltsamen sozialen Entwickelung, und es verlohnte sich, ihr mehr
auf den Grund zu gehen. Übrigens steht die cyprische Biene in Bezug auf
die Aufziehung der Königinnen der syrischen sehr nahe. Ist dies ein
tastender Rückfall vom monarchischen Prinzip zur Oligarchie, zur
vielfachen Mutterschaft nach der erprobten einzigen? Jedenfalls war die
syrische und cyprische Biene, die der ägyptischen und italienischen nahe
verwandt ist, wohl die erste, die der Mensch unter seine Botmässigkeit
gebracht hat. Zum Schluss noch eine Beobachtung, die noch deutlicher
zeigt, dass die Sitten und die weitblickende Organisation des
Bienenstaates nicht das Ergebnis eines ursprünglichen Triebes sind, der
sich mechanisch von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Klima zu Klima
forterbt, sondern dass der Geist, der diese kleinen Gemeinwesen lenkt,
den veränderten Umständen Rechnung trägt, sich ihnen fügt und daraus
Vorteil zieht, wie er den früheren Gefahren vorzubeugen wusste. Wird
unsere schwarze Biene also nach Australien oder Californien gebracht, so
verändert sie ihre Gewohnheiten vollständig. Vom zweiten oder dritten
Jahre an, d. h. sobald sie gemerkt hat, dass ewiger Sommer herrscht und
nie Blumenmangel eintritt, lebt sie in den Tag hinein, begnügt sich
damit, soviel Pollen und Honig einzutragen, als zum täglichen Gebrauche
nötig ist, und da ihre neue, verstandesmässige Beobachtung über ihre
erbliche Erfahrung Herr wird, so trägt sie keinen Wintervorrat mehr ein.
Man erhält sie sogar nur dadurch in Thätigkeit, dass man ihr die Früchte
ihrer Arbeit fortnimmt.[16]
* * * * *
Soviel können wir mit unseren Augen sehen. Wie man zugeben wird, sind
dies ein paar ausschlaggebende Thatsachen und ein gutes Argument gegen
die Ansicht derer, die da meinen, dass aller Verstand unbeweglich und in
eherne Formen gegossen ist, ausgenommen der menschliche.
Wenn wir die Hypothese der Entwickelung aber einen Augenblick zugeben,
so wird das Schauspiel grösser, und sein unbestimmter, gewaltiger Schein
reicht bis an unsere eigenen Geschicke. Es ist nicht augenscheinlich,
aber wer sich ernstlich damit beschäftigt, für den ist es nicht mehr
zweifelhaft, dass in der Natur ein Wille herrscht, der danach trachtet,
einen Teil der Materie auf eine höhere, vielleicht auch bessere Stufe zu
erheben und ihre Oberfläche allmählich mit jenem geheimnisvollen Fluidum
zu überziehen, das wir zuerst das Leben, dann den Instinkt und kurz
danach den Verstand nennen, ein Wille, der die Existenz alles dessen,
was einem unbekannten Ziele zustrebt, zu sichern, zu organisieren und zu
erleichtern trachtet. Es steht nicht fest, aber viele Beispiele, die wir
um uns haben, laden zu der Annahme ein, dass die Materie, die sich von
Urbeginn an dergestalt erhoben hat, gesetzt dass man sie wägen und
zählen könnte, nicht aufgehört hat, zuzunehmen. Ich wiederhole es: die
Annahme steht auf schwachen Füssen, aber es ist die einzige über die
verborgene Kraft, welche uns lenkt, zu der wir ein Recht haben, und das
ist viel in einer Welt, in der unsere erste Pflicht die Zuversicht zum
Leben ist, selbst dann, wenn man keine ermutigende Gewissheit darin
entdecken würde, und solange es keine gegenteilige Gewissheit giebt.
Ich weiss, was man gegen die Entwickelungslehre alles einwenden kann.
Sie hat zahlreiche Beweise und starke Gründe für sich, aber sie sind
nicht notwendig überzeugend. Man darf sich den Wahrheiten seines
Zeitalters nie rückhaltlos anvertrauen. In hundert Jahren werden
vielleicht viele Kapitel in unseren Büchern, die von ihr durchtränkt
sind, deswegen veraltet sein, wie heute die Werke der Philosophen des
achtzehnten Jahrhunderts, die von einer zu vollkommenen Menschheit
ausgehen, die es nicht giebt, oder so viele Werke des siebzehnten
Jahrhunderts, die durch den Gedanken des kleinlichen und strengen Gottes
der von so vielen Lügen und Eitelkeiten entstellten katholischen
Tradition befleckt werden.
Trotzdem ist es gut, wenn man die Wahrheit über eine Sache nicht wissen
kann, die Hypothese anzunehmen, die sich in dem Augenblick, wo der
Zufall uns ins Leben gerufen hat, dem Verstande am unabweislichsten
aufdrängt. Man kann wetten, dass sie falsch ist, aber solange man sie
für wahr hält, ist sie nützlich, belebt sie die Gemüter und giebt
unserer Wissbegier eine neue Richtung. Es mag auf den ersten Blick
weiser erscheinen, diese feinsinnigen Hypothesen durch die einfache,
tiefere Wahrheit zu ersetzen, dass wir nichts wissen. Aber diese
Wahrheit wäre nur dann erspriesslich, wenn es bewiesen wäre, dass wir
nie etwas wissen werden. Inzwischen würde sie uns in einer
Unbeweglichkeit erhalten, die verderblicher ist, als die thörichtesten
Illusionen. Wir sind so geschaffen, dass uns nichts höher und weiter
trägt, als die Sprünge unserer Irrtümer. Im Grunde danken wir das
Wenige, was wir wissen, den gewagtesten, oft geradezu absurden
Hypothesen, die zumeist weit unkluger sind, als die heutige. Sie waren
vielleicht sinnlos, aber sie haben die Glut der Erkenntnis in uns
geschürt. Mag der, welcher am Herde der Herberge der Menschheit wacht,
blind oder im höchsten Alter sein: was thut das dem Wanderer, der friert
und sich an seine Seite setzt? Wenn das Feuer unter seiner Obhut nicht
erloschen ist, so hat er gethan, was der Beste nicht besser machen
könnte. Übertragen wir diese Glut, und zwar nicht wie sie ist,
sondern gesteigert; und nichts kann sie so mehren, wie diese
Entwickelungshypothese, die uns zwingt, alles, was auf und unter dieser
Erde, in den Tiefen des Meeres und an der Veste des Himmels ist, fortan
nach strengeren Methoden und mit anhaltenderer Leidenschaft zu befragen.
Was giebt es zum Ersatz für sie, und was sollen wir an ihre Stelle
setzen, wenn wir sie verwerfen? Etwa das grosse Geständnis der gelehrten
Unwissenheit, die sich selbst erkennt, ein Geständnis, das gewöhnlich so
thatlos und für die Wissbegier, die dem Menschen nötiger ist, als selbst
die Weisheit, so entmutigend ist, oder die Hypothese von dem Beharren
der Arten und der göttlichen Schöpfung, die noch unbewiesener ist, als
die unsere, und die den lebensvollsten Teil des Problems für immer von
sich abschiebt, indem sie das Unerklärliche zu befragen vermeidet?
* * * * *
An diesem Aprilmorgen im Garten, der unter dem frischen Himmelstau zu
neuem Leben erwachte, sah ich an den Rosenbeeten und den zitternden
Primeln in ihrer Einfassung von weissem Täschelkraut, das auch Alysse
oder Steinkraut genannt wird, die wilden Bienen schwirren, die Urmütter
der unserem Willen und Begehren unterworfenen, und ich gedachte der
Lehren meines alten seeländischen Bienenfreundes. Mehr als einmal ist er
mit mir durch seine bunten Blumenbeete gegangen, die so gehalten und
angelegt waren, wie zu Zeiten des Vater Cats, jenes guten, prosaischen
und unversieglichen holländischen Dichters. Sie bildeten Rosetten,
Sterne, Guirlanden, Ohrringe und Armleuchter am Fusse einer
Weissdornhecke oder eines Obstbaumes, der als Kugel, Pyramide oder
Spindel zugeschnitten war, und die Buchsbaumeinfassung lief wie ein
wachsamer Schäferhund um alle Ränder, um zu verhüten, dass die Blumen
auf den Weg wuchsen. Ich lernte die Namen und Gewohnheiten der einsamen
Kunstbienen kennen, die wir nie beachten, da wir sie für gemeine
Fliegen, schädliche Wespen oder stumpfsinnige Käfer halten. Und doch
trägt eine jede von ihnen unter ihrem doppelten Flügelpaar, das sie im
Insektenlande kennzeichnet, den Lebensplan, die Werkzeuge und den
Gedanken zu einem ganz besonderen und oft wunderbaren Schicksal. Da sind
zunächst die nächsten Verwandten unserer Hausbiene, die zottigen,
untersetzten Hummeln, bisweilen winzig, meist aber riesig und wie die
Urmenschen in ein unförmiges Fell gekleidet, um das sich kupferne oder
zinnoberrote Spangen schlingen. Sie sind noch halbe Barbaren,
vergewaltigen die Kelche, zerreissen sie, wenn sie Widerstand leisten,
und dringen unter die atlasschimmernden Schleier der Blumenkronen, wie
ein Höhlenbär unter das seiden- und perlenglänzende Zelt einer
byzantinischen Prinzessin.
Neben ihnen, und grösser als die grösste unter ihnen, steht ein in
Finsternis gehülltes Ungetüm, von düsterem Feuer glühend, grün und
violett: die Holzbiene (Xylocopa violacea), der Riese in der Bienenwelt.
Ihr folgen in der Grösse die ernsten Mörtelbienen (Chalicodoma), die in
Schwarz gekleidet sind und sich aus Lehm und Kies Wohnungen erbauen, die
hart wie Stein sind. Dann kommen mit einander die Bürsten- oder
Hosenbienen (Dasypoda) und die wespenähnlichen Ballenbienen (Halictus),
die Erd- oder Sandbienen (Andrena), die oft einem phantastischen
Schmarotzer zum Opfer fallen, dem Stylops, der ihr Aussehen vollständig
verändert, die zwerghaften, stets schwer mit Pollen beladenen Grabbienen
und die vielgestaltigen Osmien (Mauerbienen), die hundert verschiedene
Industriezweige haben. Eine von ihnen, die Osmia papaveris, begnügt sich
nicht mit dem Brot und Wein, den ihr die Blumen liefern, sie schneidet
sich auch grosse Purpurlappen aus den Mohnblumen heraus, um damit den
Palast ihrer Töchter fürstlich auszutapezieren. Eine andere Biene, die
kleinste von allen, ein Staubkorn, das auf vier elektrisch bewegten
Flügeln schwebt, der Blattschneider (Megachile centuncularis), sägt
haarscharfe Halbkreise, die man mit der Maschine ausgeschnitten meint,
aus den Rosenblättern, faltet sie zusammen und formt daraus jene
wundervoll regelmässig zusammengesetzten fingerhutförmigen Zellen, deren
jede zur Aufnahme einer Larve dient. Aber ein Buch würde kaum genügen,
um die mannigfachen Gewohnheiten und Talente der honigsuchenden Schaar
aufzuzählen, die sich in jedem Sinne auf begierigen und unthätigen
Blüten tummelt, wie zwischen geketteten Brautpaaren, die der
Liebesbotschaft harren, welche zerstreute Gäste ihnen bringen.
* * * * *
Man kennt etwa 4500 wilde Bienenarten. Wir werden sie selbstredend nicht
alle durchgehen. Vielleicht wird eines Tages ein gründlicheres Studium
in Verbindung mit Beobachtungen und Experimenten, die noch nicht gemacht
sind, und die mehr als ein Menschenleben in Anspruch nehmen würden, ein
entscheidendes Licht auf die Entwickelungsgeschichte der Bienen werfen.
Diese Geschichte ist meines Wissens noch nicht methodisch geschrieben
worden. Und doch ist dies zu wünschen, denn es würde damit mehr als ein
Problem berührt, das ebenso gross ist, wie die vieler Geschichten der
Menschheit. Was uns betrifft, so wollen wir keine Behauptungen mehr
aufstellen, denn wir betreten hier das dunkle Gebiet der Vermutungen,
sondern wir wollen uns damit begnügen, einem Zweige der Immen auf seinem
Wege zu einem durchgeistigteren Dasein, zu etwas mehr Wohlstand
und Sicherheit zu folgen und die springenden Punkte dieses
mehrtausendjährigen Aufstieges mit einfachen Strichen anzudeuten. Der
Zweig, den wir verfolgen wollen, ist, wie wir schon wissen, der der
_Apinen_[17], deren Merkmale so genau bestimmt und deutlich sind, dass
ihre Abkunft von einem gemeinsamen Ahnen nicht unwahrscheinlich ist.
Darwins Schüler, insbesondere Hermann Müller, halten eine kleine wilde
Biene, die in der ganzen Welt vorkommt, die Prosopis, für den
gegenwärtigen Repräsentanten der Urbiene, von der alle uns bekannten
Arten abstammen sollen.
Die arme Prosopis steht zu den Hausbienen in etwa dem Verhältnis, wie
der Höhlenmensch zum glücklichen Grossstadtbewohner. Vielleicht hat
jeder von uns, ohne darauf zu achten, und ohne zu ahnen, dass er hier
die ehrwürdige Urmutter vor sich hat, der wir vielleicht die Mehrzahl
unserer Blumen und Früchte verdanken -- denn man glaubt thatsächlich,
dass über hunderttausend Pflanzenarten nicht mehr sein würden, wenn die
Bienen sie nicht beflögen und dadurch befruchteten -- und wer weiss?
vielleicht auch unsere Zivilisation, denn alles greift bei diesen
Mysterien in einander über -- vielleicht hat jeder von uns sie schon
öfter in einem entlegenen Winkel seines Gartens um Gestrüpp herumfliegen
sehen. Sie ist hübsch und lebhaft, und die, welche in Frankreich am
häufigsten vorkommt, ist elegant mit weiss auf schwarzem Grund
gesprenkelt. Aber unter dieser Eleganz verbirgt sich eine unglaubliche
Armut. Sie führt ein Hungerleben. Sie ist fast nackt, während ihre
Schwestern in warme, prächtige Pelze gekleidet sind. Sie hat keine
Schenkelkörbchen zum Einsammeln von Pollen, wie die Apiden, oder an
ihrer statt Schienenbürsten, wie die Andrenen, oder Bauchbürsten wie die
Bauchsammler. Sie muss den Blumenstaub mit ihren kleinen Krallen
hervorscharren und verschlucken, um ihn einzutragen. Sie hat kein
anderes Werkzeug, als ihre Zunge, ihren Mund und ihre Füsse, aber die
Zunge ist zu kurz, ihre Füsse sind schwächlich und ihre Kauwerkzeuge
ohne Kraft. Sie kann weder Wachs erzeugen, noch Löcher in Holz bohren
oder in die Erde graben. Sie legt ungeschickte Gänge im weichen Mark der
trockenen Brombeeren an, baut ein paar grobe Zellen hinein, versieht sie
mit etwas Nahrung für die Brut, die sie nie erblicken wird, und nach
Erledigung dieser armseligen Aufgabe, deren Ziel sie nicht kennt,
ebensowenig wie wir es kennen, stirbt sie, einsam auf dieser Welt, wie
sie gelebt hat, in einem Winkel.
* * * * *
Wir übergehen viele Zwischenstufen, wo die Zunge allmählich länger wird,
um einer immer grösseren Zahl von Blumenkelchen ihren Nektar zu
entreissen, wo sich Sammelwerkzeuge für Pollen, Haare und Franzen,
Schenkel-, Fersen- und Bauchbürsten bilden und entwickeln, wo die Füsse
und Kinnbacken kräftiger werden, während nützliche Ausscheidungen des
Körpers eintreten und über dem Wohnungsbau ein Geist schwebt, der
erstaunliche Verbesserungen aller Art zu suchen und zu finden weiss.
Dies darzustellen, würde ein Buch für sich beanspruchen. Ich will nur
ein Kapitel daraus skizzieren oder noch weniger als ein Kapitel, eine
Seite, die uns das Zaudern und Tasten des Lebenswillens in seinem
Trachten nach Glück und die langsame Entstehung, das Wachstum und die
Selbstgestaltung der sozialen Vernunft zeigt.
Wir haben gesehen, wie die unglückliche Prosopis in dieser ungeheuren
Welt voll schrecklicher Gefahren ihr kleines einsames Leben schweigend
erträgt. Eine gewisse Anzahl ihrer Schwestern, die zu Rassen mit
besseren Werkzeugen und grösserer Gewandtheit gehören, wie z. B. die
reich gekleideten Seidenbienen (Colletes) oder die sonderbaren
Blattschneider des Rosenstockes (Megachile centuncularis), leben in
derselben tiefen Vereinsamung, und wenn zufällig ein anderes Wesen mit
ihnen zusammenwohnt und ihr Obdach teilt, so ist es ein Feind oder gar
ein Schmarotzer. Denn die Bienenwelt ist mit weit absonderlicheren
Gespenstern bevölkert als die unsere, und manche Art hat einen
geheimnisvollen, unthätigen Doppelgänger, der dem von ihm auserkorenen
Opfer in allen Stücken gleicht, ausser dass er durch seine
unvordenkliche Faulheit alle Arbeitswerkzeuge nacheinander verloren hat
und nur noch auf Kosten des emsigen Typus seiner Rasse leben kann.[18]
Indessen regt sich schon bei den Bienenarten, die man etwas zu
kategorisch als »einsame Bienen« bezeichnet, der soziale Instinkt wie
eine unter dem Druck der auf allem primitiven Leben lastenden Materie
erstickte Flamme. Hier und da, an unvermuteter Stelle, züngelt er in
furchtsamer und bisweilen bizarrer Weise, wie um zu zeigen, dass er da
ist, allmählich aus dem auf ihm lastenden Holzstoss hervor, der eines
Tages seinem Triumphe die Nahrung zuführen wird.
Wenn alles auf Erden Stoff ist, so kann man hier die unstofflichste
Bewegung des Stoffes beobachten. Es handelt sich um den Übergang vom
egoistischen, unsicheren, unvollkommenen Leben zum brüderlichen, etwas
gesicherteren und glücklicheren Dasein. Es handelt sich darum, im Geiste
zu vereinigen, was in der Körperwelt getrennt ist, die Selbstverleugnung
des Individuums zu Gunsten der Art und die Ersetzung des Sichtbaren
durch das Unsichtbare anzubahnen. Ist es da erstaunlich, dass den Bienen
das, was wir von unserem privilegierten Platze aus noch nicht erreicht
haben, von dem der Instinkt nach allen Seiten ins Bewusstsein strahlt --
dass den Bienen das nicht mit einem Schlage gelingt? Es ist wunderbar,
fast rührend zu sehen, wie die neue Idee zuerst in der Finsternis
tastet, die alles auf Erden Entstehende umhüllt. Sie geht aus der
Materie hervor und ist noch ganz Materie. Sie ist nichts als Hunger,
Furcht und Kälte, in etwas noch Gestaltloseres umgesetzt. Sie schleicht
unsicher um die grossen Gefahren, die langen Nächte, den Einbruch des
Winters und einen zweideutigen Schlaf herum, der schon fast Tod ist.
* * * * *
Holzbienen (Xylocopa) sind starke Bienen, die ihr Nest in trockenes Holz
graben. Sie leben immer einsam. Trotzdem kommt es gegen Ende des Sommers
vor, dass man einige Exemplare einer besonderen Art, der Xylocopa
cyanescens, in einem Asphodelenkelche frostig bei einander kauern sieht,
um den Winter gemeinsam zu verbringen. Diese zögernde Brüderlichkeit ist
eine Ausnahme bei den Holzbienen; aber bei ihren nächsten Verwandten,
den Ceratinen, wird sie schon zur unveränderlichen Gewohnheit. Hier
kommt die Idee zum Vorschein. Sofort hält sie wieder inne, und bis
hierher ist sie bei den Holzbienen über die erste dunkle Linie der Liebe
nicht hinausgekommen.
Bei anderen Apinen nimmt die sich noch suchende Idee andere Gestalt an.
Die Mörtelbienen (Chalicodoma) oder Maurerbienen, die Bürstenbienen
(Dasypoda) und Ballenbienen (Halictus) vereinigen sich in zahlreichen
Kolonien zum Nesterbau. Aber dies ist ein illusorisches Gemeinwesen von
lauter Einsiedlern. Keinerlei Einvernehmen, keine gemeinsame That. Eine
jede ist in der Menge tief vereinsamt und baut sich ihre Wohnung für
sich selbst, ohne sich um ihre Nachbaren zu kümmern. »Es ist«, sagt J.
Perez, »ein einfaches Zusammenkommen von Einzelwesen, die derselbe
Geschmack, dieselben Fähigkeiten am gleichen Platze versammeln, wo der
Grundsatz >jeder für sich< auf das strengste durchgeführt wird. Es ist
ein Schwarm von Arbeitern, der lediglich durch seinen Fleiss und seine
Zahl an einen Bienenstock erinnert. Solche Vereinigungen sind also die
einfache Folge einer grossen Zahl von Einzelwesen, die auf demselben
Fleck wohnen.«
Aber bei den Grabbienen, den Vettern der Dasypoden, dringt plötzlich ein
kleiner Lichtstrahl hervor und wirft einen Schein auf die Entstehung
eines neuen Gefühls in dem zufälligen Beieinander. Sie vereinigen sich
nach Art der vorigen, und jede gräbt ihre eigene unterirdische Höhle für
sich, aber der Eingang, das von der Erdoberfläche nach ihren getrennten
Behausungen führende Schlupfloch, ist gemeinsam. »So beträgt sich jede«,
sagt Perez, »was die Arbeit in den Zellen betrifft, wie wenn sie allein
wäre, aber alle benutzen den gemeinsamen Zugang und benutzen so die
Arbeit einer einzigen, wodurch sie die Zeit und Mühe sparen, sich jede
einen besonderen Gang anzulegen. Es wäre interessant festzustellen, ob
diese vorläufige Arbeit selbst nicht gemeinsam ausgeführt wird, und ob
sich nicht verschiedene Weibchen abwechselnd darin ablösen.«
Wie dem aber auch sei, die Idee der Brüderlichkeit ist einmal durch die
Mauer gedrungen, die zwei Welten schied. Es ist nicht mehr der Winter,
der Hunger oder die Todesfurcht, der sie dem Instinkt in entstellter und
thörichter Form abzwingt, es ist das thätige Leben, das sie einflüstert.
Aber auch diesmal kommt sie nicht weit in dieser Richtung. Trotzdem
verzagt sie nicht, sie versucht andere Wege einzuschlagen. So dringt sie
bei den Hummeln durch, nimmt in ihrer veränderten Atmosphäre Gestalt an,
reift und bewirkt die ersten entscheidenden Wunder.
* * * * *
Die Hummeln, diese grossen, zottigen, geräuschvollen,
furchteinflössenden und doch so friedfertigen Bienen, die wir alle
kennen, sind zunächst einsam. Von den ersten Tagen des März an beginnt
das fruchtbare, überwinterte Weibchen sein Nest zu bauen, entweder
unterirdisch oder in einem Busche, je nach der Art, zu der es gehört. Es
ist allein auf der Welt im erwachenden Lenze. Es räumt die gewählte
Stelle auf, gräbt ein Loch und tapeziert es aus. Dann legt es ziemlich
unförmige Wachszellen an, versieht sie mit Honig und Pollen, legt Eier,
bebrütet sie, pflegt und ernährt die auskriechenden Larven und sieht
sich alsbald von einer Töchterschaar umgeben, die bei allen inneren und
äusseren Arbeiten Hand anlegt und zum Teil gleichfalls Eier legt. Der
Wohlstand nimmt zu, der Zellenbau wird besser, die Kolonie wächst. Die
Gründerin bleibt die Seele und Hauptmutter des Ganzen und steht an der
Spitze eines Königreiches, das schon ein Ansatz zu dem unserer Hausbiene
ist. Übrigens ein recht grober Ansatz. Der Wohlstand ist beschränkt, die
Gesetze sind unklar und werden schlecht befolgt, der Kannibalismus und
Kindermord der Urzeit tauchen immer wieder auf, die Architektur ist
formlos und weitläufig, aber was beide Stadtbildungen am meisten
unterscheidet, ist, dass die eine permanent und die andere vorübergehend
ist. In der That verschwindet die Hummelstadt im Herbst vollständig,
ihre drei- bis vierhundert Bewohner sterben, ohne eine Spur ihres
Daseins zu hinterlassen, all ihre Arbeit ist umsonst; es überwintert nur
ein einziges Weibchen, das im nächsten Frühjahr in derselben Einsamkeit
und Armut die fruchtlose Arbeit der Mutter wieder aufnehmen wird.
Nichtsdestoweniger ist die Idee sich hier ihrer Kraft bewusst geworden.
Wir sehen sie bei den Hummeln diese Grenze nicht überschreiten, aber
sogleich wird sie sich, ihrer Gewohnheit getreu, in einer Art von
unermüdlicher Seelenwanderung inkarnieren, noch zitternd über ihren
letzten Triumph, aber allmächtig und fast vollkommen, und zwar in einer
anderen Sippe, der vorletzten der Rasse, der unmittelbaren Vorgängerin
unserer Hausbiene, die ihre Krone bildet, nämlich in der Sippe der
Meliponiten, die in die tropischen Meliponen und Trigonen zerfällt.
* * * * *
Hier ist bereits Alles so organisiert, wie in unserem Bienenstocke: eine
einzige Mutter[19], unfruchtbare Arbeiterinnen und Drohnen. Einige
Einzelheiten sind sogar besser eingerichtet. Die Drohnen sind z. B.
nicht vollständig müssig, sie schwitzen Wachs aus. Das Eingangsthor ist
sorgfältiger geschlossen, in kalten Nächten durch eine Thür, in warmen
durch eine Art von Vorhang, der die Luft durchlässt.
Aber das Gemeinwesen ist weniger stark, das gemeinsame Leben weniger
gesichert, das Gedeihen beschränkter als bei unseren Bienen, und
überall, wo man diese einführt, beginnen die Meliponiten vor ihnen zu
weichen. Der Gedanke der Brüderlichkeit ist bei ihren beiden Stämmen
gleichfalls prächtig entwickelt, nur in einem Punkte ist er bei dem
einen nicht über das hinausgekommen, was im engen Familienbau der
Hummeln schon erreicht war. Es ist dies die mechanische Organisation der
gemeinsamen Arbeit, das genaue Haushalten mit den Kräften, mit einem
Worte, die Architektur der Stadt, die hier offenbar noch sehr
rückständig ist.[20] Hinzugefügt sei noch, dass bei unseren Apiten alle
Zellen sowohl zur Aufziehung der Brut wie zur Aufspeicherung der Vorräte
geeignet sind, und ebensolange vorhalten, wie die Stadt selbst, während
sie bei den Meliponiten nur zu einem bestimmten Zwecke benutzt, und wenn
sie den jungen Nymphen zur Wiege dienen, nach deren Auskriechen
abgetragen werden.
Bei unserer Hausbiene hat dieser Gedanke also seine vollkommenste Form
erreicht, und somit wäre das rasch entworfene und unvollständige Bild
seines Entwickelungsganges hier beendet. Sind nun aber die einzelnen
Stufen dieses Entwickelungsganges bei jeder Art konstant, und besteht
die Verbindungslinie zwischen ihnen nur in unserer Vorstellung? Wir
wollen auf diesem noch wenig erforschten Gebiete keine voreiligen
Schlüsse wagen. Begnügen wir uns zunächst mit vorläufigen Annahmen, und
neigen wir, wenn wir wollen, lieber den hoffnungsvollsten zu, denn wenn
es unbedingt zu wählen gälte, so zeigt uns hier und dort ein schwacher
Schein, dass die am meisten herbeigewünschten die gewissesten sein
werden. Überdies müssen wir wieder einmal eingestehen, dass wir
garnichts wissen. Wir fangen erst an, die Augen zu öffnen. Tausend
Versuche, die gemacht werden könnten, haben noch nicht stattgefunden.
Wäre es z. B. nicht möglich, dass die Prosopis, wenn sie in
Gefangenschaft gehalten und gezwungen würden, mit ihresgleichen zu
hausen, mit der Zeit die Eisenschwelle der vollkommenen Einsamkeit
überschreiten und Freude daran finden würden, sich wie die Hosenbienen
zu vereinigen und einen Schritt zur Brüderlichkeit zu thun, wie die
Grabbienen? Und diese wiederum, würden sie unter abnormen,
aufgezwungenen Verhältnissen den gemeinsamen Schlupfgang nicht mit einer
gemeinsamen Wohnung vertauschen? Würden die Hummelmütter, wenn sie
zusammen überwintert und in Gefangenschaft aufgezogen und gefüttert
würden, sich nicht schliesslich zur Arbeitsteilung verstehen? Hat man
den Meliponiten je Kunstwaben gegeben? Hat man ihnen künstliche Gefässe
gegeben, um ihre sonderbaren »Honigtöpfe« zu ersetzen? Würden sie
dieselben annehmen und sich zu Nutze machen, und wie würden sie ihre
Gewohnheiten dieser ungewohnten Bauart anpassen? Dergleichen Fragen sind
an sehr kleine Wesen gerichtet und schliessen doch die Lösung unserer
grössten Geheimnisse ein. Wir können nicht darauf antworten, denn unsere
Erfahrung ist von gestern und ehegestern. Von Réaumur an gerechnet, ist
es jetzt kaum anderthalb Jahrhunderte her, dass man die Gewohnheiten
gewisser wilder Bienen studiert hat. Réaumur kannte nur einen Teil
davon, wir haben einige andere beobachtet, aber hunderte, vielleicht
tausende, sind bis heute nur von unwissenden oder hastigen Reisenden
befragt worden. Die, welche wir seit den schönen Arbeiten des Verfassers
der »Mémoires« kennen, haben an ihren Gewohnheiten nichts geändert, und
die Hummeln, die sich in den Gärten von Charenton voll Honig sogen und
wie ein köstliches Murmeln des Sonnenlichtes goldbestäubt umhersummten,
glichen in jedem Punkte denen, die sich im nächsten April einige
Schritte weiter in den Wäldern von Vincennes tummeln werden. Aber von
Réaumur bis auf unsere Tage ist es nur ein Augenzwinkern der Zeit, das
wir beobachten, und mehrere Menschenleben hintereinander bilden nur eine
Sekunde in der Geschichte eines Naturgedankens.
* * * * *
Wenn der Gedanke der Gesellschaftsbildung, dessen schrittweiser
Verwirklichung wir in diesem Buche mit den Augen gefolgt sind, seine
vollkommenste Gestalt bei unseren Hausbienen erreicht hat, so ist damit
nicht gesagt, dass im Bienenstock alles auf der Höhe sei. Ein
Meisterstück, die sechseckige Zelle, erreicht freilich die absolute
Vollkommenheit in jeder Hinsicht, und alle Genies zusammen könnten
nichts mehr daran verbessern. Kein lebendes Wesen, selbst der Mensch
nicht, hat in seiner Sphäre das erreicht, was die Biene in der ihren
verwirklicht hat, und wenn ein Geist aus einer anderen Welt auf die Erde
herabstiege und die vollkommenste Schöpfung der Logik des Lebens zu
sehen begehrte, so müsste man ihm die schlichte Honigwabe zeigen.
Aber wie gesagt, es steht nicht alles auf gleicher Höhe. Wir sind schon
einigen Fehlern und Irrtümern begegnet, die bisweilen auffällig,
bisweilen geheimnisvoll sind, wie der Überfluss an müssigen und
verderblichen Drohnen, die jungfräuliche Zeugung, die Gefahren des
Hochzeitsausfluges, das Schwarmfieber, der Mangel an Mitleid, die
geradezu ungeheuerliche Aufopferung des Individuums zu Gunsten der Art.
Dazu käme noch eine seltsame Vorliebe zum Aufspeichern unmässiger
Quantitäten von Pollen, die unbenutzt bleiben und daher ranzig und hart
werden und die Waben verstopfen, ferner das lange unfruchtbare
Interregnum, das vom ersten Schwärmen bis zur Befruchtung der zweiten
Königin reicht, u. a. m.
Von diesen Fehlern ist der schwerste und der einzige, der unter unseren
Himmelsstrichen fast immer verhängnisvoll wird, das wiederholte
Schwärmen. Aber vergessen wir nicht, dass in dieser Hinsicht die
natürliche Auslese der Hausbiene seit Jahrtausenden vom Menschen
gekreuzt wird. Vom Ägypter der Pharaonenzeit bis zu unserm heutigen
Bauern hat der Bienenzüchter den Wünschen und dem Vorteil der Gattung
stets zuwider gehandelt. Die Bienenstöcke, die am besten gedeihen, sind
die, welche zu Beginn des Sommers einen einzigen Schwarm aussenden. Sie
befriedigen damit ihren mütterlichen Instinkt, sichern die Erhaltung des
Stammes durch die notwendige Erneuerung der Königin, und ebenso die
Zukunft des Schwarmes, der volkreich und früh abgesandt ist und darum
Zeit hat, sich eine dauerhafte und mit Vorräten wohl versehene Wohnung
anzulegen, ehe der Herbst kommt. Es ist klar, dass wenn die Bienen sich
selbst überlassen wären, nur diese Stöcke und ihre Ableger aus den
Prüfungen des Winters lebend hervorgegangen wären, während die von
anderen Instinkten beseelten Völker ihnen fast regelmässig erliegen
würden, und dass sich die Regel des beschränkten Schwärmens bei unsern
nördlichen Rassen dadurch fast durchgehends herausgebildet hätte. Aber
es sind gerade diese weitblickenden, reichen und wohl akklimatisierten
Stöcke, die der Mensch stets vernichtet hat, um sich ihres Schatzes zu
bemächtigen. Er liess und lässt auch heute noch in der hergebrachten
Praxis nur _die_ Stämme und Kolonien am Leben, die erschöpft sind, die
zweiten und dritten (Nach-)Schwärme, die gerade soviel haben, um den
Winter zu überdauern, oder denen er einige Honigabfälle giebt, um ihre
kläglichen Vorräte zu vervollständigen. Das Resultat davon ist
wahrscheinlich eine Schwächung der Rasse und eine erbliche Neigung zum
Schwarmfieber, sodass heute fast alle unsere Bienen, insbesondere unsere
schwarzen Bienen, zu viel schwärmen. Seit einigen Jahren wird diese
gefährliche Angewohnheit durch die neuen Methoden der Mobilzucht
bekämpft, und wenn man sieht, mit welcher Schnelligkeit die künstliche
Auslese auf die meisten unserer Haustiere, Rinder, Schafe, Hunde, Pferde
und Tauben wirkt, -- um nicht noch mehr zu nennen, -- so darf man der
Hoffnung Raum geben, dass wir in kurzem eine Bienenrasse haben werden,
die auf das natürliche Schwärmen fast ganz verzichtet und ihre ganze
Thätigkeit der Honig- und Pollenernte zuwendet.
* * * * *
Aber was die anderen Fehler betrifft: würde ein Verstand, dem Zweck und
Ziel des Gesellschaftslebens deutlicher wäre, sich nicht davon befreien
können? Es wäre viel über diese Fehler zu sagen, die bald aus den
unbekannten Tiefen des Bienenstockes hervordringen, bald nichts als eine
Folge des Schwärmens und seiner Irrtümer sind, an denen wir mitschuldig
sind. Aber nach dem, was man bisher gesehen hat, kann jeder nach seinem
Geschmack den Bienen alle Intelligenz zu- oder absprechen. Ich will sie
nicht verteidigen. Mich deucht, sie zeigen unter manchen Verhältnissen
ein Einvernehmen, aber wenn sie auch alles, was sie thun, nur blindlings
thäten, meine Wissbegier würde darum nicht kleiner werden. Es ist so
anziehend zu sehen, wie ein Gehirn _in sich_ die ausserordentlichen
Hilfsquellen entdeckt, um gegen Frost, Hunger, Tod, Zeit, Raum,
Einsamkeit und alle Feinde der belebten Materie anzukämpfen, aber wenn
es einem Wesen gelingt, sein kleines verwickeltes und tiefes Leben zu
erhalten, ohne den Instinkt zu überschreiten, ohne etwas zu thun, was
nicht ganz gewöhnlich ist: das dünkt mich erst recht anziehend und
ausserordentlich. Das Gewöhnliche und das Wunderbare fliessen in
einander über und halten sich die Wage, sobald man sie auf ihren
wirklichen Platz in der Natur stellt. Nicht mehr sie, die Träger
angemasster Namen, sondern das Unerklärliche und Unverstandene ist es,
was unsere Blicke auf sich lenken, unsere Thätigkeit belohnen und
unseren Gedanken, Worten und Gefühlen eine neue, gerechtere Form
verleihen soll. Es ist Weisheit darin, sich mit nichts weiter zu
befassen.
* * * * *
Wir sind überdies garnicht im stande, die Fehler der Bienen im Namen
unserer Intelligenz zu richten. Sehen wir nicht, wie lange Intelligenz
und Bewusstsein bei uns inmitten von Fehlern und Irrtümern leben, ohne
sie zu bemerken, und länger noch, ohne ihnen abzuhelfen? Wenn es ein
Wesen giebt, das durch seine Bestimmung besonders, ja fast organisch,
berufen scheint, sich aller Dinge bewusst zu werden, das
Gesellschaftsleben nach den Regeln der reinen Vernunft zu gestalten und
zu leben, so ist es der Mensch. Und doch: was macht er daraus? Und nun
vergleiche man die Fehler des Bienenstaates mit denen unserer
menschlichen Gesellschaft. Wenn wir Bienen wären, welche die Menschen
beobachteten, so würde unser Erstaunen gross sein, wenn wir z. B. die
unlogische und ungerechte Verteilung der Arbeit bei einem Geschlechte
beobachteten, das im übrigen mit hervorragendem Verstande ausgerüstet
scheint. Wir sehen die Oberfläche der Erde, die einzige Stätte alles
gemeinsamen Lebens, von zwei bis drei Zehnteln der Gesamtbevölkerung
mühsam und unzureichend bebaut; ein anderes Zehntel zehrt in absolutem
Müssiggange den besten Teil der Produkte jener Arbeit auf, und die
sieben übrigen Zehntel sind zu ewigem Halbverhungern verdammt und
erschöpfen sich unaufhörlich in seltsamen und unfruchtbaren
Anstrengungen, von denen sie doch nie etwas haben werden, und die nur
den Zweck zu haben scheinen, das Dasein der Müssiggänger noch
komplizierter und unerklärlicher zu machen. Wir würden daraus folgern,
dass Vernunft und Moralbegriffe dieser Wesen einer Welt angehören, die
von der unseren gänzlich verschieden ist, und dass sie Prinzipien
gehorchen, die zu begreifen wir nicht hoffen dürfen. Aber gehen wir
unsere Fehler nicht weiter durch, sind sie unserem Geiste doch stets
gegenwärtig, wenn ihre Gegenwärtigkeit auch keine grosse Wirkung thut.
Höchstens, dass sich von Jahrhundert zu Jahrhundert einer erhebt, einen
Augenblick den Schlaf abschüttelt, einen Schrei des Erstaunens thut, den
schmerzenden Arm unter seinem Kopfe wegzieht, sich anders hinlegt und
wieder einschläft, bis ein neuer Schmerz, wiederum eine Folge der
traurigen Erschlaffung der Ruhe, ihn von neuem erweckt.
* * * * *
Die Entwickelung der Apinen, oder doch wenigstens der Apiten, sei einmal
zugegeben, da sie wahrscheinlicher ist als die Starrheit. Welches ist
dann aber ihre beständige und allgemeine Richtung? Sie scheint dieselbe
Kurve zu beschreiben, wie die unsrige. Sie hat ersichtlich die Tendenz,
Kraft zu sparen, die Unsicherheit, das Elend zu mindern, den Wohlstand,
die günstigen Verhältnisse und die Autorität der Art zu mehren. Diesem
Ziele opfert sie ohne Zaudern das Individuum, dessen überdies
illusorische und unglückliche Unabhängigkeit im Zustande der Einsamkeit
durch die Kraft und das Glück der Gesamtheit wieder ausgeglichen wird.
Man möchte sagen, die Natur denkt wie Perikles bei Thukydides, dass die
Individuen im Schosse einer Stadt, die als Ganzes gedeiht, glücklicher
sind, selbst wenn sie darunter zu leiden haben, als wenn das Individuum
gedeiht und der Staat zu Grunde geht. Sie begünstigt die arbeitsame
Sklaverei in der mächtigen Stadt und überlässt den pflichtenlosen
Wanderer den namen- und gestaltlosen Feinden, die in allen Winkeln von
Raum und Zeit, in allen Bewegungen des Weltalls lauern. Es ist hier
nicht der Ort, diesen Gedanken der Natur zu erörtern, noch sich zu
fragen, ob der Mensch gut thue, ihm zu folgen, aber das steht fest, dass
überall da, wo die unendliche Materie uns den Ansatz zu einem Gedanken
zu zeigen scheint, dieser Ansatz denselben Weg der Entwickelung nimmt,
dessen Ziel man nicht kennt. Was uns betrifft, so genügt es uns zu
sehen, mit welcher Fürsorge die Natur es sich angelegen sein lässt, in
der sich entwickelnden Rasse alles das zu erhalten und festzulegen, was
der feindlichen Trägheit der Materie einmal abgerungen ist. Sie bucht
jedes erfolgreiche Bemühen und zieht gegen den Rückfall, der nach dem
Vorstoss unvermeidlich sein würde, eine Schranke von besonderen,
wohlwollenden Gesetzen. Dieser Fortschritt, der sich bei den
intelligenteren Arten kaum ableugnen lässt, hat vielleicht keinen
anderen Zweck, als den der Bewegung, und er weiss nicht, wohin er
strebt. Auf alle Fälle ist es in einer Welt, in der nichts, ausser
einigen Thatsachen dieser Art, auf einen bestimmten Willen schliessen
lässt, recht bezeichnend zu sehen, wie sich gewisse Wesen von dem Tage
an, wo wir die Augen aufthaten, derart von Stufe zu Stufe ununterbrochen
erheben; und wenn die Bienen uns nichts anderes offenbart hätten, als
diese geheimnisvolle Spirale zum Lichte in der allmächtigen Nacht, so
wäre dies doch genug, und wir hätten die Zeit nicht zu bedauern, die wir
dem Studium ihrer kleinen Gebärden und bescheidenen Gewohnheiten
gewidmet haben, die unsern grossen Leidenschaften und stolzen Geschicken
so fern und doch so nahe stehen.
* * * * *
Vielleicht ist das alles eitel und unsere Spirale zum Licht, wie die der
Bienen, ist nur dazu da, um die Finsternis zu belustigen. Vielleicht
aber auch giebt ein ungeheurer Zufall, der von aussen kommt, von einer
anderen Welt, oder von einer neuen Erscheinung, diesem Streben einen
endgiltigen Sinn oder den endgiltigen Tod. Inzwischen wollen wir unsern
Weg weiter gehen, als ob nichts Ungewöhnliches geschehen sollte. Wüssten
wir, dass morgen eine Offenbarung -- etwa in Form einer Verbindung mit
einem älteren und lichtvolleren Planeten -- unsere Natur über den Haufen
werfen und die Leidenschaften, Gesetze und Grundwahrheiten unseres
Wesens aufheben kann, so wäre es das Klügste, unser Heute ganz diesen
Leidenschaften, Gesetzen und Wahrheiten zu widmen, sie in unserem Geiste
in Verbindung zu setzen und unserem Schicksal treu zu bleiben, welches
darin besteht, die dunklen Gewalten des Lebens in uns und um uns zu
unterjochen und um einige Stufen zu erheben. Es ist möglich, dass in der
neuen Offenbarung nichts davon bestehen bleibt, aber unmöglich ist es,
dass die Seele derer, die diesen Beruf, welcher der menschliche Beruf
vor allem ist, bis zu Ende erfüllt haben, nicht im Vordertreffen steht,
um diese Offenbarung zu empfangen, und selbst wenn sie von ihr nur das
lernten, dass die einzige wahre Pflicht das Gegenteil von Wissbegier und
der Verzicht auf das Unerkennbare ist, so werden sie besser als die
anderen im stande sein, diesen Mangel an Wissbegier und diese endgiltige
Entsagung zu begreifen und ihren Vorteil daraus zu ziehen.
* * * * *
Auch sollten unsere Phantasien sich garnicht in dieser Richtung bewegen.
Die Möglichkeit einer allgemeinen Vernichtung sollte unsere Thätigkeit
ebensowenig beeinflussen, wie das wunderbare Eingreifen eines Zufalls.
Wir sind bisher, trotz der Verheissungen unserer Einbildungskraft, stets
auf uns selbst und auf unsere eigenen Hilfsquellen angewiesen geblieben.
Alles Nützliche und Dauerhafte, was auf Erden besteht, ist das Werk
unseres bescheidenen Strebens. Es steht uns frei, von einem fremden
Zufall das Beste oder das Schlimmste zu erwarten, aber nur unter der
Bedingung, dass diese Erwartung sich nicht in unsere menschliche Aufgabe
hineinmischt. Auch darin geben uns die Bienen eine vortreffliche Lehre,
wie jede Lehre der Natur vortrefflich ist. Sie haben wirklich solch
einen wunderbaren Eingriff erfahren. Sie sind mehr als wir in den Händen
eines Willens, der ihre Gattung vernichten oder verändern und ihren
Geschicken einen anderen Lauf geben kann. Und doch bleiben sie ihrer
ursprünglichen, tiefen Aufgabe unbeirrt treu. Und gerade die unter
ihnen, die diese Pflicht am treusten erfüllen, sind auch am besten im
stande, aus dem übernatürlichen Eingriff, der heute das Loos ihrer
Gattung erhebt, ihren Vorteil zu ziehen. Nun aber ist die unfehlbare
Pflicht eines Wesens leichter zu entdecken, als man glaubt. Man kann sie
jederzeit in den Organen lesen, durch die es sich vor andern auszeichnet
und denen alle anderen untergeordnet sind. Und ebenso wie es auf der
Zunge, dem Munde und Magen der Bienen geschrieben steht, dass sie Honig
hervorbringen müssen, ebenso steht es in unseren Augen, unseren Ohren,
unserem Mark und allen Fibern unseres Kopfes, im ganzen Nervensystem
unseres Körpers geschrieben, dass wir dazu geschaffen sind, alles
Irdische, was wir in uns aufnehmen, in eine besondere Kraft von einer
auf diesem Erdball einzigen Art umzusetzen. Kein uns bekanntes Wesen ist
so wie wir befähigt, jenes seltsame Fluidum hervorzubringen, das wir
Denken, Verstand, Intelligenz, Vernunft, Seele, Geist, Zerebralvermögen,
Tugend, Güte, Gerechtigkeit, Wissen nennen, denn es besitzt tausend
Namen, obwohl es immer dasselbe ist. Alles in uns ist ihm geopfert
worden. Unsere Muskeln, unsere Gesundheit, die Beweglichkeit unserer
Gliedmassen, das Gleichgewicht unserer animalischen Funktionen, die Ruhe
unseres Lebens -- alle tragen mehr und mehr die Last seines
Übergewichtes. Es ist der kostbarste und schwierigste Zustand, zu dem
man die Materie erheben kann. Feuer, Licht, Wärme, das Leben selbst, der
Instinkt, der feiner ist, als das Leben, und die Mehrzahl der
unfasslichen Kräfte, welche die Welt vor unserem Erscheinen krönten, sie
sind vor dem neuen Fluidum verblasst. Wir wissen nicht, wohin es uns
führen, was es aus uns machen wird, noch wir aus ihm. Von ihm werden wir
es zu erfahren haben, sobald es in unumschränkter Machtfülle regiert.
Inzwischen wollen wir nur darauf bedacht sein, wie wir ihm alles geben
und opfern können, was es verlangt, alles, was seiner vollen
Entwickelung frommt. Es ist kein Zweifel, dass hier die erste und
grösste unserer augenblicklichen Pflichten liegt. Die anderen werden wir
von ihm erfahren, je mehr es wächst. Es wird sie nähren und erweitern,
je nachdem es selbst genährt wird, wie das Wasser der Höhen die Bäche
der Ebenen speist und erweitert, wenn es seine wunderbare Nahrung von
den Gipfeln empfangen hat. Zerbrechen wir uns den Kopf nicht, wer von
dieser Kraft, die sich derart auf unsere Kosten anhäuft, einst Nutzen
haben wird. Die Bienen wissen auch nicht, ob sie den Honig essen werden,
den sie anspeichern. Und ebenso wissen wir nicht, wem die Geisteskraft,
die wir in die Welt einführen, einst frommen wird. Wie sie von Blume zu
Blume fliegen, um mehr Honig zu ernten, als sie und ihre Kinder
bedürfen, so wollen auch wir von Realität zu Realität schreiten und
alles sammeln, was dieser unbegreiflichen Flamme zur Nahrung dienen
kann, damit wir im Gefühl der Erfüllung unserer organischen Pflicht auf
alles, was da kommen mag, vorbereitet sind. Nähren wir sie mit unseren
Gefühlen und Leidenschaften, mit allem, was man sehen, fühlen, hören,
fassen kann, und mit ihrem eigenen Wesen, welches der Gedanke ist, den
sie aus allen Entdeckungen, Erfahrungen und Beobachtungen zieht und aus
allem einträgt, was sie besucht. Dann wird ein Augenblick kommen, wo
sich für einen Geist, welcher der wahrhaft menschlichen Pflicht mit
bestem Willen gedient hat, alles so natürlich zum Besten wendet, dass
selbst die Befürchtung, all sein Streben und Trachten könnte umsonst
sein, die Glut seines Forschens noch heller, reiner, selbstloser,
unabhängiger und edler entfacht.