DER HOCHZEITSAUSFLUG

Sehen wir indessen zu, auf welche Weise sich die Befruchtung der

Bienenkönigin vollzieht. Auch hier hat die Natur ausserordentliche

Maassregeln ergriffen, um die Vereinigung der beiden Geschlechter aus

verschiedenen Stöcken zu begünstigen, ein seltsames Gesetz, zu dem sie

durch nichts gezwungen wird, eine Laune vielleicht oder Unachtsamkeit,

deren Wiederausgleichung die wundervollsten Kräfte ihrer Wirksamkeit

verschlingt. Es ist höchst wahrscheinlich, dass, wenn sie zur Erhaltung

des Lebens, zur Milderung des Leidens, zur Herbeiführung eines sanfteren

Todes, zur Fernhaltung der schrecklichsten Zufälle halb so viel Geist

aufgewandt hätte, als sie für die kreuzweise Befruchtung und einige

andere willkürliche Einfälle vergeudet, das Rätsel des Daseins uns

minder unbegreiflich und erbarmungswürdig erschienen wäre, als so, wie

es sich jetzt unserer Wissbegier darstellt. Doch wir dürfen unser

Bewusstsein und den Anteil, den wir am Dasein nehmen, nicht aus dem

schöpfen, was vielleicht hätte sein können, sondern aus dem, was ist.

Die jungfräuliche Königin lebt in der kribbelnden Enge des Bienenstockes

mit einigen hundert sie umschwärmenden Drohnen oder männlichen Bienen,

die voller Übermut in stetem Honigrausche leben und keinen anderen

Daseinsgrund haben, als die Vollziehung eines Aktes der Liebe. Aber

trotz der ewigen Berührung der beiden Geschlechter, die überall wo

anders alle Widerstände überwinden, findet die Begattung niemals im

Bienenstock statt, und es ist noch nie gelungen, eine eingesperrte

Königin zu schwängern.[11] Die sie umringenden Drohnen kennen sie nicht,

so lange sie in ihrer Mitte weilt. Sie fliegen aus und suchen sie im

Luftraum, in den verborgensten Winkeln des Horizontes, ohne zu ahnen,

dass sie sie eben verlassen haben, dass sie mit ihr auf derselben Wabe

schliefen und sie bei ihrem ungestümen Aufbruche vielleicht angerannt

haben. Man möchte sagen, ihre prachtvollen Augen, die ihren ganzen Kopf

mit einem blinkenden Helme bedecken, erkennen sie und verlangen nur dann

nach ihr, wenn sie im blauen Äther schwebt. Jeden Tag von Mittag bis um

drei Uhr, wenn die Sonne am höchsten steht, fliegt ihre federgeschmückte

Horde zur Eroberung der Gattin aus, die königlicher und

unvergleichlicher ist, als die unerreichbarste Märchenprinzessin, denn

zwanzig oder dreissig Stämme sind von allen Stöcken der Nachbarschaft

herbeigeströmt und umschwärmen sie: ein Gefolge von mehr als zehntausend

Freiern, von denen ein einziger zu einer einzigen minutenlangen Umarmung

auserkoren wird, die ihn dem Glücke, aber auch dem Tode vermählt,

während alle anderen das engverschlungene Paar als unnütze Begleitung

umschwirren und bald darauf umkommen werden, ohne das schicksalsvolle

Zauberbild wiedergesehen zu haben.

* * * * *

Diese erstaunliche, unsinnige Verschwendung der Natur ist keineswegs

übertrieben. In den volkreichsten Stöcken zählt man gewöhnlich vier- bis

fünfhundert Drohnen. In entarteten oder schwächeren Stöcken findet man

deren oft vier- oder fünftausend, denn je mehr ein Bienenvolk dem

Verfall entgegenneigt, desto mehr Drohnen bringt es hervor. Man kann

sagen, dass ein Bienenstand von zehn Kolonien im Durchschnitt ein Volk

von zehntausend Drohnen in die Luft schickt, von denen höchstens zehn

bis fünfzehn Gelegenheit haben werden, den einzigen Akt, zu dem sie da

sind, zu vollziehen.

Derweilen erschöpfen sie die Vorräte des Volkes, und die unermüdliche

Arbeit von fünf bis sechs Arbeitsbienen reicht kaum hin, um einen dieser

anspruchsvollen und gefrässigen Schmarotzer, die nur mit dem Munde

fleissig sind, zu erhalten. Aber die Natur ist stets verschwenderisch,

wo es sich um die Funktionen und Privilegien der Liebe handelt. Sie

knausert nur bei den Organen und Werkzeugen der Arbeit. Sie ist

parteiisch und hart gegen alles, was die Menschen Tugend nennen. Dagegen

spart sie die Diamanten und Gunstbeweise nicht, die sie auf den Weg der

gleichgiltigsten Liebenden ausstreut. Sie ruft überall: »Vereinigt und

vermehrt Euch, es giebt kein anderes Gesetz und Ziel als die Liebe«, --

um dann halblaut hinzuzufügen: »und erhaltet Euch nachher, wenn Ihr es

vermögt, das geht mich nichts weiter an.« Umsonst, etwas anderes zu

thun, etwas anderes zu wollen, man findet überall dieselbe Moral, die

der unseren so zuwiderläuft. Man beobachte nur an denselben kleinen

Wesen ihren ungerechten Geiz und ihre sinnlose Verschwendung. Die

pflichttreue Arbeitsbiene muss von der Wiege bis zum Grabe hinaus in die

dichtesten Wälder, muss tausend versteckte Blüten befliegen, muss im

Labyrinth der Honigbehälter, in den verborgenen Schächten der

Staubgefässe Honig und Pollen entdecken. Trotzdem sind ihre Augen und

Geruchsorgane im Vergleich zu denen der Drohnen verkümmert. Diese

könnten fast blind und ohne Geruchssinn sein, ohne darunter zu leiden,

kaum ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie haben nichts zu thun, keine

Beute zu verfolgen, ihre Nahrung wird ihnen fertig zugetragen, und ihr

Dasein ist ein ununterbrochenes Honigfest. Aber sie sind die

Vollstrecker der Liebe, und die ungeheuersten und unnützesten Geschenke

werden mit vollen Händen in den Abgrund der Zukunft geworfen. Einer von

tausend unter ihnen wird einmal in seinem Leben das Bild der königlichen

Jungfrau im Azurblau erblicken. Einer von tausend wird im Luftraum einen

Augenblick der Spur des Weibes folgen, das nicht flieht. Das genügt. Die

parteiische Macht hat ihre unerhörten Schätze bis zum Übermaass und

Wahnsinn aufgethan. Jedem dieser unwahrscheinlichen Liebhaber, von denen

999 einige Tage nach der Todeshochzeit des tausendsten geschlachtet

werden, hat sie 13000 Augen auf jeder Kopfseite gegeben, während die

Arbeitsbiene nur 6000 hat. Jeden ihrer Fühler hat sie, nach den

Berechnungen von Cheshire, mit 37800 Geruchshöhlen versehen, gegen 5000,

welche die Arbeitsbiene auf beiden Seiten hat. Wer den Charakter der

Natur schildern wollte, so wie er sich aus derartigen Zügen ergiebt, der

müsste eine ganz ungewöhnliche, unserem Ideal ganz unähnliche Gestalt

entwerfen, obschon dieses Ideal doch auch von ihr stammen muss. Aber der

Mensch weiss zu wenig, um ein solches Bild zu malen, er könnte nur einen

grossen Schatten hinzeichnen und zwei oder drei ungewisse Lichter

daraufsetzen.

* * * * *

Ich glaube, es sind sehr Wenige, die das Hochzeitsgeheimnis der

Bienenkönigin belauscht haben, denn diese Hochzeit vollzieht sich in dem

unendlichen, blendenden Brautbett des Sommerhimmels. Aber man kann den

Aufbruch der Braut und die todkündende Rückkehr der Gattin unter

Umständen beobachten.

Trotz ihrer Ungeduld wartet sie im Schatten ihrer Thore Tag und Stunde

ab, bis ein wundervoller Morgen sich aus der Tiefe der azurenen

Himmelsurne in den hochzeitlichen Raum ergiesst. Sie liebt den

Augenblick, wo noch ein Rest von Thau auf Blatt und Blüten schimmert, wo

die letzte Frische der sinkenden Morgenröte noch gegen die Glut des

Tages anringt, wie eine Jungfrau in den Armen eines Kriegsmannes, und

die krystallenen Laute des Morgens in dem Schweigen des nahenden Mittags

noch nicht ganz verhallt sind.

Dann erscheint sie auf der Schwelle, unbeachtet von den Arbeitsbienen,

die ihren Geschäften obliegen, oder auch von ihren bethörten Töchtern

umringt, je nachdem sie Schwestern im Stocke zurücklässt oder nicht mehr

ersetzt werden kann. Sie fliegt zuerst rückwärts, lässt sich zwei bis

dreimal auf das Flugbrett nieder, und erst, wenn sie Lage und Anblick

ihres Königreiches, das sie noch nie von aussen gesehen hat, genau in

ihren Geist aufgenommen hat, fliegt sie in gerader Linie scheitelwärts

ins Blaue, und erreicht so Höhen und eine Lichtzone, zu denen die

anderen Bienen sich nie in ihrem Leben aufschwingen. Die Drohnen

drunten, die sich träge auf den Blumen wiegen, haben die Erscheinung

gesehen und den magnetischen Duft eingesogen, der sich alsbald bis zu

den nachbarlichen Bienenstöcken verbreitet. Sofort sammeln sich die

Horden und tauchen, ihrer Fährte folgend, in das Meer der Heiterkeit,

dessen krystallene Grenzen sich immer weiter verschieben. Freudetrunken

über den Gebrauch ihrer Flügel und dem herrlichen Gesetze der Art

getreu, das ihr den Liebsten zuführt und nur den stärksten allein in

ihre ätherferne Einsamkeit hinaufdringen lässt, steigt sie immerfort,

und die blaue Morgenluft strömt zum ersten Male in ihre Luftgefässe und

braust wie ein himmlisches Blut in den tausend strahlenförmigen

Luftröhren ihrer beiden Lungen, welche die Hälfte ihres Körpers

einnehmen und sich vom weiten Raume nähren. Sie steigt immerfort, bis

sie eine öde Zone erreicht, wo kein Vogel ihr Mysterium mehr stört. Sie

steigt immerfort, und schon zerteilt und vermindert sich der ungleiche

Schwarm unter ihr. Die Schwachen und Kranken, die Greise

und Missratenen, die schlecht Ernährten der kraftlosen und

heruntergekommenen Völker stehen von ihrer Verfolgung ab und

verschwinden im Leeren. Nur eine kleine Schaar von Unermüdlichen schwebt

noch im unendlichen Raume. Noch eine letzte Anspannung der Flügel, und

der Auserwählte der unbegreiflichen Mächte hat sie eingeholt, umarmt und

durchdrungen, und von doppeltem Schwunge beflügelt, kreist das eng

verschlungene Paar einen Augenblick im tötlichen Delirium der Liebe.

* * * * *

Die Mehrzahl der Wesen hat das dunkle Gefühl, dass Tod und Liebe nur

durch eine durchsichtige Haut von einander getrennt sind. Sie meinen,

die Natur wolle streng genommen, dass man in dem Augenblick, wo man

neues Leben hervorruft, das seine lässt. Wahrscheinlich ist es diese

angeerbte Furcht, die der Liebe solche Bedeutung verleiht. Hier

wenigstens offenbart sich diese Absicht der Natur in ihrer primitiven

Einfachheit, die ihren Schatten noch auf den Kuss zweier Menschen wirft.

Sobald die Vereinigung stattgefunden hat, platzt der Leib der Drohne

auf, das Werkzeug der Zeugung löst sich ab und zieht die ganzen

Eingeweide nach; die Flügel erschlaffen, und der entleerte Körper

stürzt, vom hochzeitlichen Blitze getroffen, kreiselnd in den Abgrund.

Dieselbe Absicht, die in der Parthenogenesis die Zukunft des

Bienenstockes durch die ungewöhnliche Vermehrung der Drohnen aufs Spiel

stellte, opfert hier die Drohnen der Zukunft des Bienenstockes. Sie

setzt immer in Erstaunen, diese Absicht; je mehr man in sie einzudringen

sucht, desto ungewisser wird sie, und Darwin, um einen Forscher zu

nennen, der sie von allen Menschen am leidenschaftlichsten und

methodischsten studiert hat, Darwin verliert auf Schritt und Tritt die

Fassung und weicht vor dem Unerwarteten und Unvereinbaren zurück. Man

sehe nur zu -- wenn anders man dem erhebend demütigenden Schauspiel des

menschlichen Geistes im Ringen mit dem Unendlichen zusehen will -- man

sehe nur zu, wie er die seltsamen, unglaublich geheimnisvollen und

zusammenhangslosen Gesetze der Unfruchtbarkeit und Fruchtbarkeit der

Bastarde, oder die der Variabilität der Art- und Gattungscharaktere zu

entwirren sucht. Kaum hat er ein Prinzip formuliert, so drängen sich

schon zahllose Ausnahmen auf, und bald ist das bedrängte Prinzip froh,

in einem Eckchen ein Obdach zu finden und als Ausnahme einen Rest von

Dasein zu fristen.

Bei der Bastardierung wie bei der Variabilität (namentlich bei den

gleichzeitigen Variationen, die man Korrelation des Wachstums nennt),

beim Instinkt, wie bei den Vorgängen des Kampfes ums Dasein, bei der

Auslese, der geologischen Aufeinanderfolge und geographischen Verteilung

der organischen Wesen, bei den Verwandtschaften unter einander, kurz

überall, ist die Natur tastend und nachlässig, sparsam und

verschwenderisch, weitblickend und unaufmerksam, unbeständig und

unerschütterlich, lebendig und regungslos, ein- und tausendfältig,

grossartig und niedrig in demselben Augenblick und derselben

Erscheinung. Da sie das unendliche, jungfräuliche Land der Einfachheit

vor sich hatte, bevölkert sie es mit kleinen Irrtümern, kleinen, sich

widersprechenden Gesetzen und kleinen schwierigen Problemen, die sich

ins Dasein verlaufen, wie blinde Heerden. Freilich ist das nur in

unseren Augen so, die nur das von der Realität widerspiegeln, was sich

uns und unseren Bedürfnissen angepasst hat, und nichts berechtigt uns zu

dem Glauben, dass die Natur ihre Ursachen und Wirkungen, die sich

verlaufen haben, aus den Augen verlöre.

Jedenfalls gestattet sie ihnen selten, so weit zu gehen, dass sie

widersinnig und gefährlich werden. Sie verfügt über zwei Kräfte, die

stets Recht haben, und wenn die Erscheinungen gewisse Grenzen

überschreiten, winkt sie dem Leben oder dem Tode, und diese stellen die

Ordnung wieder her und zeichnen den Weg, der fürderhin zu beschreiten

ist, gleichgiltig vor.

* * * * *

Sie entschlüpft uns überall, sie missachtet die meisten unserer Regeln

und durchbricht alle unsere Maassstäbe. Rechts von uns steht sie weit

unter unserem Denken, doch zur Linken überragt sie es plötzlich wie ein

Gebirge. Sie scheint sich fortwährend zu irren, sowohl in der Welt ihrer

ersten Versuche, wie in der der letzten, will sagen, in der

Menschenwelt. Sie heiligt hier den Instinkt der dunklen Masse, die

unbewusste Ungerechtigkeit der Zahl, die Niederlage der Intelligenz und

Tugend, die flache Durchschnittsmoral, die den grossen Strom der Gattung

lenkt und offenbar viel niedriger steht, als die Moral, wie sie ein

Geist erhofft und versteht, der sich dem kleinen, klareren Strome

anschliesst, welcher dem grossen entgegenläuft. Trotzdem fragt derselbe

Geist sich vielleicht nicht mit Unrecht, ob es nicht seine Pflicht sei,

alle Wahrheit, folglich auch die moralischen Wahrheiten, in dieser Masse

und nicht in sich selbst zu suchen, wo sie verhältnismässig so klar und

bestimmt zu Tage liegen.

Es fällt ihm nicht ein, die Vernünftigkeit und Tugendhaftigkeit seines

Ideals, das so viele Helden und Weise geheiligt haben, zu verneinen,

aber bisweilen sagt er sich doch, dass dieses Ideal sich vielleicht

abseits von der grossen Masse gebildet hat, deren gestaltlose Schönheit

er zu verkörpern wähnt. Er hat bisher mit gutem Grunde fürchten können,

dass er durch Anpassung seiner Moral an die der Natur gerade das, was

ihm die Krone der Natur zu sein dünkte, vernichten würde, aber heute, wo

er sie etwas besser kennt und aus einigen noch dunklen, aber von

unerwarteter Grösse zeugenden Antworten erkannt hat, dass ihre Pläne und

ihre Vernunft ungeheuerer sind, als alles, was er in seiner

Selbstbeschränkung hätte denken können, fürchtet er sie minder und

bedarf darum nicht mehr so unbedingt der Zuflucht zu seiner Sondertugend

und Vernunft. Er sagt sich, dass etwas, das so gross ist, keinen

erniedrigenden Einfluss haben kann. Er möchte wissen, ob nicht der

Augenblick gekommen ist, wo er seine Gewissheiten, Prinzipien und Träume

einer gründlicheren Prüfung unterwerfen soll.

Ich wiederhole es: er denkt nicht daran, sein menschliches Ideal

aufzugeben. Gerade das, was dieses Ideal zuerst widerrät, lässt ihn

schliesslich darauf zurückkommen. Die Natur kann kein schlechter

Ratgeber sein für einen Geist, dem jede Wahrheit, die nicht wenigstens

auf der Höhe seines eigenen Strebens steht, nicht hoch genug erscheint,

um endgiltig und des grossen Planes würdig zu sein, den er aufzudecken

trachtet. Nichts wechselt seinen Platz in seinem Leben, ohne mit ihm zu

steigen, und er wird sich noch lange sagen, dass er steigt, wenn er sich

dem alten Bilde des Guten nähert. Aber in seinem Denken wandelt sich

alles mit grösserer Freiheit, und er kann in seiner leidenschaftlichen

Betrachtung ungestraft bergab steigen, bis er die grausamsten und

unsittlichsten Widersprüche des Lebens wie Tugenden schätzt, denn er

fühlt im Voraus, dass eine Menge von Thälern nach einander zu der

ersehnten Hochfläche führen. Diese Betrachtung und diese Leidenschaft

hindern ihn nicht daran, im Suchen nach dieser Gewissheit, selbst wenn

dies Suchen ihn zum Gegenteil von dem führt, was er liebt, sein

Verhalten nach der menschlich schönsten Wahrheit zu regeln und sich an

das am höchsten stehende Vorläufige zu halten. Alles, was die

wohlthätige Tugend mehrt, geht unmittelbar in sein Leben auf; alles, was

sie schmälern würde, bleibt ungelöst darin, wie eines jener unlöslichen

Salze, die sich erst zur Stunde des entscheidenden Experiments bewegen.

Er kann eine niedrige Wahrheit annehmen, aber um danach zu handeln, wird

er -- vielleicht Jahrhunderte lang -- warten, bis er erkannt hat, welche

Beziehungen zwischen dieser Wahrheit und denen bestehen, die unendlich

genug sind, um alle anderen einzubegreifen und zu überschatten.

Mit einem Worte, er wird die moralische Weltordnung von der

intellektuellen trennen und in die erstere nur das aufnehmen, was

grösser und schöner ist als ehedem. Und wenn es tadelnswert ist, diese

beiden Ordnungen zu trennen, wie man es oft genug im Leben thut, um

schlechter zu handeln, als man denkt, und das Bessere zu erkennen, aber

dem Schlechteren zu folgen, so ist es doch immerhin heilsam und

vernünftig, das Schlechtere zu erkennen, aber dem Besseren zu folgen und

über seine Gedanken hinaus zu handeln, denn die menschliche Erfahrung

giebt uns täglich mehr Hoffnung, dass der höchste Gedanke, den wir

erfassen können, noch lange unter der geheimnisvollen Wahrheit stehen

wird, nach der wir trachten. Und wenn von alledem auch nichts wahr wäre,

so wird er doch von einem vertrauteren Gedanken und Gefühl geleitet. Je

mehr Kraft nach seiner Meinung den Gesetzen innewohnt, die zur

Selbstsucht, Ungerechtigkeit und Grausamkeit einzuladen scheinen, desto

mehr bestärkt er jene anderen, die Grossmut, Mitleid und Gerechtigkeit

lehren, denn indem er den Anteil des Weltalls und der eigenen Person

gleichzusetzen und methodischer abzugrenzen beginnt, findet er in der

letzteren etwas ebenso tief Natürliches.

* * * * *

Indessen kehren wir zu der tragischen Hochzeit der Bienenkönigin zurück.

In dem uns beschäftigenden Falle will die Natur also in Anbetracht der

kreuzweisen Befruchtung, dass Königin und Drohne sich nur im weiten

Raume begatten. Aber ihre Pläne verstricken sich wie ein Netz, und ihre

liebsten Gesetze müssen unaufhörlich durch die Maschen von anderen

hindurch, und diese im nächsten Augenblick wieder durch die der

ersteren. Da sie denselben Himmel mit ungezählten Gefahren bevölkert

hat, mit kalten Winden, stürmischen Luftströmungen, Vögeln, Insekten und

Wassertropfen, die auch unbeugsamen Gesetzen gehorchen, muss sie dafür

sorgen, dass diese Paarung sich so schnell wie möglich vollzieht. Dies

geschieht durch den blitzhaften Tod der Drohne. Eine Minute genügt, und

der Rest der Befruchtung vollzieht sich in den Weichen der Gattin.

Diese kehrt von den blauen Höhen schnell in den Stock zurück und

schleppt die langgezogenen Gedärme ihres Buhlen wie eine Oriflamme nach.

Einige Bienenkenner behaupten, dass sie bei dieser hoffnungsschwangeren

Rückkehr eine grosse Freude offenbarte. U. a. entwirft Büchner eine

ausführliche Schilderung davon. Ich habe diese hochzeitliche Heimkehr

nun oft genug belauscht, aber ich muss gestehen, dass ich nie eine

ungewöhnliche Aufregung beobachtet habe, ausser wenn es sich um eine

junge Königin handelt, die an der Spitze eines Schwarmes aufgebrochen

ist und die einzige Hoffnung einer neu gegründeten, noch öden Stadt

bildet. In diesem Falle stürzen alle Arbeitsbienen ihr wie bethört

entgegen, um sie zu empfangen. Doch für gewöhnlich scheinen sie sie zu

vergessen, obwohl die Zukunft des Volkes oft keine kleinere Gefahr

läuft. Sie haben eben alles bedacht, bis dahin, wo sie den Mord der

jungen Prinzessinnen zuliessen, aber weiter geht ihr Instinkt nicht; es

ist wie ein Loch in ihrer Voraussicht. Sie machen also einen ziemlich

gleichgiltigen Eindruck. Sie heben den Kopf, erkennen vielleicht auch

das mörderische Wahrzeichen der Befruchtung, aber immer noch

misstrauisch, wie sie sind, verraten sie nichts von der Heiterkeit, die

wir von ihnen erwarten. Als positive, wenig illusionsfähige Wesen

erwarten sie, bevor sie sich freuen, wahrscheinlich noch andere Beweise.

Wir thun unrecht, wenn wir alle Gefühle dieser kleinen Geschöpfe, die

uns so unähnlich sind, vermenschlichen und logisch machen wollen. Bei

den Bienen, wie bei allen anderen Tieren, die einen Abglanz unseres

Verstandes in sich tragen, kommt man selten zu so bestimmten

Ergebnissen, wie sie in den Büchern geschildert werden. Es bleiben zu

viele Umstände, die uns nicht bekannt sind. Warum soll man sie

vollkommener machen, als sie sind, und etwas sagen, was nicht wahr ist?

Wenn manche wähnen, dass sie anziehender wären, wenn sie uns glichen, so

haben sie noch keinen richtigen Begriff davon, was einem aufrichtigen

Geiste belangreich erscheinen muss. Das Ziel des Beobachters ist nicht,

in Erstaunen zu setzen, sondern zu verstehen, und es ist interessanter,

die Lücken eines Verstandes und alle Anzeichen eines von dem unseren

abweichenden Zerebralsystems aufzuzeigen, als Wunder davon zu erzählen.

Trotzdem ist die Gleichgiltigkeit nicht allgemein, und sobald die

Königin atemlos auf dem Flugbrett landet, bilden sich einige Gruppen und

geleiten sie in die Vorhalle, in welche die Sonne, der Held aller Feste

des Bienenstockes, mit kleinen, furchtsamen Schritten hineindringt, um

die Wachswände und Honigguirlanden mit goldbraunem Helldunkel zu zieren.

Übrigens regt die junge Gattin sich nicht mehr und nicht weniger auf,

als ihr Volk; es ist nicht viel Raum für unnötige Wallungen in dem engen

Hirn der praktischen Barbarenkönigin. Sie hat nur ein Verlangen,

nämlich: sich sobald wie möglich von dem lästigen Angedenken an ihren

Gatten zu befreien, das sie am Gehen hindert. Sie hockt auf der Schwelle

nieder und entledigt sich sorgfältig der unnützen Organe, die alsbald

von den Arbeitsbienen aus dem Stocke geschafft werden, denn die Drohne

hat ihr alles gegeben, was sie besass, und weit mehr, als nötig war. Sie

behält nichts bei sich, als in ihrer Samentasche die Samenflüssigkeit,

in der Millionen Keime schwimmen, die einer nach dem andern beim

Vorbeigleiten der Eier im Dunkel ihres Leibes die geheimnisvolle

Vereinigung des männlichen und weiblichen Elementes vollziehen werden,

aus der die Arbeitsbienen entstehen. Es ist eine seltsame Umkehrung der

Dinge, dass sie das männliche Prinzip liefert und die Drohne das

weibliche. Zwei Tage nach der Begattung legt sie ihre ersten Eier, und

alsbald umgiebt das Volk sie mit peinlicher Fürsorge. Sie ist fortan

zweigeschlechtig und ihr eigentliches Dasein nimmt jetzt seinen Anfang.

Sie verlässt nie mehr den Stock, sieht nie mehr das Licht, ausser bei

Begleitung eines Schwarmes, und ihre Fruchtbarkeit erlahmt erst bei

ihrem Tode.

* * * * *

Eine seltsame Hochzeit! Die märchenhafteste vielleicht, die sich träumen

lässt, voller Himmelsbläue und Trauerspiel, ein Aufschwung des

Verlangens über das Leben hinaus, blitzhaft und unvergänglich, kurz und

blendend, einsam und unendlich. Eine erhabene Trunkenheit, ein Tod im

Reinsten und Schönsten, was es auf dieser Erde giebt. Im jungfräulichen,

unendlichen Raume, in der majestätischen Klarheit des offenen Himmels

schwebt der Augenblick der Wonne; im keuschen Lichte läutert sich alles

Unreine, was der Liebe anhaftet, wird die unvergessliche Umarmung

vollzogen und für eine lange Zukunft einem und demselben Leibe das

doppelte Vermögen beider Geschlechter unzertrennlich verliehen.

Die tiefere Wahrheit hat freilich nichts von dieser Poesie; sie besitzt

eine andere, für die wir weniger empfänglich sind, obwohl wir sie

vielleicht dereinst auch begreifen und lieben werden. Die Natur hat

keine Anstalten getroffen, um diesen beiden »abgekürzten Atomen«, wie

Pascal sagen würde, eine glänzende Hochzeit, einen Augenblick idealen

Glücks zu bescheren. Sie hat, wir haben es schon gesagt, nichts im

Sinne, als die Verbesserung der Art durch die Befruchtung über Kreuz,

und um diese sicherzustellen, hat sie das Organ der Drohne so

eingerichtet, dass es keinen anderen Gebrauch zulässt, als im weiten

Raume. Die Drohne muss durch andauerndes Fliegen ihre beiden grossen

Luftsäcke vollständig ausdehnen, damit diese beiden luftgefüllten

Gefässe den Unterteil des Hinterleibes herausdrücken, wodurch die

Befruchtung stattfindet. Das ist das ganze physiologische Geheimnis --

»wie trivial«, werden die einen sagen, »fast peinlich«, die anderen --

des wunderbaren Liebesfluges, der blendenden Verfolgung und der

seltsamen Hochzeit.

* * * * *

Und wir, fragt ein Poet, sollen wir unsere Freude denn stets über der

Wahrheit suchen?

Ja, bei jeder Gelegenheit, in jedem Augenblick, in allen Dingen wollen

wir unsere Freude stets zwar nicht über der Wahrheit suchen, was

unmöglich ist, denn wir wissen nicht, wo sie zu suchen ist, wohl aber

oberhalb der kleinen Wahrheiten, die wir erkennen. Wenn ein Gegenstand

durch irgend welchen Zufall, eine Erinnerung, eine Illusion, eine

Leidenschaft oder irgend einen Anlass sich unseren Augen schöner

darstellt als den anderen, sei uns dieser Anlass zunächst lieb und

teuer! Vielleicht ist es nur ein Irrtum, aber der Irrtum verhindert

nicht, dass _der_ Augenblick uns den Gegenstand am schönsten erscheinen

lässt, wo wir nahe daran sind, seine Wahrheit zu erkennen. Die

Schönheit, die wir ihm verleihen, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf seine

wirkliche Grösse und Schönheit, die durchaus nicht leicht zu entdecken

sind und in den Beziehungen aller Dinge zu den allgemeinen, ewigen

Gesetzen und Kräften liegen. Die Fähigkeit zu bewundern, die wir an

einer Illusion erprobt haben, ist für die Wahrheit, die ihr später oder

früher folgt, unverloren. Mit Worten und Gefühlen der Vergangenheit, mit

der Glut, die alte, imaginäre Schönheiten entfesselt haben, nimmt die

Menschheit heute Wahrheiten auf, die vielleicht nie geboren wären, noch

günstigen Boden gefunden hätten, wenn diese längst geopferten Illusionen

das Herz und den Verstand, auf welche diese Wahrheiten sich herablassen

wollen, nicht erfüllt und bestärkt hätten. Glücklich die Augen, die

keiner Illusion bedürfen, um die Grösse des Anblickes zu ermessen! Die

anderen lernen eben durch die Illusion aufschauen, bewundern und sich

freuen. Und so hoch sie auch aufschauen mögen, sie werden nie zu hoch

blicken. Je näher man der Wahrheit kommt, desto mehr erhebt sie sich,

und je mehr man sie bewundert, desto näher kommt man ihr. Und so hoch

sie sich auch freuen mögen, sie werden sich nie im Leeren freuen, noch

_über_ der unbekannten ewigen Wahrheit, die über allen Dingen wie eine

unbestimmte Schönheit schwebt.

* * * * *

Heisst das, wir sollen uns der Lüge befleissigen, einer willkürlichen,

unwirklichen Poesie nachtrachten und uns in Ermangelung eines Besseren

an dieser erfreuen? Sollen wir etwa in dem vorliegenden Falle, der an

sich nichts bedeutet, aber für tausend ähnliche Fälle und unsere ganze

Stellung zu gewissen Thatsachenreihen typisch ist -- sollen wir in

diesem Falle etwa die physiologische Erklärung unterlassen und uns nur

an die Empfindung halten, die uns dieser Hochzeitsausflug hinterlässt,

der, was auch seine Ursache sein mag, immerhin einer der schönsten

lyrischen Vorgänge jener plötzlich selbstlosen und unwiderstehlichen

Gewalt bleibt, der alle Lebewesen gehorchen und die man Liebe nennt?

Nichts wäre kindlicher, nichts wäre auch unmöglicher, dank den

trefflichen Gewohnheiten, denen heute alle redlichen Geister huldigen.

Die kleine Thatsache, dass die Befruchtung durch die Drohne nur dann

stattfindet, wenn die Luftsäcke aufgeschwellt sind, wollen wir mit

Freuden aufnehmen, da sie unbestreitbar ist. Aber wenn wir uns damit

begnügten, wenn wir nicht darüber hinausblickten, wenn wir daraus

folgerten, dass jeder zu hoch fliegende oder zu weitgehende Gedanke

notwendigerweise Unrecht hat, und dass die Wahrheit sich allemal in

materiellen Kleinigkeiten befindet, wenn wir nicht irgendwo, vielleicht

in Ungewissheiten, die von grösserer Tragweite sind, als die, welche

durch die kleine Erklärung nun aufgehellt sind, z. B. in dem seltsamen

Mysterium der kreuzweisen Befruchtung, der Fortdauer der Art und des

Lebens, im Weltplan u. s. w. eine Fortsetzung dieser Erklärung, eine

Fortdauer des Schönen und Grossen im Unbekannten suchen: ich möchte fast

behaupten, dass wir unser Dasein dann in grösserem Abstande von der

Wahrheit verbringen würden, als die, welche sich blind auf die poetische

und völlig imaginäre Auslegung dieser wunderbaren Hochzeit verlegen

würden. Sie täuschen sich ohne Zweifel über Form und Farbe der Wahrheit,

aber sie leben weit mehr als die, welche sich schmeicheln, sie ganz und

gar in Händen zu halten, in ihrem Dunstkreise und unter ihrem Einfluss.

Sie sind darauf vorbereitet, sie zu empfangen, denn es ist ein

gastlicherer Raum in ihnen, und wenn sie sie nicht sehen, so erheben sie

ihre Augen doch zu dem Orte der Schönheit und Grösse, allwo es heilsam

ist, sie zu suchen.

Das Ziel der Natur, welches für uns die alle anderen beherrschende

Wahrheit ist, kennen wir nicht. Aber um diese Wahrheit zu lieben, um die

Glut, mit der wir nach ihr trachten, in unserem Herzen zu nähren, müssen

wir sie für gross halten. Und wenn wir eines Tages erkennen sollten,

dass wir auf falscher Fährte sind, dass sie klein und unzusammenhängend

ist, so werden wir diese Entdeckung doch nur der Anregung verdanken, die

uns ihre vermeintliche Grösse gegeben hat, und wenn diese Kleinheit

feststeht, wird sie uns lehren, was zu thun ist. Einstweilen ist es

nicht zu viel gethan, wenn wir im Trachten nach ihr alles Mächtigste und

Verwegenste in Bewegung setzen, dessen unser Verstand und Herz fähig

ist. Und wenn das letzte Wort in alledem etwas Niedriges sein sollte, so

ist es doch nichts Kleines, die Kleinheit oder Hohlheit des letzten

Zieles der Natur aufgedeckt zu haben.

* * * * *

Es giebt für uns noch keine Wahrheit, sagte mir eines Tages einer

unserer grossen zeitgenössischen Psychologen bei einem Spaziergange auf

dem Lande. Es giebt noch keine Wahrheit, aber es giebt überall drei gute

Wahrscheinlichkeiten. Jeder wählt sich eine davon aus, oder besser, sie

wählt ihn, und diese Wahl, die er trifft, oder die ihn trifft, geschieht

oft ganz instinktiv. Er hält sich fortan an sie, und sie bestimmt Form

und Inhalt aller Dinge, die auf ihn eindringen. Der Freund, dem wir

begegnen, das Weib, das uns lächelnd entgegengeht, die Liebe, die unser

Herz öffnet, der Tod oder Kummer, der es schliesst, dieser

Septemberhimmel, dieser schöne, anmutige Garten, in dem man, wie in

Corneilles »Psyche«, grüne, goldumsäumte Lauben erblickt, und die

weidende Herde und der Schäfer, der daneben schläft, und die letzten

Dorfhäuser, und das Meer zwischen den Bäumen: das alles bückt oder

erhebt sich, schmückt oder entkleidet sich seines Reizes, je nach dem

Zeichen, das ihm die Wahl, die wir getroffen, macht. Lernen wir unter

den drei Wahrscheinlichkeiten wählen. Am Abend meines Lebens, in dem ich

so viel nach der kleinen Wahrheit und der physikalischen Ursache

geforscht habe, beginne ich, zwar nicht das zu schätzen, was uns von

diesen ablenkt, wohl aber das, was ihnen vorangeht, und namentlich das,

was etwas über sie hinausgeht. --

Wir waren auf einer jener Hochebenen im Lande Caux in der Normandie

angelangt, das so sanft ist, wie ein englischer Park, aber ein

natürlicher Park ohne Grenzen. Es ist einer jener seltenen Erdenwinkel,

wo das Land vollständig gesund und mit tadellosem Grün bedeckt ist.

Etwas mehr nordwärts wird das Klima zu rauh, etwas mehr nach Süden wirkt

die Sonne erschlaffend und sengend. -- Am Saum einer Ebene, die sich bis

ans Meer herabzog, türmten Bauern einen Getreideschober auf.

Sehen Sie, sagte er, von hier aus gesehen sind sie schön. Sie errichten

ein einfaches und doch so wichtiges Ding; es ist das glückbedeutende und

fast unveränderliche Denkmal des sich bejahenden Menschenlebens: ein

Getreideschober. Die Entfernung und die Abendluft verwandeln ihre

Freudenrufe in eine Art von Lied ohne Worte; es ist wie eine Antwort auf

das Hohelied der Bäume, die über unseren Köpfen rauschen. Der Himmel

über ihnen ist wundervoll, als ob gütige Geister alles Licht mit

feurigen Palmwedeln nach dem Schober zugekehrt hätten, um ihrer Arbeit

noch länger zu leuchten. Und die Spur der Palmen ist am Himmel

geblieben. Sehen Sie die schlichte Dorfkirche halb zur Seite unter den

rundwipfeligen Linden; sie überragt und überwacht sie. Und das Gras des

heimatlichen Kirchhofes, der ins heimische Meer schaut. Sie errichten

ihr Denkmal des Lebens harmonisch zwischen den Denkmälern ihrer Toten,

die dieselben Bewegungen machten und in ihnen weiterleben. Fassen Sie

nun das Ganze zusammen. Es ist ohne besondere, allzu hervorspringende

Einzelheiten, wie man es in England, Holland oder der Provence finden

könnte. Es ist das breite, beschauliche Bild eines natürlichen,

glücklichen Lebens, alltäglich genug, um symbolisch zu wirken. Sehen

Sie, welches Ebenmaass in der nutzbringenden Bethätigung des

Menschenlebens liegt! Blicken Sie den Mann an, der die Pferde lenkt, den

ganzen Körper des anderen, der die Garbe auf der Gabel hinaufreicht, die

Weiber, die sich über das Getreide beugen, und die spielenden Kinder ...

Sie haben keinen Stein verschoben, keine Erdscholle bewegt, um die

Landschaft zu verschönern, sie thun keinen Schritt, sie pflanzen keinen

Baum, säen keine Blume, wo es nicht notwendig ist. Das ganze schöne Bild

ist nichts als das ungewollte Ergebnis des menschlichen Bemühens, sich

eine kurze Zeit in der Natur zu erhalten. Und doch können die unter uns,

die ein Bild der Anmut und des Friedens, ein Bild voll tiefer Bedeutung

ersinnen oder schaffen möchten, nichts Vollkommeneres entdecken und

kommen einfach hierher, um dies zu malen oder zu beschreiben, wenn sie

uns Schönheit oder Glück darstellen wollen. Das ist die erste

Wahrscheinlichkeit, die einige die Wahrheit nennen. --

Gehen wir näher heran. Hören Sie den Gesang, der dem Rauschen der

grossen Bäume so frohgemut antwortete? Er besteht aus groben Worten und

Schimpfreden, und wenn ein Lachen erschallt, so hat ein Mann ein Weib

mit Dreck geworfen, oder sie ziehen den Schwächsten, den Buckeligen auf,

der seine Bürde nicht heben kann, werfen den Lahmen hin oder zausen den

Blöden.

Ich beobachte sie seit manchem Jahr. Wir sind in der Normandie, der

Boden ist fett und leicht zu bebauen. Hier um den Schober herrscht ein

bischen mehr Wohlstand, so dass man nicht überall eine Szene dieser Art

vermutet. Folglich sind die Mehrzahl der Männer Alkoholiker, viele

Weiber sind es gleichfalls, und ein anderes Gift, das ich nicht erst zu

nennen brauche, verdirbt den Volksschlag vollends. Das Resultat davon

sind die Kinder, die Sie da sehen. Dieser Knirps ist skrophulös, dieser

Krummbeinige hat einen Wasserkopf. Alle, Männer und Weiber, junge und

alte, huldigen den gewöhnlichen Lastern des Bauern. Sie sind brutal,

heuchlerisch, verlogen, habgierig, verleumderisch, misstrauisch,

neidisch, auf kleinen unerlaubten Profit bedacht, stets mit der

niedrigsten Erklärung bei der Hand, schmeichlerisch gegen den Stärksten

u. s. w. Die Not weist sie auf einander an und zwingt sie, sich

gegenseitig zu helfen, aber wo sie es unbeschadet thun können, trachten

alle insgeheim danach, sich zu schaden.

Die Schadenfreude ist die einzige wahre Freude des Ortes. Ein grosses

Unglück ist der lange gehätschelte Gegenstand heimtückischen Ergötzens.

Sie belauschen, beargwöhnen, verachten und verabscheuen einander. So

lange sie arm sind, hegen sie gegen die Härte und den Geiz ihrer

Brotherren einen zähen und verschlossenen Hass, und wenn sie selber

Knechte haben, benutzen sie die Erfahrungen ihrer Knechtszeit, um die

Härte und den Geiz, unter denen sie selbst gelitten haben, noch zu

übertreffen. Ich könnte Ihnen manche Einzelheiten über die Schurkereien

und Knickereien, die Tyrannei, Ungerechtigkeit und Ränkesucht erzählen,

die dieser in Frieden und Himmelsschein ruhenden Arbeit zu Grunde

liegen. Wir dürfen nicht glauben, dass der Anblick dieses herrlichen

Himmels und des Meeres, das jenseits ihrer Kirche einen anderen

greifbareren Himmel bildet, der die Erde umfängt, wie ein grosser

Spiegel voller Bewusstsein und Weisheit, -- dass dieser Anblick sie

erhöbe und erbaute. Sie haben ihn nie genossen. Ihr Denken wird nur von

drei oder vier ganz bestimmten Furchtempfindungen geleitet: der Furcht

vor Hunger, der Furcht vor der Kraft, der öffentlichen Meinung, dem

Gesetze, und in der Todesstunde der Furcht vor der Hölle. Um zu zeigen,

was sie wert sind, müsste man sie einzeln vornehmen. Erst den grossen

Burschen rechts, der so gemütlich aussieht und so schön die Garbe wirft.

Vergangenen Sommer zerbrachen ihm seine Freunde bei einem Streit im

Wirtshause den rechten Arm. Ich habe den Bruch geheilt, es war eine

schlimme, komplizierte Geschichte. Ich habe ihn lange gepflegt. Ich habe

ihn unterstützt, bis er wieder arbeiten konnte. Er kam alle Tage zu mir.

Er hat sich das zu Nutze gemacht und im Dorfe verbreitet, er hätte mich

in den Armen meiner Schwägerin überrascht, und meine Mutter tränke. Er

ist nicht schlecht und will mir nicht böse, im Gegenteil, sein Gesicht

strahlt von dem aufrichtigsten Lächeln, wenn er mich sieht. Es war kein

sozialer Hass, der ihn dazu trieb. Der Bauer hasst den Reichen nicht,

dazu hat er zu viel Respekt vor dem Reichtum. Aber ich denke, mein

wackerer Gabelschwinger begriff nicht, warum ich ihn pflegte, ohne

Vorteil daraus zu ziehen. Er witterte Ränke und wollte nicht der

Genarrte sein. Mehr als einer, reich oder arm, hatte es vor ihm ebenso

getrieben, oder noch schlimmer. Er glaubte nicht, dass er löge, als er

seine Erfindungen verbreitete, er stand unter dem Drucke der Moralität

seiner Umgebung. Er gehorchte unwissentlich und gewissermaassen wider

Willen dem allmächtigen Gebote der allgemeinen Niedertracht ... Aber

warum dies Bild weiter ausmalen? Wer einige Jahre auf dem Lande gelebt

hat, der kennt es ja. Das ist also die zweite Wahrscheinlichkeit, die

von den Meisten »die Wahrheit« genannt wird. Es ist die Wahrheit des

notwendigen Lebens. Es ist unzweifelhaft, dass sie auf den

zuverlässigsten Thatsachen beruht, den einzigen, die jeder Mensch

beobachten und erfahren kann. --

Setzen wir uns hier auf diese Garben, fuhr er fort, und sehen wir weiter

zu. Verwerfen wir keine der kleinen Thatsachen, welche die eben genannte

Realität ausmachen. Lassen wir sie von selber im Raum kleiner werden.

Sie füllen den Vordergrund aus, aber hinter ihnen, das muss man wohl

zugeben, steht eine grosse, höchst merkwürdige Kraft, die das Ganze in

starken Händen hält. Hält sie es aber nur, oder vielmehr, erhebt sie es

nicht? Die Menschen, die wir da sehen, sind nicht mehr in allen Stücken

die wilden Tiere La Bruyère's, die so etwas wie eine artikulierte Stimme

hatten und sich des Nachts in Höhlen verbargen, wo sie von Schwarzbrot,

Wasser und Wurzeln lebten ...

Die Rasse, werden Sie mir sagen, ist weniger kräftig und gesund. Wohl

möglich. Das Alkohol und die andere Plage sind Zufälle, deren die

Menschheit auch Herr werden muss. Vielleicht sind es Prüfungen, die

manchen unserer Organe, z. B. dem Nervensystem, zum Heile gereichen

werden, denn wir sehen das Leben aus den Übeln, die es überwindet,

regelmässig Vorteil ziehen. Überdies kann ein Nichts, das vielleicht

morgen gefunden wird, sie unschädlich machen. Dies ist es also nicht,

was unseren Blick beschränken darf. Diese Menschen haben Gedanken und

Empfindungen, welche diejenigen La Bruyère's noch nicht hatten. -- Ich

mag die einfache, nackte Bestie lieber, als das abstossende Halbtier,

murmelte ich. -- Da sprechen Sie ganz im Sinne der ersten

Wahrscheinlichkeit, die wir ins Auge fassten, entgegnete er. Vermischen

wir sie nicht mit der, die wir jetzt prüfen wollen. Diese Gedanken und

Empfindungen sind klein und niedrig, wenn Sie wollen, aber das Kleine

und Niedrige ist schon ein Fortschritt gegen das Nichts. Sie gebrauchen

sie nur, um sich zu schädigen und in ihrer Mittelmässigkeit zu beharren,

aber es geht in der Natur oft so zu. Die Gaben, die sie gewährt, werden

zuerst nur zum Bösen gebraucht und machen das, was sie scheinbar

verbessern wollte, nur noch schlimmer, aber zuletzt entspringt diesem

Übel doch ein gewisses Gutes. Übrigens bin ich gar nicht darauf aus, den

Fortschritt zu beweisen. Er ist je nach dem Standpunkte, von dem man ihn

betrachtet, etwas sehr Grosses oder etwas sehr Kleines. Die Lage des

Menschen etwas menschenwürdiger, etwas weniger qualvoll zu gestalten,

das ist ein grosses Ziel, das ist vielleicht das sicherste Ideal, aber

wenn man von den materiellen Folgen einmal absieht, so ist der Abstand

zwischen dem Menschen, der an der Spitze des Fortschrittes schreitet,

und dem, der blindlings hintendreinläuft, nicht beträchtlich. Unter

diesen jungen Bauernflegeln, deren Hirn nur von verworrenen Gedanken

erfüllt ist, haben mehrere die Möglichkeit, den Grad von Bewusstsein, in

dem wir leben, in kurzer Zeit zu erlangen. Man wundert sich oft, wie

klein der Unterschied zwischen der Unbewusstheit dieser Menschen, die

man für vollständig hält, und dem Bewusstsein ist, das wir für das

höchste ansehen.

Überdies: woraus besteht denn dies Bewusstsein, auf das wir so stolz

sind? Aus weit mehr Schatten, als aus Licht, aus weit mehr erworbener

Unwissenheit als aus Wissen, aus weit mehr Dingen, auf deren Erkenntnis

wir mit vollem Bewusstsein verzichten müssen, als aus bekannten.

Trotzdem liegt in ihm alle unsere Würde, unsere wirklichste Grösse, und

vielleicht ist es die erstaunlichste Erscheinung auf der Welt. Es lässt

uns die Stirn zu dem unbekannten Prinzip erheben und zu ihm sprechen:

»Ich kenne Dich nicht, aber etwas in mir erfasst Dich schon. Du wirst

mich vielleicht zerstören, aber wenn Du aus meinen Trümmern keinen

besseren Organismus zusammensetzen kannst, als ich bin, so bist du

meiner nicht wert, und das Schweigen, das dem Tode der Art folgt, zu der

ich gehöre, wird Dich lehren, dass Du gerichtet bist. Und wenn Dir nicht

einmal daran liegt, eine gerechte Verurteilung zu erfahren, was liegt

dann an Deinem Geheimnis? Wir wollen es dann nicht mehr ergründen. Es

muss stumpfsinnig und schauderhaft sein. Du hast durch Zufall ein Wesen

hervorgebracht, zu dessen Erzeugung Du nicht das Vermögen hattest. Ein

Glück für den Menschen, dass Du ihn durch einen entgegengesetzten Zufall

wieder ausgemerzt hast, ehe er den Abgrund Deiner Geistlosigkeit

ermessen hat, und noch mehr Glück für ihn, dass er die unendliche

Abfolge Deiner scheusslichen Zufallsspiele nicht mehr erlebt. Er gehörte

nicht in eine Welt, in der seiner Vernunft keine ewige Vernunft

entsprach, in der sein Trachten nach dem Besten kein wirkliches Gut

erreichen konnte.«

Noch einmal: der Fortschritt ist nicht unbedingt erforderlich, damit das

Schauspiel uns begeistert. Das Rätsel genügt, und dieses Rätsel hat in

jenen Bauern ebensoviel Grösse und mystischen Glanz, wie in uns. Man

findet es überall, wenn man dem Leben bis auf seinen allmächtigen

Urgrund nachgeht. Dieser Urgrund erhält von Jahrhundert zu Jahrhundert

einen anderen Namen. Einige waren deutlich und bestimmt, und waren

tröstlich. Man hat erkannt, dass dieser Trost und diese Bestimmtheit

illusorisch waren. Aber mögen wir ihn Gott, Vorsehung, Natur, Zufall,

Leben, Geist, Materie, Verhängnis nennen, das Mysterium bleibt sich

gleich, und alles, was wir in Jahrtausende langer Erfahrung gelernt

haben, ist, ihm einen immer weiteren, uns menschlich näher stehenden

Namen zu geben, der dem, was wir erwarten, und dem, was sich nicht

vorhersehen lässt, Rechnung trägt. Diesen Namen führt er heute bereits,

und darum ist er niemals grösser erschienen. -- Dies ist einer der

zahlreichen Fälle der dritten Wahrscheinlichkeit und auch ein Stück

Wahrheit.

Das Leben der Bienen · 第 5 / 18 题