VON MENSCHEN UND MENSCHLICHEM__

_DIE MENSCHHEIT_

Es ist vielleicht nicht die eleganteste Gesellschaft, wenn man mit

Bettlern und Hungerleidern zusammen nach dem Ziele strebt. Aber ich

spreche ja nicht von der Kanzel einer Synagoge, und so mag es mir

gestattet sein, zu sagen, dass wir Zionisten nicht davor

zurueckschrecken, mit Bettlern und Hungerleidern zu gehen, wenn das Ziel

die Gerechtigkeit ist. Vielleicht werden wir bei dieser Gelegenheit die

Moeglichkeit sozialer Verbesserungen entdecken und verwirklichen, die

auch den Muehseligen und Beladenen anderer Voelker zunutze kommen. Dann

erst werden wir wahre Israeliten sein.

(_Rede in London._)

Ich glaube an das Aufsteigen der Menschen zu immer hoeheren Graden der

Gesittung; nur halte ich es fuer ein verzweifelt langsames. Wollten wir

warten, bis sich der Sinn auch der mittleren Menschen zur Milde

abklaert, die Lessing hatte, als er Nathan den Weisen schrieb, so

koennte darueber unser Leben und das unserer Soehne, Enkel und Urenkel

vergehen.

Erfindungen und Entdeckungen haben die Menschen nicht duemmer gemacht

und auch nicht schlechter. Man vervollkommnet die Schiessgewehre, aber

als man noch mit Streitaxt und Morgenstern zu Felde zog, hatte man

ebensowenig die Absicht, dem Feinde das Leben zu verlaengern oder es ihm

suess zu machen.

(_Buch der Narrheit_)

Auch um das Eisen aus dem Schosse der Erde zu holen, ist Gold erfordert

worden. Schien es nicht, als waere das ein theoretischer Tausch? Eisen,

etwas Wertloses, gewiss kein edles Metall! Aber der Mensch hat seine

Arbeit und Gedanken dazu gegeben, und siehe, das schlechte Metall

verwandelt seine Gestalt: es wird Schiene und schlingt sich als Band von

Land zu Land, es wird Werkzeug und Maschine, Saeule und Traverse, es

schwingt sich als Bruecke ueber den Strom und gleitet trotz seiner

Schwere als Schiff ueber das duftende Meer nach neuen und alten

Gestaden.

(_Rede im Makkabaeerklub._)

Es waere unsittlich, wenn wir einem Menschen, woher er auch komme,

welchen Stammes oder Glaubens er auch sei, die Teilnahme an unseren

Errungenschaften verwehren wollten. Denn wir stehen auf den Schultern

anderer Kulturvoelker.

(_Altneuland._)

-- Uns ist nichts Menschliches fremd. Auch wir wollen an der

_Besserung_ der allgemeinen Zustaende mitarbeiten, aber als Juden, nicht

als unbestimmte Menschen, und was wir dann als Juden tun, das wird uns

auch zur Ehre gereichen.

(_Rede in der Oesterr. Union._)

Eine grosse Helligkeit stroemte von der Menorah aus. Die Augen der

Kinder glaenzten. Unserem Manne aber wurde das Ganze zu einem Gleichnis

fuer die Entflammung der _Nation_. Erst eine Kerze, da ist es noch

dunkel, und das einsame Licht sieht noch traurig aus. Dann findet es

einen Gefaehrten, noch einen, noch mehr. Die Finsternis muss weichen.

Bei den Jungen und Armen leuchtet es zuerst auf, dann schliessen sich

die andern an, die das Recht, die Wahrheit, die Freiheit, den

Fortschritt, die Menschlichkeit, die Schoenheit lieben. Wenn alle Kerzen

brennen, dann muss man staunen und sich freuen ueber das getane Werk.

Und kein Amt ist beglueckender als das eines Dieners am Licht.

(_Die Menorah._)

_DIE MENSCHEN_

Ein Zustand, wo jeder tun koennte, was er will, ist schwerlich zu

ersehnen. Wenn das voruebergehende Ich voellig sich ausleben duerfte,

ginge das ewige Ich darueber zugrunde. Der Einzelne muss darum

gebaendigt werden. Die Freiheit als etwas Absolutes wuenschen kann nur

ein Schwaermer oder ein Tor. Der Einzelne, der sich inmitten der

Gesellschaft schrankenlos ausleben will, ist immer ein Verbrecher. Die

verschlafenen Juristen von der Universitaet sondern das gemeine

Verbrechen vom politischen. Die Ketzerrichter urteilen klarer, wenn sie

auch das politische ein gemeines nennen. Vom Staate aus gesehen

verschwindet naemlich der Unterschied. Und wer den Einzelnen wie die

Gesamtheit mit demselben gelassenen Blick anschaut, der findet, dass

alle Verbrechen politische sind. Die Gesetze sind ja bloss die

Form -- die zeitweilige, besserungsfaehige, aber deutliche --, in

welcher die grosse Persoenlichkeit eines Volkes die Beduerfnisse und

Bedingungen ihres Daseins ausspricht.

(_Palais Bourbon._)

Die Menge ist bekanntlich grossmuetig und boshaft, intelligent und

albern, tollkuehn und feig -- alles in demselben Augenblick -- sie

weicht einem Milchkarren vorsichtig aus und geht in die Bajonette

hinein, sie lacht ueber einen Witz und versteht keinen Spass, wird durch

eine sentimental aufgedonnerte Phrase geruehrt und jubelt einer

Grausamkeit zu.

(_Philosophische Erzaehlungen._)

Die Menschen naehern sich einander nicht, wenn es keinen Notstand gibt,

und vielleicht haben darin alle recht. Das Gemeingefuehl, die

Gemeinbuergschaft erwachen nur in den Katastrophen.

(_Feuilletons_)

Die Rechtlosigkeit des Einzelnen ist dem Kollektivismus und der

unbeschraenkten Monarchie gemeinsam. Nur laesst der Kollektivismus etwas

Unkoerperliches, Ungreifbares ueber dem Staate schweben, und darum wird

er als etwas Dauerndes spaet oder nie in Erfuellung gehen. Die Massen

denken niemals in Ideen und immer in Personen. Es ist aber eine der

reizendsten Antinomien, dass gerade die gestaltlosen Tyrannen verhasst

sind. Kommt einmal der unbestimmte Despot, so ist das Volk froh, ihn

durch einen bestimmten zu ersetzen. Er muesste sonst sich selbst

zuernen, sich selbst hassen, sich selbst den Untergang wuenschen wegen

der Haerten, die vom Herrschen untrennbar sind. Die richtige naive

Republik will einen Grossherzog an der Spitze haben.

(_Feuill._)

Versammlungen werden wie andere nervoese Wesen durch die Farbe einer

Stimme gereizt und beschwichtigt, aufgeruehrt und bezaubert.

(_P. B._)

Das Moralische faengt erst spaeter an: naemlich beim Bewusstsein! Beim

Ueberwinden des Instinktiven.

(_Das neue Ghetto._)

_ALLGEMEIN VOeLKERPSYCHOLOGISCHES_

Wissen Sie, woraus das _Deutsche Reich_ entstanden ist? Aus

Traeumereien, Liedern, Phantasien und schwarz-rot-goldenen Baendern. Und

in kurzer Zeit! Bismarck hat nur den Baum geschuettelt, den die

Phantasten pflanzten.

(_Theodor Herzl und Baron Hirsch._)

Die _Schweiz_ kann einen nervoes machen! Dieses gepriesene Land, in

welchem nur auf dem Fruehstueckstische Milch und Honig fliesst, besteht

aus Bergen, Taelern, Fremdenfuehrern, Wasserfaellen, Hotelrechnungen,

die aber hoch ueber der Meeresflaeche sind, Tell-Statuen, Gletschern,

geschichtlichen Erinnerungen, umherziehenden englischen

Maedchenpensionaten und anderen Reichen. Sehenswuerdigkeiten, nichts als

Sehenswuerdigkeiten! Doch ist die Bevoelkerung nicht hierher zu rechnen,

denn dieselbe stammt zum groessten Teil aus Amerika. Die Nichtamerikaner

sind Mitglieder des Deutschen Theaters in Berlin. Lediglich zur

Erzielung eines gewissen Lokalkolorits sind in passenden Zwischenraeumen

auch Eingeborene aufgestellt. Diese sind mit Leichtigkeit daran zu

erkennen, dass sie entweder von einem Bundesschiessen kommen oder zu

einem Saengerfest mit trikoloren Stand- und Redensarten eilen.

(_Buch d. N._)

Der deutsche Schriftsteller hat mit ausserordentlichen Schwierigkeiten

zu kaempfen, sobald er _Italien_ gruendlich beschreiben will; dieses

Land ist schon viel zu sehr entdeckt.

(_Buch d. N._)

_Asien_ ist das diplomatische Problem des naechsten Jahrzehnts.

(_II. Kongressrede._)

Mein Gott, wer luegt im _Sueden_ nicht? Dort klingen Luegen nur wie

Maerchen.

(_P. B._)

Aber mit demselben Aufwande von Lungenkraft und Grobheit, den ein

Packtraeger in Aegypten macht, um einen Piaster mehr zu bekommen,

koennte er in einem zivilisierten Lande mit Leichtigkeit Abgeordneter

werden. Der Wert der Grobheit steigt naemlich mit der Kultur eines

Volkes.

(_Feuill._)

Die Teilung der _Tuerkei_ wuenscht jetzt niemand, denn das wuerde den

_Weltkrieg_ bedeuten.

(_Der Kongress._)

_DIE FRANZOSEN_

Die Franzosen boxen mit Faeusten und Fuessen, und so gebraucht Pelletan

in der Debatte nebst der Logik auch die Sophistik.

(_P. B._)

Die Deputierten haben natuerlich, wie alle Franzosen, eine Lust am

Reden. Nirgends steht das gesprochene Wort in solchem Ansehen, wie in

diesem Lande. Darum gibt es nirgends so viele und so gute Plauderer,

Deklamatoren, Vorleser, Zahnbrecher und Volksredner, wie hier.

(_P. B._)

Seit Freycinet ist kein so grosser mittelmaessiger Mensch aufgetaucht,

wie Herr Raimond Poincare. Sein Name wird noch auf vielen Ministerlisten

stehen, und zwar an der Spitze.

(_P. B._)

In London bleiben die Leute stehen, wenn sie Ball spielen sehen; in

Paris, wenn sie reden hoeren.

(_P. B._)

In _Frankreich_ ist entweder die Bronze billig oder die grossen Maenner

sind es.

(_Buch d. N._)

_DIE ENGLAeNDER_

Das macht ja die Groesse _Englands_ aus, dass es diese beiden Kraefte

gluecklich benuetzt: im Innern den starren, konservativen Juristengeist

und nach aussen die bewegliche Abenteuerlust des kaufmaennischen

Geistes.

(_P. B._)

Wer es nicht schon wuesste, dass die Englaender das herrschende

Kulturvolk unseres Zeitalters sind, der wuerde es auf einem Rennfelde

erfahren.

(_Feuill._)

Wenn man die Wahl haette, in welcher Sprache man schreiben moechte, um

den treuesten und groessten Leserkreis zu haben, um Macht auf die

Gemueter auszuueben und eine Spur zu hinterlassen, muesste man sich fuer

das Englische entscheiden. Franzoesisch klingt ja auch weit, aber die

Franzosen haben kein Gedaechtnis fuer den gestrigen Tag ihrer Literatur.

(_Feuill._)

Die Englaender haben recht das Stachelige und Gemuetliche des Mark

Twain. Sein Humor ist etwas Ungeheures, Gewaltsames, Umwerfendes. Wahre

Bloecke der Lustigkeit, fuer ein Volk berechnet, das nicht laechelt.

Wenn sich der Mann englischer Zunge zum Lachen entschliesst, will er

gleich ausgiebig lachen, auf einmal, ordentlich und dass es kracht.

(_Feuill._)

Englisch ist namentlich der Ausbau der koerperlichen Uebung nach der

Seite des Geldgewinnes hin. Auf das Spiel ist noch die Wette gepfropft.

(_Feuill._)

Einem Englaender waere es in der Tat unerfindlich, wie man einen

Menschen in seiner Freiheit, in der Pflege seines Glaubens, seiner

Sprache oder Tradition behindern koennte. Und so begibt es sich, dass

ein Volk, welches das Glueck hat, von England unterjocht zu werden, eine

Freiheit geniessen lernt, von der es vorher keine Ahnung hatte.

(_Feuill._)

_POLITIK UND REGIERUNGEN_

Wie eben Geschichte wird, ziellos und wahllos. Dabei muss der

geschichtliche Sinn denen anfliegen, die sich ein wenig Rechenschaft

geben oder auch nur manchmal aus ihrem Daemmern auffahren. Freilich

kommen sogar mehrere zur Regierung und verlassen sie, ohne nachgedacht

zu haben. Die werden auf die Ministerbank geschwemmt, wie Austern auf

eine Bank, und verharren da mit dem Geistesleben einer Auster, bis man

sie abkratzt.

(_P. B._)

Ein Regierungsmensch muss von dem Grundsatze ausgehen: das Widrige, das

ich nicht ganz verhindern kann, lasse ich unbehelligt laufen; dann wird

es sich verlaufen . . . Aber diese halb gefesselten Gedanken sind

gefaehrlich. Denn sie zeigen die oeffentliche Gewalt von zwei

bedenklichen Seiten: in ihrer Grausamkeit, in ihrer Ohnmacht.

(_P. B._)

Die Regierungen lernen nie aus den Fehlern ihrer Vorgaenger. Sie wissen

noch immer nicht, dass ein Verbot der Eingang zum Ruhme ist.

(_P. B._)

Der Schacher mit dem Einfluss ist durchaus nichts Neues oder

Republikanisches oder Parlamentarisches, Was waren denn die Salons des

ancien regime, was war der Hof? Winkelboersen und Clearing-House fuer

den Machthandel.

(_P. B._)

Was waere das Volk fuer ein mangelhafter Souveraen -- wenn es naemlich

ueberhaupt einer waere. Es raubt denen das Ansehen, die es hinaufhebt.

(_P. B._)

Ich weiss so gut, wie ein anderer, dass der hohe Zweck der _Demokratie_

ist, das Ueberragen Einzelner zum Wohle der Gesamtheit zu zerstoeren.

(_P. B._)

Mit ihrem Neid und ihrer Undankbarkeit leidet die Demokratie keine

Groessen.

(_P. B._)

Die Konsequenz ist nun in der Politik ein aehnlich hergerichteter

Begriff wie "Treu und Glauben" im Handelsrecht; es steckt auch

ebensoviel dahinter.

(_P. B._)

In allen Parlamenten der Welt ist ja keiner, der auf dem Wege von der

Opposition zur Regierung nicht ein wenig mit seiner Vergangenheit

gebrochen haette.

(_P. B._)

_NATIONALSOZIALES_

Ich denke mir eine weisse _Fahne_ mit sieben goldenen Sternen. Das

weisse Feld bedeutet das neue, reine Leben; die Sterne sind die sieben

goldenen Stunden unseres Arbeitstages. Denn im Zeichen der Arbeit gehen

die Juden in das neue Land.

(_Der Judenstaat._)

Der Reichtum eines Landes sind seine arbeitenden Menschen.

(_Altneuland._)

Der _Normalarbeitstag_ ist der Siebenstundentag!

(_Der Judenstaat._)

Einzelne vorgeschrittene Sozialpolitiker behaupten sogar, dass der

Fuenfstundentag vollkommen ausreichen wuerde. Die Society of Jews und

die Jewish Company werden ja darin reiche neue Erfahrungen

sammeln -- die den uebrigen Voelkern der Erde auch zugute kommen

werden -- und wenn sich zeigt, dass der Siebenstundentag praktisch

moeglich ist, so wird ihn unser kuenftiger Staat als gesetzlichen

Normaltag einfuehren.

(_Der Judenstaat._)

Die Hereinziehung nichtjuedischer _Arbeitssklaven_ ins Land wird die

Society zu vereiteln wissen durch eine gewisse Boykottierung

widerspenstiger Industrieller, durch Verkehrserschwerungen und

dergleichen. Man wird also die Siebenstundentaegler nehmen muessen. So

naehern wir uns beinahe zwanglos dem Normaltage von sieben Stunden.

(_Der Judenstaat._)

_Schwangere_ Frauen sind von jeder Arbeit befreit und werden vom Truck

reichlicher genaehrt. Denn wir brauchen in der Zukunft starke

Geschlechter.

(_Der Judenstaat._)

Die Beamten werden _Ehe-_ und _Kinder_zulagen haben. Wir brauchen Leute,

alle, die da sind und alle, die nachkommen.

(_Der Judenstaat._)

In neuen Kulturen _heiratet_ man _frueh_. Das kann der allgemeinen

Sittlichkeit nur zustatten kommen, und wir erhalten kraeftigen

Nachwuchs, nicht jene schwachen Kinder spaetverheirateter Vaeter, die

zuerst ihre Energie im Lebenskampf abgenuetzt haben.

(_Der Judenstaat._)

Niemand braucht mehr aus Not zum Verbrechen zu schreiten, wenn er

_arbeiten_ will. Aus Hunger duerfen keine Selbstmorde mehr begangen

werden. Diese sind ja ohnehin eines der aergsten Schandmale einer

Kultur, wo vom Tische der Reichen den Hunden Leckerbissen hingeworfen

werden.

(_Der Judenstaat._)

Wir haben unsere Gesellschaft gleichsam ohne erbliche Belastung

eingerichtet.

(_Altneuland._)

Bei uns im Zukunftsstaat Altneuland aber werden die Kinder fuer die

Geschaefte der Vaeter nicht belohnt und nicht bestraft. Fuer jede neue

Generation stellen wir wieder den Anfang der Dinge her. Darum sind

saemtliche Schulen von der Elementarschule bis zur Zions-Universitaet

unentgeltlich, und die Schueler muessen bis zur Reifepruefung in der

Mittelschule die gleiche einfache Kleidung tragen. Wir glauben naemlich

nicht, dass es moralisch gut ist, wenn Rang oder Reichtum der Eltern die

Kinder in der Schule unterscheidet. Das verdirbt alle. Die Kinder der

Vornehmen werden hochmuetig und faul, die Kinder der anderen werden

frueh verbittert.

(_Altneuland._)

Aus der tiefen Not entstehen Krankheiten und sittliche Verwahrlosung,

und die verduesterten Gemueter werden ein Naehrboden fuer alle

aeussersten Umsturzgedanken. In der gesunden Arbeit auf einer geliebten

Erde, glauben wir, ist das Heil zu finden. Die Arbeit soll unserem Volke

das morgige Brot verschaffen und auch die Ehre von morgen, die Freiheit

von morgen.

(_III. Kongressrede._)

_DIE SOZIALE FRAGE_

Die soziale Frage ist ein Ergebnis von Maschinen, die frueher nicht da

waren. Vor der Dampfzeit waren Eigentum und Arbeit vereinigt. Jetzt sind

sie geschieden. Auf der einen Seite Eigentum ohne Arbeit, auf der andern

Arbeit ohne Eigentum an den Arbeitsmitteln. Die Maschine bekommt

Sklaven. Das Weib wird dem haeuslichen Herde, die Mutter den Kindern

entrissen. Dann macht man die Kinder zu Konkurrenten der Eltern. Dabei

wird das Menschenmaterial verschwendet und verdorben.

(_P. B._)

Der Dampf hat die Menschen um die Maschinen herum in den Fabriken

versammelt, wo sie aneinander gedrueckt sind und durcheinander

ungluecklich werden. Die _Produktion_ ist eine ungeheure, wahllose,

planlose, fuehrt jeden Augenblick zu schweren Krisen, durch die mit den

Unternehmern auch die Arbeiter zugrunde gehen. Der Dampf hat die

Menschen aneinandergepresst, die Anwendung der Elektrizitaet wird sie

vermutlich wieder auseinander streuen und vielleicht in gluecklichere

Arbeitszustaende bringen.

(_Der Judenstaat._)

Aus unserer Natur entsteht ja alles Uebel. Nachdem wir eine neue

Einrichtung gefunden haben, verderben wir sie zunaechst. Dann entdecken

wir, dass wir damit unsere Entwickelung gefaehrden und schwingen uns zu

einer hoeheren Einrichtung auf, die allmaehlich auch verdorben wird. Und

so, so geht es langsam aufwaerts.

(_P. B._)

Es braucht oft tausend Jahre, bis die Menschheit mit all ihren Weisen

und Starken das begreift, was man einem kleinen Kinde in zwei Minuten

erklaeren kann.

(_Feuill._)

-- -- -- Das Recht ist wie ein graues Eisen,

Und das Erbarmen soll darauf die Farben

Hinspielen als der Sonnenstrahl.

(_Die Glosse._)

_ELEND UND SOZIALE TEILNAHME_

Man wird von der Arbeit muede wie vom Muessiggang, wenn auch viel

spaeter.

(_Buch d. N._)

Das Erwerben muss auch einmal ein Ende nehmen, damit man sich des

Erworbenen freue.

(_Buch d. N._)

Den Hungrigen gehoert die Welt.

(_Altneuland._)

Vielleicht sind die Hungrigen geistreicher als die Satten.

(_P. B._)

Es gibt Gegenden auf dem allgemeinen Schlachtfelde, wo nicht nur die

Schwachen, sondern auch die uebrigen zugrunde gehen. Alle! Es gibt Grade

des Elendes, die nicht mehr produktiv sind.

(_Feuill._)

Manche wurden aus Not Journalisten und handelten mit oeffentlicher

Meinung. Noch andere tummelten sich in Volksversammlungen herum,

hausierten mit wertlosen Schlagworten.

(_Altneuland._)

Aus dem, was man nicht hat, erwaechst die Ueberzeugung.

(_Feuill._)

Es gibt so viele Existenzen, die nur durch Schmerzen bunt werden.

(_Feuill._)

Wer um Gnade flehen will, muss sich dazu eines Nebelhornes bedienen, und

um das Herz der Menschen zu erweichen, braucht man wohl einen grossen

Hammer, tausend Zentner schwer, und der muss unaufhoerlich niederfallen.

(_Feuill._)

Aber es ist doch wunderbar, wie objektiv man die Ueberschwemmungen

betrachtet, wenn man ueber dem hoechsten Wasserstande wohnt. Die

Psychologie des Geborgenen waere ein huebsches Kapital zur

Menschenkunde. Weit vom Ziel ist gut vorm Schuss, sagt unser

vortrefflicher Freund, das Sprichwort. Und wenn man nun nach Mitteln

suchte, um in den Geborgenen hoehere Grade der Teilnahme hervorzurufen,

man faende wohl nur dieses: ihnen die Fuesse ins Wasser einzutauchen.

Sie wuerden alles gleich viel besser verstehen.

(_Feuill._)

Einen Menschen, dem es schlecht geht, erkennen die wenigsten . . . auf

einmal sind alle kurzsichtig.

(_Das neue Ghetto._)

Wer in einem warmen Zimmer sitzt, muss ein Dichter sein, wenn er sich

Frostbeulen vorstellen soll.

(_Rede in Wien._)

_DIE UTOPIE_

Es waere ja keine Schande, eine menschenfreundliche Utopie geschrieben

zu haben.

(_Der Judenstaat._)

Als die Eisenbahnzeit ueber Europa kam, gab es Praktiker, welche den Bau

gewisser Linien fuer toericht erklaerten, "weil dort nicht einmal die

Postkutsche genug Passagiere habe". Man wusste damals die Wahrheit noch

nicht, die uns heute als eine kindlich einfache vorkommt: dass nicht die

Reisenden die Bahn hervorrufen, sondern umgekehrt die Bahn die Reisenden

hervorruft, wobei freilich das schlummernde Beduerfnis vorausgesetzt

werden muss.

(_Der Judenstaat._)

Das liegt freilich in der Zukunft, wie die Entwicklung des Bahnverkehrs

fuer die Menschen der dreissiger Jahre in der Zukunft lag. Die

Eisenbahnen wurden dennoch gebaut. Man ist gluecklicherweise ueber die

Bedenken von Praktikern der Postkutsche hinweggegangen.

(_Der Judenstaat._)

Schon scheint das Wort "_unmoeglich_" aus der Sprache der Technik

verschwunden zu sein. Kaeme ein Mann des vorigen Jahrhunderts wieder, er

faende unser ganzes Leben voll unbegreiflicher Zaubereien.

(_Der Judenstaat._)

Was im Kleinen unzweckmaessig oder undurchfuehrbar ist, muss es noch

nicht im ganzen sein. Ein kleines _Unternehmen_ kann unter denselben

Bedingungen Verlust bringen, unter denen sich ein grosses rentiert. Ein

Bach ist nicht einmal mit Kaehnen schiffbar; der Fluss, in den er sich

ergiesst, traegt stattliche eiserne Fahrzeuge.

Jeder Finanzminister rechnet in seinem Staatsvorschlage mit zukuenftigen

Ziffern und nicht nur mit solchen, die er aus dem Durchschnitt frueherer

Jahre oder aus anderen vergangenen und in anderen Staaten vorkommenden

Ertraegen konstruiert, sondern auch mit praezedenzlosen Ziffern,

beispielsweise bei Einfuehrung einer neuen Steuer. Man muss nie ein

Budget angesehen haben, um das nicht zu wissen. Wird man darum einen

Finanzgesetzentwurf fuer eine Utopie halten, selbst wenn man weiss, dass

der Voranschlag nie ganz genau eingehalten werden kann?

(_Der Judenstaat._)

Von unseren Gegnern wird behauptet, es gaebe unuebersteigbare politische

Hindernisse, aber das laesst sich auch vom kleinsten Hindernis sagen,

wenn man keine Lust hat, es zu uebersteigen.

(_V. Kongressrede._)

Traum ist von Tat nicht so verschieden, wie mancher glaubt. Alles Tun

der Menschen war vorher Traum und wird spaeter zum Traume.

(_Altneuland._)

Wenn ihr aber nicht wollt, so ist und bleibt es ein Maerchen.

(_Altneuland._)

Nicht jeder, der gegen Windmuehlen kaempft, ist ein Don Quixote.

(_Buch d. N._)

_ZUKUNFT_

Hat nicht er selbst, der grosse Pessimist, Schopenhauer, sich immer an

seine kommende Gemeinde gewendet? Auch er glaubte also ueber die

Verneinung hinweg an das Zukuenftige. Dieses ist das Einzige, wovon man

nicht enttaeuscht wird.

(_Phil. Erz._)

Der Weg in die Zukunft muss durch das Elend fuehren.

(_Feuill._)

Wer die _Zukunft_ vorbereitet, muss ueber die Gegenwart hinwegblicken

koennen.

(_Phil. Erz._)

Wenn ich an die Stelle eines alten Baues einen neuen setzen will, muss

ich zuerst demolieren und dann konstruieren.

(_Der Judenstaat._)

Es weht ein Fruehling aus den alten Werken,

Die unsern Geist und unsern Willen staerken.

Die alte Zeit ersteht in neuen Bauten.

(_Die Glosse._)

Es gibt eine Pflicht der Intellektuellen, wie es in alten Zeiten ein

Noblesse oblige! gab. Es ist die Pflicht, an der Erhoehung des

Menschengeschlechtes mitzuwirken, jeder nach seiner Kraft und Einsicht.

(_Altneuland._)

. . . Sie vergessen, dass wir in kuenftigen Zustaenden leben, denn das

Heute ist die Zukunft von Gestern.

(_Altneuland._)

Neue Formeln koennen nicht oft genug ausgesprochen werden.

(_Die Aufgaben der Bank._)

Wer begehrt, ist jung.

(_P. B._)

Die Armut erhaelt lange jung. Was ist Jugend anderes, als ein Lechzen,

eine immerwaehrende Begierde? Beim Haben beginnt die Verdrossenheit, das

Alter.

(_Feuill._)

_WEISHEIT_

Ein Philosoph muss schweigen, ein _Politiker_ reden koennen.

(_Leroy-Beaulieu ueber den Antisemitismus._)

Jede Zeit hat ihre Weisheit, ihre Weisen.

(_M. C. Montefiores Ansichten._)

Wer hat nicht, selbst im guten Glauben, die gleichen Dinge einmal weiss

und einmal schwarz geschildert? Jeder Tag hat seine Beleuchtung.

(_P. B._)

Ohne Trost und haltlos und feige sind nur diejenigen, die noch nicht

weise und nicht mehr glaeubig sind.

(_Feuill._)

Jedes Tagebuch enthaelt eine Pose.

(_Feuill._)

Denn in dieser niederen Welt (und besonders in Vocance, wo kein

Wirtshaus ist) haengen unsere besten Entschluesse von den Umstaenden ab.

(_P. B._)

Das Sprichwort ist das anonyme Bekenntnis der Menschen.

(_Feuill._)

Ankuendigung ist alles. Man muss das Publikum so lange mit der

Anpreisung einer Sache belaestigen, bis es an sie glaubt.

(_Feuill._)

Esprit de conduit hat eigentlich viel Aehnlichkeit mit dem esprit de

l'escalier. Auf der Treppe beim Weggehen sind wir ja alle in der Regel

viel gescheiter, als im richtigen Augenblick.

(_Feuill._)

Wer auf den Tag lauert, der verpasst die Zeit.

(_P. B._)

Die _Torheit_ ist die ewige Jugend des menschlichen Geschlechts. Aber

wenn dich dein Tatendrang schon nicht ruhen laesst und du um jeden Preis

die Tueren einrennen willst, so suche dir zu diesem Zweck wenigstens die

offenen aus.

(_Buch d. N._)

Wenn man sich in einen Konflikt einlaesst, huete man sich lediglich

davor, der Schwaechere zu sein.

(_Buch d. N._)

Auf nichts blicken wir hochmuetiger herab als auf das, was wir nicht

verstehen.

(_Buch d. N._)

_LEBEN_

Von einer Wartestelle der Omnibuswagen laesst sich mehr Philosophie

holen, als aus manchem dicken Buch.

(_Feuill._)

Mit jeder unerzwungenen Handlung suchen wir eine persoenliche

Befriedigung, wenn wir nicht wahnsinnig oder heilig sind.

(_P. B._)

Die einfoermige Arbeit modelt den Menschen, der sie betreibt.

(_P. B._)

Denn zur _Menschenkunst_ gelangen wir niemals durch die Buecher; wenn

wir sie uns aneignen, geschieht es nur im Erleben und auf dem ebensowohl

kostspieligeren als auch schmerzlicheren Wege der Erfahrung.

(_Feuill._)

Die tausend Jahre alten Abgedroschenheiten des Lebens sind unendlich

interessant, sobald sie uns selber widerfahren.

(_Phil. Erz._)

Fuer jeden Raufbold kommt ein Tag, wo er vom breiten Stein in die Gosse

gestossen wird. Seine Methode wird auf ihn selber angewendet. Er kann

dagegen nicht viel einwenden. Oder sieht er spaet ein, dass seine

Methode nicht die rechte war?

(_P. B._)

Wir vergessen das Leben nicht minder als den Tod. So fremd werden uns

die Stufen einer Entwickelung, die wir am eigenen Leibe und Geiste

durchgemacht haben.

(_Feuill._)

Denn um das Leben zu ertragen, brauchen die Intelligenten einen Gedanken

und die Einfaeltigen ein Gefuehl.

(_Feuill._)

Das Leben ist schoen -- nur muss einem etwas dazu fehlen.

(_Phil. Erz._)

_LIEBE UND HASS_

Die Liebe beruht im wesentlichen auf der mangelhaften Kenntnis der

Fehler des angebeteten Gegenstandes, das lehrt die Erfahrung.

(_Feuill._)

Keinen groesseren Gegensatz gibt es im Staate, als den zwischen

Landmenschen und Stadtmenschen, und wir hassen gerne dasjenige, was wir

nicht verstehen.

(_Feuill._)

In dem Augenblicke, wo die Frauenemanzipation durchgefuehrt ist, wird

sich die Liebe auf das Mass des unumgaenglich Notwendigen herabmindern.

Die ganze Stellung der Geschlechter zueinander wird verschoben werden.

(_Feuill._)

Die Arbeit wird schlecht erklaert, und der Zwang laesst sie viel

haesslicher erscheinen, als sie ist. Arbeit ist der angenehmste

Zeitvertreib auf der Welt, und nur die Liebe liesse sich mit ihr

vergleichen, wenn die Liebe Dauer haette.

(_Feuill._)

Mein Schwert im Wind. Hinaus in alle Weiten!

Die Lieb' am Sattelknopf, so will ich reiten --

So jag' ich querfeldein nach meinem Glueck.

(_Die Glosse._)

_VON UNSERN LIEBEN NAeCHSTEN_

Am leichtesten ertragen wir diejenigen Ungerechtigkeiten des _Lebens_,

die anderen widerfahren.

(_Buch d. N._)

Dem, der uns _verdraengt_ hat, vermoegen wir alles zu verzeihen, nur

seine Vorzuege nicht.

(_Buch d. N._)

Das ist das wunderbare Raetsel der Achtung: um ihrer teilhaftig zu

werden, muss man ein Fremder sein. Durch nichts sinkt man derartig im

_Ansehen_ der Leute wie durch den taeglichen Verkehr mit ihnen.

(_Buch d. N._)

Einzelne schlecht gelaunte Moralisten behaupten, dass es keine

hilfsbereiten _Freunde_ gaebe. O doch! Es gibt viele Leute, die einem

helfen, wenn man sie nicht mehr braucht.

(_Buch d. N._)

Dieser Mann war zu aufrichtig, um _Freunde_, zu anstaendig, um Feinde zu

haben. Man schwieg ihn also tot.

(_Buch d. N._)

Der _Goenner_ betrachtet deine Misserfolge als die deinigen, deine

Erfolge als die seinigen.

(_Buch d. N._)

Wir haben miteinander unsere besten Studien gemacht. Das knuepft

Menschen aneinander.

(_Buch d. N._)

Freunde schaden nicht immer.

(_Buch d. N._)

Ueber Verlobungen lacht man im Theater immer herzlich, weil die

_Schadenfreude_ uns allen angeboren ist.

(_Buch d. N._)

Von einem Scheidenden: -- Durch die Tuer, die sich hinter ihm schliesst,

wird die Erinnerung eintreten.

(_Die Causa Hirschkorn._)

_FRAUEN UND KINDER_

Fuer den Ton in einer Gesellschaft sind immer die _Frauen_

verantwortlich.

(_Phil. Erz._)

Nichts ist den Frauen lieber, als wenn ihre Ueberlegenheit recht

deutlich hervortritt.

(_Feuill._)

So wahr ist es, dass eine Mutter, auch wenn sie schon ganz schwach und

hilflos ist, noch immer die Kraft hat, ihres Kindes Glueck zu schaffen.

(_Altneuland._)

Die Kindheit unserer _Kinder_ ist wie Musik, die verschwebt und vorbei

ist, ehe wir uns darauf besonnen haben, dass es etwas unendliches

Suesses war.

(_Feuill._)

Die _Kinder_ sind unsere groessten Lehrmeister.

(_Phil. Erz._)

Was einer mit seinen _Kindern_ durchmacht, Schweres und Geringes, das

machen alle durch. Er braucht es nur einfach, wie es gekommen, zu sagen,

und er spricht allen Menschen aus der tiefsten Seele, als ob er ein

Dichter waere. So wird unser Dasein durch sie inniger. Was sind das fuer

arme Leute, die keine Kinder haben!

(_Feuill._)

Schonungslos sind wir nur gegen die Nahestehenden.

(_Der Fluechtling._)

Die Kinder werden manchmal von ihren Eltern erzogen, die Eltern immer

von ihren Kindern. Die junge Frau wird durch ihr Kind zur Mutter.

(_Buch d. N._)

_POESIE UND KUNST_

Das ist ja die Poesie: was darein gelegt wird. Fuer den Montblanc

genuegt ein Farbendruck, und seit gar bunt photographiert wird, hat das

eigene Auge nichts mehr zu suchen beim Allzugrossen. Aber Corot malt

zwischen zwei Baeumen am Weiher die ganze Welt.

(_P. B._)

Ein _Kuenstler_ ist immer ein Egoist. Sich will er hervortun, sich will

er hervordichten, sich hervormalen, sich hervorsingen.

(_Feuill._)

Ein Arzt koennte sagen: die Dichtung ist das psychische Aequivalent der

Liebe.

(_Feuill._)

Los von der alten Kunst! hiess es, und das leuchtete sofort vielen ein,

insbesondere denjenigen, welche die alte Kunst ueberhaupt nicht gekannt

hatten. Worin die neue besteht, habe ich nicht herausgefunden. Nur wenn

ich die Zuschauer von irgendeinem haesslichen, verzerrten und sinnlosen

Werk in Verzueckung stehen sah, dachte ich mir im stillen: Das ist

wahrscheinlich Sezession. Denn dass ein Kuenstler nur seinen eigenen

Traum bilden solle und nicht den seiner Vorgaenger, das ist so

selbstverstaendlich, dass man dafuer keine Kampfrufe und Parteinamen

braucht.

(_Feuill._)

Poesie und Weisheit beginnen, glaube ich, dort, wo man darauf

verzichtet, sie schriftlich festzuhalten.

(_Feuill._)

Immer ist die Sehnsucht in den Werken der Kunst, ja vielleicht ist die

Kunst ueberhaupt nichts anderes als Sehnsucht, die gestaltet wird. Sie

schafft sich das Unerreichbare, und dieses ist das Einzige, was wert

ist, verlangt zu werden.

(_Feuill._)

Es dauert sehr lange, bis eine _Melodie_ die Welt erobert. Hat sie sich

aber endlich in alle Herzen hinein gesungen, dann ist es auch um sie

geschehen; sie ist alt, sie stirbt.

(_Buch d. N._)

Ein _Schriftsteller_ erhaelt erst dann die meisten Gesuche um

Autogramme, wenn er nicht mehr schreiben kann; ich meine: nichts

Rechtes.

(_Buch d. N._)

Jedes _Kunstwerk_ ist eine Offenbarung -- des Koennens oder des

Nichtkoennens.

(_Buch d. N._)

_VOM THEATER_

Es gibt eine machtvollere, ja eine einzige machtvollste Art der

_Antikritik:_ die ist das naechste Stueck.

(_Buch d. N._)

Wenn ein _Stueck_ durchdringt, behauptet sein Verfasser nie, dass diese

Tatsache auf die Verstaendnislosigkeit und Urteilsroheit der "Menge"

zurueckzufuehren sei. Wie kommt das?

(_Buch d. N._)

Das Stueck hatte es dringend noetig, verboten zu werden. Es waere sonst

durchgefallen.

(_P. B._)

Der Realist will das Publikum ohrfeigen, der Idealist will dasselbe

berauschen. Manche Leute ziehen einen Rausch einer Ohrfeige vor.

(_Buch d. N._)

Das Publikum laesst sich nur von beruehmten Leuten langweilen.

(_Buch d. N._)

Interessant ist nur das, was hinter den Kulissen _gespielt_ wird.

(_Buch d. N._)

Der kuerzeste Weg zum Direktor fuehrt ueber die Hintertreppe. Wenn

jemand das Betreten dieses Pfades missbilligt, so besorgt er sicherlich,

dass man ihm einmal da begegnen koennte.

(_Buch d. N._)

Der Direktor einer Schmiere ist immer zu sprechen und zuweilen laesst er

sogar mit sich reden.

(_Buch d. N._)

Grabschrift fuer einen Claqueur: Der Vorteil liegt auf der Hand.

(_Buch d. N._)

_Komiker_ verstehen keinen Spass.

(_Buch d. N._)

_GELD_

Am Anfang war nicht das Geld, am Anfang war die Idee.

Zu verkaufen ist ja eigentlich alles in der Welt -- nur der Preis ist

nicht immer zu erschwingen.

(_Altneuland._)

Kapital ist angesammelte Energie und folglich wie andere Akkumulatoren

fuer nuetzliche Arbeit verwendbar.

(_Feuill._)

Das Geld ist eine gute, schoene Sache. Die Menschen haben es nur

verdorben.

(_Altneuland._)

Der Parvenu hat ein Beduerfnis, sich beglaubigen zu lassen, dass er eben

angelangt ist, und er meint, er muesse zur Bescheinigung die haben, die

schon frueher oben waren. Daran haben alle Satiren der Dichter und alle

Revolutionen nichts geaendert.

(_Feuill._)

Spielwut und Sparwut sind nur verschiedene Grade derselben Passion.

_GROeSSE_

Die Einzigen waren vermutlich nicht so selten, wie man nach der

Geschichte glauben muesste. Es hat in den Jahrtausenden wohl manchen

Caesar gegeben, der nie dazu kam, seinen gallischen Krieg zu fuehren und

zu beschreiben. Nur Zeit, Ort, Umstaende lieferten selten das

Zusammentreffen von Bedingungen, das fuer die Erscheinung der grossen

Person nicht minder wichtig ist, als deren Charakter.

(_Feuill._)

Geistesriesen -- ganz abgesehen von ihrer praktischen Unvernunft -- sind

dem Volke so fremd, wie das Volk ihnen.

(_P. B._)

Ueber Lakaien herrschen, welch ein geringer Traum! Nein, maechtig ist,

wer den Herren gebietet.

(_P. B._)

Wenn der Starke grossmuetig ist, wo ist das Verdienst? Aber der

Schwache! Da wird's ruehmlich.

(_Das neue Ghetto._)

Zur Groesse fehlt dem _Helden_ Ihres Maerchens nur Eins: das Verzeihen.

(_Phil. Erz._)

Der Dichterruhm kann von einigen entschlossenen Leuten angefertigt

werden. Oft nehmen sie sich dazu ein unterwuerfig und talentlos

aussehendes Individuum und machen es gewaltsam gross in den Augen der

Menge. Diese glaubt darauf, sie wird betaeubt, sie muss. Dann kommen

wieder andere und reissen den Hinaufgerissenen herunter. Darueber freut

sich die Menge erst recht.

(_Feuill._)

Es gibt nur eine Art, vornehm zu sein: die besteht darin, dass man viel

von sich selbst verlangt und nicht das mindeste Gewicht darauf legt, ob

die andern das anerkennen oder auch nur sehen.

(_Feuill._)

Die Unsterblichkeit muss wahrhaftig ein hoechst angenehmes Gefuehl sein;

besonders solange man noch lebt.

(_P. B._)

Grosse Troester wird die Menschheit immer brauchen! Solange sie leben,

nennt man sie Narren, Tagediebe, und wenn sie aufgehoert haben, in

beleidigender Groesse unter uns _herumzuwandeln_, nennt man sie

_Genies_.

(_Buch d. N._)

_VOM ALLTAG_

Jedes _Werk_ hat Fehler, die nur sein Erzeuger kennt; jeder Reichtum hat

Luecken, die nur sein Besitzer sieht.

(_Buch d. N._)

Man gratuliert zu einem Erfolg! Wie ueberfluessig. Der Erfolg ist ja

schon die Freude, die nicht mehr uebertroffen werden kann.

(_Buch d. N._)

Die wartenden Besucher sind in der nuetzlichsten Weise gedemuetigt, es

macht sie muerbe und klein.

(_P. B._)

Das Harren demoralisiert.

(_P. B._)

Furcht macht Spalier.

(_Buch d. N._)

Kleider sagen immer etwas.

(_P. B._)

Der Haendedruck nach der Mensur ist vielleicht das Maennlichste an der

ganzen Fechterei.

(_Die Millionen der Ica._)

Es gibt mehr Appetit als Huehner auf der Erde.

(_P. B._)

In dieser von Vernunft verpesteten Welt kommt auf hundert Konvenienz

_heiraten_ bloss _ein_ Selbstmord.

(_Buch d. N._)

Der Bach sieht weniger grossartig aus, wenn keine Steine da sind, ueber

die er hinweg muss.

(_P. B._)

Wer blossfuessig geht, hat auf den Sohlen eine dicke Haut.

(_Das neue Ghetto._)

_GOTT UND VERGAeNGLICHES_

Die Bibel hat an Moses nichts verschoent.

(_Herzl 1897 bei_ _Kellner_.)

An einem frischen Grabe sollte man nur weinen und schweigen. Die

Schwachen moegen sich in Traenen Luft machen, die Starken werden durch

ihr Schweigen das Erhabene gruessen.

(_Feuill._)

Unsere verschiedenen Vorstellungen von _Gott_, ob sie die Weite Spinozas

haben oder als suesse kleine Abbreviatur im Abendgebet eines kleinen

Kindes gelallt werden, bedeuten ja im Grunde wahrscheinlich alle

dasselbe.

(_P. B._)

Gott zerbricht die Werkzeuge, deren er sich bedient hat.

(_n._ _A. Friedemann._)

Die Sehnsucht macht den Messias.

(_Altneuland._)

Was ist die Erkenntnis wert, die mit mir endigt? Und ich will mich

vermessen, mit dem Unendlichen zu verkehren? Ich muss die Erkenntnis

ueber mich hinaus verlegen, in mein Geschlecht. In meinen Kindern rede

ich heiter mit dem Ewigen.

(_P. B._)

_Der Verlag B. Harz, Berlin, hat fuer die in seinen Verlag

uebergegangenen nichtzionistischen Schriften Herzls den Abdruck der

Zitate freundlichst gestattet._

In dieser Sammlung sind Zitate aus folgenden Werken wiedergegeben:

Die Causa Hirschkorn, Lustspiel in einem Akt, als Manuskript gedruckt.

Wien, im Selbstverlag, 1882.

Der Fluechtling, Lustspiel, Reclam-Univ.-Bibl. 1887.

Die Glosse, Lustspiel.

Buch der Narrheit, Leipzig 1888 [Buch d. N.].

Das Palais Bourbon, Bilder aus d. franz. Parlament, Leipzig 1895 [P.

B.].

Das neue Ghetto, Schauspiel, 1896.

Der Judenstaat, Versuche moderner Loesung der Judenfrage, 1896.

Philosophische Erzaehlungen, Berlin 1900.

Altneuland, Roman, 1903.

Feuilletons, Berlin 1911.

Herzls Zionistische Schriften.

Das Leben Theodor Herzls von Adolf Friedemann.

Theodor Herzl von Dr. Osias Thon. Zionistisches Zentralbuero Berlin.

Die Welt.

Theodor Herzls Lehrjahre von Leon Kellner. Wien 1920.

Herzl-Worte · 第 6 / 8 题