Freut euch des Lebens, solange noch das Lämpchen glüht -- --

Wiederum schloß ich mit einem wunderbaren Triller, den ich leise ausklingen

ließ, und das Konzert war zu Ende.

Sie saßen im Kreise und nickten.

»Schön hast du gespielt, heute!«

Nur Yann sagte nichts.

Der Himmel wurde tiefblau und die Nacht kam. Alle verkrochen sich, nur

Mathieu hockte wie ein regungsloser Schatten am Steuer. Ich lag auf dem

Verdeck, das sich voll Wärme gesogen hatte, die Arme unter dem Kopf

verschränkt und lauschte auf all die kleinen Geräusche, die am Boot pickten

und klopften. Stiff im Süden blinkte und Creach stach mit gleißenden

Dolchen nach uns. Dort schlief Yvonne. Im Norden kroch ein grüner Funke:

ein Dampfer, der in den Kanal hineinfuhr. Haarscharf zeichneten sich die

Taue über mir vom Himmel ab. Die Sterne blitzten und flimmerten. Wie ein

Regen fällt -- dachte ich.

Da kam der Mond herauf. Glühend rot und übermäßig groß stand er am Horizont

und all die kleinen Wellen schauerten ihm entgegen. Er stieg, erhaben und

würdig, ohne jedoch Scheu oder Furcht einzuflößen. Er wurde zitronengelb,

und als er höher stieg, silberweiß und gleißend. Die Taue warfen

haarscharfe Schatten über das Deck, die sich zuweilen leicht schwangen und

ineinander flossen. Mit dem Mond war eine kleine, schmale Wolke

heraufgekommen. Sie hatte sich über den ganzen Himmel ausgebreitet und

schimmerte weiß wie frischgefallener lockerer Schnee. Aber so schnell wie

Schnee schmilzt, so schnell zerging sie und im Augenblick war der Himmel

wieder klar. Dann erschien am Himmelsrand unter dem Mond ein Rudel kleiner

Wolken, wie die Kundschafter eines Heeres, die kamen um auszulugen. Sie

schwenkten und verschwanden wieder, das Heer kam nicht herauf. Überall

züngelten kleine Rauchwölkchen auf den kleinen Wellen, als ob das Meer zu

brennen anfinge. Sie wurden dichter und auf dem Meer schwamm eine Insel von

Dunst, wie auf einer Wiese im Herbst. Und plötzlich erhob sich die

Nebelinsel und schwebte langsam in die Höhe: das -- Meer hatte eine Wolke

geboren.

»Wir werden Nebel bekommen,« sagte Mathieu, wie eine Stimme aus dem Meer.

Und wieder lag ich und gab acht auf all die merkwürdigen Dinge, die ringsum

vor sich gingen.

Das Meer wurde dunstig und grau, als sei der Mond plötzlich untergegangen.

Stiffs Feuer in der Ferne sah aus wie ein entzündetes rotes Auge, das sich

nur mühsam unter Schmerzen öffnete und augenblicklich wieder schloß. Am

Horizont aber huschten fahlschimmernde Lichthiebe, das war Creach.

Ein Schatten tauchte aus der Luke und ich hörte nackte Füße auf dem Deck.

Ich schloß die Augen.

»He!« flüsterte Yann und kauerte sich knackend neben mir nieder.

Ich rührte mich nicht. Ich hatte ja gewußt, daß sein Besuch mir galt.

»He!« Yann rüttelte mich und ich schlug die Augen auf. Eine Weile sah mich

Yann an, dann sagte er: »Reise ab!«

Ich öffnete vor Erstaunen den Mund, ich entgegnete nichts.

»Reise ab!« wiederholte Yann.

Ich lächelte. Yanns Augen waren wie dunkle glänzende Löcher. Selbst jetzt

im Halbdunkel konnte ich bemerken, daß sie blutunterlaufen waren.

Kognaknebel strömten aus seinem Mund.

»Yann,« sagte ich, »du bist verrückt. Gehe schlafen, mein Freund!«

»Daß du es weißt,« fuhr Yann fort, »mit unserer Freundschaft ist es aus.

Wir haben nichts mehr miteinander zu tun.«

Er sprach die Wahrheit, ich hörte es an seiner Stimme. Ich richtete mich

auf.

»Yann?«

Yann knurrte. »Rosseherre hat mir alles gesagt. Gestern nacht. Heute früh

war ich bei dir, aber du warst fort. Deshalb kam ich aufs Meer heraus. Ja,

sie hat mir gestanden, daß sie bei dir war -- in einer schwachen Stunde,

ich war in Brest, da kam sie zu dir und klopfte und du kamst heraus. Sie

lief davon, aber du holtest sie ein und trugst sie auf den Armen ins Haus.«

Ich erstaunte immer mehr. Meine Gelenke wurden ganz schwach. »Sie hat es

dir also gesagt, Yann?«

»Ja, alles. Und ich habe sie geschlagen, bei Gott, furchtbar schlug ich

sie. Ich war außer mir. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte sie

totgeschlagen. Aber sie gab keinen Laut von sich, deshalb hörte ich auf.«

Pause.

Eine Sternschnuppe glitt über den Himmel. Auch da draußen war nicht alles

in Ordnung. Ich dachte nach. Wie sollte ich Rosseherre je verstehen? Sie

hatte sich Yann ausgeliefert -- nur um ihn gegen mich aufzureizen. Aus

keinem andern Grund.

»Das ist alles, was ich dir sagen wollte,« flüsterte Yann von neuem. »Du

hast mich betrogen. Einer ist nun zuviel auf der Insel. Reise ab, sage ich

dir!«

»Und wenn ich nicht reise?« fragte ich nach einer Weile.

Yann schwieg. Dann lachte er leise und heiser. »Reise!« flüsterte er. »Du

bist mein Freund gewesen und deshalb sage ich dir: reise! Ich bin toll,

hörst du? Reise mit dem nächsten Boot!«

Das war unsere ganze Unterredung. Ich lag und dachte lange nach, über Nacht

war alles anders geworden. Ich hatte Yann verloren und wir waren doch so

gute Kameraden, wie? Lebe wohl, Yann! Ob ich aber reisen würde oder nicht,

das war wohl meine Sache. Da überrieselte es mich kalt. O ja, Yann war ein

Bursche, dem man manches zutrauen konnte. Ich lachte leise vor mich hin.

Mochte er in Gottes Namen tun, was er wollte. Er sollte sehen, wie er mit

diesem Anfall von Eifersucht fertig würde -- gute Nacht!

Ich schlief, tief und gesund. Gegen Mitternacht erwachte ich bei einem

Pfeifen, das über mich hinging. Es donnerte fern, Blitze irrten am Horizont

wie fein verzweigtes Geäder aus Feuer und beleuchteten die Ränder schwerer

Wolkenmassen über uns. Das Segel knatterte wie Salven und wir trieben rasch

dahin.

»Nimm dich in acht, daß du nicht über Bord gehst!« rief Mathieu lachend. Er

hatte immer noch Wache.

Wie konnte ich denn über Bord gehen, da ich so nahe an der Reling lag! Es

begann zu regnen und ich zog einen Segelfetzen über mich; der Regen floß

über mein Gesicht, er war lauwarm. Die Blitze blendeten durch meine Lider

hindurch und leuchteten rings durch mein Gehirn. Ich schlief wieder.

Als ich bei einem Gefühl der Übelkeit erwachte, war es Morgen. Der

»Kirchturm« rollte, drückte sich in die Wogen und stieg. Die beiden kleinen

Nachen im Schlepptau folgten ihm hastig und mit ängstlichen Sprüngen, wie

zwei junge Hunde der Mutter. Das Meer war grau und ein grauer, feiner Regen

fegte schräg darüber hin. Wir waren von einem kreisrunden Wall von Rauch

eingeschlossen und konnten keine zweihundert Meter weit sehen.

An Deck waren sie geschäftig.

»Wohin fahren wir?«

»Nach England. Es wird schlimme See geben, L'honneur! Trinke deinen Kaffee

drunten.«

Wohlan, nach England! Ich kletterte in die Kajüte hinab, es gab hier keine

Treppe, man mußte einen Klimmzug machen und seine Beine geschickt durch die

Luke schwingen. Ich trat auf Fleisch. Das war Yann, der sich auf dem Boden

zusammengeringelt hatte und schlief. Poupoul lehnte mit dem Rücken gegen

ihn und streckte die Pfoten in die Höhe. Nur Petitjean saß auf der schmalen

Holzbank und trank aus dem Blechtopf.

»Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen, der kleine Kapitän!« flüsterte

er, nachdem wir uns guten Morgen gesagt hatten. »Was hat er doch?«

Petitjean schob mir den Blechtopf hin. Ich trank rasch, denn hier unten

gefiel es mir nicht.

Die Kajüte war winzig, eine Kiste, in der man nicht aufrecht stehen konnte.

In der Ecke stand eine kleine bunte Madonnenstatue und an die Wand war in

verschnörkelten Buchstaben gemalt: Dieu protège le Clocher du village et

son équipage. Darunter hatte L'honneur geschrieben: Gott beschütze die

Trunkenbolde.

Nun, ich hatte genug und turnte an Deck. Ein Dreimaster ritt durch den

Dunst, erdrückt von seinen fünfzig schweren Segeln. Er profitierte vom

Wind.

Ja, es gab schlimme See. Die raschen Wasserhügel bedeckten sich mit den

bekannten weißen Schnüren und die Schaumkronen brachen nicht mehr über,

sondern stiegen gezackt in die Höhe und der Wind zerriß sie wie Fahnen. In

unseren Seilen tremulierte der Wind in den höchsten Lagen. Die toten Fische

rutschten über das triefende Deck und der mousse, blaß und krank, sammelte

sie in einen Korb. Dampfer tuteten, heulten und winselten da draußen und

zuweilen erschien der trübe Schatten eines Dampfers innerhalb unseres

Rauchwalls, um rasch wieder zu verschwinden.

Da geschah etwas ganz Außerordentliches, L'honneur am Steuer wandte sich

plötzlich ab und begann zu spucken.

»L'honneur!« schrien wir alle und lachten laut.

L'honneur wandte uns das grüne Gesicht zu. »Ha! O, Hölle, das ist mir seit

sechs Jahren nicht mehr passiert, L'honneur!«

Der Schiffsjunge aber lag flach auf dem Deck, die Arme links und rechts

ausgestreckt und bei jeder Bewegung des »Kirchturms« wackelte sein

Lausbubengesicht hin und her. Er sah wie tot aus.

Auch ich hatte Unglück. Eine Schaufel Spritzwasser war ausgerechnet in

meine linke Hosentasche gestürzt und hatte mir den Tabak durchnäßt. Also

mußte ich hinunter in die Kajüte, Kohlen anfachen, den Tabak trocknen. Yann

war eben aufgestanden. Er saß auf der Bank, den Blechtopf in den Händen,

und sah mich mit leeren. Augen an.

»Morgen, Yann!«

Yann schwieg.

Dann hörten wir einen großen Dampfer tuten. Er brüllte hinter unserem

Rauchwall, der mit uns wanderte, so schnell wir auch fuhren, bald

schrumpfte und bald sich weitete. Wir legten die Ohren über die Reling und

sprachen kein Wort. Das surrende Tuten kam näher, aber es war unmöglich die

Richtung zu bestimmen. Plötzlich aber warf sich Mathieu gegen das Steuer

und brüllte: Changez les voiles! Wir heulten zur Antwort und gingen an die

Arbeit. Mathieu hatte zuerst den Bug des Dampfers gesehen und wagte es

nicht ihn zu kreuzen. Der Dampfer zog vorüber. Er hatte vier braune

Schornsteine und vier Maste und ein dreistöckiges langes Verdeckgebäude.

Ein Lloyddampfer. Die Sturzseen schlugen über sein Vorderdeck, aber er lag

vollkommen ruhig. Die Brücke war mit Segeltuch abgedeckt und keine Seele

war an Bord zu sehen. Wie tot sah er aus, nur seine Schornsteine qualmten.

Aber horch! Horch doch! -- Musik! Wir sahen einander an und lächelten.

Diese Lumpen saßen bei der Tafel und die Kapelle konzertierte! Er

durchdrang den Rauchwall und verschwand. Wir schnupperten in der Luft. Das

war sein Rauch. »L'honneur!«

Gegen fünf Uhr drehte sich der Wind um einige Striche und raste nun wie ein

Orkan daher. Wir aber waren guter Dinge.

Petitjean und Yann lagen am Steuer, die Sturmkappen tief über die nassen,

zerzausten Gesichter gezogen und sangen ein bretonisches Lied. Sie

brüllten, daß ihnen die Augen aus dem Kopf traten.

Die See sah wenig ermutigend aus. Von allen Seiten stürmte sie gegen uns

an. Wir waren verloren in den Wogen wie die Laus im Gesäusel der Blätter.

Ich kauerte mich in einen Winkel, zog die Knie an und blies mit aller Kraft

in meine Flöte. Der Sturm riß in meinen Haaren und verbog mir die Nase im

Gesicht.

Freut eu--ich des Lebens . . .

Das Meer · 第 61 / 79 题