Yann stand mit gespreizten Beinen und sah mich vielsagend an. »Nun?«

»Nun, sie ist hübsch.«

Yann lachte höhnisch und betrachtete die Teekanne mit spöttischen Blicken.

»Das ist sie,« sagte er, »das ist die berühmte Teekanne von der

>Charlotte<! Und diese meineidigen Hunde schworen seinerzeit, ich hätte

eine silberne Teekanne mit Goldeinlage gestohlen! Haha, was sagst du dazu?«

Ich sah Yann an und lachte.

»Nun, willst du sie, diese silberne Kanne?« fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Yann, merci. Ich will nichts besitzen, was

man nicht in die Tasche stecken kann, verstehst du?«

»Bien!« Yann nahm die Kanne und warf sie in weitem Bogen in die Klippen, wo

sie zerschellte. »Au revoir!«

Darauf zog er eine Uhr aus der Hosentasche. »Drei Uhr,« sagte er nebenhin,

»um acht ist die Suppe fertig.« Ich aber sah die Uhr kaum an und so hielt

sie mir Yann dicht unter die Nase. »Ja, genau drei Uhr!« Da fiel mir die

Uhr auf. Sie war aus Gold und hatte einen Springdeckel, so etwas! Diese Uhr

war dreihundert Franken wert und das Geschenk eines Pariser Bekannten.

Ich staunte und schüttelte den Kopf. Yann ließ mich ins Werk hineinsehen,

wo es tickte und schwang.

Dann zeigte er mir, daß er die Hosentasche mit Putzwolle ausgestopft hatte,

damit die Uhr nicht beschädigt werde.

»Warum hast du dir denn von dem Pariser Freunde nicht lieber

Schiffsinstrumente schenken lassen, Yann?« fragte ich arglistig, nachdem

ich mich von meiner Verblüffung erholt hatte.

Yann zog das Augenlid mit dem Zeigefinger herab. »Eh!« rief er aus. »Warum?

Wie kann ein Mensch so dumm fragen? Man hätte behauptet, ich habe die

Schiffsinstrumente von der >Charlotte< gestohlen.«

Die Uhr war gut. Yann hatte keinen schlechten Tausch gemacht!

Ich mußte lachen: Yann, Yann, wie soll man klug aus dir werden? Wie oft

hast du mir jene Geschichte von der »Charlotte« erzählt, da sie dich so

frech verleumdeten, und ich hatte Mitleid mit dir! Wie oft standen deine

treuen Kinderaugen voller Tränen und lachtest du höhnische Triller: Ich,

ein Dieb? Ich?

Hahaha! Yanns Seele war derartig mit Ehrlichkeit imprägniert, daß sie den

Verdacht des Diebstahls entsetzt zurückwies. Nie, nie würde Yann glauben,

daß er gestohlen hatte, selbst mit der Kanne vor Augen und der goldenen Uhr

in der Tasche nicht, niemals, er war zu ehrlich dazu.

Unsere Suppe mußte fünf Stunden über langsamem Feuer kochen, und so hatten

wir Zeit ein wenig zu plaudern. Wir saßen vor dem Hause auf dem Boden und

Yann goß aus der Flasche ein, die er -- ein reicher Mann -- mitgebracht

hatte.

Plötzlich lachte er laut heraus. »Was in aller Welt hast du denn Rosseherre

getan?« rief er aus. »Tiens, tiens, wie wütend sie auf dich ist.«

»Nichts habe ich ihr getan.«

»O, sie ist nicht gut auf dich zu sprechen, mein Freund!« fuhr Yann fort.

»Du hast ein Auge auf Yvonne Amorik geworfen -- sie ist Rosseherres beste

Freundin gewesen, trotzdem -- wer kennt sich mit diesen Frauenzimmern aus!

Hast du Yvonne nicht eine Kette geschenkt? Hoho, ist es so? Und was glaubst

du, was Rosseherre mich fragte? Hehe -- was glaubst du?«

»Nun?«

»Sie fragte mich, ob ich dich töten könnte.«

»Hallo!«

»Ja, haha, so verrückt sind diese Weiber, wenn sie eifersüchtig sind.«

»Und, Yann, was hast du ihr geantwortet?«

»Ja, habe ich gesagt, warum nicht? Ich wollte sie bei guter Laune haben.«

Ich pfiff durch die Zähne und lachte.

Auch Yann lachte. Er lachte mit der heiteren Sicherheit eines Liebhabers,

dessen Rivale endgültig ungefährlich geworden ist. »Ich habe ihr sogar

versprochen dich zu töten,« sagte er, »dann wurde sie demütig und gefügig

wie ein kleiner Hund!« Yann brach ab und zog mit erstaunter Miene einen

Ring zwischen den Gräsern hervor. »He, was ist das?«

»Hier ist der andere, unter dem Stein,« antwortete ich, »sie hat mir die

Ringe zurückgebracht.«

Yann steckte die Ringe in die Tasche. Er schüttelte ärgerlich den Kopf. »So

ein verrücktes Frauenzimmer, he! Ich werde ihr die Ringe geben, wenn sie

vernünftiger geworden ist.«

»Also, du hast ihr versprochen --?«

»Ja!« sagte Yann lachend. »O, sie war so verrückt, sie verweigerte sich mir

-- sie machte eine Bedingung daraus, hahaha -- aber sie hat mir keinen

Termin gesetzt -- das hat sie vergessen. Ich gebe dir noch viele Jahre

Zeit, mein Freund! Keine Eile!«

Dann sprachen wir von etwas anderem und Rosseherres Name wurde nicht mehr

erwähnt.

Die Suppe war fertig. Yann schnalzte mit der Zunge, solch eine Suppe! Er

schlürfte voller Entzücken die beiden Augen meiner Kafferntante. Wir saßen

und schmausten, wir drei, Yann, Poupoul und ich. Die Türe stand offen, und

draußen dröhnte das Meer.

Eine Stunde lang fuhren wir mit den Löffeln in den Topf hinein, bis wir uns

nicht mehr regen konnten. Der Topf aber war noch lange nicht leer, wir aßen

stets zwei, drei Tage daran. Dann setzten wir uns vor der Türe in die Heide

und tauchten.

»Spiele ein kleines Lied,« sagte Yann, »gerade jetzt, wo es dunkelt --«

Ich spielte. Aber während ich die kleine Flöte schwang, schielte ich zu

Yann hin: da saß er, die fünfhundert Franken in der Hand und sah hinaus

aufs Meer und träumte.

Es wurde Nacht und wir gingen ins Haus zurück um ein Gläschen zu trinken.

Yann breitete seine Banknoten aus, er ließ unendlich oft den Springdeckel

der Uhr springen. Er strahlte vor Glückseligkeit. Ein wenig später aber

legte er die Uhr unter den Holzschuh und trat ein wenig darauf um zu sehen,

was die Uhr aushalte. Knax, das Glas sprang. Aber deshalb ist die Uhr doch

noch nicht kaputt, wie, hahaha! Er nahm die Banknoten, machte eine Kugel

daraus und ließ sie von Poupoul apportieren. Dieses Geld, pfui, man sollte

es einem Hund zum Fressen geben, man sollte es ins Feuer werfen!

Yann führte einige seiner Kunststücke vor. Er holte eine Münze aus einem

Teller voll Wasser, ohne sich auch nur die Fingerspitzen zu netzen. Das

vollführte dieser Tausendsasa vermittels heißer Luft in einem Weinglas.

Er schüttete sich Kognak in die Kehle und erzählte von der Seeschlange, die

er in der Südsee gesehen hatte. Dabei entblößte er den Arm, spitzte die

Hand zu und bewegte sie im Gelenk; genau so reckte sich die Seeschlange aus

den Fluten und sagte: Guten Morgen, Yann aus Roskoff! Und in den Molukken

gab es ein Meer, das schwer wie Blei war; fuhr ein Schiff hindurch, so

blieb das Kielwasser eine ganze Woche lang stehen.

Haha! O Yann!

Es war tief in der Nacht, als wir uns trennten. Yann glättete die Scheine

und zählte sie zweimal -- ob er nichts vergessen habe, immer noch suchte er

mit den Augen auf dem Boden. Er war eine einfache Natur und konnte es

deshalb nicht unterlassen mich dutzendmal seiner ewigen Freundschaft zu

versichern.

»Wegen eines verrückten Frauenzimmers werden wir uns nicht verfeinden!«

sagte er und sah mich mit Tränen in den Augen an. »Wie?«

»Das fehlte noch, Yann!«

Yann preßte mir die Hand.

»Noch eines, Yann. Ist es wahr, daß Yvonne es mit allen Matrosen hält und

mit sechzehn Jahren ein Kind hatte?«

»Tiens!« lachte Yann. »Wie kann jemand solch eine Lüge ersinnen!«

Das Meer · 第 53 / 79 题