XXIV

Dann aber, ganz plötzlich -- so ist der Mensch -- hatte ich genug davon,

mit einem unbeschriebenen Herzen einherzugehen, und ich beschloß mir wieder

eine Vergangenheit anzuschaffen. Ich ging hinein ins Dorf und hielt Umschau

unter den Töchtern des Landes.

Das Glück lächelte mir. Meine Augen fielen auf Yvonne, die Tochter Amoriks.

Ich machte Einkäufe bei Noel. Noels Bar und Laden mit all den von der Decke

herabhängenden Talglichtern und Seilen sah wie eine Tropfsteinhöhle aus.

Und doch war sie die geistige und gesellschaftliche Zentrale der Insel und

das Leben war hier im vollen Schwung.

Der dicke Briefträger und Chef der Post saß an seinem kleinen Tischchen und

sammelte Kräfte für den nächsten Posttag. Bei den Mehlsäcken stand der

Großvater, ein ehemaliger Schiffskapitän, der sich die Hölzer auf den

Planken krumm gestanden hatte, und döste vor sich hin wie ein im Nachdenken

versunkener Maulesel. Das ganze Jahr stand er so und nie sprach er ein

Wort. Einmal wagte ich es ihn anzureden. C'a marche, capitain? Er drehte

langsam bei, sah mich erstaunt an, bewegte die Kinnlade und sagte:

Merci. Dann schwenkte er wieder und stand wie zuvor.

Der rote Noel hantierte hinter der Bar, schwitzend vor Eifer und

Wohlbehagen. Zuweilen kommandierte er mit lauter, hallender Stimme:

»Antoinette, Josephine, Maria!«, und die kleinen Mägde mit den weißen

Hauben, die in dunklen Löchern und Winkeln wühlten, antworteten singend:

jaa! und unterdrückten einen Fluch.

Noel setzte mir ein Konzert von Schnäpsen vor. Das tat er immer. Er führte

alle großen Marken der Welt, und ich mit meinem europäischen Gaumen mußte

sie prüfen.

Ich nahm das erste Gläschen und goß es hinter die Binde, ich nahm das

zweite, das dritte -- »hm!« Noel machte verzückte Augen -- »gut, gut!« --

Noel lachte, daß ihm der Schleim aus dem Rachen fuhr -- »ah, das ist ein

Likörchen!« -- Noel drehte sich auf dem Absatz und klatschte auf die

Schenkel.

»Ja, das ist ein Likörchen, sage ich, wie?! In Paris bekommen Sie ihn nicht

besser! -- Antoinette, Josephine, Maria, man muß die Lampe anzünden!«

»Jaa!« (Nom de chien!)

Solange die Lampe angezündet wurde, verharrte alles in Stillschweigen. Es

wäre ungebildet und roh gewesen, während dieser Prozedur zu sprechen.

Antoinette kletterte auf den Stuhl und Noel stand väterlich besorgt und

ängstlich neben ihr, bereit sie aufzufangen. »Nimm dich in acht -- der

Patentbrenner -- langsam drehen!«

»Guten Abend!« sagte Antoinette.

»Brennt er nicht herrlich, der Patentbrenner?« fragte Noel. »Ja, haha,

fünfzehn Franken kostete mich die Lampe!«

»Ausgezeichnet!«

Aber da klapperte es im Flur und man wußte schon, wer kam. Das war Gaston

Grouzen, der verrückte Gaston. Er war acht Jahre in Kalifornien gewesen und

hatte sich tausend Dollar erspart. Nun war er von früh bis nachts damit

beschäftigt von Kneipe zu Kneipe zu rennen, um recht rasch seine Dollars

los zu werden.

»Da kommt der verrückte Gaston!« lachte Noel und stellte das Glas bereit.

Gaston Grouzen nahm einen Augenblick die bis zum Kopf abgebissene

Gipspfeife aus dem Mund und stürzte den Schnaps hinab. Ah, da sah er mich!

Er umarmte mich und rieb sein stachliges Gesicht gegen meine Backen. Dann

zeigte er, wie immer, auf eine Narbe unter dem linken Auge. »Im Krieg gegen

die prussiens. Me California. You have match? -- Welcome!« Und weg war er,

er hatte keine Zeit zu versäumen.

Ein Trupp Fischer kam herein, sie räusperten sich und spuckten. Aber dieses

Räuspern und Spucken war eine Konversation, man mußte nur die Ohren

aufmachen. Auch Yann kam und wir traktierten uns gegenseitig mit Schnäpsen

aller Art.

Merkwürdig ist der Mensch! Als Yann nach seiner verwegenen Fahrt zum

erstenmal an Land gekommen war, hatten wir ihm die Finger entzwei gedrückt:

hoch Yann, Filou! Und Yann hatte die Achseln gezuckt: was war weiter dabei?

Nun aber, da niemand mehr davon sprach, mußte Yann den ganzen Tag von

seiner Heldentat reden und die Zeitungen aus der Tasche ziehen -- und wir

nahmen es ihm übel.

»Der Arbeiter ist doch ein gutes Boot,« sagte der dicke Chef der Post; er

war ein neidischer Hund.

Yann brüllte ihn zu Boden. »Cochon! Was versteht ein Briefmarkenlecker von

Navigation? Ich sage ja nicht, daß es eine Heldentat war, aber es war nicht

leicht, den alten Kahn so lange im Strom zu halten. He, halte dein

hölzernes Maul! Zehn Kapitäne kannst du hinstellen, sie schaffen es nicht!«

Yann und der Chef waren Spinnenfeinde. Nur mit Ekel auf den Lippen sprachen

sie voneinander. Und Yann peinigte den dicken Chef, so sehr er konnte. Wenn

er gar nichts zu versäumen hatte und guter Laune war, so tat er etwas

Unerhörtes: er klopfte an das kleine Fenster der Post. Das kam selten vor

und war das schlimmste, was man dem Chef antun konnte. »Hallo!«

Der Chef schnarchte drinnen und Yann klopfte lauter. Der Chef fuhr auf:

»Malheureux!« und kam an das Guckfenster.

»Eine Marke für einen Sou!«

Dann ging Yann in eine Bar und nach einer halben Stunde klopfte er wieder.

»Hallo!«

»Malheureux!« schrie der Chef innen verzweifelt.

»Noch eine Marke. Ich vergaß ganz.«

Yann lachte sich tot, aber nach einer halben Stunde war er schon wieder da.

»Hallo!«

Das Meer · 第 44 / 79 题