Es ist jammerschade, daß Kedrils Hochzeitsfest, das so glänzend und in
großem Stil verlief, mit einer kläglichen Dissonanz endete: Chikel, das
Lazarett, geladen mit Wut über sein freiwilliges Martyrium, fing wegen
nichts Streit an. Die Hochzeitsgesellschaft knäulte sich zu einer
unheilvollen Wolke zusammen, aber da fegte Madame Chikel wie ein Sturmwind
hinter der Bar vor. Das Blut stieg ihr in den Kopf, sie bekam ihren Anfall
von Raserei und warf uns alle zur Türe hinaus. Die Papageien erwachten bei
dem Lärm und schrien aus vollen Lungen: Dieb, Lump, Dieb, Dieb --
So endete Kedrils Ehrentag.
Ich lachte noch auf dem Heimweg. Ich bellte vor Lachen, denn ich war
vollkommen heiser. Hoho, wie wir alle zur Türe hinausflogen und über die
Heide rollten! Kedril rollte mit einer Flasche, die er hoch hielt. Yann,
Yann, wo bist du so plötzlich hingekommen? Das war nicht das langweilige,
vorsichtige Europa, das waren Leute aus der Steinzeit, die alles auf Leben
und Tod taten!
So sehr erschütterte mich das Lachen, daß es mir unmöglich war mich
aufzurichten. Ich kroch auf allen vieren dahin und da ich dazu bellte,
hielt mich Poupoul für seinesgleichen. Er tanzte wie närrisch vor mir herum
und zuweilen leckte er mir das Gesicht ab. Ich drehte bei und lauschte.
Dahinten gröhlte das Dorf. Es kühlte nur langsam ab. Die Nacht war schwarz
wie ein Kohlenbergwerk; Creach stand mitten darin wie ein glühendes
Gespenst, das Feuer durch alle Knochen spie.
Da hielt Poupoul an. Er stellte sich auf die Hinterfüße und legte mir die
Pfoten auf die Schultern und kläffte. Ich umarmte und küßte ihn: »Poupoul,
Seele, nun da wir beide Hunde sind!«
Und Poupoul leckte mit seiner saugenden Zunge mein Gesicht von unten bis
oben ab. Aber er ging nicht weiter. Da bemerkte ich, daß wir vor einem
Abgrund abgestoppt hatten: das war die Schlucht, die sie Poupons Schlucht
nannten.
Meine Stirn wurde eisigkalt. Ich schwang die Zunge zwischen den Zähnen und
dachte angestrengt nach. Lange. Ja! Weshalb sollte ich eigentlich auf allen
vieren kriechen? Das war es. Ich stand auf. Aber da entglitt die Insel
unter meinen Füßen wie eine Drehscheibe und ich verwandelte mich wieder in
einen Vierfüßler. Dagegen war nichts zu tun. Ich hatte die
Durchschlagskraft von Chikels Getränken unterschätzt, das war alles. Im
übrigen, gingen nicht meine Vorfahren ebenfalls auf allen vieren, als sie
noch der Einfachheit halber Haare trugen? Vielleicht würde es mir bei
einiger Propaganda gelingen, diese Art von Fortbewegung wieder in Mode zu
bringen? Die Menschen waren ja für jede Neuheit zu haben. Wie? En route,
Poupoul!
Als ich den Mönch passierte, der dastand und den Sauriern predigte, erfaßte
mich eine seelische Erschütterung. Ich sagte: »Ich nahe mich in Ehrfurcht,
auf den Knien, Hochwürdiger.« Aber der Mönch holte mit dem Arm aus und
schmetterte mich zu Boden. Lange lag ich leblos und Poupoul stellte
verzweifelte Wiederbelebungsversuche an.
Wie lange brauchten wir, Poupoul, bis wir nach Hause kamen? Aber
schließlich lag ich auf dem Bett. Da kam einer von den Sauriern auf der
Heide herein, ergriff das Bett mit dem Rüssel und schleuderte es hoch in
die Luft. Es tanzte und wirbelte herab zur Erde, wo es krachend aufschlug.
Ich erwachte. Aber da sauste ein brennendroter Komet heran und zerplatzte
vor meinem Gesicht. Hehehe! Zweitausend Grillen saßen in meinem Kopf und
schrillten: gib mir doch, gib mir doch -- da zog mich die Melodie langsam
im Kreise und ich schlief ein.
Doch ich fand keine Ruhe. Mein Blut kochte. Der Schweiß rann in Strömen
über mein Gesicht. Ich stand auf. Die Türe war offen. Es war kühl, ja bei
Gott, das war eine Nacht wie ein kühles Leintuch. Ich ging hinaus und
fühlte wie mein Kopf kühl und klar wurde. Das Mondlicht lag auf der Heide,
dick wie Schnee, und zwischen den Gräsern schwebten zarte, silberne
Lichtgespinste, die zerflossen, wenn man weiter ging. Ich stieg hinab zum
Meer.
Es lag wie flüssiges Silber, bebte und flimmerte, in der Nähe aber war es
schwarz und glatt wie Pech. Es atmete verstohlen wie ein Dieb im Versteck
und bei jedem verstohlenen Atemzug ringelte sich eine silberne Schlange im
Sand. Meine Sohlen glühten, ich watete hinein und meine Füße wühlten in
gleißendem Silber. Das Silber stieg mir bis an die Brust, an das Kinn --
ah, nun berührte es meine Lider, es schlug über mir zusammen. Nun war es
dunkel um mich her, ich aber gleißte von oben bis unten. Wie ein
schimmerndes Gespenst bewegte ich mich im schwarzen Meer. Silberne Perlen
stiegen unter meinen Sohlen auf. Ich nieste, und ich nieste Silber, einen
Sprühregen feiner silberner Tropfen, die rasch in die Höhe stiegen. Ich
blickte nach oben. Dort lag das Silber wie eine dicke Schicht. All die
schweren Silberkugeln, die meine Schritte aufrührten, tanzten blitzschnell
in die Höhe und vereinigten sich mit ihr.
»Das ist das Mondlicht auf dem Meere,« sagte ich und ging weiter. Wie
wunderbar ging es sich doch auf dem Grund des Meeres!
War vorhin Lärm gewesen? Nein. Aber doch war es jetzt tausendmal stiller.
Solch eine Stille! Ich blieb stehen und lauschte. Diese Stille ergriff
mich. Da stand ich auf dem Grund des Meeres, den Kopf geneigt, und lauschte
und war glücklich. »Das ist das Nirwana!« sagte ich und nickte. »Da sind
wir nun --«
Lächelnd ging ich weiter. Es ging über endlose Dünen, Sand, Sand, mein Fuß
sank ein. Das Meer war schwarzgrün wie die Urwälder, in die keine Sonne
dringt. Dann durchwanderte ich einen Wald hoher geisterhafter Eisblumen.
Wie bleiche Flammen standen sie und rührten sich nicht. Plötzlich aber
schwankten sie, teilten sich und ich sah zwei große runde Fenster vor mir
glänzen. Etwas mahlte, und nun sah ich, daß die großen runden Fenster die
Augen eines Ungetüms von einem Fisch waren, der mich neugierig anstarrte
und die Kiefer hin- und herschob. Hehe! Ich schnippte mit den Fingern. Das
Ungetüm spreizte seine Rückenflosse, manöverierte und zog sich zurück.
Der Wald der Eisblumen war zu Ende und ich stand wieder vor einer endlosen
Sandebene.
Ich suchte etwas. Was, im Namen Gottes, suchte ich doch? Da stieß ich an
etwas Hartes. Es war eine kleine Schiffskanone, die im Sande lag. Sie war
dick mit Grünspan bedeckt, ich pickte daran, siehe da, ganze Stücke ließen
sich abbrechen. Ich ging weiter. Was suchte ich doch hier? Ich schüttelte
den Kopf, ich wußte es nicht. Im Sande lag ein kleiner toter Fisch. Ich sah
ihn lange an. Geheimnisvoll lag er da und sein weißer Bauch schien mir zu
sagen, daß er lange auf mich gewartet habe, zu lange. Ich grub ein kleines
Loch, bettete den Fisch hinein, wie es sich gehört, und schüttete Sand
darüber. Oben auf das kleine Grab legte ich eine Muschel. Alles mußte seine
Ordnung haben.
Dann ging ich wieder. Unruhe ergriff mich. Ich blickte um mich, ich sah in
die Höhe. Ringsum war das dunkle unendliche Meer. Und plötzlich packte mich
eine fürchterliche Angst, weil ich hier unten im großen Meer irrte, klein
wie ein Sandkorn, und nicht wußte, warum. Ich fing an zu laufen. Das Grauen
jagte mich. Die Hände ausgestreckt, mit vor Entsetzen wehenden Haaren
stürzte ich durchs Meer dahin und schrie.
Plötzlich aber hielt ich inne und staunte und wurde ganz ruhig im Herzen:
vor mir lag ein Wrack, grünlichgrau wie das Meer selbst.
Es war ein haushohes altes Kauffahrteischiff, bauchig, mit einer Flucht
viereckiger Luken, plumpen Verdeckbauten und zersplitterten Maststumpen.
Von oben bis unten war es mit einer schleimigen Lehmschicht überzogen und
grüne Moosbärte hingen überall herab. Neugierig ging ich um das Wrack
herum. Am Bug war eine verstümmelte Holzfigur, am Heck stand der Name:
Maria A. D. 1730.
Da sah ich oben eine graue Gestalt, die sich über die Reling beugte, und
mich anrief: »Hallo, bist du hier, alter Leichenschänder?« Und der Mann
lachte.
Am Lachen erkannte ich ihn. Es war Kerhuel, ein Fischer, der vor einigen
Wochen mit zwei anderen ertrunken war.
»Ah, Kerhuel, du bist es!«
»Komm an Bord! Hast du Tabak bei dir? Hier ist die Leiter, Achtung!« Eine
Strickleiter hüpfte herab.
Ich geriet in große Erregung. »Ich habe Tabak, Kerhuel!« rief ich und stieg
rasch an der schleimigen Wand des Wracks empor.
»Vorwärts!« schrie Kerhuel, dessen Augen unnatürlich hell waren. »Alle sind
hier, Leman, Bec, eine tolle Wirtschaft. Rosseherre wartet schon lange auf
dich!«
Rosseherre! Ach, ich war ja ausgezogen um Rosseherre zu suchen! Wie dumm --
nun fiel es mir ein. Du wirst Rosseherre suchen, sagte ich zu mir, als ich
ins Meer stieg.
»Hallo!« heulte Kerhuel, die Hände am Mund. »Patron! Ein Neuer ist
gekommen! Hallo, Rosseherre, der Hochzeiter ist da!« Von allen Seiten
tauchten verwilderte Köpfe aus den Luken.
Ich sah eine Pyramide von grauen Haaren vor mir. Das war der Patron. Sein
Haupthaar, seine Brauen, sein Bart hingen wie Moos bis aufs Deck herab.
Sein Schnauzbart flatterte, sein Bart wehte, er hatte die Lippen schon
lange wieder geschlossen, als ich verstand, was er sagte: »Willkommen auf
dem Meeresgrund!«
Hundert Hände streckten sich mir zum Gruße entgegen, hundert neugierige
Gesichter, leuchtend von kindlicher Freude, umdrängten mich. Sie alle
hatten helle weitgeöffnete Augen und die Haare hingen ihnen wie nasser Tang
über die fahlen Gesichter. »Willkommen auf dem Meeresgrund!«
Ich erkannte Leman, wie immer hatte er den kurzen Stumpen einer Gipspfeife
im Mund, Bec mit der Hasenscharte -- hallo! Zwei Fischer, Vater und Sohn,
die ich nie gesehen hatte, schüttelten mir derb die Hand.
»Das ist Rosseherres Vater und das hier ist dein Schwager, umarme sie!«
rief Kerhuel.
»Rosseherre ist hier!« sagten die zwei und küßten mich auf beide Wangen.
Hier war ich gut aufgehoben, ich fühlte mich zu Hause. Da spürte ich einen
kleinen Schlag auf der Schulter und drehte mich augenblicklich um. Das war
Rosseherre! Sie sah mich an und lachte wie jemand, der sich versteckt hatte
und den man endlich aufstöberte.
»Hast du den Weg doch gefunden?« fragte sie. »Wo sind die Ringe?«
Ich antwortete ihr nicht. Ich war gelaufen durch Tangwälder, Wüsten und
über Wurzelberge und nun war sie da. Ich stieß einen wilden Schrei aus,
ergriff sie und hob sie hoch über den Kopf empor. Dann begann ich zu
laufen. Ich rannte die schmale Treppe hinauf aufs Achterdeck, um die
Taubündel herum, hinunter, an der Reling entlang, hinauf aufs Vorderdeck.
Ich lief wie ein Teufel, und hinter mir her tobte die wilde Jagd.
Rosseherre hielt sich an meinen Haaren fest und stieß einen durchdringenden
jauchzenden Schrei aus. Ich sprang mit ihr in eine Luke hinein, kletterte
blitzschnell die steilen Stufen hinab und eilte durch einen schmalen Gang.
Ein Schwarm aufgescheuchter winziger Fische schoß vor uns her. Die wilde
Jagd hinter uns heulte, daß es brauste. Ich rannte mit Rosseherre auf den
Armen durch ein Labyrinth von Gängen und Gemächern und endlich fing ich
mich in einem großen Raum am Heck. Es gab keinen Ausweg mehr. Die wilde
Jagd brach tobend herein. Ich keuchte.
»Hochzeit, Hochzeit!« schrien sie und schwangen die Mützen, indem sie uns
umringten.
»Wollt ihr nicht ein wenig Platz machen!« sagte ich lachend und wischte den
Schweiß vom Gesicht.
Nein, das wollten sie nicht. »Reißt ihnen die Kleider vom Leib, ho! ho!«
Sie heulten und drängten näher. Kopf an Kopf standen sie, hundert
neugierige fahle Gesichter mit nassen. Haaren und hellen Glasaugen. Sie
wollten alles sehen --