Saal im Schlosse zu Retiro mit einer Mittel- und zwei Seitentüren.
Überall Zeichen der Zerstörung. Links im Vorgrunde ein umgestürzter
Putztisch mit zerstreutem Geräte. Rechts im Hintergrunde ein gleichfalls
umgeworfener Tisch, darüber ein Gemälde, halb aus dem Rahmen herausgerissen.
In der Mitte des Gemachs ein Stuhl. Es ist dunkel.
Von außen, hinter der Mittelwand, Geräusch von Stimmen, Fußtritte und
Waffengeklirr, endlich.
Von außen.
Es ist genug! Das Zeichen tönt! Zu Pferde!
(Die Stimmen und die Fußtritte entfernen sich.--Pause. Dann kommt der
alte Isaak aus der Seitentüre rechts, einen nachschleifenden Teppich über
den Kopf gestülpt, den er später fallen läßt.)
Isaak.
So sind sie fort?--Ich höre nichts. (Zurücktretend.) Doch ja--
Nein wieder nichts. Ich habe mich versteckt
Als sie nach Räuberart das Schloß durchsuchten.
Am Boden lag ich in mich selbst gekrümmt,
Und diese Decke war mir Dach und Schirm.
Doch nun wohin?--Was ich erspart, erworben,
Hab ich vorlängst im Garten eingescharrt;
Das hol ich später, wenn der Lärm vorüber.--
Wo ist die Tür? Wie rett ich meine Seele?
(Esther tritt aus der Türe links.)
Wer kommt? Weh mir!
Esther.
Seid Ihr's?
Isaak
Bist du es, Rahel?
Esther.
Wie meinst du? Rahel? Esther bin ich nur!
Isaak.
Nur, sagst du, nur? Du, meine einz'ge Tochter,
Die einz'ge, weil die beste.
Esther.
Sag vielmehr:
Die beste, weil die einz'ge. Alter Mann,
So weißt du nichts vom heut'gen Überfall,
Und weißt du nicht, wem all ihr Wüten galt?
Isaak.
Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen,
Ist Rahel doch entflohn, in Sicherheit.
O sie ist klug.--Gott meiner Väter!
Was suchst du mich, mich armen alten Mann
Und sprichst zu mir aus meiner Kinder Munde?
Ich aber glaub es nicht. Es ist nicht. Nein!
(Er sinkt am Stuhle in der Mitte nieder, sein Haupt dagegenlehnend.)
Esther.
So sei denn stark durch feige Furchtsamkeit.
Doch nenn ich andre was ich selber war.
Als sie nun kamen und, vom Schlaf erwacht,
Ins letzte, ferne, innerste Gemach
Ich hin zur Hilfe meiner Schwester eilte,
Da faßt mich einer an mit starker Hand
Und schleudert mich zu Boden. Und ich Feige,
Ich fiel in Ohnmacht, als es galt
Mein Leben für die Schwester hinzugeben,
Zu sterben wenigstens zugleich mit ihr.
Als ich erwachte, war die Tat geschehn
Vergebens jedes Mittel der Belebung.
Da konnt' ich weinen, mir die Haare raufen;
Das ist die rechte Feigheit, Weiberart.
Isaak.
Sie sagen dies und das. Ich aber glaub's nicht.
Esther.
Leih deinen Stuhl zu sitzen, alter Mann.
(Sie rückt den Stuhl nach vorn.)
Die Glieder werden schwach mir unterm Leib.
Hier will ich bleiben und will Wache halten.
(Sie sitzt.) Vielleicht daß einem dünkt der Mühe wert,
Die Stoppeln zu verbrennen nach der Ernte,
Und kommt zurück und tötet was noch übrig.
Isaak (vom Boden).
Mich nicht! mich nicht!--Hier kommt schon einer. Horch!
Nein viele!--Schütze mich, ich flieh zu dir.
(Er flieht zu ihrem Stuhle, wo er sich am Boden niederkauert.)
Esther.
Ich will Euch hüten, einer Mutter gleich,
Des altergrauen Vaters zweite Kindheit.
Und kommt der Tod, so sterbt Ihr kinderlos,
Ich geh voran und folge meiner Schwester.
(In der Mitteltüre erscheint der König mit seinem Knappen, der eine
Fackel trägt.)
König.
Dring ich noch weiter vor? Begnüg ich mich
Mit dem was ich schon weiß eh ich's gesehn?
Das ganze Schloß, zerstört, verheert, verwüstet,
Ruft mir aus allen Winkeln gellend zu:
Es ist zu spät! der Greuel ist geschehn.
Und des trägst du die Schuld, verruchter Zaudrer,
Wenn etwa gar nicht einverstanden auch.
Allein du weinst, und Tränen lügen nicht.
Sieh her, ich weine auch. Allein aus Wut,
Aus unbefriedigter Begier nach Rache.
Steck deine Fackel hier in diesen Ring
Und geh ins Dorf; versammle die Gemeinde,
Heiß sie mit Waffen, die der Zufall beut
Sich stellen hier im Schloß. Ich selbst entbiete,
Wenn's Morgen erst, durch Schreiben rings mein Volk,
Der Arbeit Kinder und der harten Mühn.
An ihrer Spitze will ich rächend gehn
Und brechen all die Schlösser jener Großen,
Die Diener halb und halb auch wieder Herrn,
Sich selber dienen und den Herren meistern,
Beherrscher und Beherrschte, also sei's,
Und jene Zwitter tilg ich rächend aus,
Die stolz auf Blut, auf das in ihren Adern
Und auf das fremde, wenn's ihr Schwert vergoß.
Laß hier dein Licht und geh! Ich bleib allein
Und brüte die Geburten meiner Rache.
(Der Diener steckt seine Fackel in den Ring neben der Türe und
entfernt sich.--König einen Schritt nach vorn machend.)
Was regt sich dort? Ist hier noch Leben übrig?
Gebt Antwort!
Isaak
Gnädiger Herr Missetäter,
Verschont uns edler Mörder!
König.
Du bist's, Alter?
Erinnre mich nicht dran, daß sie dein Kind,
Es minderte ihr Bild in meiner Seele.
Und du bist Esther, nicht?
Esther.
Ich bin es, Herr.
König.
Und ist's geschehn?
Esther.
Es ist.
König.
Ich wußt' es wohl
Seit ich das Schloß betrat. Drum keine Klagen!
Glaub, das Gefäß ist voll, was man noch zugießt
Fließt ab vom Rand und schwächt des Inhalts Gift.
Als sie noch lebte wollt' ich sie verlassen.
Nun da sie tot, verläßt sie nimmer mich
Und dies ihr Bild auf dieser meiner Brust
Es gräbt sich ein und schlägt nach innen Wurzel.
Denn war nicht selber ich's, der sie getötet?
Blieb sie mir fern, sie spielte noch, ein Kind,
Sich selbst zur Lust und anderen zur Freude.
Vielleicht--ob das zwar nicht! Ich sage nein!
Kein andrer durfte ihre Hand berühren
Und niemands Lippen nahen ihrem Mund,
Kein frecher Arm--Sie war des Königs eigen,
Ob nie gesehn, gehörte sie doch mir,
Der Reize Macht dem Mächt'gen auf dem Thron.
Isaak.
Spricht er von Rahel?
Esther.
Wohl, von Eurer Tochter.
Sosehr der Schmerz verlornen Wert verdoppelt,
Sag ich Euch doch: Ihr schlagt zu hoch sie an.
König.
Meinst du? Ich sage dir, wir sind nur Schatten,
Ich, du, und jene andern aus der Menge;
Denn bist du gut: du hast es so gelernt,
Und bin ich ehrenhaft: ich sah's nicht anders;
Sind jene andern Mörder, wie sie's sind:
Schon ihre Väter waren's, wenn es galt.
Die Welt ist nur ein ew'ger Widerhall
Und Korn aus Korn ist ihre ganze Ernte.
Sie aber war die Wahrheit, ob verzerrt,
All was sie tat ging aus aus ihrem Selbst,
Urplötzlich, unverhofft und ohne Beispiel.
Seit ich sie sah, empfand ich, daß ich lebte
Und in der Tage trübem Einerlei
War sie allein mir Wesen und Gestalt.
So wie man sagt, daß in Arabiens Wüsten
Der Wandrer, der sich lang im Sand geplagt,
Der Sonne Brand ertragen glühnden Haupts,
Mit einemmal ein blühend Eiland trifft
Umbrandet von der See der trocknen Wellen,
Da blühen Blumen, winkt der Bäume Schatten,
Der Kräuter Hauch steigt mildernd in die Luft
Und wölbt sich unterm Himmel als ein zweiter.
Zwar ringelt sich die Schlange unterm Busch,
Ein reißend Tier, von gleichem Durst gequält,
Fand etwa seinen Weg zur kühlen Quelle;
Doch jubelt auf der Wandrer, wegemüd
Und saugt mit gier'gem Mund den Labetrank
Und wirft sich in des Grases üpp'gen Wuchs.
Den üpp'gen Wuchs. Fürwahr! Ich will sie sehn,
Noch einmal jenen stolzen Bau der Glieder,
Den Mund, der Atem sog und Leben hauchte,
Und der, nunmehr auf immerdar verstummt,
Mich anklagt, daß ich sie so schlecht beschützt.
Esther.
Tu's nicht, o Herr! Da 's nun geschehn,
Laß es geschehen sein. Uns sei der Jammer,
Du trenne dich nicht, Herr, von deinem Volk.
König.
Meinst du? Ich bin der König, weißt du wohl?
Nicht nur an ihr, an mir hat man gefrevelt.
Gerechtigkeit und Strafe jeder Schuld
Hab ich geschworen an dem Krönungstag
Und will es halten bis an meinen Tod.
Dazu muß ich mich stärken, mich verhärten,
Denn alles was dem Menschen hoch und wert,
Wird man entgegenstellen meinem Grimm:
Erinnerung aus meiner Knabenzeit,
Des Mannes erste bräutliche Begegnung,
Die Freundschaft und die Dankbarkeit, die Milde,
Mein ganzes Leben schroff in eins geballt
Wird mir genüberstehn in Waffenrüstung
Und mich zum Kampfe fordern mit mir selbst,
Drum muß ich von mir selbst mich erst entfernen.
Ihr Bild wie es vor mir steht hier und dort
An jeder Wand, in dieser, jener Ecke,
Zeigt mir sie nur in ihrer frühern Schönheit
Mit ihren Schwächen, die so reizend auch.
Ich will sie sehn, zerstört, versehrt, mißhandelt,
Versenken mich im Greuel ihres Anblicks,
Vergleichen jedes Blutmal ihres Leibes
Mit ihrem Abbild hier auf meiner Brust
Und lernen Unmensch sein genüber gleichen.
(Da Esther aufgestanden ist.)
Sprich mir kein Wort! Ich will! Und diese Fackel
Soll mich begleiten, flammend wie ich selbst,
Nur leuchtend weil zerstörend und zerstört.
Sie ist in jenem letzten, innern Zimmer,
Wo ich so oft--?
Esther.
Sie ist, sie war, sie bleibt.
König (hat die Fackel ergriffen).
Mir deucht ich sehe Blut auf meinem Weg.
Es ist der Weg zum Blut.--O Nacht der Greuel.
(Er geht in die Seitentüre links.)
Isaak.
Wir sind im Dunkeln.
Esther.
Wohl, im Dunkel rings,
Umgeben von des Unglücks grauser Nacht.
Allein der Tag bricht an. Laß mich versuchen
Ob ich die Glieder trage bis dahin.
(Sie tritt zum Fenster und zieht den Vorhang.)
Der Morgen dämmert schon, sein bleicher Schein
Schaut, wie entsetzt, die Greuel der Zerstörung,
Den Unterschied von gestern und von heut.
(Auf die am Boden zerstreuten Schmucksachen deutend.)
Da liegen sie die Trümmer unsres Glücks,
Der bunte Tand, um dessentwillen wir,
Ja wir, nur wir--nicht er, der dort sich schuld gibt--
Die Schwester opferten, dein töricht Kind.
All was geschieht ist Recht. Wer sich beklagt,
Verklagt sich selbst und seine eigne Torheit.
Isaak (der sich in den Stuhl gesetzt hat).
Hier will ich sitzen. Seit der König da
Fürcht ich sie nicht und alle die noch kommen.
(Die Mitteltüre öffnet sich, Manrique und Garceran, hinter ihnen die
Königin, ihr Kind an der Hand führend, und mehrere Große treten ein.)
Manrique.
Kommt hier herein und stellt demnächst Euch auf.
Wir haben an dem König uns versündigt,
Das Gute wollend, aber nicht das Recht.
Wir wollen uns dem Rechte nicht entziehn.
Esther (auf der andern Seite, eines Ruckes den umgestürzten Tisch
emporhebend).
Verwüstung ordne dich! Laß sie nicht glauben,
Daß wir erschrocken, oder daß wir feig.
Königin.
Hier sind sie, jene andern!
Manrique.
Immerhin!
Sie traf bereits, was uns vielleicht bedroht.
Stellt Euch in Reih' und Ordnung wenn's beliebt.
Königin.
Mich laßt voran, ich bin die Schuldigste.
Manrique.
Nicht also, edle Frau! Ihr spracht das Wort,
Doch als es kam zur Tat, habt Ihr gezittert,
Euch widersetzt und Schonung anbefohlen,
Obgleich umsonst, denn Not war uns Gebot.
Auch wünscht' ich nicht, daß sich sein erster Grimm
Entlüde auf die Häupter, die uns hoch,
Zunächst nach ihm die Hoffnung unsers Throns.
Ich selber tat's. Zwar nicht mit meiner Hand,
Allein mit Rat, mit furchtbar ernstem Mitleid.
Ich trete vor Euch hin. Und du, mein Sohn,
Hast du den Mut, als Mann auch zu vertreten
Was du gehindert nicht, wenn nicht gefördert,
So daß dein Streben, wieder gut zu machen,
Und deine Rückkehr selbst nicht ohne Schuld?
Garceran.
Seht mich bereit. Ich tret an Eure Seite
Und treffe mich des Königs erster Zorn.
Esther (herüberrufend).
Ihr dort, obgleich ihr Mörder seid gesamt
Und würdig jeden Tods und jeder Strafe;
Genug des Unheils ist bereits geschehn,
Ich wünschte nicht die Greuel noch vermehrt.
Der König ist dort drin bei meiner Schwester,
Und vorher schon ergrimmt, wird ihn ihr Anblick
Aufstacheln zu vermehrter, neuer Wut.
Auch dauert mich das Weib dort und ihr Kind,
Unschuldig halb und halb auch halb nur schuldig.
Drum geht, weil es noch Zeit, begegnet nicht
Dem Rächer, der zum Richter noch zu heiß.
Manrique.
Weib, wir sind Christen.
Esther.
Nun, Ihr habt's gezeigt.
Ich lobe mir die Jüdin, weiß es Gott!
Manrique.
Als solche abzubüßen auch bereit
Was wir gefehlt, uns willig unterwerfend.
Legt Eure Schwerter ab. Hier ist das meine.
Die Wehr an Mannes Seite spricht von Schutz.
Schon unsre Anzahl streitet mit der Demut,
Sie teilt die Schuld, die doch in jedem ganz.
(Alle haben die Schwerter vor Manrique auf den Boden gelegt.)
So harren wir. Vielmehr geh' einer hin
Und trete fördersamst den König an.
Des Landes Not erheischt, daß er sich fasse,
Ob so, ob so; und wär's auch nur bereuend
Zu rasche Tat, von der wir selbst das Opfer.
Geh du mein Sohn!
Garceran (der einige Schritte gemacht, umkehrend).
Seht hier der König selbst.
(Der König stürzt aus dem Seitengemache. Nach ein paar Schritten wendet er
sich um und sieht starr nach der Türe.)
Königin.
O Gott im Himmel!
Manrique.
Ruhig gnäd'ge Frau.
(Der König geht nach vorn. Er bleibt mit untergeschlagenen Armen vor dem
alten Isaak stehen, der wie schlummernd im Sessel liegt. Drauf geht er nach
dem Vorgrunde.)
Esther (zu dem Alten).
Schau, deine Feinde zittern. Freust du dich?
Ich nicht. Die Tote wacht doch nimmer auf.
(Der König, im Vorgrunde, betrachtet seine beiden Hände und streift daran,
wie reinigend, mit der einen über die andere. Hierauf dieselbe Bewegung über
den Oberleib. Zuletzt fährt er nach dem Halse, die Hände um den Umkreis
desselben bewegend. In dieser letzten Stellung, die Hände noch immer am
Halse, bleibt er stehen und sieht starr vor sich hin.)
Manrique.
Erlauchter Fürst und König! Gnäd'ger Herr!
König (emporfahrend).
Ihr seid's? Ihr kommt zurecht. Euch sucht' ich eben,
Und alle. Ihr erspart mir manche Müh'.
(Er tritt vor sie hin, sie mit zornigen Blicken messend.)
Manrique (auf die am Boden liegenden Waffen zeigend).
Wir haben unsre Wehr von uns gelegt--
König.
Ich sehe Schwerter. Kommt Ihr, mich zu töten?
Vollendet Euer Werk. Hier meine Brust.
(Er öffnet sein Kleid.)
Königin.
Er hat's nicht mehr!
König.
Wie meint ihr schöne Frau?
Königin.
Das böse Bild ist fort von seinem Halse.
König.
Ich gehe, es zu holen.
(Er macht ein paar Schritte gegen die Seitentüre und bleibt dann stehen.)
Königin.
Gott, noch immer!
Manrique.
Wir wissen wohl, wie sehr wir, Herr, gefehlt;
Vor allem: nicht die Rückkehr zu dir selbst
Dir selbst und deinem edlen Sinn vertrauend.
Allein die Zeit war dringender als wir.
Es bebt das Land. Der Feind an unsern Grenzen
Er fordert auf zu Wehr und Widerstand.
König.
Und Feinde muß man strafen, oder nicht?
Ihr mahnt mit Recht; umringt bin ich von solchen.
He, Garceran!
Garceran.
Meint Ihr mich, hoher Herr?
König.
Ich meine dich. Du hast mich zwar verraten,
Allein du warst mein Freund. Komm her zu mir.
Sag mir was hältst du von dem Mädchen dort?
Nun--die du morden halfst--doch davon später.
Was hieltst du von ihr da sie lebte noch?
Garceran.
Herr, sie war schön.
König.
So! und was weiter noch?
Garceran.
Doch auch verbuhlt und leicht, voll arger Tücken.
König.
Und das verschwiegst du mir als es noch Zeit?
Garceran.
Ich sagt' es Euch.
König.
Und ich hab's nicht geglaubt?
Wie kam das? Sag nur an!
Garceran.
Die Königin
Sie rät auf Zauberei.
König.
Das ist der Aberglaube,
Der nachglaubt, was er erst sich vorgeglaubt.
Garceran.
Zum Teil war's freilich wieder auch natürlich.
König.
Natürlich ist zuletzt nur was erlaubt.
Und war ich nicht ein König, mild, gerecht?
Der Abgott meines Volks und all der Meinen.
Nicht leer an Sinn, und blind auch nicht vor allem.
Ich sage dir: sie war nicht schön.
Garceran.
Wie meint Ihr?
König.
Ein böser Zug um Wange, Kinn und Mund,
Ein lauernd Etwas in dem Feuerblick
Vergiftete, entstellte ihre Schönheit.
Betrachtet hab ich mir's und hab verglichen.
Als ich dort eintrat, meinen Zorn zu stacheln,
Halb bange vor der Steigrung meiner Wut,
Da kam es anders als ich mir's gedacht.
Statt üpp'ger Bilder der Vergangenheit
Trat Weib und Kind und Volk mir vor die Augen.
Zugleich schien sich ihr Antlitz zu verzerren,
Die Arme sich zu regen mich zu fassen.
Da warf ich ihr ihr Bild nach in die Gruft
Und bin nun hier und schaudre, wie du siehst.
Nun aber geh! Hast du mich doch verraten,
Fast tut mir leid, daß ich Euch strafen muß.
Tritt hin zu deinem Vater, zu den andern.
Kein Unterschied, denn alle seid Ihr schuldig.
Manrique (mit starker Stimme).
Und Ihr nicht auch?
König (nach einer Pause).
Der Mann hat recht; ich auch.
Allein was ist die Welt, mein armes Land,
Wenn niemand rein und übrall nur Verbrecher?
Doch hier mein Sohn. Tritt du in unsre Mitte,
Du sollst der Schutzgeist sein von diesem Lande,
Ob uns ein höhrer Richter dann verzeiht.
Führt Doña Clara, Ihr ihn an der Hand,
Euch hat ein günstiges Geschick verliehn
In Unbefangenheit bis diesen Tag
Das Leben zu durchziehn; Ihr seid es wert,
Die Unschuld einzuführen unter uns.
Doch halt! Hier ist die Mutter. Was sie tat,
Sie tat es für ihr Kind. Ihr ist verziehn.
(Da die Königin vortritt und ein Knie beugt.)
Madoña, straft Ihr mich? Wollt Ihr mir zeigen
Die Stellung, die mir ziemte gegen Euch?
Kastilier seht her! Hier Euer König,
Und die Regentin hier an seiner Statt,
Ich bin nur der Feldhauptmann meines Sohns.
Denn wie die Pilger mit dem Kreuz bezeichnet
Zur Buße hinziehn nach Jerusalem,
So will ich, meiner Makel mir bewußt,
Euch führen gegen jene Andersgläub'gen,
Die an der Grenze fern aus Afrika
Mein Volk bedrohn und dies mein stilles Land.
Kehr ich dann wieder, und will's Gott als Sieger,
Dann sollt Ihr sagen, ob ich wieder wert,
Das Recht zu schützen, das ich nun verletzt.
Euch jeden trifft die Strafe so wie mich,
Denn in die dichtsten Haufen unsrer Feinde
Sollt Ihr mir folgen, Ihr gesamt, zunächst.
Und wer dann fällt, er hat gebüßt für alle.
So straf ich Euch und mich. Hier meinen Sohn,
Setzt ihn auf einen Schild, gleich einem Thron,
Denn er ist heut der König dieses Landes,
Und so geschart, laßt gehn uns vor das Volk.
(Man hat einen Schild gebracht.)
Ihr Frauen beide reicht dem Kind die Hand,
Sein erster Thron ist schlüpfrig--wie der zweite.
Du Garceran, du bleibst an meiner Seite:
Wir haben gleichen Leichtsinn zu vertreten,
Wir wollen kämpfen wie mit einer Kraft.
Und hast du dich gereinigt so wie ich,
Vielleicht hält jene Stille, Sittigreine
Dich ihrer Huld und ihres Auges wert.
Ihr sollt ihn bessern, Doña Clara! doch, um Gott!
Macht ihm die Tugend nicht nur achtungswert,
Nein liebenswürdig auch. Das schützt vor vielem.
(Trompeten aus der Ferne.)
Hört Ihr? Sie rufen uns. Die ich beschieden
Als Beistand gegen Euch, sie sind bereit
Zur Hilfe gegen unser aller Feind,
Den grimmen Mauren, der den Grenzen droht,
Und den ich senden will mit Schmach und Wunden
Rück in sein heimisch dürres Wüstenland,
Auf daß das unsre frei von Unbill
Nach innen und nach außen wohl bewahrt.
Voraus! Voran! Geliebt es Gott: zum Sieg.
(Der Zug hat sich schon früher geordnet. Voraus einige Vasallen; dann das
Kind auf dem Schilde, das die Frauen zu beiden Seiten an den Händen halten,
dann der Rest der Männer. Zuletzt der König, sich vertraulich auf Garceran
stützend.)
Esther (zu ihrem Vater gewandt).
Siehst du, sie sind schon heiter und vergnügt
Und stiften Ehen für die Zukunft schon.
Sie sind die Großen, haben zum Versöhnungsfest
Ein Opfer sich geschlachtet aus den Kleinen
Und reichen sich die annoch blut'ge Hand.
(In die Mitte des Theaters tretend.)
Ich aber sage dir, du stolzer König:
Geh hin, geh hin in prunkendem Vergessen--
Du hältst dich frei von meiner Schwester Macht,
Weil abgestumpft der Stachel ihres Eindrucks
Und du von dir warfst, was dich einst gelockt.
Am Tag der Schlacht, wenn deine schwanken Reihen
Erschüttert von der Feinde Übermacht,
Und nur ein Herz, das rein und stark und schuldlos
Gewachsen der Gefahr und ihrem Drohn:
Wenn du emporschaust dann zum tauben Himmel,
Dann wird das Bild des Opfers, das dir fiel,
Nicht in der üpp'gen Schönheit, die dich lockte,
Entstellt, verzerrt, wie sie dir ja mißfiel,
Vor deine zagend bange Seele treten!
Dann schlägst du wohl auch reuig an die Brust,
Dann denkst du an die Jüdin von Toledo.
(Den Alten an der Schulter fassend.)
Kommt, Vater, kommt! Wir haben dort zu tun.
(Auf die Seitentüre zeigend.)
Isaak (wie aus dem Schlafe erwachend).
Doch such ich erst mein Gold.
Esther.
Denkt Ihr noch das?
Im Angesicht des Jammers und der Not.
Dann nehm ich rück den Fluch, den ich gesprochen,
Dann seid Ihr schuldig auch, und ich--und sie.
Wir stehn gleich jenen in der Sünder Reihe;
Verzeihn wir denn, damit uns Gott verzeihe.
(Die Arme gegen die Seitentüre ausgestreckt.)
(Der Vorhang fällt.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Jüdin von Toledo, von Franz
Grillparzer.