Zweiter Aufzug

Ein Teil des Gartens. Kurzes Theater. Rechts ein Gartenhaus mit einem

Balkon und einer Türe, zu der mehrere Stufen emporführen.

Garceran, zur Türe herauskommend.

Garceran.

So rett ich mich denn etwa vorderhand.

Das Mädchen sie ist schön und eine Närrin,

Und da die Liebe Torheit, ist 'ne Törin

Gefährlicher, als selbst die Schlauste nicht.

Zudem tut's not, daß meinen guten Ruf

Und meine Leidenschaft für Doña Clara--

Die Schweigsamste von allen die je schwiegen,--

Ich neu zu Ehren bringe, da 's noch Zeit;

Entfliehen der Gefahr nennt Sieg der Kluge.

(Ein Knappe des Königs kommt.)

Knappe.

Herr Garceran!

Garceran.

Ah, Robert! und was soll's?

Knappe.

Der König, Herr, befahl mir nachzusehn,

Ob Ihr noch hier mit Eurer Pflegbefohlnen.

Garceran.

Ob wir noch hier? Befahl er doch--Ah, Freund,

Du solltest nachsehn, ob ich etwa oben?

Sag nur, das Mädchen sei im Gartenhaus

Und ich hier außen. Das wird ihm genügen.

Knappe.

Hier sind Sie selbst!

Garceran.

Ah, Majestät!

(Der König kommt im Mantel gehüllt, der Knappe geht.)

König.

Nun, Freund,

Noch immer hier?

Garceran.

Habt Ihr doch selbst befohlen,

Daß erst beim Anbruch von des Abends Dunkel--

König.

Jawohl, jawohl! Doch reifer Überlegung

Scheint besser, daß ihr reist bei Tageslicht--

Du giltst für kühn.

Garceran.

So glaubt Ihr hoher Herr--

König.

Ich glaube, daß du ehrst des Königs Wort,

Der, was er schützte, unbelästigt wünscht.

Allein Gewohnheit ist des Menschen Meister

Und unser Wille will oft, weil er muß.

Drum geht nur jetzt. Was aber treibt dein Schützling?

Garceran.

Zum Anfang war ein Weinen ohne Maß,

Allein die Zeit bringt Trost, pflegt man zu sagen,

So war's auch hier, vorbei der erste Schreck,

Fand Munterkeit, ja Scherz sich wieder ein.

Man sah nun erst das schimmernde Gerät,

Die Seide der Tapeten ward bewundert,

Des Vorhangs Stoff nach Ellen abgeschätzt,

Man hat sich eingerichtet und ist ruhig.

König.

Und scheint sie sich zu sehnen nach der Heimat?

Garceran.

Beinah, und manchmal wieder scheint es, nein.

Doch leichter Sinn grämt sich nicht gern voraus.

König.

Du hast doch nicht versäumt, der Worte Köder

Nach ihr auch auszuwerfen nach Gewohnheit?

Wie nahm sie's auf?

Garceran.

Nu, Herr, nicht eben schlimm.

König.

Du lügst!--Im Grunde bist du glücklich, Mensch!

Schwebst wie ein Vogel durch die heitern Lüfte

Und senkst dich nieder, wo die Beere lockt

Und weißt zu finden dich beim ersten Blick.

Ich bin ein König und mein Wort erschreckt,

Doch wär' ich selbst erschrocken, stünd' ich irgend

Genüber einem Weib zum erstenmal.

Wie fängst du's an? Belehre mich ein wenig

Ich bin ein Neuling in dergleichen Dingen,

Nicht besser als ein großgewachsnes Kind.

Da wird geseufzt?

Garceran.

Pfui, Herr, das wär' veraltet!

König.

Nun denn geblickt? Und Junker Gänsrich schaut

Bis Dame Gänschen wieder schaut. Nicht so?

Dann nimmst du wohl die Laute gar zur Hand

Genüber dem Balkon, wie etwa hier,

Und singst ein krächzend Lied, wozu der Mond,

Ein bleicher Kuppler, durch die Bäume funkelt,

Und Blumenkelche duften süßen Rausch

Bis nun der günst'ge Augenblick erscheint,

Der Vater, Bruder,--oder Gatte gar

Das Haus verläßt, auf etwa gleichen Pfaden

Und nun die Zofe winkt ihr leises: pst!

Da trittst du ein und eine warme Hand

Ergreift die deine, führt dich durch die Gänge

Die dunkel wie das Grab und endlos gleitend

Den Wunsch erhöhn, bis endlich Ambraduft

Und bleicher Schimmer, durch die Ritzen dringend

Bezeichnen, daß erreicht das holde Ziel.

Die Tür geht auf, und hell im Kerzenschimmer,

Auf dunkeln Samt die Glieder hingegossen,

Den weißen Arm umkreist von Perlenschnüren,

Lehnt weichgesenkten Hauptes die Ersehnte,

Die goldnen Locken--nein, ich sage, schwarz!--

Des Hauptes Rabenhaar--und so denn weiter!

Du siehst, ich bin gelehrig, Garceran,

Und da gilt gleich denn: Christin, Maurin--Jüdin.

Garceran.

Auf Maurinnen sind Streiter wir der Grenze

Zu Recht verwiesen, doch die Jüdin, Herr--

König.

Spiel etwa du den Kostverächter doch!

Ich wette, wenn das Mädchen dir dort oben

Nur einen Blick gegönnt, du wärest Flamme.

Ich selber lieb es nicht dies Volk, doch weiß ich,

Was sie verunziert, es ist unser Werk;

Wir lähmen sie und grollen, wenn sie hinken.

Zudem ist etwas Großes Garceran,

In diesem Stamm von unstet flücht'gen Hirten:

Wir andern sind von heut, sie aber reichen

Bis an der Schöpfung Wiege, wo die Gottheit

Noch menschengleich in Paradiesen ging,

Wo Cherubim zu Gast bei Patriarchen

Und Richter war und Recht der ein'ge Gott.

Samt all der Märchenwelt, die Wahrheit auch

Von Kain und Abel, von Rebekkas Klugheit,

Von Jakob, der um Rahel dienend freite--

Wie heißt das Mädchen?

Garceran.

Herr, ich weiß nicht.

König.

Ei!

Von Ahasverus, der den Herrscherstab

Ausstreckte über Esther, die sein Weib

Und selber Jüdin, Schutzgott war den ihren.

So Christ als Muselmann führt seinen Stammbaum

Hinauf zu diesem Volk als ältstem, erstem,

So daß sie uns bezweifeln, wir nicht sie

Und hat es Esau-gleich, sein Recht verscherzt,

Wir kreuz'gen täglich zehenmal den Herrn

Durch unsre Sünden, unsre Missetaten

Und jene haben's einmal nur getan.

Nun aber laß uns gehn! Vielmehr bleib du!

Geleite sie und merke dir ihr Haus.

Vielleicht einmal wenn müde Sorgen drücken,

Besuch ich sie und freu mich ihres Danks.

(Im Begriffe zu gehn hört er Geräusch im Hause und bleibt stehen.)

Was ist?

Garceran.

Geräusch im Haus. Scheint's doch beinah,

Sie strafen Lügen dein gespendet Lob

Und streiten unter sich.

König (auf das Haus zugehend).

Was gibt's zu streiten?

(Isaak kommt aus dem Gartenhause.)

Isaak (zurücksprechend).

Nun denn so bleibt und spielt um euer Haupt!

Schon einmal ging's euch nah. Ich rette mich.

König.

Frag was es gibt!

Garceran.

Was soll es guter Mann?

Isaak (zu Garceran).

Ah Ihr seid's hoher Herr, der uns beschirmt.

Mein Rahelchen sie spricht gar viel von Euch,

Sie hat Euch lieb.

König.

Zur Sache! Was Geschwätz--

Isaak.

Wer ist der Herr?

Garceran.

Gleichviel. Du aber rede.

Was ist der Anlaß des Gelärms dort oben?

Isaak (zum Fenster hinaufsprechend).

Nun ja, es wird euch kommen. Wartet nur.

(Zu Garceran.) Ihr selber habt gesehn mein Rahelchen

Wie sie geweint, gestöhnt, die Brüste schlug,

Halb sinnverwirrt. Ei ja doch, Herr, mein Leben!

Kaum wußte sie vorüber die Gefahr

Da kam zurück der alte Übermut:

Sie lachte, tanzte, sang, halb toll von neuem,

Sie rückte das Gerät, das heilig ist,

Bewacht von Tod und poltert--wie Ihr hört.

Trägt sie am Gürtel nicht ein Schlüsselbund?

Nun, das versucht sie, Herr, an allen Schränken

Die längs den Wänden stehn, und öffnet sie;

Da hängen nun Gewänder aller Art.

Der Bettler bei dem König, Engel, Teufel

In bunter Reih'--

König (halblaut zu Garceran).

Vom letzten Fastnachtspiel.

Isaak.

Da wählt sie eine Krone sich heraus

Mit Federschmuck--nicht Gold, vergüldet Blech,

Man kennt es am Gewicht, gilt zwanzig Heller--

Legt sich ein schleppend Kleid um ihre Schultern

Und sagt, sie sei die Königin. (Zurücksprechend.) Ja, Törin!

Zuletzt--im Nebenzimmer hängt ein Bild

Des Königs unsers Herrn, den Gott erhalte!

Das nimmt sie von der Wand und trägt's herum,

Nennt es Gemahl, spricht's an mit süßen Worten

Und drückt's an ihre Brust.

(Der König geht mit starken Schritten auf das Gartenhaus zu.)

Garceran.

Mein hoher Herr!

Isaak (zu rückweichend).

Weh mir!

König (auf den Stufen stehend, mit ruhiger Stimme).

Den Scherz säh' gern ich in der Nähe.

Zudem rückt eurer Heimkehr Zeit heran,

Ich wünschte nicht versäumt die günst'ge Stunde.

Du Alter aber komm! Denn nicht allein,

Nicht unbewacht will nahn ich deinen Kindern.

(Er geht ins Haus.)

Isaak.

War das der König? Weh!

Garceran.

Geh nur hinein!

Isaak.

Zieht er sein Schwert, sind alle wir gerichtet!

Garceran.

Geh immer nur! Und was die Furcht betrifft,

Nicht deine Tochter ist's, noch du, für die ich fürchte.

(Er stößt den Zögernden zur Tür hinein und folgt. Beide ab.)

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Saal in dem Gartenhause. Im Hintergrunde nach links eine Türe, im

Vordergrunde rechts eine zweite.

Rahel, eine Federkrone auf dem Kopfe und einen goldgestickten Mantel

um die Schultern, ist bemüht, einen Lehnstuhl aus dem Seitengemache

rechts herauszuschleppen. Esther ist durch den Haupteingang eingetreten.

Rahel.

Hier soll der Lehnstuhl her, hier in die Mitte.

Esther.

Um Gottes willen, Rahel, sieh dich vor,

Dein Mutwill' wird uns noch in Unglück stürzen.

Rahel.

Der König hat das Haus uns eingeräumt,

Solang wir es bewohnen, ist's das unsre.

(Sie haben den Stuhl in die Mitte gerückt.)

Rahel (sich besehend).

Und meine Schleppe, nicht wahr? steht mir gut,

Und diese Federn nicken, wenn ich nicke,

Nun fehlt noch eins und, warte nur, ich hol es.

(Sie geht in die Seitentüre zurück.)

Esther.

O wären wir nur weit, nur erst zu Hause.

Der Vater auch bleibt fern, den sie vertrieb.

Rahel (kommt zurück mit einem Bild ohne Rahmen).

Hier ist des Königs Bild, gelöst vom Rahmen

Das nehm ich mit.

Esther.

Treibt wieder dich die Torheit?

Wie oft nicht warnt' ich dich!

Rahel.

Und hab ich dir gehorcht?

Esther.

Beim Himmel, nein.

Rahel.

Und werd's auch diesmal nicht.

Das Bild gefällt mir. Sieh, es ist so schön,

Ich häng es in der Stube nächst zum Bette.

Des Morgens und des Abends blick ich's an

Und denke mir--was man nun eben denkt

Wenn man der Kleider Last von sich geschüttelt

Und frei sich fühlt von jedem läst'gen Druck.

Doch daß sie meinen nicht, ich stahl es etwa,--

Bin ich doch reich und brauche Stehlens nicht--

Du trägst mein eigen Bild an deinem Hals,

Das hängen wir an dieses andern Stelle,

Das mag er ansehn, so wie seines ich

Und mein gedenken, hätt' er mich vergessen.

Rück mir den Schemel her, ich bin die Kön'gin,

Und diesen König heft ich an den Stuhl.

Die Hexen sagt man, die zur Liebe zwingen,

Sie bohren Nadeln, so, in Wachsgebilde,

Und jeder Stich dringt bis zum Herzen ein,

Und hemmt und fördert wahrgeschaffnes Leben.

(Sie befestigt das Bild an den vier Ecken mit Nadeln an die Lehne

des Stuhls.)

O gäbe jeder dieser Stiche Blut,

Ich wollt' es trinken mit den durst'gen Lippen

Und mich erfreun am Unheil das ich schuf.

Nun hängt es da und ist so schön als stumm,

Ich aber red ihn an als Königin

Mit Mantel und mit Krone die mich kleiden.

(Sie hat sich auf den Schemel gesetzt und sitzt vor dem Bilde.)

Ihr ehrvergeßner Mann, stellt Euch nur fromm,

Ich kenne dennoch jeden Eurer Schliche.

Die Jüdin, sie gefiel Euch, leugnet's nur!

Und sie ist schön, bei meinem hohen Wort,

Nur mit mir selber etwa zu vergleichen.

(Der König, von Garceran und Isaak gefolgt, ist gekommen und hat sich

hinter den Stuhl gestellt, die Arme auf die Rücklehne gelegt, sie

betrachtend.)

Rahel (fortfahrend).

Ich, Eure Königin, nun duld es nicht,

Denn eifersüchtig bin ich wie ein Wiesel.

Ob Ihr nun schweigt, das mehrt nur Eure Schuld.

Gesteht! Gefiel sie Euch? Sagt ja!

König.

Nun ja!

(Rahel fährt zusammen, blickt nach dem Bilde, dann aufwärts, erkennt

den König und bleibt regungslos auf dem Schemel.)

König (vortretend).

Erschreckt dich das? Du wolltest's und ich sag's.

Ermanne dich, du bist in Freundes Händen.

(Er streckt die Hand nach ihr aus, sie fährt vom Schemel empor und

flieht nach der Türe rechts, wo sie tiefatmend und mit gesenktem

Haupte stehenbleibt.)

König.

Ist sie so scheu?

Esther.

Nicht immer, gnäd'ger Herr.

Und scheu nicht, schreckhaft nur.

König.

Bin ich so greulich?

(Sich ihr nähernd)

Rahel (schüttelt heftig mit dem Kopfe).

König.

Nun denn, so fasse dich, mein gutes Kind.

Ja, du gefielst mir, sag ich noch einmal

Und kehr ich heim aus diesem heil'gen Krieg,

In den mich Ehre ruft und meine Pflicht,

Frag in Toledo ich vielleicht nach dir.

Wo wohnt ihr dort?

Isaak (schnell).

Herr, in der Jüdenstraße

Ben Mathaes Haus.

Esther.

Wenn man nicht früher

Uns etwa schon vertrieb.

König.

Dafür mein Wort!

Ich weiß zu schützen, wem ich Schutz gelobt.

Und wenn du dort auch so gesprächig bist

Und gut gelaunt, wie früher mit den Deinen,

Nicht scheu wie jetzt, verplaudr' ich wohl ein Stündchen

Und hole Atem aus dem Qualm des Hofs.

Nun aber geht, denn es ist hohe Zeit,

Du Garceran begleite sie; doch erst noch

Häng dieses Bild zurück an seine Stelle.

Rahel (auf den Stuhl losstürzend).

Das Bild ist mein.

König.

Was kommt dir bei?

Zurück zum Rahmen soll's, aus dem du's nahmst.

Rahel (zu Garceran).

Berühr die Nadeln nicht, noch dieses Bild,

Sonst festig ich's mit einem tiefern Stich,

(mit einer Nadel nach dem Bild fahrend) Siehst du? gerad ins Herz.

König.

Halt ein! Beim Himmel!

Hast du mich fast erschreckt. Wer bist du Mädchen?

Übst du geheime Künste, die Verbrechen?

War's doch, als fühlt' ich in der eignen Brust,

Den Stich nach jenem Bild.

Esther.

Mein hoher Herr,

Sie ist nur ein verwöhnt, verwildert Mädchen

Und weiß von unerlaubten Künsten nichts,

Es kam ihr ein, und also tat sie's eben.

König.

Man aber soll mit derlei keck nicht spielen.

Es trieb bis zu den Augen mir das Blut,

Und wie im wirren Licht seh ich die Dinge.

(Zu Garceran.)

Ist sie nicht schön?

Garceran.

Sie ist's mein Herr und König.

König.

Und wie das wogt und wallt und glüht und prangt.

(Rahel hat unterdessen das Bild abgenommen und zusammengerollt.)

König.

Du willst das Bild denn durchaus nicht entbehren?

Rahel (zu Esther).

Ich nehm es mit.

König.

Nun denn in Gottes Namen!

Er wird's verhüten, wenn ein Unheil droht.

Nur eilig fort. Nimm, Garceran

Den Weg der rückwärts durch den Garten führt.

Das Volk ist aufgeregt; es liebt, als schwach,

Die Schwäche gern zu prüfen an dem Schwächern.

Garceran. (am Fenster).

Doch seht, o Herr, es naht der ganze Hof,

Die Königin an des Geleites Spitze.

König.

Hierher? Verwünscht! Ist hier kein andrer Ausgang?

Mich widern an die Deutungen des Schwarms.

Garceran. (auf die Seitentüre zeigend).

Vielleicht in dies Gemach.

König.

Was fällt dir ein!

Soll ich verbergen mich vor meinen Dienern?

Und doch fürcht ich den Schmerz der Königin,

Sie könnte glauben,--was ich selber glaube.

Ich rette denn die wirre Majestät,

Sieh zu, daß du baldmöglichst sie entfernest.

(Er geht in das Seitengemach.)

Esther.

Ich sagt' es ja: es ist der Weg des Unglücks.

(Die Königin, von Manrique de Lara und mehreren begleitet, tritt ein.)

Königin.

Es ward gesagt, der König sei hier oben.

Garceran.

Er war, doch ging er fort.

Königin.

Und hier die Jüdin.

Manrique.

Geschmückt, dem losgelaßnen Wahnsinn gleich,

Mit all dem Flitterstaat des Puppenspiels.

Leg ab die Krone, die dir nicht geziemt,

Selbst nicht im Scherz; den Mantel von der Schulter!

(Esther hat ihr beides abgenommen.)

Was hält sie in der Hand?

Rahel.

Es ist mein eigen.

Manrique.

Das wollen wir erst sehn.

Esther.

Wir sind so arm nicht,

Daß wir nach fremdem Wert die Hände streckten.

Manrique (auf die Seitentür zugehend).

Auch dort in jenem Zimmer forscht man erst,

Ob nichts abhanden, ob die Habsucht nicht

Sich mit der Frechheit so wie hier verbunden.

Garceran. (ihm in den Weg tretend).

Hier, Vater, ruf ich: halt!

Manrique.

Kennst du mich nicht?

Garceran.

So Euch als mich. Doch gibt es, wißt Ihr, Pflichten,

Die selbst dem Vaterrecht die Waage halten.

Manrique.

Sieh mir ins Aug'! Er kann es nicht ertragen.

So raubt mir denn zwei Söhne dieser Tag.

(Zur Königin.)

Wollt Ihr nicht gehn?

Königin.

Ich möchte, doch ich kann nicht.

Vielmehr ich kann, beim Himmel, denn ich muß.

(Zu Garceran.) Ziemt Euer Amt gleich einem Ritter nicht,

Doch dank ich Euch, daß Ihr es treulich übt.

Zu sehen wäre Tod--doch leiden kann ich

Und trefft Ihr Euren Herrn vor Abend noch,

Sagt ihm, daß rück ich nach Toledo ging--allein!

(Die Königin und ihr Gefolge ab.)

Garceran.

So mußte mich das Unglück diesen Tag,

Gerade heut vom Heere heimwärts führen.

Rahel (zu Esther, die sich mit ihr beschäftigt).

Ich wäre nicht gewichen, galt's den Tod.

Esther (zu Garceran).

Nun aber bringt uns fort, wir bitten Euch.

Garceran.

Erst frag ich noch den König, was sein Wille.

(An die Seitentüre pochend.)

Mein hoher Herr!--Wie nur? Kein Zeichen!--Sollte

Ein Unfall?--Wie denn immer auch, ich öffne.

(Der König tritt heraus und bleibt im Vorgrunde stehen, indes die andern

sich zurückziehen.)

König.

So ist die Ehre und der Ruf der Welt

Kein ebner Weg, auf dem der schlichte Gang

Die Richtung und das Ziel den Wert bestimmt;

Ist's nur des Gauklers ausgespanntes Seil

Auf dem ein Fehltritt von der Höhe stürzt

Und jedes Straucheln preisgibt dem Gelächter?

Muß ich, noch gestern Vorbild aller Zucht,

Mich heute scheun vor jedes Dieners Blicken?

Dann fort mit dir, du Buhlen um die Gunst!

Bestimmen wir uns selber unsre Pfade.

(Sich umwendend.)

Wie, ihr noch hier?

Garceran.

Wir harren des Befehls.

König.

Hättst du doch immer des Befehls geharrt

Und wärst geblieben an der fernen Grenze.

Ansteckend ist dein Beispiel, Garceran.

Garceran.

Gerechte Fürsten strafen jeden Fehl,

Den eignen selbst. Allein, da selber straflos,

Trifft andre gern das Zürnen ihrer Brust.

König.

Ich bin kein solcher, Garceran. Sei ruhig!

Wir bleiben dir wie früher zugetan.

Doch nun bring diese fort, und zwar auf immer.

Was andern Laune ist beim Fürsten Schuld.

(Da Rahel sich ihm nähert.)

Laß nur! Doch dieses Bild leg erst noch ab

Stell es zurück, von wo es ward genommen,

Ich will's. Drum zögre nicht.

Rahel (zu Esther).

So komm du mit.

(Indem sich beide der Seitentüre nähern.)

Trägst du mein eigen Bild wie sonst am Halse?

Esther.

Was willst du?

Rahel.

Meinen Willen. Gält's das Schlimmste.

(Sie gehen in die Seitentüre.)

König.

Dann kehr zur Grenze, wohin nächst ich folge.

Wir wollen in der Mauren Blut die Schmach,

Die gleichgeteilte, dieses Tages waschen,

Daß wieder wir ertragen Menschen Blick.

(Die Mädchen kommen zurück.)

Rahel.

Es ist geschehn.

König.

Und fort nun ohne Abschied.

Esther.

Nimm unsern Dank, o Herr.

Rahel.

Den meinen nicht.

König.

Nun so denn: ohne Dank.

Rahel.

Ich spar ihn auf.

König.

Das heißt: auf nie.

Rahel.

Ich weiß das besser. (Zu Esther.) Komm!

(Sie gehen, von Garceran begleitet, wobei der Alte tiefe Verneigungen macht.)

König.

Die höchste Zeit war's, daß sie ging, denn wahrlich

Die Langeweile eines Fürstenhofs,

Sie macht die Kurzweil manchmal zum Bedürfnis.

Doch dieses Mädchen, obgleich schön und reizend,

Sie scheint verwegner Brust und heft'gen Sinns

Da sieht sich denn ein Kluger billig vor.

Alonso!

(Ein Diener tritt ein.)

Diener.

Hoher Herr--

König.

Bereit die Pferde.

Diener.

Herr, nach Toledo?

König.

Nach Alarcos, Freund.

Wir wollen an die Grenze, in den Krieg,

Darum bereit das Nötigste nur vor.

Vier Augen drohen in Toledo mir

Voll Wasser zwei, und andre zwei voll Feuer.

Sie wollte sich von meinem Bild nicht trennen,

Dem Tode selbst, so schien es, trotzte sie.

Doch braucht' es nur mein streng gebietend Wort,

So hing sie's wieder an die alte Stelle.

Schauspielerkünste waren's, weiter nichts.

Doch ob sie's auch dem Rahmen eingefügt?

Da ich auf lange diesen Ort verlasse

Sei alles so wie früher unverrückt

Und dieses Vorgangs letzte Spur verschwunden.

(Er geht ins Seitengemach. Pause, während welcher der Diener die von

Rahel abgelegten Kleider vom Stuhle aufnimmt und über den Arm hängt,

die Krone aber in der Hand hält.)

(Der König kommt zurück, Rahels Bild haltend.)

König.

Mein Bildnis fort und dies an seiner Stelle--

Ihr eignes ist's. Es brennt in meiner Hand.

(Das Bild auf den Boden schleudernd.)

Fort mit dir, fort! Geht so weit denn die Frechheit?

Das darf nicht sein! Indes ich ihrer selbst

Nur mit gerechtem Widerwillen denke,

Schürt sie, gemalt, mir Glut in meiner Brust.

Und dann mein eigen Bild in ihren Händen!

Man spricht von magisch unerlaubten Künsten,

Die dieses Volk mit derlei Zeichen übt

Und etwas, wie von Zauber, kommt mich an.

(Zum Diener.)

Nimm dies vom Boden auf und eile spornstreichs

Bis du sie einholst.

Diener.

Wen, Gebieter?

König.

Wen?

Nun eben Garceran und jene beiden,

Stell dies zurück den Mädchen und begehre--

Diener.

Was, hoher Herr?

König.

Soll ich die eignen Diener

Zu Mitbewußten machen meiner Scham?

Ich will nur selbst den Tausch, wär's Not, erzwingen.

Nimm auf das Bild!--Ich selbst berühr es nicht.

(Der Diener hat das Bild aufgehoben.)

Wie ungeschickt! Birg's nur in deiner Brust;

Doch wär' es dort erwärmt von fremder Wärme!

Gib her, ich nehm es selbst, und folge mir;

Wir holen sie noch ein.--Bedenk ich's recht,

So kann, da einmal rege der Verdacht,

Ein Unfall sie betreffen, ja Gewalttat,

Da schützt zumeist mein eigenes Geleit.

Du aber folge mir!

(Er hat das Bild angeblickt und dann in den Busen gesteckt.)

Ist dort nicht seitwärts

Das Schloß Retiro, wo mein Ahn, Don Sancho

Mit einer Maurin, aller Welt verborgen--

Diener.

So ist's, erlauchter Herr.

König.

Wir wollen unsre Ahnen

Nachahmen in der Tapferkeit, dem Wert

Und nicht in ihrer Schwäche niederm Straucheln.

Vor allem gilt es sich erobern selbst--

Und dann entgegen feindlichen Erobrern.

Retiro heißt das Schloß?--Was wollt' ich nur?

Ja so, nur fort! Und sei verschwiegen! Zwar

Du weißt ja nicht. Um so viel besser. Komm!

(Mit dem Diener ab.)

(Der Vorhang fällt.)

Die Jüdin von Toledo Historisches Trauerspiel in fünf Aufzügen · 第 7 / 11 题