32. Kapitel.

Der seltsame Wanderer.

Fast drei Viertel des Weges hatten Tom und Percy unter fröhlichem

Gespräche zurückgelegt. Eben wollten sie aus einem niedrigen,

beschneiten Gestrüpp, an dessen Rande man den Bahndamm unmittelbar vor

sich hatte, heraustreten, da wurden sie eines Mannes ansichtig, der auf

dem Bahnkörper zwischen den Schienen voranging.

In Amerika ist es keine Seltenheit, daß der Wanderer, um durch die

Einöde der Prärie zu einer andern Stadt zu gelangen, einfach den

Bahnkörper als Weg benutzt; ja in minder bewohnten Gegenden ist dies

sogar das Gewöhnliche. Einen Zug kann man auf der ebenen Fläche

meistens rechtzeitig gewahren, zumal die Bahnlinien häufig auf lange

Strecken hin schnurgerade sind.

Was aber Tom und Percy an dem Manne auffiel, war sein unsicherer

Gang. Er strauchelte zwar nicht von einer Seite zur andern, wie ein

Betrunkener, sondern hielt sich gut in der Mitte des Geleises. Aber mit

jedem Schritte drohte er niederzusinken und schien jedesmal erst seine

Kräfte sammeln zu müssen, um den nächsten Schritt zu wagen. Durch das

Gestrüpp noch verdeckt, beobachteten sie ihn eine Zeitlang und sahen,

wie er mit jeder Minute schwächer wurde.

Sie konnten ihn jetzt genau sehen. Er war hager von Gestalt, spärliche,

dünne Kleider hingen zerfetzt um seinen kraftlosen Körper, und dem

eingefallenen Gesichte hatten Not und Kummer ihre unzweideutigen Spuren

eingeprägt.

Plötzlich brachen die beiden Knaben in einen leisen Ruf des Staunens

aus. Der Mann fiel nämlich ermattet zu Boden und legte wie zum

Schlummer den linken Arm und den Kopf auf eine der beiden Schienen.

Mehrere Minuten warteten sie, aber der Unglückliche regte sich nicht.

„Der Mann muß krank sein,“ flüsterte Percy endlich.

„Wenn er sich nicht verstellt!“ warnte Tom.

„Was könnte er damit erreichen wollen? Er hat uns ja ganz sicher noch

nicht gesehen. Und wie armselig und elend ging er daher!“

„Meinst Du, wir sollten einmal zu ihm gehen, Percy?“

„Das finde ich selbstverständlich. Zum mindesten müssen wir ihn

aufmerksam machen, daß spätestens in einer halben Stunde der Zug da

ist.“

„Gut also. Doch kann es nicht schaden, wenn ich für alle Fälle etwas zu

unserer Verteidigung mitnehme.“

Er ergriff einen dicken Knüttel, den er aus dem Schnee hervorragen sah,

und so bewaffnet näherten sie sich dem Unglücklichen.

„Hören Sie!“ rief ihm Tom zu. „Sie sollten von dem Geleise weggehen.

Jeden Augenblick kann der Zug kommen.“

Bei dieser Mahnung erhob der Angeredete ein wenig den Kopf und stierte

sie an, ohne ein Wort zu sagen.

„Sind Sie krank?“ fuhr Tom fort, nachdem sie näher gekommen.

„Ich bin am Sterben.“

Wenn Tom und Percy auch noch so lange lebten, nie würden sie den

Eindruck vergessen, den diese mit finsterm, verzweiflungsvollem Ernste

gesprochenen Worte auf sie machten.

„O weh!“ rief Percy, und schlug die Hände zusammen.

Tom warf den Knüppel weg, ging mit Percy zu dem Armen hin und fragte:

„Können wir Ihnen helfen, armer Mann?“

Der Mann schwieg. Endlich erwiderte er langsam:

„Für mich giebt es keine Hilfe mehr.“

Percy betrachtete ihn aufmerksam.

„Er leidet Hunger, Tom,“ sprach er mitleidig.

Der Unglückliche blickte ihn überrascht an und sagte:

„Ja, ich leide Hunger.“

Tom hatte zufällig noch ein Stück Kuchen in der Tasche. Sogleich zog er

es hervor.

„Versuchen Sie es,“ sagte er freundlich. „Es ist das einzige, das wir

bei uns haben.“

Der Mann nahm die Gabe an und wollte essen, da bekam er einen

Hustenanfall, wobei er eine Menge Blut auswarf.

„Ich danke!“ erwiderte er schwach, indem er den Kuchen zurückgab.

„Nahrung kann mir nicht mehr helfen.“

Bei diesen Worten hatte sich der Arme auf den Ellbogen erhoben und

machte einen Versuch aufzustehen, fiel aber sogleich kraftlos zurück.

Tom legte seinen Überrock ab und breitete ihn an einer schneefreien

Stelle aus.

„Wir müssen ihn dorthin tragen, Percy.“

Sie thaten es mit wenig Anstrengung. Dann zog auch Percy seinen

Überrock aus, um den Armen damit einigermaßen zu bedecken.

Tom wollte es ihm wehren.

„Du bist ja selber nicht wohl. Du darfst Dich einer solchen Gefahr

nicht aussetzen.“

„Jetzt heißt es, sich Gefahren aussetzen,“ erwiderte Percy furchtlos,

indem er, so weit es ging, den Mann mit seinem Überrock einhüllte.

Der finstere, dumpfe, verzweifelnde Blick des Unglücklichen war schon

verschwunden.

„Sie sind brave Knaben,“ hauchte er.

Es folgte eine kurze Pause, während welcher Tom mit sich zu Rate ging.

„Percy, fürchtest Du Dich, allein bei ihm hier zu bleiben?“

„O nein! Nicht im geringsten.“

„Ich glaube nämlich, es geht wirklich mit ihm zu Ende; deshalb sollte

einer von uns laufen, um Hilfe zu holen.“

„Gut, Tom. Ich will gern hier bleiben. Du kannst schneller laufen als

ich.“

„Das beste ist dann wohl, daß ich zur Stadt laufe, weil sie uns näher

ist, als das Pensionat.“

Und Tom lief in höchster Eile davon.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 74 / 77 题