Der seltsame Wanderer.
Fast drei Viertel des Weges hatten Tom und Percy unter fröhlichem
Gespräche zurückgelegt. Eben wollten sie aus einem niedrigen,
beschneiten Gestrüpp, an dessen Rande man den Bahndamm unmittelbar vor
sich hatte, heraustreten, da wurden sie eines Mannes ansichtig, der auf
dem Bahnkörper zwischen den Schienen voranging.
In Amerika ist es keine Seltenheit, daß der Wanderer, um durch die
Einöde der Prärie zu einer andern Stadt zu gelangen, einfach den
Bahnkörper als Weg benutzt; ja in minder bewohnten Gegenden ist dies
sogar das Gewöhnliche. Einen Zug kann man auf der ebenen Fläche
meistens rechtzeitig gewahren, zumal die Bahnlinien häufig auf lange
Strecken hin schnurgerade sind.
Was aber Tom und Percy an dem Manne auffiel, war sein unsicherer
Gang. Er strauchelte zwar nicht von einer Seite zur andern, wie ein
Betrunkener, sondern hielt sich gut in der Mitte des Geleises. Aber mit
jedem Schritte drohte er niederzusinken und schien jedesmal erst seine
Kräfte sammeln zu müssen, um den nächsten Schritt zu wagen. Durch das
Gestrüpp noch verdeckt, beobachteten sie ihn eine Zeitlang und sahen,
wie er mit jeder Minute schwächer wurde.
Sie konnten ihn jetzt genau sehen. Er war hager von Gestalt, spärliche,
dünne Kleider hingen zerfetzt um seinen kraftlosen Körper, und dem
eingefallenen Gesichte hatten Not und Kummer ihre unzweideutigen Spuren
eingeprägt.
Plötzlich brachen die beiden Knaben in einen leisen Ruf des Staunens
aus. Der Mann fiel nämlich ermattet zu Boden und legte wie zum
Schlummer den linken Arm und den Kopf auf eine der beiden Schienen.
Mehrere Minuten warteten sie, aber der Unglückliche regte sich nicht.
„Der Mann muß krank sein,“ flüsterte Percy endlich.
„Wenn er sich nicht verstellt!“ warnte Tom.
„Was könnte er damit erreichen wollen? Er hat uns ja ganz sicher noch
nicht gesehen. Und wie armselig und elend ging er daher!“
„Meinst Du, wir sollten einmal zu ihm gehen, Percy?“
„Das finde ich selbstverständlich. Zum mindesten müssen wir ihn
aufmerksam machen, daß spätestens in einer halben Stunde der Zug da
ist.“
„Gut also. Doch kann es nicht schaden, wenn ich für alle Fälle etwas zu
unserer Verteidigung mitnehme.“
Er ergriff einen dicken Knüttel, den er aus dem Schnee hervorragen sah,
und so bewaffnet näherten sie sich dem Unglücklichen.
„Hören Sie!“ rief ihm Tom zu. „Sie sollten von dem Geleise weggehen.
Jeden Augenblick kann der Zug kommen.“
Bei dieser Mahnung erhob der Angeredete ein wenig den Kopf und stierte
sie an, ohne ein Wort zu sagen.
„Sind Sie krank?“ fuhr Tom fort, nachdem sie näher gekommen.
„Ich bin am Sterben.“
Wenn Tom und Percy auch noch so lange lebten, nie würden sie den
Eindruck vergessen, den diese mit finsterm, verzweiflungsvollem Ernste
gesprochenen Worte auf sie machten.
„O weh!“ rief Percy, und schlug die Hände zusammen.
Tom warf den Knüppel weg, ging mit Percy zu dem Armen hin und fragte:
„Können wir Ihnen helfen, armer Mann?“
Der Mann schwieg. Endlich erwiderte er langsam:
„Für mich giebt es keine Hilfe mehr.“
Percy betrachtete ihn aufmerksam.
„Er leidet Hunger, Tom,“ sprach er mitleidig.
Der Unglückliche blickte ihn überrascht an und sagte:
„Ja, ich leide Hunger.“
Tom hatte zufällig noch ein Stück Kuchen in der Tasche. Sogleich zog er
es hervor.
„Versuchen Sie es,“ sagte er freundlich. „Es ist das einzige, das wir
bei uns haben.“
Der Mann nahm die Gabe an und wollte essen, da bekam er einen
Hustenanfall, wobei er eine Menge Blut auswarf.
„Ich danke!“ erwiderte er schwach, indem er den Kuchen zurückgab.
„Nahrung kann mir nicht mehr helfen.“
Bei diesen Worten hatte sich der Arme auf den Ellbogen erhoben und
machte einen Versuch aufzustehen, fiel aber sogleich kraftlos zurück.
Tom legte seinen Überrock ab und breitete ihn an einer schneefreien
Stelle aus.
„Wir müssen ihn dorthin tragen, Percy.“
Sie thaten es mit wenig Anstrengung. Dann zog auch Percy seinen
Überrock aus, um den Armen damit einigermaßen zu bedecken.
Tom wollte es ihm wehren.
„Du bist ja selber nicht wohl. Du darfst Dich einer solchen Gefahr
nicht aussetzen.“
„Jetzt heißt es, sich Gefahren aussetzen,“ erwiderte Percy furchtlos,
indem er, so weit es ging, den Mann mit seinem Überrock einhüllte.
Der finstere, dumpfe, verzweifelnde Blick des Unglücklichen war schon
verschwunden.
„Sie sind brave Knaben,“ hauchte er.
Es folgte eine kurze Pause, während welcher Tom mit sich zu Rate ging.
„Percy, fürchtest Du Dich, allein bei ihm hier zu bleiben?“
„O nein! Nicht im geringsten.“
„Ich glaube nämlich, es geht wirklich mit ihm zu Ende; deshalb sollte
einer von uns laufen, um Hilfe zu holen.“
„Gut, Tom. Ich will gern hier bleiben. Du kannst schneller laufen als
ich.“
„Das beste ist dann wohl, daß ich zur Stadt laufe, weil sie uns näher
ist, als das Pensionat.“
Und Tom lief in höchster Eile davon.
[Illustration]
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