30. Kapitel.

Fröhliche Weihnachten!

Lauter Jubel erschallte, als beim Beginn des Frühstücks jeder

unter seinem Teller eine hübsche Karte mit allerliebst gedruckten

Weihnachts-Glückwünschen entdeckte.

„Nie dagewesen!“ erklärte Harry Quip, der doch jetzt sein viertes

Christfest in Maurach feierte. „~P.~ Middleton weiß immer irgend

etwas Neues ausfindig zu machen. Noch jedes Jahr kam etwas, das niemand

erwartet hatte.“

„Man fühlt sich wirklich ganz wie zu Hause,“ bemerkte Joseph Whyte.

„Aber ist es nicht auch ein herrlicher Weihnachtsmorgen?“ sprach

Hodder. „Der Schnee fällt noch in dichter Menge, und Weihnachten ohne

Schnee wäre doch wie eine Erzählung ohne Ende.“

„Oder wie Brot ohne Butter,“ fuhr Whyte fort.

„Oder wie ein Engel ohne Flügel,“ sagte Donnel, der Vorsitzende dieser

lustigen Tafelrunde.

„Oder wie eine Katze ohne Miau,“ kicherte Quip.

An den übrigen Tischen ging es nicht minder fröhlich zu. Heitere Grüße

und Scherze flogen hin und her, und das Lob des Präfekten war in aller

Munde. Dann und wann vernahm man deutlich die wohltönende Stimme Percys

und das helle, durchdringende Lachen Franks.

Am Schlusse verkündete ~P.~ Middleton, daß die Weihnachtskistchen

bereit ständen und ihrer Eigentümer harrten. Da bedurfte es natürlich

keines weiteren Antriebes, um alle Zöglinge möglichst schnell aus dem

Speisesaale zu bringen.

An der Thüre blieben Percy, Tom und Harry stehen, bis Frank sich

einfand.

„Hurtig, Frank,“ sprach Tom, „Du mußt uns helfen unsere Kisten suchen

und untersuchen.“

„O, für mich ist keine da,“ war Franks traurige Antwort. „Mein Papa hat

mir nie auf Weihnachten etwas geschenkt, obgleich er sonst immer so gut

gegen mich war. Und jetzt ist er gar nicht einmal zu Hause. Nein, ich

gehe nicht mit hinauf.“

„Komm’, Frank, geh’ doch mit!“ bat Percy in recht beweglichem Tone.

„Ich habe beim Öffnen meiner Kiste nicht halb soviel Vergnügen, wenn Du

nicht mit dabei bist.“

„Und ich auch nicht!“ „Und ich auch nicht!“ versicherten Tom und Harry.

„Gut. Dann will ich mitgehen.“

Der Studiersaal bot heute einen sehr veränderten Anblick. Alle Pulte

und Bänke waren entfernt. An den Wänden entlang standen Kisten von

allen Formen und Gestalten in einer Reihe, große und sehr große und

kleine und auch einige sehr kleine. Über einer jeden aber prangte auf

einem Zettel, der am Getäfel der Wand befestigt war, der Name des

glücklichen Besitzers.

Als unsere vier Freunde eintraten, herrschte bereits ein reges, um

nicht zu sagen aufgeregtes Leben. Einige hatten ihre Namen noch nicht

entdeckt. Andere knieten bereits vor dem aufgefundenen Schatzkasten

und durchforschten ihn erwartungsvoll, um dann die einzelnen Geschenke

von Vater und Mutter und Onkel und Großtante ihren Nachbarn zu zeigen.

Einzelne standen vor ihrer Kiste und ergingen sich in Vermutungen, was

wohl in ihrem dunkeln Schoße alles enthalten sein könne. Die meisten

sprachen, entweder mit ihren Nachbarn, oder, wenn diese zu sehr

beschäftigt waren, mit sich selbst. Die Wände mochten in diesen Stunden

Ohren haben, manche unter den Zöglingen hatten keine.

Auch Percy, von Frank begleitet, hatte seine Kiste bald gefunden.

„O wie groß sie ist!“ rief Frank verwundert aus. „Sie ist ja die größte

von allen.“

„Ja, weißt Du, ich habe auch sechs Schwestern,“ erklärte Percy,

indem er den Deckel abhob, „und jede hat ihr besonderes Geschenk

hineingelegt. Sie sind so gut und haben mich ungemein gern.“

Die Kiste enthielt eine rechte Varietäten-Sammlung: Schöne Bücher

in Prachtband, Glückwunschkarten mit den wunderlichsten Figuren,

Handschuhe aus Wolle und aus dem feinsten Leder, eine Mütze

aus Seehundsfell, Krawatten der verschiedensten Art, goldene

Manschettenknöpfe, etliche Schachteln mit Zuckerwerk, der für ein

amerikanisches Weihnachten unentbehrliche Truthahn, dann Kuchen, Nüsse

-- Herz, was verlangst Du mehr!

Franks Augen gingen immer weiter auf, je mehr Reichtümer aus der Kiste

zum Vorschein kamen. Allein daß alles für Percy sei, entzückte ihn

nicht weniger, als wenn er selbst der Beschenkte gewesen wäre. Zuweilen

vergaß er gar sein altkluges Wesen und tanzte vor Freude umher.

„Sieh doch einmal hier, Frank! Ich habe mir gleich gedacht, es wäre für

Dich etwas darin.“

Er nahm ein schönes Paar wollener Handschuhe, faßte Frank bei den

Schultern und begann sie ihm anzuziehen. Der Kleine sträubte sich aus

Leibeskräften.

„Sie gehören ja Dir, Percy. Und mir sind sie viel zu groß.“

„Das ist nicht wahr. Du kannst sie ganz gut brauchen und sollst sie

anziehen, wenn Du mir Unterricht im Schlittschuhlaufen giebst. -- Wenn

Du sie nicht nehmen willst,“ sprach er, als Frank sich noch immer

weigerte, „verdirbst Du mir alle Freude an meiner großen Kiste.“

Das zog. Ohne längeres Sträuben ließ sich Frank die Handschuhe anlegen,

die ihm wirklich gar nicht übel standen. Er war sehr stolz auf das

Geschenk und gab sich keine Mühe, seine innere Freude zu verbergen.

Sogleich tänzelte er zu Tom hinüber, um auch ihm die Gabe zu zeigen.

„Aha, Frank, woher hast Du die bekommen? Du bist ja ein rechter

Spitzbube.“

„Was ich bin, ist mir einerlei. Sie sind von Percy.“

„Aber was ist denn mit Deinen Jacken-Taschen los? Sie sehen ganz kurios

aus.“

„So? Sind sie zerrissen?“

„Komm’ her, ich will Dir zeigen, was ihnen fehlt.“

Frank näherte sich. Tom ergriff ihn mit der linken Hand, daß er sich

nicht zur Wehr setzen konnte, und füllte ihm die Taschen mit Nüssen,

Rosinen und Bonbons.

„So, jetzt sehen sie besser aus, so rund wie eine Wurst.“

„Frank!“ rief Percy, „komm’ zurück! Ich muß Dir noch etwas zeigen.“

In der vergnügtesten Stimmung hüpfte Frank zurück.

„Hier ist noch etwas für Dich. Bitte, Frank, weise es nicht ab! Es

ist ein Gebetbuch, das Du notwendig hast, wenn Du ‚Religion annehmen‘

willst. Ich habe schon drei andere.“

Frank war für Worte zu bewegt und entzückt. Während Percy noch in

seiner Kiste herumsuchte, öffnete er ehrfurchtsvoll das schön gebundene

Andachtsbuch -- es war das erste, welches er in die Hand nahm -- und

und blätterte darin umher.

Da fiel ein hübsches Bildchen heraus.

„O sieh, Percy!“ rief er, „der Stall von Bethlehem mit dem Jesuskinde,

das die Kinder so liebt. Das ist schön. Hier, Percy!“

„Nein, es ist auch für Dich. Alles was in dem Buche ist, soll Dir

gehören. Das ist meine Weihnachtsgabe für Fränkchen.“

„Wenn ich einmal groß bin,“ versicherte Frank, der trotz seines

altklugen Wesens doch ein rechtes Kind war, „dann gebe ich Dir ein

schönes Haus mit einem großen Park und einer feinen Kutsche, und der

Kutscher soll goldene Knöpfe und einen hohen Federhut tragen.“

„Und was giebst Du Tom?“ fragt Percy, dem es gelang, sich ernst zu

halten.

„Dem gebe ich alle Taschen voll Gold.“

Es verbreitete sich die Kunde, „Fränkchen“, wie er bald hieß, habe

keine Weihnachtskiste erhalten. Das genügte, um das Mitleid vieler

rege zu machen. Donnel, Keenan, Kenny und mehrere andere stellten sich

sofort ein, ihm von ihren mehr oder minder reichen Vorräten mitzuteilen.

Frank war außer sich vor Staunen. Er fand es begreiflich, wenn sein

lieber Vater ihm jede Art von Aufmerksamkeit erwiesen hatte. Daß aber

Knaben, die ihm im Grunde doch alle fern standen, mit den Beweisen von

Zuneigung und Freundlichkeit so verschwenderisch waren, das wollte ihm

unerklärlich dünken. So ungewohnt, ja rätselhaft war ihm die liebevolle

Zudringlichkeit, daß er schließlich nichts anderes zu thun wußte, als

sich aus dem Saale zu flüchten.

Zum erstenmale im Leben plante jetzt Percy einen Streich. Er rief

einige seiner Freunde zusammen und begann:

„Ich habe einen Gedanken.“

„Hurra!“ rief Tom. „Welch ein Ereignis! Hört, hört!“

„Fränkchen wird kaum noch eine Bescherung zu erwarten haben. Jetzt

könnten wir uns zusammenthun und ihm eine verschaffen. Wir müssen den

Mund halten, damit er nicht erfährt, von wem sie herrührt. Das wäre

eine Freude!“

„Fein, Percy!“ rief Quip. „Unter meinen Geschenken ist etwas, das mir

vorkommt, als wäre es für Fränkchen bestimmt und nur durch Versehen in

meine Kiste geraten. Meine Großmutter scheint zu glauben, ich wäre in

den letzten vier Jahren gar nicht älter geworden.“

„Sie hat so Unrecht nicht,“ warf Joseph Whyte ein.

„Deshalb hat sie mir ein großes Bilderbuch mit allerlei kurzen,

kindlichen Erzählungen geschickt. Das wäre für Fränkchen wie gemacht.“

„Vortrefflich!“ sprach Keenan, „obgleich Du es jedenfalls schwer

entbehren wirst. -- Ich für meinen Teil opfere eine Schachtel Datteln.“

„Und ich,“ nahm Donnel das Wort, „überlasse ihm meinen Puter. Ich will

aber selbst auch keinen Hunger leiden; deshalb bin ich so frei, Georg,

von dem Deinen mitzuessen.“

Bevor noch die einzelnen ihre Beiträge bestimmt hatten, brachte Tom

bereits eine Kiste herein, die sich bald mit Büchern, Spielzeug,

Äpfeln, Kuchen und Ähnlichem füllte. Donnel unternahm es noch, alles

mit Sorgfalt einzupacken, damit der fromme Betrug nicht so leicht

entdeckt werde.

Um zehn Uhr hörte Fränkchen von ~P.~ Scott, den die Verschworenen

ins Vertrauen gezogen hatten, es sei auch für ihn etwas da. Hui! wie er

da die Treppe hinaufflog und im Saale herumlugte, um seinen Namen zu

erblicken! Dann machte er bei seinen Freunden die Runde und bat sie,

doch auch von ihm etwas anzunehmen. Zuweilen zwang er ihnen förmlich

etwas von dem auf, was sie ihm selbst gegeben hatten.

Der schöne Tag verfloß in ungetrübter Heiterkeit. Am Abende vereinigte

ein Weihnachtsdrama das ganze Haus in der großen Aula.

Dieses Schauspiel wurde durch Frank um einen ‚Auftritt‘ bereichert. Er

hatte nämlich in dem kleinen Ort noch nie eine dramatische Aufführung

zu sehen bekommen und faßte daher alles, was auf der Bühne vor sich

ging, als echte Wirklichkeit auf. Als nun einer der Spielenden, der

einen glaubenslosen Geldmenschen darzustellen hatte, in die Worte

ausbrach: ‚Weihnachten -- Humbug!‘ da konnte Frank seinen Unwillen

nicht beherrschen. Er sprang auf die Bank, stampfte mit dem Fuße, erhob

drohend die kleine Faust gegen die Bühne und rief voll Entrüstung laut

aus:

„Das ist gelogen, Du dummer Kerl! gelogen! Du bist ein ...“

Tom hatte ihn schon gefaßt, hielt ihm den Mund zu und setzte ihn

auf den Boden. Während der großen Heiterkeit, die dieser ‚Auftritt‘

verursachte, wurde ihm dann in der Eile so viel erklärt, daß er sich

zufrieden gab und gegen die Fortsetzung des Stückes keine Einrede mehr

erhob.

Am Abende kniete Frank, bevor er sich auskleidete, erst noch an seinem

Bette nieder, legte das Bildchen, das er von Percy erhalten, vor

sich und begann andächtig zu beten. Als nach einiger Zeit ~P.~

Middleton die Runde machte, sah er ihn noch unbeweglich knieen. Er

näherte sich und gewahrte, daß der Kleine, ermüdet von den Freuden

und Gemütsbewegungen dieses Tages, friedlich eingeschlummert war, die

Lippen auf das Bild des Kindes von Bethlehem gedrückt.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 72 / 77 题