3. Schwimmen und Rudern.

Die Gesellschaft begann jetzt ihre Fischerei von neuem und war vom

Glücke begünstigt. Auch Percy warf seine Angel nicht vergebens aus. Zu

seiner eigenen und seiner Freunde angenehmern Überraschung fing er noch

acht kleinere Fische.

Tom zog seine Uhr.

„Jetzt wäre es wohl Zeit zum Schwimmen!“

„Ihr wollt doch hier nicht schwimmen!“ rief Percy voll Schrecken.

„Gewiß! Warum denn nicht?“

„Die Schildkröten könnten Euch ja in die Beine beißen! Hu!“ Und Percy

schauderte.

„Du brauchst keine Angst zu haben,“ versicherte Tom. „Sie thun Dir

nichts.“

„Mir, Tom? Mir? +Ich+ darf mich nicht ins Wasser wagen. Ich kann

ja noch gar nicht schwimmen.“

Tom ging zu einem der Ranzen, die man mitgebracht hatte und kam mit

einer neuen Schwimmhose zurück.

„Hier, Percy, das ist von meiner Seite ein Gegengeschenk für die

schönen Photographieen, die du uns neulich verehrt hast.“

Allein Percy legte die Hände auf dem Rücken zusammen, und sein Gesicht

drückte nichts weniger aus als Freude oder Dankbarkeit.

„Aber, Percy, ist denn das die Art, ein Geschenk anzunehmen?“

Jetzt fühlte sich der fein erzogene Knabe an seiner empfindlichsten

Stelle getroffen. Er zwang sich zu einem Lächeln und empfing die Gabe

des Freundes mit seiner gewöhnlichen anmutvollen Verbeugung.

„Ich bin Dir wirklich sehr verbunden, Tom. Verzeihe mir, daß ich so

spröde that! Es war mir ganz sicher nicht bedacht. -- Wie nett sie ist!

Kein Zebra hat so schöne, zierliche Streifen. Ich lege sie in mein

Pult, und so oft ich sie sehe, will ich mich an Dich erinnern.“

Diese seltsame Verwendung einer Schwimmhose wollte Tom natürlich nicht

gefallen.

„Es ist doch keine Photographie von mir!“ sprach er. „Gebrauchen sollst

Du sie! Schwimmen ist nicht so schwer, wie Du meinst. Manche finden es

leichter als Klettern.“

„Das Wasser ist so kalt, Tom! Ich bekomme sicher einen Schnupfen.“

„Nur, wenn Du zu lange drin bleibst oder Dich nachher nicht bewegst.“

„Und wir wollen Dich schon jagen,“ rief Quip, der eben ins Wasser

gesprungen war und wieder auftauchte, vom See aus.

Aus Gefälligkeit gegen Tom beschloß Percy endlich, das Wagnis zu

unternehmen. Er unterdrückte einen Schrei, als er den Fuß in das kalte

Wasser setzte, hielt dann aber doch eine gute Zeit aus. Tom und Joseph

Whyte blieben stets um ihn, bemühten sich, ihm einige Winke für seine

ersten Schwimmübungen zu geben, und sorgten, daß er nicht an Stellen

geriet, wo der See zu tief war.

Eben hatte Percy seine Kleider wieder angelegt, als ein lauter Juchzer

seinen Lippen entfuhr. Ein kleines Boot, von Quip gesteuert und von

Keenan gerudert, erschien an einem Ufervorsprung.

„O Georg! Harry! bitte, laßt mich auch hinein! Hurra! das wird lustig!“

„Was, Percy, Du willst in ein Boot?“ fragte Tom, der noch im Wasser

war, mit ernster Miene. „Du weißt doch, wie leicht die Boote umkippen!“

„La, la! ich bin nicht bange!“ rief der Leichtfuß Percy. „Ich will

rudern lernen.“

„Komm, spring’ hinein!“

Percy setzte sich zu Georg in die Mitte des Kahnes.

„Gieb mir auch ein Ruder, Georg!“

„Da! Nachher kannst Du sie beide bekommen. Aber versuch’ es erst mit

dem einen. Vor allem mußt Du nun Takt halten lernen.“

„Giebt es hier Takt?“ fragte der Musiker.

„Und zwar Sieben-Elftel,“ erklärte der Steuermann lachend.

„Laß den Quip schwätzen, Percy! -- Das Takthalten besteht darin,

daß Du zu gleicher Zeit mit mir das Ruder einsetzest, anziehst und

heraushebst.“

Percy heftete seine Augen auf Keenans Ruder und that richtig die ersten

Ruderschläge.

„Wenn Du so fortmachst, Percy,“ sprach Quip, „so lernst Du auch bald,

wie man eine Krabbe fängt.“

„So? wie geht das denn?“

„Du lernst es ganz von selbst, ohne Anstrengung, Du brauchst auch nicht

dabei aufzupassen.“

„Wirklich?“ fragte Percy verwundert, und schaute zu Quip auf.

Dabei wandte er naturgemäß seine Aufmerksamkeit vom Rudern ab; er

tauchte nicht tief genug ein, zog aber doch mit gewohnter Kraft an.

Infolgedessen fiel er nach hinten und würde sich den Kopf wohl arg

angestoßen haben, hätte nicht Keenan, der dieses Mißgeschick erwartete,

ihn sogleich am Knie ergriffen und festgehalten.

„Du kannst es! Du kannst es!“ rief Quip mit unsäglichem Vergnügen. „Das

ist so ganz das richtige Krabbenfangen. Du brauchst Dich jetzt nie mehr

zu üben.“

„Gewiß!“ sprach Keenan. „Die beste Anwendung dieser neuen Kenntnis ist,

daß Du sie gar nicht anwendest.“

Percy brachte sich in die frühere Stellung, schüttelte die Locken

zurück, rückte seine Mütze zurecht und begann fröhlich wieder zu

rudern. Für Quips Neckerei aber nahm er, ohne es zu wollen, bald Rache.

Als derselbe nämlich einmal über eine kleine Ungeschicklichkeit des

Anfängers lachte, flog ihm von Percys Ruder eine gute Ladung Wasser in

den offenen Mund und erstickte das Lachen, als wäre es ein winziges

Feuerflämmchen.

Kurz darauf steuerte Harry ans Land, stieg aus und verschwand im Walde.

„Was hat er, Georg?“ fragte Percy.

„Er ärgert sich vielleicht.“

„O, das thut mir leid. Habe ich ihn beleidigt? Ich wollte es sicher

nicht. Er ist ein so guter Junge.“

„Das ist er. Aber sieh dort zwischen den Bäumen den Rauch aufsteigen.

Donnel oder Tom hat schon ein Feuer angezündet, um unser Mittagessen

herzurichten, und Quip thut nichts lieber als kochen. Er ist meistens

unser Oberkoch und Speisemeister, und wir sind mit seiner Thätigkeit

sehr zufrieden.“

„So? das freut mich!“ sprach Percy. Auch er war in der edlen Kunst der

Speisebereitung durchaus nicht unerfahren. Wie in anderen Sachen hatten

ihm auch hierin die sechs Schwestern einige Fertigkeit anerzogen.

Deswegen hatte er schon geglaubt, heute damit seinen Freunden einen

Dienst leisten zu können. Allein jetzt sprach er gar nicht darüber,

sondern beschloß, den Erzeugnissen von Harrys Kochkunst alle Ehre

anzuthun.

Um ein Uhr setzte sich die Gesellschaft zum Essen nieder. Das

Tischgebet bestand diesesmal bloß in einem andächtigen Kreuzzeichen.

Donnel konnte sich nicht enthalten zu fragen, woher wohl die Rosen auf

Percys Wangen kämen.

„Von der Bewegung,“ erwiderte Keenan.

„Und davon, daß Du ein Junge wirst,“ fügte Tom bei.

„Ja,“ meinte Percy, „ich bin jetzt doch lieber ein Junge, als alles

andere in der Welt. -- Und welch einen Hunger ich habe!“

„Schwimmen und Rudern und Krabbenfangen macht immer Appetit, und

ordentliches Kochen hilft nach,“ sprach Quip, der mit weißer Schürze

geschäftig dastand, und mit großer Genugthuung seine Produkte

verschwinden sah.

Der Nachmittag verflog in gleich angenehmer Unterhaltung.

Auf dem Heimwege aber that Percy sein Bestes, um mit Singen und

Erzählen seine Freunde zu unterhalten. Von Müdigkeit zeigte er keine

Spur, obgleich er doch den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war.

„Jetzt kann ich aber einen Riesenbrief an meine Schwestern schreiben.

Ich erzähle ihnen, was ich alles schon gelernt habe: bockspringen,

werfen, angeln, rudern, Krabben nicht fangen, und auch ein kleines

bißchen Schwimmen.“

„Das glauben sie Dir gar nicht,“ meinte Donnel.

„O doch! Sie glauben mir alles, was ich sage.“

„Aber das Wichtigste hast Du ausgelassen,“ bemerkte Tom.

„Was denn?“

„Du mußt vor allem schreiben, daß Du auf einen Baum geklettert seist

und doch nicht wüßtest, wie man das Klettern macht, Du könntest

klettern, obgleich Du es nicht gelernt hättest.“

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 48 / 77 题