1. Die Fußtour.

Percys Steifheit war wieder vergangen. Schon längst hatten ihn die

Freunde eingeladen, am nächsten freien Tage mit ihnen einen Ausflug

zu den schönen Seen zu machen, welche, von Waldstreifen umsäumt, in

einiger Entfernung auf der Prärie ihre silbernen Spiegel ausdehnten.

Dort gedachten sie sich mit Fischen, Schwimmen und Kahnfahren weidlich

zu vergnügen.

Auch Großpapa Donnel und dessen gleichgesinnter Freund Georg Keenan

hatten ihre Teilnahme zugesagt.

Da sie alle auf der ‚Ehrenliste‘ standen, so durften sie sich die

Vergünstigung, allein auszugehen, unbedenklich versprechen.

Der ersehnte Tag kam, und gleich nach dem Frühstück sah man die kleine

Gesellschaft, mit Fischgerätschaften ausgerüstet und mit Lebensmitteln

reichlich versorgt, muntern Sinnes aus dem Hofe des Kollegs treten und

die Richtung nach den Seen einschlagen.

„Welch ein prächtiger Morgen!“ sprach Keenan und atmete in langen Zügen

die frische, kräftige Luft ein. „Man könnte beinahe poetisch werden!“

„O ja!“ sagte Percy entzückt:

„Manch prächt’gen Morgen hab’ ich schon geseh’n,

Mit Königsblick der Berge Gipfeln schmeichelnd.“

„Du Aufschneiderchen!“ scherzte Donnel. „Wo sind denn die Berge und die

Gipfel?“

„Ich dachte nicht an bestimmte Berge. Hier in Kansas giebt es ja nur

niedrige Hügel. Aber die Verse kamen mir so von selbst in den Sinn, als

Georg sprach: Welch ein prächtiger Morgen. -- Seht doch, wie die Dächer

des Städtchens im ersten Sonnenlicht zittern!“

„Wie Tennyson so schön in seinem ‚Sonnenaufgang in Maurach‘ sagt,“ fuhr

Georg mit verstelltem Ernste fort;

„Licht gießt sich aus,

Ums liebe Haus

Und fern um Maurachs neue Dächer,

Lichtstrahlen geh’n,

Ob unsern See’n,

Den Wald erregt des Windes Fächer.

Wir sind heut’ frei von der Schule Pflicht,

Vergil und Cäsar, wir brauchen sie nicht!

D’rum hinaus an den See, in den grünen Wald!

Heut’ schwindet die Sonne doch viel zu bald!“

Percy sah ihn stutzend an.

„Bist Du sicher, Georg, daß Tennyson dieses wirklich geschrieben hat?“

„Um die Wahrheit zu sagen, Percy, so ist es ein Produkt mehrerer

Künstler, Tennyson hat die äußeren Umrisse des ersten Teiles

gezeichnet, und ich fügte die pikanten Einzelheiten ein. Der zweite

Teil aber ist von meinem Freunde Donnel hier.“

„Der zweite Teil kann sich sehen lassen,“ meinte Percy. „Aber er ist

sicher noch länger; er hört viel zu plötzlich auf.“

„Da hast Du schon recht, Schlauberger,“ erwiderte der junge Poet. „Zu

Hause will ich Dir die ganze Fortsetzung zeigen. Hier kann ich doch

nicht anfangen zu deklamieren.“

„Obgleich der Morgen schon danach ist; alles so schön, so ruhig und

klar! -- Ich habe die frische Luft und den hellen Sonnenschein so gern.

Du nicht auch, Tom?“

„Ja -- ich denke,“ sprach Tom. Er war noch ganz in Staunen versunken,

daß Percy über Gedichte mit solcher Sicherheit und Wortfülle zu reden

verstand. Auch diese Frage war nicht ganz nach seiner Art. Wohl liebte

auch er Sonnenschein und frische Morgenluft; allein es war ihm noch

nicht zum Bewußtsein gekommen, daß man darüber auch sprechen könne. In

diesem Punkte war er noch viel mehr ein Kind, als Percy, wie viel er

auch sonst vor demselben voraus hatte.

„Wie weit sind die Seen vom Pensionat entfernt?“ fragte Percy.

„Ungefähr eine Stunde,“ erwiderte Harry.

„O wie schade! Ich dachte, wir wären gleich da! Aber jetzt muß ich

schon wieder umkehren.“

„Wie? Umkehren? Warum?“ riefen alle.

„Ja! Eine Stunde hin und eine Stunde zurück, das halte ich nicht aus.

Zu Hause durfte ich nie länger als zwanzig Minuten spazieren gehen.

Mehr darf ich mir nicht zumuten. Ach es thut mir so leid! Ich dachte,

es würde ein so schöner Tag, und jetzt ist es mit aller Freude vorbei!“

Betrübt setzte sich Percy auf einen großen Stein am Wege und begann

sein Mißgeschick zu bejammern.

„Unsinn!“ sprach der kräftige Tom. „Niemand weiß, was er kann, bevor er

es versucht hat.“

„O, ich brauche es nicht erst zu versuchen,“ versicherte Percy und

schüttelte seine Locken zurück. „Ich weiß ganz genau, daß so etwas für

mich zu viel ist.“

„Du Knäblein, du Würmchen, du Krabbelkäfer, du Zartpüppchen!“ zankte

Donnel in gutmütigem Ärger. „Weißt Du, wofür ich Dich halte, wenn Du

nicht mitgehst?“

„Ich hoffe für nichts Schlechtes,“ sprach Percy beklommen.

„Für eine Gans!“

„Das thäte mir sehr leid, Johann.“

„Aber ich thu’s.“

„Und ich auch!“ drohte Keenan.

„Und ich auch! Und ich auch!“ riefen alle zusammen.

„Ich will aber lieber eine Gans mit zwei gesunden Beinen sein, als ein

Krüppel.“

„Ich bitte Dich, Percy,“ sprach jetzt Tom, „steh’ auf und geh’ mit uns!

Thu’ es, um unsertwillen! Wenn Du müde wirst, werden Dich Donnel und

Keenan tragen. Sie thun es gern und sind stark genug dafür.“

„Gut! ich will es wagen, weil es Euch freut. Aber Ihr sollt Euch

meinetwegen keine Mühe machen.“

Also faßte sich Percy ein Herz, stand auf und schritt mit voran.

Auf einmal sagte Tom:

„Percy, Du bist im Irrtum.“

„Wie so?“

„Du sagtest ja, Du könntest nicht mehr aushalten, als zwanzig Minuten,

und jetzt bist Du schon eine halbe Stunde auf den Beinen. Sieh nur

meine Uhr!“

„Wirklich!“ rief Percy voll Freude. „Und ich fühle noch gar keine

Müdigkeit!“

Nach weiteren zehn Minuten beschloß man mit Rücksicht auf Percy, eine

Pause zu machen. Aber der wollte nichts davon wissen, bis ihn nach

vergeblichen Überredungsversuchen Tom schließlich mit Gewalt auf einen

Stein niedersetzte.

„Du hattest doch recht, Johann,“ sprach er zu Donnel, „daß Du mich für

eine Gans halten wolltest, wenn ich nicht weiter ginge. Ich merke immer

mehr, daß ich schrecklich einfältig bin.“

„Aber Du wirst auch schrecklich schnell gescheit,“ tröstete Johann

Donnel.

Harry Quip bat jetzt Percy, eine Geschichte zu erzählen.

„Sehr gern; aber hier geht es nicht. Wir bleiben ja nicht lange hier

sitzen.“

„Dann sing’ uns ein Liedchen!“ sprach Tom, und aller Augen richteten

sich voll Erwartung auf Percy.

Percy lächelte, summte ein wenig leise vor sich hin, um seine Geige zu

stimmen, und sang:

„Ein Eiland schön, von Wogen umrauscht,

Das sei für heute mein Sang ....“

Die Zuhörer horchten mit sprachlosem Erstaunen. Noch nie hatten sie

empfunden, wie jemand gleichsam seine Seele in den Klang seines

Gesanges legt. Zudem waren sie, gleich Percy, mit einer einzigen

Ausnahme Kinder irischer Familien, die mit großer Liebe an ihrem alten

Vaterlande hingen. Ein Loblied auf Irland, in so vollendet schöner

Weise vorgetragen, war deshalb für alle etwas Unwiderstehliches. Sie

zogen im Geiste hin zu der grünen Insel St. Patricks, der Heimat ihrer

Vorfahren, mit ihren spiegelhellen Seen und rauschenden Flüssen, mit

ihren epheu-umrankten Ruinen, den Trümmern herrlicher Schlösser und

Klöster, die, von Tyrannenhänden zerstört, den verjagten Kindern des

Landes nachtrauern. Nicht alle konnten alles verstehen, aber alle waren

so ergriffen, daß, als Percy geendet, niemand recht das Gespräch wieder

aufnehmen mochte.

„Ich bin von französischer Abstammung,“ begann endlich Keenan, „und

habe auch englisches Blut in meinen Adern. Aber heute ist kein Irländer

auf der ganzen Welt für Irland mehr begeistert, als ich.“

Harry, Willy und Joseph schauten in ehrfurchtsvoller Bewunderung den

kleinen Sänger sprachlos an.

„Percy, ich gäbe Dir alle meine Fertigkeiten,“ sagte Tom, „wenn ich

auch so etwas könnte!“

„Ich habe es von meiner Schwester Elise gelernt. Es freut mich, daß es

Euch gefällt. Ich habe noch einen großen Vorrat von schönen Liedern,

und will singen, so oft es Euch Vergnügen macht.“

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 44 / 77 题