3. Kapitel.

Die gelbseidene Krawatte und Ähnliches.

Am folgenden Morgen, kurz nach halb sechs, wurde es im Waschsaal

der Kleinen lebendig. Immer mehr Zöglinge kamen aus dem Schlafsaal,

einige noch recht schläfrig, und begaben sich an ihre Waschtische. Sie

sprachen nicht miteinander, aber das Klappern der Becken, das Sprudeln

und Plätschern des Wassers, das Geräusch der Bürsten, das scheinbar

ordnungslose Hin- und Hergehen von hundert Knaben, -- das mußte in

jedem fremden Zuschauer den Eindruck eines recht frischen, geschäftigen

Treibens hervorrufen.

Als daher Percy dieses Schauspieles ansichtig wurde, blieb er

überrascht in der Thüre stehen. Da zogen einige gerade die Jacken aus

oder an, oder streiften die Hemdsärmel empor, oder seiften ihre Köpfe

ein, daß sie aussahen wie riesige Schneebälle, oder waren mit Kämmen

oder Zähneputzen, oder mit Schuhwichsen oder Reinigen ihrer Kleider

beschäftigt -- und das alles Knaben, Knaben -- nichts als Knaben,

in allen Zuständen unfertiger Toilette, in jeder Art von Bewegung

und Stellung. Es bedurfte einiger Augenblicke, bis Percy sich in

diesem neuen, für ihn ungewohnten Anblicke zurechtgefunden hatte,

und vielleicht hätte er noch länger dort gestanden, wenn nicht ein

paar andere Knaben, die ihm folgten, ihn einfach in den belebten Saal

hineingedrängt hätten.

In Toilettesachen war Percy vollständig zu Hause. Er füllte also jetzt

sein Waschbecken, und besorgte das wichtige Geschäft des Waschens

samt allem, was dazu gehört, mit der Gewandtheit eines Kundigen. Bald

war die Krawatte an der Reihe. Da schaute er suchend durch den ganzen

Saal und entdeckte auch schnell seinen Freund Tom, der schon fertig

dastand, und sich nur noch bemühte, ein wenig beißender Seife aus dem

Augenwinkel zu entfernen.

„Guten Morgen, Tom!“ grüßte er mit lauter Stimme, als er bei ihm war.

„Aber wie nachlässig und verlaufen Du aussiehst! Du kannst Dich ja

nicht einmal ordentlich kämmen. Reich’ mir einmal Deinen Kamm her!“

In der nächsten Umgebung entstand ein freudiges Gekicher, und Tom, der

endlich sein Auge von der Seife befreit hatte, reichte ihm lächelnd

Kamm und Haarbürste.

„Dein Haar macht sich nicht gut, Tom, wenn Du es so flach kämmst; ich

will es etwas aufbauschen. -- Still halten, Schlingelchen! -- So, jetzt

sieh in den Spiegel! Ist das nicht viel schöner? -- Aber, Tom, da

hast Du ja wieder dieselbe Krawatte, die mir gestern schon gar nicht

gefallen hat. Wer trägt denn eine blaue Krawatte zu einer blauen Jacke!

Das sticht ja gar nicht ab! -- Warte ein Bißchen!“

Percy trat einen Schritt zurück und schaute ihn prüfend an.

„Gewiß! Gelb ist gut! das paßt zum Blau. Tom, ich habe eine prächtige

gelbseidene Krawatte; die will ich Dir schenken.“

Da hörte er plötzlich leise seinen Namen rufen, wandte sich um und sah,

daß ~P.~ Middleton, den Finger auf die Lippen legend, ganz nahe

stand und ihn warnend anschaute.

„O, ich bitte um Verzeihung, Pater, daß ich so laut gesprochen. Ich

habe mich ganz vergessen. Ich wollte Tom nur ein wenig helfen!“

Er eilte an seinen Waschtisch und kam bald mit der gerühmten Krawatte

zurück, die er mit Kennermiene um Toms Hals legte.

„Ich knüpfe sie Dir in einen Schmetterling, das nimmt sich herrlich

aus. -- Ah“ -- flüsterte er dann, mit der Begeisterung eines Künstlers

sein Werk betrachtend; „sehr gut! vortrefflich! da sieh in den Spiegel

-- nicht wahr? -- Jetzt binde mir meine Krawatte, aber auch in einen

Schmetterling, die andern Knoten erregen stets mein Mißfallen.“

„Percy, das bringe ich nicht zu stande!“ sprach Tom, etwas beschämt,

daß er dem guten Percy die Bitte nicht erfüllen könne.

„Was? Du kannst keinen Schmetterlingsknoten machen?“

„Nein, Percy; ich habe ja keine Schwestern, die es mich hätten lehren

können.“

„Ah so, das ist wahr. -- Ich will zu ~P.~ Middleton gehen; ich

glaube, er thut es, er ist so freundlich.“

Ehe Tom Einsprache erheben oder sein Staunen ausdrücken konnte, schritt

Percy schon eilfertig zu ~P.~ Middleton hinüber.

„Wollen Sie nicht so gut sein, Pater, mir meine Krawatte zu binden? Ich

kann es nicht selbst; meine Schwester Maria hat es mir immer gethan.

Jetzt bat ich Tom, aber er sagte, er könnte es nicht.“

Verwundert über das sonderbare Ansinnen, nahm der Pater die Krawatte

und schickte sich an, sie um Percys Hals zu legen und zu binden.

„Aber bitte, Pater, in einen Schmetterling!“

Der Pater gab sich redlich Mühe, Percys Bitte zu erfüllen, allein

ein rechter Schmetterling kam doch nicht zustande. Percy entging das

keineswegs, aber in seiner feinen, rücksichtsvollen Art that er, als ob

alles ganz nach Wunsch geschehen wäre.

„Danke sehr, Pater! Ich werde Ihnen hoffentlich nicht wieder lästig

fallen müssen. Ich will heute Tom zeigen, wie man es macht.“

Und mit seinem eleganten Knicks entfernte sich Percy.

Es folgte sogleich die Messe, während welcher Percy durch seine

Andacht und ehrfurchtsvolle Haltung alle Nachbarn erbaute. Er hatte

ein prächtiges Gebetbuch mit Samteinband und Silberbeschlägen, und

an der Art, mit der er es benutzte, sah man, daß der Gebrauch eines

Gebetbuches ihm durchaus nicht neu war.

Nach dem Frühstück rief Percy seine Bekannten Tom, Harry, Willy und

Joseph zusammen.

„Ich habe etwas für Euch,“ sagte er, geheimnisvoll lächelnd, und bat

sie, ihn in den Raum zu begleiten, wo sein Reisekoffer noch stand.

Er entnahm dem Koffer ein wohlduftendes Kästchen, öffnete es und

entfaltete vor ihren bewundernden Blicken eine reiche Auswahl

Photographien, welche die Merkwürdigkeiten seiner Vaterstadt Baltimore

darstellten.

„Da, nehmt!“ sprach er mit strahlendem Gesicht; „jeder, was ihm am

besten gefällt!“

Tom lehnte aber entschieden ab.

„Du bist nicht nach Maurach gekommen,“ sprach er, „um von uns

ausgeplündert zu werden.“

Percy erschrak anfangs über diese rauhe Weigerung; doch wiederholte

er seine Bitte mit so liebenswürdiger Zudringlichkeit, versicherte so

ernsthaft, man könne ihm kein größeres Vergnügen machen als durch die

Annahme seines Geschenkes, daß ihm alle willfahrten und sich ein Gabe

auswählten.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 39 / 77 题