IV.

Die Nachrichten von dem Reichtume der neuen Länder, von denen wir schon

gesprochen haben, neu geschürt durch die Heimkehr des goldbeladenen

Pizarro aus Perú, veranlaßten eine Menge Projekte am spanischen Hofe.

Schließlich erhält Don Pedro de Mendoza den offiziellen Auftrag, »ir á

conquistar y poblar las tierras y provincias que hay en el río de Solís,

que llaman de la Plata, y por allí calar y pasar la tierra hasta llegar

á la Mar del Sur« (»auszuziehen, um die Länder und Provinzen am Río de

Solís, der Silberstrom genannt wird, zu erobern und zu kolonisieren,

und daselbst einzudringen und über Land zur Südsee zu gelangen«). Wenn

also auch zum ersten Male von Kolonisieren die Rede ist, so war für

Mendoza die Haupttriebsfeder sicher der Gedanke, zur Sierra de la Plata

zu gelangen, und so versteht sich seine großartige Expedition, welche

für die spätere Geschichte der »Silberländer« oder »La Plata-Staaten«

von fundamentaler Bedeutung werden sollte; man kann sagen, daß sie damit

eigentlich anhebt (siehe P. Larrouy).

[Illustration: Riesenschlange von 25 Fuß Länge am Paraná (1539).]

Über diese so wichtige Expedition sind wir vorzüglich unterrichtet durch

einen deutschen Landsknecht _Ulrich Schmidel_ aus Straubing, welcher mit

dabei gewesen war und nach glücklicher Heimkehr alles sorgfältig zu

Papier brachte sine ira et studio; sein Werk bildet so die unparteiische

Darstellung jener hochwichtigen Vorgänge, von welcher aus die persönlich

gefärbten Berichte der einzelnen Heerführer richtig beurteilt werden

können. Ulrich Schmidel ist daher =»der erste Geschichtschreiber des Rio

de la Plata«=; niemand Geringerer als Don Bartolomé Mitre hat in einem

prächtigen Werke seine Verdienste hervorgehoben, und sämtliche

argentinischen Geschichtsschreiber nehmen sein Buch als Grundlage ihrer

Schilderung der ältesten geschichtlichen Ereignisse auf heut

argentinischem Boden. Doch davon noch zum Schlusse dieser Zeilen. Geben

wir das Wort zunächst Mondschein, der uns über die Persönlichkeit des

Mannes im Jahre 1881 unterrichtet hat.

[Illustration: Die Carios in Paraguay (1539).]

»Ulrich Schmidel stammte aus einer hochangesehenen Patrizierfamilie

Straubings, die mit dem ältesten Ratsgeschlechte der Stadt, den Zellern,

vielfach verschwägert war. Ein Schmidel erscheint zuerst nach einer

allerdings nicht verbürgten Angabe anno 1364, in welchem Jahre ein Peter

Schmidel gestorben sein soll. Von der Mitte des 15. Jahrhunderts

begegnen uns Mitglieder der Familie häufig als Lehenträger der Azlburg

bei Straubing, sowie in den höchsten gemeindlichen, herzoglichen und

bischöflich-augsburgischen Ämtern, als Zechverweser, fürstlicher Rat,

Zollner, Symonkastner. Die Familie lieferte der Stadt nachweisbar von

1449-1535 nicht weniger als 15 Stadtkämmerer oder Bürgermeister. Durch

den stets geldbedürftigen Kaiser Friedrich III. erhielt sie ein Wappen

verliehen, einen nach links gewendeten schwarzen Stierrumpf im weißen

Felde, eine Krone um die Hörner. 1506 befand sich Wolfgang Schmidel als

Bürgermeister der Stadt mit unter den Abgeordneten, welche zum

Vergleiche am Schlusse des Landshuter Erbfolgestreites in diese Stadt

zusammenberufen worden waren. Über die späteren Schicksale der Familie

ist wenig bekannt. Ein Joh. Georg Joseph Schmidel in Straubing wird

durch Kaiserliche Ernennung vom 12. August 1696 geadelt, in Bayern

bestätigt und »von« bewilligt am 26. Mai 1698. Ein Zusammenhang mit dem

alten Ratsgeschlechte war nicht nachzuweisen, vielmehr scheint nach dem

bisherigen Stande der Kenntnis die Familie mit dem unverheirateten

Ulrich Schmidel, in der Hauptlinie wenigstens, zu Regensburg

ausgestorben zu sein.

[Illustration: Kampf bei Lambaré (Asunción) mit den Carios (1539).]

Das Geburtsjahr Ulrich Schmidels ist nicht bekannt, ebensowenig wie sein

Sterbejahr, da leider die Geburts- und Sterbematrikeln der Straubinger

Pfarrämter nicht so weit zurückreichen. Über seine Jugend ist nichts

bekannt, doch scheint er eine bessere Erziehung genossen und eine

lateinische Schule besucht zu haben ...... Sein Vater war Wolfgang

Schmidel, der dreimal als Bürgermeister der Stadt, als Lehensträger der

Azlburg, des Spitales und des dem Domkapitel Augsburg zustehenden Zolles

erscheint; unser Ulrich ist wahrscheinlich zwischen 1500 und 1511 in

einer zweiten Ehe seines Vaters geboren, hatte aber beim Antritt seiner

Reise ein Alter von wenigstens 24 Jahren, was recht gut annehmbar

erscheint. »Ulrich hatte 2 Brüder, Friedrich und Thomas, welch letzterer

viermal als Bürgermeister der Stadt und später als Rat erscheint.«

Mondschein fügt diesen Angaben noch eine Stammtafel des Geschlechtes

Schmidel bei.

»Über die Gründe,« fährt Mondschein fort, »die Ulrich Schmidel bewogen,

an der Expedition Mendozas teilzunehmen und wie er nach Antwerpen kam,

gibt er selbst keinen Aufschluß, die Angabe Gumpelzhaimers, er sei als

=Handelsbeflissener= dahin gekommen, entbehrt zwar nicht der

Wahrscheinlichkeit, ist aber nur mit dem allgemeinen Hinweis auf die

vorhandenen Akten (wo?) und auf seine Reisebeschreibung begründet.« Ich

füge ergänzend zu, daß auch Dominguez im Vorworte zu seiner englischen

Übersetzung auf die gleiche Vermutung kam. »Dafür, daß ihn die Lust an

Abenteuern vom stillen Strand der Donau in die Ferne trieb, spricht

auch, daß er als gemeiner Soldat Dienste nahm, wie er denn auch nie ein

Kommando inne hatte ...... Aber wenn auch nur gemeiner Soldat, war

Ulrich Schmidel gewiß ein tüchtiger Kriegsmann, wie niemand in Abrede

stellen wird, der sein Werk zur Hand genommen. Als Hauptmann Gonzalo

Mendoza sich sechs tüchtige Soldaten zu einer Meerfahrt auswählte, nahm

er Schmidel nebst fünf Spaniern, und während einer Unternehmung wird er

einmal neben dem Hause des befreundeten indianischen Häuptlings

»einfuriert«. Bei dem späteren Zuge nach Perú waren viele Leute vor

Durst umgekommen und als die Eroberer in ein Dorf kamen, wo nur ein

einziger Brunnen vorhanden war, wurde Schmidel die Wache an demselben

übertragen, wobei er bei Edel und Unedel, bei männiglich große Gunst und

Gnade erlangte, denn er war damit nicht zu »genausichtig«. Als er

endlich nach 19jährigem Aufenthalte im Lande, wobei er anscheinend noch

keineswegs an die Heimkehr dachte, einen Brief seines Bruders Thomas aus

Straubing erhielt und daraufhin Urlaub begehrte, wollte ihm der

Befehlshaber Irala denselben anfangs nicht gewähren, offenbar weil er

den kriegserfahrenen Schmidel ungern entbehrte. Welch verwegene Kühnheit

aber in diesem Manne steckte, das zeigte er in dem Entschlusse, den er

auch glücklich durchführte, den Weg von Asunción nach San Vicente, wo

eben ein portugiesisches Schiff lag, zu Lande zu nehmen. Ein einzelner

Mann und 20 Indianer, wozu sich noch vier Deserteure gesellten, zog er

ohne Weg noch Steg über Berg und Tal, durch dichte Urwälder und

zahlreiche Sümpfe mitten durch Indianerstämme hindurch, die zwei seiner

Gefährten auffraßen, ein Schicksal, das auch ihm drohte, 376 Meilen weit

an die Küste. Sein früherer Oberbefehlshaber, Alvar Nuñez Cabeza de Vaca

hatte mit 250 Mann fast denselben Weg genommen, dabei aber nahezu die

Hälfte infolge der Strapazen verloren. Schmidel war in der Tat vom Glück

in hohem Maße begünstigt.« ....

[Illustration: Vernichtung der Expedition des Ayolas im westlichen

Paraguay durch die Indianer (1540).]

Am 24. Juni 1553 verließ dann Schmidel in San Vicente an der

brasilianischen Küste die Länder, in welchen er durch achtzehn seiner

besten Jahre ein rauhes Kriegsleben geführt. Nach viermonatlicher

Überfahrt, auf welcher Spiritu Santo in Brasilien und die Azoreninsel

Tercera angelaufen wurde, ward Lissabon erreicht. Schmidel begab sich

von hier per Post nach Sevilla zu den Räten Sr. Majestät (des

Indienhauses), der berühmten Casa de Contratación, seinen Auftrag

auszurichten und seinen Brief Iralas abzugeben. Nach vierwöchentlichem

Aufenthalt reiste er über San Lucar nach Cadix, um sich hier auf einem

holländischen Fahrzeuge nach Antwerpen einzuschiffen und ließ alle seine

Habe an Bord bringen. Der Schiffer, der dieselbige Nacht etwas zu viel

gezecht hatte, stach ohne ihn in See, das Schiff ging aber durch ein

merkwürdiges Mißgeschick bei Cadix zugrunde. »Durch einen glücklichen

Zufall kam so zwar Schmidel mit dem Leben davon, aber er verlor durch

diesen Schiffbruch all sein Hab und Gut, Papageien und was er sonst

seiner staunenden Vaterstadt zu zeigen vorhatte, so daß er nach der

glücklich vollbrachten Seefahrt über die Insel Wight und die Stadt

Arnemniden den Boden des Vaterlandes zu Antwerpen, am 26. Januar 1554,

ebenso arm betrat, wie er war, als er 20 Jahre früher davon wegfuhr.«

»Er kam gerade noch rechtzeitig genug, um den Bruder am Leben zu

treffen, der schon am 20. September desselben Jahres das Zeitliche

segnete.«

[Illustration: Verrat der Timbú und Sturm auf Corpus Christi (Buena

Esperanza) 1539.]

Schmidel wurde durch die Erbschaft wohlhabend und blieb nun die nächsten

Jahre in Straubing, wo er seine Muße mit der Abfassung seiner

Reisebeschreibung ausfüllte. Wenigstens ist dies wahrscheinlicher, als

daß er 1562 bis 1563 in Regensburg daran schrieb. 1562 wurde er nämlich

als Anhänger der Lehre Luthers nebst anderen Straubinger Bürgern von

Herzog Wilhelm ausgewiesen; »als der letzte seines Stammes verließ er

die Vaterstadt, in der Brüder, Vater, Großvater, alle seine Ahnen,

soweit sie bekannt, die einflußreichsten Stellen bekleidet hatten, und

begab sich mit anderen nach der benachbarten duldsamen freien

Reichsstadt Regensburg.«

Am 21. Mai 1563 wurde er in Regensburg als Bürger aufgenommen. Er war

sehr geachtet und kaufte sich ein Haus, das heute noch steht und durch

eine Denktafel gekennzeichnet ist. Noch heute werden von dem jetzigen

Besitzer desselben eine Anzahl Kuriositäten aufbewahrt, die wohl aus dem

Nachlasse Schmidels stammen. Hier in Regensburg nun »verlebte Ulrich

Schmidel, der letzte seiner Familie, in Ruhe den Rest seines

vielbewegten Lebens, in Regensburg muß er auch begraben sein. Sein

Todesjahr ist ebensowenig bekannt wie sein Geburtsjahr.«

Lassen wir nun inhaltlich Schmidels Buch an uns vorüberziehen; genauer

darauf einzugehen ist bei dem langen Zeitraum von 20 Jahren, den es

behandelt, und bei der Fülle der Vorkommnisse gar nicht möglich; wir

wollen ja auch nicht die älteste Geschichte der La Plata-Länder

schreiben, sondern auf die fundamentale Wichtigkeit von Schmidels Werk

hinweisen. Ich lasse mich im folgenden hauptsächlich von Mondschein und

Langmantel führen.

Schmidel reiste 1535 von Antwerpen nach Cadix. »Bei ernennter Stadt

Cadix sind gewest 14 große Schiff, von aller Munition und Notdurft wohl

gerüst, die haben wollen fahren nach Rio de la Plata in Indiam. Auch

sind allda gewesen 2500 Spanier und 500 Hochdeutsche, Niederländer und

Sachsen und unser aller oberster Hauptmann, welcher mit seinem Zunamen

geheißen Don Pedro Mendoza.

Unter diesen 14 Schiffen hat eins gehört den Herren Sebastian Neithart

und Jakoben Welser zu Nürnberg, so ihren Factor Heinrich Paimen mit

Kaufmannschaft nach Rio de la Plata geschickt. Mit denen bin ich und

andere Hochdeutsche (und) Niederländer, ungefähr bis in die 80 Mann,

wohl gerüst mit Büchsen und Gewehr, nach Rio de la Plata gefahren.«

Wir Deutsche hier am La Plata lesen mit Rührung die schlichte Nachricht

vom =ersten deutschen Handelsschiffe=, welches herkam; der Anteil der

Welser an der Entdeckung Südamerikas und ihre Besetzung Venezuelas ist

ja bekannt.

[Illustration: Schiffbruch bei San Gabriel; Schmidel wird gerettet

(1538).]

Nachdem so Mendoza die Streitkräfte für sein Unternehmen in Cadix

gesammelt, fuhr die Flotte am 24. August 1535 von Sevilla ab, mußte aber

noch einen achttägigen, durch ungünstigen Wind veranlaßten Aufenthalt in

San Lucar de Barrameda nehmen. Auf den Kanarischen Inseln blieben sie

ebenfalls vier Wochen; eine Liebesgeschichte brachte hier das deutsche

Schiff und den Heinrich Paimen in Gefahr; Don Jorge Mendoza, ein Vetter

des Oberbefehlshabers, der sich an Bord desselben befand, entführte

nächtlich ein Mädchen und die Kanarier beschossen darauf das Schiff mit

Kanonen; nur dadurch, daß der Entführer das Mädchen für seine legitime

Frau erklärte und zurückbleiben mußte, wurde die Sache beigelegt; »nach

dem ließen wir Don Jorge Mendoza und seine Hausfrau an Land, denn unser

Hauptmann wollt ihn nit an seinem Schiff mehr haben.« Endlich geht es

weiter zu den Capverdischen Inseln, zur Insel Fernando Noronha und nach

Rio de Janeiro; hier ernennt der Oberbefehlshaber den Juan de Osorno,

seinen »geschworenen Bruder«, zum Maestro de Campo, da er selbst

»allzeit contract, schwach und krank war«, läßt ihn aber auf falsche

Anschuldigung hin bald darauf töten.

Die Reise geht nun weiter in die Mündungsbucht des Río de la Plata; bei

San Gabriel (heute Colonia) im Gebiete der Charrúas landen sie am 6.

Januar 1536, suchen aber bald eine neue Stelle auf der Südseite des

Golfs im Gebiete der Kerandís (März 1536); an der Mündung des Riachuelo,

der damals diesen Namen bekam, »haben wir eine Stadt gebaut, hat

geheißen Buenos Ayres, das ist auf deutsch: =Guter Wind.= Wir haben auch

72 Pferd und Stuten aus Hispanien auf den 14 Schiffen gebracht.« Es ist

bekannt, daß diese Pferde sich zahllos vermehrten und in wilden Herden

sich bald im ganzen Land verbreiteten. Der Name der Niederlassung,

ehemals vollständig =Nuestra Señora Santa Maria de Buen Ayre= oder

=Nuestra Señora de Buenos Ayres=, wurde ihr gegeben zu Ehren von

»Nuestra Señora de Buen Ayre«, welcher schon vor der Entdeckung Amerikas

in der Triana genannten Stadtgegend Sevillas und am Ufer des

Guadalquivir ein Hospital nebst Kapelle geweiht war und deren Kultus

eine »Bruderschaft der Seeleute« übernommen hatte; hatten ja Seeleute

bei der damaligen Schiffahrt ein berechtigtes Interesse an günstigen

Winden! Die in deutschen Kreisen übliche Übersetzung als »Stadt der

guten _Lüfte_« ist daher unsinnig, wird allerdings entschuldigt durch

die weitbekannte, phantastische Angabe des Dichters Ruy Díaz de Guzmán

(der auch sonst unzuverlässig ist): der erste, welcher an Land sprang,

ein gewisser Sancho del Campo, habe angesichts der Reinheit und Frische

der Luft ausgerufen: »Qué buenos aires son los de este suelo!« (Wie gut

sind die Lüfte in diesem Lande!)

Der Tag dieser ersten Gründung der Stadt ist nicht bekannt, es war etwa

Mitte März 1536 (Schmidel rechnete nach einem anderen Kalender und

schreibt 1535, wie man es noch irrtümlicherweise vielfach antrifft; die

meisten Jahreszahlen Schmidels müssen um ein Jahr weiter datiert werden,

wie es Lafone Quevedo festgestellt hat).

[Illustration: Mit Hernando Ribero auf dem Zuge zum Silberland (1543).]

Der Verkehr mit den Eingeborenen, den Kerandís, war anfangs friedlich;

als diese aber einmal nicht ins Lager kamen, wurde der Oberrichter Pavón

mit zwei Knechten zu ihnen geschickt, »hielten sich aber dermaßen, daß

sie alle drei wohl abgebläut wurden und schicktens alsdann wieder heim

in unser Lager«.

»Daraufhin«, excerpiert Mondschein, »schickte Mendoza seinen Bruder mit

300 Landsknechten (unter ihnen auch Schmidel) und 30 Reitern gegen die

Indianer mit dem Befehle, sie alle tot zu schlagen. Diese, in einer

Anzahl von 4000, stellten sich derartig zur Wehr, daß sie den Spaniern

sechs Edelleute mit ihrem Führer, dem Admiral Don Diego de Mendoza, und

zwanzig Knechte erschlugen. Die Reiter überwanden sie vermittelst

steinerner Kugeln, die an einer langen Schnur befestigt waren

(Boleadoras) und mit denen sie die Pferde zu Falle brachten, die Knechte

erschossen sie mit Speeren. Die Indianer ergriffen zuletzt, nachdem sie

tausend der Ihrigen verloren, die Flucht und die Spanier drangen, ohne

Gefangene zu machen, in den Flecken ein. Nach der Rückkehr ins Lager

wurde die Mannschaft in Arbeitsleute und Kriegsleute abgeteilt. 'Und man

bauet daselbst eine Stadt und eine erdene Mauer eines halben Spieß Länge

hoch darum, und ein stark Haus für unsern Obersten, die Stadtmauer breit

drei Schuh, und was man alles bauet, das fiel alles wieder ein, denn das

Volk hatte nicht zu essen, starb vor Hunger, hatten also große Armut.'

Die Not wurde derart, 'daß weder Katzen noch Mäuse, Schlangen noch ander

Ungeziefer nit genug vorhanden waren zur Ersättigung des großen

jämmerlichen Hungers und unaussprechlicher Armut, auch Schuh und Leder,

es mußt alles geessen sein.' Drei Spanier hatten ein Roß gestohlen und

heimlich verzehrt. Durch die Folter zum Geständnis gezwungen, wurden sie

alle drei gehenkt. 'Auf die Nacht sind andere Spanier zu diesen dreien

Gehenkten zum Galgen kommen und haben ihnen die Schenkel abgehaut und

Stücke Fleisch aus ihnen geschnitten zur Ersättigung ihres Hungers. Item

ein Spanier aß seinen Bruder, der da gestorben war in der Stadt Buenos

Aires.'«

In dieser Not »sandte Mendoza den Hauptmann Luján mit 7 Fahrzeugen und

350 Mann stromaufwärts, Lebensmittel von den Indianern zu holen; aber

diese verbrannten ihre Wohnstätten und Lebensmittel und flohen davon, so

daß Luján ohne jeden Erfolg umkehren mußte, nachdem er die Hälfte

seiner Leute durch Hunger verloren.

Da, es war am 27. Dezember 1536, erschienen plötzlich 23000 Indianer

von den Stämmen der Kerandís, Guaranís, Charrúas und Chaná Timbús vor

der Stadt, schossen mit brennenden Pfeilen die strohgedeckten Lehmhütten

in Brand und liefen Sturm gegen die Stadt. Es gelang ihnen sogar, vier

Schiffe, die eine Meile vom Ufer vor Anker lagen, in Brand zu schießen,

so daß sie von der bestürzten Besatzung verlassen werden mußten. Erst

als die Schiffskanonen gegen sie abgefeuert wurden, zogen sie ab,

nachdem sie dreißig Europäer erschlagen.

[Illustration: Kampf gegen die Carios in Paraguay nach Alvar Nuñez

Absetzung (1546).]

Daraufhin wurde beschlossen, die Unglückstätte zu verlassen. Mendoza

übergab den Oberbefehl dem Don Juan Ayolas, der eine Musterung hielt,

wobei sich von den 2500 Mann nur mehr 560 am Leben erwiesen, alle

übrigen waren durch Hunger umgekommen! Ayolas ließ 180 bei den vier

großen Schiffen unter Juan Romero mit Proviant zurück, er selbst und mit

ihm Mendoza fuhr auf Brigantinen 84 Meilen weit den Strom hinauf zu den

Timbús ....... in den Flecken der Indianer, den sie Buena Esperanza

hießen.

Vier Jahre lang blieben sie in Buena Esperanza, also von 1536 bis etwa

1539; während dieser Zeit beschloß Mendoza, der vor Schwachheit weder

Hände noch Füße rühren konnte und wohl am Erfolge der Unternehmung

gänzlich verzweifelte, nach Spanien heimzukehren. Mit zwei Schiffen und

50 Mann trat er die Rückfahrt an, aber ungefähr auf halbem Weg 'da griff

ihn Gott der Allmächtige an, daß er armselig starb, Gott sei ihm

gnädig!'«.

Absichtlich haben wir die ältesten Vorgänge etwas ausführlich gehalten,

da sie sich in Buenos Aires abspielten und uns am meisten interessieren.

Nun müssen wir uns kürzer fassen.

Ayolas, der in Buena Esperanza geblieben war, was auch Corpus Christi

genannt wurde und nicht weit von jenem früheren Fort Sancti Spiritus

lag, fuhr auf Mendozas Befehl den Paraná und Paraguay herauf bis zum 21°

s. Br., überall von den Indianern freundlich aufgenommen und mit

Lebensmitteln unterstützt; hier ließ er Domingo Martínez de Irala

zurück, der auf ihn warten sollte, während er selber nach Westen zur

»Sierra de la Plata« aufbrach, geführt von einem Indianer, der ehemals

jenem früher erwähnten Alejo García gedient hatte. Mendoza, der damals

noch in Buenos Aires weilte, schickte den Juan de Salazar aus, um

Nachrichten den Ayolas betr. einzuholen. Salazar traf auch den wartenden

Irala und kehrte wieder flußabwärts zurück und auf der Heimreise

gründete er am 15. August 1537 neben dem Indianerdorfe Lambaré ein Fort,

genannt Nuestra Señora de Asunción. Hier ließ er einige dreißig Mann und

reiste zurück nach Buenos Aires, wo er den Mendoza nicht mehr antraf.

Die folgenden Monate vergingen mit Hin- und Herreisen zwischen Buenos

Aires, Corpus Christi und Asunción; Irala wartete unterdessen immer

noch auf Ayolas.

Ende des folgenden Jahres (1538) kam aus Spanien ein Gesandter mit der

Nachricht vom Tode Mendozas und dem Auftrage, die Conquistadores sollten

selber einen Führer wählen, falls Mendoza vor seiner Abreise keinen

solchen ernannt hätte. In Asunción vereinigten sich nun die

hauptsächlichsten Persönlichkeiten; es kam auch Irala herunter und

zeigte eine von Ayolas ausgestellte Vollmacht, wonach ihm die gleichen

Befugnisse zuerkannt wurden, die er selber besaß (Juni 1539). Alle

mußten ihn daraufhin als Führer anerkennen.

[Illustration: Kampf gegen die Maigenos auf Iralas Zug nach Perú

(1548).]

Irala kehrte nun wieder auf seinen Warteposten weiter nordwärts zurück

und erfuhr schließlich das Schicksal des Ayolas: der war wirklich bis

zur Sierra de la Plata gelangt und hatte Reichtümer erbeutet, wurde

aber auf der Rückkehr von den Payaguás überfallen und mit allen seinen

120 Leuten niedergemacht. Irala kehrte nun nach Asunción zurück und

beschäftigte sich mit administrativen Angelegenheiten; um seine

Besatzung zu verstärken, reiste er nach Buenos Aires und hob die dortige

Niederlassung auf, da auch die Zerstörung des Forts Corpus Christi durch

die Indianer eine kritische Lage geschaffen hatte; ein Schiff, welches

er nach Santa Catalina sandte, um neue Lebensmittel zu holen, scheitert,

Schmidel wird aber glücklich gerettet. Irala nahm nun die ganze

Mannschaft nach Asunción, wo er seinen Kommandoposten bis zur Ankunft

des Alvar Núñez Cabeza de Vaca inne behielt; Buenos Aires wurde also

fünf Jahre nach seiner ersten Gründung aufgegeben (Mai 1541).

Alvar Núñez, in Spanien zum Oberbefehlshaber der La Plata-Länder

ernannt, reiste November 1540 von Cadix mit vier Schiffen und 400

Soldaten ab. Im März 1541 kam er in Santa Catalina an der

brasilianischen Küste an und sandte von hier aus seinen Neffen zu Schiff

nach Asunción, während er selber dorthin über Land zog, wie zuerst Alejo

García. In Asunción übernahm er das Kommando; den Irala sandte er

flußaufwärts zur Erforschung des Landes und ackerbautreibender Stämme;

nach dessen Rückkehr unternahm er selber einen Zug nach Perú, mußte aber

auf Anraten seiner Offiziere und durch Krankheit genötigt wieder

umkehren. Darauf sendet er eine kleine Schar unter Befehl des Hernando

Rivero den Paraguay weiter hinauf, die Expedition kehrte auch

goldbeladen glücklich zurück. In Asunción hatte sich inzwischen eine

Strömung gegen Núñez gebildet; zwischen seinen und des Irala Anhängern

kam es zur Revolution, die damit endete, daß Alvar Núñez gefangen und

jener zum Oberbefehlshaber ernannt wurde (April 1544). Nach

zehnmonatlicher Haft wurde er nach Spanien zurückgeschickt und dort zu

Verbannung verurteilt, erhielt aber später seine Rechtfertigung wieder.

Die Unruhen zwischen den beiden Parteien dauerten in Asunción noch

länger fort. Die Indianer benutzen die Gelegenheit zu Überfällen und

Irala hat viel damit zu tun. Nach Herstellung der Ruhe beschließt er

gleich seinem Vorgänger das Silberland aufzusuchen; er reist mit einer

starken Schar Spanier und Indianer Paraguay aufwärts bis San Fernando,

läßt hier bei den Schiffen eine Bedeckungsmannschaft mit Proviant für

zwei Jahre zurück und zieht landeinwärts weiter. Sie treffen mit den

verschiedensten Indianerstämmen zusammen, die Schmidel alle nennt; der

bei den Paresís herrschende Wassermangel macht bei dem einzigen Brunnen

eine Wache nötig, welche Schmidel übertragen wird. Die Entscheidung des

Loses, welches jetzt befragt wird, fällt auf Weitermarsch; das geschieht

auch, aber Landboten des Vizekönigs von Perú, de La Gasca, der eben den

Pizarro hatte hinrichten lassen, verbieten den Weiterzug, und auch eine

Gesandtschaft, die Irala nach Lima sandte, richtet nichts aus! (Wie

doch schon zu Beginn der spanischen Kolonialherrschaft der Keim ihres

Zerfalles zu finden ist!) Irala kehrt also auf dem gleichen Wege wieder

um und gelangt nach anderthalbjähriger Abwesenheit wieder zur

Schiffsstation San Fernando, wo er die Usurpation des Abrigo vernimmt.

Dieser hatte sich in der Zwischenzeit zum Oberbefehlshaber aufgeworfen,

da er der Meinung war, Iralas Unternehmen sei in gleicher Weise

gescheitert wie das des Ayolas; den von Irala zum Befehlshaber von

Asunción ernannten Francisco Mendoza, der ihm die Anerkennung versagte,

hatte Abrigo hinrichten lassen. Irala belagerte nun Asunción, da sich

aber bald der größere Teil der Besatzung für ihn erklärte, so flüchtet

der Empörer mit 50 Mann in die Wälder und es beginnt ein zweijähriger

Kriegszustand, der mit einem »Convenio« endet.

[Illustration: Untergang des Schiffes, auf welchem Schmidel reisen

wollte, bei Cadiz 1554.]

Zu dieser Zeit erhielt Schmidel, der alle diese Vorgänge miterlebt,

einen Brief seines Bruders, der ihn zur Heimkehr bewog. Irala läßt ihn

ungern ziehen und beauftragt ihn, ein Schreiben für die Casa de las

Indias mitzunehmen. In der Beschreibung von Schmidels Leben haben wir

seine weiteren Schicksale schon behandelt: er reist über Land an die

brasilianische Küste, von hier nach Spanien, richtet seinen Auftrag aus

und gelangt glücklich wieder in seine Heimatstadt Straubing. --

Schluß.

Die »Warhafftige und liebliche Beschreibung etlicher furnemen

Indianischen Landschafften und Insulen, die vormals in keiner Chronicken

gedacht, und erstlich in der Schiffart Ulrici Schmidts von Straubingen,

mit großer gefahr erkundigt, und von ihm selber auffs fleissigst

beschrieben und dargethan« (zum ersten Mal gedruckt Frankfurt a. M.

1567) wird von den Geschichtschreibern hochgeschätzt. Wir kennen etwa 20

verschiedene Ausgaben; übersetzt wurde sie schon sehr früh ins

Lateinische, später ins Holländische, Französische, Englische,

Spanische. Letztere Übersetzung, von 1742, wurde 1836 von Angelis in

seiner berühmten Sammlung in Buenos Aires wieder aufgenommen, welche

1901 zum Teil neu gedruckt wurde. Ich beschränke mich auf die Wiedergabe

argentinischer Urteile über ihn. Azara Ende des 18. Jahrhunderts nennt

das Buch »la mas puntual de todas las historias antiguas en las

situaciones y distancias de los lugares y naciones que describe«.

Angelis bezeichnet es als »das erste Denkmal unserer Geschichte und die

einzige Quelle, aus der alle die schöpfen müssen, welche die ersten

Schritte der Europäer in diesen fernen Gegenden verfolgen wollen«; den

Verfasser charakterisiert er als den »escritor mas circunspecto de su

época«.

Pelliza in seiner Schmidelausgabe, welche 1881 in Buenos Aires erschien,

nennt ihn einen »hombre de admirable fortaleza de ánimo y de no vulgar

inteligencia«, »prudente y valeroso en toda la série de campañas«; »su

libro contiene las primeras y mas exactas noticias que se han consignado

sobre la colonización de esta parte de América«.

Im Jahre 1891 erschien zu London eine englische Übersetzung, besorgt für

die Hakluyt Society von dem dortigen argentinischen Gesandten Luis L.

Dominguez. In einem prächtigen Foliowerke hat im Jahre 1890 der berühmte

General Mitre Schmidels Verdienste hervorgehoben. Er nennt ihn einen

»observador atento y tranquilo de la naturaleza, sin imaginación y

despreocupado« ... »narra seca y concisamente los hechos, establece las

fechas, determina las distancias, describe lo que ve como comprende, sin

ornamentos de estilo ni divagaciones«, und regt eine mustergültige

spanische Ausgabe an. Dies geschieht denn auch im Jahre 1903; die Junta

de Historia y Numismática Americana zu Buenos Aires gab sie als ersten

Band ihrer Veröffentlichungen in wundervoller Ausstattung heraus,

reichlich kommentiert und beleuchtet von Lafone Quevedo; befriedigt

schreibt dieser am Schlusse seiner Arbeit: »Se ha llegado al fin de la

tarea .... si nos faltase nuestro _Ulrico Fabro_, ello dejaría un vacío

irreparable entre las crónicas de su época«.

Ja, Schmidels Wertschätzung geht in Argentinien noch weiter. Im Jahre

1906 legte der argentinische Statistiker Carrasco der schon genannten

Junta den Entwurf zu einem Wettbewerbe für ein Denkmal vor, das den

Gründern der Stadt Buenos Aires gewidmet werden sollte. Auf der

Westseite sollte Schmidels Medaillonbildnis eingelassen sein mit der

Überschrift: »A la memoria de Ulrich Schmidel, Primer historiador del

Rio de la Plata, 1535 bis 1555.« Wenn auch der Plan damals nicht zur

Ausführung gelangte, so ist er doch für Schmidels Wertschätzung in

argentinischen Kreisen bezeichnend.

Verfasser dieser Broschüre hat als Titelbild jene »Contrafactur Ulrich

Schmidels« wiedergegeben, welche sich in der lateinischen Ausgabe,

veranstaltet von Hulsius im Jahre 1599, findet; desgleichen hat er im

Texte die alten Stiche jener Ausgabe reproduziert; obgleich nur als

Buchschmuck bestimmt, versetzen sie in den Geist jener Zeiten,

namentlich wenn man den deutschen Originaltext liest, wie er nun durch

Mondschein und Langmantel zugänglich gemacht und auf allen größeren

Bibliotheken zu finden ist.

Die sympathische Figur unseres Ulrich Schmidel wird gewiß das hohe

Interesse seiner Landsleute erregen.

_La Plata_, Museum, Oktober 1909.

Ulrich Schmidel Der erste Geschichtschreiber der La Plata-Länder (1535-1555) · 第 9 / 12 题