Das Fanele schaut durch das Fenster.
»Der Zachenhesselhans is nit daheim,« sagt's, »er is fei immer nit
da, bloß wenn er die Zeisige füttert und schlaft. Sonst geht er die
Küh' hüten. Sie müssen nämlich wissen, das ist ein Schlauer, der
Zachenhesselhans. Der denkt so auf allerhand Neuerungen im Waldland.
Die Mali is ihm gestorben im letzten Jahr. Kinder hat er keine. Was er
denkt, erzählt er dem Hans-Tonl und mir. Auf uns zwei, meint er, ständ
seine Hoffnung, indem er schon über die Sechzig ist und nit mehr so
viel Zeit hätt', als wir Jungen.
Das Bett vom Zachenhesselhans soll hier hereinkommen und ein Waschzeug
auch und was einer sonst braucht. Man schlaft ja jetzt bloß im Stübl.
Wir aus dem Wald, wir waschen uns früh und tagüber, wenns nötig ist,
am Trog. Da ist ein frisches kaltes Bergwasser, das macht die Backen
und die Augen blank. Wenn S' das mögen, Fräulein, nachher braucheten
wir gar kein Waschzeug. Sie lachen immer so, wenn ich red'. Sie sind
so was fei nit gewöhnt, gelt? Bei Ihnen reden's anders. Aber, 's is
bei uns auch ganz schön im Wald. Und Schlafgeld? Zwei Gulden hat der
Zachenhesselhans gemeint für die Woche. 's wird Ihnen nit zu viel
sein. Sonst -- er täts am End' auch ein Eichtl billiger. So. Und wenn
S' den Zachenhesselhans sehen wollen, so müssen S' mit mir auf das
Stachelschwein kommen.« --
»Potz Käs,« sagt der Zachenhesselhans wie er die beiden aus der
Waldecke treten sieht, »da hat sich das Fanele aber eine Mudelfeine --«
Der Alte rückt die Kappe aus der Stirn und streicht sich die Haare über
den Ohren zurecht.
»Sie haben ein Zimmer zu vermieten. Ich möchte es nehmen den Sommer
über. Zwei Gulden soll's kosten?«
»Is vielleicht ein bißl viel?«
»Ach nein. Die Bedienung will mir das Fräulein besorgen.«
»Wen meinen S' denn damit? Die da? So eine heißt bei uns ein ›Madl‹. 's
is schon recht. Und wenn S' was brauchen, müssen S' nur reden. Gehst
ein Eichtl mit hinüber, Fanele? Und das Bett wollen wir rucken. Ich
komm gleich.« --
So ist das Fräulein aus der Stadt in das Zechenhaus gezogen. Dem Wawrl
mit den goldenen Haaren ist es eine vertraute Freundin geworden.
Wie's gegen Mittsommer geht, ist der Zachenhesselhans früh dem Helari
begegnet.
»Du,« hat er gesagt, »weißt's schon: das Stadtfräulein hat eine Butter
bestellt, eine Gebirgsbutter. Fünf Kilo muß der Hans-Tonl jede Woch'
nach Dresden schicken, wo das Fräulein daheim ist. Zehn Gulden bezahlt
sie dafür, und das Postgeld, was das Porto ist, trägt sie auch. Zehn
Gulden, Helari in einer Woch' für Butter -- das wär wohl nix? Kunnt
einer davon vergnügt leben im Waldland! Allein von der Butter!«
Und der Zachenhesselhans reibt sich vergnügt die Hände.
»Und das Paketl mit der Butter, das tragt der Zachenhesselhans selber
nach Oberwiesenthal auf die Post -- er muß durch den Wald laufen,
Helari, sonst nehmens einen Zoll!« --
Wie das erste Gras unter den Sensen singt, hat das Wawrl ein Bübl
bekommen -- ganz früh mit der Sonne hat's seinen Einzug gehalten in die
Hölle.
Weil der Zachenhesselhans das Vieh austreiben will, hört er's schreien,
guckt ein Eichtl durch die Tür und hebt im Hausflur einen Schuhplattler
zu tanzen an. Nachher -- die Schuhe zieht er aus und geht auf den Zehen
hinein in die Stube.
»Wawrl,« sagt er, »da haben wir ihn: der Hans-Tonl und das Bübl, die
bringen das Waldland in Schuß! So, nun schrei mir nit mehr, Bübl, als
ob Du in der Höll' wärst! Sei still, Bübl, i gib Dir a Butterfiezele!«
Eine Weile reden sie noch miteinander vor der Haustür, der
Zachenhesselhans und der Hans-Tonl.
Dann treibt der Alte, fröhlich mit der Peitsche klatschend, die Kühe zu
Berge -- immer der Sonne entgegen.
_Ende._
Von Max Geissler erschienen außerdem:
»Unter der Weltenesche«.
Beiträge zur Förderung einer nationalen volkstümlichen Literatur.
(Weimar). 0.80 Mk.
»Jochen Klähn«.
Ein Halligroman. (Jena). Brosch. 3 Mk., geb. 4 Mk.
»Tom der Reimer«.
Eine romantische Geschichte aus alter Zeit. (Jena). Brosch. 4 Mk., geb.
5 Mk.
»Traum in den Herbst«.
Roman. (Weimar). Brosch. 3.60 Mk., geb. 4 Mk.
»Das Buch von der Frau Holle«.
Neue Märchen. Reich illustriert von Stassen und Stumpf. (Düsseldorf).
Geb. 3 Mk.
»Frau Holde«.
Ein Bühnenmärchen. (Weimar). 0.80 Mk.
»Hans Sachsens Bergfahrt«.
Schauspiel. (Weimar). 0.60 Mk.
_Hermann Costenoble_, Verlagsbuchhandlung Jena.
Tom der Reimer.