_Zuleima._ Ins Haus der Liebe trat dein Fuß, Almansor,

Doch Blindheit lag auf deinen Augenwimpern.

Vermissen mochtest du den heitern Schimmer,

Der leicht durchgaukelt alte Heidentempel, 1025

Und jene Werkeltagsbequemlichkeit,

Die in des Moslems dumpfer Betstub' kauert.

Ein ernst'res, bess'res Haus hat sich die Liebe

Zur Wohnung ausgesucht auf dieser Erde.

In diesem Hause werden Kinder mündig, 1030

Und Münd'ge werden da zu Kindern wieder;

In diesem Hause werden Arme reich,

Und Reiche werden selig in der Armut;

In diesem Hause wird der Frohe traurig,

Und aufgeheitert wird da der Betrübte. 1035

Denn selber als ein traurig, armes Kind

Erschien die Liebe einst auf dieser Erde.

Ihr Lager war des Stalles enge Krippe,

Und gelbes Stroh war ihres Hauptes Kissen;

Und flüchten mußte sie wie'n scheues Reh, 1040

Von Dummheit und Gelehrsamkeit verfolgt.

Für Geld verkauft, verraten ward die Liebe,

Sie ward verhöhnt, gegeißelt und gekreuzigt; --

Doch von der Liebe sieben Todesseufzern

Zersprangen jene sieben Eisenschlösser, 1045

Die Satan vorgehängt der Himmelspforte,

Und wie der Liebe sieben Wunden klafften,

Erschlossen sich aufs neu' die sieben Himmel,

Und zogen ein die Sünder und die Frommen.

Die Liebe war's, die du geschaut als Leiche 1050

Im Mutterschoße jenes traur'gen Weibes.

O, glaube mir, an jenem kalten Leichnam

Kann sich erwärmen eine ganze Menschheit;

Aus jenem Blute sprossen schön're Blumen,

Als aus Alradschids stolzen Gartenbeeten, 1055

Und aus den Augen jenes traur'gen Weibes

Fließt wunderbar ein süß'res Rosenöl,

Als alle Rosen Schiras liefern könnten.

Auch du hast teil, Almansor ben Abdullah,

An jenem ew'gen Leib und ew'gen Blute, 1060

Auch du kannst setzen dich zu Tisch mit Engeln,

Und Gottesbrot und Gotteswein genießen,

Auch du darfst wohnen in der Sel'gen Halle,

Und, gegen Satans starke Höllenmacht,

Schützt dich mit ew'gem Gastrecht Jesu Christ, 1065

Wenn du genossen hast sein »Brot und Wein«.

_Almansor._ Du sprachest aus, Zuleima, jenes Wort,

Das Welten schafft und Welten hält zusammen;

Du sprachest aus das große Wörtlein »Liebe!«

Und tausend Engel singen's jauchzend nach, 1070

Und in den Himmeln klingt es schallend wieder;

Du sprachst es aus, und Wolken wölben sich

Dort oben hoch, wie eines Domes Kuppel,

Die Ulmen rauschen auf wie Orgeltöne,

Die Vöglein zwitschern fromme Andachtlieder, 1075

Der Boden dampft von wallend süßem Weihrauch,

Der Blumenrasen hebt sich als Altar, --

Nur eine Kirch' der Liebe ist die Erde.

_Zuleima._ Die Erde ist ein großes Golgatha,

Wo zwar die Liebe siegt, doch auch verblutet. 1080

_Almansor._ O, flechte nicht zum Totenkranz die Myrte,

Und hüll' die Liebe nicht in Trauerflöre.

Der Liebe Priesterin bist du, Zuleima,

Die Liebe wohnt in deines Busens Zelle,

Aus deiner Äuglein klaren Fenstern schaut sie, 1085

Ihr Odem weht aus deinem süßen Munde --

Auf euch, ihr sammetweichen Purpurkissen,

Auf euch, ihr holden Lippen, thront die Liebe,

Auf euch möcht sich Almansors Seele betten, --

Ei, hörst du nicht Fatymas letzte Worte: 1090

»Bring diesen Kuß Zuleimen, meiner Tochter.« --

(Sie sehen sich lange wehmütig an. Sie küssen sich

feierlich.)

_Zuleima._ Fatymas Totenkuß hab' ich empfangen,

Nimm hin dagegen Christi Lebenskuß!

_Almansor._ Es war der Liebe Odem, den ich trank

Aus einem Becher mit Rubinenrande; 1095

Es war ein Freudenborn, woraus ich trank

Ein Öl, das heiß durch meine Adern rinnet,

Und mir das Herz erquicket und verbrennt.

(Umschlingt sie.)

Ich lass' nicht ab von dir, von dir, Zuleima!

Und ständen offen Allahs goldne Hallen, 1100

Und Huris winkten mir mit schwarzen Augen,

Ich ließ' nicht ab von dir, ich blieb' bei dir,

Umschlänge fester deinen süßen Leib, --

Dein Himmel nur, Zuleimas Himmel nur

Sei auch Almansors Himmel, und dein Gott 1105

Sei auch Almansors Gott, Zuleimas Kreuz

Sei auch Almansors Hort, dein Christus sei

Almansors Heiland auch, und beten will ich

In jener Kirche, wo Zuleima betet.

Beseligt schwimm' ich wie in Liebeswellen, 1110

Von weichen Harfenlauten süß umklungen; --

Die Bäume tanzen wunderlichen Reigen; --

Die Englein schütten neckend Sonnenstrahlen

Und bunten Blütenstaub auf mich herab; --

Erschlossen ist des Himmels stille Pracht; -- 1115

Hellgoldne Schwingen tragen mich hinauf, --

Zur Seligkeit hinauf! --

(In der Ferne hört man Glockengeläute und

Kirchengesang.)

_Zuleima_ (sich erschrocken von ihm wendend). Jesus Maria!

_Almansor._ Welch dunkler Laut zerreißt den goldnen Schleier,

Womit mich sel'ge Träume leicht umwoben?

Erblassen seh' ich plötzlich dich, mein Lieb, 1120

Mein Röslein wandelt sich in eine Lilie, --

Sag' an, mein Lieb, hast du den Tod geschaut,

Der unsichtbar erscheinet, uns zu trennen?

_Zuleima._ Der Tod, der trennet nicht, der Tod vereinigt,

Das Leben ist's, was uns gewaltsam trennt. 1125

Hörst du, Almansor, was die Glocken murmeln?

Sie murmeln dumpf:

(verhüllt sich)

»Zuleima wird vermählt heut

Mit einem Mann, der nicht Almansor heißt.«

(Pause.)

_Almansor._ So hast du mir ins Herz hineingezischt

Dein schlimmstes Gift, du Schlangenkönigin! 1130

Von diesem Gifthauch welken rings die Blumen,

Des Springborns Wasser wandelt sich in Blut,

Und tot fällt aus der Luft herab der Vogel.

So hast du mich hineingesungen, Falsche,

In jene Folterkammer, die du Kirch' nennst, 1135

Und kreuzigst mich an deines Gottes Kreuz,

Und ziehst geschäftig an den Glockensträngen,

Und spielst die Orgel, um zu übertäuben

Mein lautes Reu- und Angstgebet zu Allah!

So hast du mich gelockt, du schlimme Fee, 1140

In deinen Muschelwagen mit den Täubchen,

Hast mich hinaufgelockt bis in die Wolken,

Um jählings mich von dort herabzuschleudern.

Ich höre fallend noch dein Spottgelächter,

Ich sehe fallend, wie dein Zauberwagen 1145

Zu einem Sarge wird, mit Feuerrädern,

Wie deine Tauben sich in Drachen wandeln,

Wie du sie lenkst am schwarzen Schlangenzügel, --

Und grausen Fluch hinunterbrüllend, stürz' ich

Hinab, hinab, bis in den Schlund der Hölle, 1150

Und Teufel selbst erschrecken und erbleichen

Bei meinem Wahnsinnfluch und Wahnsinnanblick.

Fort! fort von hier! Ich weiß noch einen Fluch,

Spräch' ich ihn aus, müßt' Eblis selbst erblassen,

Die Sonne müßt' erschrocken rückwärts eilen, 1155

Die Toten kröchen zitternd aus den Gräbern,

Und Mensch und Tier und Bäume würden Stein.

(Stürzt fort.)

_Zuleima_, die bis jetzt verhüllt und unbeweglich

stand, wirft sich nieder vor dem Christusbilde. Ein

Kirchenlied singend ziehen Mönche, mit Kirchenfahnen

und Heiligenbildern, in Prozession vorüber.

* * * * *

(=Waldgegend.=)

_Der Chor._ Es ist ein schönes Land, das schöne Spanien,

Ein großer Garten, wo da prangen Blumen,

Goldäpfel, Myrten: -- aber schöner noch 1160

Prangten mit stolzem Glanz die Maurenstädte,

Das edle Maurentum, das Tarik einst,

Mit starker Hand, auf span'schen Boden pflanzte.

Durch manch Ereignis war schon früh gediehn

Das junge Reich; es wuchs und blühte auf 1165

In Herrlichkeit, und überstrahlte fast

Des alten Mutterlands ehrwürd'ge Pracht.

Denn als der letzte Omayad entrann

Dem Gastmahl, wo der arge Abasside

Der Omayaden blut'ge Leichenhaufen 1170

Zu Speisetischen höhnend aufgeschichtet;

Als Abderrham nach Spanien sich gerettet,

Und wackre Mauren treu sich angeschlossen

Dem letzten Zweig des alten Herrscherstamms, --

Da trennte feindlich sich der span'sche Moslem 1175

Vom Glaubensbruder in dem Morgenlande;

Zerrissen ward der Faden, der von Spanien,

Weit übers Meer, bis nach Damaskus reichte,

Und dort geknüpft war am Kalifenthron';

Und in den Prachtgebäuden Cordovas 1180

Da wehte jetzt ein rein'rer Lebensgeist,

Als in des Orients dumpfigen Haremen.

Wo sonst nur grobe Schrift die Wand bedeckte,

Erhub sich jetzt, in freundlicher Verschlingung,

Der Tier- und Blumenbilder bunte Fülle; 1185

Wo sonst nur lärmte Tamburin und Zimbel,

Erhob sich jetzt, beim Klingen der Chitarre,

Der Wehmutsang, die schmelzende Romanze;

Wo sonst der finstre Herr, mit strengem Blick,

Die bange Sklavin trieb zum Liebesfron, 1190

Erhub das Weib jetzund sein Haupt als Herrin,

Und milderte mit zarter Hand die Roheit

Der alten Maurensitten und Gebräuche,

Und Schönes blühte, wo die Schönheit herrschte.

Kunst, Wissenschaft, Ruhmsucht und Frauendienst, 1195

Das waren jene Blumen, die da pflegte

Der Abderrhamen königliche Hand.

Gelehrte Männer kamen aus Byzanz,

Und brachten Rollen voll uralter Weisheit;

Viel neue Weisheit sproßte aus der alten; 1200

Und Scharen wißbegier'ger Schüler wallten

Aus allen Ländern her nach Cordova,

Um hier zu lernen, wie man Sterne mißt,

Und wie man löst die Rätsel dieses Lebens.

Cordova fiel, Granada stieg empor, 1205

Und ward der Sitz der Maurenherrlichkeit.

Noch klingt's in blühend stolzen Liedern von

Granadas Pracht, von ihren Ritterspielen,

Von Höflichkeit im Kampf, von Siegergroßmut,

Und von dem Herzenspochen holder Damen, 1210

Die streiten sahn die Ritter ihrer Farbe.

Doch war's ein ernst'rer Ritterkampf, worin

Sie selber fiel, die leuchtende Granada,

Und ritterliche Großmut war es nicht,

Als jüngst sein Wort, womit er Glaubensfreiheit 1215

Verbürget hatt', der Sieger listig brach,

Und den Besiegten nur die Wahl gelassen,

Entweder Christ zu werden, oder fort

Aus Spanien nach Afrika zu fliehn.

Da wurde Aly Christ. Er wollte nicht 1220

Zurück ins dunkle Land der Barbarei.

Ihn hielt gefesselt edle Sitte, Kunst

Und Wissenschaft, die in Hispanien blühte.

Ihn hielt gefesselt Sorge für Zuleima,

Die zarte Blume, die im Frauenkäfig 1225

Des strengen Morgenlands hinwelken sollte.

Ihn hielt gefesselt Vaterlandesliebe,

Die Liebe für das liebe, schöne Spanien.

Doch was am meisten ihn gefesselt hielt,

Das war ein großer Traum, ein schöner Traum, 1230

Anfänglich wüst und wild, Nordstürme heulten,

Und Waffen klirrten, und dazwischen rief's:

»Quiroga und Riego!« tolle Worte!

Und rote Bäche flossen, Glaubenskerker

Und Zwingherrnburgen stürzten ein in Glut 1235

Und Rauch, und endlich stieg aus Glut und Rauch

Empor das ew'ge Wort, das urgebor'ne,

In rosenroter Glorie selig strahlend.

(Geht ab.)

_Almansor_ wankt träumerisch einher.

_Almansor_ (kalt und verdrossen). In alten Märchen gibt es

gold'ne Schlösser,

Wo Harfen klingen, schöne Jungfraun tanzen, 1240

Und schmucke Diener blitzen, und Jasmin

Und Myrt' und Rosen ihren Duft verbreiten --

Und doch ein einziges Entzaub'rungswort

Macht all die Herrlichkeit im Nu zerstieben,

Und übrig bleibt nur alter Trümmerschutt, 1245

Und krächzend Nachtgevögel und Morast.

So hab' auch ich mit einem einz'gen Worte

Die ganze blühende Natur entzaubert.

Da liegt sie nun, leblos und kalt und fahl,

Wie eine aufgeputzte Königsleiche, 1250

Der man die Backenknochen rot gefärbt,

Und in die Hand ein Zepter hat gelegt.

Die Lippen aber schauen gelb und welk,

Weil man vergaß sie gleichfalls rot zu schminken,

Und Mäuse springen um die Königsnase, 1255

Und spotten frech des großen, goldnen Zepters --

Es ist das eig'ne Blut, das uns hinaufsteigt

Ins Aug', wodurch mit schönem, roten Schimmer

Bekleidet werden all die Rosenblätter,

Jungfrauenwänglein, Sommerabendwölkchen, 1260

Und gleiche Spielerei'n, die uns entzücken.

Ich hab' die rote Brille abgelegt --

Und sieh'! welch schlechtes Machwerk ist die Welt!

Die Vögel singen falsch; die Bäume ächzen

Wie alte Mütterchen; die Sonne wirft, 1265

Statt glühnder Strahlen, lauter kalte Schatten;

Schamlos, wie Metzen, lachen dort die Veilchen;

Und Tulpen, Nelken und Aurikeln haben

Die bunten Sonntagsröckchen ausgezogen,

Und tragen ihr geflicktes, graues Hauskleid. 1270

Ich selbst hab' mich verändert noch am meisten;

Kaum kann ein Mädchensinn sich so verändern!

Ich bin nur noch ein knöchrichtes Skelett;

Und was ich sprech', ist nur ein kalter Windstoß,

Der klappernd zieht durch meine trocknen Rippen. 1275

Das kluge Männlein, das im Kopf mir wohnte,

Ist ausgezogen, und in meinem Schädel

Spinnt eine Spinn' ihr friedliches Gewebe.

Auch wein' ich einwärts jetzt; denn als ich schlief,

Stahl man die Augen mir, und glühnde Kohlen 1280

Hat man gefugt in meine Augenhöhlen.

Du Engel oben, du, von dem die Amme

Mir einst erzählte, daß du jede Träne,

Die meinem Aug' entflösse, sorgsam zähltest,

Du hast jetzt Feierabend! Mühsam war 1285

Dein Tagewerk, du armer Tränenzähler, --

Hast du dich nie verzählt? und konntest du

Die großen Zahlen stets im Kopf' behalten?

Du bist wohl müd', und ich bin auch recht müd',

Und auch mein Herz ist müd' vom vielen Klopfen, 1290

Und ausruhn wollen wir.

(Er legt sich nieder, an einen Kastanienbaum gelehnt.)

Ich bin recht müd'

Und krank, und kranker noch als krank, denn ach!

Die allerschlimmste Krankheit ist das Leben;

Und heilen kann sie nur der Tod. Das ist

Die bitterste Arznei, doch auch die letzte, 1295

Und ist zu haben überall, und wohlfeil.

(Er zieht einen Dolch hervor.)

Du eiserne Arznei, du schaust so zweifelnd

Mich an. Willst du mir helfen?

_Hassan_ tritt auf und naht sich leise.

_Hassan._ Allah hilft!

_Almansor_ (ohne ihn zu bemerken, noch immer mit dem Dolche

sprechend). Du murmelst was von Allah und dergleichen.

Bedarf der Dolch noch eines spitz'gen Wortes, 1300

Um mir das Herz im Leibe zu verwunden?

_Hassan._ Was Allah tut, ist wohlgetan.

_Almansor_ (immer noch mit dem Dolche sprechend). Ha, ha, ha!

Moralisieren, scheint es, will der Dolch!

Ich rate, schweig', denn schweigend sprichst du mehr,

Als mancher Moralist mit seinem Wortschwall. 1305

_Hassan_ (seufzend). Almansor ben Abdullah, was beginnst du?

_Almansor_ (Hassan erblickend). Ha! ha! Du sprachst,

zweibeinig kluges Ding!

Trägst du nicht Hassans Bart und Hassans Augen?

Bist du gar Hassan selbst? Das ist recht schön.

Wir wollen Abschied nehmen. Lebe wohl! 1310

Gleich reis' ich ab!

(Zeigt ihm den Dolch.)

Sieh, diese schmale Brücke

Führt aus dem Land der Trauer in das Land

Der Freude. Drohend steht am Eingang zwar,

Mit blankem Schwert, ein kohlenschwarzer Riese, --

Der ist dem Feigen furchtbar, doch der Mut'ge 1315

Geht ungestört hinein ins Land der Freude.

Ja, dorten ist die wahre Freude, oder --

Was doch dasselbe ist -- die wahre Ruh'.

Dort summt ins Ohr kein überläst'ger Käfer,

Und keine Mücke kitzelt dort die Nase; 1320

Dort fällt kein grelles Licht ins blöde Aug';

Und nimmer quält dort Hitz', und Frost, und Hunger

Und Durst; und was das beste ist, dort schläft man

Den ganzen Tag, und obendrein die Nacht.

_Hassan._ Nein, Sohn Abdullahs, feige ist der Schwächling, 1325

Der keine Kraft hat mit dem Schmerz zu ringen,

Und ihm den Nacken zeigt, und zaghaft von

Des Lebens Kampfplatz flieht -- steh' auf, Almansor!

_Almansor_ (hebt eine Kastanie von der Erde). Durch wessen

Schuld liegt diese Frucht am Boden?

_Hassan._ Durch Wurm und Sturm; der Wurm zernagt die Fasern, 1330

Und leicht wirft dann der Sturm die Frucht herab.

_Almansor._ Soll nun der Mensch, die allerschwächste Frucht,

Nicht auch zu Boden fallen, wenn der Wurm,

(zeigt aufs Herz)

Der schlimmste Wurm die Lebenskraft zernagte,

Und der Verzweiflung wilder Sturm ihn rüttelt? 1335

_Hassan._ Steh' auf, steh' auf, Almansor! Nur der Wurm

Mag sich am Boden krümmen, doch der Aar

Fliegt stolz hinauf zum ew'gen Sonnenlichte.

_Almansor._ Reiß' du dem Aar die mächt'gen Flügel aus,

Und auch der Aar ist Wurm und kriecht am Boden. 1340

Des Mißmuts Schere hat mir längst zerschnitten

Die goldnen Flügel, die mich einst als Knabe

Gen Himmel trugen, hoch, gar hoch hinauf.

_Hassan._ O, zeig' mir einen Stein, der kalt und stumm ist,

Und sprich: das ist Almansor! Ich will's glauben. 1345

Doch du bist's nicht, du, der mit offnen Augen

Dort zaghaft liegst, und liegst, und glotzend zusiehst,

Wie man die Schmach auf deine Brüder wälzt,

Wie span'scher Übermut der Mauren beste

Und edelste Geschlechter frech verhöhnt, 1350

Wie man sie schlau beraubt, und händeringend

Und nackt und hilflos aus der Heimat peitscht --

Du bist Almansor nicht, sonst dränge dir

Ins Ohr der Greise und der Weiber Wimmern,

Das span'sche Hohngelächter und der Angstruf 1355

Der edlen Opfer auf dem glühnden Holzstoß.

_Almansor._ Glaub' mir, ich bin's. Ich seh' den span'schen

Hund!

Dort spuckt er meinem Bruder in den Bart,

Und tritt ihn noch mit Füßen obendrein.

Ich hör's: dort weint das arme Mütterchen; 1360

Sie aß am Freitag gerne Gänsebraten,

Drum bratet man sie selbst jetzt, Gott zu Ehren.

Am Pfahl daneben steht ein schönes Mädchen --

Die Flammen sind in sie verliebt, umschmeicheln,

Umlecken sie mit lüstern roten Zungen; 1365

Sie schreit und sträubt sich hold errötend gegen

Die allzuheißen Buhlen, und sie weint --

O schade! aus den schönen Augen fallen

Hellreine Perlen in die gier'ge Glut.

Jedoch was sollen diese Leute mir? 1370

Mein Herz ist ganz durchstochen wie ein Sieb,

Hat keinen Raum für neue Schmerzenstiche.

Der blut'ge Mann, der auf der Folter liegt,

Hat kein Gefühl für einer Biene Stachel.

Glaub' mir's, ich bin Almansor noch, und gastfrei 1375

Steht meine Brust noch offen fremden Schmerzen;

Doch, durch die engen Pförtlein Aug' und Ohr

Sind Riesenleiden in die Brust gestiegen,

Die Brust ist voll --

(Ängstlich leise.)

Gar ein'ge wunde Gäste

Sind, herbergsuchend, mir ins Hirn gestiegen. 1380

_Hassan._ Steh auf! steh auf! sonst sag' ich dir ein Wort,

Das dich aufgeißeln wird, und neue Glut

In deine Adern gießt --

(Sich zu ihm herabbeugend.)

Zuleima

Liegt heute nacht in eines Spaniers Armen.

_Almansor_ (aufspringend und sich krampfhaft windend). Die

Sonne ist mir auf den Kopf gefallen, 1385

Das Hirn ist eingebrochen, und die Gäste,

Die dort sich eingenistet, taumeln auf,

Umflirren mich, wie graue Fledermäuse,

Umsummen mich, umächzen mich, umnebeln

Mich mit dem Duft vergifteter Gedanken! 1390

(Hält sich den Kopf.)

O weh! o weh! die Alte faßt mich an,

Reißt mir das Haupt vom Rumpf, und schleudert es

In einen Hochzeitsaal, wo zärtlich bellend

Ein span'scher Hund mein süßes Liebchen küßt,

Und schnalzend küßt und herzt -- O weh! O hilf mir! 1395

(Wirft sich zu Hassans Füßen.)

O hilf dem blut'gen, abgerißnen Kopf,

Der keine Arme hat, den Hund zu würgen --

O leih mir deine Arme, Hassan! Hassan!

_Hassan._ Ja, meinen Arm will ich dir leihn, Almansor,

Und auch die starken Arme meiner Freunde. 1400

Wir wollen würgen jenen span'schen Hund,

Der dir entreißen will dein Eigentum.

Steh auf! du sollst Zuleima bald besitzen.

(Almansor steht auf.)

Als ich Eu'r gestrig Nachtgespräch belauscht,

Riet ich zu schneller Flucht, allein vergebens; 1405

Doch soll Almansor nicht verzweifeln, dacht' ich.

Ich habe meine Freunde hergeführt;

Sie harren meines Winkes, und wir stürmen

Nach Alys Schloß, wir ungeladne Gäste.

Du nimmst dir deine Braut, und bringst sie mit 1410

Nach unserm Schiff', das an der Küste liegt.

Zuleimas Liebe wird schon wiederkommen.

_Almansor._ Ha, ha, ha! Liebe! Liebe! Fades Wort,

Das einst, mit schläfrig halbgeschloss'nen Augen,

Ein Engel gähnend sprach. Er gähnte wieder, 1415

Und eine Welt voll Narren, alt und jung,

Hat gähnend nachgelallet: Liebe! Liebe!

Nein, nein! ich bin kein schmächt'ger Zephir mehr,

Der schmeichelnd fächelt eines Mädchens Wange;

Ich bin der Nordsturm, der ihr Haar zerzaust, 1420

Und rasend mit sich reißt die scheue Braut.

Ich bin kein süßes Weihrauchdüftchen mehr,

Das einer Jungfrau Nase zärtlich kitzelt;

Ich bin der Gifthauch, der sie dumpf betäubt,

Und schwelgend dringt in alle ihre Sinne. 1425

Ich bin das Lamm nicht mehr, das, fromm und mild,

Sich hinschmiegt zu den Füßen seiner Schäf'rin;

Ich bin der Tiger, der sie wild umkrallt,

Und wollustbrüllend ihren Leib zerfleischt.

Zuleimas Leib ist's, was ich jetzt verlange; 1430

Ich will ein glücklich Tier sein, ja, ein Tier;

Und in des Sinnenrausches Taumel will ich

Vergessen, daß es einen Himmel gibt.

(Ergreift hastig Hassans Hand.)

Ich bleibe bei dir, Hassan! ja, wir wollen

Auf wilder See ein lustig Reich begründen. 1435

Tribut soll uns der stolze Spanier zollen;

Wir plündern seine Küst' und seine Schiffe; --

Auf dem Verdecke kämpf' ich dir zur Seite; --

Mein Säbel spaltet stolze Spanierschädel --

Die Hunde über Bord! -- das Schiff ist unser! 1440

Ich aber eile jetzt, mich zu erquicken,

Nach der Kajüte, wo Zuleima wohnt,

Umfasse sie mit meinen blut'gen Armen,

Und küsse ab von ihrer weißen Brust

Die roten Flecken -- Ha! sie sträubt sich noch? 1445

Zu meinen Füßen, Sklavin, sollst du wimmern,

Ohnmächtig Ding, das meine Sinne kühlt

Nach wilder Kampfeshitze, -- Sklavin, Sklavin,

Gehorche mir, und fächle meine Glut!

(Beide eilen fort.)

* * * * *

Saal in Alys Schloß. Ritter und Frauen sitzen,

festlich geschmückt, an einer Speisetafel. _Aly_, _Don

Enrique_, _Zuleima_, ein _Abt_. _Musikanten._

Speisenauftragende Bediente.

_Ein Ritter_ (steht auf, mit einem gefüllten Becher in der

Hand). Ein schöner Name klingt in meiner Brust: 1450

Es lebe Isabella von Kastilien!

(Er trinkt.)

_Ein Teil der Gäste._ Hoch lebe Isabella von Kastilien!

(Bechergeklirr und Trompetentusch.)

_Der Abt._ Noch einen Namen nenn' ich euch: Ximenes,

Erzbischof von Toledo, lebe hoch!

(Er trinkt.)

_Ein Teil der Gäste._ Hoch lebe der Erzbischof von Toledo! 1455

(Bechergeklirr und Trompetentusch.)

_Ein anderer Ritter._ Laßt uns die besten Namen nicht

vergessen.

Stoßt an: Es lebe hoch das edle Brautpaar!

(Er trinkt.)

_Alle._ Hoch lebe Donna Clara und Enrique!

(Bechergeklirr und Trompetentusch. Zuleima und Enrique

verneigen sich.)

_Don Enrique._ Ich danke euch.

_Zweiter Ritter._ Doch Eure Braut ist stumm.

_Don Enrique._ Die holde Clara spricht zwar wenig heut, 1460

Doch heut bedarf's nur eines einz'gen Wortes,

Des Jaworts am Altar, und ich bin glücklich.

_Zuleima._ Die Brust ist mir so sehr beklommen, Sennor.

_Dritter Ritter._ Ein schlimmes Zeichen ist es, Don Enrique,

Daß Ihr das Salzfaß eben umgestoßen. 1465

_Vierter Ritter._ Ein schlimm'res Zeichen wär's, wenn Ihr den

Becher

Mitsamt dem Weine umgestoßen hättet.

_Dritter Ritter._ Don Carlos ist ein Säufer.

_Vierter Ritter._ Ja, gottlob!

Und kein trübselig Sonntagskind, wie Ihr,

Dem gleich das beste Mahl versalzen ist, 1470

Wenn jemand unverseh'ns das Salzfaß umwirft.

Ja, ja der Wein, das ist mein Element!

In seinen goldig hellen Liebesfluten

Will ich gesund die kranke Seele baden;

Und lachen muß ich immer, wenn ich denke, 1475

Wie Mekkas nüchterner Prophet --

Ja, Sennor,

Der Wein, der Wein, ja, ja, ich wollte sagen

Der Wein ist gut, --

_Aly._ Pedrillo! Hör' Pedrillo!

_Pedrillo._ Genäd'ger Herr?

_Aly._ Laß alle Possenreißer

Und alle Gaukler kommen, alle Springer, 1480

Und auch den Harfenspieler, das Gesindel

Aus Barcelona.

_Pedrillo._ Versteh' schon, gnäd'ger Herr!

(Geht ab.)

_Fünfter Ritter_ (im Gespräch mit einer Dame). Heuraten werd'

ich nimmermehr, Sennora.

_Die Dame._ Ihr scherzt, Ihr seid bei Laune, Don Antonio;

Ihr seid ein Damenfreund, und Freund der Liebe. 1485

_Fünfter Ritter._ Ich liebe wohl die Myrte, ich ergötze

Mein Auge an dem frischen Grün der Blätter,

Erquicke mir das Herz an ihrem Duft;

Doch hüt' ich mich, daß ich die Myrte koche,

Um als Gemüse sie zu speisen, -- bitter, 1490

Sennora, bitter schmeckt ein solch Gericht.

_Der Abt_ (im Gespräch mit seinem Nachbar). Das war ein

herrliches Autodafé!

So etwas labt das Herz des frommen Christen,

Und schreckt die starren Sünder auf den Bergen --

(zu Aly)

Wißt Ihr die Nachricht schon vom Sieg der Unsern, 1495

Und von der Heiden blut'ger Niederlage?

Sie haben sich zerstreut, unweit von hier

Durchstreifen sie die Gegend, --

_Aly_ (nach der Türe sehend). Gott sei Dank!

Ich hab' es schon gehört, ehrwürd'ger Herr, --

Doch soll uns jetzt das Gaukelspiel ergötzen -- 1500

_Der Harfenspieler_ (singt).

In dem Hofe des Alhambras

Stehn zwölf Löwensäul' von Marmor;

Auf den Löwen steht ein Becken

Von dem reinsten Alabaster.

In dem Becken schwimmen Rosen, 1505

Rosen von der schönsten Farbe;

Das ist Blut der besten Ritter,

Die geleuchtet in Granada.

_Aly._ Ein traurig Lied. Es ist zu melancholisch.

Gebt uns ein lustig Hochzeitlied, recht lustig! 1510

_Der Harfenspieler_ (singt).

Es war mal ein Ritter, trübselig und stumm,

Mit hohlen, schneeweißen Wangen;

Er schwankte und schlenderte schlotternd herum,

In dumpfen Träumen befangen.

Er war so hölzern, und täppisch, und links, 1515

Die Blümlein und Mägdlein, die kicherten rings,

Wenn er stolpernd vorbeigegangen.

Oft saß er im finstersten Winkel zu Haus;

Er hat sich vor Menschen verkrochen.

Da streckte er sehnend die Arme aus, 1520

Doch hat er kein Wörtlein gesprochen.

Kam aber die Mitternachtstunde heran,

Ein seltsames Singen und Klingen begann,

An die Türe da hört er es pochen.

Da kommt seine Liebste geschlichen herein, 1525

Im rauschenden Wellenschaumkleide.

Sie blüht und glüht, wie ein Röselein,

Ihr Schleier ist eitel Geschmeide.

Goldlocken umspielen die schlanke Gestalt,

Die Äugelein grüßen mit süßer Gewalt -- 1530

In die Arme sinken sich beide.

Almansor: Eine Tragödie · 第 3 / 4 段