Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen wie ein
Märchen wirkte.
Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das von einer
Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu haben, die eine Mutter
Gottes am Halse trug, eine katholische Schwester! Sie sprachen von dem
fürchterlich lauten Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und
daß sie mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen.
Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen mußte!
Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst, der waren sie
auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn sie erwarteten immer etwas
Merkwürdiges von ihr. Den Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in
ihr Gebetbuch geschaut, -- und sie hatte ihnen einmal das »Heilig«
vorgesungen, -- etwas ganz Außerordentliches.
Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck. -- Häulig! --
Häulig! -- Häulig! kam es wie aus einem tiefen Keller herauf.
Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe.
Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten Keller -- und
so fort. So sang es die Magd ihnen vor, und sie selbst hatten es bei
Spaziergängen oft zu singen versucht.
Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt worden.
Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die Weimaraner zu jener
Zeit hatten von »dem Katholischen« keine rechte Idee.
In Weimar gab es auch keine katholische Kirche, und die Magd mußte
jährlich einmal nach Jena wandern zur großen Osterbeichte. Da kam sie
ihnen vor, wie eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben;
und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu beichten.
Sie beneideten sie.
Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande sei's gesagt, dann
ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres als eine Predigt schienen ihnen
auf der Welt nicht zu existieren.
Das war das Längste.
Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten ihnen zum Trost,
wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige Blumenbouquetchen zum
Mitnehmen, oder Budang schnitt ihnen ihre Namen besonders kunstvoll
aus, oder auch gaben sie ihnen Malzbonbons mit.
Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres: zu Weihnachten,
Ostern und Pfingsten; dann war es ein großes Fest neben dem Fest, denn
da gingen sie alle miteinander.
Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief der Großmutter
erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse und Marie lasen auch diesen.
Das war auch ein sehr merkwürdiger Brief. Die Großmutter schrieb:
»Hochverehrend libswertester Herr Sohn!
Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir.
Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges Engerl zu
sein, das arme Mädel.
Herr Sohn, -- 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's gehört,
wenn der Herr Gott ein End machen will.
Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter
Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer, der mir und dem
Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt. -- Um meinet und Ihres
Willen mög's nun genug sein. Sie pflegt mich wie eine heilige
Nonn -- Gott sei's geklagt.
Da gibt's nix. -- Ungeduld kennt's scheint's nit -- und wenn
ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz.
Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott
geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich,
geschweige vor ein menschlich Wesen.
Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig Jahr --
und so mög' es dem Herrn gefallen, mich baldn zu erlösen, das
wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere und stehn ihr die Ohren
voll Tag und Nacht.
Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes
Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das
Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches halten im
Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter. Das walte
Gott.
Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr Sohn und die
lieb Frau und die Kinder