Mit jungen, hübschen Menschen mich
Zu unterhalten; deren Wangen
Den Glanz des Mondlichts widerstrahlen.
Ein Silberbach fließt durch die Beete,
Ein Lächeln liegt auf seinem Wasser,
Mitunter strahlt es blitzend auf,
Wie eines Degens glatte Klinge.
Und Tropfen springen aus dem Bache
Ans Ufer, und dort schimmern sie,
Bald dicht gedrängt und bald vereinzelt,
Gleich einem köstlichen Kollier.
Und wer das silberne Gefunkel
Im Rasen sieht, der ist der Meinung,
Es seien Perlen ausgestreut
Auf einen Teppich von Smaragden ...
DER VERLIEBTE DICHTER
IBN HOGGIAT
Einst lebte ein Dichter, der von heftiger Liebe für die schönste seiner
Sklavinnen ergriffen war. Aber diese verschmähte den Unglücklichen und
ließ ihn ihre ganze Verachtung fühlen. Eines Nachts, als der Dichter
allein war, um sich ungestört dem Genuß des Weines hinzugeben, dachte er
an die Geliebte und überlegte, auf welche Weise er sie für ihre Kälte
und ihren Eigensinn strafen könnte. Da nun der Wein sein Gehirn mehr und
mehr verwirrte, erhob er sich plötzlich, besiegt zugleich von der
Trunkenheit der Liebe und des Weines. Er ergriff eine brennende Fackel
und legte sie an die Tür der Sklavin, um die Schöne samt ihrem Hause zu
verbrennen. Schon züngelten die Flammen an der Tür empor ... da eilte
man herbei und löschte das Feuer. Man ergriff den Poeten, und bei
Tagesanbruch führte man ihn vor den Richter. Dieser fragte den
Übeltäter: »Was hat dich hingerissen, das Haus deiner Sklavin in Brand
zu stecken?« Der Dichter erwiderte mit diesen Versen:
»Da mir die Spröde immer widerstrebte
Und mir doch immer heftiger das Feuer
In meiner Brust entzündete, da fand ich
Kein Mittel mehr, der Liebe zu entfliehen,
Und auch kein Mittel, das den Schlaf mir schenkte,
Und also schritt ich hin vor ihre Türe
Und ließ mich nieder, wie ein treues Pferd
Sich vor die Schwelle seines Herren streckt.
Da flog ein Funken, ohne daß ich's wollte,
Von meines Herzens Glutball fort, ein kleiner,
Kaum wahrnehmbarer Funken, und er steckte
Die Tür in Brand ... mein eigner Wille hat
Mit diesem nächtigen Brande nichts zu tun!«
Der Richter hatte seinen Gefallen an dem Poeten. Er fand die Ausrede
hübsch erdacht und die Verse reizend. Gerührt durch das Schicksal des
armen Verliebten, bezahlte er für ihn die Strafe und schenkte ihm die
Freiheit zurück.
FRÜHLING
SOYUTI
O Frühlingstage! Tage des Entzückens!
Die Vögel singen jubelnd um die Wette,
Und aus dem Strauche glänzt die Rose auf,
Weißschimmernd, wie die reine Stirn der Scham,
Oder errötend, gleich den holden Wangen
Furchtsamer Jungfraun.
Seht, das frische Laub
Schwankt hin im Zephir wie ein Mensch, der leise
Im holden Dunste alten Weines schwankt,
Und durch die Ebene sickert sacht der Strom,
So wie der Schlaf sich in die stillen Augen
Der Kinder einschleicht, welche müde sind.
ERINNERUNG
SOYUTI
Nie werd ich diese wundervolle Nacht
Vergessen, da der Vollmond seine Strahlen
Uns bis zum taubeglänzten Morgen lieh.
Wir waren ganz allein; kein Späher hatte
Sein Aug auf uns, -- und silbern lief der Strom
Mit Flüstern durch den stillen Schoß der Nacht.
Und dann erschien die Morgenröte: herrlich
Wie funkelnde Rubine, und der Strom
Trieb goldne Fluten durch das blühende Land!
AN DEN ZEPHIR
SOYUTI
Der Zephir ist der wahre Freund der Liebenden:
Er hebt die Schleier auf, darunter die Gesichter
Der Schönen sich verbergen. Auch den stolzesten
Der Weidenzweige zwingt er, auf die kühle Stirn
Des Baches einen Kuß zu drücken. Der Verliebte,
Der fern von seiner Stadt und seiner Freundin weilt,
Schickt auf dem Zephir seiner Liebsten Grüße zu,
Die ihrem harrenden Herzen ein Entzücken sind.
DER BACH UND DER BAUM
SOYUTI
Seitdem der Bach in einem Liebesbunde
Mit eines Baumes schwanken Zweigen steht,
Erfüllt die Zweige schmerzliches Verlangen,
Sobald der Bach in Sommersglut erlosch.
Doch sieh! jetzt kommt er wieder, und nun eilt er,
So schnell er kann, um des geliebten Baumes,
Des lang verlaßnen, Füße zu liebkosen,
Und seines Wassers leises Rauschen scheint
Von großer Sehnsucht Qualen zu berichten,
Die ihn erfüllten, da er ferne war.
AUF EIN PFERD
SABBAGH
Dies edle Pferd ist schneller als ein Blick
Aus unsern Augen. Wenn es vorwärts stürmt,
Läßt es die Schnelligkeit des Windes und
Des Blitzes hinter sich. Seht, es ist schwarz,
Doch weiß glänzt seine Stirn, auch seine Füße
Sind blendendweiß. An eine Winternacht
Gemahnt es mich, darin der Mond erglänzt,
Umgeben von dem Reigen der Gestirne.
FEUER UND RAUCH
IBN IL SCHAAB
Sie sagte mir: »Auf deinen Wangen ist
Ein Bart gewachsen, der dein Antlitz schwärzt.
Warum, o Freund, läßt du dein Antlitz denn
So häßlich werden?« -- Ich entgegnete:
»Du hast in meiner Brust ein flammend Feuer
Entfacht, -- der Rauch von diesem Feuer ist's,
Der nun mein Antlitz schwarz erscheinen läßt.«
AN DIE ABWESENDE
MAHMUD PASCHA SAMY IL BARUDY
Du machst, daß ich nicht schlafe, während alle
Im Traum daliegen. Diese ganze Nacht
Blieb meinem Aug die süße Ruhe fern.
Ich flehe Gott an, meinen Augen Stärkung
Zu schenken und auch meinem Herzen, das
Zermalmt ist durch die Leidenschaft zu dir.
Die Leute, die mein Elend sehen, sind
Gerührt durch mein Geschick; auch jene Strengen,
Die sonst mich tadelten, sind jetzt verstummt.
Von dir, o strahlende Gazelle, kommt
Mir nichts als Gram. Du reistest nach Ägypten,
Und Bitterkeit des Todes ward mein Teil.
Ach, keine Botschaft eilt von dir zu mir,
Nicht einmal deines Wesens Schatten darf ich
Im Traum erblicken. Ich bin ganz allein.
Warum verlängerst du die Trennung so?
Die Freuden dieser Welt sind mir entschwunden,
Das ganze Dasein ist mir Last und Qual.
Ich möchte, daß ich eine leichte Feder
Im Flügel einer Taube wäre. Dann
Flög ich mit Hast hinüber nach Ägypten,
Um selig deinem Dienste mich zu weihn.
LIEBESGEBET
ISMAÏL PASCHA SABRY
Komm, laß uns deine Schönheit sehn, o Weib, --
Dein Wuchs ist gleich dem Stengel einer Blüte,
Dein Antlitz ist für uns das Paradies.
Und lächle, daß dies Paradies erschimmert,
Und sprich: denn deine Worte sind wie Perlen,
Laß niederrauschen deiner Perlen Flut!
Du, engelhaftes Wesen, darfst niemals
Von dir behaupten, daß aus Erde du
Und Wasser seist gebildet, so wie wir.
Entkleide dich. Laß deinen Leib uns schauen,
Damit wir Irdischen bestaunen können,
Was Allah so in Herrlichkeit erschuf.
Laß uns die Engelflügel sehen, die
Du trägst. Du bist ein Bildwerk, von dem Künstler
Aus einem Blocke puren Lichts gemacht.
Ein silberklarer Quell ist deine Schönheit,
Wo sich die armen Seelen Heilung trinken.
O liebe Quelle! Sei gerecht und schenke
Die gleiche Gunst den Durstgequälten allen,
Und laß die Herzen, die verschmachten wollen,
Sich retten in dein heiliges Schutzgebiet.
WENN DU ERSCHEINST
ACHMED BEY SCHAWKY
Wenn du erscheinst, beneidet wohl der Tag
Das Hemdlein, das du trägst. Er möchte wohl
Dein Hemd besitzen, um es triumphierend
Der Sonne hinzuhalten, die darob
Vor Eifersucht ihr goldnes Licht verlöre.
Wenn du vorbeigehst, werden alle Frauen
Von Neid erfüllt, daß ihnen nicht ein Wuchs
Wie dir gegeben ward. Gepriesen sei
Das Tal Agathe, deinem Mund zu Ehren,
Gepriesen sei der Glanz der Perlen, der
Dem blanken Schimmer deiner Zähne gleicht!
Wer deine Wangen demutvoll betrachtet,
Der meint wohl in das Paradies zu schauen.
Doch irrt er, -- deine Wangen sind die Hölle!
Der Purpur deiner Wangen gleicht dem Feuer,
Das aus den Schlünden der Verdammnis sprüht!
LIEBESLIED
UNBEKANNTER DICHTER
Dein voller Busen ist so weiß und hart
Wie Elfenbein. Die Weichheit deiner Wangen
Ist wie das süße Fleisch der Banyanfrucht,
Und auch so frisch und duftend ist dein Antlitz.
Die schlanken Säulen deiner Beine zeigen
Das Ebenmaß der jugendlichen Palmen.
Auf deinen Schultern ruht der Tau der Frühe,
In deinen Haaren schläft die Lust der Nacht.
Du atmest wie der Frühling; Blumen blühen
In deiner kleinen Füße Spuren auf.
Das Feuer jenes Sterns am Abendhimmel
Ist Dämmrung gegen deines Auges Schein!
GELEITWORT
Es geht die Legende, die Araber hätten, als sie zu dichten begannen,
ihre Verse dem vertrauten Rhythmus des Kamelschritts angeglichen.
Vielleicht ist etwas Wahres an dieser Legende, denn die rhythmische
Bewegung der verschiedenen Gangarten des Kamels ist dem Araber, der so
nahe mit diesem Tiere befreundet ist, immer etwas sehr Vertrautes,
vermutlich der vertrauteste äußere Rhythmus gewesen, der sein Ohr
erreichte, und noch die Dichter der geschichtlichen Zeit haben sich in
poetischer Fiktion mit Vorliebe in die Lage von Wüstenreisenden
versetzt.
* * * * *
Die arabische Sprache zeigt ein reich entwickeltes Lautsystem, in dem
die vielfachen Nuancen der Kehl- und Zischlaute überwiegen. Die
Konsonanten spielen eine ungleich wichtigere Rolle als die Vokale, von
denen nur a, i und u unterschieden werden, in ihrer Klangfarbe freilich
mannigfach schattiert durch die Einwirkung der sie umgebenden
Konsonanten. Der Wortschatz des Arabischen ist sehr groß, aber natürlich
auf den verhältnismäßig engen Bezirk arabischen Denkens begrenzt. Es hat
arabische Lexikographen gegeben, die behaupteten, 1000 Worte für das
Kamel, 500 für den Löwen und das Schwert aufbringen zu können. Das sind
rhetorische Übertreibungen, aber es ist wahr, daß der Araber eine sehr
reiche, blumige, nuancenvolle Synonymik für die Dinge, die ihn am
meisten angehen (Tiere der Herde, die Schlange, Waffen, das Pferd, der
Löwe, die Wüste), entwickelt hat.
* * * * *
Im Araber hat die semitische Rasse ihre edelste Ausbildung erfahren. Man
kann sagen, der Araber ist der Grieche unter den Semiten. Er ist
ritterlich und peinlich bedacht auf seine Ehre, gastfreundlich,
ehrgeizig, stolz auf sein Herrenwesen und sein Geschlecht, leicht
empfindlich, ruhmbegierig, aber auch ruhmrednerisch und eitel. Er ist
tapfer und herrschsüchtig, Stamm lebt neben Stamm, und er hat es nie
vermocht, sich einem größeren Staatswesen willig unterzuordnen. Bei
leidenschaftlicher Lebensfreude ist er ein Verächter des Todes. Er ist
ein Phantast in Liebesdingen (die Verse dieses Buches bezeugen es), ein
stark idealistischer, schwärmerischer Zug geht durch sein geistiges
Wesen, und die Frauen nahmen bei ihm, bevor er mit fremden Völkern in
nähere Berührung kam, eine besonders geachtete Stellung ein. Eine
Zeitlang war ein richtiger Frauenkult, ähnlich wie bei uns der
Minnedienst, unter den arabischen Dichtern im Schwang.
Die Poesie der Zeit vor Mohammed ist die Poesie eines Nomadenvolkes in
der Wüste. Großzügige Naturschilderungen sind uns überliefert worden,
daneben vor allem Kampf- und Heldengesänge und Lobpreisungen des
Stammes, dem der betreffende Dichter angehört. Freundschaft und
Gastfreundschaft werden besungen, Trink- und Liebeslieder erklingen, die
irdische Freude wird gefeiert, der Sinn ist in jener Zeit durchaus auf
das Reale gewendet, und die Gedichte machen vielfach den Eindruck von
Improvisationen. Fragen nach den ewigen Dingen, religiöse Empfindungen
und Skrupel sind den Dichtern der Epoche vor Mohammed so gut wie
unbekannt.
Viele Dichternamen sind aus der alten Zeit erhalten, alle werden
überstrahlt durch _Amr-il-Kaïs_. Er war schon ein Zeitgenosse Mohammeds
und schließt die Epoche des arabischen Altertums ab. Er ist ebenso als
Abenteurer und Don Juan berühmt wie als Dichter. Er stammte aus
königlichem Geblüt, wurde von seinem Vater verstoßen und vagabundierte
darauf mit befreundeten Genossen im Lande umher, jagend, liebend und
immer auf den Genuß des Lebens bedacht. Als dann sein Vater von einem
feindlichen Stamme erschlagen wurde, machte es sich Amr-il-Kaïs zur
Pflicht, den Gemordeten zu rächen und das Erbe seiner Väter für sich und
seinen Stamm zurückzugewinnen, was ihm aber nicht gelang. Sein Leben
wurde eine Kette gefahrvoller kriegerischer Abenteuer. Der oströmische
Kaiser Justinian erfuhr von ihm und seinen tollkühnen Kriegszügen. Er
berief ihn an seinen Hof nach Byzanz und ernannte ihn im Jahre 530 zum
Phylarchen von Palästina. Auf der Reise nach Palästina ist Amr-il-Kaïs
zu Angora in Kleinasien gestorben, nachdem er schon längere Zeit siech
und elend war. Aber die Sage will, daß er auf Veranlassung des Kaisers
Justinian vergiftet worden sei, da er eine kaiserliche Prinzessin
verführt habe.
Die Gedichte des Amr-il-Kaïs sind uns leider nicht gut erhalten, aber
auch in der mangelhaften Form, in der sie auf uns gekommen sind, gehören
sie zu dem Schönsten, was die arabische Poesie hervorgebracht hat. Sie
sind von einer mächtigen Sinnlichkeit und gefallen sich nicht in
Andeutungen oder Umschreibungen, sondern sie bringen alle Empfindungen,
Erlebnisse und Wünsche in klare, üppig hinströmende Worte und preisen
immer wieder den Genuß der Freuden dieses Daseins. Amr-il-Kaïs war ein
Don Juan der Wüste, ein dichtender, strahlender Held der Liebe, und sein
Name wird noch heute, zumal von den Frauen, mit Verehrung und leisem
Schauer genannt. Mohammed hat von ihm gesagt, er sei der Führer der
Dichter auf dem Wege zur Hölle.
* * * * *
Das Auftreten Mohammeds bedeutet den wichtigsten Wendepunkt in der
Entwicklung arabischen Geistes und arabischer Kultur. Durch Mohammed und
die fanatische Ausbreitung seiner Religion haben die Araber ein gutes
Stück der Welt erobert, und sie taten es als ein Volk der Wüste, das an
die größte Einfachheit der Lebensführung, an Entbehrung und Nüchternheit
gewöhnt war. Als der Kaiser Heraklius arabische Gefangene, die nicht vor
ihm niederknien wollten, fragte, welchen Palast ihr Kalif bewohne,
antworteten sie: »Eine Lehmhütte.« »Woraus besteht sein Gefolge?« fragte
der Kaiser weiter. »Aus Armen und Bettlern.« »Was ist sein Thron?«
»Enthaltsamkeit und Erkenntnis.«
Diese äußeren Lebensverhältnisse, und in ihrem Gefolge der Charakter des
Volkes, wurden nach den siegreichen Erobererzügen, die den kühnen
Weltstürmern Syrien und Persien, Ägypten, Nordafrika, Sizilien und
Spanien zu Füßen zwangen, gründlich verändert. Die Araber nahmen während
der folgenden Jahrhunderte viel von dem Wesen der durch sie besiegten
Völker an, da diese den Siegern an Kultur bedeutend überlegen waren. Die
schlichten, bäurischen Araber wandelten sich zu anspruchsvollen
Städtern, sie gewöhnten sich allmählich an eine vornehme Lebensart, und
neben einer sorgfältigen Ausbildung des Geistes wurden ihnen Luxus und
Üppigkeit bald zum Bedürfnis. Im 9.-11. Jahrhundert blühte die arabische
Philosophie, die es freilich zu schöpferischen Gedanken nicht gebracht
hat, sondern im Grunde immer von Aristoteles und Plato abhängig blieb.
Bedeutendes haben die Araber in ihrer Blütezeit als Mathematiker,
Astronomen, Historiker und Geographen geleistet.
Als den größten Dichter der klassischen Zeit nach Mohammed muß man _Abu
Nuwas_ ansprechen. Er nimmt in der arabischen Literatur etwa die Stelle
ein, die Hafis in der persischen bekleidet. Man hat ihn auch den
arabischen Heine genannt. Er ist eine glänzende Erscheinung, voll
Lebenslust und Lebensübermut, dem Weine und dem Weibe schwelgerisch
zugetan, voll Phantasie und hingebender Empfindung. Freilich findet man
bei ihm schon deutlich die Zeichen der Zersetzung. Er hat zynische
Gedichte geschrieben, die das wankende sittliche Empfinden seiner Zeit
charakterisieren. Er hat Spottgedichte auf religiöse Zustände gemacht,
die bezeugen, wie Mohammeds Lehre bei den Gebildeten unter dem Einfluß
skeptischer Philosophie zu wanken begann. Abu Nuwas' Leben und Dichten
war den frommen Seelen im Lande ein Ärgernis. Er verbrachte seine
wichtigsten Jahre in Bagdad am Hofe Harun-al-Raschids und seiner
Nachfolger. Seine übermütigen Reden haben ihm mehrfach Kerkerstrafen
zugezogen, und es heißt, daß er sogar einmal auf dem Schafott gestanden
habe. Alte Berichte erzählen folgendes: Als der Dichter gestorben war,
gingen nur wenige Menschen hinter seinem Sarge, denn er wurde von den
Rechtgläubigen gehaßt. Zufällig wurde am gleichen Tage ein Gelehrter mit
großer Pracht bestattet. Als nun die Leidtragenden den fast verlassenen
Sarg des Dichters sahen, ergriff sie Scham, denn sie ahnten, daß hier
einer der Größten aus dem Reiche ihrer Dichtung bestattet wurde, und so
folgten sie dem Sarge nach, und Abu Nuwas kam auf solche Weise zu einem
anständigen Begräbnis.
Die späteren Dichter der klassischen Zeit sind vielfach von Abu Nuwas
abhängig. Hervor ragen _Motenebby_ und _Abu Firas_. Der erstere, von den
Arabern besonders geschätzt, gefällt sich in Sprachkünsteleien und
gezierten Wortspielen, die dem europäischen Geschmack wenig zusagen. Abu
Firas war der letzte Vertreter des alten ritterlichen Arabertums, ein
vornehmer, sympathischer Sänger, der für Frauen, Krieg und Jagen
schwärmte und dessen temperamentvolle Strophen eine echte
Gelegenheitspoesie darstellen. Er ist in der Schlacht gefallen, in der
Blüte seiner Jahre.
Das 11. Jahrhundert führte ein Epigonentum herauf, in dem ein
philologisch-alexandrinischer Geist über den dichterischen triumphierte.
Die Kenntnis der technischen Regeln der Dichtkunst, Formspielereien und
grammatische Kunststücke galten jener Zeit mehr als schöpferisches
Können. Die Form der Makame (zu deutsch: »Unterhaltung«) wurde erfunden,
eine Art gereimter Prosa, in der man auf feuilletonistische Art zu
plaudern liebte, wobei der Inhalt ungleich weniger wichtig war als
witzige Kombinationen von Wortspielen und Reimen. _Hariri_, dessen Makamen
von Rückert ins Deutsche übertragen worden sind, hat die neue Form, der
für unser Gefühl etwas unangenehm Geschwätziges anhaftet, ihrer
Vollendung zugeführt. In der Makame, die das Zeichen dichterischen
Verfalls unverkennbar an der Stirn trägt, hat sich die Entwicklung der
arabischen Lyrik allmählich wie im Sande verlaufen.
Im 13. Jahrhundert wurde der arabischen Kultur, die ihre alte Größe und
Gesundheit längst eingebüßt hatte und für den Zusammenbruch reif
geworden war, ein gewaltsames Ende bereitet. Die Horden der Mongolen
stürmten in wilden Wellen über die arabischen Länder fort, zerstörten
die bunten Moscheen und die Schlösser mit ihren zierlichen
Marmorhallen, -- und die Araber haben es bis heute nicht vermocht, sich
aus jenen Tagen nationaler Vernichtung zu einem stärkeren Staats- oder
Geistesleben emporzuraffen. Vorläufig ist auch keine Aussicht, daß sich
ein neuer Glanz aus der Asche dieses edeln, einst weithin herrschenden,
aber von der Zeit zerbrochenen Volkes erhebt.
Die Quellen für die Nachdichtungen meines Buches finden sich bei alten
französischen Orientalisten, die in ihren Büchern philologisch getreue
Prosatexte nach den arabischen Originalen dargeboten haben. Folgende
drei wichtige Werke kamen in Betracht: Silvestre de Sacy, +Chrestomathie
arabe+ (Paris, 1806); Jean Humbert, +Anthologie arabe+ (Paris, 1819);
Grangeret de Lagrange, +Anthologie arabe+ (Paris, 1828). In neuerer Zeit
haben Ferdinand de Martino und Abdel Khalek Bey Saroit eine hübsche,
gleichfalls aus Prosatexten bestehende +Anthologie de l'amour arabe+
(Paris, 1902) zusammengestellt, der ich auch verpflichtet bin.
HANS BETHGE
VIERTE AUFLAGE (8. BIS 12. TAUSEND). ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
VERTONUNG UND REZITATION DER VERSE NUR MIT ERLAUBNIS DES
HERAUSGEBERS GESTATTET. DIESES BUCH WURDE GEDRUCKT VON E. HABERLAND
IN LEIPZIG. TITEL UND EINBAND ZEICHNETE E. R. WEISS.
INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG
[Illustration]
KLASSIKER- UND GESAMTAUSGABEN
GROSSHERZOG WILHELM ERNST-AUSGABE DEUTSCHER KLASSIKER
Als wir vor anderthalb Jahrzehnten die Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe
begründeten, galt es, etwas durchaus Neues in Deutschland einzuführen.
Heute steht die Ausgabe, die die einzige ihrer Art geblieben ist, an
Popularität kaum einer anderen nach. Der von Jahr zu Jahr steigende
Absatz beweist, wie sehr sich diese schön und klar auf undurchsichtiges
Dünndruckpapier gedruckten und schmiegsam gebundenen Bände die Gunst der
Bücherliebhaber und wirklichen _Leser_ unserer Klassiker erworben haben.
Zu den äußeren Vorzügen gesellen sich die inneren: eine durchaus
einwandfreie, von den zuverlässigsten Herausgebern besorgte
Textgestaltung, größte Vollständigkeit, so daß z. B. unsere
Goethe-Ausgabe an Vollständigkeit nur noch von der Weimarer
Sophien-Ausgabe übertroffen wird, und eine musterhafte Anordnung, durch
die die einzelnen Werke zunächst nach ihrer Zugehörigkeit in Gruppen
geteilt, innerhalb dieser aber _zeitlich_ geordnet sind.
=Es sind erschienen:=
GOETHES SÄMTLICHE WERKE in sechzehn Bänden. Herausgegeben unter
Mitwirkung von Fritz Bergmann, Hans Gerhard Gräf, Max Hecker, Kurt Jahn
und Carl Schüddekopf. In Ganzleinen M 460.--, in Leder M 1300.--.
_Einzelausgaben:_
I: _Romane und Novellen_, I. Band. In Leinen M 30.--.
II: _Romane und Novellen_, II. Band (Wilhelm Meister). In Leinen
M 32.--.
III: _Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit._ In Leinen
M 32.--.
IV: _Italienische Reise, Kampagne in Frankreich 1792, Belagerung von
Mainz 1793._ In Leinen M 28.--.
V: _Annalen und kleinere autobiographische Schriften._ In Leinen
M 26.--.
VI: _Dramatische Dichtungen_, I. Band. In Leinen M 25.--.
VII: _Dramatische Dichtungen_, II. Band. In Leinen M 30.--.
VIII: _Dramatische Dichtungen_, III. Band. In Leinen M 32.--.
IX: _Kunstschriften_, I. Band. In Leinen M 30.--.
X: _Kunstschriften_, II. Band. In Leinen M 30.--.
XI: _Übersetzungen und Bearbeitungen fremder Dichtungen._ In Leinen
M 28.--.
XII: _Schriften zur Literatur- und Kulturgeschichte_, I. Band. In
Leinen M 28.--.
XIII: _Schriften zur Literatur- und Kulturgeschichte_, II. Band. In
Leinen M 28.--.
XIV und XV: _Die lyrischen und epischen Dichtungen_ in zeitlicher Folge.
Zwei Bände. In Leinen M 50.--.
XVI: _Naturwissenschaftliche Schriften._ In Leinen M 32.--.
Als _Ergänzungsband_ erschien in gleicher Ausstattung:
GOETHES GESPRÄCHE MIT ECKERMANN. Vollständige Ausgabe. 11.-15. Tausend.
In Leinen M 34.--. In Leder M 110.--.
SCHILLERS SÄMTLICHE WERKE in sechs Bänden. Herausgegeben von _Albert
Köster_ und _Max Hecker_. In Leinen M 170.--, in Leder M 600.--.
_Einzelausgaben_ (in Leinen je M 30.--):
_Dramen_ I. Teil. -- _Dramen_ II. Teil. -- _Gedichte und
Erzählungen._ -- _Historische Schriften._ -- _Philosophische
Schriften._ -- _Übersetzungen._
SCHOPENHAUERS WERKE in fünf Bänden. In Leinen M 160.--, in Leder M 500.--.
_Einzelausgaben:_
_Die Welt als Wille und Vorstellung._ Zwei Bände. Herausgegeben von Ed.
_Grisebach_. In Leinen M 64.--.
_Kleinere Schriften._ Herausgegeben von _Max Brahn_. In Leinen M 32.--.
_Parerga und Paralipomena._ Zwei Bände. Herausgegeben von _Hans Hennig_. In
Leinen M 64.--.
KANTS SÄMTLICHE WERKE. Herausgegeben von _Felix Groß_. Taschen-Ausgabe in
Format und Schrift der _Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe deutscher
Klassiker_. Sechs Bände. In Leinen M 210.--.
Band I: _Vermischte Schriften_ (darin: Anthropologie,
Streit der Fakultäten u. a.).
Band II: _Naturwissenschaftliche Schriften._
Band III: _Kritik der reinen Vernunft._
Band IV: _Kleinere philosophische Schriften._
Band V: _Kritik der praktischen Vernunft. Metaphysik der Sitten. Zum
ewigen Frieden._
Band VI: _Kritik der Urteilskraft._
+Auf Dünndruckpapier gedruckt und schmiegsam gebunden erschienen
ferner:+
THEODOR STORM: SÄMTLICHE WERKE. Herausgegeben und eingeleitet von _Albert
Köster_. Einbandzeichnung von _Walter Tiemann_. 11.-13. Tausend. Vier
Bände. In Leinen M 180.--
Wohl keinem neueren Dichter ist die Sorgfalt gewidmet worden, wie sie
hier Albert Köster auf die kritische Ausgabe der Werke Theodor Storm
verwandt hat. Galt es doch, mehr als 200 Drucke und Handschriften zu
vergleichen, um die Texte von den Vernachlässigungen und Verunstaltungen
zu befreien, die an vielen Stellen den Dichterwillen bis zur
Unverständlichkeit entstellten. Dafür ist eine Ausgabe entstanden, die,
gleichwie der Dichter im Herzen eines Volkes unvergänglich bleibt, die
Anwartschaft zu dauerndem Bestande in sich trägt.