Ich liebe es, in deinem Schatten

Mit jungen, hübschen Menschen mich

Zu unterhalten; deren Wangen

Den Glanz des Mondlichts widerstrahlen.

Ein Silberbach fließt durch die Beete,

Ein Lächeln liegt auf seinem Wasser,

Mitunter strahlt es blitzend auf,

Wie eines Degens glatte Klinge.

Und Tropfen springen aus dem Bache

Ans Ufer, und dort schimmern sie,

Bald dicht gedrängt und bald vereinzelt,

Gleich einem köstlichen Kollier.

Und wer das silberne Gefunkel

Im Rasen sieht, der ist der Meinung,

Es seien Perlen ausgestreut

Auf einen Teppich von Smaragden ...

DER VERLIEBTE DICHTER

IBN HOGGIAT

Einst lebte ein Dichter, der von heftiger Liebe für die schönste seiner

Sklavinnen ergriffen war. Aber diese verschmähte den Unglücklichen und

ließ ihn ihre ganze Verachtung fühlen. Eines Nachts, als der Dichter

allein war, um sich ungestört dem Genuß des Weines hinzugeben, dachte er

an die Geliebte und überlegte, auf welche Weise er sie für ihre Kälte

und ihren Eigensinn strafen könnte. Da nun der Wein sein Gehirn mehr und

mehr verwirrte, erhob er sich plötzlich, besiegt zugleich von der

Trunkenheit der Liebe und des Weines. Er ergriff eine brennende Fackel

und legte sie an die Tür der Sklavin, um die Schöne samt ihrem Hause zu

verbrennen. Schon züngelten die Flammen an der Tür empor ... da eilte

man herbei und löschte das Feuer. Man ergriff den Poeten, und bei

Tagesanbruch führte man ihn vor den Richter. Dieser fragte den

Übeltäter: »Was hat dich hingerissen, das Haus deiner Sklavin in Brand

zu stecken?« Der Dichter erwiderte mit diesen Versen:

»Da mir die Spröde immer widerstrebte

Und mir doch immer heftiger das Feuer

In meiner Brust entzündete, da fand ich

Kein Mittel mehr, der Liebe zu entfliehen,

Und auch kein Mittel, das den Schlaf mir schenkte,

Und also schritt ich hin vor ihre Türe

Und ließ mich nieder, wie ein treues Pferd

Sich vor die Schwelle seines Herren streckt.

Da flog ein Funken, ohne daß ich's wollte,

Von meines Herzens Glutball fort, ein kleiner,

Kaum wahrnehmbarer Funken, und er steckte

Die Tür in Brand ... mein eigner Wille hat

Mit diesem nächtigen Brande nichts zu tun!«

Der Richter hatte seinen Gefallen an dem Poeten. Er fand die Ausrede

hübsch erdacht und die Verse reizend. Gerührt durch das Schicksal des

armen Verliebten, bezahlte er für ihn die Strafe und schenkte ihm die

Freiheit zurück.

FRÜHLING

SOYUTI

O Frühlingstage! Tage des Entzückens!

Die Vögel singen jubelnd um die Wette,

Und aus dem Strauche glänzt die Rose auf,

Weißschimmernd, wie die reine Stirn der Scham,

Oder errötend, gleich den holden Wangen

Furchtsamer Jungfraun.

Seht, das frische Laub

Schwankt hin im Zephir wie ein Mensch, der leise

Im holden Dunste alten Weines schwankt,

Und durch die Ebene sickert sacht der Strom,

So wie der Schlaf sich in die stillen Augen

Der Kinder einschleicht, welche müde sind.

ERINNERUNG

SOYUTI

Nie werd ich diese wundervolle Nacht

Vergessen, da der Vollmond seine Strahlen

Uns bis zum taubeglänzten Morgen lieh.

Wir waren ganz allein; kein Späher hatte

Sein Aug auf uns, -- und silbern lief der Strom

Mit Flüstern durch den stillen Schoß der Nacht.

Und dann erschien die Morgenröte: herrlich

Wie funkelnde Rubine, und der Strom

Trieb goldne Fluten durch das blühende Land!

AN DEN ZEPHIR

SOYUTI

Der Zephir ist der wahre Freund der Liebenden:

Er hebt die Schleier auf, darunter die Gesichter

Der Schönen sich verbergen. Auch den stolzesten

Der Weidenzweige zwingt er, auf die kühle Stirn

Des Baches einen Kuß zu drücken. Der Verliebte,

Der fern von seiner Stadt und seiner Freundin weilt,

Schickt auf dem Zephir seiner Liebsten Grüße zu,

Die ihrem harrenden Herzen ein Entzücken sind.

DER BACH UND DER BAUM

SOYUTI

Seitdem der Bach in einem Liebesbunde

Mit eines Baumes schwanken Zweigen steht,

Erfüllt die Zweige schmerzliches Verlangen,

Sobald der Bach in Sommersglut erlosch.

Doch sieh! jetzt kommt er wieder, und nun eilt er,

So schnell er kann, um des geliebten Baumes,

Des lang verlaßnen, Füße zu liebkosen,

Und seines Wassers leises Rauschen scheint

Von großer Sehnsucht Qualen zu berichten,

Die ihn erfüllten, da er ferne war.

AUF EIN PFERD

SABBAGH

Dies edle Pferd ist schneller als ein Blick

Aus unsern Augen. Wenn es vorwärts stürmt,

Läßt es die Schnelligkeit des Windes und

Des Blitzes hinter sich. Seht, es ist schwarz,

Doch weiß glänzt seine Stirn, auch seine Füße

Sind blendendweiß. An eine Winternacht

Gemahnt es mich, darin der Mond erglänzt,

Umgeben von dem Reigen der Gestirne.

FEUER UND RAUCH

IBN IL SCHAAB

Sie sagte mir: »Auf deinen Wangen ist

Ein Bart gewachsen, der dein Antlitz schwärzt.

Warum, o Freund, läßt du dein Antlitz denn

So häßlich werden?« -- Ich entgegnete:

»Du hast in meiner Brust ein flammend Feuer

Entfacht, -- der Rauch von diesem Feuer ist's,

Der nun mein Antlitz schwarz erscheinen läßt.«

AN DIE ABWESENDE

MAHMUD PASCHA SAMY IL BARUDY

Du machst, daß ich nicht schlafe, während alle

Im Traum daliegen. Diese ganze Nacht

Blieb meinem Aug die süße Ruhe fern.

Ich flehe Gott an, meinen Augen Stärkung

Zu schenken und auch meinem Herzen, das

Zermalmt ist durch die Leidenschaft zu dir.

Die Leute, die mein Elend sehen, sind

Gerührt durch mein Geschick; auch jene Strengen,

Die sonst mich tadelten, sind jetzt verstummt.

Von dir, o strahlende Gazelle, kommt

Mir nichts als Gram. Du reistest nach Ägypten,

Und Bitterkeit des Todes ward mein Teil.

Ach, keine Botschaft eilt von dir zu mir,

Nicht einmal deines Wesens Schatten darf ich

Im Traum erblicken. Ich bin ganz allein.

Warum verlängerst du die Trennung so?

Die Freuden dieser Welt sind mir entschwunden,

Das ganze Dasein ist mir Last und Qual.

Ich möchte, daß ich eine leichte Feder

Im Flügel einer Taube wäre. Dann

Flög ich mit Hast hinüber nach Ägypten,

Um selig deinem Dienste mich zu weihn.

LIEBESGEBET

ISMAÏL PASCHA SABRY

Komm, laß uns deine Schönheit sehn, o Weib, --

Dein Wuchs ist gleich dem Stengel einer Blüte,

Dein Antlitz ist für uns das Paradies.

Und lächle, daß dies Paradies erschimmert,

Und sprich: denn deine Worte sind wie Perlen,

Laß niederrauschen deiner Perlen Flut!

Du, engelhaftes Wesen, darfst niemals

Von dir behaupten, daß aus Erde du

Und Wasser seist gebildet, so wie wir.

Entkleide dich. Laß deinen Leib uns schauen,

Damit wir Irdischen bestaunen können,

Was Allah so in Herrlichkeit erschuf.

Laß uns die Engelflügel sehen, die

Du trägst. Du bist ein Bildwerk, von dem Künstler

Aus einem Blocke puren Lichts gemacht.

Ein silberklarer Quell ist deine Schönheit,

Wo sich die armen Seelen Heilung trinken.

O liebe Quelle! Sei gerecht und schenke

Die gleiche Gunst den Durstgequälten allen,

Und laß die Herzen, die verschmachten wollen,

Sich retten in dein heiliges Schutzgebiet.

WENN DU ERSCHEINST

ACHMED BEY SCHAWKY

Wenn du erscheinst, beneidet wohl der Tag

Das Hemdlein, das du trägst. Er möchte wohl

Dein Hemd besitzen, um es triumphierend

Der Sonne hinzuhalten, die darob

Vor Eifersucht ihr goldnes Licht verlöre.

Wenn du vorbeigehst, werden alle Frauen

Von Neid erfüllt, daß ihnen nicht ein Wuchs

Wie dir gegeben ward. Gepriesen sei

Das Tal Agathe, deinem Mund zu Ehren,

Gepriesen sei der Glanz der Perlen, der

Dem blanken Schimmer deiner Zähne gleicht!

Wer deine Wangen demutvoll betrachtet,

Der meint wohl in das Paradies zu schauen.

Doch irrt er, -- deine Wangen sind die Hölle!

Der Purpur deiner Wangen gleicht dem Feuer,

Das aus den Schlünden der Verdammnis sprüht!

LIEBESLIED

UNBEKANNTER DICHTER

Dein voller Busen ist so weiß und hart

Wie Elfenbein. Die Weichheit deiner Wangen

Ist wie das süße Fleisch der Banyanfrucht,

Und auch so frisch und duftend ist dein Antlitz.

Die schlanken Säulen deiner Beine zeigen

Das Ebenmaß der jugendlichen Palmen.

Auf deinen Schultern ruht der Tau der Frühe,

In deinen Haaren schläft die Lust der Nacht.

Du atmest wie der Frühling; Blumen blühen

In deiner kleinen Füße Spuren auf.

Das Feuer jenes Sterns am Abendhimmel

Ist Dämmrung gegen deines Auges Schein!

GELEITWORT

Es geht die Legende, die Araber hätten, als sie zu dichten begannen,

ihre Verse dem vertrauten Rhythmus des Kamelschritts angeglichen.

Vielleicht ist etwas Wahres an dieser Legende, denn die rhythmische

Bewegung der verschiedenen Gangarten des Kamels ist dem Araber, der so

nahe mit diesem Tiere befreundet ist, immer etwas sehr Vertrautes,

vermutlich der vertrauteste äußere Rhythmus gewesen, der sein Ohr

erreichte, und noch die Dichter der geschichtlichen Zeit haben sich in

poetischer Fiktion mit Vorliebe in die Lage von Wüstenreisenden

versetzt.

* * * * *

Die arabische Sprache zeigt ein reich entwickeltes Lautsystem, in dem

die vielfachen Nuancen der Kehl- und Zischlaute überwiegen. Die

Konsonanten spielen eine ungleich wichtigere Rolle als die Vokale, von

denen nur a, i und u unterschieden werden, in ihrer Klangfarbe freilich

mannigfach schattiert durch die Einwirkung der sie umgebenden

Konsonanten. Der Wortschatz des Arabischen ist sehr groß, aber natürlich

auf den verhältnismäßig engen Bezirk arabischen Denkens begrenzt. Es hat

arabische Lexikographen gegeben, die behaupteten, 1000 Worte für das

Kamel, 500 für den Löwen und das Schwert aufbringen zu können. Das sind

rhetorische Übertreibungen, aber es ist wahr, daß der Araber eine sehr

reiche, blumige, nuancenvolle Synonymik für die Dinge, die ihn am

meisten angehen (Tiere der Herde, die Schlange, Waffen, das Pferd, der

Löwe, die Wüste), entwickelt hat.

* * * * *

Im Araber hat die semitische Rasse ihre edelste Ausbildung erfahren. Man

kann sagen, der Araber ist der Grieche unter den Semiten. Er ist

ritterlich und peinlich bedacht auf seine Ehre, gastfreundlich,

ehrgeizig, stolz auf sein Herrenwesen und sein Geschlecht, leicht

empfindlich, ruhmbegierig, aber auch ruhmrednerisch und eitel. Er ist

tapfer und herrschsüchtig, Stamm lebt neben Stamm, und er hat es nie

vermocht, sich einem größeren Staatswesen willig unterzuordnen. Bei

leidenschaftlicher Lebensfreude ist er ein Verächter des Todes. Er ist

ein Phantast in Liebesdingen (die Verse dieses Buches bezeugen es), ein

stark idealistischer, schwärmerischer Zug geht durch sein geistiges

Wesen, und die Frauen nahmen bei ihm, bevor er mit fremden Völkern in

nähere Berührung kam, eine besonders geachtete Stellung ein. Eine

Zeitlang war ein richtiger Frauenkult, ähnlich wie bei uns der

Minnedienst, unter den arabischen Dichtern im Schwang.

Die Poesie der Zeit vor Mohammed ist die Poesie eines Nomadenvolkes in

der Wüste. Großzügige Naturschilderungen sind uns überliefert worden,

daneben vor allem Kampf- und Heldengesänge und Lobpreisungen des

Stammes, dem der betreffende Dichter angehört. Freundschaft und

Gastfreundschaft werden besungen, Trink- und Liebeslieder erklingen, die

irdische Freude wird gefeiert, der Sinn ist in jener Zeit durchaus auf

das Reale gewendet, und die Gedichte machen vielfach den Eindruck von

Improvisationen. Fragen nach den ewigen Dingen, religiöse Empfindungen

und Skrupel sind den Dichtern der Epoche vor Mohammed so gut wie

unbekannt.

Viele Dichternamen sind aus der alten Zeit erhalten, alle werden

überstrahlt durch _Amr-il-Kaïs_. Er war schon ein Zeitgenosse Mohammeds

und schließt die Epoche des arabischen Altertums ab. Er ist ebenso als

Abenteurer und Don Juan berühmt wie als Dichter. Er stammte aus

königlichem Geblüt, wurde von seinem Vater verstoßen und vagabundierte

darauf mit befreundeten Genossen im Lande umher, jagend, liebend und

immer auf den Genuß des Lebens bedacht. Als dann sein Vater von einem

feindlichen Stamme erschlagen wurde, machte es sich Amr-il-Kaïs zur

Pflicht, den Gemordeten zu rächen und das Erbe seiner Väter für sich und

seinen Stamm zurückzugewinnen, was ihm aber nicht gelang. Sein Leben

wurde eine Kette gefahrvoller kriegerischer Abenteuer. Der oströmische

Kaiser Justinian erfuhr von ihm und seinen tollkühnen Kriegszügen. Er

berief ihn an seinen Hof nach Byzanz und ernannte ihn im Jahre 530 zum

Phylarchen von Palästina. Auf der Reise nach Palästina ist Amr-il-Kaïs

zu Angora in Kleinasien gestorben, nachdem er schon längere Zeit siech

und elend war. Aber die Sage will, daß er auf Veranlassung des Kaisers

Justinian vergiftet worden sei, da er eine kaiserliche Prinzessin

verführt habe.

Die Gedichte des Amr-il-Kaïs sind uns leider nicht gut erhalten, aber

auch in der mangelhaften Form, in der sie auf uns gekommen sind, gehören

sie zu dem Schönsten, was die arabische Poesie hervorgebracht hat. Sie

sind von einer mächtigen Sinnlichkeit und gefallen sich nicht in

Andeutungen oder Umschreibungen, sondern sie bringen alle Empfindungen,

Erlebnisse und Wünsche in klare, üppig hinströmende Worte und preisen

immer wieder den Genuß der Freuden dieses Daseins. Amr-il-Kaïs war ein

Don Juan der Wüste, ein dichtender, strahlender Held der Liebe, und sein

Name wird noch heute, zumal von den Frauen, mit Verehrung und leisem

Schauer genannt. Mohammed hat von ihm gesagt, er sei der Führer der

Dichter auf dem Wege zur Hölle.

* * * * *

Das Auftreten Mohammeds bedeutet den wichtigsten Wendepunkt in der

Entwicklung arabischen Geistes und arabischer Kultur. Durch Mohammed und

die fanatische Ausbreitung seiner Religion haben die Araber ein gutes

Stück der Welt erobert, und sie taten es als ein Volk der Wüste, das an

die größte Einfachheit der Lebensführung, an Entbehrung und Nüchternheit

gewöhnt war. Als der Kaiser Heraklius arabische Gefangene, die nicht vor

ihm niederknien wollten, fragte, welchen Palast ihr Kalif bewohne,

antworteten sie: »Eine Lehmhütte.« »Woraus besteht sein Gefolge?« fragte

der Kaiser weiter. »Aus Armen und Bettlern.« »Was ist sein Thron?«

»Enthaltsamkeit und Erkenntnis.«

Diese äußeren Lebensverhältnisse, und in ihrem Gefolge der Charakter des

Volkes, wurden nach den siegreichen Erobererzügen, die den kühnen

Weltstürmern Syrien und Persien, Ägypten, Nordafrika, Sizilien und

Spanien zu Füßen zwangen, gründlich verändert. Die Araber nahmen während

der folgenden Jahrhunderte viel von dem Wesen der durch sie besiegten

Völker an, da diese den Siegern an Kultur bedeutend überlegen waren. Die

schlichten, bäurischen Araber wandelten sich zu anspruchsvollen

Städtern, sie gewöhnten sich allmählich an eine vornehme Lebensart, und

neben einer sorgfältigen Ausbildung des Geistes wurden ihnen Luxus und

Üppigkeit bald zum Bedürfnis. Im 9.-11. Jahrhundert blühte die arabische

Philosophie, die es freilich zu schöpferischen Gedanken nicht gebracht

hat, sondern im Grunde immer von Aristoteles und Plato abhängig blieb.

Bedeutendes haben die Araber in ihrer Blütezeit als Mathematiker,

Astronomen, Historiker und Geographen geleistet.

Als den größten Dichter der klassischen Zeit nach Mohammed muß man _Abu

Nuwas_ ansprechen. Er nimmt in der arabischen Literatur etwa die Stelle

ein, die Hafis in der persischen bekleidet. Man hat ihn auch den

arabischen Heine genannt. Er ist eine glänzende Erscheinung, voll

Lebenslust und Lebensübermut, dem Weine und dem Weibe schwelgerisch

zugetan, voll Phantasie und hingebender Empfindung. Freilich findet man

bei ihm schon deutlich die Zeichen der Zersetzung. Er hat zynische

Gedichte geschrieben, die das wankende sittliche Empfinden seiner Zeit

charakterisieren. Er hat Spottgedichte auf religiöse Zustände gemacht,

die bezeugen, wie Mohammeds Lehre bei den Gebildeten unter dem Einfluß

skeptischer Philosophie zu wanken begann. Abu Nuwas' Leben und Dichten

war den frommen Seelen im Lande ein Ärgernis. Er verbrachte seine

wichtigsten Jahre in Bagdad am Hofe Harun-al-Raschids und seiner

Nachfolger. Seine übermütigen Reden haben ihm mehrfach Kerkerstrafen

zugezogen, und es heißt, daß er sogar einmal auf dem Schafott gestanden

habe. Alte Berichte erzählen folgendes: Als der Dichter gestorben war,

gingen nur wenige Menschen hinter seinem Sarge, denn er wurde von den

Rechtgläubigen gehaßt. Zufällig wurde am gleichen Tage ein Gelehrter mit

großer Pracht bestattet. Als nun die Leidtragenden den fast verlassenen

Sarg des Dichters sahen, ergriff sie Scham, denn sie ahnten, daß hier

einer der Größten aus dem Reiche ihrer Dichtung bestattet wurde, und so

folgten sie dem Sarge nach, und Abu Nuwas kam auf solche Weise zu einem

anständigen Begräbnis.

Die späteren Dichter der klassischen Zeit sind vielfach von Abu Nuwas

abhängig. Hervor ragen _Motenebby_ und _Abu Firas_. Der erstere, von den

Arabern besonders geschätzt, gefällt sich in Sprachkünsteleien und

gezierten Wortspielen, die dem europäischen Geschmack wenig zusagen. Abu

Firas war der letzte Vertreter des alten ritterlichen Arabertums, ein

vornehmer, sympathischer Sänger, der für Frauen, Krieg und Jagen

schwärmte und dessen temperamentvolle Strophen eine echte

Gelegenheitspoesie darstellen. Er ist in der Schlacht gefallen, in der

Blüte seiner Jahre.

Das 11. Jahrhundert führte ein Epigonentum herauf, in dem ein

philologisch-alexandrinischer Geist über den dichterischen triumphierte.

Die Kenntnis der technischen Regeln der Dichtkunst, Formspielereien und

grammatische Kunststücke galten jener Zeit mehr als schöpferisches

Können. Die Form der Makame (zu deutsch: »Unterhaltung«) wurde erfunden,

eine Art gereimter Prosa, in der man auf feuilletonistische Art zu

plaudern liebte, wobei der Inhalt ungleich weniger wichtig war als

witzige Kombinationen von Wortspielen und Reimen. _Hariri_, dessen Makamen

von Rückert ins Deutsche übertragen worden sind, hat die neue Form, der

für unser Gefühl etwas unangenehm Geschwätziges anhaftet, ihrer

Vollendung zugeführt. In der Makame, die das Zeichen dichterischen

Verfalls unverkennbar an der Stirn trägt, hat sich die Entwicklung der

arabischen Lyrik allmählich wie im Sande verlaufen.

Im 13. Jahrhundert wurde der arabischen Kultur, die ihre alte Größe und

Gesundheit längst eingebüßt hatte und für den Zusammenbruch reif

geworden war, ein gewaltsames Ende bereitet. Die Horden der Mongolen

stürmten in wilden Wellen über die arabischen Länder fort, zerstörten

die bunten Moscheen und die Schlösser mit ihren zierlichen

Marmorhallen, -- und die Araber haben es bis heute nicht vermocht, sich

aus jenen Tagen nationaler Vernichtung zu einem stärkeren Staats- oder

Geistesleben emporzuraffen. Vorläufig ist auch keine Aussicht, daß sich

ein neuer Glanz aus der Asche dieses edeln, einst weithin herrschenden,

aber von der Zeit zerbrochenen Volkes erhebt.

Die Quellen für die Nachdichtungen meines Buches finden sich bei alten

französischen Orientalisten, die in ihren Büchern philologisch getreue

Prosatexte nach den arabischen Originalen dargeboten haben. Folgende

drei wichtige Werke kamen in Betracht: Silvestre de Sacy, +Chrestomathie

arabe+ (Paris, 1806); Jean Humbert, +Anthologie arabe+ (Paris, 1819);

Grangeret de Lagrange, +Anthologie arabe+ (Paris, 1828). In neuerer Zeit

haben Ferdinand de Martino und Abdel Khalek Bey Saroit eine hübsche,

gleichfalls aus Prosatexten bestehende +Anthologie de l'amour arabe+

(Paris, 1902) zusammengestellt, der ich auch verpflichtet bin.

HANS BETHGE

VIERTE AUFLAGE (8. BIS 12. TAUSEND). ALLE RECHTE VORBEHALTEN.

VERTONUNG UND REZITATION DER VERSE NUR MIT ERLAUBNIS DES

HERAUSGEBERS GESTATTET. DIESES BUCH WURDE GEDRUCKT VON E. HABERLAND

IN LEIPZIG. TITEL UND EINBAND ZEICHNETE E. R. WEISS.

INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG

[Illustration]

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GROSSHERZOG WILHELM ERNST-AUSGABE DEUTSCHER KLASSIKER

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begründeten, galt es, etwas durchaus Neues in Deutschland einzuführen.

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_Die Welt als Wille und Vorstellung._ Zwei Bände. Herausgegeben von Ed.

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KANTS SÄMTLICHE WERKE. Herausgegeben von _Felix Groß_. Taschen-Ausgabe in

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Klassiker_. Sechs Bände. In Leinen M 210.--.

Band I: _Vermischte Schriften_ (darin: Anthropologie,

Streit der Fakultäten u. a.).

Band II: _Naturwissenschaftliche Schriften._

Band III: _Kritik der reinen Vernunft._

Band IV: _Kleinere philosophische Schriften._

Band V: _Kritik der praktischen Vernunft. Metaphysik der Sitten. Zum

ewigen Frieden._

Band VI: _Kritik der Urteilskraft._

+Auf Dünndruckpapier gedruckt und schmiegsam gebunden erschienen

ferner:+

THEODOR STORM: SÄMTLICHE WERKE. Herausgegeben und eingeleitet von _Albert

Köster_. Einbandzeichnung von _Walter Tiemann_. 11.-13. Tausend. Vier

Bände. In Leinen M 180.--

Wohl keinem neueren Dichter ist die Sorgfalt gewidmet worden, wie sie

hier Albert Köster auf die kritische Ausgabe der Werke Theodor Storm

verwandt hat. Galt es doch, mehr als 200 Drucke und Handschriften zu

vergleichen, um die Texte von den Vernachlässigungen und Verunstaltungen

zu befreien, die an vielen Stellen den Dichterwillen bis zur

Unverständlichkeit entstellten. Dafür ist eine Ausgabe entstanden, die,

gleichwie der Dichter im Herzen eines Volkes unvergänglich bleibt, die

Anwartschaft zu dauerndem Bestande in sich trägt.

Arabische Nächte(#23228) · 第 2 / 3 段