Mein Schlaf war alles andre, nur nicht sanft und ruhig. Aus einem
schweren und wüsten Traum wurde ich in einen andern gejagt. Jeder hatte
seinen Höhepunkt, und wenn dieser Punkt erreicht war, schoß ich auf, nur
um sofort wieder in Schlaf zu fallen, mit keinem andern Sinn, als
sogleich einen neuen Traum herunterzuhetzen. Es war ganz natürlich, daß
jeder Traum mit den Dingen, die mich in den letzten Tagen so
außerordentlich beschäftigt hatten, in naher Verbindung stand.
Ich fand mich über die lebhaften Märkte der alten indianischen Städte
wandern, aber es war mir nicht möglich, das zu finden, was ich so bitter
notwendig haben mußte. Und immer, wenn ich glaubte, es nun gefunden zu
haben, machte ich die Entdeckung, daß ich vergessen hatte, was es war.
Nun begann mein Geist angestrengt zu arbeiten, um das, was ich brauchte,
in mein Gedächtnis zurückzurufen. Dann ging ich an einen Verkaufsstand
und kaufte etwas. Wenn ich es aber in der Hand hatte, kam es mir zum
Bewußtsein, daß ich ganz etwas andres hatte kaufen wollen. Ich steckte
den Gegenstand, den ich plötzlich gar nicht kannte, in die Tasche, aber
ich fand, daß ich keine Tasche an meinen Kleidern besaß. Nun sollte ich
bezahlen, und so sehr ich auch suchte, ich konnte die Kakaobohnen nicht
finden, die das Geld waren, mit dem ich zu zahlen hatte. Denn was immer
ich in die Hand nahm, waren Pfefferkörner oder Ameisen oder Fingernägel.
Und dann wurde ich von halbnackten Marktpolizisten gejagt und als
Marktbetrüger verfolgt. Ich raste durch den Busch, wo mich die
Schlingpflanzen und Kaktusstauden festzuhalten suchten, meine Haut mir
in Fetzen vom Leibe gerissen wurde durch die Dornen und Stacheln, die
sich mir überall in den Weg drängten. Und wohin ich trat, waren
Schlangen, Riesenspinnen, gigantische Skorpione, große Eidechsen, deren
Maul halb so weit offen war, wie ihr Körper lang war, während hinter mir
die nackten Polizisten wie Wölfe heulten und brüllten und Polizeitiger
auf meine Fährte setzten. Nun hatte ich einen hohen Felsen zu erklimmen,
und als ich oben war und eine Meute von Berglöwen und Geiern mich gerade
packen wollte, fiel ich in eine tiefe Schlucht hinunter. Der Fall
dauerte viele Stunden, und während des Falles sah ich, wie die
Polizisten, die in Papageienfedern gekleidet waren, die Possums, die
ihnen als Polizeihunde gedient hatten, herbeipfiffen, dann mit Musik
heimmarschierten, den Kaufmann, dem ich dreiundeinehalbe Kakaobohne
schuldete, verhafteten und am Nebenstand als Sklaven verkauften.
Inzwischen kam ich unten in der Schlucht an. Ich schlug so heftig auf,
daß ich erwachte und die Schlucht hell erleuchtet fand. Es war aber der
Mond, der in mein Zimmer schien. Und darüber beruhigt, schlief ich
sofort wieder ein.
Nun kämpfte ich auf seiten der spanischen Eroberer, und die Azteken
nahmen mich gefangen. Ich wurde in den Tempel gebracht, um geopfert zu
werden. Priester legten mich auf den Opferstein und hielten mich fest.
Der Hohepriester kam heran, um mir das Herz aus der Brust zu reißen und
es dem fürchterlich aussehenden Gott vor die goldenen Füße zu werfen.
Ich sah, wie der Gott mich angrinste und mit den Augen blinkte, obgleich
er von Stein war. Dann streifte der Hohepriester den Ärmel seines Rocks
zurück, packte mich mit der linken Hand brutal ans Kinn und riß mir den
Kopf zurück, während er mit der rechten Hand mir das Messer in die Brust
schlug, wobei ich aufwachte.
Aber gleich fiel ich wieder in Schlaf und kämpfte nun auf seiten der
Tabaskaner. Ich fiel in Gefangenschaft der Spanier, kam vor ihr
Kriegsgericht und wurde zum Verlust beider Hände verurteilt, die mit
einem stumpfen Taschenmesser abgeschnitten wurden. Die Arme fühlten sich
darauf ganz dumpf an, ich erwachte, und meine Hände, die seitlich aus
dem Bett hingen, waren eingeschlafen.
Nun besaß ich ein Atelier für Kunstgewerbe in Tenochtitlan, und ich
hatte den Befehl bekommen, den Krönungsmantel für den neugewählten
Monarchen aus den schönsten Federn tropischer Vögel anzufertigen. Aber
die Federn flogen mir alle fort, und ich hatte hinter jeder einzelnen
herzujagen, während nur eine knappe Viertelstunde noch fehlte, bis die
Krönung beginnen sollte. Alle Fürsten und die Gesandten fremder
Herrscher waren schon versammelt, und die Volksmengen summten vor dem
Krönungspalast und in den Straßen, die zum Tempel führten. Ganze Scharen
von Dienern und hohen Beamten kamen angejagt, um den Mantel zu holen;
aber wenn ich eine Feder angenäht hatte und die nächste danebenheftete,
flog die vorher angenähte schon wieder fort. Ich hörte die Trompeten
schmettern und die großen Pauken dröhnen, die gigantischen Bronzeplatten
von den Tempeln klingen und die Priester ihre schrillen Gesänge
anstimmen, während mein Haus von Tausenden von wütenden Dienern und
Hofmarschällen umstellt war, die schrien: „Den Krönungsmantel! Den
Federmantel! Wir müssen alle sterben! Zum Tode verurteilt! Zum Tode
geflogen!“ In meiner Hast, den Mantel doch noch fertigzustellen,
schlüpfte er mir aus den Fingern, und alle Federn, die ich in
wochenlanger mühseliger Arbeit angenäht hatte, flogen zwitschernd zum
Fenster hinaus. Ich erwachte und hörte die Millionen Grillen und
Graspferdchen im Busch zirpen.
Und wieder schlief ich gleich darauf ein mit dem sicheren und
beruhigenden Bewußtsein, daß ich im Bett liege und mir die Krönung des
Kaisers von Anahuac ganz gleichgültig sei, noch gleichgültiger sein
Mantel. Da öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer. Ich wunderte mich
darüber, wie das geschehen könne; denn ich wußte genau, daß ich vor dem
Zubettgehen, wie es immer meine Gewohnheit war, den schweren
Vorlegebalken sorgfältig in die Hintschen geschoben hatte. Aber die Tür
öffnete sich trotzdem, und herein kam mein indianischer Besucher,
derselbe, den ich, wie ich genau wußte, am Tage vorher hatte zu Staub
zerfallen sehen. Das Zimmer war durch ein merkwürdig bleiches und
flutendes Licht erhellt, dessen Quelle ich nicht ergründen konnte. Es
war weder Sonne noch Mond, es war vielmehr ein weißer, in sich
leuchtender, flimmernder Nebel, der aber nicht dicht genug war, daß er
irgend etwas verbergen oder auch nur verschleiern konnte.
Der Indianer kam nahe an mein Bett. Dort stand er ruhig und sah mich
lange an. Ich hatte meine Augen weit geöffnet, konnte mich aber nicht
bewegen. Besser gesagt, es kam mir von nirgendwoher der Wille, mich zu
bewegen, und ich fühlte, daß ich mich nicht bewegen könne, wenn ich
nicht irgendwo den Willen fände, der mir fortgelaufen war. Doch ich
fühlte keinerlei Furcht, dagegen war in mir ein wohltuendes Gefühl
brüderlicher Liebe oder Freundschaft. Mein Besucher hob mit ruhigen
Bewegungen den Moskitoschleier und schlug die Seite, an der er stand,
oben über die Bandleiste. Dann grüßte er mich in seiner feierlichen
Weise. Wieder betrachtete er mich eine Weile mit tiefem Ernst, und dann
begann er zu reden.
Er sprach sehr langsam, jedem einzelnen Wort das volle Gewicht der
auszudrückenden Meinung gebend: „Ich frage Sie, mein Freund, was Sie
fühlen würden, wenn man Sie in einem Zustand völliger Hilflosigkeit
jener kleinen Gaben beraubte, die Ihnen mitgegeben wurden als Begleiter
auf jene lange Reise durch das Land der Schatten? Wer gab sie mir, jene
kleinen Geschenke? Sie wurden mir gegeben von jenen, die mich liebten
und die ich liebte, von jenen, die heiße Tränen weinten, als ich sie
verließ. Nichts sonst als diese geringfügigen Gaben sind es, die meinen
Weg erleuchten durch die Nacht. Für Liebe allein ist es, daß Menschen
geboren wurden, und nur der Liebe wegen ist es, daß sie leben. Was man
auch immer an Würden, Ehren, Verdiensten, Ruhm und Reichtümern erworben
haben mag –, verglichen mit der Liebe zählen sie für nichts. Vor dem
großen Tor, durch das wir alle zu gehen haben, werden selbst die
innigsten Gebete, die zum Himmel hinaufgesandt wurden, nur als
Bestechungsgelder angesehen, nicht mehr wert als eine kleine
Kupfermünze. Im Angesicht der Ewigkeit zählt nur die Liebe, die wir
gaben, die Liebe, die wir empfingen, und vergolten wird uns nur in dem
Maße, wie wir liebten. Darum, Freund, geben Sie mir zurück, was Sie mir
nahmen, so daß, wenn am Ende meiner langen Wanderung vor dem Tore
stehend ich gefragt werde: Wo sind deine Beglaubigungen?, ich sagen
kann: Siehe hier, o mein Schöpfer, in meinen Händen halte ich meine
Beglaubigungen. Klein sind die Gaben nur und unscheinbar, aber daß ich
sie tragen durfte auf meiner Wanderung, ist das Zeichen, daß auch ich
einst geliebt wurde, und also bin ich nicht ganz ohne Wert.“
Die Stimme des Indianers verhauchte in ein Schweigen.
Es war nicht seine wogende Beredsamkeit, es war vielmehr sein Schweigen,
in eherner Urgewalt den Raum anfüllend, Dingen, Worten und Taten wortlos
befehlend, das mein Handeln bestimmte. Ich stand auf, kleidete mich
notdürftig an, zog die Stiefel über die Füße und eilte zum Bücherbrett.
Ich öffnete das Paketchen, hängte dem Indianer die goldene Kette über
den Hals, schob den schweren Ring an seinen Finger und kniete endlich
vor ihm nieder, um ihm die Reifen um die Knöchel der Beine zu legen. Als
ich mich von den Knien erhob, hatte er den Raum verlassen. Die Tür war
verschlossen und der Balken vorgeschoben.
Ich kehrte zu meinem Bett zurück und fiel sofort in einen Schlaf, der so
tief, so gesund, so traumlos war, wie ich seit Wochen keinen gehabt
hatte. Er war der erste erfrischende, wohltätige Schlaf nach einer
schweren Krankheit.