Die achte Nacht

Die achte Nacht, Mijnheer. Der Mond hat sich hochgebracht, es wird eine

kurze Nacht sein. Das Zastler Loch leuchtet silbern mit seinen Lawinen.

Das Herzogenhorn biegt sich wie ein Skalpell in die metallne Nachtluft.

Der Mond hat den ganzen weiten Kessel nach der Grafenmatte voll Licht

gefacht. Es riecht nach Frühling, Mijnheer, das Leuchten schwimmt gleich

Wolken immer dichter über die Fichten des Zeicher-Bergs. Die Sturmböen

sind zerbrochen. Man wird die Sonne bald steigen sehen über den

Krähenscharen. Der Schnee kommt morgen zum Stehen. Das Tief fließt nach

Süden und überschwemmt den Po, überflutet Sizilien. Das Hoch kommt zu

uns von Norden voll Fahrt mit blau gebogenem Segel.

Die Wächte zittern schon violett gespenstisch unter dem Umsturz der

Atmosphäre. Das Filigran der plötzlich entschleierten Buchen, die

Palmwedel der Edeltannen, die zarten Kronen der Weiden deuten den

Telegraphenstangen nach, die mit weißen Feuerkränzen umspielt nach der

Ebene laufen. Schon wittern die Tiere, daß in der Luft etwas zerbrach,

die Pferde stampfen unruhig mit glänzendem Fell, haferprall und nervös

vor Kraft, die Kühe brüllen die ganze Nacht, obwohl die Ställe noch

unter den Riesenflügeln der Schneewehen schlafen. Der Schneepflug wird

durch den Wald in das Tal hinunterstampfen, die Schlitten werden folgen,

bis der Frühling sich ihnen entgegenbäumt.

Am achten Tag, Mijnheer, schuf Gott die Wiederholung, er repetierte

seine Lektion der Schöpfung, und die Erde lief zum zweiten Male durch

seine Hand. Da sie seine Idee trug, war gesorgt, daß sie in jeder Spule

neu blieb. Was tot hinfiel, blieb tot und diente dem Neuen. Was sich

halten konnte, blieb am Leben, es war für Langeweile kein Platz. Die

Tiere schufen sich neue Gewohnheiten in den wechselnden Klimen, starben

mit der Eiszeit, wuchsen heroisch in das tropische Zeitalter, bequemten

sich in die kleinliche Mittagszeit der Erde, und veränderten nicht ihre

Natur und die Tradition ihrer zoologischen Klasse.

Träumte ein Tiger, war es von Antilopen, träumte ein Schwein, war es von

Trebern. Ach, nur die Haustiere der deutschen Literatur haben es fertig

gebracht, einen erhabenen Traum zu träumen, denn sie träumen von

Gottfried Keller, obwohl der Betreffende schon lange im Schweizerischen

verstorben ist. Sie träumen nicht wie die interessanteren Rassen ihrer

Zeittiere von barocken Jagdrevieren und mörderisch schönen

mittelalterlichen Bissen, sie träumen nicht den Traum, den alle guten

deutschen Raubtiere immer träumten, die Haustiere der deutschen

Literatur schlingen den »Grünen Heinrich« immer wieder durch die Zähne

und halten es für verdienstvoll, daß sie einen besonders deutschen Traum

damit träumen.

Sie sind hochmütig wie alle ungefährdeten Geschöpfe, weil sie einen

besonders deutschen Traum zwischen den Zähnen haben, und halten sich für

überlegene Geschöpfe, weil an ihren großen Stall die Raubtiere nicht

herankönnen. Sie wissen nichts von der Welt, sie ahnen nichts von der

Geschichte, sie zittern nicht vorm Umbruch der Historie, sie sind von

ihrer Tiefe und Mission so heftig überzeugt, daß sie nicht merken, wie

sie den oftmals wiedergekäuten Klee fast schon wie Häcksel kauen. Sie

ehren lediglich von früh bis spät ihren Meister, sie haben ihn überall

bei sich, auf der Zunge, im Magen, im Bett und im Gemuh. Sie ehren ihn

so grenzenlos wie die Japaner ihre Toten.

Aber sie wissen nicht, daß sie einen Gestorbenen anbeten, einen

erledigten Traum träumen und einen verdorbenen Klee wiederkäuen. Ach, es

gibt keinen abscheulicheren Geruch als den von verdorbenen Blumen und

versauerten Idealen.

Ach, nun wurde gemuht und gebrüllt und getrampelt und mit dem

friedlichen und sanften Samstag-Abendglockengeläute eine Diktatur nicht

der Macht, wohl aber ein Terror der Gefühle erregt, der bald alle

Hausbesitzer mit ergriff, die sich nicht bedroht fühlten durch diesen

Aufstand der Haustiere, da er in temperiertem Sinn und mit bürgerlicher

Empörung entstand. Die Hausbesitzer fürchteten nicht diese Tyrtäen des

Gemuhes und zitterten mit vor Vergnügen, wenn die Tiere, die

Gefühlstiefen ihres Meisters wiederkäuend, grollend gegen alle neuen

Melodien knirschten. Es gibt ein Savoir vivre nämlich der Haustiere, das

bestimmte, der deutsche Roman habe breit und klein ausgemalt zu sein,

habe langsam und voll Gemüt sich zu entfalten, bedürfe der Schnelligkeit

nicht als einer Erfindung des Teufels und kreise am besten um die guten

Bürgerstuben und nahe dem Schicksal nur mit dem Grausen der Religion.

Ach, wie war man erbittert und wie schwoll das nächtliche Wiederkäuen

vor Erregung, als bald jene, bald diese von anderen Dingen träumten

draußen und der Schall davon hereinkam, wie konnte Heinrich Mann besser

sein als Ricarda Huch, wie konnte ein gewisser -- Schickele? -- wagen,

mit Berufung auf Gottfried von Straßburg zu zeigen, ein deutscher Roman

sei kühn und schlank. Ein Bursche, frech wie Dreck, gewisser Sternheim,

bemühte sich, die Ideale der Ställe durch seinen rassenfremden Kakao zu

ziehen. Die würtembergischen Haustiere bekamen Kolik fast an ihrem

Grünen Heinrich und die bayrischen, an ihren besonders robusten

Diphthongen kenntlich, obwohl sie schwarz-weiß gefleckt waren, bekamen

rote Adern in die großen Opalaugen, da sich eine festere Opposition für

ihren erhabenen Traum nicht schickte. Sie wußten nicht, daß die

gesellschaftlichen Revolutionäre, die sie in den Expressionisten

witterten, gar nicht ein feudaler Klub zu ihrer Abwürgung waren, sondern

daß diese neuen Tierrassen sich untereinander kaum kannten, sich nicht

schätzten oder haßten, und daß die Natur nur eine Notwendigkeit vollzog,

indem sie soviel verschiedenartige Kreaturen zwang, in einer Richtung

ihre Fährte und in einer besonderen gleichen Elastizität ihre

Schwungkraft zu nehmen.

Die Expressionisten träumten lediglich die Träume, die alle Tiger und

alle Stiere geträumt hatten, nämlich das Kühne und das zweckmäßig ihrer

Natur Entsprechendste zu erreichen. Sie träumten denselben Traum wie ihn

von Caesar bis Stendhal alle jene Menschen auch träumten, deren Typus

sich in der Entwicklung ihrer Freiheit so sehr den erlesenen Tierrassen

angenähert hat, daß jedes dieser Menschengesichter einem Tiergesicht

gleicht. Sie bewegten sich mit ihrem temperamentvollen Traum so heftig

in den der Haustiere hinein, daß über ihren Spektakel eine der badischen

Kühe sicher an ihrem Keller erstickt wäre, wenn er nicht ein Traum,

sondern ein reales Futter gewesen wäre.

Aber sie hielten in ihren Ställen, obwohl die ganze Tierwelt lachte,

daran fest, daß die schlanken und feurigen Vorstellungen des Teufels

Exzesse, aber die Orgien der Langeweile des Himmels schöne Segnungen

seien. Sie hielten wiederkäuend daran fest und es roch nicht gut nach

verblichenen Idealen, wenn sie das bedachten.

Am achten Tag der deutschen Literatur erschienen tatsächlich immer

wieder deutsche Dichter in den alten Kostümen mit dem Vermerk, sie gäben

auf ihr Leben nichts, auf ihren Anzug alles. Die prächtigsten Leute

standen da und hielten wie einen Konfirmationskranz ihren Traum fest in

der Hand. Vor so viel Hartnäckigkeit erbleichten selbst die Theosophen

und verwandten in Herrn Steffen dieses Zurückerinnern an eine

Vergangenheit für ihre Zwecke und schlangen in der gleichen Aufmachung

ihre Erinnerungen an siebenundachtzig vorhergelebte Leben durch den

Jahrhundertschlauch geschlossenen Auges, tränenden Mundes in die Brust.

Am Rhein lediglich, neben den Dampfern und kleinen Segelbooten zwischen

Emmerich und Koblenz, gab es einen frischen Schuß Rebensaft und

niederdeutsche Herbe dazu und wurde überzeugend bei dem wundervollen

Schmidtbonn, rührend manchmal bei Eulenbergs pokulierender Schwärmerei.

Hesse gab dazu den Anstand künstlerischer Gesinnung und brachte es über

die innige Klarheit von Kindererinnerungen schon an das Russische heran.

In Wilhelm Schäfer bog sich's vor männlicher Kraft und böser

Unzufriedenheit über den mangelnden Applaus der Zeit. Der

großbürgerliche Hans Sachs entstand in Thomas Mann, der in

bieneneifriger Putzarbeit alle Ideale einer schon verblaßten Zeit noch

einmal sammelte in einer Sprache von wahrhaft dekadenter Würde.

Paul Ernst und Wilhelm von Scholz schossen einige Spritzer Renaissance

hinein, und es war anmutig zu erblicken, wie scheinbar blutüberströmt

der Traum nun in Paul Ernsts Borghese-Kiefern hing, und als er ihn

herausgab, war's wieder nur gekauter Klee. Wilhelm von Scholz umgab

seinen Kopf mit Weihrauch, die mystischen Epochen schienen auf den

Bergen zu glühen, allein den Traum umwölkte nur ein Kohlenbecken, es war

so sehr Winter in den Ställen geworden, daß man sogar den Traum zu

heizen begann.

Im Augenblick, wo der Expressionistentod von allen Interessierten

ausgetubat ward, wollte man auf diese Hüter des klassischen Troges

zurückgreifen, aber das Malheur war auch dem Blinden deutlich und man

fing eine Razzia an nach neuen Träumern. Ach, es hatte niemand gekalbt

und man war in Verlegenheit, weil schon ein langweiliger Jüngling

vorausgeschickt und in die Toga gesprungen war und für die lammfromm

gewordenen Simplizissimusleute eine Literaturgeschichte »auf klassisch«

geschrieben hatte. Die Fallen waren aufgestellt, die Mäuse fehlten.

Zum Glück beendete Albrecht Schäffer seine Kriegsgedichte homerischer

Form und gab ein paar Bücher Prosa, man hatte den Papst. Die Parfüms

stimmten zur weichlichen Haltung. Das Buch »Montfort« erlaubte sogar die

romantische Abschweifung zu E. T. A. Hoffmann, die Linie von Keller über

Baudelaire und die Romantik zum überklassischen Keller ward in die

Stallwand eingeritzt.

Als der Jüngling zum Turnier erschien, hielt er Flacons in der Hand,

hatte keine dramatische Lanze, sondern den lyrischen Tonfall der

Kastraten, ein Mischling zwischen Dorian Grey und Pierrot erschien auf

einem Pferd, dessen Mähne gemalt, dessen Schweif eingesetzt war, dessen

Trab eine graue Demaskierung der Langeweile wurde und dessen Reiter, als

ihm der Küraß abfiel, mit seidenem Pyjama bekleidet nach seinem

Bademeister schrie. Ach, der Papst war verloren, die Schlacht vorbei,

der Überwinder nur ein fesches Gerippe. Es wurde stiller in den Ställen,

obwohl das Kauen nicht nachließ, man wartete auf bessere Zeiten, nur

Paul Ernst, der plötzlich blau und weiß gefleckt war, zerriß die Kette,

sprang brüllend hinaus und gab mit Getöse vor, ein Stier zu sein,

während es offensichtlich war, daß davon nicht die Rede sein konnte.

Es zeigte sich immer mehr, daß der Traum härter war als Eisen, stärker

als die Lächerlichkeit und mit jener Tarnkappe versehen, die nicht zu

dekouvrieren ist. Er scheint wie der ewige Jude ein ewiges Alter

erreichen zu wollen und nicht aussterben zu können wie der Gyrodactylus

elegans, der an den Kiefern der Karpfen schmarotzt, ein Junges im Bauch

hat, das bei der Geburt sofort ebenfalls gebiert usw. Gäbe es nicht eine

geheimnisvolle Gegenwirkung, müßte die Welt bald lediglich aus

Gyrodactylen und Kellerträumen bestehen. Sie würden sich in die Erde

teilen, wahrscheinlich mit Erfolg und ohne Endkampf. In San Antonio in

Texas ist ja bereits eine Ehe zwischen Katze und Klapperschlange

beobachtet worden.

Südlicher an der Donau war man homöopathischer in der Ernährung und

schob zwischen den Klee noch Psychologie, Rokoko und Geschnaas in den

Rachen. Es wurde ein graziöser und wahrlich österreichischer Traum. Es

ward ein Traum aus dem Wiener dritten Bezirk und aus dem Cottage, man

trabte mit ihm durch den Prater, man lehrte ihn lachen, sogar das Gemuh

ward ein zartes Gewieher, man stand nicht bös und wiederkäuend in den

Ställen, da hingen in den Spiegelsälen Erzherzoginnen, die Bilder der

Maria Theresia, des männertollen Prinzen Eugen, der langnasigen

Habsburger.

Da spiegelte sich plötzlich bei Schnitzler, Hofmannsthal, Beer-Hofmann

das Land, der Staat, die Gesellschaft, die gerade in ihrem besten Charme

zwischen den Maschinen erwachte, als es schon aus war. Wassermann hat

ihnen ein großes Fresko geschrieben, Stefan Zweig ihre Müdigkeit

melancholisch belächelt, Salten, Auernheimer, Zifferer haben ihre

eleganten Scherze aufgeschrieben, ja bis zur Operette hat mit Geist und

Anmut Herr Lipschitz sie getrieben, auch die Unterhaltungsbücher bekamen

manchmal dichterisches Arom. Selbst Soykas Kriminalromane deuteten mit

Wehmut die Präzision der neuen Zeit in ein wehmütiges Finale.

Hofmannsthal dunkelte den Weltschmerz Mussets in die tiefträumerische

Eleganz eines sterbenden Volkes. Schnitzler hat das Lachen auf dem

Operationstisch seziert, Altenberg den Clown dazu gespielt. Den Shimmy

pfeifend, Walzer taktierend ging der Traum in Wien zur Guillotine.

Selbst im Sterbelächeln war Blut in seinem Gesicht, war Anmut, die

verkörperte und repräsentierte in jeder Bewegung. Es war nicht das

Kostüm mehr, nicht die schlechte Laune Unzufriedener, nicht der kindisch

festgehaltene Kranz in der Hand. Es war das Ende eines Volkes, es war

die trüb und erlesen und köstlich gewordene Erinnerung einer Nation aus

den Jahrhundertfalten herauf. Hier stand Gesellschaft noch einmal mit

aller Würde auf und verging.

Wer Bienen züchtet, weiß, daß die Kreuzung von Königinnen italienischer

Abkunft mit Hummeln aus Zypern Bienen ohne Stachel ergibt. Schon in Wien

hatte der Traum die Schleife an dem spitzigen hebräischen Intellekt

vorbeigemacht, obwohl fast alle, die sein Gesicht füllten, Juden waren,

in Prag kam er in die seltsamste Mischerei. Bebend vor Intellekt,

schöpferisch wieder von slawischer Durchdringung, dunkel von deutscher

Schwere, so ward er bei den Tschechen balkanisch aufgezäumt. Das

Jüdische verlor seine Schärfe, das Slawische gab den Akzent, das

Deutsche nahm das Resultat auf seine breiten Schultern.

Das war nicht mehr Gemuh, das war nicht mehr das Gesicht eines Volkes,

das war der Gonfaloniere eines geistigen Kreuzwegs, ja fast der

nationale Ausdruck einer internationalen Horde von Gehirnlern und

Literaten, mit viel Anmut, mit bestechender Klugheit, teils am Jordan,

teils in Zürich, vielleicht auch in Saloniki zu Hause. Mit der einen

Hand bei Keller, mit der anderen bei Dostojewski. Von Meyrinck über Pick

und Brod zu Kafka gab es eine Verschärfung, der Stachel fehlte zwar,

aber die Verdichtung kam nach dem Expressionistischen hin. Der zärtlich

und unirdisch denkende Melchior Vischer trat, deutsch schreibend, als

Wortverdichter neben den blinden Oskar Baum. Bei Ernst Weiß, der zuerst

die Wiener Weise weicher geträumt hatte, erreichte ihr Roman eine

verzweifelt starke Aufbäumung, bei Werfel ihre Prosa schon legendären

Gesang. Ach, man war hier weit von den großen Ställen, die Haustiere

waren im Süden von anderer Facon, Freudsche Theorien, Analysen

vorgelebter Nerven, Mythisches vom Euphrat und Medizinisches spukten

durch den Traum. Er hatte sein Gesicht, auch seine Breite, auch manchmal

sein Tempo behalten, aber man kaute ihn nicht wieder, man durchsprengte

ihn mit Klugheit, mit asiatischer Grazie, mit ungewöhnlich neuen

Turnieren reizte man ihn zu Gangarten, die er nicht kannte.

Es war eine abscheuliche Bastarderei, aber sie hatte Rasse. Mit dieser

Kreuzung band der Traum sich endlich auch an Rußland. Schon der Alemanne

Hesse hatte dahin gedeutet, als die Kriegsschatten über seine

bewundernswerten Idyllen fielen. Sogar die Mondänen kamen unter das

Kreuz dieser Richtung. In Bruno Franks schwächlichen Erzählungen

schreien manchmal die Brüder Karamasoff, in Leonhard Franks gewaltigen

Büchern gegen die Kriege flammt Dostojewskische Inbrunst sich zu

zerstören. Der immer dichterische Kornfeld hat manchmal den Schatten

Tschechows im Auge. Der beste Schilderer erotischer Atmosphäre,

halbgeschlechtlicher Übergänge, des Genußdufts der Zeitoberschichten,

Wilhelm Speyer, stößt auf Tolstoi und muß, während er verzweifelt

raffinierte Wollust saugt, in die tiefste Tragödie hinein. Das Schicksal

hat in ihm den gekreuzigten Bankert zwischen Weltlichkeit und tiefer

Qual gemacht. Der Traum bekommt bei ihm einen süßen und makabren Reiz,

den Glanz der Untergänge, das Gesicht des byzantinischen Hermaphrodits

. . . . . .

Gesattelt, geritten, gezäumt war der Traum in die Welt hinaus gekommen.

Er bog sich in Wien in der tödlichen Schönheit eines nationalen

Untergangs wie venezianisches Glas oval und verwirrend zurück. Gab in

Prag eine Oase fast zwischen den Völkern, durchdrungen, geknetet,

durchsüßt und geschliffen von Händen, Hirnen, Wassern der an Asien schon

tief anschlagenden Nationen. Wohl in Deutsch, aber übernational schon

über Europa hinaus gebracht, von dem ungeheuren Grimassieren russischen

Geistes nach dem Großen Ozean gezogen, südlich durch die vermischten

Kulturen der frischen Balkanstämme vom Mittelländischen Meer gespeist,

so blieb er draußen in der Welt als deutsche Befruchtung.

Ach, die Haustiere der deutschen Dichtung murrten über diese fremden

Menagen, ihre nationalsten knirschten wie jener Platen, der aus Angst

vor der Pest bereits in den Hades floh, ehe sie ihn überhaupt hatte, so

gut es ging zwischen ihren Reibzähnen: »Laubhüttenpetrarke,

Synagogenstolz«, aber es war der alte Klee nur, der sie hörte, es roch

nach alten faulen Idealen, es störte niemand, daß ihre Glocken

schwangen, sie waren langsam in das Pianissimo des Wiederkäuens

gefallen.

Nur Paul Ernst versuchte wie ein Stier zu brüllen, weil einige mit dem

Traum ausgerissen waren, exotische Gegenden zu entdecken. Der männliche

Luxemburger Norbert Jacques, Willi Seidel hatten ihn mitgenommen, als

sie auszogen nach der alten germanischen Weise und in den Spuren der

Gerstäcker, Sealsfield, Heinse, Wieland. Herr Klabund hatte die

Expression dabei in die eine, die fahrende Schülerweise in die andre

Hand genommen, schrie ein pazifistisches Pamphlet und trabte einen

Militärmarsch. Er trabte mit den Füßen einen Militärmarsch aber

scheinbar ins feindliche Ausland, wie man in den Ställen behauptete, und

Paul Ernst, der plötzlich schwarz-weiß-rot gefärbt war, vergaß sein

Renaissancegemetzel, vergaß seinen blutigen Traum von Italien und

überschrie ihn mit dem Trutzlied rechtsbolschewistischer Reaktionäre.

Ach, er versuchte, den Kobold des Traumes wie ein Stier zu überbrüllen,

aber es war ja kein Stier, wie jedermann sich mühlos mit den Augen

überzeugen konnte, und der Kobold, den er verfolgte, neckte ihn, bis er

mit Tränen in der Brille an der Statue der Diana zusammenbrach. Schon

Darwin beweist bei manchen Krustentieren, daß vollkommene und

ausgebildete Lebewesen dieser klassischen Gattung dennoch niederer

organisiert sein können als ihre Larven. Die klassischen Krieger am

Fries des Dianabildes streckten sich vor Wonne in ihrem Muskelnetz über

diesen vollkommeneren bebrillten Epigonen. Ach, aber selbst dieser Fall

verhinderte nicht, daß die Haustiere der deutschen Literatur den

erhabenen Traum weiterträumen und den Grünen Heinrich ohne Ablaß durch

die Zähne ziehen, obwohl sein Verfasser schon lange im Schweizerischen

verstorben ist . . . . . . .

Es möchte scheinen, Mijnheer, ich spotte über Gebühr und beschädige am

achten Tage die Reserve, die ich mir auferlegte, sowie die Zuneigung,

mit der ausgezeichnete Menschen an diesen Träumen hängen. Wahrlich, ich

kenne ihren Wert und ihren Sinn und weiß manchen ihrer Dichter an einem

ausgezeichneten Platz der Verehrung, aber es bricht mir ins Herz ein,

wenn ich das Muhen der Haustiere höre, die die alten Melodien und die

hilflosen Tonleitern einer Vergangenheit blasen, welche uns nichts

helfen. Ich weiß mich doch wirklich glücklich, wenn ich irgendwo im Park

der Dichtung Ansätze an gute Tradition und deutsches wahres Wesen

entdecke, aber ich kann den Spott nicht zurückhalten, wenn ich die

Zeremonien beobachte, mit der gesalbte Prediger immer wieder ein

verdorbenes Gerippe in den Frühling tragen.

Ach, der deutsche Frühling hat nichts gemein mehr mit den Gefühlen jenes

erheblichen Meister-Dichters aus Seldwyla, und dessen Knochen sind nicht

seine Bausteine und seine Asche ist nicht sein Same. Ist es nicht

schelmenhaft, wenn die Haustiere den Stil eines großbürgerlichen Mannes

wiederkäuen, aber vorgeben, das Gesetzbuch der deutschen Erzählung damit

auszuposaunen, wenn sie die Nation meinen und eine alte Leiche unter

ihren Hufen herausstampfen? Einmal müßten, verdammt, auch die bequemsten

und faulsten Tiere in den Aufbruch kommen, der sie aus den dumpfen

Ställen in die Freiheit führte und aus der Blindheit in das Licht. Ja,

ich fürchte nicht, daß die Einäugigen gefährlich werden, aber ich habe

Angst vor den Nichtsehenden, weil sie nicht zu erlösen sind.

Ich entsinne mich zu gut, daß auch Balder, der Lichteste der Götter vom

blinden Höder mit einer Mistel getötet wurde, die ihm der unheilvolle

Loke reichte. Ich weiß zu gut, wie die Götter über ihren Liebling

klagten und daß seine schöne Geliebte daran starb. Und ich kann mir

nicht verschweigen, daß ich den Balder ohne Rückhalt liebe, aber den

Loke hasse, daß aber der Dämon des Bösen sich immer der Ahnungslosen

bedient hat, um ins Unheil hineinzuführen. Adler und Schwalben haben

seit jeher mit einer Armee von Blumen in jeden deutschen Frühling

hineingeführt, aber nicht das grämliche Muhen der Haustiere, die den

Frühling zu beherrschen glauben und meinen, die Welt vermöge infolge

ihres erhabenen Traums nicht aus ihren mahlenden Zähnen zu fallen.

Nein, ich spotte nicht aus Übermut oder aus zornigem Vergnügen, sondern

ich schüttle den Bann wie jeden Alpdruck heftig in die Sonne, daß die

Motten aus seinem alten Pelze fliegen. Denn ich liebe den alten Keller

mit aller Herzlichkeit seines eigenen Gemütes, aber ich kann nicht

sehen, wie seine Nachahmer ihre schlechten Schellen an seinem Wagen

tragen. Ja, ich weiß auch, daß der Spott nicht schadet und mit jeder

guten Sache sich zu messen in der Lage ist, und daß nur die

steifbeinigen Kühe und die ergrimmten Ochsen ihn nicht ertragen können

wie die helle Sonne, die sie wütend macht.

Ja, ich gestehe auch, Mijnheer, daß es Dinge gibt, die man liebt und die

man zu gleicher Zeit verwerfen muß Haben Sie nie geschwelgt und zur

gleichen Zeit verdammt? Ist es nie so gewesen, daß Sie das Herrliche

bewußt vorüberziehen ließen und mit den Mäusen sich ergötzten? Ach, man

ist nicht einerlei, man ist zweierlei gebaut. Ich bin verantwortlich für

die großen Linien und für die Urteile und ich schneide die Staffeln in

Stein oder ich schmeiße das Zeug hinaus. Was kann ich für meinen

privaten Geschmack jenseits dieser Dinge? Ich lehne die Bücher des

Thomas Mann ab aus guten und vielen Gründen, aber ich lese sie gern, ich

liebe sogar den »Tod in Venedig«. Ich amüsiere mich schief über den

Pierrot Schäffer, aber ich liege die Nacht schmökernd mit seinem

gespenstischen »Montfort«. Ich durchschaue den Schwindel, aber ich bin

verliebt in ihn.

Ist es Ihnen nie mit Frauen so gegangen, daß am stärksten Sie reizte,

was unbedingt das Unmöglichste war? Gott hat die Natur und die Dinge oft

im Spiel seltsam zueinandergestellt, er will, daß man die Süßigkeit und

die Klarheit, aber auch den Widersinn seiner Schöpfung erkenne. Seine

Methoden sind oft von erlesener Laune, ja sie sind verrückt. Ein

Coenurus zum Beispiel, der haselnußgroß im Hirn des Schafes wandert,

zwanzig Köpfe aus dieser Blase herein- und herauszieht, das Tier an

Drehkrankheit zu Grunde dreht, ein Coenurus zerfällt, von einem Hund

gefressen, in seinem Darm, nur die Köpfe bleiben übrig und erzeugen

soviel Bandwürmer, als sie Köpfe waren, und deren Eier, vom Schaf mit

dem Gras gefressen, durchwandern wieder bis zum Exzeß des Drehens des

Schafes Hirn. Ja, sie sind verrückt und absonderlich die Umwege der

Vorsehung und man kann nichts sagen über solchen Kreislauf, als er habe

einen Sinn, den uns nichts erleuchtet.

Unsterblicher Brummell, unter allen Dandyparasiten der Literatur (die

ihrer Lustigkeit halber nicht alle wie jenes bekannte Polystomum

integerrimum in die Harnblase des Frosches verbannt gehören) erinnere

ich mich gern eines der amüsantesten Typen der Literaturlebewelt, jener

Primadonna aller Ausstellungen und Premieren, des Königlichen

Regierungsrates von Wedderkopp, der nicht den Weg vom Hirn in den Darm,

sondern den umgekehrten einschlug. Fest entschlossen, sich über alles

bis an sein Lebensende zu mokieren, begann er kritisch immer von hinten

nach vorne zu gehen, schrieb über die Kostüme der Leute, deren

Gesinnungen er besprechen sollte, machte den Damen den Hof, die er zu

verreißen beabsichtigte, griff die Reisekoffer seiner Freunde an, deren

Stücke er zu loben hatte, schwärmte, da er im Krieg die Butterverteilung

der Stadt Brüssel in seiner männlichen Hand hatte, für kriegerische

Tüchtigkeit nach den Revolutionen und schrieb mit Vorliebe, da er

konservativer Natur war, für bolschewisierende Käseblätter.

Ja, Mijnheer, man kann etwas lieben und kann es gleichzeitig vernichten,

man kann in Deutschland seine Geliebte sehen, aber man kann die falschen

Kränze auf ihrer Stirn und die schlechten Seiden ihres Kleides

verspotten. Man muß nicht, wie jene halbgefranzte Goldschnittausgabe des

seligen Dandy und Freundes Eduard des Siebenten, Brummell, immer auf die

andere Seite fallen müssen, denn der Schein der Überlegenheit ist nur

die Waffe des Snobs und die Maske des unsicheren Gentleman.

Aber man muß entschlossen dabei sein, auch über alle Kreuzwege hinaus,

über sich selbst und das bißchen private Ergötzung, über unsere

Leidenschaft und Glut hinaus, das Ziel im Auge behalten, und wenn die

Perücken von heiligen Häuptern vielleicht sogar mit den Köpfen selbst

herunterfliegen.

Am achten Tage der Schöpfung wurde auch Gott unerbittlich und schuf die

Tragödie, um die Welt zu reinigen und zu bessern. Am achten Tage

unseres Zusammenseins hat der kühle deutsche Mond sich auf die

Schwarzwaldspitzen gesetzt, und es bleibt keine Falte, kein Hauch in

diesen Lichtkavalkaden verhüllt. Am achten Tage nahm der Tod der

Margarethe von Valois, Königin von Navarra, die, aller Sprachen kundig,

des ersten französischen Franz ungewöhnliche Schwester, das Dekameron

des Boccacce ins Französische transponieren wollte, am achten Tage der

Erzählungen, in denen die ganze Welt schwimmt, nahm der Tod ihr den

Stift.

Er nahm sie weg von der zweiundsiebenzigsten Erzählung, darin, launig

aber auch teuflisch, doch nicht mißzuverstehen, erzählt wird, wie beim

Einsargen eines Toten ein neuer Mensch gezeugt wird. Ja, das Leben

marschiert, es marschiert mit klingendem Spiel auf der ganzen Linie.

Ach, ich fürchte nur, den erhabenen Traum der Haustiere wird es nicht

unterbrechen, selbst wenn die Schellen ihnen unter den ehrwürdigen Nasen

wie die Tanzschritte des Lebens klingen.

Das Bücher-Dekameron Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur · 第 14 / 21 题