V.

Wilberforce war bis jetzt, obwohl nahezu 38 Jahre alt, allein durchs

Leben gegangen, ohne sich noch eine eigene Familie gegründet zu haben.

Seine Besitzungen in Yorkshire ließ er durch seine dortigen Freunde

und Bekannten verwalten, um nicht durch die gewöhnlichen, alltäglichen

Lebenssorgen in seiner öffentlichen Thätigkeit gehindert zu sein.

Obschon es ihm seine Mittel erlaubt hätten, erwarb er sich nicht einmal

eine eigene Wohnung in London, wo er doch einen großen, wenn nicht den

größten Teil seiner Zeit zubrachte.

»Als einzelner Mann,« sagte er später einmal, »fand ich ein Vergnügen

an dem Gedanken, allein in einem gemieteten Hause zu leben. Denn so

ward ich beständig daran erinnert, daß hienieden noch nicht meine

wahre Wohnung und Heimat sei, und daß ich die Pflicht habe, nach einer

besseren Heimat auszusehen und zu streben.«

Gleichwohl fühlte er sein Alleinstehen nicht selten als einen Mangel

in seinem Leben, zumal, wenn er bei Besuchen seiner Freunde deren

glückliches Familienleben sah, und die reinen erquickenden Freuden

eines solchen schmecken und fühlen lernte. Denn seit der Verheiratung

seiner Schwester fand er auch bei seiner Mutter, die einsam in Hull

wohnte und sich von diesem Orte nicht trennen wollte, wenn er dieselbe

gelegentlich besuchte, kein eigentliches Familienleben mehr, wie es

sein gefühlvolles Herz begehrte.

Allein so oft ihm auch schon der Gedanke mochte gekommen sein, sich

einen eigenen Herd zu gründen, er hatte denselben bisher immer

wieder von sich abweisen zu sollen geglaubt, weil er befürchtete,

die Pflichten eines Familienhauptes würden ihn zu sehr in Anspruch

nehmen, als daß er im stande wäre, dem Werke, das ihm ja mehr und mehr

Lebensaufgabe wurde, die gebührende Zeit und Kraft zuzuwenden. Auch

die eigene schwache Gesundheit mochte bei seiner Abneigung, sich zu

vermählen, ein bedeutsames Wort mitsprechen.

Am allerwenigsten aber glaubte Wilberforce gerade jetzt an die Gründung

einer eigenen Familie denken zu dürfen, wo er es hatte erfahren

müssen, daß seine Gegner selbst vor meuchlerischen Anschlägen auf sein

Leben nicht zurückscheuten, und wo überdies sowohl die immer noch

nicht völlig beigelegten kriegerischen Unruhen, als auch der in immer

höherem Maße um sich greifende Geist der Empörung und des Aufruhrs alle

Verhältnisse im Lande unsicher machten.

Aber er sollte es erfahren, daß in der That die rechten Ehen »im Himmel

geschlossen werden,« und daß Gottes Gedanken über seine Kinder oft ganz

andere sind als die eigenen Menschengedanken, wenn dieselben auch auf

dem Boden voller pflichtmäßiger Überzeugung erwachsen sind und durchaus

nicht mit Gottes heiligen Geboten in Widerstreit stehen.

Denn gerade jetzt, wo er in Bath die Osterferien 1797 zubrachte,

führte ihm des Herrn Hand Diejenige zu, welche bestimmt war, ihm ein

reiches häusliches Glück zu bereiten, und so den Mangel auszufüllen,

den er sich bisher in opferwilliger Selbstverleugnung geglaubt hatte

auferlegen zu müssen.

Es war Barbara Ann, die älteste Tochter eines adeligen Herrn aus der

Grafschaft Warwickshire, des Esquire Isaak Spooner zu Elmdon Hall.

Schon die erste Begegnung dieser Dame hatte auf Wilberforce einen

tiefen Eindruck gemacht und den Gedanken in ihm erweckt, daß eine

Lebensgefährtin, die er sich erwählen sollte, gerade so und nicht

anders sein müsse. Daß es aber nicht bestechende äußere Vorzüge waren,

die diesen Eindruck auf ihn machten und ihm solche Gedanken erweckten,

sondern vielmehr die inneren Eigenschaften, die er bei der neuen

Bekannten wahrnahm und die sich ihm bei fortgesetzter Bekanntschaft

immer deutlicher erschlossen, zeigt eine Stelle in seinem Tagebuche,

welche er nach seiner Verlobung niederschrieb.

»Der Würfel ist gefallen,« heißt es da. »Ich glaube, sie eignet sich

ganz besonders für mich, und manche Umstände schienen mir diesen

Schritt anzuraten. Ich hoffe, Gott wird mich dabei segnen; ich will

darum zu ihm beten. Ich halte sie für eine ächte Christin, liebevoll,

gefühlvoll, verständig in ihrem ganzen Wesen, mäßig in ihren Wünschen

und Bestrebungen, fähig, Glück und Unglück zu ertragen, ohne davon

beherrscht zu werden. Wenn ich voreilig gewesen bin, so vergieb mir, o

Gott! Aber wenn, wie ich zuversichtlich hoffe, wir beide Dich lieben

und fürchten, und Dir dienen werden, dann wollest Du uns segnen nach

dem untrüglichen Worte Deiner Verheißung.«

Am 23. April 1797 verlobte sich Wilberforce förmlich mit der Erwählten,

und je näher er dieselbe kennen lernte, desto inniger wurde sein

Dank gegen Gott, der sie ihn hatte finden lassen, desto freudiger und

hoffnungsreicher sein Blick in die Zukunft, die sich bei der vollen

inneren Übereinstimmung der beiden Verlobten zu einer glücklichen und

gesegneten gestalten zu müssen schien.

Die glücklichen Stunden jedoch, welche Wilberforce jetzt hier in Bath

verleben durfte, konnten sein ernstes Pflichtgefühl auch nicht um einen

Finger breit abschwächen und ihn zurückhalten, wenn die Pflicht zur

Arbeit rief. Und das sollte schon wenige Tage nach der Verlobung der

Fall werden.

Es waren nämlich dadurch, daß Österreich, Englands bisheriger

Bundesgenosse gegen Frankreich, mit diesem einen besonderen Frieden

geschlossen hatte, ernste Verwickelungen für England entstanden,

die auf den inneren Zustand des Landes einen höchst nachteiligen

Einfluß äußerten. Deshalb lud der Minister Pitt seinen Freund, dessen

Scharfsinn und staatsmännische Klugheit er in hohem Maße schätzte, auf

das dringendste ein, sofort nach London zu kommen. Und Wilberforce

zögerte keinen Augenblick, diesem Rufe zu folgen, so schwer es ihm auch

werden mochte, sich jetzt sogleich wieder von seiner Braut zu trennen.

Ja, als sich ihm in London die Überzeugung aufdrängte, daß sich

die Verhältnisse des Landes in einem noch viel schlimmeren und

gefährlicheren Zustande befänden, als er bei seiner Abreise befürchtet

hatte, in einem Zustande, der für ihn selber Gefahren herbeiführen

konnte, wenn er sich wieder voll und ganz an dem öffentlichen Leben

beteiligte, entschloß er sich sogar dazu, wenn auch erst nach schwerem

innerem Kampfe, seine Braut ihres Wortes zu entbinden, um sie nicht

in die ihm drohenden Gefahren und Schicksale mit hineinzuziehen.

Indessen nahm er schon nach zwei Tagen diesen ihm durch die erste

augenblickliche Bestürzung eingegebenen Vorschlag wieder zurück im

festen Vertrauen auf die Güte und Fürsorge Gottes, die ihn bisher in

gefährlichen Lagen stets so treu und gnädig bewahrt habe und auch

fernerhin bewahren werde.

Die ernsten Zeitumstände, welche zu Zornesgerichten Gottes über das

Land zu werden drohten, gaben Wilberforce den Mut, am 15. Mai wiederum

die Sklavensache im Parlamente vorzubringen, weil er hoffen durfte,

die ernste Hinweisung auf die drohenden Gottesgerichte würde auch die

verstocktesten Gegner herumbringen, daß sie nicht länger gegen etwas

widerstrebten, was diese Gerichte geradezu herausfordere. Aber er

erntete nur Spott und Hohn wegen seiner unaufhörlichen Belästigungen

des Parlaments, und mußte den Schmerz erleben, daß man sich mit 82

gegen 74 Stimmen für die Beibehaltung des Sklavenhandels entschied,

also nicht einmal die früheren Beschlüsse beachtete, worin doch die

Abschaffung dieses Handels als etwas, das kommen werde und müsse,

hingestellt worden war.

Schmerzlich bewegt kehrte er, als seine Anwesenheit in London nicht

mehr so dringend nötig erschien, nach Bath zurück und feierte erst am

30. Mai in aller Stille seine Hochzeit. Nach einem kurzen Besuche bei

seiner Freundin Hannah More, welcher er seine erwählte Lebensgefährtin

glaubte vorstellen zu müssen, weil sie an seinem Wohl und Wehe so

warmen Anteil nahm, kehrte er dann wieder nach London zurück, um

den Sitzungen des Parlamentes bis zu ihrem Schlusse beizuwohnen,

und es wo möglich durchzusetzen, daß bei den in Aussicht stehenden

Friedensverhandlungen mit Frankreich für die Abschaffung des

Sklavenhandels etwas gewonnen würde.

Er nahm jedoch seine Frau mit sich und mietete für sie ein Landgut in

der Nähe von London, wo er dann, nachdem die Tagesarbeit im Parlamente

gethan war, im Glücke und Frieden des eigenen Hauses sich erholen

konnte. Was ihm diesen Aufenthalt besonders lieb machte, war das, daß

er ganz nahe bei dem Landsitze seines Freundes Eliot lag, des Schwagers

von Minister Pitt, mit dem er schon seit Jahren auf das Engste

verbunden war.

Welch köstliche Tage er hier im Genusse der innigsten Freundschaft und

des jungen, ehelichen Glückes verleben durfte, beweisen eine Reihe von

Briefen, die er an auswärtige Freunde schrieb, und worin er die Gnade

Gottes pries, die ihm alles gegeben habe, was der Mensch auf Erden

zum Glücke bedürfe. Allein es sollte auch bei ihm so gehen, wie es ja

der Herr bei den Seinigen so oft fügt, daß auf die Tage des sonnigen

Glückes bald wieder trübe und dunkele Schmerzenstage folgen, und das

prophetische Wort, womit einer seiner Freunde ihm geantwortet hatte:

»ich fürchte, daß es kaum zur menschlichen Natur stimmt, lange so

glücklich zu sein,« sollte nur zu schnell Wahrheit werden.

Denn nicht allein, daß der von ihm hochgeschätzte Gatte seiner

Schwester, der Prediger Clarke in Hull plötzlich und unerwartet vom

Tode weggerafft wurde; auch sein innig geliebter Freund Eliot mußte

denselben Weg gehen. Und wenn es für Wilberforce ein großer Trost

gewesen war, daß seine alte Mutter und seine verwittwete Schwester an

dem Nachfolger Clarkes, dem Bruder seines langjährigen Freundes Milner

eine kräftige Stütze gefunden hatten, so wurde ihm auch dieser Trost

bald wieder geraubt, da Joseph Milner schon nach ganz kurzer Zeit starb.

Diese drei rasch aufeinander folgenden Todesfälle beugten Wilberforce

tief nieder. Aber er verstand es auch, dieselben sich zum innerlichen

Segen werden zu lassen. Wie eindringlich schrieb er in sein Tagebuch,

»lehren auch diese Ereignisse, daß die uns zugemessene Zeit kurz ist! O

möchte ich lernen und weise sein!«

Und siehe, kaum hatte er diese Verluste einigermaßen überwunden, da

traf ihn ein neuer Schlag, der sein gefühlvolles Herz tief verwundete.

Nach kurzer Krankheit starb nämlich in Hull auch seine eigene Mutter,

die ihm von Jahr zu Jahr lieber geworden war, je mehr sie sich, durch

das Vorbild des frommen Sohnes angeregt, dem wahren Christentum

zugewandt hatte und je mehr dadurch der innere Einklang zwischen Mutter

und Sohn gewachsen war, der früher gefehlt hatte. Welch ein Trost

war es für Wilberforce, sich an ihrem Sarge der festen Zuversicht

überlassen zu können, daß ihr Ende ein seliges gewesen sei!

Von ihrem Begräbnisse zurückgekehrt, durfte er es aber auch erfahren,

daß Gottes Liebe in die Schmerzenstage des Lebens immer auch

Freudenstunden einflicht, die das gebeugte Herz stärken und aufrichten

sollen. Seine Gattin schenkte ihm nämlich jetzt im Sommer 1798 den

ersten Sohn. Wie freudig jubelte er dafür in seinem Tagebuche Gott

dem Herrn seinen Dank aus und wie inbrünstig betete er um Kraft und

Beistand von oben, daß es ihm gelingen möge, das Kind zu einem rechten

Christenmenschen zu erziehen!

Mit der Sklavensache gab es auch in der Parlamentssitzung von 1798

keinen Fortgang. Wilberforce brachte zwar seinen Antrag auf Verbot

des Sklavenhandels getreulich wieder ein trotz des ärgerlichen

Kopfschüttelns vieler Parlamentsmitglieder, die dieses ewig

wiederkehrenden Antrags überdrüssig waren; aber wiederum fiel derselbe

durch, wenn er auch nur mit der kleinen Mehrheit von 4 Stimmen

abgelehnt wurde. Zwar gelang es den Gegnern nicht, irgend etwas

vorzubringen, was die Beweise entkräften konnte, die Wilberforce

für die beim Sklavenhandel vorkommenden entsetzlichen Grausamkeiten

beibrachte, aber sie warfen ein und fanden für diesen Einwurf viele

gläubige Abnehmer, daß der Sklavenhandel, wenn er gesetzlich verboten

würde, dennoch nicht ganz aufhören, sondern in ungesetzlicher Weise

fortgetrieben werden würde, und daß dann voraussichtlich unter dem

Schleier des Geheimnisses noch viel größere Grausamkeiten vorkommen

würden.

Wollte es mit der Sklavensache noch immer keinen Fortgang gewinnen, so

suchte Wilberforce dem Drange seiner thätigen Menschenliebe in allerlei

anderer Weise zu genügen und suchte überall die Not auf, um sie nach

Kräften zu lindern. Wir wissen, daß er im Jahre 1789 über 2000 Pfund

Sterling, also über 40,000 Mark zu wohlthätigen Zwecken verwandte, eine

Summe, bei welcher er gewiß nicht ängstlich berechnet hatte, ob sie

nicht seine Vermögensverhältnisse überstiege. Dabei gab Wilberforce

nie blindlings sein Geld weg, sondern prüfte immer erst sorgfältig,

ob seine Unterstützungen auch nicht an Unwürdige weggeworfen seien.

Es war also seine Wohlthätigkeit etwas mehr, als das blos äußerliche

Sichloskaufen von einer Verpflichtung, die er sich durch seinen

Reichtum auferlegt fühlte, sie war ein wirkliches Üben brüderlicher

Liebe mit der Vorsicht und Weisheit, ohne welche die Wohlthätigkeit

zur nutzlosen Verschwendung werden kann, ja zu einem verderblichen

Förderungsmittel der Trägheit und des Lasters.

Die günstige Aufnahme, welche sein Buch überall gefunden hatte und

die ihm noch fortwährend zukommenden Zeugnisse von den segensreichen

Wirkungen, die dasselbe übte, ließen ihn erkennen, daß ihm auch ein

geistiges Pfund anvertraut sei, welches er ebensowohl wie das äußere

seines Reichtums zum Wohle seiner Nebenmenschen zu verwenden habe.

Da ihm nun zum Schreiben eines weiteren größeren Buches immer mehr

die nötige Ruhe und freie Zeit gebrach, so beschloß er, in Verbindung

mit mehreren gleichgesinnten Freunden eine religiöse Zeitschrift

herauszugeben, welche dem überhandnehmenden Unglauben besonders in den

mittleren Ständen einen Damm entgegensetzen sollte. Die erste Nummer

dieser Zeitschrift, welche den Titel: »Der christliche Beobachter«

führen sollte, erschien jedoch erst im Januar 1801.

Auch die Ansiedelung auf Sierra Leone machte ihm in dieser Zeit

viel zu schaffen, da dieselbe gerade damals mit besonders großen

Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und doch bestehen bleiben und

sich im Segen entwickeln mußte, wenn die Behauptung, daß die Neger

keine bildungsfähigen Menschen seien, auf welche die Freunde

des Sklavenhandels sich besonders stützten, in ihrer völligen

Grundlosigkeit hingestellt, und diesen ihre beste, wirksamste Waffe

entrissen werden sollte.

Der glorreiche Sieg zur See, in welchem der englische Admiral Nelson am

1. August 1798 bei Abukir fast die ganze französische Flotte vernichtet

hatte und der in ganz England mit unsäglichem Jubel begrüßt worden

war, gab Wilberforce neuen Mut, trotz aller erlittenen Niederlagen,

auch in der Parlamentssitzung von 1799 wieder gegen den Sklavenhandel

aufzutreten. Hatte doch der fromme Seeheld Nelson zur herzlichen Freude

unseres Wilberforce in seinem Berichte ausdrücklich darauf hingewiesen,

wieviel Dank das englische Volk für diesen Sieg seinem Gotte schuldig

sei! Mußte es da nicht von durchschlagender Wirkung sein, wenn nun

Wilberforce seinerseits mit seiner feurigen Beredsamkeit mahnte, diesen

Dank durch Abstellung des Sklavenhandels thatsächlich darzubringen und

nicht durch Verhärtung in einem anerkannten und zweifellosen Unrecht

den Zorn Gottes über das Land zu reizen? -- Aber siehe, auch diesmal

wieder fielen die warmen, begeisterten Worte, womit er seinen Antrag

verfocht, auf unfruchtbaren Boden, sein Antrag fiel durch.

Die tiefe Niedergeschlagenheit, in welche er wegen dieses neuen

unerwarteten Mißerfolgs verfiel, brachte ihn auch körperlich

sehr herunter. Ein heftiges Fieber befiel ihn und hinderte ihn,

die Parlamentssitzung zu besuchen, welche auf den 24. September

ausgeschrieben war, um die Entsendung eines Heeres nach den

Niederlanden zu beraten, wo dasselbe gemeinschaftlich mit den Russen

die Franzosen bekämpfen sollte.

Da auch seine Gattin, die am 21. Juni von einem Töchterlein entbunden

worden war, der Ruhe bedurfte, so mietete sich Wilberforce in der Nähe

von Bath, dessen unruhiges Badeleben ihm nicht zusagte, eine Wohnung

auf dem Lande und brachte dort vier Monate im Genusse eines ruhigen,

ungestörten Familienlebens zu. Aber Arbeit machte er sich auch hier,

weil er ohne solche nicht leben konnte. Die stillen Sonntage auf dem

Lande, deren Köstlichkeit und Segen niemand besser zu würdigen wußte,

als er, mahnten ihn, für die Förderung einer rechten Sonntagsheiligung

thätig zu sein. Das war zwar nicht erst eine neue Thätigkeit. Denn

er hatte schon das Parlament aufgefordert, gesetzlich gegen jede

Entheiligung des Sonntages einzuschreiten, und als er das nicht

durchsetzen konnte, wenigstens auf eigene Hand eine ganze Anzahl von

Parlamentsgliedern zusammengebracht, die sich freiwillig verbanden,

für eine rechte Sonntagsheiligung zu wirken und dabei selbst mit gutem

Beispiel voranzugehen. Er hatte auch durch Verwendung seines Einflusses

bei den Ministern eine Verfügung erwirkt, wonach niemand mehr gegen

sein Gewissen durch Geld- und Freiheitsstrafen gezwungen werden durfte,

sich an militärischen Übungen zu beteiligen, welche am Sonntage

stattfanden, wie dies an vielen Orten geschah.

Aber mußten nicht die stillen gesegneten Sonntage hier auf dem Lande

ihm ein unwiderstehlicher Antrieb werden, in der Nähe und in der Ferne,

durch Wort und Schrift darauf hinzuwirken, daß solch eine gesegnete

Sonntagsfeier allenthalben möglich werde und auch allenthalben zu

stande käme?

Im Januar 1800 kehrte Wilberforce neu gestärkt nach London zurück

und trat sofort wieder mit frischer Kraft in die parlamentarische

Thätigkeit ein. Es handelte sich jetzt in der That um den Frieden

mit Frankreich, über welchen von seiten Napoleons Unterhandlungen

eingeleitet worden waren. Allein die von demselben vorgeschlagenen

Friedensbedingungen waren der Art, daß selbst der friedliebende

Wilberforce dazu raten mußte, sie zu verwerfen, und das Ministerium,

welches gleicher Ansicht mit ihm war, kräftig unterstützte. »Wer heute

meine Rede hörte,« sagte er selbst, »mußte mich für einen größeren

Freund des Krieges halten, als ich es in Wahrheit bin.«

Ein sehr erfreuliches Ereignis war es für Wilberforce, daß sein Freund

Stephen, sein treuer Gefährte im Kampfe gegen den Sklavenhandel, dessen

Scheußlichkeiten er bei einem langen Aufenthalte in Westindien durch

eigenen Augenschein kennen gelernt hatte, seiner verwittweten Schwester

die Hand reichte und dadurch eine noch nähere Verbindung mit ihm

schloß, als sie bisher schon durch ihre Kampfgenossenschaft bestanden

hatte.

Aber bald fiel auch wieder ein düsterer Schatten in sein Leben, der

um ein Haar zu einer völligen Trübsalsfinsternis geworden wäre. Denn

bald nach der Rückkehr aus dem Seebade Bognor, wo er sich eine Zeit

lang nach dem Parlamentsschlusse mit seiner Familie aufgehalten hatte,

verfiel seine geliebte Gattin in eine schwere Krankheit, welche das

Schlimmste befürchten ließ. Wie es dabei in seinem Inneren aussah, mag

ein Brief beweisen, den er am 27. September an Hannah More schrieb.

»Mein teure Freundin,« heißt es darin, »Sie sollen nicht

durch eine andere Feder erfahren, daß es Gott gefallen, meine

teuerste Frau mit einem gefährlichen Fieber heimzusuchen. Man

sagt mir, daß der endliche Ausgang der Krankheit wahrscheinlich

nicht bald entschieden sein werde, daß ich aber nach der

Heftigkeit des Beginnens Ursache habe, alles zu fürchten, wenn

auch nicht jede Hoffnung aufzugeben. Aber ach, meine teuere

Freundin, was für ein unaussprechlicher Segen ist es für mich,

daß ich in Demut hoffen kann, der Tod werde für meine arme

Gattin die Versetzung sein aus einer Welt der Sünde und der

Sorge in das Land vollkommener Heiligkeit und nie endender

Seligkeit! Wie tröstend ist der Gedanke, daß ihre Leiden ihr

nicht allein zugeteilt, sondern auch zugemessen sind durch ein

Wesen voll unendlicher Weisheit und Güte, welches sie liebt,

wie ich hoffe, mehr als ein teures Kind von einem irdischen

Vater geliebt ist! Ich weiß, Sie alle werden für mich fühlen,

für mich und meine arme Leidende beten. Ich bin noch nicht

genug an das Krankenbett gewöhnt; es ist äußerst angreifend

für mich, ihre Heftigkeit und wirre Unruhe zu bemerken,

ja bisweilen ihr Phantasieren zu hören, während damit ihr

gewöhnlicher freundlicher Blick und ihre sanfte Ruhe verbunden

ist. Möchten wir alle bereit sein und endlich alle in der

Herrlichkeit zusammentreffen, jetzt aber wachen und beten und

nüchtern sein und danach trachten, einzugehen; dann werden wir

gewiß einst nicht ausgeschlossen werden. Ich pflege auch sonst

solche Worte zu reden wie diese, und, wie ich hoffe, aus dem

Herzen. Aber wieviel kräftiger prägen sie sich dem Geiste ein

bei dem Anblick des Todes, wie ich ihn habe! Gott segne Sie

alle! Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns Allen!

Für immer Ihr W. Wilberforce.«

Und weiter schreibt er in dieser Zeit: »Welch unaussprechliche

Tröstung und Erleichterung ist es, in solch einem Augenblick die volle

Zuversicht zu hegen, daß meine teuerste Gattin ihren Frieden mit Gott

gemacht hat und für die furchtbare Vorladung nicht unvorbereitet ist!

Ich danke Gott, daß ich im stande bin, mich seiner Züchtigung (welche

leider nur zu sehr verdient ist) ohne Murren zu unterwerfen, und,

wie ich demütig hoffe, mit Ergebung, ich möchte sagen: mit frohem,

dankbarem Sinne gegen seinen heiligen Willen. Er weiß am besten, was

uns gut ist, und wenn unsere Leiden hier, indem sie uns aus der

Trägheit erwecken und uns näher zum Himmel drängen, in irgend einem

Grade dazu dienen, das Glück der Ewigkeit zu erhöhen, so mögen wir wohl

in der triumphierenden Sprache des Apostels ausrufen: »Unsere Trübsal,

die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige über alle Maßen

wichtige Herrlichkeit!« -- Mein teures Weib hat stets phantasiert, seit

wir wußten, daß ihre Krankheit gefährlich sei. Wie wenig hätten wir für

ihren Seelenzustand thun können, wenn er früher vernachlässigt worden

wäre und wir nun erst gewünscht hätten, sie zum Tode vorzubereiten!

Welch praktische Lehre für uns alle!«

Welch tiefen Blick eröffnen uns diese Worte, die doch gewiß der

unmittelbarste Erguß der Gedanken und Gefühle waren, in ein Herz voll

des lautersten, aufrichtigsten Christentums, in ein Herz, das gelernt

hatte, sich ganz im Glauben dem Herrn anzuvertrauen, in ein Herz, das

für den Menschen nichts Höheres kannte, als den Gewinn des ewigen

Lebens!

Die züchtigende Hand des Herrn ließ es indessen bei Wilberforce nicht

zum Äußersten kommen. Sein Flehen wurde erhört, die Krankheit wendete

sich zum Besseren. Am 20. Oktober konnte er frohlockend und dankend

melden, daß ihm sein geliebtes Weib erhalten sei und allmählich die

Gesundheit und frühere Kraft wiedererlange. Wenn er sich aber dabei

gleichsam in demselben Atem selbst anklagt, daß die ernsten Gefühle in

den Augenblicken des Leidens hernach, wenn dasselbe durch Gottes Gnade

vorüber sei, so bald wieder sich abschwächten und dahinschwänden, so

beweist dies, wie sehr er gewohnt war, auch auf die leisesten Regungen

seines Herzens zu achten und wie ihm äußere Erlebnisse in Freude und

Leid niemals den heilsamen Blick in das eigene Herz trüben konnten.

Die Hoffnung, welche Wilberforce gehegt hatte, daß er, wenn der Friede

mit Frankreich, nach welchem jetzt ganz England seufzte, geschlossen

werden würde, es werde durchsetzen können, daß die Abschaffung des

Sklavenhandels unter die Friedensbedingungen aufgenommen würde, erwies

sich als eine trügerische. Wiewohl sich Pitt mit ihm vereinigte, schlug

dieser Plan fehl. Da wegen der wichtigen Arbeiten, die dem Parlamente

vorlagen, auch ein neuer Antrag wegen des Sklavenhandels keine Aussicht

hatte, nur zur Beratung zu kommen, mußte sich Wilberforce darauf

beschränken, durch seinen Schwager Stephen kleinere Flugschriften gegen

den Sklavenhandel abfassen zu lassen, die dann in Massen unter das Volk

geworfen wurden, um bei diesem das Interesse für die Sklavensache,

welches unter den kriegerischen Unruhen und dem Drucke einer großen

Teuerung fast erloschen sein mußte, wieder neu zu beleben.

Am 25. April 1802 war denn endlich zu Amiens der Friede mit Frankreich

zu stande gekommen, und da Wilberforce wieder aufs neue als Vertreter

für die Grafschaft York ins Parlament gewählt worden war, sprach er

sich voll heiligen Eifers dafür aus, es sei nötig, die goldene Zeit

des Friedens dazu zu verwenden, daß der sittliche Zustand des Landes

gebessert werde, daß die Kinder der geringeren Stände in tugendhafter

Sitte und zur Anhänglichkeit an die bürgerlichen und religiösen

Einrichtungen des Landes erzogen würden, daß für die niedrigen Klassen

der Steuerdruck ermäßigt und an Stelle der aufrührerischen Ansichten

und Neigungen ein rechter Gemeingeist bei dem Volke geweckt und

gepflegt würde.

Man erklärte freilich solche Reden im Parlamente kurzweg für baren

Unsinn, aber Wilberforce ließ sich durch solche beleidigende Urteile

den Mund nicht zubinden und kam immer wieder von neuem in seinen Reden

auf diese Forderungen zurück.

Leider schien der Friede, den Wilberforce in solch heilsamer Weise

benutzt haben wollte, nicht von langer Dauer sein zu sollen.

Gegenseitige Beschwerden über Nichterfüllung der Bedingungen des

Friedens von Amiens flogen über den Kanal hinüber, und es wurde bald

klar, daß es zu einem Bruche mit dem französischen Gewalthaber, mit

Napoleon kommen müsse, der auch England gerne unter sein Scepter

gebeugt gesehen hätte.

Bei dieser unsicheren Lage der äußeren Verhältnisse, welche die ganze

Aufmerksamkeit und Sorge des Parlaments in Anspruch nahmen, hielt es

Wilberforce für völlig aussichtslos, und nur dazu geeignet, den Unmut

der Volksvertreter zu erregen, wenn er auch jetzt wieder seine alten

Anträge erneuert hätte.

Um aber nicht ganz unthätig in seiner großen Sache zu bleiben,

entschloß er sich, wie es sein Schwager Stephen schon früher gethan

hatte, eine Flugschrift zu schreiben, worin der ganze bisherige

Gang der Verhandlungen über die Sklavensache klar und übersichtlich

dargelegt wäre. Hatte doch seit dem Jahre 1792 eine sorgfältige und

gründliche Verhandlung über diese Sache kaum mehr stattgefunden,

und da fast die Hälfte der Volksvertreter, die damals im Parlamente

gesessen hatten, durch neue ersetzt waren, so gab es unter diesen gewiß

viele, denen jede nähere Bekanntschaft mit den bereits gepflogenen

Verhandlungen und besonders mit den für die Schändlichkeit des

Sklavenhandels beigebrachten Beweisen und Zeugnissen mangelte.

Wilberforce begab sich nun sogleich an diese Schrift und arbeitete

den ganzen Januar 1803 so angestrengt und anhaltend, daß er sich eine

Krankheit zuzog, die ihn längere Zeit an das Lager fesselte.

Kaum genesen beteiligte er sich mit feurigem Eifer im April 1803 an der

Gründung der englischen Bibelgesellschaft, die noch heute in reichem

Segen wirkt und schon viele Millionen Bibeln in hunderten von Sprachen

nach allen Weltenden verbreitet hat.

Nichts desto weniger ließ er über solchen Friedensarbeiten die äußere

Lage des Vaterlandes nicht aus den Augen und half mit aller Macht

darauf dringen, daß das Land in den gehörigen Verteidigungszustand

gesetzt werde. Denn, wenn der Krieg mit Frankreich wirklich wieder

ausbrach, so lag die Befürchtung nahe, Napoleon würde wenigstens

den Versuch machen, mit einem Heere in England zu landen. Indessen,

so lange der Krieg nicht wirklich erklärt sei, riet Wilberforce zum

Frieden, wenn auch für denselben Opfer sollten gebracht werden müssen.

Er glaubte fürchten zu müssen, daß Gott in einem neuen, leichtsinnig

begonnenen Kriege seine Zornesgerichte über England werde kommen lassen.

Als aber am 15. Mai 1803 der englische Gesandte Paris verlassen

hatte und ihm am 18. die Kriegserklärung Napoleons auf dem Fuße

folgte, forderte Wilberforce zu festen, kräftigen Schritten auf und

sprach dafür trotz seines kränklichen Zustandes mit aller Wärme und

Entschiedenheit, welche ihm die Vaterlandsliebe eingab.

William Wilberforce, der Sklavenfreund Ein Lebensbild, für die deutsche Jugend und das deutsche Volk gezeichnet · 第 8 / 20 题