I.

Wir haben für den Mann, dessen Lebensbild wir auf den nachfolgenden

Blättern zeichnen wollen, da vorne auf dem Titelblatte die nähere

Bezeichnung »Der Sklavenfreund« gewählt, und gewiß mit gutem Grunde,

wie jeder, der den Mann erst aus diesem Büchlein kennen lernt, nach

Durchlesung desselben wird zugestehen müssen.

Aber ob auch jeder unserer lieben Leser weiß, was es mit dieser

Bezeichnung auf sich hat, und wie sehr dieselbe berechtigt, denjenigen,

welchem sie mit voller Wahrheit zukommt, unter die bedeutenden Menschen

zu zählen, denen in diesem Büchlein ein ehrendes Gedächtnis gestiftet

werden soll?

Was man unter +Sklaven+ versteht, brauchen wir ja wohl niemandem

erst weitläufig zu erklären. Jedermann hat ohne Zweifel von jenen

unglückseligen Menschen gehört, die von anderen Menschen, ihren

Brüdern, in der entsetzlichsten Knechtschaft gehalten werden; über die

von diesen, ihren sogenannten Herren, das vollste unbeschränkteste

Eigentumsrecht in Anspruch genommen wird; die wie das Vieh oder eine

tote Ware gekauft oder verkauft werden und meistenteils auch kaum eine

bessere Behandlung wie das Vieh erfahren.

Und wer etwa schon solch ein Buch gelesen hat, wie das wohlbekannte

auch ins Deutsche übersetzte der Amerikanerin H. Beecher-Stowe, welches

den Titel führt: »Onkel Toms Hütte«, der hat auch schon einen Einblick

bekommen in das herzzerreißende Elend, welches die Sklaverei im

Gefolge hat. Und wenn er nur ein menschlich fühlendes Herz in der Brust

trägt, das sich von Jammer und Elend, wo und wie sie ihm begegnen,

rühren läßt, geschweige denn, wenn sein Herz ein christliches ist, in

welchem das Gebot lebt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! so kann

er nicht anders, als seine höchste Achtung Solchen zollen, die ihre

ganze Kraft einsetzen, um das Elend der Sklaverei lindern zu helfen, ja

die auf die gänzliche Abschaffung der Sklaverei hinwirken, welche ohne

Zweifel der größte Schandfleck für die Menschheit ist, der nur gedacht

werden kann.

Aber, so fragt man unwillkürlich, wie war es überhaupt möglich, daß

etwas so Entsetzliches und Schändliches wie die Sklaverei in der

Welt aufkam? Wie war es möglich, daß sich Menschen dazu herbeilassen

konnten, andere Menschen in eine Lage zu setzen, in welcher die

Menschenwürde geradezu mit Füßen getreten ist?

Auf diese Frage kann man denn aber nur die rechte Antwort finden,

wenn man erwägt, daß von Uranfang her das Psalmwort (Psalm 10,

10) seine Wahrheit hatte: »Der Gottlose zerschlägt und drückt

nieder und stößt zu Boden den Armen mit Gewalt«; daß von jeher der

Stärkere, weil er dazu befähigt war, sich auch berechtigt hielt, den

Schwächeren zu unterdrücken und sich dienstbar zu machen. So war es

ja, wie gesagt, von Uranfang her, seitdem durch das Eindringen der

Sünde in die Welt und durch den dadurch hervorgerufenen Abfall der

Menschenherzen von Gott, in diesen an die Stelle der Liebe, dieses

Abglanzes des göttlichen Wesens, die Selbstsucht getreten ist; so

ist es noch heute, wo das Recht des Stärkeren ohne Scheu als ein

natürliches, unangreifbares Menschenrecht hingestellt, und auch in den

Schranken, die das Gesetz nur irgendwie zuläßt, mit der furchtbarsten

Rücksichtslosigkeit geübt wird; so wird es auch bleiben, solange nicht

das Grundgesetz des Christentums, das Gesetz der selbstverleugnenden

Liebe allenthalben zur vollen Geltung gekommen ist, wonach der Starke

seine Stärke nicht zur Unterdrückung, sondern zum Schutze des Schwachen

verwenden soll.

Die Sklaverei an und für sich ist deshalb auch fast so alt wie das

Menschengeschlecht, und jedenfalls so alt als die Kriege in der Welt

sind. Denn die ersten Sklaven waren ohne Zweifel Kriegsgefangene, die

man zum Knechtsdienste zwang und gegen die man, weil sie Volks- oder

Stammesfeinde waren, an deren Hände das Blut der eigenen Landsleute

und Stammesgenossen klebte, ungescheut jede Grausamkeit und Gewaltthat

glaubte üben zu dürfen. Erst allmählig mag sich dann die Sklaverei

als ein dauernder, sogar gesetzlicher Zustand herausgebildet haben,

bei welchem die Sklaven als lebende Ware betrachtet und mit voller

Rechtsgiltigkeit gekauft und verkauft wurden.

Die alten Denkmäler Ägyptens mit ihren Inschriften und Bildwerken

erheben es zur unbestreitbaren Gewißheit, daß dort im Nillande schon

etwa 1600 Jahre vor Christo die Sklaverei bestand, daß vollständige

Sklavenmärkte abgehalten wurden, ja daß schon damals Negersklaven

vorkamen, jedoch wohl nur als Kriegsgefangene, nicht aber als Glieder

der Menschenrasse, die vorzugsweise zur Sklaverei bestimmt sei und bei

der schon ihre Hautfarbe den Bann und den Fluch der Sklaverei bedingte.

Der traurige Ruhm, diese letztere Anschauung von der Bestimmung der

schwarzen Menschenrasse zur Sklaverei aufgebracht und diese Rasse als

eine niedrige Menschenart hingestellt zu haben, die sich vom Tiere kaum

anders als durch die äußere Gestalt unterscheide, fällt leider auf die

christlichen Nationen der Neuzeit. Und, um dies hier schon einzufügen,

leider wurde sogar aus dem Worte Gottes zu beweisen gesucht, daß die

Sklaverei der Schwarzen ein gottgewollter Zustand sei. Man mißbrauchte

nämlich jenen schweren Fluch, den Noah über die Nachkommen seines

Sohnes Ham, den man als den Stammvater der schwarzen Rasse ansieht,

aussprach, wie 1 Mos. 9, 25. 27 zu lesen steht, als Beweisstelle dafür;

man nahm also einen menschlichen Vaterfluch, der durch eine schwere

Sünde des Sohnes hervorgerufen war, als Ausdruck eines göttlichen

Willens und begründete dadurch jene heillose Verwirrung der Gewissen,

aus der, als aus einer trüben Quelle, all das entsetzliche Elend der

Negersklaverei, all die grauenhaften Grausamkeiten des Handels mit

Schwarzen hervorfloß.

Auch unter den +Juden+ findet sich schon in frühester Zeit Sklaverei

und Sklavenhandel. Abraham besaß eine Menge von »Knechten«, die wohl

nichts anderes, als leibeigene Sklaven gewesen sind. Denn 1 Mos. 17,

23 werden ausdrücklich unter diesen Knechten solche unterschieden, die

daheim im Hause geboren, und solche, die erkauft waren. Wir haben also

da schon eine durch Geburt vererbte und ebensowohl eine durch Kauf zu

stande gekommenene Knechtschaft, und zwar in sehr ausgedehntem Maße.

Denn 1 Mos. 14, 9 werden allein 318 waffenfähige Knechte erwähnt, die

im Besitze des Erzvaters waren.

Und weist nicht der Umstand, daß Jakobs Söhne ihren Bruder Joseph

an israelitische Händler verkauften, ebenfalls darauf hin, daß der

Sklavenhandel damals schon etwas ganz Gewöhnliches und Herkömmliches

war?

Allerdings scheinen die Knechte oder Sklaven damals völlig zur

Familie gehört zu haben und keineswegs als völlig rechtlos geachtet

worden zu sein. Denn sie wurden ebenso wie die eignen Kinder und

Hausgenossen durch die Beschneidung in den Bund aufgenommen, den Gott

der Herr mit Abraham gemacht hatte (1 Mos. 14, 9) und bei Elieser,

dem treuen Knechte Abrahams, wurde sogar das Knechtsverhältnis ein so

verschwindendes, daß Abraham, als ihm noch der eigene Sohn mangelte,

Eliesers Sohn zu seinem Erben zu machen gedachte. (1 Mos. 15, 4.)

Als Israel Gottes Volk geworden war und jedes Glied ein Knecht Gottes,

durfte kein Israelit »auf leibeigene Weise« (3 Mos. 25, 42) verkauft

werden, während die Leibeigenschaft von Nichtjuden nach wie vor

bestehen blieb.

Allerdings konnte ein Israelit nach dem Gesetze in die Dienste

eines anderen kommen, entweder wenn er selbst sich und die Seinigen

freiwillig demselben in die Dienstbarkeit verkaufte, weil er wegen

Armut seine Familie nicht mehr durchbringen konnte, oder wenn er

durch gerichtlichen Zwangsverkauf ihm zufiel, weil er z. B. für einen

begangenen Diebstahl nicht den genügenden Ersatz leisten konnte. Aber

es waren im Gesetze Anordnungen getroffen, welche dem in solcher Weise

unfrei gewordenen die Rückkehr in die Freiheit und Selbstständigkeit

ermöglichten; und vor allem durfte ein solcher Unfreier an Auswärtige

nicht wieder verkauft werden.

Jedoch auch die heidnischen Sklaven hatten sich nach dem mosaischen

Gesetze einer im Ganzen menschlichen Behandlung zu erfreuen. Wer einen

seiner heidnischen Sklaven bei etwaiger Züchtigung oder im Zorne

tötete, wurde bestraft, wenn der Tod unmittelbar erfolgte; überlebte

dagegen der Sklave die Mißhandlung um einige Tage, sodaß sein Tod nicht

als unmittelbare Folge derselben angesehen werden konnte, so wurde

angenommen, daß der Tod nicht absichtlich herbeigeführt worden sei,

und der Herr wurde als durch den Verlust des Sklaven genug bestraft

angesehen.

Auch bei den alten +Griechen+ stand die Sklaverei in voller Blüte

trotz des starken Freiheitssinnes, der in diesem Volke lebte; ja die

ganze gesellschaftliche Ordnung der Griechen forderte gewissermaßen

die Unfreiheit anderer, die Sklaverei, als notwendige Unterlage. Damit

sich die freien Staatsbürger ganz und ausschließlich dem öffentlichen

Leben und den Staatsgeschäften widmen könnten, wie es in einer Republik

nötig erschien, durfte es nicht an Solchen fehlen, die sich lediglich

den kleinlichen Geschäften des täglichen Lebens und der Besorgung des

Hauswesens widmeten. Zu den schwereren und gröberen Arbeiten verwendete

man die Kriegsgefangenen, während die auf den Märkten gekauften Sklaven

vorzugsweise zu Hausdienern genommen wurden. Berühmte Sklavenmärkte

wurden auf den Inseln Delos und Chios abgehalten, wohin aus Ägypten

auch Negersklaven geschickt wurden, die als Luxus-Sklaven sehr beliebt

waren und von besonderem Reichtum des Besitzers Zeugnis gaben.

Ehe der berühmte Solon seine Gesetze gab, durfte der Gläubiger auch

zahlungsunfähige Schuldner in die Sklaverei verkaufen, und selbst

Eltern war dies mit ihren Kindern gestattet.

Jedoch war bei den Griechen die Behandlung der Sklaven im Großen und

Ganzen nichts weniger als unmenschlich. Der Herr konnte genötigt

werden, einen Sklaven, den er aus Bosheit grausam behandelte, zu

verkaufen, ja er konnte selbst alle seine Rechte auf ihn verlieren. In

Athen wurde der Herr, welcher einen seiner Sklaven getötet hatte, in

die Verbannung geschickt, und die Tötung eines fremden Sklaven wurde

ebenso bestraft wie die eines freien Mannes. Überhaupt war der Sklave

bei den Griechen nicht völlig rechtlos, konnte sogar bis zu einem

gewissen Grade eigenes Vermögen erwerben.

Anders war es bei den alten +Römern+, deren ganzes Staatswesen

auf Gewaltsamkeit aufgebaut war und denen die beständig geführten

Kriege zahllose Gefangene als Sklaven zuführten. Bei ihnen galt der

kriegsgefangene Sklave nicht mehr als jede andere tote Kriegsbeute;

er war nur eine Sache, über die dem Herrn das unbeschränkteste

Eigentumsrecht zustand. Er konnte und durfte seine Sklaven ganz

willkürlich verheiraten und dann wieder von Weib und Kind weg

verkaufen, sie wegen Krankheit aussetzen, zum Kampfe mit wilden Tieren

bestimmen oder auch selbst ungestraft töten.

Rom wurde bald der bedeutendste Sklavenmarkt der Welt, und reiche

Römer hatten die Sklaven zu vielen Hunderten. Allein dieselben wurden

keineswegs blos zu den niedersten Knechtsdiensten verwendet, sondern es

gab unter ihnen Ärzte, Schreiber, Dichter, Schriftsteller, Lehrer und

Erzieher.

Erst unter den Kaisern wurde die völlige Rechtlosigkeit der Sklaven

einigermaßen beschränkt. Sie konnten jetzt Testamentserben werden und

Verträge selbständig und rechtskräftig schließen; sie standen unter den

Gesetzen des natürlichen Rechtes, durften z. B. nicht in bestimmten

Verwandtschaftsgraden heiraten; sie konnten, wenn sie ihre Freilassung

erlangt hatten, ihre früheren Herren wegen erlittener Mißhandlungen

gesetzlich belangen. Gegen das Ende der Kaiserzeit war es für die

vornehmen Römer ein Ehrenpunkt, recht viele Freigelassene zu haben, die

zu dem Hause des Befreiers in einer gewissen Beziehung blieben.

So blühte in der ganzen alten Welt die Sklaverei, allerdings zum

größten Nachteile der Sklavenbesitzer selbst, die sich durch die

Sklaverei der freien Arbeit entwöhnten und diese als eine Schande für

den Freigeborenen ansehen lernten, ja der Staaten selber. Man kann wohl

sagen, die alte Welt ging an der Sklaverei zu Grunde, weil sie durch

dieselbe den arbeitenden Mittelstand verlor, ohne den kein Staatswesen

auf die Dauer bestehen kann.

Im Mittelalter nahm die Sklaverei die mildere Form der »Hörigkeit«

an, welche die Freiheit und das Recht der Selbstbestimmung für die

Hörigen keineswegs ganz aufhob. Nur wo das römische Recht volle Geltung

erlangte, fand sich noch wirkliche Sklaverei der Kriegsgefangenen.

Sonst wurden die Bewohner eines eroberten Landes nur gezwungen,

den Grund und Boden zu bearbeiten und dann an die Sieger neben

persönlichen Dienstleistungen, die bestimmt festgesetzt waren, gewisse

Natural-Abgaben von dem Ertrag des ihnen überlassenen Landes zu

entrichten.

Wir haben schon oben erwähnt, daß erst die neuere Zeit sich den

traurigen Ruhm erwarb, die Negersklaverei eingeführt und die Ansicht

in Gang gebracht zu haben, daß die Neger eigentlich gar keine rechte

Menschen seien, und daß es für die Weißen nichts Unmenschliches,

sondern etwas völlig Berechtigtes sei, sie in die Sklaverei zu

schleppen und sich ihre rohe Kraft dienstbar zu machen.

Schon um's Jahr 1440 brachten die Portugiesen Negersklaven in den

Handel und im Jahre 1460 bestand in der portugiesischen Hauptstadt

Lissabon ein öffentlicher Markt, auf welchem Neger zum Kaufe gestellt

wurden.

Wie man dieselben erhielt? -- Durch Raubzüge, die man auf den Küsten

Afrikas veranstaltete und auf denen man alle Neger, deren man

habhaft werden konnte, einfing und sie in möglichst großer Zahl enge

zusammengepfercht in kleine, schnellsegelnde Schiffe packte. Ging

dabei auch ein großer Teil der Eingefangenen und vielleicht schwer

Verwundeten zu Grunde, so wurde doch noch immer an den Überlebenden ein

so großer Gewinn gemacht, daß die Habsucht reiche Befriedigung fand

und die auf solche Raubzüge verwendeten Kosten hohe Zinsen trugen. Als

diese Raubzüge sich nicht mehr lohnten, weil die Neger, durch Schaden

klug gemacht, auf ihrer Hut waren und sich in das Innere des Landes

und seine unzugänglichen Schlupfwinkel zurückgezogen, sobald sich ein

Schiff an der Küste blicken ließ, auch den räuberischen Weißen blutigen

Widerstand leisteten und den Tod der Gefangenschaft vorzogen, da suchte

man mit den Negerhäuptlingen Verträge abzuschließen, welche diese

verpflichteten, gegen nichtigen Tand und geringwertige Zeuge und Geräte

ihre Untergebenen an die Weißen zu verkaufen. Wo die Überredung dabei

nicht zum Ziele führte, mußte der Branntwein helfen, den halb oder ganz

Trunkenen die Einwilligung abzupressen.

Einen besonderen Aufschwung nahm die Negersklaverei und der grausame

Handel mit den armen Schwarzen nach der Entdeckung Amerikas zu Ende des

15. Jahrhunderts, denn die Spanier und Portugiesen erkannten bald, daß

die eingeborenen Indianer der neuentdeckten Länder viel zu schwächlich

seien, um die reichen Schätze, welche dort der üppige Boden und der

Reichtum des Erdinnern an edlen Metallen in Aussicht stellten, in

dem Maße zu heben, wie es die Habsucht und die entflammte Geldgierde

begehrten. Für Europäer aber erwies sich das Klima als ein zu

mörderisches, als daß man hätte daran denken dürfen, solche zu schwerer

Arbeit zu verwenden. Überdies wollten diejenigen Europäer, welche nach

dem neuentdeckten Weltteile hinüberzogen, nichts weniger als schwer

arbeiten, sondern waren nur von der Sucht getrieben, drüben, wo man das

Gold auf der Straße zu finden hoffte, recht schnell reich zu werden und

dann mit Gold beladen wieder heimzukehren.

So schien es als das beste, ja als das allein mögliche, um die

kostbaren Entdeckungen recht auszubeuten, daß man die kräftigen, an das

heißeste Klima gewöhnten Neger nach Amerika verpflanzte. Und je mehr es

sich bewährte, daß dieselben das für die Europäer so verderbliche Klima

auch bei der schwersten Arbeit prächtig ertrugen, desto mehr befestigte

sich die Meinung und gestaltete sich allmählig zu einem unbestreitbaren

Grundsatze, an dem niemand zu rütteln wagen durfte, daß die Neger für

die westindischen Pflanzer ganz und gar unentbehrlich seien.

Über die Frage, ob es recht sei, sie gewaltsam zu rauben und in

die Ferne zu schleppen, setzte sich die gewissenlose Habsucht und

Goldgierde leicht hinweg, oder, wo noch ein Gewissen sich regte, sie

zu erheben, da mußte jene Stelle der heiligen Schrift (1. Mos. 9, 25,

27) über alle Bedenken hinweghelfen, durch die man den Beweis erbracht

sah, daß die Nachkommen Kanaans, als die man die Schwarzen betrachtete,

nach göttlicher Ordnung für alle Zeiten bestimmt seien, den Fluch der

Knechtschaft zu tragen.

Die Wildheit der eingeführten Neger, die nur mit Zähneknirschen das

aufgelegte Joch trugen, ihre für die Bewohner gebildeter Länder

abschreckende Rohheit, ihre von derjenigen der Weißen so sehr

abweichende Gesichtsbildung, alles dies brachte nun weiter leicht die

Behauptung zur allgemeinen Geltung, die Schwarzen seien eigentlich

nur Halbmenschen, welche nicht viel über dem Tiere ständen, und in

bezug auf welche deshalb auch die wirklichen Menschen, die Weißen,

das Gottesgebot für sich in Anspruch nehmen dürften, daß sie sich die

Erde unterthan machen und über alle ihre Geschöpfe herrschen sollten.

Das allein reichte freilich schon hin, für die Negersklaven von seiten

ihrer Herren eine Behandlung herbeizuführen, die bei ihnen durchaus

keine Menschenwürde mehr gelten ließ. Aber diese üble Behandlung mußte

sich notwendigerweise noch steigern, wenn es galt, die Neger zur Arbeit

anzuhalten, und das Kapital, welches man auf ihren Ankauf verwandt

hatte, und welches noch fort und fort ihre Unterhaltung erforderte, mit

möglichst hohem Gewinn aus ihrer Arbeit herauszupressen. Denn da konnte

nur der härteste Zwang die angeborene Trägheit der Neger überwinden,

und nur der furchtbaren Peitsche aus Nashornhaut, die schonungslos

die nackten Schultern zerfleischte, konnte es gelingen, jede leiseste

Regung der Wut und des Widerstandes gegen die unbarmherzigen Peiniger

im Keime schon zu ersticken.

Daß solche Wut dennoch bei den leidenschaftlichen, heißblütigen

Schwarzen gelegentlich zum Ausbruche kam und sich dann in Grausamkeiten

gegen die verhaßten Peiniger entlud, welche jeder Beschreibung spotten,

konnte natürlich die Behandlung der Neger nicht besser machen und

wurde nur als Beweis dafür geltend gemacht, daß ihnen gegenüber nur

die furchtbarste Härte am Platze und im stande sei, die Weißen davor

zu schützen, daß sie nicht von der überlegenen Körperkraft der Neger

zermalmt würden, zumal da, wo, wie auf einsam gelegenen Pflanzungen,

die Weißen in einer ganz verschwindenden Minderzahl ständen.

Wie allgemein verbreitet und wie fest gegründet die Ansicht von

der Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit der Negersklaverei und des

Negerhandels im Anfange des 16. Jahrhunderts war, beweist wohl nichts

besser als der Umstand, daß selbst der edle Las Casas, der treue

Freund und unermüdliche Schützer der amerikanischen Indianer, die

Negersklaverei nicht für unchristlich ansah, wenn es auch durchaus

falsch ist, daß er seinen Indianern zu Liebe selbst die Negersklaverei

eingeführt oder doch wesentlich gefördert habe. Erst gegen Ende

seines Lebens ging ihm in betreff der Negersklaverei eine richtigere

Erkenntnis auf und eine tiefe Reue darüber, daß er die Negereinfuhr

gebilligt habe.

Wir haben schon erwähnt, daß bereits ums Jahr 1460 in der

portugiesischen Hauptstadt Lissabon ein förmlicher Markt für

Negersklaven bestand. Die Portugiesen blieben auch fortan die

Hauptsklavenhändler, während die Spanier für sich selbst bald den

Sklavenhandel einstellten und sich durch Verträge mit anderen Nationen

die für ihre westindischen Besitzungen nötigen Sklaven verschafften.

So übernahm es im Jahre 1715 England vertragsmäßig, den Spaniern ihre

Sklaven zu liefern und bedingte sich sogar das Recht aus, ihnen 144000

Neger in die Sklaverei zu verkaufen.

Denn nachdem im Jahre 1525 die ersten Negersklaven in England

gelandet und verkauft waren, blühte dort der Sklavenhandel, an dem

die öffentliche Meinung nicht den geringsten Anstoß nahm, rasch auf,

begünstigt selbst von den Königen, die von den Sklavenhändlern hohe

Abgaben erhoben.

Von 1750 bis 1783 wurden etwa 30000 Neger jährlich unter englischer

Flagge in die Sklaverei geführt, besonders von Liverpool aus, das zum

Hauptstapelplatze des Negerhandels wurde. Im Jahre 1771 hatte diese

Stadt 105 Schiffe, die sich lediglich mit dem Sklavenhandel befaßten

und eigens dafür eingerichtet waren, während London nur 85, Bristol

nur 25 solcher Schiffe hatte. Während man den Menschenverlust, den

Afrika durch den Negerhandel erlitt, auf 40 Millionen Menschen schätzt,

berechnet man den Gewinn, welchen England aus diesem Handel zog, auf

400 Millionen Dollars, also über 1600 Millionen Mark!

Indessen gaben sich auch noch andere Nationen, wenn auch in geringerem

Maße, mit dem Negerhandel ab. Denn es war ein holländisches Schiff,

welches im Jahre 1620 die ersten Sklaven in Nordamerika landete,

und zwar zu Jamestown in Virginien und so den Grund legte zu der

bedeutenden Negereinfuhr, die nun auch dort, besonders in den südlichen

Staaten, in den Gang kam und nachweisbar von 1620 bis 1740 etwa 130000,

von da bis 1776 etwa 300000 Neger in die nordamerikanischen Staaten

brachte.

Die Ansichten über die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit des

Sklavenhandels, die sich in Europa gebildet hatten, verpflanzten sich,

von Eigennutz und Gewinnsucht getragen, rasch dorthin und gewannen

so festen Grund in der öffentlichen Meinung, daß selbst die strenge

Sekte der Quäker in Pennsylvanien die Sklaverei an sich nicht, sondern

nur die dabei vorkommenden Gräuel mißbilligte. Allein die in diesen

Staat eingewanderten Deutschen protestierten von vornherein gegen die

Sklaverei als gegen etwas unsittliches und besonders unchristliches

und verlangten schon im Jahre 1688 bei der Volksvertretung die

unbedingte Abschaffung derselben. Sie verschafften dadurch dem

deutschen Namen den unvergänglichen Ruhm, zuerst gegen die grauenhaften

Zustände der Negersklaverei öffentlich aufgetreten zu sein. Ehre

jenen unerschrockenen Männern, die es wagten, gegen die gegenteilige

öffentliche Meinung ihre bessere Überzeugung tapfer zu vertreten!

Allerdings fehlte es auch schon früher nicht an Einzelnen, welche

sich wider die Sklaverei erhoben; aber es handelte sich dann stets

um weiße Sklaven. So kaufte schon im 6. Jahrhundert der Bischof von

Rom, Gregor der Große, britannische Jünglinge, welche in römische

Kriegsgefangenschaft geraten und in Rom zum Verkaufe gestellt waren,

los, unterwies sie sorgfältig im Christentum und ließ sie dann als

Freie in ihre ferne Heimat zurückbringen, daß sie dort das Christentum

ausbreiteten.

Im Jahre 1270 schlossen England und Frankreich einen heiligen Bund,

der zum Zwecke hatte, die Raubstaaten an der nordafrikanischen Küste,

die sogenannten Barbareskenstaaten Algier, Tunis und Tripolis,

zu züchtigen, welche die durch Seeraub erlangten Schiffer oder

Küstenbewohner des mittelländischen Meeres als Sklaven zu verkaufen

pflegten, und setzten ihre Bemühungen auch später noch fort, ohne

jedoch den Sklavenhandel dieser Raubstaaten ganz unterdrücken zu

können. Erst in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts wurde diesem

schmählichen Handel durch die Eroberung und Kolonisation Algiers von

seiten der Franzosen ein Ende gemacht.

Gegen den Negerhandel jedoch erhob sich die öffentliche Meinung erst

zu Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts, und zwar besonders

infolge der eifrigen Bemühungen der englischen Quäkersekte und ihrer

Führer G. Fox und W. Penn. Als es ihnen gelungen war, durch Wort und

Schrift die Gewissen aufzuwecken, begann in England der Kampf gegen die

Sklaverei und nahm nun von Jahr zu Jahr größeren Umfang an, wie sehr

auch die westindischen Sklavenhalter und die englischen Sklavenhändler

alles aufboten, denselben lahm zu legen. Und man muß es den Engländern

lassen, daß sie die schwere Schuld, die sie den armen Schwarzen

gegenüber auf sich geladen hatten durch den von ihnen getriebenen und

geduldeten Negerhandel, redlich abzuzahlen bemüht gewesen sind und

noch immer sich bemühen. Denn sie sind es, die mit schweren Kosten für

den Staat an den afrikanischen Küsten beständig Wachtschiffe kreuzen

lassen, um den Sklavenhändlern ihre Beute abzujagen, und wenn der

Kommandant des englischen Geschwaders, welches diesen edlen Zweck zur

Ausführung bringen soll, noch im Jahre 1880 an der Ostküste Afrikas 60

Sklavenschiffe weggenommen und 855 Negern wieder zur Freiheit verholfen

hat, so beweist das ebensowohl, daß der Sklavenhandel noch heute

keineswegs völlig unterdrückt ist, wie auch das, daß England nach wie

vor beharrlich und redlich bemüht ist, den Schandfleck abzuwaschen, den

der Sklavenhandel auf den englischen Namen gebracht hat.

Auch die nachfolgenden Blätter sollen den lieben Lesern einen

englischen Mann vorführen, der zu seiner Zeit ein Hauptförderer

dieser Bemühungen gewesen ist, und der deshalb nicht blos den Namen

des »Sklavenfreundes« mit vollem Fug und Rechte verdient, sondern

ebensosehr es verdient, daß sein Andenken von jedermann in hohen Ehren

gehalten wird.

William Wilberforce, der Sklavenfreund Ein Lebensbild, für die deutsche Jugend und das deutsche Volk gezeichnet · 第 3 / 20 题