Es war ein denkwürdiger Tag, als am 3. August 1492, nachdem die
Mannschaft vorher gebeichtet und das Abendmahl genommen hatte, die drei
Schiffe den Hafen von Palos verließen und dem unbekannten Weltmeere
zusteuerten. Columbus führte von Anfang an ein ausführliches Tagebuch,
von welchem uns Las Casas den größten Theil, vielfach in wörtlichen
Auszügen, erhalten hat. Die Einleitung erörtert die Beweggründe und
Ziele der Fahrt und läßt einerseits die Abhängigkeit des Führers von
den Angaben des Toscanelli, andererseits seine religiösen Empfindungen
deutlich erkennen.
[Illustration: Seeschiff vom Ende des 15. Jahrh., halb vor dem Winde
segelnd.]
„Nachdem Ew. Majestäten in dem gegenwärtigen Jahre 1492 den maurischen
Krieg beendigt haben in der sehr großen Stadt Granada, in welcher
ich, am 2. Januar dieses Jahres, durch die Gewalt der Waffen die
königlichen Banner auf den Thürmen der Alhambra aufpflanzen und den
maurischen König sich ans Thor begeben und Ew. Maj. die Hände küssen
sah, und nach den Erklärungen, welche ich Ew. Hoheiten von den Ländern
Indiens und von einem Fürsten, welcher der Großchan, d. h. König der
Könige genannt wird, gegeben habe, sowie darüber, daß derselbe wie
auch seine Vorgänger nach Rom gesendet hatten, um sich Lehrer unseres
heiligen Glaubens zu erbitten, und daß so viele Völker im Unglauben und
Götzendienst verloren gingen, beschlossen Ew. Hoheiten als christliche
Fürsten und Verbreiter des heiligen christlichen Glaubens und Feinde
der Sekte Mohammeds und aller Ketzerei mich, Cristóbal Colon[191] zu
den erwähnten Ländern Indiens auszusenden, um die erwähnten Fürsten
und Völker und Länder, ihre Lage und ihren Zustand und die Art und
Weise zu erforschen, wie man sie zu unserm heiligen Glauben bekehren
könne. Sie befahlen mir, nicht zu Lande nach dem Osten zu gehen,
wie man gewöhnlich gethan hat, sondern vielmehr den Weg nach Westen
einzuschlagen, von dem wir bis jetzt nicht bestimmt wissen, ob er schon
von jemand eingeschlagen ist.“ Weiter fügt Columbus hinzu, daß er
beschlossen, ein genaues Tagebuch zu führen, genaue Segelanweisungen
zu geben und dazu eine Reihe von gemalten Karten zu entwerfen in einem
Netz von Breiten- und Längenlinien.
Dieses letztere Vorhaben hat aber der Admiral nicht ausgeführt, er
war dazu auch kaum im Stande. Der Admiral steuerte gradenwegs nach
den Canarischen Inseln, um unter dem Parallelkreis dieser spanischen
Eilande westwärts über Antilia und Cipangu nach Indien zu segeln. Da
aber bereits am vierten Tage das Steuer der Pinta beschädigt wurde,
mußte man den Hafen in Gomera aufsuchen und sah sich dadurch vier
Wochen auf den Canarischen Inseln festgehalten. Erst am 6. September
setzte Columbus die Fahrt wieder fort und steuerte mit Nordostpassat
nach Westen. Schon am dritten Tage, am 9. September entschloß er sich,
eine zwiefache Berechnung der täglich zurückgelegten Meilenzahl zu
führen, und in dem jedermann zugänglichen Schiffsjournal kleinere
Ziffern aufzuführen, als er selbst die Entfernungen schätzte, um,
wie er sagt, die Mannschaft nicht durch die Größe der zurückgelegten
Meilenzahl zu erschrecken. Es ist dies wohl der einzige Fall, daß
bei einer großen Entdeckungsfahrt ein solches Mittel der Täuschung
zur Anwendung gekommen ist: „Am 10. September segelte er 60 Leguas,
berechnete aber nur 48, um die Mannschaft nicht zu entmuthigen, wenn
die Reise lange dauern sollte.“[192]
Am 13. September, bei Einbruch der Nacht, beobachtete Columbus zuerst
die +Declination der Magnetnadel+, „ein denkwürdiger Zeitpunkt in
den Jahrbüchern der nautischen Astronomie“.[193] Die Abweichung gegen
NW. nahm am folgenden Tage noch zu. Drei Tage später machte er die
Wahrnehmung, daß ein rascher Wechsel des Klimas eintrat.
Schon vom 16. September an, wo die Schiffe zuerst in das Sargassomeer
eintraten, glaubte er Anzeichen von der Nähe eines Landes oder von
Inseln zu bemerken. Das Schiffstagebuch enthält darüber eine Reihe von
Bemerkungen. Am 18. galt ein dunkler Horizont als Zeichen von großer
Nähe des Landes; am 19. bildete sich ein Nebel ohne Wind, eine sichere
Andeutung von Land. Auch die schwimmenden Tangmassen, welche häufig
angetroffen wurden, galten als Beweis dafür. Dieses Tangmeer liegt
zwischen 20° und 35° n. Br. und reicht gegen Westen bis an den Rand
des Golfstroms. Das Kraut bedeckt die Oberfläche nicht in gleichmäßig
dichten Massen, sondern treibt in langen Streifen in der Richtung
des herrschenden Windes. Diese Streifen bestehen aus mehreren Reihen
von Krautbüscheln, jedes einzelne höchstens einen Fuß lang; es sind
vom Strande losgerissene Fragmente, welche absterben und allmählich
untersinken, so daß von einer Behinderung der Fahrt eines Schiffes
nicht die Rede sein kann.[194]
Der beständig günstige Fahrwind erregte in den Matrosen die
Befürchtung, es werde wegen des herrschenden Ostwindes die Rückfahrt
sehr erschwert, wo nicht unmöglich gemacht werden. Als am 23. September
die Krautmassen wieder dichter die Oberfläche des Wassers bedeckten
und das Meer so ruhig und glatt blieb, äußerte sich die Besorgniß des
Schiffsvolkes laut: man werde in dieser Gegend niemals einen günstigen
Wind zur Rückkehr nach Spanien treffen. Als dann aber das Meer sich
erhob, ohne daß ein Wind wehte, und eine rauhe See entstand, waren alle
höchlich erstaunt. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Columbus: „Diese
hoch gehende See war mir ebenso nothwendig als den Juden zur Zeit da
die Aegypter auszogen, um Moses zu verfolgen, welcher die Hebräer aus
der Knechtschaft befreite.“ Am 25. September besprach sich der Admiral
mit Martin Alonso Pinzon über eine Karte, welche er ihm vor 3 Tagen
geschickt, und auf welcher in dieser Gegend einige Inseln eingetragen
waren. Offenbar handelte es sich dabei um die Karte Toscanelli’s und
die etwas südlich vom Schiffscours vermuthete Insel Antilia (vgl. den
Globus Behaims). Martin Alonso glaubte diese Insel sogar zu sehen; auch
Columbus theilte diese Ansicht und schätzte die Entfernung auf etwa 25
Meilen. In Folge dessen ließ der Admiral gegen West steuern, aber am
folgenden Tage klärte sich der Irrthum auf, man war durch das dunkle
Aussehen des Horizonts getäuscht worden. Daß aber die Insel Antilia
in der Nähe liegen müsse, bezweifelte Columbus nicht. Am 3. October
glaubte er diese Insel bereits hinter sich haben, denn Anzeichen von
Land hatte er genug gehabt; aber er wollte seine Zeit nicht mit dem
Aufsuchen verlieren, weil Indien sein Ziel war.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß, je länger die Fahrt dauerte, die
Mannschaft immer lauter ihre Besorgniß aussprach, vielleicht auch sogar
allerlei Drohungen gegen den fremden Führer, gegen den Liguren laut
werden ließ, wenn auch die dramatische Ausschmückung dieser Stimmung,
welche in der Erzählung von einem Vertrage gipfelt, den Columbus
sollte eingegangen sein, einer späteren Zeit angehört. Dennoch sollte
der Admiral sich dazu verstanden haben, nach drei Tagen umzukehren,
wenn bis dahin das gesuchte Land noch nicht aufgefunden sei. Die
Zeugnisse Peter Martyrs und des Columbus selbst sprechen zu deutlich
von der schwierigen Haltung der Matrosen. „Die spanischen Begleiter,“
erzählt Martyr, „fingen erst heimlich an zu murren und traten dann
offen zusammen. Sie drohten ihren Führer ins Meer werfen zu wollen;
sie seien von dem ligurischen Menschen betrogen und ins Verderben
gebracht.“[195] Diese Angaben über die bedenkliche Stimmung unter dem
Schiffsvolke bestätigt Columbus in seinem Tagebuche, wenn er, am 14.
Februar 1493, also auf dem Heimwege, berichtet, daß er schon auf der
Hinfahrt viel von den Leuten zu leiden gehabt, weil alle einstimmig
erklärt hätten, umkehren zu wollen, und daß sie sich zu Drohungen gegen
ihn hätten hinreißen lassen.[196] Vom 7. October an beschloß Columbus,
einen südwestlichen Cours beizubehalten. Er wurde dazu durch den Flug
zahlreicher Vögel veranlaßt, welche nach dieser Richtung zogen; denn
er wußte, daß die Portugiesen der Beobachtung des Flugs der Vögel die
Entdeckung mancher Inseln verdankten. Auch am 10. October beklagten
sich seine Leute wieder über die lange Dauer der Reise, aber der
Admiral belebte ihre Hoffnung auf reichen Gewinn, der in sicherer
Aussicht stehe. Uebrigens fügte er hinzu, ihre Klagen nützten nichts,
da er unter allen Umständen mit Gottes Hilfe seinen Weg fortsetzen
werde, bis er Indien erreicht habe.
So hätte er nicht sprechen können, wenn es wirklich zu einem Vertrage
gekommen wäre, der ihn verpflichtet hätte, nach drei Tagen umzukehren.
Columbus war zu fest überzeugt, dem Ziel seiner Wünsche nahe zu sein
und fand in den Pinzonen eine kräftige Stütze. Ohne Schwankung war er
in den ersten Wochen westwärts gesteuert und wich nur in den letzten
Tagen mit bewußter Absicht von dieser Richtung ab.
Sie waren bereits mehr als 750 Meilen von den Canarien entfernt.[197]
Das Schiffsvolk spähte immer eifriger nach Land aus, denn dem
Glücklichen, welcher zuerst dasselbe erblicken sollte, waren reiche
Geschenke und eine jährliche Pension von 10,000 Maravedis (etwa 25
Ducaten) verheißen. Da in Folge dessen zu wiederholten Malen der Ruf:
Land! erscholl, ohne daß die daran geknüpfte Erwartung sich erfüllte,
so wurde bestimmt, daß derjenige, welcher die Gemüther auf solche Weise
vergeblich in Aufregung versetzte, in Zukunft keinen Anspruch auf die
ausgesetzte Belohnung haben solle.
[Illustration: Christoph Columbus’ Rüstung.
(Madrid, Waffen-Museum im kgl. Palais.)]
Aber trotzdem blieben aller Augen mit gespannter Aufmerksamkeit auf den
fernen Horizont im Westen geheftet, zumal sich die echten Anzeichen von
Land zu mehren schienen. Am Morgen des 7. October gab die Niña, welche
vorausgesegelt war, durch einen Kanonenschuß das Signal, daß man Land
sehe, aber man mußte wiederum eingestehen, daß man sich getäuscht habe.
Die nun folgende Niedergeschlagenheit wurde aber bald wieder gehoben,
am 9. October spürte man einen frischen Hauch der Luft, wie wenn er
von fernen Blütenbäumen herüberwehe. Am 11. October fischte man bei
dem Admiralschiffe einen frischgrünen Zweig, bei der Pinta einen mit
Feuer bearbeiteten Stab und einen Zweig mit rothen Beeren aus dem
Wasser. Am späten Abend sah Columbus vom hohen Hintercastell seines
Schiffes aus einen Lichtschein, der sich vorwärts zu bewegen schien,
als ob jemand eine Fackel trage; auch andere, die er herbei rief,
glaubten dasselbe zu erkennen. Man befand sich in der That in der Nähe
des Landes. Wenige Stunden später, am 12. October, Morgens 2 Uhr, sah
der Matrose Rodrigo von Triana auf der Pinta einen flachen, sandigen
Strand im Mondschein leuchten; denn man hatte sich dem Lande von der
Seite bereits bis auf 2 Seemeilen genähert.
Ein Kanonenschuß verkündete die glückliche Entdeckung den beiden
nachfolgenden Schiffen, und so wie es Tag wurde, sahen sie eine
anmuthig grüne Insel vor sich liegen. Die Ueberfahrt von den
Canarischen Inseln hatte 32 Tage gedauert. Entzückt und mit
Freudenthränen im Auge stimmte Columbus den Lobgesang ~Te deum
laudamus~ an, und alle seine Gefährten stimmten mit ein. Man umringte
den noch vor kurzem geschmähten Führer und brachte dem Helden seine
Huldigung dar. Leider gönnte der glückliche Entdecker dem Matrosen
Rodrigo den verheißenen königlichen Lohn nicht; er erhob selbst
Anspruch auf die ausgesetzte Jahresrente, weil er in der Nacht zuvor
das Licht in der Ferne gesehen hatte und erhielt wirklich später das
Geld ausgezahlt. War es Geiz oder Ehrgeiz? Fast muß man fürchten, daß
der schlechtere Beweggrund ihn verleitete.
Die Befehlshaber der Schiffe landeten nun mit bewaffneten Böten. Unter
fliegenden Fahnen, welche außer dem grünen Kreuz die Anfangsbuchstaben
der katholischen Könige F. und I. zeigten, stiegen sie ans Land und
warfen sich nieder, um den Boden zu küssen. Dieses erste Eiland,
welches die Entdecker betraten, nannte Columbus San Salvador und
weihete es dadurch zu einem Erstlingsopfer dem Heiland der Welt. Bei
den Eingebornen hieß es Guanaham oder +Guanahani+.[198]
Die braunen Insulaner schaarten sich harmlos um die fremden, dem
Meere entstiegenen Männer, und Columbus theilte, um sie zutraulich zu
machen, kleine Geschenke unter sie aus: Glasperlen, Nadeln und kleine
Schellen. Die Leute gingen vollständig nackt, nur einige Weiber trugen
eine Art Schürze von Blättern oder Gras oder zu dem Zweck bearbeiteter
Baumwolle. Metall war ihnen unbekannt, Waffen trugen sie nicht. Daß
sie in der Hautfarbe den Bewohnern der Canarischen Inseln glichen,
fand Columbus ganz natürlich, denn die entdeckte Insel lag unter
derselben Breite mit Ferro. Und unter denselben Breiteparallelen, so
lautete damals ein allgemein gültiger Lehrsatz, haben die Menschen
gleiche Farbe, und zwar um so dunkler, je näher dem Aequator. Einige
der Insulaner erschienen auch bemalt, schwarz, roth oder mit weißen
Streifen im Gesicht oder am ganzen Leibe. Ihr Haar war schwarz und
straff.
[Illustration: Facsimile des Titelholzschnittes einer zu Florenz im
Jahre 1493 gedruckten italienischen Flugschrift, darstellend die
Landung des Columbus. (London, British Museum.)]
Bald eröffnete sich ein gewinnbringender Tauschhandel, denn man sah
hie und da goldenen Nasenschmuck, den die Spanier für Kleinigkeiten
einzuhandeln verstanden. Auf die Frage, woher das Gold stamme, wiesen
die Indianer (Indios nannte Columbus sie bereits am vierten Tage)
nach Südosten, woraus man also auf das Vorhandensein anderer Länder
in der Nachbarschaft schließen konnte; denn wenn die Eingebornen
auch Ruderkähne, aus einem Stamme gearbeitet, besaßen, mit denen sie
erstaunlich schnell fuhren, so taugten diese Fahrzeuge doch nur zu
einem Verkehr zwischen nahegelegenen Inseln oder größeren Landmassen,
aber keineswegs zu weiteren Fahrten über den Ocean.
Die Vermuthung, daß noch andere Inseln in der Nähe lägen, wurde durch
den weiteren Verkehr mit den Wilden bestätigt, woraus man mittelst
der Gebärdensprache soviel verstehen konnte, daß manche unter ihnen
im Kampfe mit den über See kommenden feindlichen Stämmen Wunden
davongetragen hatten, deren Narben die Spanier an den Insulanern
bemerkten.