Novelle, Kapitel 1

Ein dichter Herbstnebel verhüllte noch in der Frühe die weiten Räume

des fürstlichen Schloßhofes, als man schon mehr oder weniger durch den

sich lichtenden Schleier die ganze Jägerei zu Pferde und zu Fuß

durcheinander bewegt sah.

Die eiligen Beschäftigungen der Nächsten ließen sich erkennen: man

verlängerte, man verkürzte die Steigbügel, man reichte sich Büchse und

Patrontäschchen, man schob die Dachsranzen zurecht, indes die Hunde

ungeduldig am Riemen den Zurückhaltenden mit fortzuschleppen drohten.

Auch hie und da gebärdete ein Pferd sich mutiger, von feuriger Natur

getrieben oder von dem Sporn des Reiters angeregt, der selbst hier in

der Halbhelle eine gewisse Eitelkeit, sich zu zeigen, nicht verleugnen

konnte.

Alle jedoch warteten auf den Fürsten, der, von seiner jungen Gemahlin

Abschied nehmend, allzulange zauderte.

Erst vor kurzer Zeit zusammen getraut, empfanden sie schon das Glück

übereinstimmender Gemüter; beide waren von tätig lebhaftem Charakter,

eines nahm gern an des andern Neigungen und Bestrebungen Anteil.

Des Fürsten Vater hatte noch den Zeitpunkt erlebt und genutzt, wo es

deutlich wurde, daß alle Staatsglieder in gleicher Betriebsamkeit ihre

Tage zubringen, in gleichem Wirken und Schaffen jeder nach seiner Art

erst gewinnen und dann genießen sollte.

Wie sehr dieses gelungen war, ließ sich in diesen Tagen gewahr werden,

als eben der Hauptmarkt sich versammelte, den man gar wohl eine Masse

nennen konnte.

Der Fürst hatte seine Gemahlin gestern durch das Gewimmel der

aufgehäuften Waren zu Pferde geführt und sie bemerken lassen, wie

gerade hier das Gebirgsland mit dem flachen Lande einen glücklichen

Umtausch treffe; er wußte sie an Ort und Stelle auf die Betriebsamkeit

seines Länderkreises aufmerksam zu machen.

Wenn sich nun der Fürst fast ausschließlich in diesen Tagen mit den

Seinigen über diese zudringenden Gegenstände unterhielt, auch

besonders mit dem Finanzminister anhaltend arbeitete, so behielt doch

auch der Landjägermeister sein Recht, auf dessen Vorstellung es

unmöglich war, der Versuchung zu widerstehen, an diesen günstigen

Herbsttagen eine schon verschobene Jagd zu unternehmen, sich selbst

und den vielen angekommenen Fremden ein eignes und seltnes Fest zu

eröffnen.

Die Fürstin blieb ungern zurück; man hatte sich vorgenommen, weit in

das Gebirg hineinzudringen, um die friedlichen Bewohner der dortigen

Wälder durch einen unerwarteten Kriegszug zu beunruhigen.

Scheidend versäumte der Gemahl nicht, einen Spazierritt vorzuschlagen,

den sie im Geleit Friedrichs, des fürstlichen Oheims, unternehmen

sollte ".

"Auch lasse ich", sagte er, "dir unsern Honorio als Stallund Hofjunker,

der für alles sorgen wird".

Und im Gefolg dieser Worte gab er im Hinabsteigen einem wohlgebildeten

jungen Mann die nötigen Aufträge, verschwand sodann bald mit Gästen

und Gefolge.

Die Fürstin, die ihrem Gemahl noch in den Schloßhof hinab mit dem

Schnupftuch nachgewinkt hatte, begab sich in die hintern Zimmer,

welche nach dem Gebirg eine freie Aussicht ließen, die um desto

schöner war, als das Schloß selbst von dem Flusse herauf in einiger

Höhe stand und so vor--als hinterwärts mannigfaltige bedeutende

Ansichten gewährte.

Sie fand das treffliche Teleskop noch in der Stellung, wo man es

gestern abend gelassen hatte, als man, über Busch, Berg und Waldgipfel

die hohen Ruinen der uralten Stammburg betrachtend, sich unterhielt,

die in der Abendbeleuchtung merkwürdig hervortraten, indem alsdann die

größten Licht- und Schattenmassen den deutlichsten Begriff von einem

so ansehnlichen Denkmal alter Zeit verleihen konnten.

Auch zeigte sich heute früh durch die annähernden Gläser recht

auffallend die herbstliche Färbung jener mannigfaltigen Baumarten, die

zwischen dem Gemäuer ungehindert und ungestört durch lange Jahre

emporstrebten.

Die schöne Dame richtete jedoch das Fernrohr etwas tiefer nach einer

öden, steinigen Fläche, über welche der Jagdzug weggehen mußte.

Sie erharrte den Augenblick mit Geduld und betrog sich nicht, denn bei

der Klarheit und Vergrößerungsfähigkeit des Instruments erkannten ihre

glänzenden Augen deutlich den Fürsten und den Oberstallmeister; ja sie

enthielt sich nicht, abermals mit dem Schnupftuche zu winken, als sie

ein augenblickliches Stillhalten und Rückblicken mehr vermutete als

gewahr ward.

Fürst Oheim, Friedrich mit Namen, trat sodann, angemeldet, mit seinem

Zeichner herein, der ein großes Portefeuille unter dem Arm trug.

"Liebe Cousine", sagte der alte, rüstige Herr, "hier legen wir die

Ansichten der Stammburg vor, gezeichnet, um von verschiedenen Seiten

anschaulich zu machen, wie der mächtige Trutz- und Schutzbau von alten

Zeiten her dem Jahr und seiner Witterung sich entgegenstemmte und wie

doch hie und da sein Gemäuer weichen, da und dort in wüste Ruinen

zusammenstürzen mußte.

Nun haben wir manches getan, um diese Wildnis zugänglicher zu machen,

denn mehr bedarf es nicht, um jeden Wanderer, jeden Besuchenden in

Erstaunen zu setzen, zu entzücken".

Indem nun der Fürst die einzelnen Blätter deutete, sprach er weiter:

"hier, wo man, den Hohlweg durch die äußern Ringmauern heraufkommend,

vor die eigentliche Burg gelangt, steigt uns ein Felsen entgegen von

den festesten des ganzen Gebirgs; hierauf nun steht gemauert ein Turm,

doch niemand wüßte zu sagen, wo die Natur aufhört, Kunst und Handwerk

aber anfangen.

Ferner sieht man seitwärts Mauern angeschlossen und Zwinger

terrassenmäßig herab sich erstreckend.

Doch ich sage nicht recht, denn es ist eigentlich ein Wald, der diesen

uralten Gipfel umgibt.

Seit hundertundfunfzig Jahren hat keine Axt hier geklungen, und

überall sind die mächtigsten Stämme emporgewachsen.

Wo Ihr Euch an den Mauern andrängt, stellt sich der glatte Ahorn, die

rauhe Eiche, die schlanke Fichte mit Schaft und Wurzeln entgegen; um

diese müssen wir uns herumschlängeln und unsere Fußpfade verständig

führen.

Seht nur, wie trefflich unser Meister dies Charakteristische auf dem

Papier ausgedrückt hat, wie kenntlich die verschiedenen Stammund

Wurzelarten zwischen das Mauerwerk verflochten und die mächtigen äste

durch die Lücken durchgeschlungen sind!

Es ist eine Wildnis wie keine, ein zufällig einziges Lokal, wo die

alten Spuren längst verschwundener Menschenkraft mit der ewig lebenden

und fortwirkenden Natur sich in dem ernstesten Streit erblicken

lassen".

Ein anderes Blatt aber vorlegend, fuhr er fort: "was sagt Ihr nun zum

Schloßhofe, der, durch das Zusammenstürzen des alten Torturmes

unzugänglich, seit und undenklichen Jahren von niemand betreten ward?"

Wir suchten ihm von der Seite beizukommen, haben Mauern durchbrochen,

Gewölbe gesprengt und so einen bequemen, aber geheimen Weg bereitet.

Inwendig bedurft es keines Aufräumens, hier findet sich ein flacher

Felsgipfel von der Natur geplättet, aber doch haben mächtige Bäume hie

und da zu wurzeln Glück und Gelegenheit gefunden; sie sind sachte,

aber entschieden aufgewachsen, nun erstrecken sie ihre äste bis in die

Galerien hinein, auf denen der Ritter sonst auf und ab schritt, ja

durch Türen durch und Fenster in die gewölbten Säle, aus denen wir sie

nicht vertreiben wollen; sie sind eben Herr geworden und mögens

bleiben.

Novelle(#2320) · 第 2 / 8 题