Denn die Lerchen glaubten an das Licht hinter den Wolken. --

Oben auf der Koppel, von wo der freie Blick über das Wasser geht, stand

Karen und horchte hinauf nach den Lerchen. Ihre hohe, schlanke Gestalt

stand dunkel vor der Luft, aber es war etwas Helles auf ihrer Stirn.

Karen war aufrecht ihres Weges gegangen, und keiner hatte über sie zu

klagen gehabt. Da war nichts Zerdrücktes, Schwächliches an ihr. Ihre

Last hob sie auf und deckte sie sorglich mit ihrem Stolze zu und ging

damit vorwärts mit gehobenem Haupt.

Aber das Weiche, Tastende in der Luft hemmte ihr frisches

Vorwärtsschreiten, daß sie sinnend einhalten mußte und hinaufhorchen

nach den Lerchen und in sich hinein. Und die Gedanken stiegen auf und

lagen auf ihrer Stirn, daß sie die Brauen zusammenzog über den hellen

Augen und langsam weiterging, den Blick am steinigen Wege. Sie konnte

und konnte es nicht verstehn. Warum saß diese Liebe ihr so grundtief

im Herzen, daß sie sich selbst nicht denken konnte ohne diese Liebe?

-- Es hatte doch alles Ding einen Sinn im wundersamen Weltgefüge. Wo

war er hier? Warum konnte sie nicht einen andern lieben? -- Es gab

tüchtige, starke Männer genug um sie her, und sie hätten die Arme weit

aufgemacht für dies stolze, frische, junge Leben. Dann wäre sie reich

geworden. Eigenes, zartes, junges Sein hätte sie an der Brust gewiegt.

Und wie Siegesstolz wäre des Weibes höchste Lust ihr aufgegangen, wenn

rote Kinderlippen sie Mutter nannten.

Aber es hätte alles angefangen mit einer großen Lüge.

Sich ohne Liebe zu geben, dazu sagte ihr ganzes Wesen „Nein“. Und

ihre Liebe wohnte bei dem einen, für den sie zwecklos war in dieser

rätselvollen Welt.

Und Karen setzte die Füße fest auf, als wollte sie die grübelnden

Gedanken unter sich treten. Da sah sie die Fischerhäuser vor sich

liegen, und sie atmete tief auf. Sie mußte irgendwo zugreifen --

vielleicht daß sie ihm helfen könnte durch die Frau. Sie mußte eben

aufhorchen und achten, wenn der Augenblick kam, daß diese stumme Liebe

zur Tat werden konnte.

Da stand sie vor dem Hause und schob die Gartentür auf. Mutter Lassens

laute Stimme fiel ihr schrill entgegen, daß sie zurückstutzte. Denn

dieses Volk zwischen den großen, stillen Weiten hat oft einen Abscheu

vor dem Lauten und Rohen. Und Karen war auf einem einsamen Hofe

ausgewachsen zwischen schweigsamen Leuten. Dann trat sie rasch über die

Schwelle, aber in ihrer Art war etwas Gezwungenes. Und wie sie Trina

ansprach, fühlte die es gleich, und das laute, breite Lachen grüßte

Karen wie ein Schlag.

Da ging es wie ein kühler Hauch über ihr Wesen, und im harten Kampf

gegen ihre Art bekamen die klaren, hellen Augen fast etwas Hochmütiges.

Das verwirrte Trina nur mehr, daß sie nicht verstand, was Karen von

ihr wollte, und ihre Art immer unsicherer und alberner wurde. Und

dazwischen kam immer wieder das laute Lachen und breitete Trinas

Gesicht, bis das Rohe es fast unkenntlich machte. Es war Karen fast

unheimlich, mit ihr zu reden, und sie wandte sich an Mutter Lassen

mit ihrem Auftrage. Die stemmte die Arme ein und kam diensteifrig

heran, und ihr Gesicht legte sie in würdige Falten. Aber der Gedanke,

daß diese zwei zu Lars gehörten, stieg in Karen auf wie ein zorniger

Widerwillen. Mutter Lassens schwatzender Bereitwilligkeit antwortete

sie mit knappen Worten, und in den Worten und den hellen Augen lag es

immer wie Hochmut.

Dann wandte sie sich nach der Tür, und ihr Abschied von den beiden war

wie eine Flucht.

Sie ging langsam über die Koppeln hinauf; denn seit dem Tode der Eltern

hatte noch niemals so schwere Last auf ihr geruht wie heute. Und

bei jedem Schritt stieg deutlicher das Bewußtsein von ihrer eigenen

hochmütigen Kälte in ihr auf. Es war fast unerträglich, diese wachsende

Scham. Und all das ahnungsjunge Frühlingshoffen von vorhin ward daneben

wie ein lächerlicher Hohn.

Sie kam am Waldesrand entlang. -- Und tief aus den kahlen, dämmerigen

Tiefen zog ein Klingen hinaus in die weiche, graue Luft. Es legte sich

um das Menschenherz wie unsagbares Sehnen nach unerreichbarem Licht,

und wieder wie ein zartes wachsendes Hoffen auf wunderlich-rätselvoll

Verborgenes, ein Aufquellen aus geheimnisvollen Gründen, ein

jauchzendes Erschauen und dann ein zart verklingendes, ahnungsvolles

Hoffen.

Es war die erste Drossel, die Karen in diesem grauen Vorfrühling

sang. Und sie legte die Hand über die Augen, und ihre Seele ging

langsam Schritt um Schritt aus ihrer eigenen Unrast hin zu der hellen,

rauschenden Quelle, aus der sie sich schon so oftmals junge, freie

Kraft geschöpft hatte.

Im Flecken traf sie Jakob Lind. Der hatte gehört, daß Lars in den

letzten Wochen oft betrunken gewesen war.

Durch den Nebel: Roman · 第 81 / 90 题