Die Asmussens waren durch Trinas lange Krankheit zurückgekommen.
Anstatt wie sonst Geld auf die Sparkasse tragen zu können, hatten sie
Geld aufnehmen müssen. Das machte Lars mißmutig. Und das ewige Gejammer
der alten Lassen darüber machte es nur noch ärger. Seit der Stunde im
Walde war es wie eine wunde Stelle irgendwo in seiner Seele, und das
Reden und das laute Lachen trafen darauf wie Peitschenhiebe. Da ging er
ins Wirtshaus, und es war ihm selbst kaum bewußt, daß es der Gedanke
aus dem Walde war, der ihn hintrieb.
Er setzte sich gleich zu Christen Matthies und wollte mit ihm reden
über die neue Vereinigung, wie sie die Fischer in den andern Buchten
hatten. Aber Christen Matthies war dänisch gesonnen, darum fuhr
ihn Lars bald heftig und hochfahrend an. Da sah Christen mit den
schwermütigen alten Augen fragend zu ihm auf und gab bald keine Antwort
mehr.
„Ja, wenn wir die Fische mit einem eigenen Dampfer zur Stadt bringen
sollen, wie die andern, woher sollen wir das Geld dann für einen
Dampfer nehmen?“ fragte da Trollsen dazwischen, „Christen Matthies
hat recht, wenn wir uns zu den Dänen halten, kriegen wir Geld zu viel
billigeren Prozenten.“
Aber in Lars war die wunde Unrast, darum konnte er ihnen nicht in Ruhe
klar machen, wie er es meinte, sondern geriet in Zorn. Da schüttelten
sie die Köpfe über ihn und hörten nicht mehr hin. Und bald stand er
auf und ging hinaus. Er trat aus dem Dunst in den stillen, klaren
Herbstabend hinaus. Es hatte sich abgeregnet, und eine grünleuchtende
Klarheit lag über der bunten Herbstwelt.
Es lag eine Dumpfheit über Lars und eine Müdigkeit. -- Das war also
auch nichts. Denen würde er ebenso wenig helfen können, wie sich
selbst. Er sehnte sich nach einem stillen Winkel, darum ging er zu
Mutter Stina in die alte Heimhütte.
Zwischen den hohen, bunten Malven lag das kleine, grünbemooste
Strohdachhaus wie im tiefen Schlaf, als hätte es über seinem leisen,
traulichen Klingen sich und die Welt vergessen und wäre nun auch
vergessen worden zwischen seiner bunt-blühenden Pracht.
Mutter Stina saß allein mit ihrem Strickzeug, und über dem alten
Gesicht lag es fast wie Kirchhofsruhe. -- Sie fragte auch nichts. Sie
ließ ihn still da sitzen und vor sich hin sehn. Dann ging sie in die
Küche und holte ihm zu essen. Und als es dunkel wurde, ging er wieder
nach Hause, und sie wagten ihn dort alle nicht zu fragen, wo er gewesen
war.
* *
*
Und nun kamen böse Tage für Lars Asmussen. Alles Ding war zwecklos und
hatte seinen Sinn verloren, und nur der scharfe Schmerz von den harten,
lauten Stimmen weckte ihn hier und da zur Wirklichkeit. Und alle
Arbeit, die mit Unlust und halber Kraft getan ist, bringt kein Glück.
So ging es in diesen Wochen rückwärts mit den Asmussens. Manchmal
wollte Lars sich aufraffen. Dann dachte er an Karen. Er meinte immer,
sie müsse ihm zum Rechten helfen können. Und dann suchte er sie zu
treffen. Aber Karen wich ihm aus seit der Stunde im Walde. Und wenn sie
einmal zusammentrafen, war ihm, als tue er eine Sünde, und er schämte
sich hinterher vor Trina, und ihr Lachen reizte ihn nur noch mehr.
So kam es, daß, wenn Lars und Karen zusammen waren, sie nichts davon
hatten, sondern etwas Verstecktes, Unnatürliches zwischen ihnen lag,
und sie es beide empfanden wie einen Schmerz. Aber doch lebte Lars nur
für die kurzen, flüchtigen Augenblicke. Karen aber trachtete heimlich,
eine andere Stelle anzunehmen. Doch sie wußte, daß Frau Lind sie nicht
hergeben wollte. Sie ging ihr im Haushalte zur Hand, aber vor allem war
sie ihr bei den Kindern unentbehrlich geworden; denn Jakob Lind hatte
sich allmählich ein großes Gartenland zusammengekauft, und Frau Lind
hatte viel zu tun. Die vier kleinen Kinder aber hingen an Karen. Und
Karen waren sie ans Herz gewachsen, daß sie sich auch nicht schnell zum
Scheiden entschließen konnte.
So zogen sich die trübseligen, unfruchtbaren Wintertage hin.
Wo im Walde ein krankes Stück sich verbirgt, da stürzen sich die
starken und gesunden darauf und forkeln[6] es zu Tode. Und die
Menschenherde ist nicht besser als das Wild. -- Die Männer witterten
es, wie die Tiere wittern, daß etwas Krankes am starken, klugen Lars
Asmussen war. Etwas, das nicht mitklang bei ihren Scherzen und das
sich zusammenzog, wenn sie darauf schlugen. Eben eine Schwäche war da.
Und darum schlugen sie darauf. Und wenn einer schlug, so schlugen sie
alle. Sie dachten nicht darüber nach. Sie hatten nur Lust, so zu tun.
Aber es war noch eins, das traf ihn empfindlicher als das andere alles.
Peter hatte sich gegen ihn gekehrt. Lars’ lässiges Arbeiten hemmte
auch ihn. Und er hatte keine Geduld mit seiner unlustigen Art. -- Auch
schämte er sich seiner Schwester. Ihre ganze Art mit dem sinnlos dummen
Lachen lag auf Peter wie eine Schande. Und er war hart gegen Trina
Asmussen, wenn er sie traf.
Und Peters unfreundliches Wesen verschüchterte sie ganz. -- Daß ihre
Art auf Lars lastete und ihn hemmte, empfand Peter wohl, und er wäre
Lars gern aus dem Wege gegangen deshalb. Stunde um Stunde aber band sie
die Arbeit zusammen auf dem einsamen Meer. Und da wurde er hart gegen
Lars und fuhr ihn zornig an, weil Lars ihm war wie ein Vorwurf, und er
sich nicht zu helfen wußte in seinem Unbehagen. -- Daß Lars es jetzt
mit so vielen hielt, war ihm immer zuwider gewesen. Aber heimlich war
er doch stolz darauf, daß die Männer ringsum auf Lars’ Worte hörten und
zu ihm aufsahen. Da sie aber von ihm ließen und mit harten Worten nach
ihm warfen, da fühlte Peter, daß Lars im Unrecht gewesen war, und in
seinem Zorn und in seiner Härte hatte er etwas Verächtliches gegen ihn.
Und es kam ein böser Wintersonntag, an dem der eisig feuchte Wind und
die endlos kalte Öde den Menschen bis tief in die Brust hineinlangten
und das bißchen Lust und Hoffnung herauszerrten und hinstreuten über
das weite, graue Meer.
Lars ging allein am Strande entlang nach Wanbyll, und wieder sagte
irgend etwas in ihm: „Ich +kann+ nicht“. Aber diesmal sagte er es
nicht laut; denn seine Lippen waren aufeinandergepreßt, und der harte
Zug saß fest um den Mund.
Der rote Trollsen wagte sich am kecksten an ihn heran und spöttelte
offen über den Spaßverderber. Einige von den Männern um den rohen
Holztisch zogen den Mund breit und sahen sich an.
Da lachte Lars hart auf und stürzte ein Glas Grog hinunter. Es war
kalt, und das heiße, betäubende Prickeln tat ihm wohl. Da forderte er
ein zweites und ein drittes, und es war, als versinke das finstere
Elend um ihn her, und ein wohliges Vergessen käme über ihn. Da lachte
er wild auf und forderte immer mehr. Und er hörte es erst am nächsten
Tage, daß er zu Hause geschleppt worden sei.
[6] Mit dem Geweih stoßen.