Kapitel XI

Oben auf Moosgaard war Erntebier. Die Tage nahmen schon ab, und in der

Dämmerung warf der feuchte, kalte Wind die Wellen klatschend auf die

Steine.

Lars und Peter Lassen gingen zusammen den Fußsteig hinauf.

Peter hatte sich ein neues weißes Chemisett gekauft, das nicht recht in

seiner Weste haften wollte. Aber sein Gesicht glänzte in gleichmütiger

Würde über dem kleinen bunten Schlips.

Lars hatte jetzt ganz so einen blauen Anzug wie Peter. Er ging ins

neunzehnte Jahr und sah groß und männlich aus.

Peter hatte etwas Besonderes, was ihn auf dies Erntebier lockte. Er

hatte eine richtige Braut. Noch war er nicht ganz zwanzig. Aber seit

bald vierzehn Tagen hatte er eine Braut.

Er hatte Lars genau erzählt, wie das Ganze gekommen war: In der

Ziegelei, wo er gearbeitet hatte, wohnte eine ordentliche Familie.

Arme Arbeitsleute waren es, aber der Mann trank nicht wie die andern

dort und hielt sich auch mehr für sich. Die Frau war lange tot, und

die große helle Tochter sorgte für den Hausstand und die kleinen

Geschwister. Peter hielt sich immer zu den Ordentlichen, und so war

er bald mit dem ruhigen Mann und seinen flachsköpfigen Kindern gut

bekannt geworden. Er hatte oft im Winkel neben dem Herd gesessen, und

seine wachen Augen waren hin- und hergewandert mit dem starken, sichern

Bewegen der großen Schwester.

Nun hatte er neulich Dora Nielsen wieder getroffen. Oben im Flecken

war es gewesen, und sie hatte still und viel ernster ausgesehen. Der

Vater wäre schon seit ein paar Monaten tot, sagte sie ihm. Er hatte

sich überhoben mit einer allzuschweren Steinlast. Da war ein Blutsturz

gekommen, und er war gestorben. Der Körper sei schon zu schwach und

verarbeitet gewesen, meinte der Arzt.

Die Geschwister hatte sie unterbringen müssen. Zwei waren ja Gott sei

Dank so weit, daß sie auf Arbeit gehen konnten. Der Älteste war zum

Bauern, den Zweiten hatte sie in die Lehre gegeben, weil er nicht so

kräftig war. Bis jetzt hatte sie noch bei der Frau vom Ziegeleiherrn

gearbeitet und die kleinen Geschwister dabei besorgt. Nun war das

zu Ende. Die Kinder waren in der Gemeinde verteilt, und Dora suchte

einen Dienst. Wenn es noch weiter so schwer hielt, einen guten

Dienst zu finden, wollte sie dort, wo der Bruder als Knecht diente,

Meiereimädchen werden.

Sie hatte die ganze Zeit zur Seite gesehen und traurig vor sich hin

erzählt, ganz anders, als die starke Helle sonst gewesen war. Das

letzte hatte sie gleichgültig, fast finster gesagt. Aber Peter hatte

ein ernstes Gesicht gemacht, denn das war ein böses Brot für so ein

schmuckes, kräftiges Mädchen. Eine Zeitlang war er ganz still neben ihr

durch den Flecken gegangen. Dann war er stehen geblieben und hatte sie

gefragt, ob sie seine Frau werden wollte. -- Er hatte es im Grunde nur

gesagt, weil sie ihm so leid tat, nun sie aber seine richtige Braut

war, wollte er sie auch allen Leuten zeigen und war unbändig stolz,

daß er sich so eine kräftige, tüchtige Frau ausgesucht hatte. Und um

sich mit seiner Braut sehen zu lassen, ging er jetzt neben Lars nach

Moosgaard hinauf.

Mit aller Gewalt konnte Lars seine Züge nicht in Peters großartige

Gleichgültigkeit zwingen.

Er war Peters Zureden nur gefolgt, weil die Tochter von Bauer Hoek

zum Tanze kommen würde. Die hatte er ein paarmal bei Onkel Asmussen

gesehen, denn der Vater gehörte zur Dänenpartei. Sie war viel älter

als er, aber ein stattlich-schönes Mädchen. Das dunkle wellige Haar

trug sie in der Mitte gescheitelt, und mit den hellblauen Augen sah sie

unter dunklen Wimpern herausfordernd in die Welt. Sie war immer gut

gewesen zu dem langen Jungen mit der ernsten Stirn, und wenn sie ein

Wort an ihn richtete, durchrann es ihn heiß, daß er fortsah und kaum zu

antworten wagte.

Nun lehnte er immer an der grauen Wand im Gasthaussaal und dachte,

wie er es anfangen konnte, daß sie mit ihm tanze. Seine sonderbaren

wechselfarbigen Augen, die so tief unter der braunen Stirn saßen,

folgten ihr überall durch den Saal. Deswegen sah er auch die hübschen

Blauaugen nicht, die fast bittend auf ihm ruhten. Das war Trina Lassen,

Peters kleine Schwester, die so brennend gern einmal getanzt hätte.

Sie war ein unscheinbares kleines Mädchen, kaum sechzehnjährig und in

diesem Herbste bei Frau Henriette Asmussen in Dienst getreten.

Je länger Lars dastand, um so unbehaglicher wurde ihm zu Mute, und er

ärgerte sich, daß Peter ihn zum Mitgehen beredet hatte. Er sah nach

Peter hin. Der saß am Tisch in der Ecke, ein großes Glas vor sich. Die

blonde Dora saß neben ihm. Peter hatte nie tanzen gelernt, und nun

fand er das Hüpfen und Drehen zum Lachen und ganz unter seiner Würde.

Wenn sein Vater vom Grog erwärmt ein wenig lustig wurde und von der

Zeit, da er der beste Tänzer gewesen war, zu erzählen begann, trommelte

Peter auf der Fensterscheibe und sprach vom Verdienst der letzten Woche.

So saß er hinter dem Tisch in der Ecke und sah sich triumphierend um.

Da er nicht tanzte, sollte seine Braut auch ruhig und ordentlich bei

ihm sitzen bleiben. Aber Dora warf nur den Kopf zurück und lachte hell

und lustig.

So ein bißchen Spaß machte es Lars doch, daß Peters Braut den langen,

großartigen Menschen auslachte. Und Dora tat ihm leid, wenn ihre

Freunde von früher an den Tisch traten und mit ihr tanzen wollten.

Er sah, wie ihr Peter dann einen Puff gab. Sie wollte nicht tanzen,

mußte sie dann immer wieder sagen, aber sie lachte zuletzt gar nicht

mehr, sondern sie kriegte ganz böse Augen dabei. -- Dann achtete Lars

aber nicht mehr auf sie, denn die schmucke Hoektochter war zwischen

den Tanzenden herausgetreten. Sie setzte sich auf die Bank an der Wand

und nestelte an ihrem Schuh. Da wurde er rot bis an die blonden Haare

hinauf und ging sehr steif und ein wenig linkisch quer durch den Saal.

Es war ihm, als ginge ihm im Kopf alles durcheinander. Er wußte gar

nicht, wie er es gemacht hatte, sie zum Tanz zu fordern. Sie lachte ja

wohl, als sie mit ihm kam, aber er dachte jetzt nur daran, in Tritt zu

kommen. Sie gab ihm einen kleinen Stoß, und er tauchte zwischen die

Tanzenden mit demselben Gefühl, das er beim ersten Kopfsprung gehabt

hatte. Er gab sich viel Mühe, daß ihm der Schweiß übers Gesicht lief,

und sie schob und steuerte an ihm. Und dann war es endlich überstanden,

und die Paare gingen langsam hintereinander im Saale herum. Tramp,

tramp, klang es, und es war eine Feierlichkeit dabei. Lars sah noch

ernster aus, als die meisten wetterharten Gesichter um ihn her. Und

doch gingen glückliche Gedanken in ihm um. Fast zitternd vor Glück war

er sich bewußt, daß er die stattlich-schöne Hoektochter am Arme hatte.

Er dachte daran, wie er sie das letztemal gesehen hatte. Da stand sie

im weißen Erntezeug hoch oben auf der sonnengleißenden Weizenkoppel,

den tiefblauen Himmel hinter sich. Unter der weißen Sonnenhaube hatte

ein heißes, rotbraunes Gesicht herausgelacht, und die Augen hatten

gesprüht von sieghaften blauen Blitzen. Er hatte sich gar nicht

herangewagt. Und nun hatte er sie doch dicht neben sich ganz fest am

Arme. Verstohlen sah er nach ihrem Gesicht. Da saß wahrhaftig noch das

warme Licht, und das herausfordernde Sprühen war in den Augen. Da sah

er auf die andern, und es war ihm, als hätten sie alle von der heißen

Arbeit auf den goldenen Koppeln so eine warme Siegesfreude mitgebracht,

und ihr feierlicher Ernst kam ihm wie eine stolze Würde vor. Nur er

selbst hatte nichts Rechtes geleistet, meinte er, daß er wert war, dies

stolze Mädchen am Arm zu haben.

Diese Gedanken schwammen unbestimmt durch seinen Sinn, aber sie füllten

ihn so aus, daß er auf nichts anderes acht hatte. Da fühlte er auf

einmal eine große schwere Hand auf seiner Schulter, die ihn zurückzog.

Ein stämmiger Bauernsohn nahm den Arm seiner Tänzerin und zog ihn durch

den seinigen. Lars sah noch, wie die beiden großen Menschen sich in die

Augen lachten. Ein Gefühl unendlicher Erniedrigung übergoß Lars glühend

heiß von oben bis unten.

Dann wuchs ganz langsam die Wut und gleichzeitig sagte sein Stolz:

Nicht merken lassen. Er drehte sich auf dem Hacken um und sah im Saale

herum. Da begegnete sein Blick den bittenden Augen von Klein-Trina. Er

ging fest und steif zu ihr hinüber und zog sie ohne ein Wort in den

Saal. Die hielt den Kopf tief zwischen den Schultern und wußte auf

einmal nicht, ob sie sich freute, oder ob sie sich schämte.

Als der Tanz zu Ende war, sah Lars, daß der große Bauernsohn nach der

Tür ging. Da machte er ein paar lange Schritte hinter ihm her, und er

war gar nicht mehr verlegen. Er sah auch nicht mehr so linkisch aus

dabei. In der Tür sah er flüchtig nach Peter Lassen hinüber. Der hatte

sein großes Glas mit festem Ruck zurückgestoßen und war in seiner

ganzen Länge aufgestanden. Nun ging er mit Lars hinaus.

Was die zwei im dunklen Wirtsgarten mit dem jungen Bauernsohn und

seinen Freunden vorgehabt hatten, erzählten sie nachher nicht. Aber

als sie nach einer Viertelstunde wieder in den Saal kamen, zupften

und rückten sie an ihren Sachen, und ihre Haare sahen sehr zerzaust

aus. Sie zwinkerten ein wenig, als sie in die Tür traten, weil sie das

helle Licht blendete. Staub und Tabaksqualm ließen sie die Dinge nicht

deutlich erkennen. Aber der Platz am Tisch, wo Dora gesessen hatte,

war leer, das konnten sie sehen. Da blickte Lars wieder auf Peter

Lassen, und es wurde ihm ein wenig unbehaglich, wie er seine Augen sah.

Die fuhren im Saal herum. -- Da endlich -- dort hinten wiegte sie sich

im Tanze auf und ab, und gerade mit dem dicken Jens von der Ziegelei,

den Peter nicht leiden konnte.

Peter lehnte sich an den Türpfosten, und sein Gesicht sah dunkel aus.

Jetzt war es ihm gelungen, ihren Blick aufzufangen. Seine Augen

brannten, und er machte ihr ein herrisches Zeichen. Aber Dora wandte

den Kopf nach der andern Seite und schwatzte lustig weiter mit dem

dicken Jens.

Da stieg es dunkelrot bis in Peters Stirn, und die Adern schwollen an

den Schläfen. -- Zwei Tänze lang blieb er so regungslos am Türpfosten

gelehnt. Die Aus- und Eingehenden stießen gegen ihn, aber er merkte es

gar nicht. Lars blieb treulich neben ihm. Er wußte nicht recht, was er

nun dabei zu tun hatte.

Aber als sie nach dem zweiten Tanz noch immer dort drüben im andern

Winkel blieb, machte Peter ein paar lange Schritte durch den Saal. Er

schien ganz ruhig, nur die Adern waren noch angeschwollen, und die

Augen hatten ein sonderbares Glitzern, aber er war wirklich ganz

ruhig. Er faßte Dora bei der Hand und sagte: „Komm jetzt.“

Sie warf wieder den Kopf zurück und lachte, aber sie ging doch mit.

Mitten durch den Saal und zur Tür hinaus ging er und hielt sie immer an

der Hand. Nun wußte Lars gar nicht mehr, was er tun sollte. Aber wenn

Peter so aussah, stand es schlimm. Da ging er hinter ihm her. „Peter --

laß doch!“ sagte er halblaut. Aber der hörte gar nicht hin und ging in

den dunklen Garten hinaus.

Da packte er mit einem Male ihren Arm und schüttelte ihn. „Schäm’ dich!

Schäm’ dich!“ sagte er immerfort.

Sie weinte laut auf vor Zorn. „Du solltest dich schämen! Weil ich ein

armes Mädchen bin, willst du mir befehlen wie deiner Magd. Schäm’ du

dich. Wenn ich kann, tu’ ich es gleich wieder so.“

Da hörte Lars einen klatschenden Ton in der Dunkelheit. Peter Lassen

hatte seine Braut geschlagen. --

* *

*

Das Boot sah finster aus in der feuchten Morgenluft. Die großen,

braunen Segel sind heute fast schwarz von Nässe und stehen wie

Fledermausflügel vor der grauen Luft und dem endlos grauen Wasser. Und

es ist nur das leise klatschende Geräusch des Wassers, das die große

Stille stört. Und dann, wenn die Arbeit beginnt, das gleichmäßige

Platschen, wenn das Netz mit gemessenen Griffen ausgeworfen wird.

Lars ist bei der Arbeit, und er packt fest an mit zusammengezogenen

Brauen. Und bei jedem Ruck denkt er, daß er die stolze Hoektochter

straft und ihr zeigt, daß sie ihn nicht beleidigen konnte. Aber er hat

ein paar große blaue Male im Gesicht und im Herzen den großen Schmerz

um seine erste Liebe.

Peter sitzt an den Riemen und glotzt vor sich hin. Er kann es alles

nicht verstehn. Sich selbst und Dora Nielsen und die ganze Welt. Aber

am wenigsten versteht er, warum ihm jetzt, da sie ihm nicht mehr

gehört, die frische Helle immer vor der Seele steht, als das einzig

Sonnige im Leben.

Und Lars faßt in die großen, rauhen Haufen nassen Netzwerks und wirft

sie hinaus, immer mit demselben gleichmäßigen Griff, und immer platscht

das graue Wasser auf und die öde, graue Unendlichkeit liegt ringsum in

tiefem Schweigen, und sie fühlen beide ganz deutlich, daß nun alles aus

ist.

Durch den Nebel: Roman · 第 61 / 90 题