Oben auf Moosgaard war Erntebier. Die Tage nahmen schon ab, und in der
Dämmerung warf der feuchte, kalte Wind die Wellen klatschend auf die
Steine.
Lars und Peter Lassen gingen zusammen den Fußsteig hinauf.
Peter hatte sich ein neues weißes Chemisett gekauft, das nicht recht in
seiner Weste haften wollte. Aber sein Gesicht glänzte in gleichmütiger
Würde über dem kleinen bunten Schlips.
Lars hatte jetzt ganz so einen blauen Anzug wie Peter. Er ging ins
neunzehnte Jahr und sah groß und männlich aus.
Peter hatte etwas Besonderes, was ihn auf dies Erntebier lockte. Er
hatte eine richtige Braut. Noch war er nicht ganz zwanzig. Aber seit
bald vierzehn Tagen hatte er eine Braut.
Er hatte Lars genau erzählt, wie das Ganze gekommen war: In der
Ziegelei, wo er gearbeitet hatte, wohnte eine ordentliche Familie.
Arme Arbeitsleute waren es, aber der Mann trank nicht wie die andern
dort und hielt sich auch mehr für sich. Die Frau war lange tot, und
die große helle Tochter sorgte für den Hausstand und die kleinen
Geschwister. Peter hielt sich immer zu den Ordentlichen, und so war
er bald mit dem ruhigen Mann und seinen flachsköpfigen Kindern gut
bekannt geworden. Er hatte oft im Winkel neben dem Herd gesessen, und
seine wachen Augen waren hin- und hergewandert mit dem starken, sichern
Bewegen der großen Schwester.
Nun hatte er neulich Dora Nielsen wieder getroffen. Oben im Flecken
war es gewesen, und sie hatte still und viel ernster ausgesehen. Der
Vater wäre schon seit ein paar Monaten tot, sagte sie ihm. Er hatte
sich überhoben mit einer allzuschweren Steinlast. Da war ein Blutsturz
gekommen, und er war gestorben. Der Körper sei schon zu schwach und
verarbeitet gewesen, meinte der Arzt.
Die Geschwister hatte sie unterbringen müssen. Zwei waren ja Gott sei
Dank so weit, daß sie auf Arbeit gehen konnten. Der Älteste war zum
Bauern, den Zweiten hatte sie in die Lehre gegeben, weil er nicht so
kräftig war. Bis jetzt hatte sie noch bei der Frau vom Ziegeleiherrn
gearbeitet und die kleinen Geschwister dabei besorgt. Nun war das
zu Ende. Die Kinder waren in der Gemeinde verteilt, und Dora suchte
einen Dienst. Wenn es noch weiter so schwer hielt, einen guten
Dienst zu finden, wollte sie dort, wo der Bruder als Knecht diente,
Meiereimädchen werden.
Sie hatte die ganze Zeit zur Seite gesehen und traurig vor sich hin
erzählt, ganz anders, als die starke Helle sonst gewesen war. Das
letzte hatte sie gleichgültig, fast finster gesagt. Aber Peter hatte
ein ernstes Gesicht gemacht, denn das war ein böses Brot für so ein
schmuckes, kräftiges Mädchen. Eine Zeitlang war er ganz still neben ihr
durch den Flecken gegangen. Dann war er stehen geblieben und hatte sie
gefragt, ob sie seine Frau werden wollte. -- Er hatte es im Grunde nur
gesagt, weil sie ihm so leid tat, nun sie aber seine richtige Braut
war, wollte er sie auch allen Leuten zeigen und war unbändig stolz,
daß er sich so eine kräftige, tüchtige Frau ausgesucht hatte. Und um
sich mit seiner Braut sehen zu lassen, ging er jetzt neben Lars nach
Moosgaard hinauf.
Mit aller Gewalt konnte Lars seine Züge nicht in Peters großartige
Gleichgültigkeit zwingen.
Er war Peters Zureden nur gefolgt, weil die Tochter von Bauer Hoek
zum Tanze kommen würde. Die hatte er ein paarmal bei Onkel Asmussen
gesehen, denn der Vater gehörte zur Dänenpartei. Sie war viel älter
als er, aber ein stattlich-schönes Mädchen. Das dunkle wellige Haar
trug sie in der Mitte gescheitelt, und mit den hellblauen Augen sah sie
unter dunklen Wimpern herausfordernd in die Welt. Sie war immer gut
gewesen zu dem langen Jungen mit der ernsten Stirn, und wenn sie ein
Wort an ihn richtete, durchrann es ihn heiß, daß er fortsah und kaum zu
antworten wagte.
Nun lehnte er immer an der grauen Wand im Gasthaussaal und dachte,
wie er es anfangen konnte, daß sie mit ihm tanze. Seine sonderbaren
wechselfarbigen Augen, die so tief unter der braunen Stirn saßen,
folgten ihr überall durch den Saal. Deswegen sah er auch die hübschen
Blauaugen nicht, die fast bittend auf ihm ruhten. Das war Trina Lassen,
Peters kleine Schwester, die so brennend gern einmal getanzt hätte.
Sie war ein unscheinbares kleines Mädchen, kaum sechzehnjährig und in
diesem Herbste bei Frau Henriette Asmussen in Dienst getreten.
Je länger Lars dastand, um so unbehaglicher wurde ihm zu Mute, und er
ärgerte sich, daß Peter ihn zum Mitgehen beredet hatte. Er sah nach
Peter hin. Der saß am Tisch in der Ecke, ein großes Glas vor sich. Die
blonde Dora saß neben ihm. Peter hatte nie tanzen gelernt, und nun
fand er das Hüpfen und Drehen zum Lachen und ganz unter seiner Würde.
Wenn sein Vater vom Grog erwärmt ein wenig lustig wurde und von der
Zeit, da er der beste Tänzer gewesen war, zu erzählen begann, trommelte
Peter auf der Fensterscheibe und sprach vom Verdienst der letzten Woche.
So saß er hinter dem Tisch in der Ecke und sah sich triumphierend um.
Da er nicht tanzte, sollte seine Braut auch ruhig und ordentlich bei
ihm sitzen bleiben. Aber Dora warf nur den Kopf zurück und lachte hell
und lustig.
So ein bißchen Spaß machte es Lars doch, daß Peters Braut den langen,
großartigen Menschen auslachte. Und Dora tat ihm leid, wenn ihre
Freunde von früher an den Tisch traten und mit ihr tanzen wollten.
Er sah, wie ihr Peter dann einen Puff gab. Sie wollte nicht tanzen,
mußte sie dann immer wieder sagen, aber sie lachte zuletzt gar nicht
mehr, sondern sie kriegte ganz böse Augen dabei. -- Dann achtete Lars
aber nicht mehr auf sie, denn die schmucke Hoektochter war zwischen
den Tanzenden herausgetreten. Sie setzte sich auf die Bank an der Wand
und nestelte an ihrem Schuh. Da wurde er rot bis an die blonden Haare
hinauf und ging sehr steif und ein wenig linkisch quer durch den Saal.
Es war ihm, als ginge ihm im Kopf alles durcheinander. Er wußte gar
nicht, wie er es gemacht hatte, sie zum Tanz zu fordern. Sie lachte ja
wohl, als sie mit ihm kam, aber er dachte jetzt nur daran, in Tritt zu
kommen. Sie gab ihm einen kleinen Stoß, und er tauchte zwischen die
Tanzenden mit demselben Gefühl, das er beim ersten Kopfsprung gehabt
hatte. Er gab sich viel Mühe, daß ihm der Schweiß übers Gesicht lief,
und sie schob und steuerte an ihm. Und dann war es endlich überstanden,
und die Paare gingen langsam hintereinander im Saale herum. Tramp,
tramp, klang es, und es war eine Feierlichkeit dabei. Lars sah noch
ernster aus, als die meisten wetterharten Gesichter um ihn her. Und
doch gingen glückliche Gedanken in ihm um. Fast zitternd vor Glück war
er sich bewußt, daß er die stattlich-schöne Hoektochter am Arme hatte.
Er dachte daran, wie er sie das letztemal gesehen hatte. Da stand sie
im weißen Erntezeug hoch oben auf der sonnengleißenden Weizenkoppel,
den tiefblauen Himmel hinter sich. Unter der weißen Sonnenhaube hatte
ein heißes, rotbraunes Gesicht herausgelacht, und die Augen hatten
gesprüht von sieghaften blauen Blitzen. Er hatte sich gar nicht
herangewagt. Und nun hatte er sie doch dicht neben sich ganz fest am
Arme. Verstohlen sah er nach ihrem Gesicht. Da saß wahrhaftig noch das
warme Licht, und das herausfordernde Sprühen war in den Augen. Da sah
er auf die andern, und es war ihm, als hätten sie alle von der heißen
Arbeit auf den goldenen Koppeln so eine warme Siegesfreude mitgebracht,
und ihr feierlicher Ernst kam ihm wie eine stolze Würde vor. Nur er
selbst hatte nichts Rechtes geleistet, meinte er, daß er wert war, dies
stolze Mädchen am Arm zu haben.
Diese Gedanken schwammen unbestimmt durch seinen Sinn, aber sie füllten
ihn so aus, daß er auf nichts anderes acht hatte. Da fühlte er auf
einmal eine große schwere Hand auf seiner Schulter, die ihn zurückzog.
Ein stämmiger Bauernsohn nahm den Arm seiner Tänzerin und zog ihn durch
den seinigen. Lars sah noch, wie die beiden großen Menschen sich in die
Augen lachten. Ein Gefühl unendlicher Erniedrigung übergoß Lars glühend
heiß von oben bis unten.
Dann wuchs ganz langsam die Wut und gleichzeitig sagte sein Stolz:
Nicht merken lassen. Er drehte sich auf dem Hacken um und sah im Saale
herum. Da begegnete sein Blick den bittenden Augen von Klein-Trina. Er
ging fest und steif zu ihr hinüber und zog sie ohne ein Wort in den
Saal. Die hielt den Kopf tief zwischen den Schultern und wußte auf
einmal nicht, ob sie sich freute, oder ob sie sich schämte.
Als der Tanz zu Ende war, sah Lars, daß der große Bauernsohn nach der
Tür ging. Da machte er ein paar lange Schritte hinter ihm her, und er
war gar nicht mehr verlegen. Er sah auch nicht mehr so linkisch aus
dabei. In der Tür sah er flüchtig nach Peter Lassen hinüber. Der hatte
sein großes Glas mit festem Ruck zurückgestoßen und war in seiner
ganzen Länge aufgestanden. Nun ging er mit Lars hinaus.
Was die zwei im dunklen Wirtsgarten mit dem jungen Bauernsohn und
seinen Freunden vorgehabt hatten, erzählten sie nachher nicht. Aber
als sie nach einer Viertelstunde wieder in den Saal kamen, zupften
und rückten sie an ihren Sachen, und ihre Haare sahen sehr zerzaust
aus. Sie zwinkerten ein wenig, als sie in die Tür traten, weil sie das
helle Licht blendete. Staub und Tabaksqualm ließen sie die Dinge nicht
deutlich erkennen. Aber der Platz am Tisch, wo Dora gesessen hatte,
war leer, das konnten sie sehen. Da blickte Lars wieder auf Peter
Lassen, und es wurde ihm ein wenig unbehaglich, wie er seine Augen sah.
Die fuhren im Saal herum. -- Da endlich -- dort hinten wiegte sie sich
im Tanze auf und ab, und gerade mit dem dicken Jens von der Ziegelei,
den Peter nicht leiden konnte.
Peter lehnte sich an den Türpfosten, und sein Gesicht sah dunkel aus.
Jetzt war es ihm gelungen, ihren Blick aufzufangen. Seine Augen
brannten, und er machte ihr ein herrisches Zeichen. Aber Dora wandte
den Kopf nach der andern Seite und schwatzte lustig weiter mit dem
dicken Jens.
Da stieg es dunkelrot bis in Peters Stirn, und die Adern schwollen an
den Schläfen. -- Zwei Tänze lang blieb er so regungslos am Türpfosten
gelehnt. Die Aus- und Eingehenden stießen gegen ihn, aber er merkte es
gar nicht. Lars blieb treulich neben ihm. Er wußte nicht recht, was er
nun dabei zu tun hatte.
Aber als sie nach dem zweiten Tanz noch immer dort drüben im andern
Winkel blieb, machte Peter ein paar lange Schritte durch den Saal. Er
schien ganz ruhig, nur die Adern waren noch angeschwollen, und die
Augen hatten ein sonderbares Glitzern, aber er war wirklich ganz
ruhig. Er faßte Dora bei der Hand und sagte: „Komm jetzt.“
Sie warf wieder den Kopf zurück und lachte, aber sie ging doch mit.
Mitten durch den Saal und zur Tür hinaus ging er und hielt sie immer an
der Hand. Nun wußte Lars gar nicht mehr, was er tun sollte. Aber wenn
Peter so aussah, stand es schlimm. Da ging er hinter ihm her. „Peter --
laß doch!“ sagte er halblaut. Aber der hörte gar nicht hin und ging in
den dunklen Garten hinaus.
Da packte er mit einem Male ihren Arm und schüttelte ihn. „Schäm’ dich!
Schäm’ dich!“ sagte er immerfort.
Sie weinte laut auf vor Zorn. „Du solltest dich schämen! Weil ich ein
armes Mädchen bin, willst du mir befehlen wie deiner Magd. Schäm’ du
dich. Wenn ich kann, tu’ ich es gleich wieder so.“
Da hörte Lars einen klatschenden Ton in der Dunkelheit. Peter Lassen
hatte seine Braut geschlagen. --
* *
*
Das Boot sah finster aus in der feuchten Morgenluft. Die großen,
braunen Segel sind heute fast schwarz von Nässe und stehen wie
Fledermausflügel vor der grauen Luft und dem endlos grauen Wasser. Und
es ist nur das leise klatschende Geräusch des Wassers, das die große
Stille stört. Und dann, wenn die Arbeit beginnt, das gleichmäßige
Platschen, wenn das Netz mit gemessenen Griffen ausgeworfen wird.
Lars ist bei der Arbeit, und er packt fest an mit zusammengezogenen
Brauen. Und bei jedem Ruck denkt er, daß er die stolze Hoektochter
straft und ihr zeigt, daß sie ihn nicht beleidigen konnte. Aber er hat
ein paar große blaue Male im Gesicht und im Herzen den großen Schmerz
um seine erste Liebe.
Peter sitzt an den Riemen und glotzt vor sich hin. Er kann es alles
nicht verstehn. Sich selbst und Dora Nielsen und die ganze Welt. Aber
am wenigsten versteht er, warum ihm jetzt, da sie ihm nicht mehr
gehört, die frische Helle immer vor der Seele steht, als das einzig
Sonnige im Leben.
Und Lars faßt in die großen, rauhen Haufen nassen Netzwerks und wirft
sie hinaus, immer mit demselben gleichmäßigen Griff, und immer platscht
das graue Wasser auf und die öde, graue Unendlichkeit liegt ringsum in
tiefem Schweigen, und sie fühlen beide ganz deutlich, daß nun alles aus
ist.