8) gewöhne dich mit deiner Zeit sparsam umzugehen;

9) suche mit einer Familie oder Erziehungsgesellschaft

in Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegesöhne

sich durch einen hohen Grad von Gesundheit auszeichnen;

10) suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur

innigen Überzeugung von ihren Pflichten zu bringen;

11) handle immer so, wie du wünschest, daß deine Zöglinge

handeln sollen!

_V._ ~Schlußermahnung~: _Non ex quovis lignofit Mercurius_. ~Prüfe

dich~, ob du die Gabe hast, auf Kinder zu wirken und sie

zu lenken.

Salzmanns ~Ameisenbüchlein~ verdient auch noch jetzt trotz der vielen

pädagogischen Schriften, die alljährlich auf den Büchermarkt gelangen,

gelesen und studiert zu werden. Ist heutzutage auch das meiste von dem,

was es giebt, wenigstens theoretisch allgemein anerkannt, so ist der

Inhalt des Buches noch nicht als veraltet zu betrachten. ~Moller~ sagt in

Schmids Encyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens: »Es

giebt in der neueren pädagogischen Litteratur vielleicht kein Werk, das

die Pflicht des Erziehers, sich selbst zu vervollkommnen und den Grund

jedes Mißerfolgs vor allem in sich selbst zu suchen, so eindringlich mit

mildem Ernst und erfahrungsreicher Weisheit ans Herz gelegt hätte, wie

das ~Ameisenbüchlein~.« Ist nun auch diese Salzmannsche Schrift besonders

für Erzieher von Fach und für diejenigen geschrieben, die es werden

wollen, so finden doch auch die Eltern manchen beherzigenswerten Wink in

demselben. Klarheit und Wahrheit, Frische und Natürlichkeit spricht sich

auf jeder Seite dieser Schrift aus, so daß ihre Lektüre auch jetzt noch

reichen Genuß bietet. Möge deshalb auch die von mir veranstaltete Ausgabe

freundliche Aufnahme bei Deutschlands Lehrern und in deutschen Familien

finden.

* * * * *

Das »~Ameisenbüchlein~« erschien im Jahre 1806 in Schnepfenthal in

der Buchhandlung der Erziehungsanstalt. Veranlaßt dazu ward Salzmann

durch den Mangel an Anweisungen zur Erziehung der Erzieher, während an

Büchern, die Anweisungen zur Erziehung der Kinder enthalten, Überfluß

war. Salzmann schreibt: »Was helfen aber diese, wenn jene nicht da sind?

Wozu nützen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die sie ausführen

können? Statt darauf zu denken, das Wahre und Gute, was wir von der

Erziehung bereits wissen, in Ausübung zu bringen, fährt man fort, neue

Theorien aufzustellen, denen, so gut wie jenen, die Ausführung fehlen

wird. Wir gleichen theoretischen Baumeistern, die die Ideale zu den

vollkommensten Gebäuden mit der Reißfeder entwerfen können, die aber immer

nur Risse bleiben, mit denen man etwa die Wände bekleiden kann, da ihren

Verfertigern die Geschicklichkeit fehlt, das Entworfene zur Wirklichkeit

zu bringen.«

Dem nachfolgenden Abdrucke ward die Originalausgabe von 1806 zu

Grunde gelegt. Diese erschien doppelt, nämlich in einer auf besserem

Papier, in größerem Drucke und mit dem oben erwähnten Bilde auf dem

Titelblatte hergestellten Ausgabe und in einer »wohlfeilen Ausgabe« ohne

Titelbild. Hinderlich waren der Verbreitung der Schrift die bald nach

ihrem Erscheinen in Deutschland auftretenden Kriegsunruhen, die auch

auf die Schnepfenthaler Anstalt nachteilig wirkten. Ein Nachdruck des

»Ameisenbüchleins« erschien 1807 in der J.J. Mäckenschen Buchhandlung in

Reutlingen. Wieder abgedruckt ward es in der 1845 von der Hoffmannschen

Verlagsbuchhandlung in Stuttgart verlegten und zum hundertjährigen

Geburtstage Salzmanns von dessen Familie veranstalteten Ausgabe seiner

Volks- und Jugendschriften. Benutzt sind von mir auch, soweit es meinen

Zwecken entsprach, die Ausgabe der Salzmannschen Schriften von Karl

Richter, sowie diejenige von Richard Bosse und Johs. Meyer.

~Hannover~, am Todestage Salzmanns, den 31. Oktober 1887.

#Ernst Schreck.#

Ameisenbüchlein.

An Hermann!

So nenne ich dich, lieber junger Mann, der du in deiner Brust ein Streben

fühlst, durch Thätigkeit für Menschenwohl dich in der Welt auszuzeichnen.

Gieb mir die Hand! Wenn du nicht vorzügliche Talente und entschiedene

Neigung zu einem andern Geschäfte in dir fühlst -- so widme dich der

Erziehung!

Diese schafft dir Gelegenheit, für Menschenwohl recht thätig zu sein. Wer

Moräste austrocknet, Heerstraßen anlegt, Tausenden Gelegenheit verschafft,

sich ihre Bedürfnisse zu verschaffen, Gärten pflanzt, Krankenhäuser

stiftet, wirkt auch für Menschenwohl, aber nicht so unmittelbar und

durchgreifend als der Erzieher. Jener verbessert den Zustand der Menschen,

dieser veredelt den Menschen selbst. Und ist der Mensch erst veredelt, so

geht aus ihm die Verbesserung von selbst hervor, und der Zögling, dessen

Veredelung dir gelungen ist, hat Anlage, auf dem Platze, wohin ihn die

Vorsehung stellt, den Zustand von tausenden seiner Brüder angenehmer und

behaglicher zu machen.

In keiner Klasse von Menschen findest du so viel Empfänglichkeit für alles

Gute, als bei Kindern. Ihr Herz ist die wahre Jungfernerde, in welcher

jedes Samenkorn schnell Wurzel schlägt und emporwächst; es ist ein Wachs,

das sich willig in jede Form schmiegt, in die du es drückst. Das Herz der

Erwachsenen gleicht einem Lande, das schon mit Gewächsen besetzt ist, die

darin tiefe Wurzeln schlugen, und die erst mit vieler, oft vergeblicher

Mühe ausgerottet werden müssen, wenn der Same, den du in dasselbe werfen

willst, gedeihen soll; einem Marmor, der mit großer Behutsamkeit

bearbeitet sein will, und in dem man, nach langer mühseliger Arbeit, oft

auf eine Ader stößt, die alle fernere Arbeit zwecklos macht. Wenn du die

Erziehungskunst wirklich gründlich erlernst und mit Gewissenhaftigkeit

ausübest, so verschaffst du dir gewiß die Seligkeit, einst Männer, durch

dich gebildete Männer, zu sehen, die mit Kraft und Nachdruck für alles

Gute thätig sind.

Wende mir nicht ein, das Erziehungsgeschäft wäre so mühsam. Wo ist denn

ein gemeinnütziges Geschäft, das nicht mühsam wäre? Und wenn es ein

solches, wie z. B. das Zerlegen einer Pastete, gäbe, wolltest du dich

wohl demselben widmen? Aber glaube mir, das Erziehungsgeschäft ist nicht

so mühsam, als du denkst. Erzieher, die die Erziehung nicht verstanden,

haben es in einen übeln Ruf gebracht. Merke nur auf die Winke, die dir

in diesem Buche gegeben werden, ~und befolge sie~, so wirst du bei der

Erziehung zwar Mühe, aber fast immer solche finden, die durch einen

baldigen glücklichen Erfolg belohnt wird, und deswegen kaum den Namen der

Mühe verdient. Und diese kleine Mühe -- durch wie mannigfaltige Freude

wird sie versüßt werden! Sieh', was für ein harmloses, fröhliches Völklein

die Leutchen sind, in deren Kreise der Erzieher wirkt! Wird, wenn du ein

wirklicher Erzieher wirst und dich zu ihnen herabstimmen lernst, ihre

beständige Fröhlichkeit nicht einen wohlthätigen Einfluß auf dich haben?

Die Erfahrung lehrt, daß Männer, die in der jugendlichen Atmosphäre leben

und weben, gemeiniglich alt werden, unterdessen daß von denjenigen ihrer

Jugendfreunde, die in dem Dunstkreise der Erwachsenen arbeiteten, einer

nach dem andern dahin welkt.

Man hat diese unleugbare Erscheinung oft den jugendlichen Ausdünstungen

zugeschrieben, die solche Männer einatmen, und damit ihre zähwerdende

Blutmasse verdünnen. Ob es wahr sei, kann ich nicht entscheiden, da mir

hierzu die nötigen ärztlichen Kenntnisse fehlen.[1] Sicher trägt aber die

beständige Munterkeit und Fröhlichkeit der Jugend das ihrige dazu bei,

wenn man ihr nur nicht durch Eigensinn und üble Laune entgegenarbeitet.

Will man sich in den Lehnstuhl setzen, um des Marasmus Ankunft ruhig

abzuwarten, so kommt ein munterer Knabe gehüpft, bittet, einen seiner

jugendlichen Wünsche zu befriedigen, und reizt uns, den Lehnstuhl zu

verlassen. Dort beginnen einige frohe Knaben ein munteres Spiel, das auch

uns zum Frohsinn stimmt. Nun ruft uns die Glocke in das Lehrzimmer, wo

man, soll anders der Unterricht einen guten Erfolg haben, der üblen Laune

entsagen und zum Frohsinn sich stimmen muß. So verjüngt der Erzieher, der

seiner Bestimmung gemäß lebt, sich täglich, und hält das Alter mit seinen

mannigfaltigen Beschwerden von sich entfernt.

Die Erziehung, denkst du vielleicht, wird aber so schlecht belohnt.

Das glaubst du wirklich? Mir deucht, kein Geschäft ist belohnender als

dieses. Sind denn Frohsinn, Gesundheit und ein heiteres Alter, die

gewöhnlich dem ~wahren~ Erzieher zu teil werden, eine Kleinigkeit?

Nächstdem kann er noch auf eine andere Belohnung rechnen, dies ist -- die

eigene Veredelung. Der Erzieher, der sein Geschäft nicht als Broterwerb

treibt, den die Veredelung seiner Pflegebefohlenen Hauptzweck ist, muß

schlechterdings ein guter, edler Mensch werden. Wie? er sollte stets

die Pflicht mit Wärme empfehlen können, ohne über dieselbe täglich

nachzudenken und ihren Wert zu fühlen? ohne sich selbst als Muster der

Pflichterfüllung darzustellen? Er sollte unter jungen Leuten leben können,

deren scharfes Auge jeden Fehler bemerkt, deren Freimütigkeit jeden Fehler

bemerkbar macht, ohne dieselben abzulegen? Das so wahre Sprichwort:

_docendo discimus_ ist auch in moralischer Hinsicht wahr. Wenn wir uns

ernstlich bestreben, unsere Pflegebefohlenen zu veredeln, werden wir

selbst veredelt.

Und nun, mein guter Hermann! wenn du bei dem Erziehungsgeschäfte gesund

und froh wirst, wenn dabei dein innerer Mensch gedeihet und immer mehr

edlen Sinn bekommt, bist du nicht belohnt genug? Gesetzt, du müßtest deine

Tage in niedriger Dürftigkeit verleben, bist du nicht belohnt genug?

Oder, wolltest du wohl dies alles dahin geben, um eine glänzende Rolle zu

spielen? wolltest lieber an einer reichlich besetzten Tafel krank, als

bei einer einfachen Mahlzeit mit gutem Appetite sitzen? wolltest lieber

Jubel um dich und in dir Gram, als in dir Frohsinn und um dich Stille

haben? wolltest lieber einen Schwarm feiler Seelen befehlen, als dich

selbst beherrschen? Nun, so triff den Tausch, aber -- mein Hermann bist du

nicht -- dir ist dies Buch nicht geweihet.

An dich wende ich mich, der du den Wert dieser großen Belohnung fühlen

kannst. Erlangtest du auch keine als diese, so wirst du jede andere

entbehren können.

Aber gewiß, wenn du dich bestrebst, kein mittelmäßiger, sondern ein

ausgezeichneter Erzieher zu werden, wird dir auch andere Belohnung nicht

fehlen. Die Zeiten sind vorbei, da das Erziehungsgeschäft verächtlich war.

Die Familien werden immer zahlreicher, denen ein ~guter~ Erzieher das

höchste Bedürfnis ist, die sich denselben um jeden Preis zu verschaffen

suchen; die ihn nicht als ersten Bedienten, sondern als ersten Freund des

Hauses betrachten. Fürstenfamilien sehen sich nach dem Manne um, dessen

Leitung sie ihre Kinder mit vollem Zutrauen übergeben können. -- Und du

wolltest nicht Erzieher werden?

Vorbericht.

Als ich mich bei Ausfertigung des ~Krebsbüchleins~[2] in das Kerbtierfach

warf, war meine Meinung, eine Reihe von Schriften auszuarbeiten, die

ihren Namen von Kerbtieren haben sollten. Allein die Geschäfte, in die

ich von diesem Zeitpunkte an verwickelt wurde, hielten mich immer davon

ab, und nun läßt mir das herannahende Alter wenig Hoffnung übrig, meinen

Vorsatz ausführen zu können. Das Skorpionbüchlein, oder Anweisung zu

einer unvernünftigen Regierung der Völker, sowie das Spinnenbüchlein,

oder Anweisung zu unvernünftiger Führung der Ehe, wird also nicht zur

Wirklichkeit kommen. ~Das Ameisenbüchlein oder die Anweisung zu einer

vernünftigen Erziehung der Erzieher~ erscheint aber hier.

Wozu der sonderbare Titel? wird man fragen. Erstlich dazu, daß dadurch

Leser herbeigelockt werden. Der Inhalt dieses Buches scheint mir so

wichtig, daß ich wünsche, es möchte von allen, die erziehen oder erziehen

lassen, gelesen und beherzigt werden. Gleichwohl ist zu besorgen, daß

es unter der Flut von Schriften, mit welchen Deutschland in jeder Messe

überschwemmt wird, nicht möchte bemerkt werden, wenn es nicht eine

Auszeichnung bekommt, die in die Augen fällt, und es unter den tausenden,

von welchen es umgeben ist, bemerkbar macht. Was ist hierzu aber wohl

schicklicher als der Titel? Ein anderer würde dazu vielleicht einen

griechischen oder französischen Namen, oder den Namen einer Gottheit oder

eines Weisen des Altertums gewählt haben; mir aber gefiel der Titel:

~Ameisenbüchlein~.

Zweitens wählte ich gerade diesen Titel, weil das Krebsbüchlein so gut

ist aufgenommen worden, daß es noch nach 24 Jahren gelesen und hier und

da empfohlen wird, und ich daher hoffen durfte, daß die Ähnlichkeit des

Namens diesem Buche einen ähnlichen Beifall im Publikum verschaffen würde.

Endlich liegt auch wirklich ein Grund zu der Wahl dieses Titels im

Ameisenhaufen selbst. Die Eltern der Ameisen, nachdem sie ihr Geschlecht

fortgepflanzt haben, schwingen sich in die Luft, und sind, nach

menschlicher Art und Weise, um ihre Brut unbekümmert, deren Pflege und

Erziehung sie jenen Ameisen überlassen, die durch die Natur zu einem

niederen Wirkungskreise bestimmt sind. Diese nun besorgen ihr Geschäft

auch recht gut; sie bringen die junge Brut täglich an die Sonne, laufen

herbei und suchen sie zu retten bei jeder Gefahr, von welcher sie bedroht

wird[3] -- und der Erfolg bürgt für die Güte der Erziehung, da jeder

Ameisenhaufen der Wohnsitz der Gesundheit, Reinlichkeit, Thätigkeit

und Folgsamkeit ist, die in vielen menschlichen Gesellschaften vermißt

werden, zu welchen man aber die jungen Ameisen gleich nach ihrem Entstehen

gewöhnt. So wie also Salomo den Faulen zum Ameisenhaufen verweist, könnte

man auch in anderer Rücksicht den Erzieher auf denselben aufmerksam machen.

So viel vom Titel! Was den Inhalt betrifft, so scheint er mir von großer

Wichtigkeit zu sein. Wir haben einen Überfluß von Büchern, die Anweisung

zur Erziehung der Kinder enthalten, aber an Anweisungen zur Erziehung

der Erzieher scheint mir noch Mangel zu sein. Was helfen aber jene, wenn

diese nicht da sind? Wozu nützen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die

sie ausführen können? ~Die Revision des Schul- und Erziehungswesens~[4]

stellt gute Theorien auf, wo sind sie aber ausgeführt worden? Statt darauf

zu denken, das Wahre und Gute, was wir von der Erziehung bereits wissen,

in Ausführung zu bringen, fährt man fort, neue Theorien aufzustellen,

denen, so gut wie jenen, die Ausführung fehlen wird. Wir gleichen

theoretischen Baumeistern, die die Ideale zu den vollkommensten Gebäuden

mit der Reißfeder entwerfen können, die aber immer nur Risse bleiben,

mit denen man etwa die Wände bekleiden kann, da ihren Verfertigern die

Geschicklichkeit fehlt, das Entworfene zur Wirklichkeit zu bringen.

Ach, gebt uns gute Erzieher! gebt uns Leute, die die Neigung,

Geschicklichkeit und Fertigkeit haben, Kinder vernünftig zu behandeln,

sich die Liebe und das Zutrauen derselben zu erwerben, die Kräfte zu

wecken, ihre Neigungen zu lenken, und durch ihre Lehre und ihr ~Beispiel~

die jungen Menschen zu dem zu machen, was sie, ihren Anlagen und ihrer

Bestimmung nach, sein können und sein sollen, und die Erziehung wird

gelingen, ohne daß wir neue Theorien nötig haben. So geht aus der

Dorfschule manches verständigen, rechtschaffenen und treuen Schulmeisters,

der nie etwas von reiner Pflicht hörte[5], noch neue Theorien über den

Unterricht im Lesen studierte, nach und nach eine Gemeinde hervor, die

durch ihre Rechtschaffenheit, helle Einsichten, Ordnung, Thätigkeit und

Lesefertigkeit sich im ganzen Umkreise zu ihrem Vorteile auszeichnet, und

alle hinter sich zurückläßt, die nach den neuesten Theorien von Männern

erzogen wurden, die nicht zu erziehen verstanden.

Was ist z. E. vernünftiger, als die Forderungen der Erzieher, die Kinder

mehr durch Vorstellungen, als durch Belohnungen und Strafen zu lenken?

Allein zu dem Lenken der Kinder durch Vorstellungen gehört eine ganz

eigene Geschicklichkeit. Derjenige, dem sie fehlt, kann den Kindern sehr

viel Vernünftiges und Gutes sagen, das sich recht gut lesen läßt, und

wird damit doch nichts ausrichten, unterdessen daß ein anderer, der die

Erziehung versteht, mit weit weniger Worten zu seinem Zwecke kommt.

Es ist unter den Erziehern allgemein angenommen worden, daß zur Erziehung

auch eine gewisse Abhärtung des Körpers gehöre; wenn der Erzieher aber

selbst weichlich ist, wie will er andere abhärten? u. s. w.

Was die Art meines Vortrags betrifft, so wird man manches daran

auszusetzen finden, das aber doch wegen meiner Eigenheit verdient

entschuldigt zu werden. Bisweilen werde ich etwas stark und entscheidend

sprechen, und fordern, daß dies und jenes so und nicht anders sein müsse.

Dies ist eine Folge von der Lebhaftigkeit meiner Überzeugung. Ich bin

kein Jüngling mehr, der sich mit Idealen beschäftigt, von denen er noch

zweifelhaft ist, ob sie außer seinem Gehirne gedeihen werden; ich habe

einige und zwanzig Jahre selbst erzogen, die Eigenheiten der Kinder

in mancherlei Verhältnissen kennen gelernt, manchen Versuch mit ihnen

gemacht, der mir mißlang, und andere, von denen ich die gesegnetsten

Wirkungen verspürte. Was ich also weiß, das weiß ich aus vieljähriger

Erfahrung; ist es mir daher zu verdenken, wenn ich davon mit eben der

Zuversicht spreche, mit welcher ein alter Arzt die Heilart einer gewissen

Krankheit, deren Güte ihm eine vieljährige Erfahrung bestätigte, zu

empfehlen pflegt?

Auch werde ich wenig oder gar nicht dessen Erwähnung thun, was andere

Erzieher geleistet haben. Dies rührt keineswegs von der Geringschätzung

anderer her, sondern ist bloß eine Folge meiner Eigenheit. Ich habe wenig

gelesen, desto mehr gedacht, beobachtet und gehandelt. Will man dies als

Unvollkommenheit ansehen, so mag man es; so viel ist aber doch gewiß, daß

es einem Manne, der die Arbeiten anderer nicht hinlänglich kennt, nicht

geziemt, darüber zu urteilen.

Besonders auffallend wird man es finden, daß ich der Pestalozzischen

Lehrart, die die Augen von Europa auf sich gezogen hat, nicht oft

Erwähnung thue.

Es geschieht dies aus eben diesem Grunde. So viel ich in einem flüchtigen

Blicke von der Lehrart dieses verdienten Mannes gefaßt habe, scheint es

mir, als wenn wir in der Hauptsache mit einander übereinstimmten, und nur

im Ausdrucke voneinander verschieden wären. Manches aber, das mir bei ihm

neu war, habe ich angenommen und benutze es mit Dank.

Dahin gehören seine Linearzeichnungen, die Übungen des Gedächtnisses, die

Rechnungsmethode und das laute Aussprechen von mehreren Schülern zugleich.

Möge dies kleine Buch den Zweck, zu welchem es aufgesetzt wurde, ~ganz~

erreichen! Mögen viele deutsche Jünglinge dadurch für das wichtige,

wohlthätige Geschäft der Erziehung gewonnen, mögen sie dadurch auf den

einzig wahren Weg, den die Natur uns vorzeichnet, geleitet, möge dadurch

das Vorurteil zerstört werden, als wenn die Erziehung eine lästige Arbeit

und das Gelingen derselben äußerst zweifelhaft sei, damit unsere Nation

den Ruhm, den sie sich durch ihre Erziehungskunst im Auslande erwarb, noch

ferner behaupte und begründe.

~Schnepfenthal~, im Oktober 1805.

#C.G. Salzmann.#

Symbolum.

Denen, die sich entschließen, das Christentum anzunehmen, wird gewöhnlich

bei Einweihung zu demselben eine Formel vorgelegt, zu deren Annahme sie

sich bekennen müssen, die man Symbolum nennt. Damit ist nun freilich

großer Mißbrauch getrieben worden, und manches Symbolum scheint mehr

in der Absicht gegeben zu sein, um Haß gegen Andersdenkende, als

Anhänglichkeit an die Partei, mit welcher man sich vereinigen will,

einzuflößen. An sich ist diese Gewohnheit aber doch gut und nötig.

Jede Gesellschaft muß doch einen gewissen Zweck haben, zu welchem sie

sich vereinigt, und gewisse Grundsätze, durch deren Befolgung sie den

vorgesetzten Zweck erreichen will; diese können in eine kurze Formel

verfaßt, und die Annahme derselben von denen verlangt werden, die mit der

Gesellschaft sich verbinden wollen.

Ich lade jetzt deutsche Jünglinge ein, sich dem wichtigen Geschäft der

Erziehung zu weihen. Man wird es also nicht sonderbar finden, wenn ich

ihnen auch eine Formel zur Annehmung als Symbolum vorlege. Ein jeder, der

Neigung hat, in die Gesellschaft der Erzieher zu treten, beherzige sie und

prüfe sich selbst, ob er wohl von ganzem Herzen sie glauben und annehmen

könne. Wer dies nicht kann, wer darin Widerspruch findet, der lasse mein

Buch lieber ungelesen, weil er unfähig ist, das Erziehungsgeschäft mit

Vergnügen, mit Eifer und Wirksamkeit zu betreiben.

Mein Symbolum ist kurz und lautet folgendermaßen: ~Von allen Fehlern und

Untugenden seiner Zöglinge muß der Erzieher den Grund in sich selbst

suchen.~[6]

Dies ist eine harte Rede, werden viele denken; sie ist aber wirklich nicht

so hart, als sie es bei dem ersten Anblicke scheint. Man verstehe sie nur

recht, so wird die scheinbare Härte sich bald verlieren.

Meine Meinung ist gar nicht, als wenn der Grund von allen Fehlern und

Untugenden seiner Zöglinge in dem Erzieher wirklich läge; sondern ich will

nur, daß er ihn in sich suchen soll.

Sobald er Kraft und Unparteilichkeit genug fühlt, dieses zu thun, ist er

auf dem Wege, ein guter Erzieher zu werden.

Es liegt freilich in der Natur des Menschen, den Grund von allen

Unannehmlichkeiten, ja von seinen eigenen Fehltritten außer sich zu

suchen; man findet Spuren davon schon in der Geschichte des ersten

Sündenfalls; es ist also kein Wunder, wenn auch der Erzieher geneigt ist,

die Schuld von der Unfolgsamkeit, Ungeschicklichkeit und dem Mangel an

Fortschritten seiner Zöglinge lieber diesen, als sich selbst beizumessen;

allein diese Neigung gehört zu denen, die durch die Vernunft nicht nur

geleitet, sondern, wie Neid und Schadenfreude unterdrückt werden müssen.

Ich setze es als bekannt voraus, daß der Grund von den Fehlern der

Zöglinge wirklich ~oft~ in den Erziehern liege. Wäre dies nicht, müßte man

die Ursache derselben schlechterdings allemal den Kindern oder der Lage

zuschreiben, in welcher sich die Erzieher befinden, so wäre es freilich

eine ungerechte und thörichte Forderung, dem Erzieher zuzumuten, sie in

sich selbst zu suchen. Welcher vernünftige Erzieher wird dies aber wohl

glauben?

Bist du nun überzeugt, daß der Grund von den Fehlern der Zöglinge wirklich

~oft~ in den Erziehern liege, so wünsche ich, dir es glaublich zu machen,

daß dies auch bei dir oft der Fall sei, der du es liesest.

Hast du nicht vielleicht bemerkt, daß die Zöglinge, die gegen dich

unfolgsam sind, anderen willig gehorchen? oder daß die nämlichen Zöglinge,

die bei deinem Vortrage flatterhaft sind und nichts lernen, wenn sie

in die Lehrstunden anderer kommen, Aufmerksamkeit zeigen und gute

Fortschritte machen?

Solltest du diese Bemerkung wirklich gemacht haben, so täusche dich nicht,

sei aufrichtig gegen dich selbst, und gestehe dir ein, daß du selbst an

dem schuld sein kannst, was du an deinen Zöglingen tadelst. Sage nicht,

ich bin mir doch bewußt, daß ich meine Pflichten redlich erfülle. Dies

kann wohl sein, aber vielleicht verstehst du noch nicht recht, die Kinder

zu behandeln.

Vielleicht hast du in deinem Betragen etwas Zurückstoßendes, das die

Kinder mißtrauisch und abgeneigt macht. Vielleicht fehlt dir die Lehrgabe.

Du bist zu schläfrig, oder dein Vortrag ist zu trocken und zu abstrakt.

Hast du ferner nicht wahrgenommen, daß die nämlichen Zöglinge, die zu

gewissen Zeiten auf deinen Vortrag merken und deine Winke befolgen, zu

anderen Zeiten flatterhaft und unfolgsam sind? Kann dich dies nicht auch

belehren, daß der Grund von ihren Fehlern in dir zu suchen sei?

Ich begreife nicht, antwortest du, wie dies daraus folge. Bin ich nicht

der nämliche, der ich gestern war? Wenn meine Zöglinge nun nicht die

nämlichen mehr sind, muß der Grund von diesen Veränderungen nicht in ihnen

liegen?

Es kann sein. Ehe du dies aber annimmst, so untersuche nur erst, ob du

wirklich noch der nämliche seiest, der du gestern warest. Gar oft wirst

du finden, daß du ein ganz anderer Mann geworden bist. Vielleicht leidest

du an Unverdaulichkeit, oder hast dir durch Erkältung den Schnupfen

zugezogen, oder ein unangenehmer Vorfall hat deine Seele verstimmt, oder

du hast etwas gelesen, was dich noch beschäftigt und hindert, deine

ganze Aufmerksamkeit auf dein Geschäft zu wenden u. s. w. Ein einziger

von diesen Zufällen kann dich zu einem ganz andern Manne gemacht haben.

Gestern tratest du mit heiterer Seele und feurigem Blicke unter deine

Kleinen; dein Vortrag war lebhaft, mit Scherz gewürzt, deine Erinnerungen

waren sanft und liebevoll, die Lebhaftigkeit deiner Zöglinge machte

dir Freude. Und heute? Ach, du bist der Mann nicht mehr, der du gestern

warst. Deine Seele ist trübe, dein Blick finster und zurückstoßend, deine

Erinnerungen sind herbe, jeder jugendliche Mutwille reizt dich zum Zorne.

Hast du dies nicht zuweilen an dir wahrgenommen? Nun so sei aufrichtig und

gestehe dir, daß der Grund, warum deine Zöglinge heute nicht so gut sind,

als sie gestern waren, in dir liege.

Ich erwarte noch vielerlei Einwendungen gegen mein Symbolum, davon ich

einige anführen und beantworten will. Derjenige, dem diese Beantwortungen

genügen, wird sich leicht die übrigen Einwendungen selbst widerlegen

können; wer sich aber dabei nicht beruhigen kann, bei dem werde ich auch

nichts ausrichten, wenn ich alle möglichen Einwendungen anführen und

widerlegen wollte. Er ist ein durch die Eigenliebe geblendeter Mensch, der

schlechterdings nicht Unrecht haben will, der eher alle seine Zöglinge für

Dummköpfe und Bösewichte erklärt, als daß er an seine Brust schlüge und

sich eingestünde, daß er gefehlt habe; er ist -- zur Erziehung unfähig.

Lasset uns also die Einwendungen hören!

Mein Zögling hat alle die Fehler, über die ich Klage führe, gehabt, ehe

ich ihn bekam, wie kann ich denn die Schuld davon mir beimessen?

Zugestanden, daß dein Zögling diese Fehler hatte, ehe du ihn bekamest.

Warum hat er sie noch? Ist nicht die Abgewöhnung von Fehlern ein

Hauptstück der Erziehung? Wenn diese nun nicht erfolgt, ist es denn nicht

wenigstens möglich, daß der Grund davon in dir liege?

Du bekamst z. E. deinen Zögling als ein schwächliches Kind, mit dem

wenig anzufangen war, warum ist er denn noch nicht stärker? Hast du

nicht von schwächlichen Kindern gehört, die durch eine vernünftige

Behandlung gestärkt wurden? Kennst du die Mittel, schwächliche Kinder zu

stärken? Hast du davon Gebrauch gemacht? Dein Zögling ist zuvor verzogen

worden -- er ist eigensinnig, widerspenstig, lügenhaft; warum ist er

dies aber noch, nachdem er so lange unter deiner Leitung war? Hast du

ihn auch die Folgen seines Eigensinns fühlen lassen, um ihn dadurch zum

Nachdenken zu bringen? Hast du es ihm gehörig fühlbar gemacht, daß du ein

Mann, er ein Kind ist, daß du ihm an Kraft, Erfahrungen und Einsichten

überlegen bist, und ihn so zur Überzeugung zu bringen gesucht, daß er von

dir abhänge und deine Vorschriften befolgen müsse? Hast du dir auch immer

die gehörige Mühe gegeben, zu untersuchen, ob das, was er dir sagte, wahr

sei, und ihn durch Aufdeckung seiner Lügen zu beschämen? Du erzählst, wie

du deine Zöglinge behandelst, welche Ermahnungen du ihnen giebst, durch

welche Vorstellungen du sie zu leiten suchst, und klagst, daß du mit alle

dem doch nichts ausrichtetest.

Dies kann wohl sein; es kann auch sein, daß ich an der Vorstellung deiner

Behandlungsart gar nichts auszusetzen finde; sollte ich dich aber handeln

sehen, so würde ich vielleicht doch bemerken, daß die Ursache von dem

schlechten Erfolge deiner Bemühungen in dir liege.

Es ist nicht genug, daß man etwas Gutes sagt und vernünftig handelt,

sondern es kommt auch noch darauf an, ~wie~ man spricht, und ~wie~ man

handelt. ~Wer Ohren hat zu hören, der höre!~

Der Ton, in dem man mit jungen Leuten spricht, ist von großer Wichtigkeit.

Sie sind geneigt, mehr durch das Gefühl, als durch die Vernunft sich

leiten zu lassen. Wer also den rechten Ton treffen kann, der der

jugendlichen Natur am angemessensten ist, und auf sie den meisten Eindruck

macht, der richtet bei ihr mit wenigen Worten weit mehr aus, als ein

anderer, der sich nicht in den rechten Ton stimmen kann, mit einer langen

Rede.

So ist der Ton, in welchem manche Erzieher mit ihren Zöglingen, zumal wenn

diese von vornehmer Herkunft sind, sprechen, zu schüchtern, zu blöde,

es fehlt ihnen das Durchgreifende. So wie nun das Roß an dem Beben der

Schenkel seines Reiters bald die Furchtsamkeit desselben merkt und ihm

den Gehorsam versagt, so fühlen junge Leute an dem schüchternen Tone, in

welchem der Erzieher mit ihnen spricht, bald, daß er ihnen nicht gewachsen

sei, und achten nicht viel auf ihn.

Bei anderen Erziehern ist der Ton, in welchem sie reden, zu trocken, zu

einförmig. Wenn man sie höret, so sollte man glauben, sie läsen ihre

Ermahnungen aus einem Buche ab.

Solche Ermahnungen fruchten auch nichts. Man kann von Kindern nicht

erwarten, daß sie auf einen zusammenhängenden Vortrag viel merken, den

Sinn desselben fassen und darüber nachdenken sollen. Der Ton, die Mienen,

der ganze Anstand des Redners muß ihnen den Inhalt der Rede begreiflich

machen, sonst wirkt sie wenig.

Ich gehe hin und weine -- sagt ein gewisser Prediger ~lächelnd~ am

Schlusse der Trauerrede, die er am Grabe seines Amtsbruders hielt.

Und -- niemand ließ eine Thräne fallen. Lag die Schuld davon vielleicht an

der Hartherzigkeit der Zuhörer? Nicht doch -- sie lag an der lächelnden

Miene, mit welcher der Redner sagte: ~Ich gehe hin und weine~. Hätte er

mit einer weinerlichen Miene geschlossen und dazu das Schnupftuch vor die

Augen gehalten, so würde er mehr ausgerichtet haben, wenn er auch gar

nichts dazu gesagt hätte.

Endlich ist der Ton mancher Erzieher zu gebieterisch. Mit stolzen Blicken

sehen sie auf ihre Pflegesöhne herab, wie ein adelstolzer Offizier auf

seine Compagnie, und jede Ermahnung, jede Erinnerung hat die Form eines

despotischen Befehls. Was wird die Wirkung davon sein? Abneigung und

Widerspenstigkeit. Der zur Freiheit bestimmte Mensch fühlt eine natürliche

Abneigung gegen jede harte, willkürliche Behandlung, und man kann es ihm

nicht zur Last legen, wenn er sie gegen seinen despotischen Erzieher

äußert.

Nun sollte ich noch von dem Korporalstone sprechen, den manche Erzieher

sich angewöhnt haben, die ihren Ermahnungen und Vorschriften durch

Rippenstöße und Stockschläge Nachdruck zu geben suchen. Da aber dagegen

schon so viel gesagt worden, und die Unschicklichkeit desselben allgemein

anerkannt ist, so halte ich es für überflüssig, davon weiter Erwähnung zu

thun. Unterdessen rate ich jedem jungen Manne, der die Jugend nicht anders

als mit Rippenstößen und Schlägen zu lenken weiß, daß er der Erziehung

gänzlich entsage, weil er dabei doch nicht froh werden und nichts Gutes

wirken wird. Er bemühe sich, eine Korporalstelle oder die Stelle eines

Zuchtmeisters zu erhalten, da wird er auf seinem Platze sein.

Das bisher Gesagte wird hinreichend beweisen, daß viele Erzieher sich

deswegen die Ursache von den Fehlern ihrer Zöglinge beizumessen haben,

weil ihnen die Geschicklichkeit fehlt, ihnen dieselben abzugewöhnen.

Oft lehren sie aber auch wirklich dieselben.

Nun werden die meisten Leser denken, dies ist bei mir der Fall nicht,

ich lehre meinen Zöglingen ihre Pflichten und suche sie durch meine

Ermahnungen zu guten und thätigen Menschen zu bilden. Ich glaube es gern.

Ich nehme es als bekannt an, daß unter meinen Lesern keiner sei, der seine

Zöglinge zur Trägheit, Lügenhaftigkeit, Unverträglichkeit und anderen

Untugenden ermahne. Daraus folgt aber noch nicht, daß sie diese Untugenden

nicht lehrten. Kann man die Untugend nicht durch sein Exempel lehren?

Wirkt dies nicht stärker auf die Jugend als Ermahnung? Du empfiehlst

z. E. den Fleiß, und bist doch selbst träge, gehst mit Verdrossenheit

an deine Geschäfte, klagst über deine vielen Arbeiten, äußerst oft den

Wunsch, von deinen Geschäften befreit zu werden; du ermahnst sie zur

Wahrheitsliebe und lügst doch selbst; sagst, daß du einen Freund besuchen

wollest, und schleichst dich in das Wirtshaus zum Spieltische, setzest

deine Lehrstunden unter dem Vorgeben aus, daß du krank wärest und bist

doch nicht krank; forderst von deinen Zöglingen Verträglichkeit, und

zankst doch immer mit den Personen, die mit dir in Verbindung stehen. Du

kommst mir vor wie ein Sprachlehrer, der die Theorie der Sprache recht gut

vorzutragen weiß, aber sie selbst fehlerhaft spricht und schreibt. Wenn

seine Schüler ein Gleiches thun, kann man denn nicht von ihm sagen, daß

er sie die Fehler gegen die Sprachregeln gelehrt habe?

Kann man ferner nicht auch Fehler und Untugenden durch die Behandlungsart

lehren?

Ich glaube es allerdings. Wenn du z. E. jeden Mutwillen, jede

Unbesonnenheit, jedes Versehen deines Zöglings strenge ahndest, was hast

du ihn gelehrt? Die Lügenhaftigkeit. Seiner jugendlichen Natur ist es nun

einmal notwendig, bisweilen mutwillig zu sein, unbesonnen zu handeln, dies

und jenes zu versehen; weiß er nun, daß du dies alles strenge ahndest,

was wird er thun? Er wird seine Fehltritte vor dir zu verbergen suchen,

ableugnen, ein Lügner werden. Mißbrauchst du das Zutrauen, das dir dein

Zögling beweist, plauderst du die Geständnisse aus, die er dir als seinem

Freunde thut, hältst sie ihm wohl gar öffentlich vor und beschämst ihn

deswegen -- was lehrst du ihn? Verschlossenheit. Kannst du im Ernste

verlangen, daß dieser junge Mensch dir seine Geheimnisse anvertrauen soll,

da du sie nicht zu bewahren weißt? daß er Offenherzigkeit gegen dich

zeigen soll, wenn du sie ihm zum Verbrechen machst? Nur der Einfältige,

der Schwachkopf wird dies thun; der Knabe, der sich fühlt und die

Unregelmäßigkeit deines Benehmens beurteilen kann, wird dir sein Zutrauen

entziehen und es Personen schenken, bei denen seine Geheimnisse besser

aufgehoben sind.

Wenn du den Thätigkeitsbetrieb deiner Zöglinge nicht zu befriedigen

suchst; wenn du, um sie zu beschäftigen, ihnen nichts in die Hände

giebst als Bücher und Federn, was lehrst du sie? Eine ganze Reihe von

Untugenden, deren ausführliches Verzeichnis ich hier niederzuschreiben

nicht geneigt bin. Der Thätigkeitsbetrieb ist nun einmal da und ist ein

wohlthätiges Geschenk des Schöpfers, ist die Stahlfeder, die er in die

junge Maschine gesetzt hat. Bücher und Federn vermögen ihn nicht zu

befriedigen; denn zum Gebrauche derselben gehört Nachdenken, welches ein

Geschäft der Vernunft ist, die bei den Knaben noch in der Entwickelung

steht; und wenn auch gleich Bücher und Federn in vielen Fällen ohne

Nachdenken können gebraucht werden, so ist doch der beständige Gebrauch

derselben zu einförmig, als daß er Knaben[A], die Abwechselung lieben,

angemessen sein sollte. Folglich haben Knaben, die man an die Bücher und

den Schreibtisch fesselt, Langeweile. Gelingt es nun bei einigen, daß sie

sich daran gewöhnen, so ist der Thätigkeitstrieb erstickt, sie werden

faul und träge; gelingt dies, welches bei den meisten der Fall zu sein

pflegt, nicht, so bricht der gehemmte Thätigkeitstrieb durch und verfällt

auf Ausschweifungen, wovon die heimlichen Sünden gemeiniglich die ersten

zu sein pflegen.[7] Wer hat sie diese gelehrt? ~Der Erzieher.~ Wer von

den mannigfaltigen Methoden, die Kinderuntugenden zu lehren, ein Mehreres

wissen will, dem empfehle ich das ~Krebsbüchlein, oder die Anweisung zu

einer unvernünftigen Erziehung der Kinder~.

Der Erzieher macht sich drittens auch der Fehler und Untugenden seiner

Zöglinge dadurch schuldig, daß er ihnen dieselben andichtet.

Wenn man die Schilderung hört, die manche Erzieher von ihren Zöglingen

machen, so möchte man sich entsetzen und alle Lust verlieren, sich dem so

wohlthätigen Geschäfte der Erziehung zu widmen. Da ist nicht der geringste

Trieb, etwas Nützliches zu thun, unausstehliche Trägheit, Unbesonnenheit,

Unverträglichkeit, Tücke, Bosheit, es ist eine Schar roher, ungeschlachter

Buben, bei denen nichts ausgerichtet werden kann.

Der gebildete Erzieher lächelt dabei, weil er wahrnimmt, daß diese

Untugenden größtenteils in dem Gehirne des Erziehers sitzen, der das für

Untugenden erklärt, was doch notwendige Eigenschaften der Kindheit sind.

Was würde man von einem Vater halten, der sein dreiwöchiges Kind

unreinlich schelten wollte, weil es die Windeln verunreinigt; oder von

einem Gärtner, der darüber im Frühlinge Klage führte, daß er auf allen

seinen Kirschbäumen nicht eine einzige Frucht, lauter Blüten fände? Würden

wir sie nicht mitleidig belächeln?

Viele Erzieher handeln aber nicht vernünftiger. Sie machen es ihren

Zöglingen zum Verbrechen, wenn sie so handeln, wie die kindische[8] Natur

zu handeln pflegt und handeln muß, und fordern von ihnen ein Betragen, das

nur die Wirkung der gebildeten Vernunft, die bei ihnen noch klein ist,

sein kann; sie suchen Früchte zur Zeit der Baumblüte.

Wir wollen darüber ein Gespräch zwischen Herrn Corydon und seinem Freunde

Mentor hören. Nichts Gesetztes, sagt er, ist bei meinen Zöglingen. Kann

ich sie dahin bringen, daß sie bedächtig gingen? Da ist nichts als hüpfen,

springen und laufen.

M. So? Das ist ja recht schön. Ich würde sehr unmutig werden, wenn meine

Zöglinge wie die Drahtpuppen gingen. Der Knabe ~muß~ hüpfen, springen und

laufen, wenn er seine Kräfte fühlt.

Ameisenbüchlein; oder, Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher · 第 23 / 48 题