[Illustration: Dekoration]
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Einleitung.
Die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts war eine Zeit der Umwälzung
auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Poesie. Der Kunst wurden
von ~Winkelmann~ (1716-1768) und ~Lessing~ (1729-1781) neue Richtlinien
gegeben, und in der deutschen Litteratur begann, vorbereitet durch die
kritischen Kämpfe, mit dem Erscheinen von ~Klopstocks~ »~Messiade~«,
von ~Wielands~ und ~Lessings~ ersten Schriften die Morgenröte der
zweiten klassischen Periode, der zuvor aber noch die ~Sturm- und
Drangperiode~, die »Periode der Original- und Kraftgenies« voranging,
der selbst unsere größten Dichter ~Schiller~ und ~Goethe~ mit ihren
Erstlingswerken angehören. Auf religiösem Gebiete suchte der in England
durch ~Shaftesbury~ und seine Anhänger ins Leben tretende ~Deismus~ an
Stelle der positiven Religion die Vernunft- und Naturreligion zu setzen.
~Voltaire~ und ~Rousseau~ verbreiteten die deistischen Ideen durch ihre
Schriften weiter, und durch die französischen Enzyklopädisten ~Diderot~
(¿ 1784), ~Helvetius~ (¿ 1771), ~Holbach~ und ~d'Alembert~ (¿ 1783) ward
der Deismus, dem immer noch ein gewisser Ernst eigen war, zum flachen,
alles Glaubens baren ~Materialismus~. Die Naturreligion fand auch in
Deutschland ihre Anhänger, wo sie in gemildeter Form als ~Rationalismus~
auftrat, als dessen Vertreter ~Ernesti~ (1707-1781), ~Semler~ (1725-1791)
und ~Reimarus~ (1694-1768) zu nennen sind.
Daß diese Reformbestrebungen auch auf die ~Pädagogik~ ihren Einfluß
ausüben mußten, ist selbstverständlich, wenn man bedenkt, wie innig diese
Wissenschaft mit Religion, Naturanschauung und anderen Wissensgebieten
zusammenhängt. Und diese Reform auf dem Gebiete der Erziehung und
des Unterrichts blieb dann auch nicht aus. Die Hauptanregung zu
derselben ging von Frankreich aus, namentlich als ~Rousseau~ in seinen
socialpädagogischen Schriften, besonders aber in seinem »~Emil~« 1762),
dem »Naturevangelium«, wie Goethe es nennt, das Ideal einer naturgemäßen
Erziehung aufgestellt hatte. Zwar waren schon im 17. Jahrhundert Männer
aufgetreten, die ihre Lebensaufgabe darin suchten, das Erziehungswesen aus
den alten, ausgetretenen Geleisen, aus dem Mechanismus, herauszureißen.
Es sei nur erinnert an die Bestrebungen eines ~Ratich~, ~Comenius~,
Herzog ~Ernst des Frommen~, August Hermann ~Francke~ u. a. Aber ihre
Bestrebungen hatten es nicht vermocht, den alten Schlendrian im Schulwesen
zu beseitigen. So sagt Raumer in seiner Geschichte der Pädagogik (_II_.
S. 297): »Die Jugend war damals für die meisten eine sehr geplagte Zeit,
der Unterricht hart und herzlos streng. Die Grammatik wurde dem Gedächtnis
eingebläut, ebenso die Sprüche der Schrift und die Liederverse. Eine
gewöhnliche Schulstrafe war das Auswendiglernen des 119. Psalmes. Die
Schulstuben waren melancholisch-dunkel. Daß die Jugend auch mit Liebe
etwas arbeiten könne, das fiel niemandem ein, so wenig, als daß sie die
Augen zu irgend etwas anderem als zum Lesen und Schreiben haben könne.«
Da traten ~John Locke~ und namentlich ~Jean-Jacques Rousseau~ mit ihren
pädagogischen Reformbestrebungen auf den Schauplatz. Während letzterer in
Frankreich verfolgt ward, und seine Schriften verbrannt wurden, begrüßte
man in Deutschland seine pädagogischen Ideen mit Freuden. Hier waren
es die ~Philanthropen~, die die durch sie geläuterten Ideen Rousseaus
zur praktischen Ausführung brachten. Philanthropen wurden diese Männer
genannt, weil sie »als ~das Ziel der Erziehung~ überhaupt und ihrer Arbeit
insbesondere ~die menschliche Glückseligkeit~ betrachteten« (Dittes).
Sie suchten beim Unterrichte dem ~Nützlichkeitsprinzipe~ Geltung zu
verschaffen und an Stelle eines traditionellen Mechanismus eine bessere,
~der Natur des Kindes entsprechende Methode~ einzuführen. Die bislang
trotz Comenius und Francke fast völlig unbeachtet gelassenen ~Realien~
wurden von ihnen mehr berücksichtigt, und die ~leibliche Erziehung~
des Kindes gemäß dem Worte Lockes: »_Mens sana in corpore sano!_« mehr
in den Vordergrund gestellt. _Dr._ Karl Schmidt stellt als Vorzüge der
philanthropischen Erziehung hin: Der ~Philanthropinismus~ hat: _a_) die
Erziehung dem verderblichen Zwange des ~äußeren Lebens~ enthoben und sie
mit ~freierem~ Geiste belebt; _b_) der ~körperlichen~ Ausbildung Geltung
verschafft; _c_) den ~toten~ Gedächtniskram aus der Schule verbannt; _d_)
der ~Offenbarung~ Gottes in der ~Natur~ und dem Kirchentum gegenüber das
~Christentum~ betont; _e_) die Schulstuben zu Sitzen der ~Gesundheit~, des
Frohsinns und der ~Liebe~ gemacht; _f_) vor allem aber eine ~neue Periode~
für ~Unterrichtsbücher~ und ~Unterhaltungsschriften~ geschaffen.
Zwar gerieten die Philanthropen in ihren Bestrebungen auf falsche Bahnen,
da sie entgegen der christlichen Lehre statt der Erlangung der ewigen
Seligkeit die ~menschliche Glückseligkeit~, den ~Eudämonismus~ als das
~Ziel der Erziehung~ hinstellten; doch haben sie auf die Entwickelung
der deutschen Pädagogik einen nicht zu unterschätzenden segensreichen
Einfluß ausgeübt. Mag ihren Ideen und Bestrebungen auch manches Irrige
und Unpraktische anhaften, so muß man doch mit Dankbarkeit das durch
sie bewirkte Gute und Nützliche anerkennen. Viele ihrer pädagogischen
Grundsätze und Ideen haben auch jetzt noch ihre volle Berechtigung; ja
manche von ihnen harren trotz des Fortschrittes, den die Pädagogik seitdem
gemacht, noch der Erfüllung.
Als Vertreter des Philanthropinismus sind zu nennen: ~Wolke~, der durch
seine litterarischen Arbeiten eine gründliche Reform der deutschen
Sprache anstrebte, ~Trapp~, der eine wissenschaftliche Begründung und
systematische Ordnung der Erziehungslehre herbeizuführen sich bemühte,
~Olivier~, der durch seine Lesemethode, die zwar sinnreich und bildend,
aber unpraktisch war, den ersten Leseunterricht zu bessern versuchte. Die
Hauptvertreter des Philanthropinismus waren aber ~Basedow~, der Gründer
des Dessauer Philanthropin, der durch seine Schriften und Reklamemacherei
viel zur Verbreitung der neuen pädagogischen Ideen beitrug, ~Campe~, der
Verfasser des Robinsons und vieler anderer Jugendschriften, der sich um
die Reinigung der deutschen Sprache verdient machte, und ~Salzmann~.
Letzterer ist aber die verehrungswürdigste Gestalt von den Philanthropen
und hat von diesen auch am nachhaltigsten gewirkt.
~Christian Gotthilf Salzmann~ ward am 1. Juni 1744 als der Sohn eines
Predigers zu ~Sömmerda~, im Kreise Weißensee, Regierungsbezirk Erfurt
geboren. Sömmerda ist in unserer kriegerischen Zeit durch Nikolaus von
Dreyses Zündnadelgewehr bekannt. Bis zu seinem fünften Jahre erhielt
Salzmann Unterricht von seinen Eltern, von der Mutter im Lesen, vom
Vater im Lateinischen. Die Erziehung des Elternhauses war wie das Leben
desselben einfach und fromm. Später besuchte der Knabe die Schule,
die aber keinen günstigen Eindruck auf ihn machte. In seinen späteren
Jahren sagte er darüber: »In der Schule wurde der Religionsunterricht
eigentlich gar nicht erteilt; denn das Auswendiglernen des Katechismus
und des Spruchbuches kann doch wohl nicht Religionsunterricht heißen.«
Das Einkommen des Vaters war nur gering, so daß er, um seine Familie in
Ehren durchzubringen, neben seinem Amte in Feld und Garten tüchtig Hand
anlegen, ja seiner thätigen Hausfrau oft das Gespinst haspeln mußte. So
lernte auch der junge Salzmann im elterlichen Hause die Arbeit früh lieb
gewinnen. Wenn an langen Winterabenden der Vater am Haspel und die Mutter
am Spinnrocken saß, so mußte der Sohn in der Bibel vorlesen. So gewann er
früh trotz des mangelhaften Religionsunterrichtes in der Schule das Wort
Gottes lieb, und noch in seinem letzten Lebensjahre bekannte er: »Wenn ich
oft, von Unmut niedergedrückt, am Rande der Verzweiflung wandelte, gab mir
ein Spruch aus den Psalmen neues Leben, neuen Mut. Noch jetzt dienen mir
diese Sprüche zur Erquickung.«
Von 1756 an besuchte Salzmann das Gymnasium zu ~Langensalza~, und als
sein Vater 1758 nach ~Erfurt~ versetzt ward, empfing er von diesem
Privatunterricht. Er besuchte kein Gymnasium mehr, sondern besuchte später
noch einige Kollegia an der damals noch bestehenden Erfurter Universität.
Seiner Eltern Wunsch war, daß der Sohn, wie es der Vater war, Prediger
werden solle. Diesem Wunsche kam Salzmann auch nach, als er mit seinem 17.
Jahre (1761) die Universität ~Jena~ behufs Studium der Theologie bezog.
An dem wüsten Studentenleben, das dort herrschte, nahm er keinen Anteil.
Viel lieber erging er sich in dem romantischen ~Rauhthale~ bei Jena in der
Betrachtung des Stilllebens in der Natur. Er schrieb später darüber:»Die
innige Freude, welche ich bei meinen einsamen Spaziergängen durch das
Rauhthal an dem Aufmerken auf die mich umgebenden Naturgegenstände, an der
genaueren Betrachtung und Beobachtung derselben finden lernte, war mir bis
dahin noch unbekannt gewesen. Ich sah die Schöpfung und ihren Urheber in
einem neuen Lichte.« Hier ruht der Keim zu der späteren Schnepfenthaler
Lebensregel, daß die sittliche und auch geistige Entwickelung zu führen
sei: »~Vom Sichtbaren zum Unsichtbaren~.«
Ende 1764 kehrte Salzmann ins Elternhaus zurück, wo er bis 1768 blieb
und den Unterricht seiner jüngeren Geschwister übernahm. Im Jahre
1768 ward er Pfarrer in dem Dorfe ~Rohrborn~ bei Erfurt, wo er sich
der vierzehnjährigen Tochter des Pfarrers ~Schnell~ zu Schloß-Vippach
vermählte. Von seinem Gehalte, 80 Thaler, konnte er nicht mit Familie
leben, umsomehr nicht, als er nach dem Tode seiner Schwiegereltern seine
beiden Schwägerinnen zu sich ins Haus nahm. Er war deshalb gezwungen,
nebenbei Ackerbau zu treiben, und er that dieses mit solcher Umsicht und
solchem Erfolge, daß er den Dorfbewohnern auch in dieser Hinsicht ein
Vorbild war.
1772 ward Salzmann Prediger in ~Erfurt~. Wegen seiner freieren religiösen
Ansichten ward er von seinen Amtsgenossen vielfach angefeindet, so daß
er 1781 in das von ~Basedow~ 1774 gegründete Philanthropin zu ~Dessau~
als Religionslehrer und Liturg eintrat. Mit Eifer und Liebe widmete
er sich dem Erziehungswesen, in dem er sich bald eingearbeitet hatte.
Von Dessau aus machte er auch die Bekanntschaft des Volksmannes und
Pädagogen ~Eberhard von Rochow~, dessen Schule zu ~Rekahn~ ihn sehr
befriedigte. Obgleich er in Dessau Mitleiter des Philanthropins war
und mit gleichgesinnten Pädagogen nach philanthropischen Grundsätzen
arbeitete, so fand er sich doch nicht ganz befriedigt. Er beschloß, selbst
eine Erziehungsanstalt zu gründen, an die er folgende Anforderungen
stellte: Dieselbe solle 1) auf dem Lande liegen, 2) von ~einem~ Oberhaupte
einheitlich geleitet, und 3) die Zöglinge soviel als möglich als
Familienglieder behandelt werden.
Salzmann kaufte deshalb in der Nähe von ~Waltershausen~ im Gothaischen ein
Landgut, wozu ihm der Herzog ~Ernst~ _II._ von Gotha, ein Urenkel Ernst
des Frommen, des Pädagogen unter den Fürsten, 4000 Thaler schenkte. Hier
gründete er im März 1784 seine Erziehungsanstalt ~Schnepfenthal~.
Schwere Sorgen suchten ihn oft, namentlich anfangs, heim; doch im
Vertrauen auf Gottes Beistand begann er sein Werk. Die Anstalt war zwar
da, aber keine Zöglinge. Salzmann entschloß sich nun, einen begabten
Knaben unentgeltlich aufzunehmen. Die Wahl fiel auf ~Karl Ritter~, den
Sohn eines verstorbenen Arztes in Quedlinburg, der 1788 mit seinem
ältesten Bruder und seinem bisherigen Erzieher ~Guts-Muths~ in die
Anstalt eintrat. Karl Ritter war also der erste Schüler Schnepfenthals
und ist auch ihr berühmtester geworden. Seine geographischen Werke sind
weltbekannt; er ist der Vater der vergleichenden Erdbeschreibung. Später
fanden sich noch mehrere Schüler ein, ja die Schnepfenthaler Anstalt ward
bald eine der gesuchtesten Deutschlands. Zehn Jahre nach der Gründung,
im Jahre 1794, zählte sie außer des Gründers zahlreicher Familie und
einer ganzen Anzahl Lehrer gegen 60 Schüler, die sämtlich mit der größten
Liebe zu ihrem Vater Salzmann aufblickten. Im Jahre 1803 zählte Salzmanns
Anstalt 61 Zöglinge, welche Anzahl erst seit den napoleonischen Kriegen
(1809) sank, weil von jetzt an der Geist Pestalozzis die allgemeine
Aufmerksamkeit an sich fesselte, und die durch den Krieg bedingte
Verarmung vieler Eltern das hohe Kostgeld nicht erschwingen konnte; in
diesem Jahre hatte die Anstalt bloß 36 Zöglinge. Sie ist das einzige
philanthropische Institut, das noch blüht, und das im Jahre 1884 die
hundertjährige Jubelfeier seines Bestehens begehen konnte.
Tüchtige Lehrkräfte wirkten an der Salzmannschen Anstalt. Es seien genannt
~Guts-Muths~, der Erzvater der Turnerei und Verfasser nachstehender
Schriften: »Gymnastik für die Jugend«, »Spiele zur Übung und Erholung
des Körpers«, »Turnbuch«, »Handbuch der Geographie«, »Methodik der
Geographie«; ~Blasche~, Verfasser der »Anleitung zu Papparbeiten« und
anderer Schriften für den Handfertigkeitsunterricht; ~Glaz~, später
Konsistorialrat in Wien; ~Lenz~, der später Vater des durch seine
naturhistorischen Schriften bekannten Harald Otmar Lenz und Rektor des
Weimarer Gymnasiums ward; ~André~, ~Bechstein~, die drei Brüder ~Ausfeld~,
~Märker~, ~Weißenborn~. Märker, Lenz und Weißenborn wurden sogar Salzmanns
Schwiegersöhne, was viel dazu beitrug, daß die Anstalt zu Schnepfenthal
trotz ihrer Vergrößerung den Familiencharakter behielt.
Im Unterrichte wurden in Schnepfenthal im allgemeinen die bekannten
philanthropischen Grundsätze durchführt. Die geistige Entwickelung
des Kindes galt als oberster Grundsatz; in zweite Linie trat erst die
materielle Aneignung gewisser Stoffgebiete. Das Ziel, das sich Salzmann
bei der Erziehung der Jugend setzte, war nach seinen eigenen Worten:
»~Gesunde, verständige, gute und frohe Menschen zu bilden~, sie dadurch in
sich selbst glücklich zu machen und zu befähigen, zur Förderung des Wohles
ihrer Mitmenschen kräftig mitzuwirken.« Deshalb ward vor allen Dingen auf
Weckung und Schärfung der eigenen Beobachtung in der umgebenden Natur, auf
Bildung und Übung des Verstandes und somit auf die Selbständigkeit des
Urteils abgesehen.
Fast dreißig Jahre wirkte Salzmann selbst an seiner Anstalt, die er
als ein Vater leitete. Im Jahre 1809 nach langem Genusse ungestörter
Gesundheit ward er von der Gicht befallen, welche die Kraft seines Lebens
allmählich erschöpfte. Er starb am 31. Oktober 1811, nachdem ihm seine
Gattin, mit der er vierzig Jahre in glücklicher und kinderreicher Ehe
gelebt hatte, und die ihm eine treue Gehilfin seines Lebenswerkes gewesen,
bereits 1810 vorangegangen war. Einer seiner Zeitgenossen widmete ihm bei
seinem Hinscheiden folgende Worte: »Die Anstalt zu Schnepfenthal hat einen
großen Verlust zu beklagen. Den sie verloren, halten wir für der Besten
Einen, denn gleich sehr war er ausgezeichnet durch Eigenschaften des
Geistes und des Herzens. Eindringend und scharf war sein Blick, ruhig und
besonnen sein unermüdliches Wirken, schnell sein Entschluß und groß seine
Selbstbeherrschung. Wohlthätigkeit und Milde hat er stets geübt, dabei
aber nie der Eitelkeit und der Ruhmsucht Raum gegeben. Sein Auftreten
war einfach, aber würdig; es kennzeichnete den Vater und Regierer eines
großen Hauswesens. Die ihm Untergebenen leitete er durch Blicke und Worte;
Strafen, um seine Autorität zu stützen, bedurfte er nie.« Nach dem Willen
des bescheidenen Mannes schmückt nur ein Fliederbusch sein Grab. Der
Dichter ~Welker~ rief ihm nach:
»Nicht eingeengt in dumpfumschlossnen Räumen,
Nein frei, wie einst dich die Natur erzog,
Schläfst du hier, Deutschlands edler Pädagog,
Im grünen Hain bei deinen Lieblingsbäumen.
Und was du früh gesehn in holden Träumen,
Es war kein Wahn der schmeichelnd dich betrog;
Denn als dein Geist dem Irdischen entflog,
Stand's herrlich da mit Frucht und Blütenkeimen.
Hier liegt dein Staub. -- Doch lebt unsterblich fort,
Was deine Kraft erschuf durch That und Wort.
Wenn Marmormonumente längst zerfallen,
Dein Denkmal blüht auf jenem Hügel dort,
Wo Kinder wie zum Vaterhause wallen,
Und segnend ruht dein Geist auf jenen Hallen!«
* * * * *
Neben seiner praktischen Thätigkeit als Erzieher war Salzmann auch als
~Schriftsteller~ für die Hebung der Volks- und Jugendbildung thätig.
Seine schriftstellerische Thätigkeit war eine sehr umfassende. Er begann
dieselbe schon kurz nach seiner Versetzung nach Erfurt. Hier lernte
er als Seelsorger manches Elend in den Familien kennen, das er durch
zwei Mittel zu steuern glaubte. Er sagt darüber: 1) müssen die Eltern
über die Quelle ihres Elends belehrt werden; 2) müssen die Kinder eine
bessere Erziehung erhalten. Er suchte dieses nun durch seine Schriften
zu erreichen. Seine erste pädagogische Schrift war: »~Unterhaltungen
für Kinder und Kinderfreunde~«, in der er das wiedergab, was er in den
Abendstunden mit seinen Kindern getrieben hatte. Ihr folgte 1780 das
»~Krebsbüchlein oder Anweisung zu unvernünftiger Erziehung der Kinder~«,
eine ironische Anweisung, die Kinder schlecht zu erziehen, in der die
vorhandenen Übelstände der Erziehung lächerlich gemacht werden. Grund zu
den Anfeindungen von orthodoxer Seite gab das Buch: »~Über die wirksamsten
Mittel, den Kindern Religion beizubringen~.«
Während Salzmanns Aufenthalt am Dessauer Philanthropin entstanden:
»~Vorträge bei den Gottesverehrungen~« 4 Bände, »~Moralisches
Elementarbuch~« _I._ Teil, der pädagogische Roman: »~Karl von Karlsberg
oder über das menschliche Elend~«. Der sechste und letzte Band erschien
erst 1788. Ferner: das erste Bändchen der »~Reisen der Salzmannschen
Zöglinge~«.
In Schnepfenthal schrieb Salzmann: »~Konrad Kiefer oder Anweisung zu
einer vernünftigen Erziehung der Kinder~«, in der uns die Erziehung eines
Bauernsohnes durch seinen Vater unter Mitwirkung des Pfarrers geschildert
wird. Die Schrift bildet ein Gegenstück zu Rousseaus »Emil«, deshalb auch
wohl »der deutsche Emil« genannt. Das bedeutendste pädagogische Werk
Salzmanns ist aber unstreitig sein »~Ameisenbüchlein~«, das zugleich die
schönste Darstellung seiner Pädagogik enthält und die rechte Frucht seiner
pädagogischen Arbeit und Erfahrung ist. Da dasselbe im Nachfolgenden
selbst gebracht wird, so wird noch ausführlicher davon demnächst zu
reden sein. Ferner schrieb Salzmann: »~Noch etwas über Erziehung~«. In
dieser Schrift führt er fünf Hauptmängel an, an welchen die Erziehung
noch leide, und welche einer raschen Abstellung bedürften. Diese fünf
Hauptmängel sind: _a_) Vernachlässigung der ~körperlichen~ Erziehung,
_b_) daß man die Jugend zu wenig mit der Natur bekannt mache, _c_) daß
der ganze Unterricht dahin abziele, die Aufmerksamkeit der Kinder von dem
Gegenwärtigen abzuziehen und auf das Abwesende zu lenken, _d_) daß die
Kinder beim Lernen mehr fremde als eigene Kräfte gebrauchen, _e_) daß
die jugendliche Arbeit nicht unmittelbar belohnt werde. In Schnepfenthal
entstanden ferner: »~Über die heimlichen Sünden der Jugend~«, »~Der
Himmel auf Erden~«, »~Reisen der Salzmannschen Zöglinge~, neue Folge«,
»~Die Familie Ehrenfried oder erster Unterricht in der Sittenlehre für
Kinder von 8 bis 10 Jahren~«. Als Fortsetzung dazu erschien: »~Heinrich
Gottschalk in seiner Familie oder erster Religionsunterricht für
Kinder von 10-12 Jahren~«, als weitere Fortsetzung: »~Unterricht in
der christlichen Religion~«. Weiter seien noch genannt: »~Nachrichten
für Kinder aus Schnepfenthal~«, »~Über die Erlösung des Menschen vom
Elend durch Jesum~« und »~Christliche Hauspostille~« (67 Predigten).
Als Volksschrift erschien 1791: »~Auserlesene Gespräche des Boten aus
Thüringen~« (1886 neu herausgegeben vom städtischen Schulinspektor _Dr._
Fritz Jonas in Berlin, Verlag von L. Oehmigke ebenda). Von Salzmanns
Volks- und Jugendschriften seien genannt: »~Sebastian Kluge~«, »~Konstants
kuriose Lebensgeschichte~«, »~Ernst Haberfeld~«, »~Josef Schwarzmantel~«,
»~Heinrich Glaskopf~«. Von Salzmanns ~Jugendschriften~ heißt es in Schmids
»Encyklopädie der Pädagogik«: »Im Triumvirate der ersten Kinderbuchperiode
(Weiße, Campe, Salzmann) ist ~Salzmann~ vielleicht der Schwächste,
aber gewiß nicht der Schlechteste. Neben dem realistischen Campe, dem
civilisierenden Weiße steht er am bescheidensten, aber am reinsten da.«
* * * * *
~Basedow~, der »Herold unter den Philanthropen«, erkannte wohl die
Schäden des Erziehungswesens, war auch durch Wort und That bemüht, sie
zu bessern. Da aber seine Grundsätze viel Irriges und Unpraktisches
enthielten, so vermochten sie einen ~dauernden~ Erfolg nicht auszuüben;
dazu kam noch sein prahlerisches, aller Gewissenhaftigkeit, Umsicht
und Besonnenheit bares Wesen, sodaß ~Herder~ über ihn äußerte: »Ihm
möchte ich keine Kälber zu erziehen geben, geschweige Menschen.« ~Campe~
dagegen wirkte hauptsächlich nur durch seine litterarische Thätigkeit
auf die Erziehung ein. Fassen wir nun kurz ~Salzmanns Stellung unter den
Philanthropen~ zusammen, so ist er der ~Praktiker~ unter ihnen, der die
lebensfähigen Grundgedanken des Philanthropinismus festhielt, der die
neuen Ideen am sichersten und am besonnensten durchführte in ruhiger und
unverdrossener Arbeit. Dittes sagt von ihm: »Salzmann ist ohne Zweifel
der bedeutendste Praktiker unter den Philanthropen, ausgezeichnet durch
Besonnenheit, Mäßigung, Ausdauer, stille Heiterkeit und hausväterlichen
Sinn.« Von all den vielen Philanthropinen, die entstanden, ist die
Anstalt zu Schnepfenthal das einzigste, das noch besteht. Schuldirektor
~Moritz Kleinert~ in Dresden widmete der Anstalt zu ihrer Jubelfeier 1884
folgendes Sonett:
»Viel Ritter edlen Geistes seh' ich schreiten
Durch ein Idyll, mit Namen ~Schnepfenthal~,
Den Geist voll Feuer, Körper wie von Stahl,
Zu bessern die beschränkten, zopf'gen Zeiten,
Die Unnatur hin zur Natur zu leiten
In Freud' und Arbeit, Kleidung und im Mahl;
Zu heben trocknen Lernens bittre Qual,
Den >~Himmel hier auf Erden~< zu bereiten.
So seh' ich ~Salzmann~ in dem Kreis der Seinen
Ein Patriarch, geliebt und hochbewundert;
Ich sehe ~Guts-Muths~ sich mit ihm vereinen;
Es steht vor mir ein herrliches Jahrhundert,
Das groß im Schaffen, nicht bloß im Verneinen,
Und das auch uns zu gleichem Thun ermuntert.«
* * * * *
Wie schon gesagt, ist das bedeutendste pädagogische Werk Salzmanns sein
»~Ameisenbüchlein~«, das deshalb auch in einer Sammlung von Schriften
aus allen Zweigen der Litteratur und Wissenschaften, wie es »Reclams
Universal-Bibliothek« ist, nicht gut fehlen konnte, weshalb sich der
Verleger, dieses erkennend, auch entschloß, dasselbe in seine Sammlung
aufzunehmen und den Unterzeichneten mit der Herausgabe betraute.
Ihren ~Titel~ hat die Schrift von dem Titelblatte der Originalausgabe,
auf dem sich nämlich das ~Bild eines Ameisenhaufens~ befand. Eine Anzahl
Ameisen bemüht sich um Ameisenlarven, während eine andere Anzahl unbesorgt
in der Luft umherfliegt. Die Ersteren sollen die Lehrer vorstellen, die
sich der Erziehung und des Unterrichts der Kinder angenommen haben,
die letzteren dagegen die Eltern, die, nachdem sie ihr Geschlecht
fortgepflanzt, sich in die Luft schwingen und nach menschlicher Art und
Weise sich nicht um ihre Brut bekümmern. Unter dem Bilde befindet sich das
Wort: Spr. Sal. 6, 6: »Gehe hin zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an
und lerne.«
Möge jetzt eine ~kurze, übersichtliche Darstellung des Inhalts~ folgen.
_A._ ~Anrede an Hermann.~ Aufforderung an denselben, sich der
Erziehung zu widmen und zwar aus folgenden Gründen:
_a_) Die Erziehung schafft die Gelegenheit, ~für Menschenwohl
recht thätig sein~ zu können;
_b_) die gewissenhafte Ausübung der Erziehungskunst verschafft
dir die Seligkeit, einst Männer, ~durch dich gebildete
Männer~, zu sehen, die mit Kraft und Nachdruck für alles
Gute thätig sind;
_c_) das Erziehungsgeschäft ist ~nicht so mühsam~, als es
von denen, die es nicht verstanden haben, geschildert
worden ist;
_d_) die Fröhlichkeit, welche ein wahrer Erzieher unter den
Kleinen hervorzubringen vermag, hat einen wohlthätigen
Einfluß auf denselben;
_e_) kein Geschäft ist ~belohnender~ als das
Erziehungsgeschäft. Als Lohn wird dem Erzieher: