Die Tugend

Die Lüge ist das Weib des Potiphar,

Mit schleppenträgem Kleide angetan.

Das ist bemalt mit allem, was da war,

Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn,

Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn,

Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar.

Und alles das, auf dem Gewande kreisend,

Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend!

Die Welt ist Abfall. Und der Satan legt

Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit.

Was durcheinander Ding an Ding bewegt

Ist Todesangst und letzte Eitelkeit.

Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit,

Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt.

Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde,

Und in die Knie bricht im geringsten Winde.

Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht!

Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar.

Allein darin verbürgt sie uns das Licht,

Und in der Sünde wird es offenbar.

Durch unser Leiden werden wir gewahr,

Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht.

Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen,

Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen.

So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt,

Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr!

Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt,

Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur.

O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt,

Sind wir erst, sind wir gegen die Natur.

Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben,

Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben.

Gesänge aus den drei Reichen: Ausgewählte Gedichte · 第 30 / 80 题