Das Land lag wie aus Glas gesponnen um mich,

So rein, so klardurchsichtig war die Luft.

Ich stand auf einem sanften Heidehügel

In meiner Heimatinsel Schleswig-Holstein.

Rings Sonne; eine weite, leere Aussicht.

Die Himmelsschlüssel blühen überall,

Vergißmeinnicht und gelber Löwenzahn.

Der Tod hat sich ins Kraut zum Schlaf gestreckt,

Reumütig liegt die Sense neben ihm.

Kein Pflügerruf, kein Vogel läßt sich hören,

Kein Wagen ringt sich durch den dicken Sand,

Die Mühle selbst hält Rast: es ist Karfreitag.

Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern,

Ich schreite ab: sechs Fuß weit voneinander.

An eine dieser Kiefern dann gelehnt,

Sah ich hinab in all die stille Landschaft

Und freute mich des wundervollen Friedens.

Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben,

Von feuchtem Ort im Wind hierhergetrieben.

Er hob und senkte sich vor mir wie Rauch,

Glückselig in der Freude seines Daseins.

Mich drückt die Frühlingsluft, ich sitze nieder.

Der Mittag kam, ich saß noch immer da.

Die Sonne sticht, die Frühlingsluft wird schwerer,

Ich werde müde, Träume tun sich auf:

Aus den drei deutschen Kiefern werden Pinien,

Und die drei Pinien wandeln sich zu Palmen,

Und seltsam ändert sich um mich die Gegend:

Im Westen, Osten steigen Mauern auf,

Ein Tempel schimmert auf, ein Rathaus auf,

Fern eine fremde, nie gesehne Stadt:

Jerusalem! Die Burg Antonia,

Der Schloßbau von Herodes mit den Türmen,

Und Josaphat, das Tal mit seinem Kidron,

Gethsemane, der Ölberg, Golgatha!

Vor allen Toren glänzen Villen, Gärten,

Springbrunnen klatschen in die Marmorbecken,

Und Säulenhallen stehn: Jerusalem!

Der Schmerzensweg, die ~via dolorosa~.

Und zieht den Weg nicht eine große Schar?

Grad auf mich zu? Und zieht nach Golgatha?

Steh ich auf Golgatha, der heiligen Stätte?

Laut schiebt sich, stößt sich alles durcheinander,

Barone, Priester, Staatsanwälte, Bader,

Doctores: Pöbel aller Stände folgt

Dem blassen, zarten Mann, der vorne geht.

Von bernsteingelben Haaren eingerahmt

Ist sein Gesicht; und große braune Augen

Schaun traurig, starr, verlassen in die Menge,

Die tobend, lachend, lärmend ihn umdrängt.

Und plötzlich bin ich auch mit im Gewühl,

Und höhne, lache mit ...

Und der die bernsteingelben Haare hat,

Der blasse Mann schleppt sich mit einem Schragen,

Bis ihn die Kraft verläßt; er sinkt zusammen.

Ein andrer, stärkrer, nimmt die Last ihm ab,

Und weiter zieht der Zug nach Golgatha.

Und alles, was uns nun entgegenkommt,

Hält an: ein General, ein Bärenführer,

Die Purpursänfte einer Edeldame,

Der Bauer, der sein Kalb zu Markte treibt,

Mit Staatsdepeschen ein Kurier aus Rom,

Die alte Semmelfrau von Jericho,

Ein Handwerksbursch, zuletzt ein Trupp Soldaten,

Der eben von der Felddienstübung heimkehrt.

Und alles lacht und johlt und kreischt und brüllt:

„Hurra, da bringen sie den Judenkönig!“

Und trollt sich weiter auf dem Weg zur Stadt.

Und eine Geierschar, in Wolkenhöhe,

Gibt, langsam kreisend, unserm Zug Geleit.

Zwei Zimmerleute fügen aus den Kiefern,

Aus den drei Kiefern, meinen lieben Kiefern,

Drei plumpe, rohbehaune, kurze Kreuze.

Wir stürzen uns auf Jesum, packen ihn,

Wir schlagen ihn mit Nägeln an die Äste.

Und ein Geschrei klagt gräßlich in die Welt

Hinauf, so gräßlich, wie’s ein Mensch ausstößt,

Dem mit Gewalt ein großer rostiger Nagel

Durch Hand und Fuß gehämmert wird ...

Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare,

Daß sie sein blutiges Gesicht verdecken:

„Mich dürstet!“ Ein Soldat der deutschen Wache

Steckt den getränkten Schwamm auf seinen Spieß

Und läßt den Heiland voll Erbarmen trinken.

Und Barrabas erscheint, der Gassendichter,

Der wegen Straßenraubs verurteilt saß,

Doch den das Volk losbat, und grinst hinauf:

„Ja, hättest du, wie unsereins, verstanden,

Den Leuten Spaß zu machen, alter Freund,

Du hingest nicht, ein schwerer Sack, am Holz;

Kerl, dein Genie hat dich ans Kreuz gebracht!“

Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare,

Daß sie sein blutiges Gesicht verdunkeln.

Ein rabenschwarz Gewölk kriecht vor die Sonne,

Nur einen schmalen, grellen Lichtrand lassend,

Der dem Erlöser in die Augen blinkt.

Ein Blick der Liebe trifft uns, seine Quäler,

Ein Schimmer, der uns anglänzt wie erstarrt,

Und Jesus schreit, der Marterpfahl erbebt,

Schreit: „~Eli, Eli, lama asabthani!~“

Da: seht doch, seht! da jagt, von Straßenstaub

Verhüllt, jetzt wieder frei, jagt einer her,

In rasender Karriere jagt er her.

Sein Helm stürzt ab, sein Haar fliegt lang ihm nach.

Er spornt den Hengst auf unsern Blutplatz zu,

Er schwenkt ein weißes Tuch, er schwenkt’s, er schwenkt’s,

Er setzt die Zinken ein zum äußersten Sprung

Auf unsern Hügel, an der Kante kommt

Des Fuchses wilde Mähnenwelle hoch:

Der Adjutant von Pontius Pilatus.

Er und sein Syrer, wie getüncht von Schweiß,

Brechen zusammen, und ein Wort springt hörbar

Aus diesem wüsten Knäul von Mann und Gaul:

„Begnadigt!“

Stracks klettert einer das Gebälk hinan:

Er hebt die bernsteingelben Haare Jesu

Ihm von den Augen -- er ist tot.

Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern,

Sie stehen noch; sechs Fuß weit voneinander.

An eine dieser Kiefern angelehnt,

Sah ich hinab in all die stille Landschaft

Und freute mich des wundervollen Friedens.

Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben,

Glückselig in der Freude seines Daseins.

Detlev von Liliencron

Karfreitag

Jesus Christus erhub die gebrochenen Augen gen Himmel,

Rufte mit lauter Stimme, nicht eines Sterbenden Stimme,

Mit des Allmächtigen, der sich, das Staunen der Endlichkeiten,

Freigehorsam dem Mittlertod hingab, er rufte:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Und die Himmel bedeckten ihr Angesicht vor dem Geheimnis.

Schnell ergriff ihn, allein zum letzten Male, der Menschheit

Ganzes Gefühl. Er rufte mit lechzender Zunge: „Mich dürstet!“

Ruft’s, trank, dürstete, bebte, ward bleicher, blutete, rufte:

„Vater, in deine Hände befehl ich meine Seele!“

Dann --: „Gott, Mittler, erbarme dich unser! -- Es ist vollendet!“

Und er neigte sein Haupt und starb.

F. G. Klopstock

Die Steine werden zeugen

Der Ostermorgen lächelt,

Ein Bräutgam, in die Welt,

Vom Frühlingsduft gefächelt,

Steigt er aus seinem Zelt.

Und rings herum das Schweigen!

Der Wald, er steht so still;

Kein Blümlein sich verneigen,

Kein Blättchen rauschen will.

Im fernen Kirchlein singet

Die fromme Christenschar;

Da von den Steinen klinget

Das Echo wunderbar.

Als wenn aus Bergestiefen

Das Singen kläng hervor,

Als wenn die Felsen riefen:

„Er lebt! er lebt!“ im Chor.

„Er lebt! er lebt!“ da lauschen

Die Blümlein, neigen sich,

Da bücket sich mit Rauschen

Der Wald so feierlich.

Und mächtger immer wieder:

„Er lebt! er lebt!“ vom Stein --

Mir läuft ein Schauer nieder

Im tiefsten Mark und Bein;

Und denk -- und muß mich beugen --

Was dort geschrieben ist:

Die Steine werden zeugen,

Wenn mich der Mensch vergißt.

Otto Ludwig

Auferstanden

Durchs Fenster scheint der Maientag,

Ich schließe die Augenlider

Und horche -- das ist Lerchenschlag!

O, endlich wieder!

Ich lausche, wie des Windes Hauch

Dahinrauscht durch die Zweige,

Es keimen Blüten an jedem Strauch,

Auf jedem Steige.

Da rührt mich Wonne allzumal,

Ich schließe die Augenlider --

Ich fühl es wie ein Sonnenstrahl;

Ich lebe wieder!

Es singt die Lerche noch immer fort,

Mein Herze möcht zerspringen,

Ich lasse verstummen Wort um Wort -- --

Und laß sie singen!

Karl Stieler

Osterhäslein

Drunten an den Gartenmauern

Hab ich sehn das Häslein lauern.

Eins, zwei, drei:

Legt’s ein Ei,

Lang wird’s nimmer dauern.

Kinder, laßt uns niederducken!

Seht ihr’s ängstlich um sich gucken? --

Ei, da hüpft’s --

Und dort schlüpft’s

Durch die Mauerluken.

Und nun sucht in allen Ecken,

Wo die schönen Eier stecken,

Rot und blau,

Grün und grau

Und mit Marmelflecken!

Friedrich Güll

[Illustration]

Eine Frühlingsnacht

Im Zimmer drinnen ist’s so schwül;

Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl.

Im Fieber hat er die Nacht verbracht;

Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht.

Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand;

Er hält die Uhr in der weißen Hand.

Er zählt die Schläge, die sie pickt,

Er forschet, wie der Weiser rückt;

Es fragt ihn, ob er noch leb vielleicht,

Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht,

Die Wartfrau sitzt geduldig dabei,

Harrend, bis alles vorüber sei. --

Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod;

Und draußen dämmert das Morgenrot.

An die Fenster klettert der Frühlingstag,

Mädchen und Vögel werden wach.

Die Erde lacht in Liebesschein,

Pfingstglocken läuten das Brautfest ein,

Singende Burschen ziehn übers Feld

Hinein in die blühende, klingende Welt. --

Und immer stiller wird es drin;

Die Alte tritt zum Kranken hin.

Der hat die Hände gefaltet dicht;

Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.

Dann geht sie fort. Stumm wird’s und leer,

Und drinnen wacht kein Auge mehr.

Theodor Storm

Das Mädchen aus der Fremde

In einem Tal bei armen Hirten

Erschien mit jedem jungen Jahr,

Sobald die ersten Lerchen schwirrten,

Ein Mädchen, schön und wunderbar.

Sie war nicht in dem Tal geboren,

Man wußte nicht, woher sie kam;

Und schnell war ihre Spur verloren,

Sobald das Mädchen Abschied nahm.

Beseligend war ihre Nähe,

Und alle Herzen wurden weit;

Doch eine Würde, eine Höhe

Entfernte die Vertraulichkeit.

Sie brachte Blumen mit und Früchte,

Gereift auf einer andern Flur,

In einem andern Sonnenlichte,

In einer glücklichern Natur.

Und teilte jedem eine Gabe,

Dem Früchte, jenem Blumen aus;

Der Jüngling und der Greis am Stabe,

Ein jeder ging beschenkt nach Haus.

Willkommen waren alle Gäste;

Doch nahte sich ein liebend Paar,

Dem reichte sie der Gaben beste,

Der Blumen allerschönste dar.

Friedrich v. Schiller

Frühlings Begräbnis

Horch! Vom Hügel welch ein sanfter Klang

Säuselt fernher durch die nächtgen Schatten?

Elfenscharen ziehn den Wald entlang,

Die mit Klaggesang

Ihren Freund, den toten Lenz, bestatten.

Schöner Jüngling! Wie er lieblich ruht,

Schlummerstill auf seiner Veilchenbahre!

Allzuschwer mit sommerlicher Wut

Traf ihn Sonnenglut

Und ihm sank das Haupt, das morgenklare.

Blumen in der Hand, die er geliebt,

Kleine, rote Fackeln leise schwingend,

Ziehn die Geister, die sein Tod betrübt,

Sonst im Flug geübt,

Heute schrittweis, Totenlieder singend.

Stumm in Wehmut schaut der Mond herab,

Und es schluchzen alle Nachtigallen.

Wo er oftmals seine Feste gab,

Senkt man ihn hinab,

Und die bleichen Silberflöre wallen.

Und ein Specht klopft an den Föhrenstamm

Und beginnt den Grabspruch ihm zu halten:

„Stillt die Tränen, tröstet euern Gram!

Der stirbt wonnesam,

Der in blühnder Jugend darf erkalten.

Glaubet mir, der lang die Welt gesehn:

Den ihr heut hier unter Blumen bettet,

Neu und ewig wird er auferstehn.

Nimmer kann vergehn,

Wer die Welt aus Winterbanden rettet.“

Als so weihevoll der Alte sprach,

Lauter schluchzte da das Grabgesinde,

Und die Elfenfürstin seufzt ein „Ach!“

Ihrem Liebling nach

Warf sie in die Gruft die goldne Binde.

Horch! Vom Hügel welch ein wilder Klang?

Finster hat Gewölk den Mond verschattet.

Ein Gewitter zieht den Wald entlang,

Und zerstoben bang

Ist das Häuflein, das den Lenz bestattet.

Paul Heyse

Künftiger Frühling

Wohl blühet jedem Jahre

Sein Frühling mild und licht,

Auch jener große, klare,

Getrost! er fehlt dir nicht;

Er ist dir noch beschieden

Am Ziele deiner Bahn,

Du ahnest ihn hienieden

Und droben bricht er an.

Ludwig Uhland

[Illustration]

Der deutsche Spielmann

herausgegeben von +Ernst Weber+, eine großangelegte Auswahl aus dem

Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten

deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks-

und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände,

von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von

einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des

jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung

eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche

Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die

Familienbücherei. +Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand

jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.+ Er huldigt ja nicht einer

vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten

Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das

Jahrhundert behalten. In neuer Bearbeitung liegen bis Ende Mai 1924 vor:

Bd. 3 Wald (W. Weingärtner)

„ 4 Hochland (Franz Hoch)

„ 6 Helden (W. Weingärtner)

„ 7 Schalk (Julius Diez)

„ 9 Arbeiter (Gg. O. Erler)

„ 11 Sänger (Hans Röhm)

„ 12 Frühling (H. v. Volkmann)

„ 13 Sommer (Edmund Steppes)

„ 14 Herbst (Karl Biese)

„ 15 Winter (Karl Biese)

„ 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)

„ 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez)

„ 18 Stadt und Land (J. V. Cissarz)

„ 19 Bach und Strom (E. Liebermann)

„ 21 Arme und Reiche (J. Widnmann)

„ 22 Abenteurer (Rud. Schiestl)

„ 29 Blumen und Bäume (R. Sieck)

„ 35 Tierwelt (Ludwig Werner)

„ 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl)

„ 40 Fabelreich (Ernst Weber)

Im August 1924 werden sich anschließen:

Bd. 5 Meer (J. V. Cissarz)

„ 10 Soldaten (Gg. O. Erler)

„ 20 Heide (Adalbert Holzer)

„ 34 Vaterland (W. Roegge jun.)

„ 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl)

Hinter den Band-Titeln ist der Name des illustrierenden Künstlers

jeweils in Klammern beigefügt. Folgende Bändchen der Sammlung stehen

noch aus:

Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf)

„ 2 Wanderer (J. V. Cissarz)

„ 8 Legenden (G. A. Stroedel)

„ 23 Germanentum (H. Röhm)

„ 24 Mittelalter (H. Schroedter)

„ 25 Zeit d. Wandlungen (C. Roesch)

„ 26 Neuzeit (Angelo Jank)

„ 27 Gespenster (Julius Diez)

„ 28 Tod (Matthäus Schiestl)

„ 30 Nordland (Rudolf Koch-Hanau)

„ 31 Italien (Hans Volkert)

„ 32 Hellas (Karl Bauer)

„ 33 Fremde Zonen (H. Volkert)

„ 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl)

„ 37 Glück u. Trost (H. Schwegerle)

Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen

Ganzleinenband werden wiederum neu ausgegeben, und zwar liegen bis Mai

1923 vor die Bände „Deutsches Jahr“, „Deutsche Gestalten“ u. „Deutsche

Natur“ (je 5 Mk.). Im August folgt die Ausgabe der Sammelbände

„Deutsche Heimat“, „Deutsches Land“ und „Deutsches Volk“.

Frühling(#76766) · 第 3 / 3 段