Der vierte Abschnitt

Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg hinab zu den Hallen, nach drei

Wochen war sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein Kind fiel

die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es schrie. Ein Mann brüllte sie von

oben herunter an, ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das Kind

über den Kopf, legte es der Frau an die Brust. »Verzeihen Sie«, sagte sie,

schlug die Augen herunter und ging mit einer Stille, daß der Mann,

verstummt, sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng war, daß vor

der Ecole des Beaux Arts nur eine Linie der Autos vom rechten zum linken

Seineufer durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte die Hotels

am Boulevard Sebastobol, wo Huren und Apachen nachts schrien. Sie ging

durch die Straßen, früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort sah sie

Ringer und Stemmer in Trikots unter den Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr

nach. Rue Richelieu schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, sie

breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends in der Olympia Bar

fletschten vierzig Mulattinnen die Zähne um sie, im Saale der roten

Papageien und drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als die

Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue mit dem Geruch ihrer Haut

und der Tierbewegung der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf Imperials

rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, Trunkene, Studenten mit

zerrissenen Schuhen, Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her,

neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar in Herzkrämpfen auf.

Sie saß drei Nächte, kühlte ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß

er sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr Bein. Am Panthéon

erschoß sich ihr Visavis, ein blonder Student, der morgens mit roten Lippen

gleichzeitig wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in seine Tür

hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue Monsieur Le Prince, Vaugirard,

Champollion, zählte die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster,

Mondaufgänge.

Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag trüb Quai de Valmy. Kehrte

zurück, als die Seine sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der Rue

Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St. Germain. Square Monge erlebte die

Überschwemmung. Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn, half

Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, lächelte sich frei. Ging auf

die Mairie neunzehntes Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab

sich hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches Ziehen des Mundes,

ging wieder. »Geben Sie, Notre Dame des Lorettes willen, einen Sou zum

Métro, damit ich die Kaserne erreiche,« flehte in der Rue Pigalle ein

Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück. Er lachte sie aus, suchte

sie zu umarmen. »Kommen Sie, es ist warm darin,« sagte ein großer Mann,

glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny, las die Zeitung,

ignorierte sie, zahlte für beide, ging mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie

ihn drei Tage, fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole

Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen ovalen Schilden

blitzten, dumpf Seinehörner tuteten, sah die Zöglinge der höchsten

Artillerieschule farbig an Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie

des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards schlug ein Mann

einer Frau durch den Schädel, nahe den Hallen, warf sich heulend über sie.

Sie belauschte das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte, die gleich

Hyänen gegeneinander stürzten und von der Berührung des Fingers schon

umfielen, in den Pausen der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen,

nebeneinander in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der Sorbonne

Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen Singenden auf dem Räderbrett, dem

jungen Louis, sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der

Papageienverkäuferin, studierenden Negern, österreichischen Spitzeln,

Lesbierinnen der Place St. Michel, mit spanischen Zöglingen der

Schneiderakademie, Chauffeuren, Gasarbeitern, Deutschen.

Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und Stemmer unter den Bäumen

turnten. »Wie elend zum Kotzen dies Leben«, sagte ein gesunder Mann, der

Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte. Da brach eine fremde Frau

in Tränen aus. »Haben Sie Hunger?« frug Daisy mit einem Blick auf den

Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das Kreisloch den spitzen

Knochen in den Leib, schrie, fluchte, drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte

Maillot, wo Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen, Korsos

zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche in Parkwipfeln schäumten, lange

Frauenketten in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden zu Wiesen

zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier, Rue de la Rochefoucauld mit der

Grabesruhe und Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen,

Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das Parterre aus, vom dritten

Stock sprang ein dicker Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein.

Sie wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten in offenen

Fenstern. Stand Champs Elysées vor Luxushotels, sah Autos anfahren,

gepflegte Frauen, helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sah an

sich herunter. Sah gespannter lang hinüber. Wohnte Rue Delambre, zweiter

Hof, dritte Baracke, Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du

Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht selig von Bodengerüchen.

Wohnte Bastille-Platz. Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain des

Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden zum Himmel brennen über dem

rötlichen süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei Treppen zu

Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen, ging zurück. Am zweiten Tage hier

folgte sie einer Bluse in ein Kaffeekonzert.

Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter der Erde, der zweite

Keller, schrieen: »Sortez-le!! Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel,

Irrgebrunste, Saligots!!« Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die bemalte

Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im Gesäß. »Rotz-Lumpen«, er

verschwand. Ein ungarisches Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den

Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß nieder der Bühne

gegenüber unter dem zweiten Lampion. Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel

die Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den Kopf lachend gegen

den Rauch. Eine unsichtbare Stimme, siehe, rief: »Schlaf mit mir, süße

Freundin.« Sie erhob sich und warf sich einer sanften Schwimmenden gleich

in den Dampf.

Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten Tischen, den Blick fest nach

vorn. Ein altes Weib neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre

schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im Tanz, grimassierte

den Bauch, zwischen gelben Zähnen: »Elle avait un petit cadnaz . . .« Auf

der Bütte in dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines

militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich am Ausgang zu:

»Allons Camerades«, stürmten, warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um

die Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie saß in der ersten

Reihe. Auf der Rampe über ihr stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche

Zierlichkeit und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm. Daisys

Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, dem Schwung ihres Leibes,

der kindlichen aufreizenden Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun

ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang des Schattenspieles

ein schwarzes Mädchen ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter

Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: »Ich«, trat hinter das

aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée, die den Stoff ihres Kleides

prüfte, ihre Augen dicht ansah, lachte und sie küßte, neben dem

Conférencier Philippe.

Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an Philippes Hand grotesk in

Schatten verzogen auf der Fläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen

Perfidien dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den Abend zu retten.

Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel, überquerten den Platz,

hielten an der Boulangerie. Trabten weiter. Stießen auf d'Harcourt,

passierten, liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne, gingen in

die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, Philipp erkannt, umringt.

Studenten schwenkten die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie.

Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de Ville. Sie zogen

durchs Croissant, grüßten mit Zuruf Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das

Klappern der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt vom Haß der

Tische hinaus. Zurück zu d'Harcourt. Dann zur Source. Reichere Studenten

schrien den Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann klatschend auf einen

rundoffenen lackierten Hurenmund. Damen von dreißig bis sechzig Franken

stießen verächtliche Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech und

ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. Auf dem Boulmich verdrehte

die Mimi Madeleine die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür.

Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie ab, saßen um einen

Tisch, klatschten in die Hände, hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann

monoton in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte sich nicht zu

entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben der Kranken auf Philippe. Sein

Gesicht, wie er, unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie

fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück. Renée tanzte schon auf

dem Tisch, die blanken hellen Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis

um sie, wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man ging Rue des

Ecoles, Notre Dame, eine Brücke, Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des

Etrangers, wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor der

Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim Gebäckdiebstahl. Die Spionin,

die im Gewühl der aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen

massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, die Kassadame keifte, vom

Pult brüllte der fette Chef mit aufgeschlagenen Ärmeln: »Steck ihr

Pferdäpfel ins Maul. Kanalsau.« Man riß einige mit aus dem Haufen,

wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf ein Pißhaus um, rollte es

über die Trottoirs. Man kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam an.

Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug Madeleine vornher, riß

Renée aus den Armen der Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür

hinter sich zu, riegelte ab.

Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten der Artisten und

Studenten, trugen Madeleine ins Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für

sie auf, legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg zum

zweiten Stock in Renées Couloir gab es im dritten Skandal. Zwei Weiber,

eine im Korsett, eine im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern mit

Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer sagte: »Alte Sau . . .«

Die Hure hieb zu, traf nicht den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel

stürzte, eine Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber. Männer

in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen. Atemloses Geschrei verwirrte

alles, plötzlich lief man. An Daisys Körper griff eine Hand.

Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend küßte. Erstarrt hielt

sie in dem Zug, der sie einsog, in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich

schrie sie. In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die Nacht mit jenem

blonden Skandinavier, der die erste Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le

Beaus Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob über die Seligkeit

des Franzosen und sie an eine Wonne hochstieß, gegen die nichts im späteren

auch nur gering bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, was ihr

Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, was ihr zurückgab, aber er küßte

ihr Bauch und Bein, durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers,

aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies blieb in ihrem Schlaf, so

daß sie aus dem Traum mit dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als

je aus einer Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die Kiste, wusch

sich, schüttete das Wasser in den Schacht, aus dem mit einer Wolke das

Gekeif in das kurz geöffnete Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée,

sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß des Kampfes. Sie wartete

still, geduldig. »Hundert Sous« im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat

hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der Schüssel bückte. »Nein,«

sagte Daisy mit unbegreiflichem Lächeln, »laß mich«, und sie hob die

Schüssel auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die Brust.

Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie sich vorneigte, die

Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte seit der Nacht eine Kugel.

Sie hatte nur noch eine.

* * *

Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren ward, sprach sie

allabendlich im Schattenspiel Philippes Sätze. Ward seine Angestellte,

Vertraute, Sekretärin. Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen

durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach und ihre Stimme einen

Schmelz annahm, der sie nie beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe

seine Briefe, sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke, räumte

sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche. Wurde ihr Auge verzerrt von

Gesehenem, gab seines ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen,

die Nummern des Programms in fanatisch heldischer Pose, las sie zu Haus,

was er schrieb. Ging sie mit ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße

sich in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes der Tiger aus

aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit ihm ans Gitter trat, sah sie die

Jungen, nur an den Zitzen spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab,

bot ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb streng dabei, als

sie lächelte. Bald konnte sie nur tun für ihn, was er nicht merkte.

Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. Am Mittag darauf kam

sie in sein Zimmer. Er schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das

Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach einer Stunde kam sie

wieder. Er schlief noch. Sie preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn,

gab ihm den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte.

Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote fahren ließen, durch

Rosahüte, Militärmusik, sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch

von Fischen, Kartoffeln, süßlichem Kinderschmutz. Eine Wolke Karbol umstand

sie. Eine Schwester mit spöttisch grünem Blick versagte den Eintritt,

Philippe sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, öffnete die Tür. Als

sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen, eine Frau wälzte sich lautlos auf

dem Rücken im Kot. Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen,

schrien, mit Armen die Kissen zerreißend, nach dem Mann: »Reiß die Mempel

aus! Schlammbeißer, Creusot!« Sie rülpsten, ihre Köpfe waren verbunden und

geschwollen, Eifersüchtige sich wähnend, schmissen die im letzten Stadium

Irren über sechs Betten, die sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins

Gesicht. Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester leicht

zurückdrängte. Aber als er der einen sich näherte und das Gesicht

herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel auf den Rücken, zog das Hemd auf

und stülpte den zerfressenen Schoß ihm entgegen. Er wollte etwas sagen,

doch die Schwester riß ihn zurück, hinaus. Daisys Rock ward gezogen. Eine

dünne Stimme: »Zu mir?« Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein gläserner

Blick wieder zum Plafond zurück. Die Frau vom Boden stieß sie zur Seite,

lief bis an die Tür, wo der Mann verschwunden, wimmerte, brach zusammen,

umfaßte mit den Fingern die Klinke, die er berührt. Links war die Krankheit

schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts saß ein Kind und lächelte,

vierzehn Jahre. Nun kam Daisy zum Fenster, blieb fünf Minuten bei

Madeleine, gab ihr Äpfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann gingen sie auf die

Nachbarbetten zu, legte bald auf jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht,

und wie sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da war vor

innerer Inanspruchnahme, begann, ohne daß sie sprach, es immer stiller zu

werden. Als sie fertig war, peitschte ein Schrei, stand, stieß, zerbrach.

Zwei neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation der Maladie um

den Hals, die frech herein kamen, bekamen andere Augen, andere Bewegungen,

zerbrachen irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand die Schwester.

Madeleine sah auf das Grün im Garten, zurück zu Daisy, ließ ihre Hand nicht

bis zur Türe. »Zu mir?« frug die gläserne Stimme, wandte das zarte Profil

sich hinauf. In die geklemmte Tür noch zwängte Madeleine den Hals, sah

Daisy nach, bis sie verschwand.

»Dies ist ein Zuchthaus.«

»Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel«, sagte Philippe.

Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschüttet, an dem glänzenden Lack der

Kinderhüte und dem weißen Crepe, der die Hemden der Croquetspieler leuchten

ließ auf der Luxembourgterrasse, als streichle er empört ihre Zartheit.

Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot das Café Guijas ihres

Hotels. Sie blieben mit einem Teil, während die meisten Studenten und Mimis

durch den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen aß mit Kameraden

um einen Tisch, drei standen Wache. Nach dem Dessert zog er die schmale Ly

herüber, knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte, legte sie aufs

Billard. Alle umstellten es im Kreis, sahen zu, reichten ihre Röcke nach

rückwärts. Jeannot strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte sich

schon wieder ab, lachend über die Kuriosität der Hermaphrodite, als diese,

außer sich, ihm einen Siffon an den Kopf schmiß. Kellner und Wirt, bleich

vor Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der irische Aufwischer

faßte sie wie ein Schwein, tat den größten Schimpf, warf sie aus der Tür.

Sie wehrte sich, weinte, biß, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an jedem

Arm. »Gut zum Schlafen, wäre sie nicht . . .« sagte Jeannot achselzuckend

zum Ringkampf, dem er lässig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den

Scheiben in die Gosse, das Gesicht im abspülenden Regenstrom, wimmernd: »On

m'a sortie.« »Fiaker?« frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, gröhlte in sich

hinein, hieb die Gäule um die Ecke. »Hilf«, sagte Daisy leis, als sie

rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis sie im Schmutz lag, ging dann

hinaus, tröstete sie, nahm sie am Arm, führte sie zurück vorbei an Jeannot,

der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit der flachen Handkante

ins rote Genick schlug, daß der in die Knie schoß und über ihn kindlich

herüberlächelte.

Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte es. Philippe brachte zwei

Männer, einer betrunken, der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie

machte mit Freundlichkeit Platz, haßte ihn nachts, morgens schlich sie in

sein Zimmer, alles aus ihr stürzte in sein Wesen zurück.

Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. An Betten, bei Kranken

war sie hinter ihm. Sein Ausdruck flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie

Erhebung. Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner

täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die mit den Waden nach

einem Literaten kokettierte, die Stunde störte, wo er sich gab. Sie stand

an der Wand, las er seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten.

Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries er das Unglück, das

tiefer forme, Hunde inniger, Pferde schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie

er gab, schenkte, sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem

Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm.

Sie strebte, ihm zu gleichen.

Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von seiner Richtung abwich,

kasteite sich, übertraf eine Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte,

was sie trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine Legende, ihn vor

Freude in den Mund steckte, darauf biß und ihn fast verschlang. Sie

begleitete ihn zu Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des

Gefängnisses, vergaß nicht den Zug des Rehhalses am Eisen, kam über die

Korridore mit ihm heraus und begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen.

Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte sie ins Gleichgewicht

zurück und sie vergaß die Auflehnung und den Druck, mühte sich stark zu

sein, ihn zu übertreffen.

Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, kürzte den Schlaf,

brachte ihm Menschen, die sie instinktiv auflas, in seinen Abend, gab ihm,

wenn sie beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich ihm

fehlte, da er Elend lobte.

Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß des Café-Konzert an

ein Kleid Renées geben, Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im

Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot aß. Sein Bett lieh er

aus, blieb die Nacht im Stuhl. Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl

er wußte, daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als das Sopha

unter ihm brach. Ging still neben Ly, ohne Protest, als sie unschuldig

wegen des Ringes als Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden

Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares tat jeden Tag, ohne Tat

und Ziel, das half, wie er Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber

unrührbar blieb in seiner Weise.

Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über jeden Begriff, wuchs an

jedem höhnischen Lächeln, das man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie

sich vor ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten. Sie sah,

wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu stellen, Ordinäres und

Geistloses aus den Tageskämpfen zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu

reizen, um so die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die er doch

wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf verfehlt und schlecht eingesetzt

am ungünstigen Hebel in mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn

überwindend führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß sie über alles hinweg

sich diesem hingab, restloser bemüht, zu sein wie er, Übel zu vergessen,

Trost zu geben, ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer schien

wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie überwand ihren Körper. Holte

Leder und Federn, übte die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen

hinrissen, um seine schwache Nummer zu stützen und gab ihren Leib den

geilsten Blicken.

Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein Glück.

Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die Abgründe nicht mit

ihren Händen zusammenschweißen, die aus der Not verfluchter Zeit und dem

Zwang, sie zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen ihr

gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller Hingabe keine letzte

Befriedigung kam.

Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte unter seinem Anblick,

schloß sich ihm demütig an. Sie kamen ins Café, als Ly von einem Krampf

ergriffen auf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf sie zu und,

indem er die Hand ausstreckte nach ihrer Stirn, gelang es, daß sie beruhigt

aufstand. Daisy neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich einem

blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert Sous. Sie frug nach

Luison. Achselzucken. Sylvie, die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium

ins Gedärm gab, eh er mit ihr schlief . . . »May?« »Die Krankheit.«

»Riette?« »Die Krankheit.«

St. Denis.

Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in ihre Seele. Verheerte,

verwüstete sie, trieb Wut heraus und Auflehnung, bis sie flammte.

Schlichtete ihr Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig, ein

jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, dem Irrsinn

der Welt. Bald sah sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen

spürte, das Riesige, was die Menschen schied und sie unglücklich machte,

nur als geringe Strecke, als kleine Unterscheidung empfand und unverstehend

blieb an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit das Glück

hintertrieb.

Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder. Abends brach eine

kastilische Mimi zusammen, spie das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen

Karren, er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, ein Auto mit

bemalten Kokotten schnitt die Bahn. Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom

Blitz zerschmettert von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit ihres

seitherigen Lebens.

Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die Augen weit und sehnsüchtig auf

sie gerichtet, wie sie, das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie

ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie neigte sich zu ihm, und es

fiel ihr schwer zu sagen: »Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly

geholfen, statt mit ihr zu gehen?«

Er schwieg.

Dann sagte er: »Ich kann nicht bestimmen, auch du nicht, was ihr Glück ist.

Aber ich suchte zu helfen, als sie litt.« Es gab für ihn keinen anderen

Weg.

Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem Gesicht nahm stets sein Auge

die Auflehnung hinweg.

Aber sie sah, wie das Café mit neuen Mimis sich füllte, wie die wieder

verschwanden, zu rasch durchgekeltert, zerbrochen, verbraucht. Wie neue

Wellen der Boulevard hereinwarf. Die Lues wütete. St. Denis sich füllte,

gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich vollzog, in der Maschine des

Hospitals das Fleisch gesiebt ward, die beiden ersten Stadien noch mit

Grazie vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen Körper

durchwütete . . . . wie Verlebtes herausschoß, Angenagtes hineinkam, wie

die Maschine kaute, fraß, schlang -- -- und nichts half an der Wurzel,

nichts umstülpte, was gemeinhin half. Gott nicht unterstützte. Was blieb

als helfen? Nachts bohrte ihr Hirn, sie schlug an die Wand, riß an der

Tapete. Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung, Erquickung. Ihr

Lächeln bezauberte. Louison beantwortete es zwischen einer Hungerohnmacht.

Madeleine schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel, Musik,

Freiheit. In Philippes Leben stand sie und fühlte, daß er es brach wie

Brot, zu heben, finden zu lernen, Stärke in Ruinen zu bauen.

Ihr Hirn jedoch bäumte sich dagegen und ihr Blut, das frisch mit den Dingen

des Daseins strömte, daß er dem Ende der Tragödie sich nur hingab, in schon

Zerschlagenem erst das Menschliche züchtete, statt an der Quelle groß und

sicher die alten Schleußen zu zerschlagen und neue aufzubauen. Und mit Haß

empfand sie seine große Begrenzung, die wohl das Eigentliche wollte und im

Zerbrochenen gleich das Geläuterte sah, aber keinen Sinn hatte für Anfang

und Ende des qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und vergeudete

in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie konnte nicht unterlassen zu denken,

während er Madeleine sein Geld gab, ihre Geschwüre seien nicht, flöge ein

Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein Tapferer ein dünnes

Vorurteil auf wie Seifenschaum. Wohl empfand sie süß aus jeder hilfreichen

Bewegung, das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn, Menschen

zu schaffen mit Vorbild und Beispiel, aber was half es, dauerte es

Jahrhunderte. Ihr Herz, das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte

bei jedem Zusammenstoß mit dem Elend ihres Cafés, ihres Hotels, ihres

Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden, und der Irrsinn, der Hundert

zerschmetterte, um wenige sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und ließ

sie in Gedanken sündigen stündlich gegen seinen Sinn. Denn da im Umschwung

des Daseins sie aus der oberen Kuppel des Theaters hinabgestürzt aus dem

Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand sie die Kontraste

deutlicher und schicksalshafter wie er, der im Bodensatz nur lebend liebte

und tröstete.

Und mit der Berührung des Primäraffekts erlebte sie erst die ganze Rundheit

des Daseins und mehr als je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur

die eine Losung: »Hilfe dem Menschen«, und aus Dreck und Kot und Unzucht

kamen die Übersicht und die Entscheidung in ihr Leben.

Noch hielt sie seine Güte, noch brach nicht aus, was sich wehrte, noch

rührte die Liebe zu ihm und sein Bild sie zu solchem Mitleid, daß sie

nachts hinausschlich, seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er morgens an

ihrer Etage vorbei ihn sich durch den Garçon bringen ließ, einen Zucker

noch, den er liebte, hinzufügte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf der

Treppe stand. Sie mühte sich, in die Seineantiquariate zu laufen, Kolibris,

Lederfransen und Muscheln zu kaufen, ihr Kostüm heller zu verzieren und

ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte, was Scham ihr noch

ließ, preisgaben, damit sie seine Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie

schwieg, während ihr Innerstes sich elementar schon empörte, rückte näher

an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten Falten, lebte selbst in

seinem eingeschlafenen Gesicht.

Am Abend der Neuaufführung glühte der Kellereingang phantastisch. Die

Stühle um zwanzig vermehrt. Sie stand im Kostüm halbnackt. Da arretierte

ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin des Uhu. Das Spiel

fiel aus sieben Minuten vor Beginn. Das Weib war im achten Monat, der

Sergeant riß sie schleifend die Treppe hinauf.

Da überstieg der Zorn über das, was er am Guten verfehlte, an falschen

Plätzen vergeudete und verpraßte und nicht aufhob für das Donnernde, das

seinem Leben Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen

Augenblick lang, das an ihm hing. Geröteten Gesichts unter der Schminke bat

sie heftiger, er solle sich wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst

zerstören und abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der Hand

leicht ab und einem Ausdruck um den schöngeschlossenen Mund, daß ihre Hand,

Verzeihung erbittend, die seine strich.

Aber sie verlor nicht das Gefühl, wie sehr die Unzulänglichkeit seines

Lebens das ihre bedränge und daß sie sich zerstöre und fessele, lebte sie

weiterhin wie seither. Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum ersten

Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen die Führer taub und falsch

gerichtet lagen und an denen zerbrach, was glühte.

Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht ausließ, steigerte

sich zu den schamlosesten Gebärden, hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr

blieb, alles ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich

schönen gebogenen Körpers. Während ihre Füße in Unzucht gingen, lobte ihr

Mund nur sein Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln.

Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, stellte den gehäuften

Teller vor ihn, strich über seine Hand. Ging.

In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie sah sich um, verließ es.

Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue Richelieu, Rue Bonaparte. Kam

Quartier Ternes, fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender

Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie blieb draußen.

Atemlos. Ohne Besinnung. Die Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie.

Immer wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und Erlebte ab von

ihr. Ihre Verzweiflung trieb die hellsten Tage zurück. Der Papagei der

Savoyardin im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen Hals sie

kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit, rieb den grünen Kopf an ihrer

Hand. Sie sah ihn nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial brach die

Stange vor der Station, ein Latschmützer sauste ab, hielt sich, stürzte

eine alte Frau auf die Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus

kreisrundem Mund »Adolphe«. Kondukteur und Arzt herbei, der Apache bestach,

blieb an der Ecke, höhnte: »un plomb«, der Schaffner warf das Bleistück

wütend auf die Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die die

Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, ihn über einen Zaun

schmissen. Der Arzt reinigte sich, unter Gequietsch rollte ein Handwagen

mit der Frau ab, die Männer sagten »merde«, schlenderten weiter. Die Vögel

sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb sich der Park gleich einer Wolke

heran und stand zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte golden um

den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes fluteten vor Licht. Sie nahm eine

Bank. Hinter dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens deutlicher,

stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock flog auf wie ein Pfau. Als die

kristallene Abendwölbung kam, hing eine rote Windfahne über dem Schloß, ein

Mandelbaum, der fast weiß ward vor Hingabe, roch wie im Traum.

Frierend fuhr sie zurück.

Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel surren. Rue du Château

d'eau schlief sie bei der Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin.

Stand mit Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte de Bercy, Bois de

Vincennes. In einer Gärtnerei Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis

es schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon. Stand fest vor der

Porte Maillot mit »Intransigeant«, »La Presse«, empfing das Trinkgeld der

Soldaten, hielt unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile,

spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade. War eine Negerin im

Odeon, entblößte den Bauch und schwang ihn wie ein kupfernes Schild

zwischen den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk der Place

des Vosges. Stand auf dem Wagen der demonstrierenden Studenten der

juristischen Fakultät, umbrüllt von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte »Les

Trois Couleurs«, mit denen der »Matin« den

Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis des »Journal« bekämpfte. Wohnte Rue

St. Jaques, die barock vom Panthéon steil und dämmerig zum Boulevard de

Port Royal steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte ihr Gesicht.

Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare St. Lazare die Auslandszüge über den

starren Friedhof brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im

Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant gekleidet, an ihr

vorbei auf einen zottigen Rumänen sich lanzierte. Sah die blauen Monde

elektrischer Laternen die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch

durchschwimmen. Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und Marmorbildern. Kam in

ein Musikcafé, eine Geige riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und

zog aus dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche hinausgehenden

Hinreißenden ihrer Stimme sie in die Höhe. Sie ging hinaus, begann zu

weinen, kam auf die Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. »Kommen Sie«,

sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen sah sie den Mann, der im Café

Cluny neben ihr die Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos

nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach einer menschlichen

Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie rauher noch und befehlender gewesen wie

diese. Verscholl.

* * *

Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses brechend,

schlug Stefan ihr die Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen

Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das Tier lag in den Knien,

ein anderer Pferdekopf schob sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule,

eine Hand riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre Augen zählten

die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte. Geräusche. Alarm. Wasserzüge

leuchteten Metall. Mond über einem Ölbaum. Der Mann schlug Schleifen, ritt

ein Stück mit ihr im Fluß. Der Küstenstrich war alarmiert, er ritt zurück.

Eine Finte. Seine Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gäule stoben

durch Gestein zurück auf einen Hügel. Vor dem Himmel gebrochen hingen

Bergzüge in die Weißnacht, darüber eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu

trieben sie in Wälder. Als sie den Gurt durchbrachen, Zweige um sie

schnellten, flammte die Sonne auf. Sie kamen an ein Bambushaus. Er stellte

die Leiter an, ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab. Als er

sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode erfüllte sie mit Nebel, warf

sie um. Abends, als sie die Augen aufschlug, entdeckte er es. »Vier Jahre«,

sagte er, seine Hände zitterten. Sie sah an seinen Fingern hinauf, hinab,

schlief ein. Anderen Tages mußte sie reiten. Sie ritt.

Sie ritt mit ihm, der unter holländischem Lampenhut das Kostüm des

nördlichen Chinesen trug, um die Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in

Lagerfeuer. Eingeborene zwischen spritzenden Spänen sausten, die Fäuste in

den Augen, in die blonden Felder. Ölbäume zitterten erregt unten in Ebenen.

Sprach kein Wort mit ihm, nur an seinen Händen sah sie die Sehnsucht von

Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte sich über den Kopf, der

quadratisch geschlossen schnarchte. Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand

die Gewalt, schlug die Zweige zurück, auf Schuhspitzen und Handflächen

schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand, pfiff die Gäule, ritt nach der

Küste zurück. Hielt am Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt

das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, überströmte sich mit Blut.

Kehrte um, wandte den Rücken, schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen,

führte die Gäule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen ins

Wiesenwachs, ließ los . . . zwei Bogen sausten in den Horizont. Sie schlug

sich morgens zu einer Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu. Allein.

Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit Weibern für

Bergradjahs. Die Armenier liefen beim Halt nach vorn, starrten in das

Kattun. Daisy gab einem Ceylonier ein Messer für einen Esel. Er sah auf

ihre Weiberhand, mißtraute ihr in dem Jünglingsrock mit abgeschnittenen

Haaren, bedachte, es sei ein politischer Emissär, meckerte, sah Rebbach in

der Beziehung, blieb treu neben ihr. Abends hob sich der Kattun des

Vorderkamels. Hüften schaukelten prall und weiß. Ein Tuch fiel. Eine Auge

grell nach Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun

verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer männlichen Kleidung, der

tänzerinnenhaften Bronzeschlankheit. Am Morgen kreuzte sie eine Karawane.

In der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen einen Palankin,

sie schloß die Augen. Wieder roch sie seinen Körper, dessen breite Muskeln

sie fast zerbrachen. Demütig nahm sie seinen Zorn, seine Beglückung. Sie

hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel stieg in die Höhe,

das Zeichen des ersten Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin.

Wütend schlug der Kattun zurück. Das Weib heulte die Nacht, geschändet in

ihrem Geschlecht, denn das Tun der beiden Männer im Palankin war ein

Greuel. Am Gebirge bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen sich

in die Täler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm zu, als sie allein hinter

einer Düne standen. Allein die Fremdheit dieser Ergebung füllte ihn mit

Mißtrauen so, daß er sie mehr beobachtete, als hätte sie Fäuste in sein

Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut, ergab sich und war in ihrem

Erleiden und sich Schenken von einer Entferntheit, die ihn rasend machte

hinter seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: »Halt«. Ging er vor

ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem Rücken. Führte sie, fraß sie sein

Blick. Doch je mehr er sich bemühte, um so mehr gab sie sich ihm

schrankenlos in die Hand. Allein er empfand auch hierin nur, was sie

verschwieg.

Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber ihr Hirn verwirrte, trug

er sie am Leib an einen Sonnenabhang. Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie

schlug ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus ihrem Körper warf,

sah sie das Blut. »Ich schlug dich nicht«, sagte sie. Er schwieg. Da küßte

sie seine Hand; »Verzeih.« Sie lag wie ein Kind an ihn geschmiegt. Er sagte

nichts, denn er besaß.

Je mehr er besaß, um so stärker zog er sie in den Kreis, den seine Kraft um

sie schloß und sie bedingungslos ihm gab. Bronzekörper fielen hinter sie

zurück, Geschlitzte trieben Yaks auf Abhänge, tranken Alkohol, schrieen die

Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken, als es schneefrei ward. Ihren Willen

schied er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward bestimmt. Das Moos

für den Fuß bezeichnet. Selbst ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer

Ergebung ihn wie mit tausend Widerständen peinigte, regelte er nach Tempo,

Biegung, er hätte versucht, sein Blut ihren Adern einzuführen, das dunkle

Letzte suchend, was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die letzte

der achatnen Kugeln. Im Morgengewölk entblätterte die Spitze. Ein

schnurgerader Weg in Fels gemeißelt blitzte hinauf. Links, rechts sausten

Abgründe. Am Ende oben stand ein Bau. Zweimal stieß Stefan vor, kam zurück.

Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die Abstürze, den Stein, blieb

die Nacht weg. Am Morgen kam er: Aus. Rot im Weiß des Auges. Die Hände

hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen, die in vier Jahren die

Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert: »Paris . . . Marseille . . . Kalkutta

. . . Pegu.«

Sie lächelte, band den Gürtel schräg, torkelte, strich die Sandalen ab und

ging mit einem kühlen Schatten neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den

vierfachen Rhythmus, es schloß sich hinter ihr. Sie glitt in die Welle, die

im Kreis des Hofes brauste. Senkte den Kopf, schritt mit, strich nach zwei

Stunden von der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten Stern,

sprach eine Minute, glitt durch die Barriere in die innere Drehung. Die

gelbe Binde verschwand, bückte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie

kam näher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf faßte sie enger um die Mitte,

schlang sie ein, trieb sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in

Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fünf Minuten kam sie

bleich mit einer Tafel. Den Kopf gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer

und vorsichtiger spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im Torkeln, aber das

vergangene Jahr verließ sie nicht. Sie strömte durch das Brausen, die

Flügel des Umschwungs geleiteten sie mählich, hochmütiger aus dem Herz des

Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mühle mit Schweigen, sie bog in die

äußerste Peripherie, stand abgestoßen vor dem Tor.

Es war dunkel. »Komm«, sagte sie.

Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte sich entlang, am

Ende ein Tor. Die Türen sperrten, die Nacht zischte in der Laterne, die ihr

Gesicht überflog, das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß auf. Die

Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In seine Hand gab sie die Tafel, sie

konnte sein Gesicht nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel

weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser Bewegung spürte er, daß das

Unwägbare in ihr, was er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm

näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies schlug ihn ganz

zusammen. Sie übersah es. Blieb die gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung,

gab ihm die Führung, folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern

und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst nichts. Sie häufte alles

auf ihn, was ihm das Ansehen, den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu

sehr bedrückte, ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie wünschte, er

tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. Er verstauchte das Knie eines

Tags. Sie blieb erschrocken, da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans

Herz, er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste wuchsen. Sie

aber unterzog sich dem ohne Betonung, demütig, nahm es hin wie vorher. Dies

wischte seine Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in einer

gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes in einer ehrfürchtigen

Entfernung hielt. In diesem Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer,

sicherer, und so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von seinem

Erleben trennte und zu deren Aufstieg der große Weg ihn noch trennte. Von

weißem Licht bespült, fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte

ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel hatte die Farbe des

Perlhuhns, seiden in der Berückung der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm

immer ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und indem

sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes Vertrauen seiner

Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm die Freiheit, die mit

schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte. Aus einem Abend stachen

Dampferlichter. Unter senkrechter Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine

Stadt mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam aus der Wölbung.

Als sie in der Bahn abfuhr, sagte er wie im Garten Guildendaals: »Du bist

der Wirbel, der mein Leben einfängt«, aber er sagte es mit einem

schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem Gesicht. Sie

nickte zurück. Aus dem Aufschlag ihres groß bewimperten Auges blieb eine

träumerische Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die Ebene glitt in

dunklem Samt zurück, der Himmel berauscht, bebend wie eine Trommel, grau

mit tierischem Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und es kam nur das

lösende Gefühl mit grenzenloser und gütiger Kraft: Schlaf.

* * *

Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen Glanz des Spiegels

erscheinen. Sie reißt das einzige, was außer der leeren Halskette an ihrem

Leib ist, von ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band, zieht die

Schließen an. Verkauft die zwei Perlen. Im Palankin fährt sie ins

Hafenquartier, klopft, verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück,

mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling gleichend, zu einem Magazin,

füllt einen Koffer, fährt zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt

die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die wundervolle kleine Brust

in der Bluse. Da reitet, ißt sie als Herr.

Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden Zug. Das Auge sucht, hebt

sich, erstarrt, sinkt. Von zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen.

Er fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt, aus der

Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über jeder Enttäuschung, zu sich

jetzt, was sie erwittert. Das Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt

. . . die Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. Nach

außen, von vieler Erfahrung her, demütig überlegen. Als Frau zieht sie den

Mann an allen Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der Hüfte.

Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. Sieht den Mut seiner Erregung,

führt ihn, zieht ihn nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn

entflammt -- spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle, ihn zurückgeschraubt

im Thermometer seiner Begierde. Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der

anderen Seite sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes

desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst hinter dem Weib, das

ihn aufschwänzt, in der Einstellung auf Bauch und Besitz ihn als Klasse

sofort uniform macht (wohl auch riskant und alles in die Wagschale werfend,

doch nur spielerisch und daher unbestimmt und ohne Verlaß), dahinter erst

entdeckt sie den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung trifft sie die

Nüchternheit seiner grauen Stunden, die Lüge seiner Frische gegenüber

Weiblichem. Teilt seine Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die

Phantasielosigkeit seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der Geschlechter

empfindet sie die Indiskretion gegen jede Frau, seine Kameradschaft gegen

das Weib. Sie konsumiert mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im Erkennen,

die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. Sie weiß, der Mensch versagt,

und Enttäuschung peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken.

Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie mischt sich, wo

Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen. In Nankingkleidern treibt sie

sich am Hafen hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der anderen

als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt. Treibt mit Smith vier Tage um

die Fischeransiedlungen, hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht die

Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt zurück zu den Baggern,

Transportern, aufgeregter Meute in großer körperlicher Bewegtheit

Schaffender. Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, in

Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet Abgegrenztes. Wo Ziele sind,

schwach fundiert. Erstrebtes nur im automatischen Gang. Hinter dem Programm

das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie rettet sich in einem Bogen, mischt

sich unter die Weiber, trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous.

Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die Ergebnislosigkeit solch

nüchternen Schwungs stößt zurück. Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die

Menschen versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß.

Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die Leitung, spürt, wittert,

die Pupille sinkt. Schon mißt sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine

Befähigung, richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, durch

den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt. Sie sieht einen

Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr retten, pflegen, säubern. Sie

schließt sich ihm an. Sein gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall,

spannt sich nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die Pupille

sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie Fabelhaftes, aber es vollzieht

sich nur aus Rausch. Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die

wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt und stirbt, nur

Aufflammen ungezügelten Instinkts. Traf sie auf Ideen, waren es

Schwächlinge, Schwärmer, die Locken nach der Sternansammlung schwenkten.

Kein Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht nicht für sich,

denkt nicht für sich, wird unermüdlicher, gläubiger. Leid, das sie aus

jeder Stunde anschreit, wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an.

Empfindsam, gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur des

Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt -- weint, daß sie eine

Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit des Geschlechts, beißt den Mund

fest und sucht heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen. In der

Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre Seele zu größerem farbigstem

Feuer. Wohnt in Baracken, wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne.

Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende Frauen im Abendlicht mit

Bastkörben von Stein zu Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer

rauschen. In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt aus jeder

der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, bekommt schärferen Glanz,

mildere Schönheit ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke

Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den Glauben mächtig zum

Dehnen. Die Pupille sinkt. Das Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns

schneidet sich aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt

erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem asyle de nuit sinkt ins Blut.

Die Haltung eines Kaufmanns zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird

grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die Pupille erweitert sich,

erschlafft. Sinkt. In einer Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines

Dichters die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch wie ein

Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind Betrunkene. Sie wohnt an dem

Segelhalteplatz, beim Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus,

wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut der englischen, indischen,

französischen Frauen. Folgt zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich

um sie auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen zwei Parteien ein

Duell, legen Knipslaternen auf Steine, reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren

aus der Dämmerung.

Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert. Ein Auto biegt

vor dem, welcher schießen will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand,

schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden Gebärde auf

den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, reißt den Mann mit sich in den

Wagen. Sie hört ihn sagen: »Ich habe andere Aufgaben für dich.«

Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, offen, bekommen

Facetten, glühen vor Licht.

Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen sie kühl auf. Sie sieht

nur den einen. Sie sitzt den Abend zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti.

Die anderen schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden außer

seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht. Mit schief im schwarzen Bart

gestrecktem Mund fragt Raffaeli: »Was geben Sie?« »Mich!« Gordon umreißt

mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die Achseln, die Nase biegt

sich skeptisch in den Flügeln, vibriert. Di Conti wiederholt die Frage

kalt. Da lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller

grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften seither nahm und

lebte, sperrt auf die gesamten Depots.

* * *

Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige Waffe. Keine Ahnung, die

ihm nicht schon zum Abfeuern geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer,

daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. Aus dem

Herz die Flamme gerann ihm im Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über

dem barbarischen Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst Raffaelis

fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons nicht ausmeßbare Aktivität

folgte nur seinem Druck. Ihr schwindelte, wenn der Tag sie in die

fassungslose Nacht entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in

Schlagschatten zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung der Welten ohne

Brücke sah, aus ungeheurem Wollen geringe Distanz geworden, ihm gab es

keine Hemmungen in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die

Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt geworden, bedacht vor

Ergebnissen. Trieb nun vor. Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos

bloßer Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen gegen die

Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte. Stemmt gegen die drehende Erde

sich mit der Kühle des Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr kam

nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines Wollens, die alle überströmte,

er in die See hinaus, die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue

Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, den Schornen und der

Flutung diktieren könnte. Er stand am Schalter, wies ihr die Spannungen,

die Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. Der

Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. Gordon, der von Marokko bekannt,

verfolgt war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging morgens neben ihr

auf dem Verdeck, ließ sie das Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust

seiner Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti gewann ohne Kampf,

besaß mit Nichts. An ihm fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff,

diktierte, erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte

beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart aus der Kajüte, ging

geschnellt auf den Ballen, sprach deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief

wegen Agitation im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. Das

eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an der Peripherie, entwickelte

sich im Lauf des Zentralproblems, fiel später unter Raffaelis

Durcharbeitung. Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, um

von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu treiben. Für die asiatische

Welle hatte er Aufmerksamkeit, nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf,

lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich, maß die Stadien der

Siedespannungen am Barometer, verglich die Leidenschaft der Massen, gab

Ordres, zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte zuerst

gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die Macht, das Militär. Rettete

darum Gordon, der den menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so

schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen das allgemeine

verleugnen, in jede Tollheit sich werfen ließ. Hatte die Organisation es

aufzuschälen, die Schaukel dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten

rotierende Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die Erde zu

nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, Sklaven, falscher Sehnsucht

endete hier. Sein Paradies war willkürlich, geschaffen, diktiert, es

kümmerte ihn nicht. Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren

Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig einzusetzen.

Sein fachlicher Befehl, der Definitionen verachtete und aus der Berechnung,

die tausendfaches Gefühl ihm geformt, sprach, war bestimmender als

Raffaelis Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, die sich nicht

befreien konnten, da ihre törichten Herzen die Erkenntnis zum Handeln nicht

zu fassen wagten. Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses mit

präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung kamen Nachrichten von

Gärungen in Lyon, am folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy

erschoß ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem Herzen,

zitternd, sahen sie das Land. »Es ginge nicht ohne Sie«, verbeugte sich

durch die Dämmerung Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich auf das

Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es wurde dunkler, Laternen blitzten. Di

Conti stand an der Reeling, hielt ein Papier in der Hand. »Gott selbst

könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, seine Welt liefe taub

aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.« Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein

Mund war blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht sprach er mit ihr

zum erstenmal allein und lang. Sie ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr

Leben sich verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz von Blut und

Kräften in einer Durchdringung, die fast den Mond und den Meerraum mit

hineingab in sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein Kind

strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte Briefe, nahm eine Perücke

ab mit einem Zeichen innen. Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der

Aube. Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu.

* * *

Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände über den Augen, Raffaeli

an der Ecke. Sie nickte. Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue

Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel vor. Vier Frauen

standen am Schießapparat, zielten, schnellten den Hebel, schossen für einen

Sou die Freimarke zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett, ein Mann

stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der Neger im Hufeisen ließ eine Tasse

in der Schiene gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem

Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte an den Schläfen. Sah

fest nach dem Eingang. Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen,

plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz der Frühe eine

Unterschicht herein, breitete sich aus, füllte heftiger, ein Zittern

durchlief die Körper der Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder

wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß sie zur Seite, brach sich

zum Apparat durch, griff den Studenten am Apparat, der, eingeschossen,

gewann, an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn hinaus. Sie sagte etwas,

fast laut. Ein Mann nickte. Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen

Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten vorbei, schlugen

vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen

zusammen, sah in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte rasch den

Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen. Hob rasch die Lider, schloß sie

fest, öffnete groß und sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes. Sie

durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische schon brauste. Mimis

saßen, setzten, bauten, die sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die

Kette heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach, schlang, wütete

in diesem Fleisch, glomm Stolz in ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber.

Etwas schwankte von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten

Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne Ton, heiser wie Blech. Der

Mund war noch schön: Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es

nicht, schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl nicht, sie

heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte nur dies und dies und die,

nichts Eindeutiges, bückte sich: »Gib mir zehn Sous.« Sie gab. In der

Bewegung der Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus ihr

hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle und Bedeutung

erhielt. Zwei Männer hielten sie an, einer küßte ihre Hand. Sie hörte,

während er sprach, Lys Stimme dahinter: »Combien . . .? Trapez mit dir --

Sau von Geiz . . .« Bleich vor Angst ein Preuße vor ihr, sie steigerte ihn

über die Taxe. Sie löste sich, schon war sie darüber. Nichts drückte sie

mehr. Glühend flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr Auge

in einen Glanz. Le Beau stand gegen die Wand, ein Mann neben ihm, der auf

sie zeigte. Durch Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen fest.

Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer verbinden bis in den Tod.

Das erste Erleben des Blutes hielt sie zusammen, nichts wischte das weg,

keine Tiefe. Ein Trauring lag um seinen Finger. »Ruiniert.« Sein Auge war

voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es aus Jahren: Autos, Feste, das

Haus des Boulevard Raspail . . . es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete

atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm gönnte, bog eine Frage

aus ihr heraus. Der Punkt, den sie festhielt, war der Eingang. Dorther

füllte es sich mit einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah er

die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ, ging mit dem

Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. Abgewandt, ihm gehörig,

hoffnungslos. Sie aber, entzündet weit und hoch über ihm und seinem

Lebenskreis, durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber alles

abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum kam, ein Stern von Stühlen.

Sie stellte sich daneben, kam endlich mit dem Rücken an die Wand.

Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die Menge durchzufluten. Der

Raum zitterte, die Luft kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette

schob vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie wurde gegen die

Wand geschüttelt. Fester sog sie sich an dem Eingang fest, mehr glühte ihr

Auge dorthin, ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei

drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab freieren Raum, im

Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick Philippes Gesicht. Zum erstenmal

grüßten sie gegeneinander wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, unter

denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute zur Höhe getrieben,

entflammt, kam einen Augenblick Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn

nicht. Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab ihrem Hochmut

Duldung für ihn. Er hatte sie schauen gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah

ihn abgeglitten von der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich

lächelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon löste sich ihr Auge

hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. Die Mitte drehte sich in einer

Spirale, durchdrang sich. Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte

sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. Ein Schild schwankte.

Meerhaft wogte die Gruppe. Noch höher, unbedingter wuchs sie in die

Richtung. Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen. Arme hoben

sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang wölbte sich. Langsam trat ein

häßlicher kleiner schwarzer Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis.

In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, sprach schon zur Seite.

Nur wie er zur Uhr, hastig und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie

erwarte. Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte sich durch die

Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur Le Prince. An der Ecke kam in das

Fliegende, Stolze in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie ging

durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke Karbol. Stand an Renées

Bett. Die Schwester beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht im

Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle, aus der pilzig Fleisch wucherte.

Die Lider fielen Daisy, sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die

Schwester suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie atmete, stank,

sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten sich von dem Gesicht zu dem ihren.

Wie sie sich bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem,

unvergleichlich und bezaubernd in der Schönheit der Beine, Renée die

Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das andere nicht mehr, bog sich tiefer,

mit dem Mund zum Ohr: »Es wird gut sein, Geduld.« Malte, schilderte,

versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber Renée hörte nichts,

sperrte röchelnd den Mund kreisrund, roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach

weiter, sah verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte um. An

der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem Kopf eines jungen Mädchens traf

sie ein verzweifelter Ausdruck: »Zu mir?« Zwei Augen kehrten starr

enttäuscht, zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy nicht.

Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in Lücken glitzerte

gewitterig die Sonne. Sie spürte das Stück Schuld, das, neben der Welt, sie

an diesem Kadaver trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude

in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als Ende. Von hier begann

das Glück. Freude ging über ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten

eine Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon befreit, Kasernen

gestürzt, europäische Mauern gesprengt . . . neue Beziehungen trafen von

Herz zu Herz. Es kam als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie

er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein, nahm es mit,

verarbeitete es . . . nichts konnte es antun ihrer Entzückung. Keine schöne

Taube würde sinnlos zerstört, kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn

herrschte, tat Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard,

traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. Die Straßen hingen voll

Gedränge. Um Eins kam sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte

Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan, auf der Loire. Unruhen

in Bordeaux. Eine rote Fahne auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand.

Meuterei in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf das

Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann die Demonstration.

Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie die Eingänge der

Seitenstraßen. Die Seitenstraßen standen gepfropft mit Menschen. Der

Boulevard stand kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. Plakate

riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei stand zwischen der wogenden

Masse des Boulevard und dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse

los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei gegen die Legion. Hinter den

Führern mit Schärpen Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum

Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder am Observatoire,

eine Lawine. Um dreiviertel Vier waren die Häute gerissen, die Gendarmerie

überschritten. Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard

hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. Einer sprang vor, reckte

etwas, immer höher. Es schoß los.

Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen, hunderte,

hintereinander, besät. Automobile dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen

in dem Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich

band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige dunkle Soldaten, die

Kokotten der Hallen, Apachen mit Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers

gingen in dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, schlug hinauf

die Häuser. Die Straße vor dem Zug war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug

schlossen sich die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter. Die

Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue Monsieur Le Prince, Rue

Guijas, Rue des Etrangers. Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe

von einem Baum schrie: »Es lebe die Freiheit.« Eine Lawine kam vom

Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte in der Gedrängtheit, löste sich

ein wenig, ballte sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing

wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich zu: dein Kopf, deine

Hand, die Schulter. Hand hing so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten.

Eine Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen flaggten über sieben Etagen

herunter. Sie lasen die Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den

leeren Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge traf, sie bäumte.

Die Häuser zitterten unter dem Druck, in oberen Stöcken klirrten die

Scheiben. Die Fahnen hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward

lauter. Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte nach vorwärts,

dehnte sich auf die Seite, daß der Stein an den Hüften knirschte, bewegte

sich, flutete. Laternen standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die

Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten, unwiderstehlich. In

ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, den Autos, schwankten die Laternen, Bäume.

Reißend goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll und rund.

Di Conti sprach.

Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom Denkmalrand. Der Donner

machte das gefüllte Platzbassin totstill. Er bückte sich wie ein Ringer,

stieß den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer herunter. Sprach.

Formte im Reden die Gesichter unten, zerrte sie auseinander, wischte sie

aus, entleerte sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte

begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, dichter heran.

Wuchs. Stieg höher, stand am oberen Rand des Denkmals, bog den Nacken

zurück, rang einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer

ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf sie auf, über sich ihre

Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft sich entfaltend, hoch die Arme

geschleudert, wankte und wuchs mit der Last, die er hielt.

Sprach.

Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, atmete wie ein Pferd,

zog die Menge im Krampf zusammen, quetschte sie aus, hieb das Bittere in

ihre Visagen, machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern, donnerte, roch

den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts, packte hinter sich den Kopf der

Chimäre mit beiden Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief

herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast bei ihnen. Einigte sie

in eine atemlose Pause. Sprach. Warf die Drohung aus den Augen.

Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen in die Herzen. Sprach.

Sie drangen durch die Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse,

gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine Bahn, einzige Wärme,

gleichen Schlag. Floß den Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug

aus, blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße kamen herunter,

keilten gewaltig, drängten den Platz ab bis zum Kordon. Dort stemmte es

sich zurück. Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte. Sprach.

Die Hände Schallbecher vor dem Mund. Erreichte größere Distanz, durchmaß

mehr Menschen. Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt mit beiden

Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden mitgerissen, der Leib drehte

sich, die Augen kamen zum Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder

Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den Pfropfen, schmiß

viertausend gegen die Seine. Conti sprach. Warf sich in die neue Welle,

inbrünstig, verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete, riß

die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd, hoch, über sich mit

beispiellos schmerzendem Ruck. Die Säule stieß weiter vom Boulevard

herunter, warf, schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die Massen vor

dem Kordon, Bäume, Laternen kamen über den Kolonnen gegen die Seine an.

Stießen den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon Gendarmerie.

Er verschwand unter ihren Füßen.

Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere, Haarschwänze vom

Kupferhelm auf dem Rücken tanzend, Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich

vor die Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das rechte Ufer, das

Herz der Stadt, Boulevards der Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt,

gedrückt, spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie riefen:

»Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.« Sie sahen in die kleinen dunklen

Löcher, auf das Metall der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie in

Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog. Es knallte. Steine

stoben durch das Licht, sausten. Eine dünne Stimme rief: »Tirez.« Die

Kürassiere zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln

höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der Stürmenden ging es

hinüber auf die anderen, durchdrang sie, säugte sie. Die dünne Stimme

schrie wie ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. Die Säule

stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper an Körper gedrängt, Soldaten,

Arbeiter, hatten einen Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein

spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem Gaul unter den

Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein kalkweißes Gesicht, das Tier

klatschte hinunter ins Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte

die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in die Stadt.

Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der Weiche. Von der unteren

Seineseite durchstach eine Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings

auf den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. »Weg du«, schrie ein

roter Bart. Eine Frau hielt vor Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie.

Die Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen. Das Denkmal ward

umzingelt. Di Conti aufgehoben . . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy

warf sich auf ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. Sie konnte

die Hand nicht rühren, ließ nicht nach, biß sich in seinen Rock. Ein Druck

kam auf ihren Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal flüsterte

sie: »Conti --.« Die Masse begriff, schäumte auf, warf sich herüber, gegen

den neuen Kordon, feuerte ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti

schleppten Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät.

Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. Dann empfing sie. Kühl, Dame,

Freunde nahmen ihre Hand: »Wir werden ihn befreien.« Deputierte sprachen:

»Wir werden ihn befreien.« Der Schlag der Masse pulste herauf zu ihr: »Wir

werden ihn befreien.« Sie hörte, die Verwundung wär leicht . . . Ihm werde

des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie reckte sich, steif, ging zurück,

lachte. Ruhm? Bot man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort für

dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk für Narren und Kinder wagte

Geschwätzigkeit hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn nicht zum

Komödianten . . . stand sein Gesicht doch, das schlicht nur dem Ganzen

wirkte, brüllend und wie aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie winkte

ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in die Taschen, die Augen im

Dreieck. Ein eisgrauer Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz und

Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, die Leistung verdoppeln,

Angriff steiler schrauben, unbedingter sich mühen. Di Conti mußte frei

sein. Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. Allein. Ging einen

festen graden Weg.

Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine floß gläsern unten. Sie

sah einen Schatten, er löste sich von der Pforte und glitt an ihr vorbei.

Sie drückte ihre Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum im

Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht schmetternd

gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Als sie sie zurückzog,

blieb etwas.

Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie ging durch drei Räume. Ihre

Karte lief vor ihr. Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn mit

exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm auf an ihren Vater.

Darauf gab ihr der Herr seine Karte mit einigen Worten.

Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume streichelten die Luft,

Helligkeit und Süße wob in den Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt.

In einer Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde . . . der

Wagen glitt, bog, hielt. Über die Teppichstufen des Ministeriums.

Aufgehalten, mit der Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken,

lächelnd, die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. Ein schöner

Mann im schwarzen Schnurrbart, der elegisch das Kinn rahmte, trat ein,

stutzte. Sie ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein Bündel in

perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein Blick leckte nach ihrem Hals,

zögerte, fiel auf den Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein

größerer Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem Brabanter ritt.

Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen Stühle verwirrte, sie lernte

die Teppichmuster, sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. Eine Stunde.

Ein grauer schmaler Herr trat ein, hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur

flog ins Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte, bis er genau

sie sah, schob mit drei Fingern einen Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum

berührte. In seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr mitten

ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem jähen Anprall. Er sah auf die

Erde neben seinem Schuh: »Ausländer? . . . Italiener . . . in der Tat.« Sie

sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, flüsterte ihn nochmals, stand

auf, ging ans Fenster, trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte,

sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. Die Lippen Daisys

saßen wie Tiere aufeinander, die Brauen seidenschmiegsam ineinander sich

wölbend. Er trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die Stimme

schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung voll zarter

Höflichkeit. Er führte immer, sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb

gleich. Kanadische Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. Versailles

wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, mit Märzwind. Eine Fahrt über

St. Malo. Er neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher Zug. Er

stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem Knie, hinkte nicht -- ob ihr

Wagen warte, Pelze darin seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie

wartete, faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte, führte

herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein Gesicht nicht. Seine

Grazie schmeichelte sich in ihre Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand,

die nicht welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, sein Blick

prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand auf. Er hob sich halb: »Wann darf

ich den Wagen senden?« Sie knotete die Hände: »Neun Uhr.« Er läutete, als

sie sich schon wandte, ein kakadufarbener Page öffnete geräuschlos eine

Tapetentür.

Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte die Iris, schwankte,

bekam Kälte in die Finger, Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die

Regie der dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche

pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war Di Conti tot. Sie kam

hin mit einem Gehenlassen der Glieder, das alles hinter sich hat,

abgeschüttelt, selbst ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich

lediglich gerichtet auf das Ziel.

Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen, zwischen Wange und

Mund. Was konnte noch kommen? Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte das

Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte, badete, ließ sich

massieren. Fuhr in den Luxembourg, fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi

rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. Stand auf am

Morgen. Nichts war zu schlagen. Je mehr sie spürte, was sie verlor, um so

ungeheuerlicher fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke und

der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt und selbst sie war, voll,

traubenhaft geschwellt, ausbiegend aus ihr mit einer Glut, die sie

erblaßte. Di Conti war in ihr, mehr heute als je. Geballter als im

Menschlichen. Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und

durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt, wunderbar

entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die den Schmelz der sehnigen Schenkel und

das flimmernde Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter,

zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie besaß sein Werk.

* * *

Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten. Es geschah am Horizont. Syg

einem Mann gefolgt. Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb

unerregt. Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal Bilder. Raffaelis

Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl Erholung. Sie machte eine kindliche

Gebärde. Er verstand. Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen,

Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. Der Platz der Zusammenkunft

war leer. Die Fahrt im Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch

voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach zwei Tagen stand sie am

Hafen, traf Fribaurt nach einer schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der

Segelyacht nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es sofort. »Ich

komme mit.«

Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, doch ungeheuer in der

Berührung mit schrankenloser Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war,

mit denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem Reffen der Leinen,

Hinaussehen auf glatte See bis zu entfernten Dampferwolken. Inseln kamen.

Riffe türmten sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an den

Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, Urblasen erstarrt,

schaukelte bunte, rote, grüne Häuser wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen

Rypen: »ka . . . bauh.« Schneehühner: »j . . . ak -- j . . . ak.« Es

rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um sie. Sie badeten in

einem Fjord, abends ward das Wasser papageirot. Jerkins, Christianias

größter Jäger, stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam mit

Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er einlief, sahen sie ihn im

Glas oben wie ein metallenes Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks.

Ein Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün, schwärmerisch.

Sie übernachteten im Dorf. Am Ende, eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing

über Sandwüsten ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im

Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend: »Nördliche Lepra«. Der

Kreis war verseucht. Er zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht,

führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen aus den Fenstern:

»Hüten Sie sich.« Ein Schrei. Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das

Morgenwasser zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau an Lee. Die

Windtrommel saß in dem Segel, schmetterte.

»Geh in meine Kajüte.«

Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch in die Kabine und

schlief sich aus. Sie lag unter dem Segeldach und gab statt seiner acht.

Das Steuer war angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde aufs

vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den Holzplanken. Fribaurt und

Jerkins lagen auf dem Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend mit

schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten Karten, lernten die Lappin

zum siebentenmal an, schlugen Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam

einen Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre Karte nach.

Die Segel schlappten plötzlich, klatschten hohl hin und zurück zum Großbaum

. . . eine Musik umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie

Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins schoß, auf dem Rücken

liegend, eine Möve, die hinter ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr,

die schrie, Kopf und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr mit der

Hand in den orangegelben Flaum und ließ die Federn einzeln zu Daisy

fliegen. »Schöne Frau von der Seefahrt.« Fribaurt sang mit dunklem Bariton.

Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward tierisch faul, eine Brise

kam, schwand. Sie lagen still. »Welche Harmonie,« gähnte Fribaurt, stieß

einen Pfiff aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die Karten auf,

»wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.« Das Segel aufgerefft, die Lappin

in Hosen an der Gaffel mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand

still. Fribaurt band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob das Weib hoch,

legte es wieder auf den Bauch. Dann bluffte er wie toll, verlor einen

Haufen Geld und lachte, bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte

ein Diplomatengesicht: »Zu grob.« Er legte auf: »Street.« Die anderen

warfen zusammen, zuckten die Achseln. Plötzlich schob Jerkins auseinander,

runzelte die Stirn, griff hinüber, legte die Karten der Lappin

nebeneinander: »Zu früh . . . zu schick . . .« er bog sich vor Lachen über

Fribaurt. Umgewendet: »Die Sau . . . die Sau . . .« Die Lappin kroch ein

Stück davon aus Angst auf dem Leib. »Was hat sie?« Jerkins hob die Hand von

der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu zweit: »Royal Fluch.« Fribaurt zur

Lappin geneigt: »Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit des

Glückes . . .« Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: »Die phantastische

Quote . . . und hat es nicht gewußt.« Weißbrüstig hing eine Brise vor dem

Meer. Geigen im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte das Meer

mit einem bläulichen Schatten, der Bogen sauste heran. Jerkins sprang auf,

leierte am Großschot, die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab,

Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den Daumen, das Segel

wechselte, flog hinaus . . . der Stoß kam und erzitterte jeden Nagel,

Fribaurt schmiß das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen dem Ufer

näher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren sie in der Windschwankung

parallel.

Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf vor den Himmel gelegt. Auf ihm

fuhr in gleicher Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach und

groß wie ein Kanoe. Drin saß ein Mann. Sie fuhren nebeneinander. Fribaurt

deutete mit der Spitze der Pfeife nach ihm. Der Wind zog stärker. Die Blase

des Segels neigte sich schaumig gegen das Wasser. In silbernem Regenbogen

hing eine Springwelle an Lee. Sie starrten hinüber. Es war, als bewege sich

keines, nicht sie, nicht das Pferd, . . . als blieben sie festgehaftet wie

Brennpunkte in dieser Ovalen von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu

Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hände vor dem Mund, die Brust aufgesogen

wie ein Schwamm: »Hall . . . lo . . . o!« Sein Organ schlug den Wind mitten

durch und traf drüben auf. Der Wall schickte vier Echos herüber. Keine

Antwort von dem Mann. Jerkins quoll blau am Hals: »Hallo . . . y . . . lo!«

Eine Pause zitterte, die dünnen Echos quirlten . . . dann kam die Antwort,

kalt: »Holla!« Jerkins stand am Großbaum, klemmte die Wange ans Holz.

»Haltet Ihr die Wette nach Aarvik?« Sie lauschten. Dann eine schneidende

helle Stimme: »Am Arsch.« Sein Pferd sprang über eine Wolke, Staub ringelte

sich in einer umgelegten Säule hinter ihm. Der Damm bog landeinwärts, eine

rötliche Spirale. Daisy verstand nicht, was er norwegisch rief. Sie sah

nach Jerkins. Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge

fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand Fribaurt die Antwort.

Sein Schnurrbart zuckte, er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der

Mövenfedern.

Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer zog sich tief zurück . . .

um eine Halbinsel, einen kleinen Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten.

Auf der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer sein Pferd,

am Ende des anderen Abfalls lag unten Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im

Beiboot ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten, die Terrasse mit

Bäumen, dahinter die Ebene vom Morgen . . . die flimmerte . . . unten am

Fluß mit roten Dächern Aarvik . . . idyllisch unter dem Berg. Auf seiner

Spitze hob sich eine Flamme Staub, das Pferd kulminierte, die Karriole kam

in die Schleifen des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand in

einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte sie an hinter dem Haus.

Ein Schock Matrosen lungerte um die Kneipe, graue Zipfelmützen im Nacken.

Der Wirt schmiß sie heraus. Sie drängten nach. Einer stieß mit dem Knie

einer Magd in den Hintern, sie schrie: »Dumme Schicksen.« Der Wirt zeigte

auf ein Holzbrett, sie schüttelten die Fäuste. Er nahm es herunter, hielt

es sich vor den Bauch. »Ein kleines Faß,« schrieen sie, »wir scheißen auf

das Verbot.« »Dåd og Pine . . .« mit Knie und Faust drückte sie der Wirt

die Steintreppe runter. Sie maulten, einer zog den Wirt an einem

Westenknopf neben sein rothaariges Gesicht und flüsterte in sein Ohr. Der

Wirt brüllte auf, stieß ihn in den Magen, daß er wie ein Messer einknickte.

»Kotzt Lumpen«, seine Zunge hing raus vor Wut, er trat dem Mann auf die

Schenkel, der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den Hof. Sie sahen

den Aussteigenden nur vom Rücken. Er schrie durch den Radau, seine Matrosen

rieben sich die Hände an den Hosen. Er rief nach dem Weg über die Brücke.

»Abgerissen.« Wieder gab es einen kurzen Krach, da die Matrosen sich

beschwerten. Der Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul aus. Der

Geprügelte riß plötzlich dem Wirt die Hosen auf die Knie. »Had djävelen

. . . ich schlag dir in die Fresse.« Die Matrosen gröhlten, steckten die

Hände in die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hüften vor und

zurück. Ein Faß rumpelte. Der Fremde winkte, die Matrosen kicherten und

verrollten sich langsam. Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett zur

Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der Fremde warf seine Gamaschen

einer Magd zu. »Hafer . . . mir ein Bett . . .« Der Gaul hob den Schwanz

und strich einen großen Furz. Die Matrosen quakten herüber, schlugen sich

die Schenkel vor Lachen. Der Fremde sprang ins Haus.

Jerkins schlenderte, die Hände in den Taschen, ins Haus, kam zurück. »Wer?«

fragte Fribaurt. »Sven Mair.« Daisy bog sich zu Fribaurt: »Wer ist Sven

Mair?« Fribaurt lächelte mit dem Schnurrbart, strich seine Hand mit der

anderen: »Jerkins Feind.«

Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine lange Nacht voll

Geräusche. Die Hunde bellten, wurden plötzlich still. Aus dem Bootshaus

soffen die Matrosen in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre Kabinen.

Kurz die Stimme des Fremden unter seinen Leuten, dann Stille wie Blei. Das

Meer stand in uferlosem Schweigen. Die Felsen kühl und geheimnisvoll über

dem Wasser, panische Stille . . . sie schloß unter ihrem Druck die Augen.

Stunden gingen. Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Plötzlich riß

sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster. Zwei Karriolen rollten vor

das Haus. Die Nacht war weiß. Kupfriger Schein spann über die Landschaft.

Drei Burschen bläkten die Zähne, schrieen:

»Sven.«

Schritte gingen über ihr, die Gesichter schauten hinauf. Ein Pfiff, ein

gedämpfter Ruf von oben: »Skideriks.« Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen,

ihre Ohren, die Farbe der Augen -- alles sichtbar. Angelgeräte auf den

Wagen, die Pferde bissen schaumkauend auf dem Eisen. »Sven . . .« Da trat

er heraus aus der Tür unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch über den

bläulichen Boden. Er hatte Lachszeug über der Schulter, schmiß es in seine

Karriole, krempte die Hosenbeine bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie

in den Fluß. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen sich auf die

Gäule. Der Fremde drehte sich um, sah nach dem dritten Gaul, bis an die

Knie im Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da wuchs aus der

Nacht der Schlag, hieb besinnungslos in sie, stürzte wie eine Feuersbrunst

zum Herz:

_Dies Gesicht ähnelte Caspare Symes._

Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken auf das Bett, hörte

Pferdegeplätscher im Wasser, zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über

sich sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt im Boden glühte

es sie an. Sie starrte durchs Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie

auf. Erschöpft sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da stand es innen

in den Lidern mit einer Zärtlichkeit des tiefsten Schmerzes und sah durch

die Iris ihr in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden, die sie

lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck in seinen Zügen mit dem

Unbekannten, der im Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le Beaus, im

Traum des Hotels neben Renée. Mit tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf,

sie erkannte die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte,

kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum in den Kreis, den sie

gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, ohne daß es bestimmt war für dies.

Keine Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen magischen

Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten schien, und wie von einem

Wellenbrecher rauschte ihr Leben davor zurück. Nichts blieb außer ihm für

sie: Dinge eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. Höllischer

Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. So unerbittlich klar stand in dem

Kontur das Glück, Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar, nicht

erfüllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, ohne die Glieder

zu bewegen, wandte sich an Gott, wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz

ward so tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. Da drehte

er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die alles an sich rief, was sie

erduldet.

Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre Sehnsucht, sah weit vor

sich die Aufgabe, das Gestreckte, Winkende, Rufende, was sie größer füllte.

Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube und Ziel sich erhellte

auf einer Seite, sank der Kopf auf der anderen, das Spiel der Wage ging

hinab. Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen eine Kluft, die

nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie gab es. Litt. Gab es hinüber in das

Unbedingtere, gab sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum

ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, an allem,

was sie versäumte, ihr großes Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf

weinend in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam die Befreiung,

lösend, hart, aber tief.

Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen wie Stein. Dann stand sie

auf, als ein Boot unten vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle.

Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. Eine Fahne wehte, das

Georgskreuz, schon vorüber. Welch unendliche Kühle des Sommermorgens.

Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der Staub ward rötlich. Die

Riffe des Kessels ballten sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging.

Gezackte Wolken am Horizont . . . Mövenflügel in Spiralen hoch sich

schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt in der Bucht -- -- -- der

Tag stieg, wölbte Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen,

hielt, hob das rosane frische Maul, legte es auf ihre Schulter. Lief davon.

Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand . . . Sonne leckte darauf

. . . die Ebene kam. Oben das spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes

Licht prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, von der anderen

Seite, das, ein Nabel, zwischen der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem

oberen Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt durch Schmerz

wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. Die Liebe quoll verdichteter in

ihr. Sie schlug die Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben stand

über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: Hilfe den Menschen.

Die Achatnen Kugeln: Roman · 第 8 / 13 题