Vorspiel

Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter. Immer sahen sie auf

der anderen Seite die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten.

Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte Terrasse erreichten,

kehrten sie um nach der anderen Seite, die schwarzen Schatten schwenkten

und traten auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner Strahl, er

glühte auf, Licht strömte die Neigung der Rasenterrasse herauf.

Das Schloß über ihnen schlug eine Mondflamme in den Himmel.

Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen Halbkreise um die Gegner,

die die Mäntel abwarfen und in weißen Samthosen, die Brust offen unter dem

Hemd, sich gegenüberstanden. Ein flüsterndes Signal überklirrte das Metall.

Aus dem dunklen Laubgang stöhnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Säbel in

der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen.

Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem Daumen die Lider des

Liegenden probend herunter, sie schnellten wieder über die gläserne Pupille

zurück und hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch die Kehle

auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der andere auf, schüttelte die Haare.

Das war vorbei.

Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die mächtig gewölbt war.

»Mein Herr . . .« sagte der Sekundant des Gegners. Er deutete mit lockerem

Handgelenk auf den Toten.

Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was ihn erfüllte, verschwand. Die

steife Gebärde des Todes löschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die

Seele nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond feurig und entflammte

purpurrot die Zweige.

»Zaudern Sie nicht« -- flüsterte der Sekundant, »sofort zu begreifen, daß

Sie im königlichen Garten sind. Jetzt noch zu leben, heißt nur bedingt und

halb ein Lebender zu sein.«

Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurück. Ein spöttisches Lächeln kniff

in seinen abwesenden Mund. Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht

saß darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weißen Hermen glommen aus der

blauen Dämmerung. Nun paradierte ihn die Wache.

Die Rondells mit den Fontänen waren beinahe rot, und die Tritone schäumten

vor sich hin. Auf den Seiten verschwammen die Alleen flaumiger Dämmerung.

Eine quecksilberne Säule stand das Schloß aufgerichtet neben ihm. Zwischen

dem Schwung von zwei Koniferenästen zog sich der ganze Garten noch einmal

zusammen. Dicht über dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten

Terrassen hing riesenhaft der Mond.

Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung, wie aus Silber eine

metallene Platte.

Nächte voll Schwärmerei und Lichtern hoben sich über dem Park, zogen rasch

vorüber. Zuckende Frauenleiber sträubten sich vor ihm auf. Ein großer Ritt,

der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft, sein Bein hing blutend in

der Bügelung. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . Teile

des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten sich, Gänge warden

ohne Dunkel. Gab es nicht eine Frau?

Eine Frau, ohne Geheimnis am Körper, verlogenen reizlosen Hirnes, ohne

Leidenschaft der Erfindung, gut für Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um

ihre roten Haare. Dies ist das Dasein. Er lächelte, als ob er die weiße

Zofe in den Flieder herunterpfiff oder die Pikardin berührte, die bleich

durch eine Laube in der Parkecke auf ihn wartete.

Das Bild brach ab.

Aus allen Bosketts flossen Blumenrüche. Eine Nachtigall jagte einen süßen

wilden Schrei schlaftrunken ins Gebüsch.

Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den Park. Die Grimasse des

Totengesichts, von seinem stählernen Witzwort in der Gurgel gefaßt, stak am

Boden, bläkte ihn an. Das Schicksal riß durch sein Herz. Waren diese

Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn, entblättert die Lauben beim

dritten Knie schon, das er darin geöffnet. Blieb ohne die Erregung des

eigenen Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich schuf, nichts

übrig wie nackte Enttäuschung, schon oft Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er

zog den Degen an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten in

den See, was ihn ausgefüllt hatte die Jahre. Die Herren, mit denen er soff

und spielte und sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren Knieen

wehmütig zitterten und leicht mit dem Kopf nickend ihn verließen. Dann trat

das alles schon nicht mehr ihm zugehörig von der Neigung der letzten

Rasenfälle in Berührung mit dem Wasser. Der Mond nahm es auf und bog es aus

dem Park. Der Marquis sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue.

Als er sich aber umbog, überfiel ihn alles, und er krümmte sich vor Schmerz

über den Abschied, so sehr hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie

verbraucht war.

Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, daß er, eingekerkert in steinerne

Mauern, keine Sonne mehr sehe. Wie liebte er die Freiheit.

Er machte zwei große Schritte, reckte sich steif, hoch, das Gesicht in

Ruhe, ging überlegen und sicher . . . . wankte und zog den Mantel über den

Kopf und weinte. »Nicht weinen Vaudreuil,« rief er sein Herz an, stieß den

Degen fluchend auf den Boden, biß in den Mantel, zerrte an dem Tuch, »was

weinst du, Affe . . .« Allein er konnte seinen Schmerz nicht kränken und

schluchzte, als er, den Seitenflügel umschreitend, den großen Empfangshof

betrat, der unter seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen.

Kein Garten stand mehr vor ihm. Das große Gebäude verdeckte ihm den Mond.

Er hatte noch nie Abschied genommen.

In der Kehle ein Zittern riß ihm den Schmerz bis zu den Zehen. Dies

flimmernde Weiß an den Rändern des Schlosses, die Pflastersteine, die der

Mond blau schlug . . . er wollte sich daran halten, sein Herz klammerte

sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt nicht.

Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weißen Samthosen, die Brust frei

unter dem zerrauften Hemd. Die Wache trat vor, grüßte und grinste. Ein

Soldat sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen hin und

her. Sie hielten ihn für betrunken.

In der Dämmerung rannten die Pferde nach der Küste. Das zweite trug den

Diener, das dritte Gepäck, Geldrollen, Hemden, Waffen.

Die Stirnen der Gäule wandten sich im Kreis, zuerst gegen Havre zur

Täuschung, dann ganz herum gedreht nach Dieppe. Paris fiel zurück

unberührt. Dann warfen sie die Gäule nach Westen, schoben eine südliche

große Linie nach Rochelle. Als sie bogen, flammte die Sonne über

Versailles. Tief im Süden sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das

Sommerschloß des Marquis. Er ritt davon weg. Dann von eigenwilligen Dämonen

getrieben, ging die Fahrt im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schräg

herunter . . . nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem Hügel

von der anderen Richtung her. Baptiste sagte kein Wort und folgte. Gegen

Mittag fluchte der Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf, über

Wiesen mit Rehböcken, die spielten, ging es stundenlang. Baptiste zog die

Riemen der Ledertaschen auf und zu. Am Mittag brachen sie aus

Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der Marquis ließ die Gäule

saufen, ritt rechts in ein Tal, sprang plötzlich wild über einen Gießbach

und jagte zurück, an dem See vorbei in die Landschaft der Küste. Gegen

Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab, massierte das Bein. Der Marquis

stieg auf. Er ritt zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren

zurück. Gegen Abend kamen sie an den Hügel, später durch das Dorf. Die

Sonne ging unter. Links lag das Sommerschloß. Sie ritten direkt darauf zu.

Sanft stiegen über die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen. Aus der

einstöckigen Front schimmerten die vielen bis zum Boden gesenkten Fenster.

Die Kieswege, angelegt für die Zärtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen

träumerisch im Schein des südlichen Abends. Der Marquis ließ Baptiste

vorreiten. Er ritt in den Bügeln stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten

nicht an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurück, dann hatte der Marquis

ein Messer verloren. Sie fanden es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die

Nacht, die anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel.

Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel klatschten graue Wellen über die

Küste. Der Segler lag weit draußen und löste die Anker. Matrosen warfen die

Mantelsäcke in die Barke, griffen zu den Rudern. Vaudreuil sprang hinein.

Der Steuermann stieß das eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand

Baptiste. Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff. Dann trat er

einen Schritt zurück.

»Zwölf Jahre waren Sie bei mir . . . hielt ich Sie nicht wie einen Pagen

. . .?«

Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das schwankte unter krachenden

Wellen. Aber der Diener ballte die Faust, wies auf das Meer, das sich

dunkel donnernd zusammenballte! »Bin ich ein Hund, daß Sie mich mitreißen

auch da hinaus . . . zwölf Jahre habe ich Bügel gehalten, vor Frauenhäusern

gelauert . . .«, er röchelte und verzerrte sein Gesicht vor Haß.

Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds bitter in die Kehle wie

kein Schmerz. Einen Augenblick hob er wie bittend die Hand. Als er von

diesem letzten schlechten Stück sich riß, versagte sein Herz, daß er es

demütigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf der Wind ihm die Haare über das

Gesicht.

»Bleiben Sie ruhig,« sagte er, »behalten Sie die Pferde. Gehen Sie zurück

nach Versailles.« Er schrie, denn die Flut machte die Luft voll unruhigem

Geräusch. Das Boot schoß los, sauste eine grüne Welle hinunter. Der Marquis

nickte vom Rücken der nächsten dem Diener zu.

Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis sah zurück. Auf dem

erhöhten Hügel der Mole lag Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn

gerichtet, der ihn verließ. Nebel kamen, verwirrten. Lösten sich und immer

brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt, durch den Wasserstaub.

»Wie feig er ist«, sagte der Marquis, »und doch wie groß seine Sehnsucht.«

Da begann Baptiste zu schreien, als die Barke an den Segler rollte, die

Arme in die Luft zu stoßen, sein Haß und das Schmierige stritten mit dem

guten Gefühl. Vaudreuil litt mit dem Niederen. Aber er empfand seine Stärke

mehr zu leiden mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der

Erschütterung gab ihm ungeahnte Kraft.

Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal schoß eine breite Woge zwischen die

Fregatte und sie, teilte sie. Dann faßte Vaudreuil die Schlinge. Wie ein

Affe erkletterte er das Verdeck. Matrosenhände erfaßten seine nasse Taille,

schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich weiß beflaggt, bog sich und

rauschte. Er sah die Küste nicht mehr. Möven lagen auf den Wellenspitzen.

Dann kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel sich seidig

zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres ein, schaute auf das Spielen von

Welle mit Welle, der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefühl die

ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und des Glückes.

Am fünften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm legte die Fregatte auf

die andere Seite, stieß ein Leck in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil

auf einem Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie über Bett und

Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung seiner Kleider. Sein

kraftloser Körper, den nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden

Woche mit Lilotte, der Tänzerin des Dauphin, ein Purgier mit Schweiß

befreite, litt unter der Ohnmacht und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber

die Dauer des Zustandes führte ihn in die Überwindung. Ohne Zorn fand er

sich darein, daß seine Kabine stank wie ein Stall, daß er tagelang kotzte.

Als er geduldig ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf dem

spiegeligen Wasser. Matrosen saßen in den Takelungen. Mit weiß knatternden

Spitzen schlug das Meer gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing

Germanen, köpfte sie, warf die Körper den Kabeljaus zum Fressen hinunter,

briet die Köpfe. Nie aß er früher so weißes Fleisch. Erfinderisch geworden

in der Ruhe, erfand er neue Speisen. Er röstete Flossen, briet Herzen. Der

Tag ward ihm phantastisch, spielend überwand er die Melancholie der Abende.

Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen dick voll Wind. Matrosen

liefen mit Haken und Büchsen nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff

in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug schoß scharf

drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitän schrie. Aus den Verstauräumen kamen

Kanonen angeschleppt, die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen den

Wind stärkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr des Drachenschiffs: »Vila«.

Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang. Sie zogen die Hemden aus

und winkten in ihren bronzenen Brüsten hell zwischen den Leinen und dem

blühenden Himmel. Denn das Schiff war gascognisch. Vaudreuil blies die

Backen auf und ging hin und her den Abend.

Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz. Die Wände standen wie

Pyramiden. Schwärme langgehalster Vögel hoben sich, zogen endlose Spiralen

immer höher und schrieen. Morgens booteten sie aus nach Quibek. Vaudreuil

ging sofort zum Fort. Die Straße war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und

Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die Palisaden und nannte seinen

Namen.

Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er hatte den ganzen Mittag die

Finger seiner Hände hin und zurück gezählt, um nicht sofort hinzulaufen.

Jedoch der Drang seiner Würde war größer als seine Neugier. Auf Vaudreuils

anderer Seite saß der Bischof in violettblauer Sutane. Ihre Fragen

umzingelten ihn, faßten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlürften jedes

Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie hielten sich gerade, aßen mit

Bewegungen, die ihren Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren,

ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er wußte, vom Hof, den

Städten, den Frauen, teilnahmslos, halb Gelöschtes aus seinem Gedächtnis.

Der Bischof riß einen Fisch mit beiden Händen am Schwanz auseinander und

frug: »Was planen Sie hier?« Aber Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie

wurden verlegen. Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an seinen

fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang.

Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil kam beim Pharao in

Verlust. Als sie zwei Rollen Louis gewonnen hatten, wurden sie höflicher

vor seinen Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser zu saufen. Boys

brachten Kübel. Um fünf saßen sie hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank,

gewann zurück. Ein Fähnrich kam in Verlust, man verweigerte seine Bons. Er

hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine . . . sah nur Waden, beschrieb

sie mit dem Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie vom Schlag

gerührt. Der Kommandant zuckte die Achseln: »Er liebt, seinen Gewinst

festzuhalten.« Seine Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglühenden Auges

Vaudreuil hinüberreichte. Sie machten eine Pause, aßen kleine scharfe

Fische.

Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern auf, hob sie und senkte sie

heftig, bis der Apparat rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen.

»Fettes Schwein«, sagte der Kommandant und schlug im Takt die Fäuste auf

den Tisch. Ein Hauptmann taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor

Rauch.

Sie kehrten zurück zu den Karten. Die Sonne stand draußen. Der Bischof

setzte die Sutane. Verlor. Der zweite Fähnrich begann ihn sofort zu

entkleiden, wollte ihn als Adam durch den Morgen führen. Der Bischof

quietschte mit Faseltönen, flatterte mit den Händen, umwirbelt von Dampf.

Er stank aus jeder Pore. Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der

Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend zurück in die Lehne,

beugte sich wieder, krampfte die Arme über den Bauch und bekam das Maul

nicht zu vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus.

An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fähnriche brachten die Sutane

geschleift. Am Fenster hing der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand

hob sich über ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des Bischofs Arme

zeterten herunter, er wand sich. Seine Schinken hingen zum Fenster heraus.

»Also doch . . .« Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie zogen.

»Germaine«, brüllte der eine und fuchtelte in der Luft. Vaudreuil schonte

ihn, wandt sich zum anderen, der stieß ihm, schmalnasig und hager, im

selben Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg, salutierte

mit der Hand. »Es hätte auch die Kehle sein können.« Vaudreuil packte die

Sutane mit den Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers lag

ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor dessen Umarmung jede trübe

Zofe flöhe. Er legte den blauen Rock auf den Haufen.

Den Rückweg verlegte der Kommandant an den Palisaden. »Den Degen.« Der

Fähnrich, zwölf Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine Stimme

lallte und überschlug sich vor Besäufung. Er richtete die Spitze des Degens

nach hinten, ging so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst

prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen sich auf die

Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich, begannen eine Prügelei. Der

Fähnrich zog ein Lächeln um den dünnen Mund und salutierte. Der Kommandant,

Sergeant an Wuchs, donnerte wütend, die Soldaten johlten weiter. Der

Kommandant torkelte einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward

aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er kommandierte die Wache zum

Salutieren, es geschah unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verließ er

das Fort.

An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest zu stehen. »Ich muß Sie

verhaften, ohne Zweifel.« Er stemmte sich mit dem Rücken gegen ein Haus,

rülpste Gelächter. »Ich warte bis zum Abend.« Sie zogen durch die Kneipen.

In der dritten entlieh er eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab

einen Skandal. Mitten in der Szene vergaß er es wieder, versprach Vaudreuil

Weiber, frug nach Paris, schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den

Tisch, begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam über die Platte,

schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil blieb sitzen, bis es ihn

erreichte. Dann stand er auf.

Am Bootshaus lag sein Gepäck. Vor der Mole schaukelte ein großes Segelboot.

Wohin? Nach Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite, wo Männer

loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel, zog ein Buch aus der

Manteltasche, begann zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem

sie die Segel besorgten. In der Stille verengte sich der Fluß, das Meer

blieb stürmisch mit schlagenden Wellen zurück.

Plötzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an, verdrehte die Augen,

schnitt Fratzen und bog die Nase nach oben. Zuckte mit den Achseln und

zwitscherte wie ein Vogel. Öffnete die Hand, schloß die Hand, verkrümmte

sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil, der weiter las, nach der

anderen Seite der Bank, verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da

saß ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand, das Individuum

verschwand unter den Fäusten der Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich

etwas gegen den Offizier. Der erhob sich: »Courbisson«, der Gouverneur.

Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief, begann weiterzulesen. Die

Adlernase kam im Bogen, hing vor ihm, schnitt die Luft:

»Sie brachen heute mein Gesetz.«

»Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum . . .«

»Haben Sie zu verlieren?«

»Das Leben.«

»Sie wissen es einzusetzen.«

»Der Ehre halber.«

»Das genügt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es mehr.«

»Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs die erste Nacht.«

Der Gouverneur griff an seinen Hut, grüßte, die Matrosen begannen zu

schreien. Baumstämme kamen angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im

Schwung umschwebte sie eine betäubende Insel. Der Gouverneur strich den

Knauf, aus dem ein Löwe in die Luft biß.

»Ich bitte um zwei Fragen . . . haben Sie Mittel?«

»Die Diskretion der ersten läßt mich auf die zweite verzichten.«

»Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens geschäftlich,« der

Gouverneur verneigte sich. Ein Haar breit.

»Ich habe keine Geschäfte.«

Da stieß der Gouverneur einen Fluch in die schmalen Lippen. Vaudreuil

machte eine unwillkürliche Bewegung. »Nein«, sagte der Gouverneur, lächelte

zerstreut, gewinnend, Unruhe wölkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil sein

Buch hin, kam ihm entgegen: »Verhandeln wir.«

Courbisson errötete gegen die grauen Schläfen, begann sofort mit Charme zu

reden. Vaudreuil sah ihn aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des

Gouverneurs schlief er ein.

Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war allein. Die Ketten

rasselten, die Segel hingen eingerefft, gebunden, der Anker hielt. Eine

Landschaft kam mit Wiesen heruntergespielt zum Fluß. Er sah große Fasane,

stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch Büsche auf dem Rückwege, fand

ein Blockhaus. Auf Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der Tiere

sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht Tage, streifte, jagte,

brach in das Dickicht, das ihn schluckte, einsog.

Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam hinunter nach Montreal,

kaufte fischenden Matrosen ihre Kleider für die Jagd, trat in ein

Blockhaus, spreizte die Beine, warf den Kopf zurück und zeigte eine

Landkarte, fixierte ein Stück mit dem Blei am Ufer. Hinter dem Tisch der

breite Mann zog den Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. »Das Stück ist

zehn Klafter breit,« sagte der Verkäufer. Vaudreuil zuckte die Achseln. Der

andere zog die Lippen nach vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe

Goldrolle, drehte um. An der Tür zögerte er kurz, ging hinaus, kehrte nach

zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flußgebiet, das er gekauft hatte, das

ganze Hinterland dazu, sah fragend auf. Der Verkäufer grinste und schrieb

ihm den Urwald noch dazu.

Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf, ließ Hütten bauen.

Bald kamen Eingeborene. Mit Negern, die er kaufte, gründete er den Kral.

Dann warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wütender Kampf bellte auf. Der

Wald wucherte mit Sumpf und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fraß seine

Horde sich in den Wald. Er wirbelte die Äxte hinein, schnitt mit Feuer

Lücken, brach Boden auf Boden ab. Er umzingelte mit einer Gasse, die die

Kerle schlugen, die dicksten Plätze, hungerte sie aus, verwüstete sie, ging

zurück, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern. Er schaffte neue

Scharen, trieb sie gegen den Wald. Ordnete kleine Gruppen, fiel von den

Seiten, vom Rücken gegen das nie angegriffene Urstück. Tiere jagten nachts

heraus. Ein Löwe sprang durch das Dach seines Hauses. Er gab nicht nach.

Fauchend mit den Stimmen seiner Tiere wich der Wald zurück. Nun sogen

Weiden das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflüge rissen in das Herz des

Landes. Ochsenwagen zogen nach dem Strom, warfen das Holz in die Boote,

nahmen Saat zurück. Meer von Weizen schlug in schönen Wellen gegen den

Wald. Herden suchten morgens, Boden schlagend, den Strom. Das erste Boot

fuhr nach Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr über das Meer. Schon war

der Wald eine ferne Linie am Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die

großen Fischzüge. Er legte einen Gürtel Ablagerungshäuser an. Eines Nachts

flog ein Vogel vom anderen Ufer herüber, seine Flügel hatten eine grüne

Färbung. Als er am Giebel saß, begann das Dach zu brennen. Es war der

dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum Inspizieren. Er fand nichts. Nach

drei Tagen ritt er denselben Weg, ließ es wieder aufbauen. Nach einem

halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische hinunterschleifte. Er

sprach mit dem Führer, sie bogen um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam

eine Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bügeln, kniff die Augen.

Dann führte er seine Leute zurück, in einem Hohlweg mit steilen Wänden ließ

er eine Tonne leeren, ritt weiter ein Stück, dann wieder zurück. Sie

erreichten den Weg, als die Läufer der Prozession auf den Fischen

ausglitten. Sie fielen auf Rücken und Bauch, streckten die Beine hoch, die

Zungen heraus, rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen auf

den Hintern und rutschten auf den Fischbäuchen die glatte Bahn herunter.

Geschoß kam auf Geschoß. Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte

vorüber, schlug mit den Armen wie ein Häher. Vaudreuil zog weiter. Zwei

Wochen darauf klopfte es nachts an sein Haus.

»Woher?«

»Quibeck«.

Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und lauerten im Halbschlaf mit

schrägen Augen, daß er nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über die

Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die Mantelbrust und reichte ihm

ein Papier. »Ich will es quittieren«, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren,

sandte dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung von seiner

eigenen Hand. Sie ging auf eine violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren

ausgestellt.

Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen unter die

Schuhe, es war Abend. Ging langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab,

legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch, kehrte zurück,

trat hinter einem Baum heraus mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im

Garten tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher, der in der

Küche sich Pasteten buk. Dann ging er über die Äcker zwei Stunden, bis er

Wald erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein Hund

geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis gegen Morgen. Dann schlief er

ein wenig, lief den ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er roch

Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, schnitt mit dem Messer

Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen durch, machte einen Bogen, schaffte

bis Mitternacht. Dann kam er an den Rücken eines Schattens, hob ein Tuch,

war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz an, hielt es mitten in den

Raum. Zehn Frauen saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker

als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie auf den Arm, trug sie

durch das Lager in den Wald, das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der

Dunkelheit der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß. »Naimi«, flüsterte

sie. Ihre Augen der zahmen Antilope stellten sich in Rausch schräg gegen

die Wipfel, die über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt unter

Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch nach ihren Speisen, nach

Wildbret und Beeren. Er strich ihre junge Brust hoch. »Perlen«, sie lachte

gegen die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. »Wie lange?« Er zuckte

die Achseln. Ihr aus den flimmernden Schatten des Waldes heraus geformter

goldbraun geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über den Rand.

Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, warf sich nach vorn in die Knie,

herüber zu ihm, den Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine Brauen,

die sich im Dreieck zur Stirne spannten. Er weckte sie aus dem Schlaf:

»Naimi«. Sie forschte erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann

ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an. Die Sonne ging über sie.

Manchmal erhob sie sich, sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie

weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen Takt des Stroms. Der

Mond brach weich aus allen Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie

flüsterte, erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten sich

seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, ihn erblickte, war ihr

noch munter. Später hieb er ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn,

erbleichte, knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte sie sich einmal noch

um, ihr schmales Gesicht sah ohne Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den

Wald. Er trieb allein gegen sein Haus.

Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben der Aufladung. Da

trat ein Herr herein, grau an den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. »Ich

treffe Sie doch in Geschäften«, lächelte dünn. Vaudreuil verbeugte sich

wortlos: »Courbisson«. Der Gouverneur nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch

den Garten, das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, vorbei an den

Ausladehäusern. Sie gingen um die Schuppen, Courbisson prüfte mit der

schmalen Hand die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete das

Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich noch tiefer: »Sie wissen nicht,

daß ich das, was hier geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns

trafen. Dies alles war meine Absicht.« Er fuhr mit der Hand im Kreis herum.

Dann nahm er wieder Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch

schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die Dämmerung redeten

sie monoton, einfach. Als es dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem

Schiff. Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang schwerfällig über

den Schuh des Gouverneurs. Er stand steifer: »Der Krach mit dem Bischof

stellt alles in den Einsatz.« »Ich weiß«, sagte Vaudreuil. Der Gouverneur

ging weiter. Von einem Baum knallte eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs

berührte einen Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, er

atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand: »Besuchen sie mich.« Vaudreuils

Brust hob sich hoch, senkte sich.

Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar Weiber, kamen in die

Umzäunung. Unter dem Schmutz erschien ihre weiße Haut. Sie kamen

halbverhungert aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen

nachgelaufen waren, verlangten nach Essen. Sie waren derb und saftig, ihre

Kleider von Dornen zerfetzt, manche fast nackt. Die meisten waren

betrunken, schimpften vor sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger

erschien mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein Federmesser

und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil kam selbst heraus, langsam die

Treppe herunter. Ließ die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die

Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut zu Striemen. Sie brüllte

eine Weile. Dann ward sie still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine

fremde Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund, sang. Ihre

Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. Das Lied war von den Vorstädten von

Paris. Vaudreuil ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken. Sie riß

das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die Lippen, aber er drehte nicht um.

Sie hatte einen roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht.

Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer, schlichen hinauf und schliefen. Sie

fuhren mit ein paar Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an,

beschlichen die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus, versteckten sich,

warteten. Als die Sonne heiß ward, pfiffen sie, sprangen heraus, liefen

nach dem Strand und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann schlugen sie

sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben kleine Pfiffe, wehrten sich in

schnappigen Sprüngen mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von der

Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein schlichtes Haus, trat hinein

zu Courbisson und aß mit ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der

Gouverneur sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße standen vor

kleinen Häusern europäische Weiber, hoben die Röcke, wiegten mit den

Schenkeln und pfiffen. Er ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war

noch nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische der dunklen

Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, mit denen Frankreich

überschwemmte, taub.

Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen, er ging hinunter, das Pferd am

Zügel, sah die Strecke an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der

Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren das Meer. Der Mond

stürzte aus den Palmenwipfeln heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus

ihm heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber in der Reibung mit

seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen . . . er drückte sein Gesicht in den

Bauch der Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr und

hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen ihm verschnürte.

Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen trieb es langsam ins

Wasser. Wo der Mondstrahl auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich

drehte: Das Schloß . . . mit buntem Kies, gebaut für die Zärtlichkeit der

Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der wollüstigen Blumendämmerung. Der Park

stand voll vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh morgens mit

vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere.

Warf den Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte. Dumpfe Nächte

beim Kartenspiel durchschlug er mit schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der

ihn mit Ruhm behängt . . . eine Intrige, die in London sich kraus

entfaltete . . . mit großen Orden, den Degen am Fuß empfing er eine

Fürstin, die Hand am Schlag und sie warf ihm Blicke zu durch das Glas, das

er geschmeichelt nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den Himmel ansehn

durch den Regenbogen der Tritone . . . er trieb das Pferd mit Schlägen; das

seichte Wasser schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es tiefer in die

Flut. Indem begann der Mund sich zu öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann

schreiend sang er, was von der Hure in ihm war. Das armselige Lied

befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul versank, schwamm er weiter,

der Mond lag auf weißen Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an

seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war so irrsinnig, daß, als

der Mund die Flamme nicht ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf

den Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er verachtet, um die er

sich geschlagen und die er jedem Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr

Gewalt in ihm.

Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam Wehmut über ihn, er

arbeitete sich hoch, kam mit dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken.

Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte nichts als Leben und

das Gefühl des Atmens durchstieß ihn so, daß er weinte vor Gier,

dazubleiben, die Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal

verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend erreichte er Grund, kam

an die Küste. Fand sein Pferd, das mit dem Schweif schlug und wieherte.

Sein Atem schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte, machte drei

Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern fiel mit dem Gesicht auf die

Erde, breitete die Arme aus, schlief an ihr wie an einer Frau.

Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm das Pferd am Halfter und

ging nach der Stadt. Er drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie

wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf, glättete seine Kleider und

ritt durch. Am anderen Ende kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen

Gaul etwas schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte ihm die

Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs Auge auf Vaudreuils Stirn.

Er sah, daß er grau geworden war an der einen Schläfe. Er, täglicher Kämpfe

hart im Inneren bewußt, lächelte, sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus

wartete Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus der Waldnacht im

Osten. Er sah ihm nach.

Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach, aber ohne die Schärfe des

Blicks. Eines Tags widersetzte sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm

ihn mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden. Der Arbeiter kam

heraus mit verändertem Gesicht. Nach drei Tagen übernahm er die Leitung

einer Abteilung. Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen

geheimnisvoll. Als er frühmorgens mit seinem Pferd den Garten verließ,

stand der Arbeiter an dem Pfosten: »Nehmen Sie mich mit?« Vaudreuil ward

zornig. Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, starrte über

die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend den Kopf: »Ich muß hier einen

Vertreter haben«, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und ärgerlich über

die Abweisung waren, die Hand. Mit ein paar Eingeborenen schlug er sich

durch.

Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren, kamen Steppen. Eines

Morgens glänzte Weiß. Es war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah.

Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, durchforschte

die Gegend, legte einen Schuppen, eine Kette Niederlassungen zur Küste an,

brach weiter auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie von Öl

überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von großen Seen. Wieder kamen

Steppen. Am Rand blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend,

wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete nach Norden. Sie sahen

ihn scheu an, folgten. Sie hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer

floh. Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen mit so viel

Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte, er solle ihn nicht verstoßen.

Aber er nahm ihn nicht weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief,

lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die Stimmen heiser. Morgens

tauchten drei blaue Punkte auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das,

was Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie an. Sie senkten

die Köpfe: er würde ein Greis, bis er die nördliche Küste erreiche. Sie

wiesen Renntierhörnerkeule: es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur

gefrorene Flüsse . . . Er zog die Brauen zusammen, daß sie im Dreieck

standen. Es trieb ihn, er hatte keine Macht darüber.

Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie froren die Zehen ab im

Schnee. Sie wollten zurück. Er schalt: »Hunde.« Sie zeigten ihre Füße. Er

riß die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie. Im Abstand nur

folgte ihm der eine, den er verjagt. Eines Morgens fehlte auch dieser. An

diesem Tage traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh er zu trinken

bat, grub er das Zeichen des Meeres in den Schnee. Sie schüttelten den

Kopf. Er würde den Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen

und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten seien. Er würde nicht

den magischen Pol seiner Sehnsucht erreichen, den sein Herz unruhig suchte,

ohne daß er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn -- -- -- er sah einmal

den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. Sie schleppten ihn mit sich

südwärts. Als sie Lagerfeuer sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen

schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen. Halbverhungert wälzte

er sich weiter, schrie und verlor die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die

Indianer aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn nicht. Als

aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden Konturen der Zelte und

Haarbüsche, kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse, sie

erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn durch, zwei Monate lang. Es

waren Iroquois. Als er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang

hinein, entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. Eine Frau stand

auf, der schlanke Brüste wie Zitronen saßen, die den Shawl mit einer

gleitenden Leichtigkeit raffte. Sie hob den Kopf, blähte die Nüstern der

bourbonischen Nase, als röche sie ihn, der Blick der wildsamtenen

Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies mit einer raschen, schönen Bewegung

das Licht aus. Ihr Körper war glatt wie ein Fisch, golddunkel. Sie frug,

wie lange, am Morgen. Er schüttelte den Kopf und nahm sie mit. Sie kam als

erste in sein Haus. Der Arbeiter gab ihm die Übersicht der Bücher und trat

ein wenig zurück. »Ich danke.« Vaudreuil gab ihm die Hand. Der Arbeiter

errötete, aber, da Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf das

Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den Hafen am Ontario. Vaudreuil

nickte.

»Ist es nicht genug?«

Da sah Vaudreuil wieder über ihn hinaus wie am Morgen, als er aufbrach.

Seine Sehnsucht hatte das Tätige nicht gestört. Er stapelte auf die

Verträge von den großen Seen, die Abmachungen, die die Jagd am Sklavensee,

am Makenziriver in seine Hand gaben. Nun flossen die Felle des Inneren

nicht mehr zur Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strömte das Innere zu

ihm. Nun liefen die Pelze übers östliche Meer, nach Europa. Seine Besitzung

am Lorenzo ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und herriß. Was

war das Bisherige gegen diese Leistung, diesen Horizont?

Er sah dem Arbeiter ins Auge: »Organisieren Sie es.« Der zog den Mund

zusammen, bückte sich einen Augenblick, hielt dann erstarrt mit geöffnetem

Mund. Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte er das Geschaffene. Er

sah auf: Wegweiser, Faktoren, Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend

war diszipliniert, stieg in siebenjähriger Probezeit zu höherer Stellung,

zu Beteiligung, zu Prämien für besondere Leistung. Für Ausdauer stand Lohn,

für Ehrgeiz Befriedigung. Er machte Kräfte frei in gerechtem Wettstreit

. . . »Gut,« sagte Vaudreuil. Da nahm der Arbeiter seine Hand, sagte:

»Verzeihen Sie.« Er wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm. Er

diente.

Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf, schreiend, daß die Mägde im Haus

den ganzen Tag zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem alten

Dukatengold.

Daran hingen drei achatne Kugeln.

Courbisson hielt ihn zur Taufe über das Wasser, obwohl die Mutter braun

war, denn seine Schätzung für den Menschen war noch geringer als die für

das Beispiel, mit dem Vaudreuil für das Volk schuf. Am Mittag kam ein Bote,

der die Nachricht hatte, daß ihm die Heimkehr frei sei, daß unter anderem

Gesetz die Stadt stände. Er ging zurück in den Schatten, wohin die Kerzen

nicht langten. Er würde Ruhm haben, Vermögen, Macht, Frauen. Er sah durch

das Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch sichtbar in der

Ferne schwang. Es ging über sein Gesicht von oben nach unten, von den

Wangen über den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand, die den Hut

hielt. Vaudreuil äußerte sich nicht.

Im Frühjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an Feuern, an Seen, Flüssen,

den großen Hauch des Daseins spürend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr.

Der Erde und ihrem Rücken verschwistert, die ihn mit Blut und Saft bis ins

Hirn durchspülte, gingen die Nächte über ihn, die Schwingen des

Sternkreises, der Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zündete Hölzer an, er

verließ es. Er hob das Tuch im Wald, auf der Steppe. Nahm jene, dieses,

schwankte, ließ liegen, holte zurück unter Lachen. Schichtete um sich in

Zellen brausend Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser,

jener Frau, glich sich aus in der Bewegung.

Am zwölften Geburtstag seines Sohnes kam er von einer Kontrollfahrt. Er

ging sofort in das Zimmer, wo von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind

erziehen ließ. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir seiner Frau. Er

sah sie vom Rücken, sie stand vor einem Spiegel und kämmte ihr Haar. Ihre

Lippen leuchteten voll und rot, der Nacken fiel mit der Glätte der Schlange

und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre Brüste klein und gegen ihn

gereckt. Da sah er eine Flechte an ihrem Scheitel weiß, trat zurück,

erbleichte. Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah über den straffen

dunklen Zügen sein Haar hell durchblitzt, stürzte hinaus. Drei Tage trieb

er wie irrsinnig durch das Haus, durch den Park.

Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tür versuchte er seinen Muskel. Er

warf ihn auf. Sein Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein Fuß.

Er wurde kleinmütig, ging gesenkten Kopfes, setzte sich auf einen Stein.

Als er die Stelle untersuchte, war es eine Quetschung. Sein Auge hellte

auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkfluß. Zog nördlicher. Kam an

den Athalaskasee. Schuf die Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun würden

Tauschwaren in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt. Keine

Aufgabe weiter . . . Am Morgen erhob er sich, drang weiter vor. Unsinnige

Angst, daß das Alter nahe, daß er nicht mehr folgen könne, wenn sein Herz

ihn hineinstieß in das Sehnsüchtige, Dunkle. Er übertrieb seine Kraft, sich

selbst davon zu überzeugen. Er lag zwei Monate krank in einem Hüttenlager.

Gekräftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte durch verschneite

Prärieen am Hudson. Eingeborene wiesen ihn östlich, wo große Herden der

Pelztiere seien, Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut und

säulenhohen Hörnern sprängen. Aber sein Herz schlug: Nach Norden . . . Er

werde sterben. Es kümmerte ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das

Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem Zittern einen Pol.

Er kam an einen Fluß. Aus der Entfernung einer Meile kam sanftes Geräusch.

Er schlich sich an. Ein Graben deckte ihn.

Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie stützten sich auf breite

Schwänze, hatten die Vorderbeine an die Rinde gelegt. Mit weißen Zähnen

sägten sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den Spalten ihrer

Gänsefüße. An der Ecke saßen zwei andere, machten Gesten, schrieen; womit

sie andere warnten, über die Linie zu treten, in deren Radius der Baum wohl

fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine geordnete Kolonne, die Äste trugen.

Der Fluß war eine unmeßbare Wabe, aus der die Kegelhütten hervorstachen mit

den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel von Tieren, die am Damm bauten, so

weit er sah.

Auf dem Fluß schaukelten Rosaschatten, der Abend fiel langsam. Die

Dämmerung hüllte das friedhafte Summen der beständigen Arbeit in stumme

Seligkeit. Der Mond schwang darüber, es nahm kein Ende. Der Mond bewegte

sich in der Elegie des tätigen Konzertes, der Baum fiel, aber er stürzte,

als der brausende Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung schwoll.

In langen Kantilenen zernagten sie die Äste, bauten, schufen, langsam klang

die Nacht mit allem Geräusch in die beruhigende Kraft des Tieres.

Er machte eine Skizze, hielt den großen Biberplatz in der Hand, schlich

zurück, kroch in seinen Schlafsack, warf sich zwei Stunden herum. Dann

stand er auf. Zerriß den Plan. Hatte genug Vermögen. Langsam begann er zu

weinen. Etwas stieg auf, erhob ihn und durchdrang den Überschwang an

Dunklem, das seine Seele mit großen Trieben hinriß da und dort, aber immer

in einer Richtung, die sinnlos war vor unbewußter Sehnsucht. Das Gefühl

erfüllte ihn ganz bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der

Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine Schwingung, die er nie gepackt.

Hingerissen, zwischen den Schwüngen des rastlos Stoßenden, das ihn wegblies

wie gegen den Mond und zurückstieß gegen den Boden, den er baute . . ., in

einem unirdischen Ruhepunkt erlebte er die glücklichste Stunde seines

Lebens. Er rührte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse zwischen den

Wagen seines Herzens stand. Auch dies verließ ihn nie.

Mit hölzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der Flüsse südlich. Schon kam

Grün, Frühjahr wucherte aus verhaltenen Ästen. Vögel begannen

unwiderstehlich zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des Waldes.

Von einem Hügel sah er zum Strom. Tausende Habitants, Sklaven, die die

Maisfelder dunkel machten. Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald

gespannt. Eine Kette wie von ausgelaufenem Öl . . . die Schuppen, die den

Fluß gürteten. Schiffe schwankend zum Meer und zurück, Herden, die brüllend

aus den Weiden zum Wasser stampften . . . ein großes Tagewerk. Langsam

schritt er hinunter. Was blieb noch?

Er ließ die Äxte Jahre gegen den Urwald trommeln. Feuer qualmte am

Horizont. Menschen eroberten sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe. Er

verließ sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte sich langsam. Er

lehrte den Sohn, den Wolf auf die glühenden Augen schießen. Eine Erkältung

schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er stemmte sich etwas dagegen.

Dann lag er ruhig, als er sah, daß es nutzlos war. Er ließ das Bett

herumstellen. Sein Scheitel stand zum Fluß. Sein Auge sah in die

Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken getürmt alles sein Werk. Er hob

die Hand über die Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurückgewichen. Er

sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was blieb? Der Tod.

Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen und flogen blitzend.

Sein Herz begann zu schmerzen. Aber mit den Schmerzen löste sich der Bann

und die ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos überfiel es ihn

vor Angst des Todes. Das Quellende, Heiße, das was flatterte und sich

bäumte, hob sich innen gegen dies kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu

ihm. Allein lag er stöhnend, wünschend. Dazwischen fluchte er, kämpfte mit

aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band es sich um das Kinn und den Kopf,

daß er keinen Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und stöhnten:

»Jardins . . . du . . . palais . . . royal. -- -- --« Es war das Lied der

Hure.

Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh in sich selbst zusammen. Er

ließ den Sohn rufen. Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als

der letzte große Griff gegen das Herz ging, flüsterte er: »Der Biberplatz«.

»Ich verstehe dich nicht«, sagte der Sohn.

Die Achatnen Kugeln: Roman · 第 4 / 13 题