Der andere blickte einen Augenblick verwundert, das »Du« war

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Clara Viebig / Ausgewählte Werke

Clara Viebig

Ausgewählte Werke

Achter Band

[Illustration: Verlagssignet]

Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

Berlin und Leipzig

1922

Clara Viebig

Das Kreuz im Venn

Roman

[Illustration: Verlagssignet]

Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

Berlin und Leipzig

1922

*

Alle Rechte vorbehalten

Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart

I

In die Enge der Gassen war die Sonne noch nicht hinabgedrungen.

Oben auf der Ley, wo das Kapellchen beim Kirchhof steht und Tannen

ihre Wipfel über den Garten des Todes recken, glänzte sie schon;

hell beschien sie die geweihten Ruhestätten derer, die man hier

hinaufträgt in Frühlingsluft wie in Sommerglut, in Herbstschauern wie

in Winterschnee. Jeden einzelnen auf den Schultern. Denn tief unten

im Talspalt liegt die Stadt, neben den Fluß gequetscht, ein Haufe

altersgedunkelter Schieferdächer. Zwei schmale Längsstraßen nur hat

sie. Finster blickt der verfallene Wachtturm auf Kirche und Apotheke

am Markt nieder. Und von der anderen Seite am jenseitigen Berghang

schaut die alte Burg herunter auf die schieferigen, schlüpfrigen

Treppenplatten, die aus dem Märchen des Mittelalters hinabführen

in die enge Wirklichkeit: in den Alltag der Bürgerhäuser und der

klingenden Ladentürchen, der rauchenden Fabrikschlöte und der gellenden

Dampfpfeife; des murmelnden Betens der Lumpensortiererinnen und des

regelmäßigen Geplappers vieler nägelbeschlagener Schuhe auf spitzigem

Pflaster; des gemütlichen Schwatzens der Skatbrüder beim Schoppen, des

Weibergeträtsches und des Sporenklirrens der Herren vom Schießplatz,

die ihre freie Zeit benützen zu einer Flasche Sekt und einem guten

Diner bei der schönen Helene im »Weißen Schwan«.

Der Weiße Schwan war heute so wie immer der Sammelplatz. Vor seiner

verschnörkelten Barocktür, darüber der Schwan, künstlich aus

Kupferplättchen gehämmert, schon ein Jahrhundert sich schaukelt,

drängten sich die Herren. Alle in Zylindern und schwarzen Röcken; doch

auch einige Uniformen waren unter dem feierlichen Schwarz.

Der Wirt vom Schwan war gestorben, noch ein junger Mann, der einen

guten Wein und eine gute Küche geführt hatte.

»Armer Kerl,« sagte Adjutant von Scheffler, der eigens vom Platz

herunterbeordert worden war, das Offizierkorps zu vertreten. »War immer

höchst fidel und wußte sich doch dabei in den ihm zukommenden Grenzen

zu halten. Und engherzig in keiner Weise – nee, wahrhaftig nicht!« Er

lächelte flüchtig.

Der junge Leutnant Abeking lächelte auch. Die Augen halb schließend,

blinzelte er in den jetzt schnell in die Gasse niedersteigenden

Sonnenschein; er konnte das Lächeln nicht unterdrücken, das ihm kam,

wenn er der vorigen Sonntagnacht gedachte, in der die schöne Helene

bei einer fröhlichen Bowle ihm Blicke zugeworfen hatte – Blicke! Und

ihr Fuß hatte den seinen gesucht, und neben ihn war sie gerückt, hatte

sich gar nicht mehr um die andern gekümmert, hatte ihm zugetrunken und

ihr Knie an dem seinen gerieben! Noch jetzt fühlte er, wie der Strom

Leben, der von ihr ausging, ihm durch den Körper rieselte. Und der

dicke Wilhelm hatte sein behagliches Lachen dazu gelacht und listig

geblinzelt und noch an kein Arg gedacht. Daß der so schnell hatte

sterben müssen!

Ein plötzlicher Schauer überrann den jungen Offizier. Scheußlich, so

aus dem vollen Leben und von einem so famosen Weibe weg zu müssen!

»Am Suff ist er gestorben,« sagte jetzt plötzlich jemand ganz laut.

Das war der Tierarzt. Verschiedene lächelnde und auch einige unwillige

Gesichter wendeten sich dem kleinen, untersetzten, immer echauffiert

aussehenden Manne zu: natürlich, der Dreiborn konnte wieder seinen Mund

nicht halten! Aber diesmal hatte er recht!

Und nun wußte der Apotheker auch Näheres: Herz und Nieren waren längst

krank gewesen, der Doktor hatte ihm immer schon Wein und Bier verboten.

Aber beides im Keller, und dann nicht davon trinken dürfen! Der dicke

Wilhelm hatte eben weiter getrunken, bis ihn die Helene, als sie

vergangene Sonntagnacht, sehr spät – na, eigentlich war’s grauender

Montagmorgen – nach oben kam, röchelnd im Bett fand.

»Pardon,« der junge Leutnant trat näher, »hat jemand von den Herren sie

schon gesprochen? Ob sie sehr unglücklich ist?«

»Unglücklich?!« Der Tierarzt ließ ein Lachen vernehmen, so laut, daß

Abeking verletzt zusammenzuckte. Er sah sich verlegen um, aber heute

schien der Tierarzt keinen Anstoß zu erregen; überall gleichgültige,

wenn nicht heitere Mienen. Man unterhielt sich zwanglos. Nur als jetzt

der Landrat, vom Amt her, eilig über die Gasse schwenkte, zusammen mit

dem Bezirkskommandeur, legten sich die Gesichter in ernstere Falten.

Man grüßte.

Der Landrat dankte verbindlich. Aber es war eine gewisse Unsicherheit

in seinem Gruß; sein kluges, vornehmgeschnittenes Gesicht zeigte

einiges Unbehagen. Das war eine recht mißliche Geschichte, zu

diesem Leichenbegängnis zu gehen! Der Landrat hinter dem Sarg eines

notorischen Säufers! Aber die schöne Helene würde ihm sein Fernbleiben

nie verzeihen, und dann – er warf einen raschen Blick über die Gasse –

sie waren ja alle gekommen! Da waren der Kreisphysikus und der zweite

Arzt, der Bürgermeister, der Notar, der Amtsrichter, der Bauinspektor,

der Apotheker und so weiter – ah, sieh da, selbst Schmölder von der

Tuchfabrik! Und dann die Herren vom Militär.

Das gab ihm Sicherheit. Er richtete flüchtig ein paar Worte an

die Ärzte, an den Bürgermeister, den Notar, den Amtsrichter,

den Bauinspektor, den Apotheker und so weiter, um dann mit dem

Fabrikanten, dem reichsten Mann des Orts, ein paar Schritte zur Seite

zu treten. Sie unterhielten sich eine Weile halblaut, langsam dabei auf

und nieder gehend. Sie mußten lange warten.

»Jeht et denn noch nicht bald los?« fragte plötzlich laut der

Fabrikant. »Zum Donnerwetter, nu hab ich’t aber bald satt, hier zu

stehen!«

»St!«

In diesem Augenblick fingen die Glocken der Kirche dumpf an zu läuten;

es öffnete sich die verschnörkelte Barocktür. Beide Flügel wurden weit

aufgeschlagen, von innen drang ein Schluchzen heraus auf die Gasse. Die

Herren vor der Tür gaben den Durchgang frei. Wie sich die Helene hatte!

Hinter der Geistlichkeit, die mit Kreuz und Weihrauchduft die Stufen

des Schwans hinabschritt, schleppten die Träger den Sarg heraus. Er

war lang und breit, kaum konnte er durch die Tür; der Verstorbene

war groß und schwer bei Leibe gewesen. Die vier, die ihn trugen,

blickten schier bänglich: würden sie’s schaffen, bis die vier anderen

sie ablösen? Sie hoben den Sarg auf die Bahre, der Zug setzte sich

in Bewegung, Kinder mit Kränzen vorauf. Dicht hinter dem Sarg trug

der Deputierte des Schützenvereins das Kissen mit sämtlichen Preisen

und Ehrenzeichen; Wilhelm aus dem Schwan war, ehe noch seine Hand so

zitterte, ein berühmter Schütze gewesen, totsicher hatte er allemal

getroffen. Jetzt hatte der Tod ihn sicher getroffen. Die Witwe hatte

laut aufgeschluchzt, als der Deputierte des Schützenvereins ihr mit

diesen Worten, wohl gesetzt, seine Kondolation dargebracht hatte. –

»Gegrüßet seist du, Maria,

Gebenedeite unter den Weibern –«

»Heilige Maria, bitte für uns,

Jetzt und in der Stunde unseres Todes!«

* * * * *

Unablässig, sich immer wieder erneuernd, klang das murmelnde Beten.

Die Glocke dröhnte mächtig dazu, mit gemessenem, schwerem Anschlagen.

Vor einer langen Reihe schwarzgekleideter Frauen her wankte die Witwe.

Man konnte ihr Gesicht nicht sehen; sie hielt es verborgen hinter dem

schwarzgeränderten Taschentuch, das sie sich vor die Augen preßte, und

hinter dem dichten Kreppschleier, der, vorn und hinten, lang bis zum

Saum des schleppenden Kleides, niederfiel.

Sie schien wirklich aufrichtig betrübt! Der kleine Leutnant machte

einen langen Hals, aber er konnte nichts von ihr erblicken, als über

der Pelzboa ein Streifchen der Haut im Nacken, die trotz des schwarzen

Schleiers weiß schimmerte, und ein Weniges von dem blonden Haar, das

ein Strählchen der Morgensonne jetzt vergoldend küßte.

»Heilige Maria, bitte für uns,

Jetzt und in der Stunde unseres Todes!«

Die Chorknaben schwangen den Weihrauchkessel. Der Sonnenglast drückte

nieder, es war trotz früher Jahreszeit eine schwere Luft in der Gasse.

Der Weihrauchdunst konnte nicht höher steigen als bis zum ersten

Stockwerk der schieferbekleideten, hochgegiebelten Häuser, die in zwei

gepreßten Reihen sich so nahe gegenüberstehen, daß sie sich bis ins

Herz hineinsehen können.

An allen Scheiben Neugierige. Über Töpfe mit blühenden Zimmerblumen

weg reckten sich Mädchenköpfe aus geöffneten Fenstern. »Ha, ’ne

finge Liechezog, ’ne finge jruße!« Die Helene konnte sich wirklich

was einbilden; wer da alles mitging! Sie machten sich gegenseitig

aufmerksam auf den und jenen: »Jesses Maria un Jusep, nee, ooch der

Landrat!« Ein hübscher Herr und sehr vornehm, der von Mühlenbrink!

Ein schöner Mann! Beinahe so schön wie der von Scheffler mit dem

aufgedrehten Schnurrbart. Der kleine Leutnant konnte dagegen nicht an,

von den anderen gar nicht zu reden.

Als fühlte Landrat von Mühlenbrink alle auf ihn gerichteten Blicke,

so ging er, behutsam, mit kleinen Schritten. Er sah nicht auf. Es

genierte ihn doch etwas, hinter diesem Sarge herzugehen. Aber was tut

man nicht! Hier hieß es, mit den Wölfen heulen, und des war er sicher,

heute würde seine Popularität erheblich steigen. Auch hierdurch macht

man sich Stellung. Und er wollte sich Stellung machen, um jeden Preis.

Ein Landrat, der in seinem Kreise populär ist, ist wie ein König.

Und dieser Kreis war interessant genug, er stellte Anforderungen, er

brauchte eine ganze Kraft. Und war er denn nicht diese Kraft? Gewiß!

Sonst hätte man ihn doch nicht hierhergesetzt. Er war noch jung, es

war eine Auszeichnung – einen so großen Kreis! Es gab hier vieles zu

schaffen; vorerst galt es einmal mit dem alten Schlendrian aufzuräumen,

in diese teils kleinstädtische Enge, teils verdummte Bäuerischkeit

Licht und Luft zu bringen. Und dann –?! Er hob den Kopf. Wenn es erst

hieß: »das hat unser Landrat ins Leben gerufen, das haben wir dem zu

verdanken – unser Landrat, unser Landrat« – ah, was ließ sich auf

diesem so lange verabsäumten Boden nicht noch alles schaffen, ins Leben

rufen! Ein tiefer Atemzug wölbte seine Brust. Eine Fülle segensreicher

Einrichtungen! Unwillkürlich reckte er sich: nein, er vergab sich

nichts, hinter diesem Sarge herzuschreiten; das schaffte Vertrauen,

und Vertrauen muß sich einer erwerben, der wirken will! Sie gingen ja

auch alle mit – wahrhaftig, da hinten ja auch der Bürgermeister von

Heckenbroich!

Er hatte sich flüchtig umgesehen, ihm war, als ruhe ein langer, fester

Blick ihm im Rücken, und er hatte sofort den Mann bemerkt, der die

anderen, die vor und neben ihm schritten, um Haupteslänge überragte.

Den mußte er doch gleich nachher einmal abfassen! Der machte sich ja so

rar hier unten!

Der Zug, unter Gebet und Glockengeläut, war jetzt zur Stelle gelangt,

wo der Weg sich teilt. Rechts steigt das Gäßchen zum Kirchhof hinan,

links führt eine Straße zum Bahnhof hinauf. Hier, wo die Träger

wechseln, pflegen die abzuschwenken, die der Höflichkeitspflicht

Genüge getan haben; nur die nächsten Leidtragenden folgen in schmaler

Prozession, wie ein schwarzer Wurm unter den fast überhängenden letzten

ärmlichsten Häusern des Städtchens hinkriechend, der Leiche die

steile Felsstiege hinan. Schon drückte sich da einer und dort einer;

man pflegte das meist heimlich zu tun, wie unabsichtlich ein wenig

zurückbleibend, aber heute verstellte ein Trupp Männer die rettende

Ecke.

Sie standen da und gafften mit stumpfen Augen den Zug an. Fünfzehn

Männer in Drillichkitteln; einer wie der andere mit geschorenem Kopf.

Und bei ihnen, mit dem Falkenauge sie überwachend, ein schwarzer

Kerl, nicht vertrauenerweckender als sie; auch in einer ihren Kitteln

ähnelnden Drillichjacke, in Militärhosen und mit einem Karabiner über

dem Rücken. Das war der Aufseher, und das waren die Gefangenen.

Aha! Der Landrat kniff die Augen halb zu und trat dann rasch näher. Da

war ja der avisierte Kolonisationstrupp! Schon?! Er hatte die Leute

eigentlich etwas später erwartet. Aber auch gut so, das Wetter war ja

fast frühlingsmäßig, als ob es schon April wäre und nicht erst März.

Es konnte immerhin begonnen werden! Mit der Miene des Vorgesetzten

musterte er den Aufseher. Der Mann gab ruhig seinen Blick zurück.

Mühlenbrink räusperte sich. »Ich bin der Landrat! Wie heißen Sie?«

»Bräuer.«

»Sie kommen soeben mit dem Morgenzuge von Aachen?«

»Ich habe mich bei der Polizeibehörde zu melden.« Eine gewisse Unlust

knurrte in des schwarzen Mannes Stimme, man merkte es ihm an, er liebte

es nicht, ausgefragt zu werden.

»Ich bin die Behörde,« sagte der Landrat scharf. Er ärgerte sich über

die knappe Antwort dieses Menschen und winkte hochmütig ab: »Sie können

jetzt gehen. Ich werde mich bald davon überzeugen, wie die Sache

vorangeht!«

»Zu Befehl!« Des Schwarzen scharfes Auge, das hell war, graugrün, mit

einem dunklen Ring um den Augapfel wie bei einem Falken, flog über die

Drillichkittel; mit einem einzigen Blick umfaßte er sie alle. »Marsch!«

Die fünfzehn, ohne einen Moment des Besinnens, schulterten ihre Bündel,

die sie im Stehen hatten sinken lassen. Trapp, trapp. Hart klapperten

ihre groben Schuhe auf dem Steinpflaster.

Wie ein bissiger Hund, der seine Herde bewacht, bald nebenher, bald

hinterher, lief der Aufseher. Finster waren die Blicke, die er auf

neugierige Gaffer in der Straße schoß. Was blieben sie denn stehen und

glotzten ihn und seine Kerls an? Es lief mancher Halunke noch frei in

der Welt herum, der eigentlich hier zwischen die Drillichkittel gehörte!

»Voran, marsch!« sagte er noch einmal und schlug einen noch schärferen

Trab an. Gehorsam fiel seine Schar in den gleichen Tritt.

Der Landrat stand noch und besann sich, ob er den Mann nicht noch

einmal zurückrufen und ihm noch einige Instruktionen geben sollte, als

auch schon der Trupp um die Krümmung der Längsstraße verschwunden war.

»Stramme Kerls, was?« sagte der Platzkommandant und stellte sich neben

dem Landrat auf. »Und gedrillt wie Rekruten. Der Schwarze ist natürlich

Unteroffizier gewesen; merkt man gleich, noch gute militärische Zucht

drin!«

»Mag sein, aber ein sackgrober Kerl!« Es war etwas Gereiztes in

Mühlenbrinks Ton.

Der andere lachte. »Alle Unteroffiziere sind grob, müssen grob sein,

sonst sind sie nicht zu gebrauchen. Ich gehe jetzt zum Frühschoppen,

kommen Sie mit? Fatal, mit dem Schwan ist’s heute nichts, wir müssen

uns schon mit der Gans begnügen!« Der gemütliche Herr belachte seinen

Witz. »Sie sind ja heute so schlechter Laune, Mühlenbrink, was ist denn

los?«

»Geschäfte!« Der Landrat krauste die Stirn.

»Äh, was, Geschäfte! Adieu!« Der alte Major schwenkte hinüber in das

andere Gasthaus, dessen Wirt schon in der Türe stand und sich für

heute, da der Schwan geschlossen blieb, viel Zuspruch erhoffte.

Einer der Leidtragenden nach dem andern verschwand im Bierlokal. Nur

der, auf den Mühlenbrink, langsam die Gasse hinabschlendernd, wartete,

spazierte noch immer nicht in die Wirtshaustür. Wo steckte denn der

Bürgermeister von Heckenbroich? War er am Ende mit bis zum Kirchhof

hinaufgegangen?

Der Landrat war schon ein paarmal bis zum Gäßchen zurückgeschritten und

hatte ungeduldig den Weg emporgesehen, der, teils in Treppenstufen,

teils über schieferige Platten führend, zur Kirchhofsley ansteigt.

Ein paar Eidechschen schlüpften, vom stechenden Frühlingsschein

hervorgelockt, über die Gasse und verschwanden schwänzelnd in den

Spalten des bröckligen Mauerwerks, über das das Obergeschoß der

Häuschen weit vorspringt.

Mit rüstigem Schritt, den rauhhaarigen Zylinder in der Hand tragend,

kam jetzt der Bürgermeister von Heckenbroich die Gasse herunter. Man

sah es, er war mit bis oben gewesen, seine Stirn war feucht von Schweiß.

»Endlich! Na, wo stecken Sie denn so lange, lieber Herr Bürgermeister?«

Der Landrat schüttelte ihm die Hand.

»Ich hab dem Wilhelm noch die letzte Ehre erwiesen,« sagte ernst

Bartholomäus Leykuhlen.

»Eine halbe Stunde warte ich auf Sie. Sie machen sich ja so rar! Ich

wollte doch nicht versäumen, Ihnen einmal guten Tag zu sagen!«

»Zuviel Ehre für mich!« Der bäuerliche Mann wischte sich ruhig mit der

flachen Hand den Schweiß von der Stirn und setzte dann den altmodischen

Zylinder wieder auf. »Darf ich fragen, was der Herr Landrat von mir

wissen möcht?« Das frische Gesicht unter dem schon ergrauenden Haar

blieb ganz unbewegt. In den klaren Augen, die den andern frei ansahen,

konnte man nur eine gewisse erstaunte Frage bemerken, aber nichts von

der Ironie, die doch das mißtrauische Ohr aus dem Ton der Stimme zu

hören geneigt war.

»Ich – ich? Wissen?« Mühlenbrink lachte ein wenig nervös. »Nein, wissen

will ich garnichts von Ihnen. Aber wie steht’s denn eigentlich bei

Ihnen oben? Was denken Sie, wird es viel Futter geben, dies Jahr? Und

wie ist der Gesundheitszustand?«

»Sehen Sie, da wollen Sie ja als wat wissen!« Leykuhlen lachte

ungeniert. »Und wat viel auf einmal. Herr Landrat, dat weiß nur der

Himmel. Dat Frühjahr läßt sich trocken an, diesen Winter haben wir auch

ausnahmsweis wenig Schnee jehabt; wird wohl knapp mit Wasser werden

dies Jahr!«

»Aha, sehen Sie, lieber Freund! Sagte ich’s Ihnen nicht längst?

Wasserleitung müßten Sie anlegen!«

»Wat tut dat zur Sach! Wasserleitung – wat soll die wohl unserm

Jras nützen?! Ob wir viel Futter kriegen oder wenig, da ändert kein

Wasserleitung wat dran!«

»Aber für den Gesundheitszustand ist es doch höchst wichtig. Ich bitte

Sie, lieber Freund, diese veralteten Brunnen! Bauen, bauen, nicht so

rückständig sein! Eine Wasserleitung bauen, schleunigst!«

»Wir haben kein Jeld,« sagte trocken der Bürgermeister.

Der andere triumphierte. »Sie haben aber doch eine so große

Kirche gebaut – ein Dorf solche Kirche – schöner Unsinn! Für die

hundertfünfundsiebzigtausend Mark – oder wieviel war es doch gleich,

was die Gemeinde vom Militärfiskus für Abtretung des Weidelandes

bekommen hat? – na, eine anständige Summe jedenfalls. Die Gemeinde

konnte auf einen grünen Zweig kommen. Statt dessen – zu dumm, zu dumm!«

»Sie waren eben damals noch nit unser Landrat, Herr von Mühlenbrink,«

sagte Bartholomäus Leykuhlen mit einem Lächeln.

Der andere nahm das als Schmeichelei.

Ȇbrigens ist die Kirch nit von dem Jeld jebaut, Sie irren, Herr

Landrat! Dafür haben wir jespart, jespart, schon seit Jahrzehnten.

Aus freiwilligen Beiträgen ist sie erbaut. Et ist uns en Herzenssach

jewesen. Dat Jeld vom Militärfiskus haben wir noch!«

»Sie sind wirklich der einzig vernünftige Mensch hier,« sagte der

Landrat halblaut und legte vertraulich dem großen Mann seine Hand auf

den groben Tuchrockärmel. »Kommen Sie ein bißchen mit mir, wir trinken

ein Glas Wein bei mir zu Haus. Hier wird einem ja aus jedem Fenster

zugehört!«

»Ich danke, Herr Landrat!« Leykuhlen machte sich frei und lüftete den

Zylinder. »Aber ich bin heut zu sehr pressiert. Die beste Kuh will

kalben, da muß der Uehm[1] selber zu Haus sein. Empfehle mich!«

[1] Hauswirt.

Fort war er. Wie ein verdutzter Knabe sah der andere ihm nach.

Wieder ausgewichen! Eine Röte stieg ihm in die Stirn. Im Grunde ein

eingebildeter Patron – wenn man ihn nur nicht so nötig brauchte! Kein

Mensch hier, bei dem man sich bessere Informationen über Land und Leute

holen konnte. Und keiner, der soviel Einfluß hätte bei diesen Bauern.

Man mußte ihn für die Wasserleitung zu gewinnen suchen – diese war

durchaus nötig. Das Geld hatte die Gemeinde also doch noch nicht ganz

verplempert? – die Regierung würde zusteuern – es wäre wirklich ein

kolossaler Erfolg, könnte man die Wasserleitung durchsetzen! – – – –

Mit starken Schritten weit ausholend hatte Bartholomäus Leykuhlen das

Pflaster bald hinter sich. Gott sei Dank, da war er in der Au! Er

schüttelte sich und atmete tief auf. Noch einmal schaute er zurück, wie

etwas Unangenehmem glücklich entronnen.

Er schlug den Fußweg nach Heckenbroich ein. Zwischen gewaltigen Tannen,

an deren Ästen lange Bärte von Moos hängen, führt der steinige Pfad

jäh bergan, während die Fahrstraße noch unten im Tal bleibt, um erst

bei der Schmölderschen Fabrik in großen Kehren langsamer nach oben zu

steigen.

Unten im engen Tal in einem Felskessel eingepreßt blieb das Städtchen

zurück, mit seiner überragenden Burg, mit seinen Treppen und Treppchen,

seinen Winkeln und Gäßchen, mit seinen hoch an den Felsen hängenden,

auf Ziegenpfaden nur erreichbaren Gartenfleckchen, mit seiner ganzen

mittelalterlichen Aufeinandergebautheit, mit seinem düsteren Blau und

Grau von altersgedunkeltem Schiefer und verwittertem Felsgestein.

Der Landmann schüttelte den Kopf: wie man das nur schön finden konnte

und malerisch! Ihm konnte das gar nicht gefallen. Wenn es nicht des

Wilhelms wegen gewesen wäre, den er doch kannte, seit er als Junge

mit seinem Vater selig zur Kirmeß oben auf den Hof gekommen war, um

ein Stück Reiskuchen zu essen, – weiß Gott, er wäre heut nicht da

heruntergekrochen. An so einem lichten Tag erst recht nicht!

Der grauhaarige Mann fing an zu pfeifen wie ein Knabe. Wie warm

das schon war! Wunderschön! Der Himmel rein blau, ohne Wolken, wie

gefegt; und immer klarer der Sonnenschein, je weiter man von dem Neste

abkam. Leidiges Pflaster! Und was dem Mühlenbrink nun schon wieder

einfiel! Leykuhlens Stirn umwölkte sich. Fing der schon wieder an

zu tripelieren?! Gesundheitszustand – veraltete Brunnen – ja wohl!

Leykuhlen lachte auf und fing dann an, laut zu sprechen, als ging

noch einer neben ihm: »Wat de sich denkt! So dumm sind wir nit, unser

jut Jeld eso eraus zu schmeißen! Wasserleitung – ha, ha!« Er lachte

wieder. »De is wohl jeck! Unsere Brunnen sind jut; Wasser drin kalt

und klar. Un wenn et emal knapp is – no, Wasserleitungswasser würd

doch kein Bauer trinken, wer weiß, wat da für ’ne Dreck drin is!

Jesundheitszustand, Jesundheitszustand – jesund un krank, dat steht in

Jottes Hand. Dat verjißt der Herr Landrat!«

Der Bürgermeister von Heckenbroich blieb stehen und ließ seine Augen

mit Wohlgefallen schweifen. Wie schön war dieses Land, diese mißachtete

Eifel! Und auch gesund. Fünfzig Jahre stand er nun schon auf dieser

Erde, hatte die langen Winter und die noch längeren Regenzeiten

über sich hingehen lassen, hatte vom einsamen Hof, weit draußen am

Schieferbruch, wo er aufgewachsen war, täglich eine Stunde Marsch zur

Dorfschule gehabt und eine wieder zurück, sowohl im Sonnenbrand als

wenn der Westwind schnaufte; war tropfnaß geworden und wieder trocken,

und war doch alle Zeit gesund gewesen bis auf den heutigen Tag. Er

streckte den Arm aus, an dem die Muskeln kraftvoll schwollen, und

schlug sich dann auf die Brust. Das war ein Brustkasten! Noch einmal.

Der Arm hier konnte frei in der Schwebe an die hundert Pfund halten

ohne zu zittern – das Mariechen war ihm auch nicht zu schwer! Er freute

sich an der eigenen Kraft.

»Sie machen wohl Freiübungen?« sagte plötzlich eine Stimme.

Leykuhlen sah auf.

An der Wegseite, hinter einem großen Felsbrocken, den die Ley, deren

Nase schroff über die Tannenwipfel ragte, heruntergespuckt zu haben

schien, saß ein Mann. Dieser sprang jetzt lebhaft auf: »Tag, Leykuhlen!

Kennen Sie mich noch? Ich habe Sie schon von weitem erkannt!«

»Tag, Josef!« Leykuhlen streckte seine Hand hin. »Biste wieder hier?

Ich hatt et als jehört!«

Der andere blickte einen Augenblick verwundert, das »Du« war ihm

doch ungewohnt, nachdem man sich so viele Jahre nicht gesehen hatte.

Aber er fand sich in den Ton. »Bärtes«, sagte er herzlich, und ein

liebenswürdiges Lächeln verschönte sein Gesicht, »das ist wahrhaftig

nett von dir, daß du mich noch kennst. Mich haben nicht viele hier

gekannt – oder sie wollten mich nicht kennen.« Das letzte sagte er mit

einiger Verbissenheit. »Es ist eine verflucht schwere Situation, der

Vetter eines reichen Mannes zu sein und selber kein Geld zu haben!«

Er starrte zur Seite hinunter in das Tal, wo zwischen dem weißen Band

der Chaussee und dem Bach, der mit starkem Gefälle die Au durchströmt,

die Tuchfabrik aufragt. »Da hat der Heinrich nun mit seinem Kasten

das schöne Tal schimpfiert – der Banause! Sieh an, Bärtes, wie der

Schornstein sich frech gegen die Tannen reckt! Und der Rauch stinkt –

stinkt nach Lumpen, pfui!« Er spuckte aus. »Und nach Geld!«

Leykuhlen nickte. »Dat is wahr, zur Verschönerung trägt die Fabrick

jrad nit bei. Ich hab mich als oft jenug drüber jeärjert. De hätt

können drinnen im Nest bleiben. Aber mer darf doch nix sagen –« er

zuckte die Achseln – »so wat jibt Brot!«

»Brot, Brot – trauriges Brot das! Morgens um sieben anfangen, abends um

sieben aufhören – Lumpen, Gestank, erstickender Rauch – nicht mal Zeit

am Mittag, was Warmes essen zu gehen. Ich habe zugesehen von hier oben,

schon seit ein paar Tagen lungere ich hier herum – siehst du, Bärtes?

Jetzt, jetzt!« Aufgeregt ergriff er den andern beim Ärmel und zerrte

ihn bis dicht zum Rand.

Unten, gerade unter ihrem Standpunkt lag die Fabrik. Es hatte eben

Mittag geläutet. Die Türe des Saales hatte sich geöffnet, heraus

strömte ein ganzer Schwarm; ein Summen drang bis zu ihnen herauf.

»Siehst du, Bärtes, siehst du die Mädchen mit den roten Kattuntüchern

um die Köpfe?« Er wies mit unruhigem Finger hinab. »Da – eine, zweie,

dreie! Da sitzen sie nun auf den Lumpenballen, und mit denselben

Fingern, die eben noch Lumpen sortiert haben – fremde Lumpen, Gott weiß

woher, Lumpen, an denen die Pest sitzt, Tuberkulose, Krebs, was weiß

ich für scheußliche Krankheiten – mit diesen selben Fingern brechen nun

die armen Dinger ihr Brot. Ich habe zu Heinrich gesagt: ›du bist ein

Volksvergifter!‹ Da hat er mich ausgelacht: ›Volksbeglücker, willst du

sagen. Was sollten die Leute denn anfangen, wenn sie meine Fabrik nicht

hätten? Aus allen Ortschaften, drei Stunden weit, kommen die Mädchen

gerannt, sie reißen sich um den Verdienst. Laß sie sich doch waschen,

wenn ihnen meine Lumpen nicht rein genug sind, ein Brunnen steht im

Hof, und im Bach ist Wasser genug.‹ So spricht mein Vetter – was sagst

du dazu, Bärtes?!« Mit Dringlichkeit blickte der Aufgeregte dem andern

ins Gesicht.

»Ja,« – Leykuhlens heiteres Gesicht war ernst geworden – »dat is

freilich mit den Lumpen en schmierige Sach, un an et Waschen sind

die Leut nit so recht dran zu kriegen. Sie sind et eben gewöhnt, mit

Arbeitshänden ihr Brot zu essen. Dat macht auch nix, sie werden nit

jleich Pest und Cholera dervon kriegen. Und der Heinrich hat auch janz

recht, wenn der sagt, dat seine Fabrick Verdienst in die Dörfer bringt.

Un doch wär et besser, sie ständ nit da. Et is wahr, nit alle können zu

Haus bleiben, et sind Kinder und Alte jenug da, um et Vieh zu hüten.

Aber mögen die Jungens jehen, meinswegen, laß die in die Fabricken

zu Aachen, zu Düren und über die Jrenz nach Verviers jehen – um die

Mädchens, die in die Fabrick jehen, um die is et mir leid!«

»Die Schwindsucht rennen sie sich an den Hals,« rief der andere heftig.

»Sieh dir die Mädchen an, sehen die etwa stark aus? Spitznasig,

schmalwangig, engbrüstig. Nicht wie Landmädchen, deren Wangen leuchten

sollen wie rote Äpfel, deren Brüste das Mieder schwellen sollen, fest

und rund!«

»No, no!« lächelnd klopfte ihm Leykuhlen auf die Schulter. »Biste

noch immer der alte, Josef? Immer noch derselbe Haselebaues,[2] der

du in der Klass’ schon warst? Haben dich zwanzig Jahre noch nit klein

jekriegt? Wir haben aber doch hübsche Mädchens, wenn ich auch sagen

muß: Fabricksarbeit taugt ihnen nix. Wat sie da lernen, is keine jute

Sitt – un dat is dat Schlimmste!«

[2] Hitziger, fahriger Mensch.

»Sitte hin, Sitte her! Aber sind das Mädel, die kräftige Kinder gebären

können, die einem neuen Geschlecht das Leben geben sollen?«

»Oh, Kinder haben wir jenug im Dorf,« sagte trocken der Bürgermeister.

»Beruhig dich, Josef! Und nette Kinder. Besuch du uns bald emal,

da sollste wat zu sehen kriegen. In jedem Haus ihrer fünf, sechs –

mindestens. Da is der Jörres Huesgen, der Weber, de hat en janze Heck

voll. Acht Stück; un dat neunte is unterwegs!«

»Um Gottes willen!«

»No siehste! Die Eifel stirbt so bald noch nit aus! Und wat die

Mädchens anbelangt, so haben die fast all en Schatz und werden auch

schon –«

»Genug davon, Bärtes!« Josef Schmölder legte ihm hastig die Hand auf

den Mund. »Ich mag nichts mehr davon hören. Es beelendet mich. Überall

das gleiche. Und ich dachte, hier würde es anders sein – besser. Hier

auf dieser Höhe, der der Himmel so nahe ist!« Mit Schwärmerei im Blick

sah er sich um und breitete dann plötzlich beide Arme aus: »Mensch,

was hast du es so gut, hier oben immer gelebt zu haben! Wie schön, wie

unbeschreiblich schön!«

Sie waren im Gespräch weiter gegangen; nun hielten sie auf einer

Lichtung, deren trockene Heidegräser versilbert standen in einer Flut

von Licht. Kein Haus, kein höherer Berg hemmten hier die Aussicht. Wie

verklärt vom ersten Sonnenschein des jungen Jahres zeigte sich rundum

die Ferne, sie enthüllte sich schleierlos; und die Luft war leicht,

von jeder irdischen Schwere befreit, und durchsichtig klar, klarer

als das reinste Glas. Da lagen unendliche Züge einsamer Heide mit

schweigenden Tannenwäldern und tief einschneidenden Schluchten; im

Grunde der Schluchten flossen Bäche, man sah nicht bis zu ihnen hinab,

aber man sah den von der Sonne vergoldeten Duft, der von ihnen zu den

Schluchträndern aufstieg. Noch zeigten die Matten von Heckenbroich

nicht ihr saftiges Sommergrün, noch stieß der braune Rücken des Venns

schwer und tot gegen die Helle des Horizonts, aber doch regte sich

schon heimlich neues Leben in der Natur. Jene Wälder, deren Blau den

ganzen Winter kalt und stumpf die Wellenlinie des Hochlandes gesäumt

hatte, zeigten nun tieferes, wärmeres, ein besonntes Blau. Die

Weidenbüsche an den Moorlachen trugen weiche, grausilberige Kätzchen;

der Haselstrauch schüttelte lange, goldbepulverte Blütenräupchen.

»Et will lenzen!« sprach der Landmann froh.

Josef Schmölder seufzte. Er stand in sich gekehrt; das, was ihn eben

noch so entzückt hatte, schien ihm jetzt nicht mehr zu gefallen.

»Du has’ höck keene jute Dag,« sagte Leykuhlen teilnahmvoll. Ihn faßte

plötzlich ein Mitleiden, als er den andern betrachtete, der, vornüber

geneigt, mit grauem Gesicht und gegen den Wind hüstelnd, neben ihm

stand: arg mitgenommen sah der Josef aus, als ob er ebenso hoch in

die Fünfzig zählte, wie er noch in den Vierzig war! Aber was sie im

Städtchen über ihn klatschten, daß er sein Leben verlüdert, und daß er

dem reichen Vetter recht zum Possen heimgekehrt sei, nein, das glaubte

er nicht! Dem alten Kameraden, mit dem er ein paar Jahre unten in der

Lateinschule zusammen gesessen hatte, die Hand auf die Schulter legend,

sprach Leykuhlen herzlich: »Laß die Jrillen, Jung! Und wenn se dir

unten zu viel Fisematenten machen, dann kömmste erauf bei uns. Du bist

herzlich willkommen, Josef. Mariechen wird sich auch sehr freuen!«

»Danke, danke!« Josef Schmölder drückte Leykuhlen die Hand, aber kein

Lächeln der Freude erhellte sein abgespanntes, von vielen feinen

Kritzchen frauenhaft verfältetes Gesicht. »Du bist ein guter Kerl,

Bärtes! Aber ich glaube an Freundschaft nicht mehr. Du mußt mir das

nicht übel nehmen. Ich habe viel Freunde in meinem Leben gehabt –

wo sind sie?!« Er spitzte den Mund und blies in die Luft, wie man

ein Stäubchen fortbläst. »Es mag an mir liegen. Ich tauge eben zu

nichts. Ich kann mich nicht in den Alltag schicken. Ich möchte alles

anders haben, als es ist, besser, schöner – nenn es Egoismus, nenn es

Menschenliebe, wie du willst. Ich weiß es selber nicht. Jedenfalls

gefällt es mir nicht auf der Welt. Ich habe mich da und dort versucht.

Erst war ich in London, dann in New York, sollte Propaganda machen für

Schmölder und Kompagnie – damals lebte der Alte noch, und Heinrich war

Kompagnon – ich konnte den Leuten nicht das Lumpentuch anschmieren.

Tuch aus Lumpen gemacht! Haha! ’s ist nichts wert – ich glaube, das

habe ich gesagt!«

Leykuhlen sah ihn ganz verdutzt an. »Aber, Josef, sie machen doch jar

kein Hehl draus, dat sie Lumpen zur Fabrikation verwenden! Ihre Tuche

sind eben drum billiger. Und manchem tun sie et doch auch.«

»Lug und Trug, darin wie in allem!« Heftig stampfte Josef Schmölder

mit dem Fuß auf. »Ich tauge nicht zum Kaufmann. Das haben sie auch

eingesehen. Gelernt hab ich nichts anderes, Talente hab ich auch weiter

nicht, meine Gesundheit ist zum Teufel, nervös bin ich, ha, so nervös«

– er faßte sich an den Kopf mit beiden Händen und hielt ihn sich –

»Geld habe ich keins, nie habe ich was in der Tasche halten können,

die Finger haben mich gejuckt, bis es raus war – rausgeschmissen, wenn

du willst – nun bin ich untergekrochen. Nun esse ich das Gnadenbrot.«

Er lachte bitter auf. »Wenig stolz, wirst du sagen! Hast recht, ich

bin ein Lump, ein Feigling, ein – ein« – er suchte noch nach einem

stärkeren Ausdruck, fand ihn aber nicht und sagte dann kleinlaut: »ein

gänzlich reduzierter Mensch!«

Leykuhlen stand betroffen: also, es war doch wahr, was sie unten

sagten? Verjuxt hat der Josef alles, und nun war er heimgekommen. Schön

war das weiter nicht und dem Heinrich Schmölder nicht zu verdenken, daß

er ein schiefes Gesicht zog. Aber schlecht war der Josef nicht, nein,

wahrhaftig nicht! Er hatte Herz; er hatte nur keine Willenskraft! Und

sich selber in seiner ganzen bäuerischen Kraft reckend und die breite

Brust frei gegen den hier oben stärker wehenden Wind kehrend, schrie

er laut: »Jung, du machst dich viel schlechter als du bist! Du bist

keine Lump und auch keine Feigling, dir fehlt nur dat, wat uns stark

macht und frei und aufrecht – zu zufriedenen Leut! Und du hast auch

kein rechtes Zuhaus. Siehste, ich sag et ja immer: am jlücklichsten

die, die derheim bleiben können. En eigen Haus, en eigen Stück Land –

un sei et noch so jering – dat jibt ’ne Stolz: hier steh ich auf meinem

Jrund; nur Jott über mir!« Er hatte sich in Feuer geredet. Es war

etwas Leidenschaftliches über den ruhigen Mann gekommen; man sah es an

seinen Augen, ihr Graublau war dunkler geworden, und es sprühte darin.

»Weißte, Josef,« – er schlug dem Jugendfreund mit einem so kräftigen

Schlag auf die Schulter, daß diesem fast die Kniee einknickten –

»besuch mich nächsten Sonntag. Da hab ich Zeit. Da wollen wir weiter

über die Sach reden. Et interessiert mich, wat du derjegen zu sagen

hast!«

»Ich habe ja gar nichts dagegen zu sagen!« Plötzlich erheitert, lachte

der andere fast. Aber sein Gesicht verdüsterte sich rasch wieder. »Es

ist eben nicht jedem vergönnt, auf eigener Scholle zu sitzen. Man

möchte hadern gegen den Gott – wenn es einen gibt – der die Lose so

ungleich verteilt hat.«

»Nu hör aber auf!« Der Bürgermeister wurde grob. »Wenn du mit

Philosophieren anfängst, dann haste verspielt. Da kömmt nix bei eraus.

Du bist wohl rein jeck? ›Wenn et ’ne Jott jibt‹ – da schlag doch en

Donnerwetter drein, jewiß jibt et ’ne Jott, wenn wir uns ihn auch nit

eso vorstellen können, wie die Kinder sich ihn denken, mit ’m langen

weißen Bart auf ’nem joldnen Stuhl. Jott ist über uns, er sieht uns und

kehrt bei uns ein im heiligen Sakrament. =Den= Jlauben soll mir keiner

nehmen, nee!«

»Du Glücklicher!« Josef Schmölder lächelte trüb, und dann streckte er

dem Jugendfreund die Hand hin: »Adjüs, Bärtes! Ich komme dich besuchen.

Grüß deine Frau – und nichts für ungut!«

Sie schüttelten sich die Hände; lange genug hatten sie hier oben auf

zugiger Höhe gestanden, der noch nicht an die starke Luft Gewöhnte

fühlte, wie der Wind ihm erkältend alle Knochen durchblies. Sie wollten

sich eben trennen, als sie von einem Mädchen gestreift wurden. Eiligen

Schritts, fast im Lauf, stürmte die junge Person den Fußpfad herauf.

»No, Bäreb,« sagte Leykuhlen, »wo köst du dann här? Jehst du dann net

mieh no’r Fabrick?«

Die schwarzen Augen blickten nur rasch von der Seite. »Dag zusammen,«

sagte das Mädchen atemlos.

»Wat löfst du dann esu der Berg erop?« Der Bürgermeister hielt sie auf.

»Willste dir de Lung us ’m Hals renne?«

Das Mädchen schien das für einen Witz zu nehmen, es kicherte in sich

hinein; aber dann machte es sich, ernst werdend, rasch wieder frei:

»Loßt mich jonn, Hähr! Mi Motter es arg krank, seit diese Morje. Do

konnt ich nit no’r Fabrick jonn. Mir hant de Frau jehollt, do saat di:

hollt der Dokter. Do bin ich geloofe, han en äwer nit ajetroffe, de wor

no’m Begräfniß vom Hähr aus ’m Schwan, un dann bei der Witfrau, der war

et kollig[3]. Do bin ich no’m angere jejange, de wor beim Fröhschoppe,

äwer de wellt nu diese Vormittag komme!«

[3] Unwohl.

»Wie is et dann mit der Motter, Bäreb? Es et Köngd als do?«

»Jo, ’ne düchtige Jong, Hähr Burjermeester,« sagte das Mädchen mit

Stolz. »Äwer mi Motter es siehr schwaach. Se liegt janz still un säät

nühst.«

»Wer es dann bei ihr?«

»De Tünnes on et Drückche, de Jilles on de Dores; de angeren sin no’r

Scholl.«

»Biste jeck?« Ganz wütend fuhr Leykuhlen das Mädchen an. »Läuft dat

fort und läßt die kranke Frau mit den kleinen Kindern janz allein

liegen!«

Das Mädchen brach in Tränen aus. »Wat soll ich dan maache?! Mi Vatter

es in Aoche, de könt net bis Samstig Aowend. Oß Doresche krog jester

de Krämp, doröwer hat de Motter sich esu erfirrt[4] se hätt jut drinn

bliewe könne, hat de Frau gesaat!«

[4] Erschreckt.

»Dat es en Öwerläg!«[5] Der Bürgermeister wischte sich über die Stirn.

»Loof ens flott, Bäreb, loof! Loof bi ming Frau, se soll jleich mit

dich jonn; un aus dem Keller soll se de Flasch Champagner holln –

Champagnerwein, Bäreb, verstehste mich – davon jebt der Motter alle

halw Stund ’ne Löffel ein. Ich hollen der Doktor!«

[5] Bedenkliche Sache.

»Laß mich ihn holen! Geh du mit dem Mädchen; das ist besser!« Rasch

entschlossen hielt Schmölder den Freund zurück. »Ich möchte auch was

tun – helfen! Ich bitte dich, geh mit ihr. In zwanzig Minuten bin ich

schon unten – oh, ich kann rennen – adieu – ich schicke ihn sofort

herauf!«

Er wartete gar keine Entgegnung mehr ab. Er hörte kaum mehr, daß der

andere hinter ihm drein schrie: »Huesgen, Weber Huesgen, am grünen

Klee!« In elastischen Sprüngen, plötzlich jünger geworden, setzte Josef

den steilen Pfad hinunter. Loses Geröll prasselte hinter ihm drein.

II

Es hatte lenzen wollen, zu früh in diesem Jahr. Nun kam der Schnee

noch nach. Kein tiefer, fester Winterschnee, der unter den Tritten

knarrt und die breiten Äste der Tannen belastet mit glitzernder Pracht,

der für Wochen und Wochen Heide und Weide in flaumweiche schützende

Decken einwickelt und erst schmilzt, wenn wahrhaftiger Frühling kommt

und die Schneelasten zu tauenden, befruchtenden Quellen wandelt, die

die Bäche füllen, die Brunnen versorgen, jede Graswurzel tränken.

Flüchtig weilende Flocken wirbelten dahin, aber sie näßten, erkälteten,

durchschauerten bis ins Mark. Atemberaubend fauchte der Wind in Stößen,

zerrte an den Kleidern, raffte Schnee zusammen und warf ihn wütend

denen ins Gesicht, die sich ihm entgegen zu stemmen wagten.

Hinter seinen hohen Hainbuchenhecken, die sich giebelhoch, mit

mauerfestem Astgefüge schützend vor jedes Haus im Dorf stellen, duckte

sich Heckenbroich. Aber weiter hinauf oben auf dem Vennbuckel gabs

keine schützenden Hecken mehr. Überhaupt keinen Schutz. Einem Ungeheuer

gleich, gierig, zischend, pfeifend, schnaufend, bellend, brüllend tobte

der Nordweststurm. Gewaltige Wolkengebilde rollten ihre schweren

Leiber übers raschelnde Kraut. Keine Ahnung von Himmelsblau, kein

Durchblick in die Ferne; alles grau, erloschen, verhangen, stumpf, tot.

Und trostlos.

Und doch bauten sie. Die fünfzehn unter Simon Bräuer. Wie aus Stein

stand der schwarze Kerl, die Beine breit gesetzt, den Kopf steil

aufrecht; der Wind tat ihm nichts, er zwinkerte nicht einmal, wenn

ihm eine Ladung Schnee wie nasser Sand gegen die Augen flog und sich

ihm an die Wimpern klebte. Mit dem Auge des Raubvogels, dem runden,

weitsichtigen, stoßsicheren, beäugte er seine Leute. Und sein Ton

war hart, wenn er kommandierte. Pah, so ein bißchen Windrumoren und

Nebelspreuen, was machte das? Es konnte hier noch ganz anders blasen.

Er kannte das. Nicht umsonst hatte er als verwaister Junge hier oben

den Bauern das Vieh gehütet und Beeren zwischen den Mooren gesammelt

und später Torf gestochen und aufgesetzt und, knöcheltief im Wasser

stehend, das Vennheu gemäht. Hier war er herumgestoßen worden von einem

zum andern, hier hatte er gefroren und oft auch gehungert, und doch,

und obgleich es ihm beim Militär so gut gegangen war – satt Essen und

Trinken, warme Montur, freie Wohnung in den Kasematten in Köln, nie

Arrest – er hatte sich doch immer hierher zurückgesehnt. Hier war seine

Heimat.

Simon Bräuer, dem langgedienten Unteroffizier, der dann Aufseher

zu Siegburg gewesen war, hatte man es gern bewilligt, als Pionier

voranzugehen; es hatten sich ohnehin nicht viele gemeldet zur

Kolonisation oben im Venn. Er hatte sich dazu gedrängt. Seine Frau

hatte zwar geweint, seine Kinder sich an ihn gehängt – nein, dahin

wollten sie nicht mit ihm gehen – aber er hatte kurz gesprochen: »Ich

geh!« Wenn die Geschichte hier oben erst ordentlich im Gang war, zum

Sommer vielleicht, dann sollten sie nachkommen.

Und nun atmete Simon Bräuer wieder Vennluft. Die Nasenflügel gebläht,

die unter dem Schnauzbart sonst so fest aufeinandergesetzten Lippen

halb geöffnet, schlürfte er den feuchten Schneedunst ein. Das tat ihm

gut. Er hatte nicht einmal den dicken Uniformrock angetan, er ging im

Leinenkittel; ihm war warm. Was froren denn die Kerle, warum klapperten

sie mit den Zähnen?! Er fuhr sie an: hier wurde nicht geschnattert, wie

alte Weiber tun, und auch nicht gehustet. Hier wurde frisch drauf los

geschafft, nicht in die Hände gepustet und mit den Füßen gestampft! Er

lachte.

»Frieren dir die Poten ab?« sagte er zu einem jungen Menschen, der,

blau vor Kälte, in seinen Holzschuhen schlotterte. »Wenn du arbeitest,

frierste nit – voran!«

Einen bösen Blick unter gesenkten Lidern herauf schoß der Sträfling,

nur einen einzigen, Sekunden dauernden, kurzen Blick, aber der Aufseher

schrie ihn an: »Hier wird nit jemuckst!«

Nein, sie hätten ja auch kein Wort gewagt. Mit gesenkten Köpfen, wie

eine Herde, betäubt von Unwetter mit Blitz und Donnerschlag, so duckten

sie stumm unter. Vor ihnen lag das Venn, ohne Schranken, frei und

offen; sie hatten zwei Beine, Füße zum Laufen, wer wollte sie hindern,

davonzurennen, dahinzuschießen wie ein Pfeil, vom straffen Bogen

geschnellt? Dieser einzelne Mann doch wohl nicht?! Und doch rannte

keiner. Sie waren wie geschlagen, wie gelähmt.

Nun arbeiteten sie schon ein paar Wochen hier; vom ersten Tagesstrahl

an bis in den sinkenden Abend, bis die Nebel so dicht übers Venn

krochen, daß sie wie in Wolken standen, daß keiner zehn Schritt

weit den andern sehen konnte. Es war jetzt über sie selber eine

Hast gekommen, war es doch ein zu schlechtes Kampieren in dem

alten Torfschuppen, der an der Chaussee steht, die das Venn quer

durchschneidet.

Dort schloß der Aufseher sie des Nachts ein; er selber schlief im

nächsten Haus des Dorfes und machte nur dann und wann unvermutet einmal

die Runde. Er hätte auch das nicht nötig gehabt. So oft er aufschloß

und mit der Laterne die fernsten Winkel der Strohhütte beleuchtete, sie

waren alle da, und keiner von ihnen rührte sich.

Man hatte die kräftigsten unter den Gefangenen zu der Arbeit im Venn

ausgesucht. Es hatten sich auch viele unter ihnen dazu gemeldet,

mancher mochte wohl gedacht haben: da oben kannst du gut weg.

Jetzt aber lagen sie hier ganz gleichgültig, wie Hunde in sich

zusammengekrochen, und was sie sich auch gedacht und erwartet haben

mochten von der größeren Freiheit, jetzt hatten sie nur das eine

Verlangen: schlafen, schlafen. Sie waren totmüde und eiskalt. –

Ein Stück Land war schon gerodet und planiert, man hatte Strünke und

Heidegestrüpp abgebrannt und einen Zaun darum aufgeführt, roh aus

Fichtenstangen zusammengeschlagen. Nun erhob sich in halber Manneshöhe

bereits der Bau.

Die Dörfler hatten etwas zu bereden und zu besehen auch; sie standen

von weitem halb neugierig, halb scheu. Man hatte den Frauen und Kindern

verboten, nahe heran zu gehen – rumorten nicht jene Gestalten da wie

die bösen Geister des Venns, den Sümpfen entstiegen?! Mit unheimlichem

Druck lastete diese Nachbarschaft auf Heckenbroich.

Der Bürgermeister bekam in der nächsten Gemeinderatssitzung etwas

anzuhören: wofür war er denn Bürgermeister und hatte das Wohl der

Gemeinde zu vertreten, wenn er so was zustande kommen ließ? Nicht

sicher war man jetzt mehr im eigenen Haus, man mußte zuschließen. Und

wie sollte das erst werden, wenn die Beeren reiften im Herbst? Konnte

man dann noch Frauen und Kinder sammeln schicken auf das Venn, wo die

Verbrecher, die Halunken – Mörder wohl gar – sich herumtrieben?! Lange

Jahre hatte man in Frieden im Dorfe gelebt, nun hatte man zu einer Hand

das Lager – schlimm genug, daß die Soldaten den Mädchen nachpfiffen und

daß man sich fürchten mußte auf dem eigenen Acker, wenn Scharfschießen

war – aber schlimmer noch war das Haus, das sie einem da im Rücken

bauten. Das würde man sich nicht gefallen lassen! Hundert Jahre und

darüber hatte das Venn dem Bauer gehört, er hatte sich dort Holz

gehauen, wenn’s ihm beliebte – ganze Tannen waren verschwunden in den

Öfen von Heckenbroich – Torf hatte man sich gestochen und Streu geholt,

wenn’s Stroh knapp war, und nun kam auf einmal die Regierung, die sich

sonst einen Dreck um das Venn gekümmert hatte, und legte die Hand

darauf und setzte einem Gesindel her, vor dem man sich grausen mußte.

Steine sollte man den Kerlen nachwerfen, wenn sie Sonntags durchs Dorf

zur Kirche getrieben wurden – mochten sie beten, wo sie wollten, nicht

hier!

Der Bürgermeister hatte viel zu beschwichtigen. War es etwa seine

Schuld, daß man ihnen die Strafkolonie so auf den Hals gerückt

hatte?! Da hätte man sich eben selber daran machen müssen, das Venn

anzubauen. Ganz verschließen konnte man sich da der Einsicht nicht,

daß die Neu-Anforstungen, gegen die man auch erst sich so mächtig

gewehrt hatte, jetzt schon das Klima verbessert hatten, dem Wild Schutz

gewährten und dem Wanderer, der ohne diese Schonungen sich ganz und

gar verloren haben würde, wenigstens in etwas die Richtung angaben?!

Diese weiten, öden Strecken von Sumpf und Heide – verlorenes Land –

konnten sie der nächsten Generation nicht schon vielleicht Wiesen und

Kartoffel- und Roggenäcker bieten?!

Bürgermeister Leykuhlen machte viele Worte, aber er überzeugte nicht.

Es gab ein dröhnendes Gelächter im Gemeinderat.

»Dat sinn woll ooch eso ’n neumodsche Ideen, Hähr Burjermeester? Für

eso jet sin mir net zo han. Ihr sedd im Jrongd jo ooch net dofür!«

sagte der Bauer Balthasar Adams vom Hof am grünen Klee, einer der

gewichtigsten von Heckenbroich und der höchste Steuerzahler. Er wurde

ganz energisch: »Nee, mir bliewe beim Alde. Mir trecke oß Vieh, mir

mähe oß Jras, un wann mer zo wennig han, dann welle mir oß Venn behalde

för oß uszehelfe. Oß Äldere woren domit zofredde, oß Jrußäldere ooch –

nu hammer als die Iserbahn, dat is mieh wie jenug!«

Wahrhaftig, da hatte der Adams ganz recht! Es war gar kein Glück,

wenn immer alles anders wurde, als es früher gewesen war. Wenn die

Regierung helfen wollte, sollte sie lieber dem armen Mann ein Sümmchen

vorstrecken, bar, gegen geringe Zinsen oder gegen gar keine, daß er

sich noch eine Kuh zukaufen und sein Anwesen ausbauen konnte. Und in

Futtermangelzeiten sollte sie Heu liefern und der Gemeinde überhaupt

von den Steuerlasten abhelfen. =So= war der Eifel gedient. Dann würde

bald nicht mehr geschrieen werden: »Arme Eifel!«

Das Kreuz im Venn · 第 1 / 27 段