ich euch schon alle gestern Abend darauf, denn es giebt einen eignen
Pfeifenzug im Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an einem
starken Raucher unmöglich verkennen läßt; deshalb war ich schon gestern
über eure Physiognomien beruhigt. Mir scheint die neuste schlimmste Zeit
erst mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein, und ich kann
selbst auf den gepriesenen Compaß böse sein, der uns nach Amerika
führte, um dies Unkraut mit manchen andern Leiden zu uns herüber zu
holen.
Wie einige Züge im Gesicht durch die Pfeife entstehn, sagte Lothar, so
werden die feinsten des Witzes und gutmüthigen Spottes, so wie die
Grazie der Lippen durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet.
Ich ließe noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst, so hielt sich einer
meiner Freunde eine von Thon, um sie in der gemüthlichsten Stimmung
zuweilen in den Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune zu
sprechen; aber der böse, beizende, übel riechende Rauch macht das Ding
fatal. Ich lernte einmal einen Mann kennen, der mir sehr interessant
war, und der sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien; wir
sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genießen zu können,
zog er mich in sein Zimmer, ließ sich aber beigehn, zu größerer
Vertraulichkeit seine Pfeife anzuzünden, und von diesem Augenblick
konnte ich weder recht hören und begreifen, was er vortrug, noch weniger
aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben, oder nur etwas
anders als Flüche auf den Rauch in meinem Herzen zu denken, -- »nicht
laute, aber tiefe« -- wie Macbeth sagt.
Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhr er fort, ist es mir
einmal noch schlimmer ergangen, er hatte mich hingerissen und gerührt;
bei einer kleinen Ruhestelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm
und Stein, schlug mit Virtuosität schnell Feuer, und versicherte mich
nachher in abgebrochenen rauchenden Pausen seiner Verzweiflung. Ich
mußte lachen, und nur zum Glück daß mich der Rauch in ein starkes Husten
brachte, sonst hätt' ich dem guten Menschen als ein unnatürlicher Barbar
erscheinen müssen.
Es läßt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie thun, ich kenne
wenigstens einen großen Philosophen, dem in seiner Liebenswürdigkeit
auch dies edel steht. Mit dem Caffee wird nach der Mahlzeit eine lange
Pfeife gebracht, die der Bediente anzündet, es geschehn ruhig und ohne
alle Leidenschaft einige Züge, und eh man noch die Unbequemlichkeit
bemerkt, ist die Sache schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind
freilich die kurzen, am Munde schwebenden Instrumente, die jede Bewegung
mit machen müssen und sich jeder Thätigkeit fügen, die den ganzen Tag
die Lippen pressen und selbst die Sprache verändern.
Mir ist es nicht unwahrscheinlich, sagte Anton, daß diese Gewohnheit,
die so überhand genommen, die Menschen passiver, träger und unwitziger
gemacht hat. Wir sollen keinen Genuß haben, der uns unaufhörlich
begleitet, der etwas Stetiges wird, er ist nur erlaubt und edel durch
das Vorübergehende. Darum verachten wir den Säufer, ob wir alle gleich
gern Wein trinken, und der Näscher ist lächerlich, der seine Zunge durch
ununterbrochenes Kosten ermüdet; vom Raucher denkt man billiger, weil es
eben Gewohnheit geworden ist, die man nicht mehr beurtheilt, doch
begreif' ich es wenigstens nicht, wie selbst Frauen jezt an vielen Orten
dagegen tolerant werden.
Könnt ihr euch, sagte Lothar, einen rauchenden Apostel denken?
Eben so wenig, sagte Ernst, als den adlichen Tristan mit der Pfeife,
oder den hochstrebenden Don Quixote.
Dem Sancho aber, sagte Lothar, fehlt sie beinah; hätten manche
umarbeitende Uebersetzer mehr Genie gehabt, so hätten sie diese lieber
hinzu fügen, als so manche Schönheit weglassen dürfen.
Vielleicht ist dieses Bedürfniß, fiel Friedrich ein, ein Surrogat für so
manches verlorne Bedürfniß des öffentlichen Lebens, der Galanterie der
Gesellschaft, der Freiheit und der Feste. Vielleicht soll sich zu Zeiten
der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl möglich, daß er jenen
alten verrufenen blauen Dunst für ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß
Taback, auch philosophische Phrasen, Systeme, und manches andre wird
heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit
unleidlichem Geruch.
Nicht so melankolisch, sagte Theodor, laßt uns diese tiefsinnige
Betrachtung wenden, denn am Ende kömmt doch in keiner Tugend der ganze
Mensch so rein zum Vorschein, als in den Thorheiten. Die Berge rauchen
oft und die Thäler sind voll Nebel, viele Gegenden verlieren ihn oft in
Monaten nicht, die See dampft, und so laßt denn unserm guten Zeitalter
auch seinen Dampf. Nur wir wollen unsrer Sitte treu bleiben. Besorgt bin
ich aber für Manfred, daß er sich diesen Zustand als Appendix der Ehe
möchte angewöhnt haben, um seine weisen Lehrsprüche aus dampfendem
Munde, wie Orakel aus rauchenden Höhlen, verehrlicher zu machen, und ich
gestehe überhaupt, daß ich mich ihm nur mit einer gewissen heimlichen
Furcht wieder nähern kann.
Du bist ohne Noth besorgt, sagte Lothar. Seit lange kenne ich unsern
Freund in seinem häuslichen Zustande, und ich habe nicht bemerken
können, daß er seinen jugendlichen Frohsinn und seine muthwillige Laune
gegen jene altkluge Hausväterlichkeit vertauscht habe, im Gegentheil,
kann er oft so ausgelassen sein, daß die Schwiegermutter im Hause so
wenig lästig oder überflüssig ist, daß sie vielmehr zuweilen als
kühlende und besonnene Vernunft zum allgemeinen Besten hervortreten muß.
Wenn alles übrige, sagte Theodor, auf denselben Fuß eingerichtet ist, so
ist seine Haushaltung die vollkommenste in der Welt.
Noch mehr, fuhr Lothar fort, diese Frau ist noch anmuthig und reizend,
und man glaubt es kaum, daß sie zwei erwachsene Töchter haben könne. Sie
hat selbst einige annehmlich scheinende Parthien ausgeschlagen, und
Männer haben sich um sie beworben, die an Jahren weit jünger sind.
Wenn die Mutter schon so gefährlich ist, sagte Theodor, so muß der
Umgang mit den Töchtern gar herz- und halsbrechend sein.
Die Gattin unsers Manfred, erzählte Lothar weiter, ist sehr still und
sanft, von zartem Gemüth und rührend schöner Gestalt, er hat noch das
Betragen des Liebhabers, und sie das blöde geschämige Wesen einer
Jungfrau; ihre jüngere Schwester Clara ist der Muthwille und die
Heiterkeit selbst, launig, witzig, und fast immer lachend, im
beständigen kleinen Kriege mit Manfred; man sollte glauben, wenn man sie
beisammen sieht, er hätte diese lieben müssen, und die ältere, ihm so
ungleiche Schwester, hätte ihn nicht rühren können. Allein die Liebe
fordert vielleicht eine gewisse Verschiedenheit des Wesens und des
Charakters.
Ich komme darauf zurück, sagte Ernst, daß wir immer noch nicht wissen
können, wie viel in Manfred angewöhnte Manier ist, und wie viel Natur;
ich habe oft bemerkt, daß er ernst, ja traurig war, wenn die Umgebung
ihn für ausschweifend lustig hielt. Er hat es von je gescheut, seine
innersten Gefühle kund zu thun, und so wirft er sich oft gewaltthätig in
eine Laune, die ihn quälen kann, indem sie andre ergötzt.
Wie wird es aber, fragte Theodor weiter, mit den Kindern gehalten?
Wahrscheinlich hat sich doch auch zu ihm die neumodische und weichliche
Erziehung erstreckt, jene allerliebste Confusion, die jeden
Gegenwärtigen im ununterbrochenen Schwindel erhält, indem die
Kinderstube allenthalben, im Gesellschaftszimmer, im Garten und in jedem
Winkel des Hauses ist, und kein Gespräch und keine Ruhe zuläßt, sondern
nur ewiges Geschrei und Erziehen sich hervor thut, eine unsterbliche
Zerstreutheit im scheinbaren Achtgeben; jenes Chaos der meisten
Haushaltungen, das mir so erschrecklich dünkt, daß ich die neuen
Pädagogen, die es veranlaßt haben, und jene Entdecker der Mütterlichkeit
gern als Verdammte in einen eignen Kreis der Danteschen Hölle hinein
gedichtet hätte, der nur eine solche neuerfundene allgegenwärtige
Kinderstube mit all ihrem Wirwarr und Schariwari moderner Elternliebe
darzustellen brauchte, um sie als einen nicht unwürdigen Beitrag jener
furchtbaren Zirkel anzuschließen.
Auch von dieser neuen, fast allgemein verbreiteten Krankheit, erzählte
Lothar, findest du in seinem Hause nichts: seine junge Gattin ist eine
wahre Mutter, fast so, wie es unsre Mütter noch waren; sie liebt ihre
beiden Kinder über alles, und hat eben darum eine Art von Schaam, in
Gesellschaft die Mutter zu spielen, und die Kinder wie Dekorationen an
sich zu hängen; die Wartung und alle Erziehung der Kleinen wird von ihr
still im Heiligthum eines entlegenen Zimmers besorgt, und weil sie
ordentlich ist, und weiß, was sie befiehlt, so darf sie die Kinder zu
Zeiten dem gehorsamen Gesinde überlassen, und sie kann ruhig und heiter
an der Gesellschaft Theil nehmen, weil sie die Stunde beobachtet; kurz,
man nimmt an den allerliebsten Creaturen nur so viel Theil, als man
selbst will, und ich, der ich die Kinder kindlich liebe, bin immer
gezwungen, sie aufzusuchen.
Vortrefflich! sagte Ernst, dies beweist am meisten für die
Schwiegermutter, die die Töchter sehr gut und zur Ordnung muß erzogen
haben. In deiner Beschreibung finde ich gerade die ehrwürdigsten Mütter
wieder, die ich je gekannt habe. Alles Gute und Rechte soll nur so
geschehn, daß es ein unachtsames Auge gar nicht gewahr wird. Unser
Vaterland aber ist das Land der geräuschvollsten Erziehung, und die
Nation wird bald nur aus Erziehern bestehen; für Mütter und Kinder sind
Bibliotheken, und hundert Journale und Almanache geschrieben, alle ihre
Tugenden und Pflichten hat man tausendfältig in Kupfer gestochen und zur
größern Aufmunterung illuminirt, und aus dem Natürlichsten und
Einfachsten, was kaum viele Worte zuläßt, haben wir mit Kunst einen
Götzen der vollständigsten Thorheit geschnitzt, und es im ausgeführten
System so weit gebracht, daß wir durch Beobachtung, Philosophie und
Natur uns von allem Menschlichen und Natürlichen auf unendliche Weite
entfernt haben. Nicht genug, daß man die Kinder fast von der Geburt mit
Eitelkeit verdirbt, man ruinirt auch die wenigen Schulen, die etwa noch
im alten Sinn eingerichtet waren; man zwingt die Kinder im siebenten
Jahr, zu lernen, wie sie Scheintodte zum Leben erwecken sollen, man
verschreibt Erzieher aus den Gegenden, in welchen diese Produkte am
besten gerathen; ja die Staaten selbst verbieten das Buchstabiren, und
machen es zur Gewissenssache, das Lesen anders als auf die neue Weise zu
erlernen, und fast alle Menschen, selbst die bessern Köpfe nicht
ausgenommen, drehen sich im Schwindel nach diesem Orient, um von hier
den Messias und das Heil der Welt baldigst ankommen zu sehen; aber
gewiß, nach zwanzig Jahren verspotten wir aus einer neuen Thorheit
heraus diese jetzige. Dies sind auch nur Schildwachen, die sich ablösen,
und so viel neue Figuren auch kommen, so bleiben sie doch immer auf
derselben Stelle wandelnd. Jeder Mensch hat etwas, das seinen Zorn
erregt, und ich gestehe, ich bin meist so schwach, daß die Pädagogik den
meinigen in Bewegung setzt.
So scheint es, sagte Lothar; ein geistreicher Mann sagte einmal: wir
sind schlecht erzogen, und es ist nichts aus uns geworden, wie wird es
erst mit unsern Kindern aussehn, die wir gut erziehn!
Mir däucht, sagte Theodor, es wäre nun wohl an der Zeit, auch eine
Wochenschrift »der Kinderfeind« zu schreiben, um die Thorheiten
lächerlich zu machen, und der ehemaligen Strenge und Einfalt wieder Raum
und Aufnahme vorzubereiten.
Du fändest keine Leser, sagte Ernst, unter dieser Ueberfülle humaner
Eltern und gereister, ausgebildeter Erzieher.
Friedrich war schon vor einiger Zeit vom Tisch und Gespräch
aufgestanden, und auf seinen Wink hatte sich Anton zu ihm gesellt. Sie
gingen unter einen Baumgang, von welchem man weit auf die Landstraße
hinaus sehen konnte, die sich über einen nahe liegenden Berg hinweg zog.
Mich kümmern alle diese Dinge nicht, sagte Friedrich, treib' es jeder,
wie er mag und kann, denn mein Herz ist so ganz und durchaus von einem
Gegenstande erfüllt, daß mich weder die Thorheiten noch die ernsthaften
Begebenheiten unserer Zeit ernstlich anziehn. Er vertraute seinem
Freunde, der seine Verhältnisse schon kannte, daß es ihm endlich
gelungen sei, alle Bedenklichkeiten seiner geliebten Adelheid zu
überwinden, und daß sie sich entschlossen habe, auf irgend eine Weise
das Haus ihres Oheims, des Geheimeraths, zu verlassen; dieser wolle
einen alten Lieblingsplan fast gewaltthätig durchsetzen, sie mit seinem
jüngeren Bruder, einem reichen Gutsbesitzer, zu vermälen, weil er sich
so an die Gesellschaft des schönen liebenswürdigen Kindes gewöhnt habe,
daß er sich durchaus nicht von ihr trennen könne, er sei gesonnen, nach
der Heirath zu diesem Bruder zu ziehn, um in seinem kinderlosen
Wittwerstande gemeinschaftlich mit ihm zu hausen. Es scheint vergeblich,
so endete Friedrich, diesem Plan unsre Liebe entgegen zu setzen,
wenigstens hält es Adelheid für unmöglich, und zwar so sehr, daß der
Oheim noch gar nicht einmal von meinem Verhältnisse zu ihr weiß; so
erwarte ich nun bei Manfred morgen oder übermorgen einen Boten, der
unser Schicksal auf immer entscheiden wird. Eine drückende Lage wird oft
am leichtesten durch eine Gewaltthätigkeit gelöst, und ich hoffe, daß
Manfred mir durch seine Klugheit und seinen Muth beistehen wird. Ich
würde mich unserm Ernst auch gern vertrauen, wenn er nicht gar zu gern
tadelte, wo aller Rath zu spät kömmt.
Doch kann Vorsicht nicht schaden, sagte Anton, und hüte dich nur, dich
von Manfred, der alles Abentheuerliche übertrieben liebt, in einen Plan
verwickeln zu lassen, dessen Verdrießlichkeiten vielleicht dein ganzes
Leben verwirren. Denn es ist gar zu anlockend, auf Unkosten eines andern
muthig und unternehmend zu sein, der Mensch genießt alsdann das
Vergnügen des Wagehalses zugleich mit der Lust der Sicherheit.
Mein Freund, sagte Friedrich, ich habe lange geduldet, gefühlt und
geprüft, und mich gereut, daß ich nicht schon früher gethan habe, was du
übereilt nennen würdest. Sind wir ganz von einem Gefühl durchdrungen, so
handeln wir am stärksten und konsequentesten, wenn wir ohne Reflexion
diesem folgen. Doch, laß uns jezt davon abbrechen.
Ich mißverstehe dich wohl nur, sagte Anton, weil du mir nicht genug
vertraut hast.
Auch dazu werden sich die Stunden finden, antwortete Friedrich. In der
Entfernung hatte ich mir vorgesetzt, dir alles zu sagen, und nun du
zugegen bist, stammelt meine Zunge, und jedes Bekenntniß zittert zurück.
Ihre Gestalt und Holdseligkeit tönt wie auf einer Harfe ewig in meinem
Herzen, und jede säuselnde Luft weckt neue Klänge auf; ich liebe dich
und meine Freunde inniger als sonst, aber ohne Worte fühl' ich mich in
eurer Brust, und jezt wenigstens schiene mir jedes Wort ein Verrath.
Träume nur deinen schönen Traum zu Ende, sagte Anton, berausche dich in
deinem Glück, du gehörst jezt nicht der Erde; nachher finden wir uns
wieder alle beisammen, denn irgend einmal muß der arme Mensch doch
erwachen und nüchtern werden.
Nein, mein lieber zagender Freund, rief Friedrich plötzlich begeistert
aus, laß dich nicht von dieser anscheinenden Weisheit beschwatzen, denn
sie ist die Verzweiflung selbst! Kann die Liebe sterben, dies Gefühl,
das bis in die fernsten Tiefen meines Wesens blitzt, und die dunkelsten
Kammern und alle Wunderschätze meines Herzens beleuchtet? Nicht die
Schönheit meiner Geliebten ist es ja allein, die mich beglückt, nicht
ihre Holdseligkeit allein, sondern vorzüglich ihre Liebe; und diese
meine Liebe, die ihr entgegen geht, ist mein heiligster, unsterblichster
Wille, ja meine Seele selbst, die sich in diesem Gefühl losringt von der
verdunkelnden Materie; in dieser Liebe seh' ich und fühl' ich Glauben
und Unsterblichkeit, ja den Unnennbaren selbst inmitten meines Wesens
und alle Wunder seiner Offenbarung. Die Schönheit kann schwinden, sie
geht uns nur voran, wo wir sie wieder treffen, der Glaube bleibt uns. O,
mein Bruder, gestorben, wie man sagt, sind längst Isalde und Sygune, ja,
du lächelst über mich, denn sie haben wohl nie gelebt, aber das
Menschengeschlecht lebt fort, und jeder Frühling und jede Liebe zündet
von neuem das himmlische Feuer, und darum werden die heiligsten Thränen
in allen Zeiten dem Schönsten nachgesandt, das sich nur scheinbar uns
entzogen hat, und aus Kinderaugen, von Jungfraunlippen, aus Blumen und
Quellen uns immer wieder mit geheimnißvollem Erinnern anblitzt und
anlächelt, und darum sind auch jene Dichtergebilde belebt und
unsterblich. An dieser heiligen Stätte habe ich mich selbst gefunden,
und ich müßte mir selbst verloren gehn, ich müßte vernichtet werden
können, wenn diese Entzückung in irgend einer Zeit ersterben könnte.
Seinem Freunde traten die Thränen in die Augen, weil ihn die Krankheit
weicher gemacht hatte, und er ohnedies schon reizbar war; er umarmte den
Begeisterten schweigend, als beide die Landstraße einen offenen Wagen
mit vier geschmückten hüpfenden Pferden herunter kommen sahn, von einem
mit Bändern und Federbüschen aufgeputzten Kutscher geführt: in
wunderlicher bunter Tracht folgte ein Reiter dem Wagen, und die
Sprechenden nebst den andern drei Freunden gingen vor das Thor des
Gasthofes hinaus, um das sonderbare Schauspiel näher in Augenschein zu
nehmen. Ists möglich? rief plötzlich Theodor aus, er selbst, Manfred ist
es! und eilte den brausenden Pferden entgegen. Diese standen, auf den
Ruf ihres Führers, er sprang vom Sitz, indem er die Leinen vorsichtig in
der Hand behielt, und umarmte Theodor und die übrigen Freunde nach der
Reihe. Er war freudig überrascht, auch Ernst zu finden, den er so wenig
wie Theodor hatte erwarten können. Ich komme, euch abzuholen; so steigt
nur gleich ein! rief er in zerstreuter Freude aus.
Der Reiter war indeß abgestiegen und Anton erkannte ihn zuerst: Wie? der
verständige Wilibald läßt sich auch zu solchen bunten Mummereien
gebrauchen? rief er verwundert aus.
Muß man nicht, erwiederte dieser, mit den Thörigten thörigt sein? Wir
wollten euch recht glänzend abholen, und euch zu Ehren seh ich fast so
wie der Lustigmacher bei herumziehenden Comödianten aus.
Alle betrachteten und umarmten ihn, lachten, und stiegen dann ein, um in
einer Waldschenke einige Stunden vom Städtchen anzuhalten, und dann noch
bei guter Zeit die letzten Meilen bis zu Manfreds Wohnung zurück zu
legen. Manfred begab sich ernsthaft auf seinen Sitz, Wilibald auf sein
Pferd, und so rollten sie im Gallopp auf der Felsenstraße davon, indem
ihnen aus jedem Fenster der Stadt ein verwundertes oder lachendes
Angesicht nachblickte.
* * * * *
Ist es nicht ein reizender Aufenthalt? fragte Wilibald, indem er mit
Theodor in den Gängen des anmuthigen Gartens auf und nieder schritt.
Manfred ist sehr glücklich, antwortete Theodor; aber wo ist unsre
Gesellschaft?
Ernst und Lothar sind ausgeritten, erwiederte jener, um einen alten
Thurm und Mauerwerk in der Nähe zu betrachten, Friedrich und Manfred
haben sich eingeschlossen, und rathschlagen, so scheint es, über
Herzensangelegenheit, und Anton, dünkt mich, wandelte vor kurzem noch in
empfindsamen Gesprächen mit Rosalien, der jungen Frau, und Manfreds
Schwester, Augusten. Ich fürchte, das Ende vom Liede ist, daß wir uns
hier alle verlieben.
Und warum nicht? sagte Theodor. Ich sehe wenigstens kein Unglück darin.
Im Gegentheil finde ich es natürlich und schicklich, daß in jeder
gemischten Gesellschaft, in welcher sich junge Männer und anmuthige
Frauen und reizende Mädchen befinden, kleine Romane gespielt werden,
dies eben erweckt den Witz und belebt und schafft den feinern Geist der
Unterhaltung; auch kleine Eifersucht kann nicht schaden und artige
Verläumdung, samt allen Künsten eines edlen Spiels und jener Laune, die
den Weibern angeboren scheint und wodurch sie die Männer so
unwiderstehlich fesseln. Dadurch können verlebte Tage von solchem
poetischen Glanz bestrahlt werden, daß wir das ganze Leben hindurch mit
Freuden an sie denken, da sie uns außerdem ziemlich trivial und
langweilig verflossen wären.
Es kann aber mit Anton bei seiner Reizbarkeit Ernst werden, wandte
Wilibald schüchtern ein; nicht jeder hat die Geschicklichkeit, behutsam
genug mit der Flamme zu spielen.
Dafür laß du ihn sorgen, sagte Theodor; oder sollte etwa schon die
Eifersucht aus dir sprechen, mein Theurer? O ja, warlich, deine
grämliche Miene und dein suchender umschauender Blick sagen mir nichts
geringeres. Nun, wer ist denn deine Schöne? Clara? oder die junge
anmuthige Gattin? oder Manfreds Schwester, Auguste? oder die
liebenswürdige Schwiegermutter, die ihr alle lieber Emilie nennt, und
die auch freundlich diesem Taufnamen entgegen horcht? oder liebst du sie
gar alle?
Du bleibst ein Thor, fuhr Wilibald halb lachend auf, und ihr alle seid
so seltsame liebe und unausstehliche Menschen, daß man eben so wenig
ohne euch, als mit euch leben kann. In der Ferne sehn' ich mich nach
euch allen und bin ungemuth, und in der Nähe ärgre ich mich über alle
eure mannichfaltigen Thorheiten.
Nun, fragte Theodor, was hast du denn Großes an uns auszusetzen?
Du solltest mich nicht zu solchen Klageliedern auffordern, antwortete
Wilibald: daß ihr alle immer nur so sehr vernünftig und geistreich seid,
wo es nicht hin gehört, und niemals da, wo ihr Vernunft zeigen müßtet!
da ist der Manfred, der sich für einen Heros der Männlichkeit hält,
welcher meint, sich und seine Empfindungen so ganz in der Gewalt zu
haben, und sich heraus nimmt, jeden zu verachten, den irgend ein Kummer
quält, und der doch selbst ohne alle Veranlassung so unerträglich
melankolisch sein kann, daß er über die ganze Welt die Schultern zuckt,
weil sie eben schwach genug ist, nur zu existiren; so sitzt er in dieser
Stimmung Tagelang im Winkel und findet jeden Scherz geistlos und jedes
Gespräch albern, sein Blick und kümmerliches Gesicht schlagen aber auch
jede Freude und Heiterkeit aus seiner Gesellschaft zurück; er ist zu
träge, spazieren zu gehn, oder irgend etwas zu treiben: aber nun fällt
ihn die Laune an, nun soll jedermann lustig sein, nun findet er es
unbegreiflich, wenn irgend jemand nicht an seinen schwärmenden
Phantasien Theil nimmt, nun ist jeder ein Philister, der nicht zum
Zeitvertreib halb mit dem Kopf gegen die Felsen rennt, nun muß man mit
ihm durch Garten und Gebirge laufen, fallen und klettern; oder er zwingt
alles Musik zu machen und zu singen; oder, was das Schlimmste ist, er
liest vor, und verlangt, jedermann soll an irgend einer Schnurre, oder
einem alten vergessenen Buche denselben krampfhaften Antheil nehmen, zu
welchem er sich spornt. So geschah es gestern, als er plötzlich den
Philander von Sittewald herbei holte, ewig lange las, und sich
verwunderte, daß wir nicht alle mit demselben Heißhunger darüber
herfielen, wie er, der das Buch in Jahren vielleicht nicht angesehen
hat; und so bringt er wohl morgen den Fischart, oder Hans Sachs. Wobei
er sich auch nicht einreden läßt, sondern auf seine Lebenszeit hat er
sich verwöhnt, daß alle Menschen ihm nur eben als Werkzeuge dienen, an
welchen sich seine schnell wandelnde Laune offenbart. Nur ein solcher
Engel von Frau kann mit ihm fertig werden, und mit ihm glücklich sein.
Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich mit ihm
eingeschlossen hat.