I.

Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath weiß, wie die

ungelehrte.

Paff! ... Paff!

Zwei Pistolenschüsse knallten zu gleicher Zeit. Eine Kuh, welche eben

in der Entfernung von fünfzig Schritten vorüber trabte, bekam eine

Kugel in's Rückgrat ... und sie ging die Sache doch gar nichts an.

Von den beiden Gegnern war keiner getroffen worden.

Wer waren jene beide Herren? Niemand weiß es, und gerade hier wäre ja

Gelegenheit gewesen, ihre Namen der Nachwelt zu überliefern. Es läßt

sich über sie nichts weiter sagen, als daß der ältere ein Engländer,

der jüngere Duellant ein Amerikaner war. Desto leichter läßt sich die

Oertlichkeit bestimmen, an der jener unschuldige Wiederkäuer eben sein

letztes Grasbündelchen abgeweidet hatte; diese ist nämlich am rechten

Ufer des Niagara und unweit der Hängebrücke zu suchen, welche drei

Meilen unterhalb der berühmten Fälle das canadische Ufer mit dem

amerikanischen verbindet.

Der Engländer schritt jetzt auf den Amerikaner zu.

"Ich bleibe nichtsdestoweniger dabei, daß es die Melodie »Rule

Britannia« war, sagte er.

-- Nein, der »Yankee Doodle«!" versetzte der Andere.

Der Streit schien auf's Neue entbrennen zu sollen, als sich einer der

Zeugen -- ohne Zweifel im Interesse des weidenden Viehs -- mit den

Worten einmischte:

"Nehmen wir an, es wäre der »Rule Doodle« und der »Yankee Britannia«

gewesen und begeben wir uns nun zum Frühstück."

Dieses Compromiß zwischen den beiden Nationalgesängen Amerikas und

Großbritanniens wurde zur allgemeinen Befriedigung angenommen. Längs

des linken Niagara-Ufers zurückwandelnd, beeilten sich Amerikaner und

Engländer, an der einladenden Tafel des Hôtels auf Goat Island -- einem

neutralen Gebiete zwischen den beiden Fällen -- Platz zu nehmen.

Während ihrer Beschäftigung mit gekochten Eiern und dem landesüblichen

Schinken mit kaltem Roastbeef, einem Zwischengericht von im Munde fast

brennenden Pickles und mit Hochfluthen von Thee, welche die

weltbekannten Wasserfälle eifersüchtig machen könnten, wollen wir sie

nicht weiter stören, zumal kaum anzunehmen ist, daß von ihnen im Laufe

dieser Erzählung noch ferner die Rede sein wird.

Wer hatte nun Recht -- der Engländer oder der Amerikaner? Es wäre

schwer gewesen, diese Frage zu entscheiden. Jedenfalls liefert jenes

Duell den Beweis für die leidenschaftliche Erregung der Geister nicht

allein in der Neuen, sondern auch in der Alten Welt, und zwar über ein

Ereigniß oder eine unerklärliche Erscheinung, welche seit etwa einem

Monate alle Köpfe verwirrte.

»... Os sublime dedit coelumque tueri«

hat Ovid einst zu Ehren der Menschheit gesungen. In der That hatte man

seit dem Erscheinen des ersten Menschen auf der Erdkugel noch niemals

den Himmel so vielfach betrachtet.

Gerade in der vorhergegangenen Nacht hatte nämlich eine Trompete aus

der Luft ihre metallenen Töne herabgeschmettert über denjenigen Theil

von Canada, der sich zwischen dem Ontario- und dem Erie-See ausdehnt.

Die Einen hatten daraus den »Yankee Doodle«, die Anderen das »Rule

Britannia« zu hören vermeint, daraus entstand auch obiger

angelsächsische Zweikampf, der mit dem Frühstück auf Goat Island

endigte. Vielleicht war es weder der eine, noch der andere

Nationalgesang gewesen; nur darüber herrschte bei Niemand ein Zweifel,

daß die betreffenden Töne die Eigenthümlichkeit gehabt hatten, als

schienen sie vom Himmel zur Erde hernieder zu steigen.

Sollte man etwa gar an eine Himmelsposaune denken, die ein Engel oder

ein Erzengel geblasen hätte? ... Waren es nicht vielmehr lustige

Luftschiffer gewesen, die sich des sonoren Instrumentes bedienten, von

dem die Reclame so ausgebreiteten Gebrauch macht? Nein, von einem

Ballon, von Luftschiffern konnte nicht die Rede sein. In hohen

Himmelsregionen vollzog sich ein außergewöhnliches Ereigniß, dessen

Natur und Ursprung kein Mensch zu enträthseln vermochte. Heute zeigte

sich dasselbe über Amerika, vierundzwanzig Stunden später über Europa,

acht Tage später in Asien über dem Himmlischen Reiche. Wenn die

Trompete, welche das Vorüberziehen jener Erscheinung ankündigte, nicht

die des Jüngsten Gerichtes war, welche, ja, welche war es dann?

In allen Landen der Erde, in Königreichen wie in Republiken, entstand

deshalb eine gewisse Unruhe, welche gestillt werden mußte. Vernimmt

Einer in seinem Hause eigenthümliche und unerklärliche Geräusche, würde

er nicht schnellstens die Ursache derselben zu ermitteln suchen, und

wenn das vergeblich wäre, würde er nicht sein Haus verlassen, um ein

anderes zu bewohnen? Ganz sicherlich! Hier war das Haus freilich die

Erdkugel, und es gab doch kein Mittel, diese zu verlassen und etwa mit

dem Monde, Mars, Venus, Jupiter oder einem anderen Planeten des

Sonnensystems zu vertauschen.

Es galt demnach unbedingt, aufzuklären, was im unendlichen leeren

Raume, doch innerhalb der Erdatmosphäre, vorging. Ohne Luft ist ja ein

Geräusch unmöglich, und da man hier ein solches vernahm -- immer jene

fast sagenhafte Trompete -- mußte die Erscheinung auch in der Lufthülle

stattfinden, deren Dichtigkeit sich nach oben zu immer mehr vermindert

und die sich über unserem Sphäroid nur wenige Meilen hoch verbreitet.

Natürlich bemächtigten sich die Tagesblätter der vorliegenden Frage,

behandelten sie unter allen Gesichtspunkten, beleuchteten oder

verdunkelten dieselbe, berichteten falsche oder wahre Thatsachen,

erregten oder beruhigten ihre Leser im Interesse der Höhe ihrer Auflage

-- und wiegelten endlich die schon halb verwirrten Massen nicht wenig

auf. Welch' Wunder! Die Politik hatte den Laufpaß erhalten und die

Geschäfte gingen deshalb doch nicht schlecht. Aber um was handelte es

sich überhaupt?

Man befragte alle großen Observatorien der ganzen Welt. Wenn diese

keine Antwort gaben, wozu nützten dann solche Observatorien eigentlich?

Wenn die Astronomen, welche selbst in der Entfernung von hunderttausend

Millionen Meilen noch einen Lichtpunkt zu zwei und drei Sternen

aufzulösen vermögen, nicht im Stande waren, den Ursprung einer

kosmischen Erscheinung zu ergründen, die nur wenige Kilometer über

ihnen auftrat, wozu hatte man Astronomen?

Man konnte auch in der That kaum schätzungsweise angeben, wie viel

Teleskope, Brillen, Fernröhre, Lorgnetten, Binocles und Monocles

während der schönen Sommernacht nach dem Himmel gerichtet waren, noch

wie viele Augen sich vor die Oculare und Instrumente von jeder Art und

Vergrößerung hefteten. Vielleicht mehrere Hunderttausend, und das ist

nur gering angeschlagen. Zehnmal mehr, als man am Firmament mit

unbewaffnetem Auge sichtbare Sterne zählt. Nein, noch keiner, auf allen

Punkten der Erdkugel gleichzeitig beobachteten Sonnenfinsterniß hatte

man solche Ehre angethan!

Die Observatorien antworteten, aber unzulänglich. Jedes gab seine

Meinung ab, die stets von der aller anderen abwich, so daß sich daraus

während der letzten Wochen des April und der ersten des Mai ein

wirklicher Bürgerkrieg unter der Gelehrtenwelt entwickelte.

Das Observatorium von Paris erwies sich sehr zurückhaltend. Keine

seiner Abtheilungen sprach sich entschieden aus. In der Abtheilung für

mathematische Astronomie hatte man es für unter seiner Würde gehalten,

Beobachtungen anzustellen; in der für die Meridianmessung hatte man

nichts entdeckt; in der für physikalische Beobachtungen hatte man

nichts wahrgenommen; in der für Geodäsie nichts bemerkt; in der für

Meteorologie war Niemand etwas aufgefallen; in der für die Berechnungen

hatte man nichts gesehen. Das war wenigstens ein offenes Geständniß.

Dieselbe Offenherzigkeit bekundete das Observatorium von Montsoucis,

wie die magnetische Station im Park Saint-Maur. Dieselbe Achtung vor

der Wahrheit bewies das Längenbureau. Nun ja, Frankreich heißt ja das

Land, wo man "frank", d. h. offen spricht.

Die Provinz war etwas entschiedener in ihrer Aeußerung. Etwa in der

Nacht zwischen dem 6. und 7. Mai hatte sich ein Lichtschein

elektrischen Ursprunges gezeigt, der 20 Secunden nicht überdauerte. Am

Pic-Du-Midi war derselbe zwischen 9 und 10 Uhr Abends beobachtet

worden; im meteorologischen Observatorium des Puy-de-Dôme hatte man ihn

zwischen 1 und 2 Uhr Morgens bemerkt; auf dem Mont Ventoux in der

Provence zwischen 2 und 3 Uhr; in Nizza zwischen 3 und 4 Uhr; auf den

Semnoz-Alpen endlich zwischen Annecy, le Bourget und dem Genfer See im

Augenblicke, als der Tagesschimmer sich eben bis zum Zenith erhob.

Offenbar konnte man diese Beobachtungen unmöglich in Bausch und Bogen

verwerfen. Es unterlag keinem Zweifel, daß der Lichtschein an

verschiedenen Punkten, und zwar im Verlauf einiger Stunden,

wahrgenommen worden war. Derselbe ging also entweder von mehreren

Herden aus, die sich durch die Erdatmosphäre hinbewegten, oder, wenn er

nur einem einzigen solchen angehörte, so mußte dieser sich mit einer

Schnelligkeit fortbewegen, welche nahezu 200 Kilometer in der Stunde

erreichte.

Hatte man denn aber im Laufe des Tages niemals etwas Besonderes in der

Luft bemerkt?

Nein, niemals.

Erklang nicht wenigstens jene Trompete einmal durch die Luftschichten?

Nein, zwischen Aufgang und Untergang der Sonne hatte man nicht den

leisesten Ton gehört.

Im vereinigten Königreich Großbritannien wußte man nicht mehr aus, noch

ein. Die Observatorien gelangten zu keinerlei Uebereinstimmung.

Greenwich konnte sich nicht mit Oxford verständigen, obwohl Beide die

Behauptung aufstellten, "an der ganzen Sache sei nichts".

"Eine Gesichtstäuschung! meinte das Eine.

-- Eine Gehörstäuschung!" erwiderte das Andere.

Darüber lagen sie im Streit; auf eine Täuschung lief es jedoch allemal

hinaus. Die Verhandlungen zwischen den Sternwarten zu Berlin und der zu

Wien drohten zu internationalen Verwicklungen zu führen. Rußland bewies

ihnen in der Person des Vorstehers seiner Sternwarte zu Pulkowa, daß

sie Beide Recht hätten, das hänge nur von den Gesichtspunkten ab, auf

die sie sich bezüglich Bestimmung der Natur jener Erscheinung stellten,

die in der Theorie unmöglich schien und in der Praxis möglich war.

In der Schweiz, auf der Sternwarte zu Säntis, im Canton Appenzell, auf

dem Rigi, im Gäbris, in den Beobachtungsstationen des St. Gotthard, St.

Bernhard, des Julier, des Simplon, in denen von Zürich und des

Sonnblick in den Hohen Tauern, befleißigte man sich einer ganz

besonderen Zurückhaltung gegenüber einer Thatsache, die bisher Niemand

zu bekräftigen vermocht hatte -- was gewiß recht vernünftig zu nennen

ist.

In Italien dagegen, auf den meteorologischen Stationen des Vesuvs und

des Aetna, welch' letztere sich in der alten Casa Inghlese befindet,

wie auf dem Monte Cavo, zögerten die Beobachter nicht im geringsten,

die Wirklichkeit jener Erscheinung anzuerkennen, und das auf Grund des

Umstandes, daß sie dieselbe einmal am Tage in Form eines kleinen

Dampfwölkchens und einmal in der Nacht in Gestalt einer Sternschnuppe

hatten wahrnehmen können. Ueber die eigentliche Natur derselben wußten

sie freilich ebenfalls nichts.

In der That begann dieses Geheimnis allmählich die Vertreter der

Wissenschaft zu ermüden, erregte dagegen und erschreckte desto mehr die

Einfältigen und Unwissenden, welche, Dank einem hochweisen

Naturgesetze, von jeher in dieser Welt die ungeheure Mehrzahl gebildet

haben, noch bilden und in aller Zukunft bilden werden. Die Astronomen

und Meteorologen hatten also schon darauf verzichtet, sich mit der

Sache zu beschäftigen, als in der Nacht vom 26. zum 27. auf der

Sternwarte zu Cantokeino in Finnland, in Norwegen, in der Nacht vom 28.

zum 29. auf der des Isfjord und auf Spitzbergen, die Norweger auf einer

und die Schweden auf der anderen Seite in der Anschauung übereingestimmt

hatten, daß inmitten einer Art Nordlichtscheines etwas wie ein

gewaltiger Vogel oder ein Luftungeheuer sichtbar gewesen sei. War es

auch nicht gelungen, dessen Structur genauer zu bestimmen, so unterlag

es doch keinem Zweifel, daß derselbe kleine Körper ausgeworfen habe,

welche gleich Bomben mit einem Knalle zersprangen.

In Europa neigte man wohl dazu, die Beobachtungen der Stationen von

Finnmarken und Spitzbergen nicht anzuzweifeln. Ganz besonders

merkwürdig erschien freilich, daß die Schweden und die Norweger doch

einmal über einen Punkt einig zu sein schienen.

Man lachte und spottete über die angebliche Entdeckung auf allen

Sternwarten Südamerikas, in Brasilien und Peru, ebenso wie in La Plata,

auf denen von Australien, in Sidney, Adelaide, wie in Melbourne, und

das australische Lachen ist bekanntlich sehr ansteckend.

Nur ein einziger Vorsteher einer meteorologischen Station verhielt sich

zustimmend bei dieser Frage, trotz der Spötteleien, welche seine

Erklärung derselben hervorrufen mochte. Das war ein Chinese, der

Director der Sternwarte zu Zi-Ka-Wey, die sich inmitten einer

ausgedehnten Ebene, mindestens zehn Lieues vom Meere, erhebt und welche

bei ungemeiner Klarheit der Luft ein grenzenlos weiter Horizont

umschließt.

"Es könnte ja sein, sagte er, daß der Gegenstand, um den es sich

handelt, ein besonders construirter Apparat, eine fliegende Maschine

wäre."

Welcher Scherz!

Waren die vielfachen Widersprüche nun schon in der Alten Welt sehr

lebhaft, so begreift man leicht, wie sie sich in jenem Theile der Neuen

Welt gestalten mußten, von dem die Vereinigten Staaten das weitaus

größte Gebiet einnehmen.

Ein Yankee liebt bekanntlich keine Umwege -- er wählt gewöhnlich den,

der am schnellsten zum Ziele führt. So zögerten auch die amerikanischen

Bundesstaaten nicht im mindesten, ihre Ansichten gegenseitig

auszusprechen. Wenn sie sich dabei nicht gleich die Objective ihrer

Fernrohre an den Kopf warfen, so kam das nur daher, daß sie dieselben

jetzt, wo sie gerade am meisten gebraucht wurden, erst hätten wieder

ersetzen müssen.

In dieser so viel Staub aufwirbelnden Frage standen die Sternwarten von

Washington im District Columbia und die von Cambridge im Staate Duna

denen des Darmouth-Collegs in Connecticut und von Ann-Arbor in Michigan

feindlich gegenüber. Ihr Streit betraf übrigens nicht die Natur des

beobachteten Körpers, sondern die genaue Zeit der Beobachtung, denn

Alle behaupteten, ihn in derselben Nacht, zu derselben Stunde, zur

gleichen Minute und Secunde wahrgenommen zu haben, obwohl die Flugbahn

des geheimnißvollen Wanderers der Lüfte nur in mäßiger Höhe über dem

Horizont liegen sollte. Von Connecticut bis Michigan, von Duna nach

Columbia ist aber die Entfernung eine so große, daß eine doppelte

Beobachtung zu ein und demselben Zeitpunkt als unmöglich angesehen

werden konnte.

Dudley in Albany, Staat New-York, und West-Point, die Militärakademie,

gaben allen ihren Collegen Unrecht in einer Zuschrift, welche die

gerade Aufsteigung und die Declination des bewußten Körpers bestimmte.

Später stellte sich jedoch heraus, daß diese Beobachter einem Irrthume

unterlegen waren und daß der betreffende Körper nur eine Feuerkugel

gewesen war, welche durch die mittleren Luftschichten hinblitzte. Um

diese Feuerkugel handelte es sich aber offenbar nicht. Wie könnte auch

eine solche Feuerkugel eine Trompete geblasen haben?

Was nun die erwähnte Trompete anging, versuchte man vergeblich deren

schmetternden Ton als eine einfache Gehörstäuschung hinzustellen.

Jedenfalls hatten sich bei dieser Gelegenheit die Ohren der Leute

ebenso wenig getäuscht, wie deren Augen. Unzählige Beobachter hatten

vielmehr entschieden etwas gesehen und gleichzeitig gehört. In der sehr

dunklen Nacht -- vom 12. zum 13. Mai -- war es den Beobachtern des

Yale-Collegs an der Hochschule von Sheffield sogar gelungen, einige

Tacte eines musikalischen Satzes in A-dur und im Viervierteltacte in

Noten zu fixiren, welche vollkommen mit einem Theile der Melodie des

bekannten »Chant du départ« -- eines Soldatenliedes beim Auszug zum

Kampfe -- übereinstimmten.

"Sehr schön! riefen dazu die Witzbolde, da hätten wir ja ein

französisches Orchester, das seine Weisen mitten in der Luft ertönen

läßt!"

Scherzen heißt aber nicht antworten. Diese Bemerkung machte auch das

von der Atlantic Iron Works Company gegründete Observatorium zu Boston,

dessen Anschauungen in Fragen der Astronomie und Meteorologie für die

gelehrte Welt allmählich schon die Bedeutung von Gesetzen gewannen.

Ferner gab auch noch das, Dank der Freigebigkeit des Mr. Kilgoor im

Jahre 1870 auf dem Berge Lookout entstandene Observatorium von

Cincinnati eine Erklärung ab, jenes Institut, das sich durch seine

mikrometrischen Messungen der Doppelsterne so vortheilhaft bekannt

gemacht hat. Sein Director sprach sich in vollem guten Glauben dahin

aus, daß den weitverbreiteten Gerüchten unzweifelhaft etwas zu Grunde

liege, daß sich zu nahe aneinanderliegenden Zeiten an sehr

verschiedenen Stellen in der Atmosphäre ein in Bewegung befindlicher

Körper zeige, daß über dessen Natur, Größenverhältnisse,

Geschwindigkeit und Flugbahn aber kein Urtheil möglich sei.

Da erhielt ein Journal von allergrößter Verbreitung, der New-York

Herald, von einem Abonnenten folgende anonyme Mittheilung: "Noch dürfte

der Wettkampf unvergessen sein, der vor einigen Jahren herrschte

zwischen den beiden Erben der Begum von Ragginahra, dem französischen

Arzt Sarrasin in seiner Stadt Franceville und dem deutschen Ingenieur

Herrn Schulze in seiner Stadt Stahlstadt, welche Beide im südlichen

Theile von Oregon, Vereinigte Staaten, angelegt waren.

"Man kann auch nicht vergessen haben, daß Herr Schulze in der Absicht,

Franceville zu zerstören, ein ungeheures Geschoß, schon mehr eine

Maschine, auf letztere Stadt schleuderte, welche dieselbe mit einem

Schlage vernichten sollte.

"Noch weniger kann der Vergessenheit verfallen sein, daß dieses

Geschoß, dessen Anfangsgeschwindigkeit beim Verlassen der Mündung der

Monstrekanone falsch berechnet war, mit einer sechzehnmal größeren

Geschwindigkeit, als gewöhnliche Geschosse -- nämlich fünfundsiebzig

bis achtzig geographische Meilen in der Stunde -- hinweg getragen

wurde, daß es auf die Erde nicht niedergefallen ist und nach seinem

Uebergang in den Zustand etwa einer Feuerkugel noch jetzt um unseren

Planeten kreist und in alle Ewigkeit kreisen muß.

"Warum sollte dieses Riesengeschoß, dessen Vorhandensein nicht

anzuzweifeln ist, nicht der in Frage stehende Körper sein?"

Das war ja recht scharfsinnig von dem Abonnenten des New-York Herald

... aber die Trompete ...? In dem Projectil des Herrn Schulze hatte

sich bestimmt keine Trompete befunden.

Alle bisherigen Erklärungen erklärten also nichts, alle Beobachter

beobachteten einfach falsch.

Es blieb sonach nur noch die von dem Director von Zi-Ka-Wey

aufgestellte Hypothese. Aber, mein Gott, der Mann war ja Chinese!

Man darf nicht etwa glauben, daß sich der Bevölkerung der Alten und der

Neuen Welt endlich ein gewisser Ueberdruß bemächtigt hätte. Im

Gegentheil, die Erörterungen dauerten in gleicher Lebhaftigkeit fort,

ohne daß irgendwo eine Uebereinstimmung erzielt wurde. Gleichwohl trat

einmal eine Art Pause ein. Es vergingen nämlich einige Tage, ohne daß

etwas von dem fraglichen Gegenstande, von der Feuerkugel oder was es

sonst war, gemeldet wurde und ohne daß sich der bekannte Trompetenton

aus der Luft hören ließ. War jener Körper also irgendwo auf die Erde

niedergefallen, vielleicht an einem Punkte, der sein Wiederauffinden

besonders erschwerte -- etwa gar in's Meer? Lag er jetzt in der

unendlichen Tiefe des Atlantischen, des Pacifischen oder des Indischen

Oceans? Wer hätte das sagen können?

Da vollzog sich aber zwischen dem 2. und dem 9. Juni eine neue Reihe

von Thatsachen, deren Erklärung durch die Annahme eines rein kosmischen

Phänomens schlechterdings unmöglich war.

Im Laufe jener acht Tage fand man nämlich auf den entlegensten Punkten

eine Fahne gerade an den schwerst zugänglichen Stellen von Kirchen

u. s. w. befestigt; so wurden die Hamburger überrascht durch eine solche

an der Spitze des Thurmes von St. Michael, die Türken auf dem höchsten

Minaret der heiligen Sophien-Moschee, die Einwohner von Rouen an der

Spitze des metallenen Pfeiles ihrer Kathedrale, die Straßburger am

obersten Punkte des Münsters, die Amerikaner auf dem Kopfe ihrer

Bildsäule der Freiheit am Eingange des Hafens und am Gipfel des

Washington-Denkmals in Boston, die Chinesen an der Spitze des Tempels

der fünfhundert Geister in Canton, die Hindus am sechzehnten Stockwerk

der Pyramide des Tempels zu Tanjur, die Römer am Kreuze des St.

Peters-Domes, die Engländer am Kreuz der St. Pauls-Kirche in London,

die Egypter an der obersten Spitze der Pyramide von Gizeh, die Wiener

an dem Reichsadler auf der Spitze des St. Stephansthurmes, die Pariser

am Blitzableiter des dreihundert Meter hohen eisernen Thurmes der

Ausstellung von 1889 und noch andere mehr.

Diese Fahne aber zeigte ein schwarzes Flaggentuch, das in der Mitte

eine goldene Sonne und ringsum verstreut einzelne Sterne enthielt.

Robur der Sieger · 第 2 / 20 题