Dritte Szene

Mariamne tritt ein.

Alexandra (für sich).

Sie kommt! Ja, wär' sie von ihm abzuziehn

Und zu bewegen, mir nach Rom zu folgen,

Dann--Doch, sie haßt und liebt ihn jetzt zugleich!

Wag ich noch einen letzten Sturm? Es sei!

(Sie eilt auf Mariamne zu.)

Du suchst den Trost, wo er zu finden ist!

Komm an mein Herz!

Mariamne.

Den Trost?

Alexandra.

Brauchst du ihn nicht?

Dann hab ich dich verkannt! Doch hatt' ich Grund,

Dich für ein Weib, wie du keins bist, zu halten,

Du warst bei mir verleumdet!

Mariamne.

Ich? Bei dir?

Alexandra.

Man sprach mir von Umarmungen und Küssen,

Die du dem brudermördrischen Gemahl

Gleich nach dem Mord--Verzeih, ich hätte es

Nicht glauben sollen.

Mariamne.

Nicht?

Alexandra.

Nein! Nimmermehr!

Aus mehr als einem Grund nicht! Hättest du

Dem blut'gen Schatten deines Bruders auch

Das schwesterliche Opfer einer Rache

Herzlos entziehen können, die du nicht

Durch Judiths Schwert und nicht durch Rahabs Nagel,

Nein, einzig durch ein Wenden deines Mundes

Und durch ein stilles Kreuzen deiner Arme

Dir nehmen und dem Toten weihen solltest:

Er selbst, der Mörder, hätte nicht gewagt,

Sich dir zu nähern, denn du gleichst dem Toten,

Du wärst ihm vorgekommen, wie der Leichnam

Des Aristobolus, den man geschminkt,

Er hätt' sich schaudernd von dir abgewandt.

Mariamne.

Er tat das eine nicht, noch ich das andre!

Alexandra.

So sei--Doch nein! Vielleicht blieb dir ein Zweifel

An seiner Schuld noch. Willst du den Beweis?

Mariamne.

Ich brauch ihn nicht!

Alexandra.

Du brauchst--

Mariamne.

Er gilt mir nichts!

Alexandra.

Dann--Doch ich halt den Fluch auch jetzt zurück,

Es hat dich ja ein andrer schon getroffen!

Du gehst noch in den Ketten einer Liebe,

Die niemals ruhmvoll war--

Mariamne.

Ich dächte doch,

Ich hätt' mir den Gemahl nicht selbst gewählt,

Ich hätte mich nur in das Los gefügt,

Das du und Hirkan über mich, die Tochter

Und Enkelin, mit Vorbedacht verhängt.

Alexandra.

Ich nicht, mein feiger Vater schloß den Bund.

Mariamne.

So tat er, was dir nicht gefiel?

Alexandra.

Das nicht!

Sonst wäre ich zuvor mit dir entflohn,

Mir stand die Freistatt in ägypten offen,

Ich sag nur, der Entschluß ging aus von ihm,

Dem ersten Hohenpriester ohne Mut,

Und ich bekämpfte bloß den Widerwillen,

Mit dem ich anfangs ihn vernahm. Allein

Ich tat es, denn ich fand des Feiglings Handel

In kurzem gut, und gab für Edoms Schwert

Die Perle Zions, als er drängte, hin!

Ja, wär' die Schlange, die Cleopatra

Um jene Zeit gestochen, eine gift'ge

Gewesen, oder wär' Antonius

Auch nur auf seinem Zug hieher gekommen,

Ich hätte nein gesagt! Nun sagt' ich ja!

Mariamne.

Und dennoch--

Alexandra.

Ich erwartete von dir,

Daß du den Kaufpreis nicht vertändeln würdest,

Und daß du den Herodes--

Mariamne.

Oh, ich weiß!

Ich hätte mir von ihm für jeden Kuß

Im voraus einen Kopf, der dir mißfiel,

Bedingen und zuletzt, wenn keiner dir

Mehr trotzte, als sein eigner, ihn zum Selbstmord

Bewegen, oder auch, wenn das nicht ging,

An ihm in stiller Nacht die Katzentat

Der Judith listig wiederholen sollen,

Dann hättst du mich mit Stolz dein Kind genannt!

Alexandra.

Mit größerem, als jetzt, ich leugn' es nicht.

Mariamne.

Ich zog es vor, dem Mann ein Weib zu sein,

Dem du mich zugeführt, und über ihn

Die Makkabäerin so zu vergessen,

Wie er den König über mich vergaß.

Alexandra.

Du schienst dich doch in Jericho auf sie

Noch einmal zu besinnen, wenigstens

Warst du die erste, die mit einer Klage

Hervortrat, als ich selbst sie noch zurückhielt,

Um dich zu prüfen. War's nicht so?

Mariamne.

In Jericho

Verwirrte mich das gräßliche Ereignis,

Es kam zu schnell, vom Tisch ins Bad, vom Bad

Ins Grab, ein Bruder, ja, mir schwindelte!

Doch, wenn ich meinem König und Gemahl

Argwöhnisch und verstockt die Tür verschloß,

Bereu ich's jetzt, und kann's mir nur verzeihn,

Weil es geschehn ist, wie in Fiebers Glut!

Alexandra.

In Fiebers Glut!

Mariamne (halb für sich).

Auch hätt' ich's nicht getan,

Wär' er in Trauerkleidern nicht gekommen!

Rot, dunkelrot hätt' ich ihn sehen können,

Doch--

Alexandra.

Ja, die fand er rasch! Er hatte sie

Voraus bestellt, wie andre Mörder sich,

Wo möglich, Wasser schöpfen, eh' sie morden--

Mariamne.

Mutter, vergiß nicht!

Alexandra.

Was? Daß du das Weib

Des Mörders bist? Das bist du erst geworden,

Und bist es nur so lange, als du willst,

Ja, bist's vielleicht, wer weiß! schon jetzt nicht mehr;

Des Toten Schwester aber warst du stets

Und wirst es bleiben, wirst es dann sogar

Noch sein, wenn du--du scheinst dazu geneigt--

Ins Grab ihm nachrufst: Dir ist recht geschehn!

Mariamne.

Ich bin dir Ehrfurcht schuldig, und ich möchte

Sie nicht verletzen, darum halte ein!

Ich könnte sonst--

Alexandra.

Was könntest du?

Mariamne.

Mich fragen,

Wer schuld ist an der Tat, ob der, der sie

Vollbrachte, weil er mußte, oder die,

Die sie ihm abdrang! Laß den Toten ruhn!

Alexandra.

So sprich zu einer, die ihn nicht gebar!

Ich trug ihn unterm Herzen, und ich muß

Ihn rächen, da ich ihn nicht wecken kann,

Daß er sich selber räche!

Mariamne.

Räch ihn denn,

Doch räch ihn an dir selbst! Du weißt recht gut,

Daß es der Hohepriester war, der rings

Vom Volk Umjauchzte, selbst schon Schwindelnde,

Und nicht der Jüngling Aristobolus,

Der gegen sich hervorrief, was geschah.

Wer trieb den Jüngling nun, das sag mir an,

Aus seiner Selbstzufriedenheit heraus?

Es fehlt' ihm ja an bunten Röcken nicht,

Die Blicke schöner Mädchen anzuziehn,

Und mehr bedurft' er nicht zur Seligkeit.

Was sollt' ihm Aarons Priestermantel noch,

Den du zum überfluß ihm überhingst?

Ihm kam von selbst ja kein Gedanke drin,

Als der: wie steht er mir? Doch andre hielten

Ihn seit dem Augenblick, daß er ihn trug,

Fürs zweite Haupt von Israel, und dir

Gelang es bald, ihn selbst so zu betören,

Daß er sich für das erste, einz'ge hielt!

Alexandra.

Du lästerst ihn und mich!

Mariamne.

Ich tu es nicht!

Wenn dieser Jüngling, der geboren schien,

Der Welt den ersten Glücklichen zu zeigen,

Wenn er so rasch ein dunkles Ende fand,

Und wenn der Mann, der jeden andern Mann,

Wie er sein Schwert nur zieht, zum Weibe macht,

Wenn er--ich weiß nicht, ob er's tat, doch fürcht' ich's;

Dann tragen Ehrsucht, Herrschgier, zwar die Schuld,

Doch nicht die Ehrsucht, die der Tote hegte,

Und nicht die Herrschgier, die den König plagt!

Ich will dich nicht verklagen, mir geziemt's nicht,

Ich will dafür, daß du uns ein Gespenst,

Ein blut'ges, in die Ehekammer schicktest,

Von dir nicht eine Reueträne sehn,

Obgleich wir nie jetzt mehr zu zweien sind,

Und mir der Dritte so den Sinn verstört,

Daß ich verstumme, wenn ich reden sollte,

Und daß ich rede, wenn zu schweigen wär';

Ich will nicht einmal deinen Rachedurst

Ersticken, will nicht fragen, was du rächst,

Ob deine Pläne oder deinen Sohn:

Tu, was du willst, geh weiter, halte ein,

Nur sei gewiß, daß du, wenn du Herodes

Zu treffen weißt, auch Mariamne triffst;

Den Schwur, den ich zurückhielt, als er scheidend

Ihn foderte, den leist ich jetzt: Ich sterbe,

Wenn er stirbt. Handle denn und sprich nicht mehr!

Alexandra.

So stirb! Und gleich! Denn--

Mariamne.

Ich verstehe dich

Und deshalb glaubtest du, ich brauchte Trost?

O nein! Du irrst! Es schreckt mich nicht,

Wenn das Gesindel, das die Auserwählten

Nur, weil sie menschlich-sterblich sind, erträgt,

Ihn mit dem Mund schon totgeschlagen hat.

Was bleibt dem Sklaven übrig, wenn der König

In Pracht und Herrlichkeit vorüberbraust,

Als sich zu sagen: Er muß dran, wie ich!

Ich gönn ihm das! Und wenn er an den Thron

Ganz dicht ein Schlachtfeld rückt mit tausend Gräbern,

So lob ich's, es erstickt in ihm den Neid!

Doch, daß Herodes lebt und leben wird,

Sagt mir mein Herz. Der Tod wirft einen Schatten,

Und der fällt hier hinein!

Herodes und Mariamne: Eine Tragödie in fünf Akten · 第 13 / 42 题