DIE WAHRHEIT UND UNSER WISSEN.

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Erster Hauptteil.

Die Wahrheit.

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Erster Abschnitt.

Was ist Wahrheit?

Erste Untersuchung.

Die herkömmliche Definition der Wahrheit.

Seit Cartesius spielt der Gedanke einer gegensätzlichen Trennung von Leib

und Seele in der Philosophie eine Rolle. In ähnlicher Weise hat seit Kant

der Gedanke einer gegensätzlichen Trennung des Erkennens und seines

Gegenstandes die Philosophen beschäftigt, und zwar verstanden sie unter

Gegenstand das sogenannte Ding an sich oder den Gegenstand, wie er

unerkannter Weise ist. Beide Gedanken sind der Aristotelischen und

mittelalterlichen Philosophie fremd. Der letztere Gedanke führt zu einer

Auffassung der gewöhnlichen Definition der Wahrheit, welche jede

Erkenntnis der Wahrheit unmöglich macht. Nach dieser Definition nämlich,

auf die alle Erörterungen über die Wahrheit vielfach unbewusst und

unfreiwillig zurückkommen, besteht die Wahrheit in der _Übereinstimmung

des Erkennens mit seinem Gegenstande_. Fassen wir hier Gegenstand in

seiner gegensätzlichen Trennung vom Erkennen als das Unerkannte oder so

wie er unerkannter Weise ist, so kann von einer Erkenntnis der Wahrheit

keine Rede mehr sein; denn der Gegenstand kommt uns doch nur innerhalb

unsrer Vorstellungen und Gedanken, also vermittelt durch unser Erkennen,

zum Bewusstsein. Was er abgesehen davon sein mag, darüber wissen wir

nichts. Aber muss in jener Definition der Wahrheit das Wort Gegenstand

notwendig im Sinne des unerkannten Gegenstandes, wie er unerkannter Weise

ist, genommen werden? Wir werden der Absicht der gewöhnlichen Definition

der Wahrheit gerecht, wenn wir den Gegenstand als das betrachten, was vom

Erkennen weder gemacht noch geändert wird und insofern vom Erkennen

unabhängig ist. Damit steht aber nicht im Widerspruch, wenn wir an einer

unlösbaren Verbindung des Erkennens mit seinem Gegenstande festhalten und

insofern von einer wechselseitigen Abhängigkeit einerseits des Erkennens

vom Gegenstande und anderseits des Gegenstandes vom Erkennen reden. Wenn

das Erkannte auch nicht _durch_ das Erkennen ist, so bleibt doch die

Annahme möglich, dass es nicht _ohne_ das Erkennen sein kann und insofern

von ihm abhängig ist. Ausgeschlossen ist hierbei die rationalistische

Annahme, dass das Erkennen seinen Gegenstand aus sich selbst schöpft; aber

auch die empiristische Annahme ist unrichtig, dass dem Erkennen sein

Gegenstand einfach gegeben wird. Das Gegebene ist noch nicht das Erkannte;

das Erkennen darf den Gegenstand weder erzeugen oder auch nur ändern, noch

kann es ihn als Unerkanntes als Ding an sich erfassen.

Indes ganz abgesehen davon können wir die Definition, wie sie gewöhnlich

gegeben wird, nicht gebrauchen, schon wegen der Unbestimmtheit und

Vieldeutigkeit des Wortes »Gegenstand«, und es würde daran auch dann

nichts geändert, wenn wir dieses Wort durch das nicht minder unbestimmte

und vieldeutige »Wirklichkeit« ersetzten. _Für uns giebt es nur einen

Gegenstand des Erkennens, und das ist die Wahrheit._ Wir nehmen an, dass

wir die Wahrheit erkennen können, erklären uns aber ausser Stande, von dem

was Wahrheit ist, eine Definition zu geben. Wenn wir aber auch keine

eigentliche Definition von dem Begriff der Wahrheit zu geben vermögen, so

können wir doch wenigstens ein Merkmal dieses Begriffs aufweisen und in

ihm uns seinen Inhalt vergegenwärtigen. Das Merkmal ist freilich kein

letztes Unterscheidungsmerkmal, aber doch ein wesentlicher, wenn nicht der

wesentlichste Bestandteil des Begriffs der Wahrheit. Wir können ferner

auch ein Kennzeichen der Wahrheit angeben, an dem wir Wahrheit und

Falschheit unterscheiden, und damit den Umfang dieses Begriffs bestimmen.

Wie so oft muss auch hier die genauere Bestimmung des Umfangs einen Ersatz

bieten für die unzulängliche Festsetzung des Inhalts. Das Kennzeichen ist

freilich nur ein äusseres, aber als einziges unterscheidendes Kennzeichen

nicht bloss praktisch unentbehrlich, sondern auch von entscheidender

Wichtigkeit.

Zweite Untersuchung.

Der überzeitliche Charakter der Wahrheit.

Aus Thatsachen und Gedanken, d. h. aus dem Vorgefundenen und aus unsren

nicht willkürlichen sondern dem Vorgefundenen entsprechenden Zuthaten,

bauen sich die Wissenschaften auf. Wenigstens ist in dem, was wir

Thatsachen nennen, das Vorgefundene das herrschende Element, während in

den Gedanken das Vorgefundene gegen die Zuthaten zurücktritt. Zu den

Gedanken gehören auch die Begriffsurteile oder Begriffssätze wie: weiss

ist nicht schwarz, ein Viereck nicht rund, ein gleichseitiges Dreieck

gleichwinklig, zwei kleiner als drei usw., die das Gebiet der logischen

und mathematischen Wahrheiten umfassen. Sie sind vollkommen wahr, auch

wenn die Glieder, die sie miteinander verbinden, gar nicht existieren;

auch wenn es so etwas wie weiss und schwarz, Viereck und rund,

gleichseitiges und gleichwinkliges Dreieck, zwei und drei in Wirklichkeit

gar nicht giebt, so bleibt doch die in diesen Urteilen ausgedrückte

Beziehung durchaus wahr. Sie ist ewig gültig, ihre Wahrheit hat einen

überzeitlichen Charakter.

Richtig verstanden gilt das aber von allen Urteilen, die eine Wahrheit zum

Ausdrucke bringen. Die Thatsachen unsres Bewusstseins, von denen nur wir

allein jeder für sich Kenntnis haben können, und alle übrigen Thatsachen

von mehr oder minder langer Dauer -- wie sie z. B. in den Urteilen: ich

freue mich jetzt, oder: die Lampe steht auf dem Tische, ausgedrückt werden

-- können nur wirklich oder wahr sein, wenn dies, dass sie jetzt oder eine

zeitlang bestehen, für alle Zeiten gilt. Alle Wahrheit, auch die

anscheinend nur einen Augenblick oder eine kurze Zeit bestehende, hat

einen überzeitlichen Charakter. Sie hat trotz ihres scheinbar kurzen

Bestandes eine ewige Gültigkeit. Nur darum ist sie Wahrheit.

Dritte Untersuchung.

Bedeutung des überzeitlichen Charakters der Wahrheit.

Aber wie ist das möglich? Nur dadurch, dass auch die vergängliche

Thatsache eine ewige Bedeutung hat, aus der sich ihr Hervortreten in der

Zeit erklärt. Nur aus dieser ihrer ewigen Bedeutung, die ihre zeitliche

Existenz bedingt und begründet, folgt notwendigerweise der überzeitliche

Wahrheitscharakter der Thatsache. Eine ewige Bedeutung kann aber der

zeitlichen und vergänglichen einzelnen Thatsache nicht als solcher in

ihrer Vereinzelung sondern nur als Glied eines grösseren über ihre

Zeitlichkeit und Vergänglichkeit hinausgehenden Ganzen zukommen; nur als

Teil der Gesamtwirklichkeit, die als Ganzes wenigstens über die

Zeitlichkeit und Vergänglichkeit ihrer Teile hinausgeht. Schon im

gewöhnlichen Leben sprechen wir bei Thatsachen nur von Wahrheit, wenn sie

in den Zusammenhang des Wirklichen aufgenommen werden können und durch

ihre Stellung in diesem Ganzen eine Bedeutung gewinnen. Dass ein Stein am

Wege liegt, eine Person uns begegnet, nennen wir schwerlich eine Wahrheit,

ausser wenn die Betonung dieses Sachverhalts aus andren Gründen etwa wegen

eines gerichtlichen Verfahrens wichtig ist. Jedenfalls werden wir uns den

Wahrheitscharakter der Thatsachen, der notwendig ein überzeitlicher ist,

nur zum Bewusstsein bringen können, wenn wir sie der zufälligen

Äusserlichkeiten, insbesondere ihrer Vereinzelung zu entkleiden und mit

Spinoza zu reden sub specie aeternitatis zu betrachten suchen. Ob und

inwiefern dies Streben von Erfolg gekrönt ist oder zu inhaltlich

bedeutsamen Erkenntnissen führt, mag fraglich bleiben; aber davon hängt

natürlich die notwendige Überzeitlichkeit des Charakters der Wahrheit

nicht ab.

Eine Folgerung drängt sich auf: das Gelten steht höher als das Existieren;

das Existieren ist nur möglich durch das Gelten. Mit andren Worten: die

Wahrheit steht höher als die Wirklichkeit und die Wirklichkeit ist nur

Wirklichkeit durch die Wahrheit. Aber was ist Wirklichkeit, abgesehen von

ihrer Wahrheit?

Vierte Untersuchung.

Nur Eine Wahrheit für alle Denkenden.

Was für alle Zeit gilt, gilt natürlich auch für alle Denkenden. Es giebt

entweder keine Wahrheit, oder aber sie gilt für alle Denkenden. Die

Wahrheit ist nicht ein Erzeugnis der menschlichen Organisation überhaupt

oder jeder einzelnen menschlichen Organisation insbesondere, sodass sie

nur für die Menschen gälte oder gar für jeden einzelnen Menschen eine

andere und besondere wäre. Alle Erkenntnis hat nur Einen Gegenstand, das

ist die Eine Wahrheit, die für alle Erkennenden dieselbe ist. Damit ist

aber keineswegs gesagt, dass die Wahrheit unabhängig vom Erkennen sei im

Sinne der Transcendenz oder des Dinges an sich. Bei einer solchen

Unabhängigkeit hörte die Wahrheit auf, Gegenstand des Erkennens zu sein.

Die unauflösliche Verbindung der Wahrheit mit dem Erkennen muss

festgehalten werden, wie immer diese Verbindung zu denken ist. Ausserdem

wird man von einer Abhängigkeit der Wahrheit vom göttlichen Denken oder --

wenn man diesen Ausdruck vorzieht -- vom »Bewusstsein überhaupt« und auch

vom menschlichen Denken reden dürfen, vorausgesetzt, dass das menschliche

Denken, wenn es wahr ist, eins mit dem göttlichen ist.

Gilt die Wahrheit, auch wenn wir sie nicht erkennen? Gilt das Gesetz der

Gravitation, ehe es Newton entdeckte? Zweifellos! Aber was heisst das

anders, als dass diese Wahrheit, wie alle andren, einen überzeitlichen

Charakter hat, dass sie ewig gilt! Muss man dann aber nicht schliessen,

dass die Wahrheit vorhanden sein kann, ohne unser Erkennen? Wir dürfen

nicht vergessen, dass auch unser Erkennen, wie alle Thatsachen, einen

überzeitlichen Charakter hat. Gewiss, es hat einen Anfang, es erlebt

Veränderungen, gehört also der Zeit an, wie alle zeitlichen Thatsachen.

Aber wir wissen nicht, wie sich später zeigen wird, was es mit der Zeit

auf sich hat, obgleich wir ihr die Bedeutung nicht absprechen. Sicher ist,

dass das Zeitliche vom Ewigen abhängig ist, dass es in seinem Hervortreten

in der Zeit durch das Ewige bedingt und bestimmt ist. Das gilt auch von

unsrem Erkennen. Aber nicht minder sicher ist, dass dieses Hervortreten in

der Zeit auch eine ewige Bedeutung hat, und das verbürgt uns seine

unauflösliche Verbindung mit der Wahrheit, in der allein diese ewige

Bedeutung ihren Grund haben kann.

Fünfte Untersuchung.

Die Wahrheit und das Urteil.

In jedem Urteile haben wir ein Bewusstsein der Wahrheit, wenn auch nur

einschliesslich und der Sache nach. Ausdrücklich und der Form nach ist

dies allerdings nur der Fall in dem Urteile: Es ist wahr, dass dies oder

jenes zutrifft! Natürlich handelt es sich hierbei nicht immer um ein

Bewusstsein der wirklichen, sondern oft auch nur der bloss vermeintlichen

Wahrheit. Dieses Bewusstsein geht seinem Sinne nach stets über die

Verbindung der Vorstellungen im Urteile hinaus und weist auf einen

Sachverhalt hin, der in der Verbindung der Vorstellungen zum Ausdrucke

kommen soll, aber von ihr verschieden ist. Wir nennen das die Beziehung

des Urteils auf die Objektivität, und diese ist mit dem in ihm enthaltenen

Bewusstsein der Wahrheit ein und dasselbe.

Wenn man das Urteil Ausdruck eines Sachverhalts nennt und darunter eben

nur diese Beziehung auf die Objektivität oder das Bewusstsein der Wahrheit

versteht, so ist dagegen nichts einzuwenden. Falsch wäre es aber, wenn man

das Wort Ausdruck im Sinne einer Nachbildung des Sachverhalts verstehen

wollte. Das im Urteil sich darstellende Erkennen ist keineswegs eine bloss

müssige Wiederholung der Wirklichkeit, ein blosses Spiegelbild derselben.

Dem Bilde ist es eigentümlich, eine Sache so wiederzugeben, wie sie

unabgebildeter Weise ist. Wäre das Erkennen ein blosses Bild der Wahrheit,

so würde es die Wahrheit wiedergeben, wie sie unerkannter Weise ist. Die

Wahrheit würde zum unerkennbaren Ding an sich. Im Erkennen haben wir nicht

ein blosses Bild der Wahrheit sondern die Wahrheit selbst. Es ahmt sie

nicht nach (homoiosis), sondern nimmt an ihr teil (koinonia), sie ist in

ihr gegenwärtig (parusia). Wir nehmen im Erkennen die Wahrheit selbst in

Besitz, nicht bloss ihr Spiegelbild, ihren Abdruck im Bewusstsein. Davon

überzeugt uns immer wieder die Reflexion auf den Erkenntnisvorgang.

Wichtig ist, dass wir im Urteile nicht bloss über die in ihm vorhandene

Verbindung der Vorstellungen hinausgehen, sondern mit unsrem Denken oder,

wenn wir auch das falsche Urteil berücksichtigen wollen, wenigstens in

Gedanken in die überzeitliche, ewige Welt, die für alle Denkenden in

gleicher Weise gilt, hineinreichen und mit ihr im Zusammenhange stehen.

Das ist die Bedeutung der Beziehung auf die Objektivität, die mit dem

Bewusstsein der Wahrheit ein und dasselbe ist. Diese überzeitliche, ewige,

für alle Denkenden gleicherweise geltende Welt ist die Welt, das Reich

oder auch die Region, das System der Wahrheit. Jeder Urteilende tritt mit

jedem Urteil in dieses allem sinnlichen Scheine nicht bloss sondern auch

allem Vergänglichen, Veränderlichen so entgegengesetzte Gebiet ein und

fasst in ihm festen Fuss.

Unsere Darlegung erinnert nicht bloss an Spinoza, der alles sub specie

aeternitatis betrachten will, sondern auch an Augustins veritates aeternae

et immutabiles, die ihren Grund nicht in dem veränderlichen menschlichen

Denken und ebensowenig in den veränderlichen Dingen der Welt sondern nur

in Gott haben können. Sie erinnert ferner an den Satz von Nikolaus von

Cues, der wieder an Eckhart anklingt, dass die ideelle Existenz der Dinge

(in dem Gedanken Gottes) wahrer ist als die in Raum und Zeit erscheinende

körperliche Existenz. Sie erinnert endlich ganz besonders an die

Ideenlehre Platons. Das, was wir Wahrheit nennen, ist in der That eine

Platonische Idee, oder sie umfasst vielmehr die ganze Ideenwelt Platons,

welche die Erscheinungswelt in ihrem Sein bedingt.

Zweiter Abschnitt.

Die Wahrheit und das Wesen der Dinge.

Sechste Untersuchung.

Wesentliche und nicht wesentliche Merkmale.

Das Erkennen ist auf das Wesentliche gerichtet. Sein Ziel ist das Wesen

der Dinge. Das Wesentliche soll im Gegensatz stehen zu dem Zufälligen und

scheint dann als das Notwendige, Unentbehrliche betrachtet zu werden. Es

fragt sich, wem notwendig, wem unentbehrlich? Natürlich dem Begriff des

Dinges (Ding im allgemeinsten Sinne genommen, in dem es auch

Eigenschaften, Vorgänge und Beziehungen umfasst). Allein, fragen wir

weiter, woraus besteht der Begriff? so lautet die Antwort: aus den

wesentlichen Merkmalen. Durch Zurückgreifen auf den Begriff kommen wir in

der Erkenntnis dessen, was unter wesentlich zu verstehen ist, nicht

weiter.

Jedenfalls setzt die Unterscheidung wesentlicher und zufälliger Merkmale

die Annahme eines Wertunterschieds unter den Merkmalen voraus. Und an

dieser Annahme wird festgehalten werden müssen. Schon wenn wir von der

Gestalt und Grösse der Ausdehnung, von der Höhe und Stärke eines Tones,

von der Richtung und Geschwindigkeit der Bewegung reden, tritt dieser

Wertunterschied deutlich hervor. Das erstgenannte Merkmal ist das

vorzüglichere, dem das zweite als Eigenschaft untergeordnet wird. Aber

nicht das Umgekehrte gilt. Man kann den Kaukasier nicht definieren als ein

menschliches Weisses, den Menschen nicht als ein zweibeiniges und

zweihändiges oder als ein zweifüssiges ungefiedertes Wesen, wenn gleich

diese Definitionen eine Unterscheidung des Kaukasiers von den andern

Menschentypen und des Menschen von allen andern Dingen ermöglichen. Warum

nicht? Weil die weisse Farbe, die Zweifüssigkeit, Ungefiedertheit keine

wesentlichen Merkmale bilden, das Weiss-Sein ausserdem sich dem

Mensch-Sein nicht überordnen lässt. Die Alten hatten recht, wenn sie im

Anschluss an Porphyrius nicht unterschiedslos alle Merkmale, die einem

Dinge und nur ihm zukommen, in seine Definition aufgenommen wissen

wollten, sondern nur gewisse wertvolle, die sie die wesentlichen nannten.

Auch darin hatten sie recht, wenn sie von den wesentlichen Merkmalen nicht

bloss die zufälligen, wie z. B. die Farbe beim Menschen, unterschieden,

sondern auch die notwendigen, die sogenannten Proprietäten. Was notwendig

zum Wesen des Menschen gehört, wie z. B. die Zweifüssigkeit, ist darum

noch nicht ein Bestandteil dieses Wesens.

Siebente Untersuchung.

Wie gewinnen wir die wesentlichen Merkmale?

Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass wir weder die einer Reihe von Dingen

gemeinsamen, sogenannten allgemeinen Merkmale, noch die im Laufe der

Entwicklung eines Dinges sich gleichbleibenden sogenannten konstanten

Merkmale mit den wesentlichen verselbigen dürfen. Es bedarf ferner nicht

eines Durchlaufens einer Reihe von gleichen oder ähnlichen Dingen oder der

Entwicklungsphasen ein und desselben Dinges um das Wesentliche an ihnen zu

entdecken. Freilich kann nicht geleugnet werden, dass dieses Verfahren der

Generalisation die Auffindung der wesentlichen Merkmale häufig

unterstützt. Sind die Umstände und Verhältnisse der Gegenstände, um deren

Erkenntnis es sich handelt, sehr verwickelt und schwer überschaubar, so

mag es unentbehrlich sein, aber doch nur für die Ausscheidung der

unwesentlichen Merkmale, nicht unmittelbar für die Auffindung der

wesentlichen. Die Abstraktion ist natürlich früher als die Generalisation,

weil deren Bedingung. Durch die Abstraktion gewinnen wir unter andrem auch

die wesentlichen Merkmale. Eine kleine Menge Wasser genügt dem Chemiker,

die Zusammensetzung des Wassers, alles Wassers aufzuweisen, eine einzige,

beliebig gewählte Dreiecksfigur dem Mathematiker, die Eigenschaften aller

Dreiecke darzuthun. Das bekannte Verfahren der Induktion, bei der von

einer grösseren oder geringeren Zahl von Einzelfällen ausgegangen und aus

ihnen mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit auf einen

allgemeingültigen Sachverhalt geschlossen wird, kommt ebenso wie das

Verfahren der Generalisation nur dann zur Anwendung, wenn die Umstände und

Verhältnisse sehr verwickelt und schwer überschaubar sind. »Die wahre

Methode geht« nach Liebig (von Liebig, Franz Bacon und die Methode der

Naturwissenschaften 1863 S. 47) »vom einzelnen Falle, nicht von vielen

Fällen aus«. Das deutet auch Goethe an, wenn er (W. XXII. S. 264) sagt:

»Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall. Was ist das Besondere?

Millionen Fälle.«

Indes, was ist denn das Mittel für die Erfassung des Wesentlichen? Ein

einfacher Blick des Geistes, über den freilich keineswegs jedermann

verfügt. Eine grosse Anzahl selbst von den wissenschaftlichen Forschern

hängen an Einzelheiten, Äusserlichkeiten, dringen nicht ein in den Kern

der Sache, nicht in das, worauf es ankommt. Der Blödsinnige und Dumme

ermangelt dieses Blickes gänzlich. Jener bleibt mit seinem sprunghaften

Denken keinen Augenblick bei derselben Sache, dieser sieht, wie man zu

sagen pflegt, vor lauter Bäumen den Wald nicht. Insbesondere zeigt dies

der Ungebildete durch Heranziehung aller, auch der gleichgültigsten

Nebenumstände bei Darstellungen und Erzählungen. Ihnen allen fehlt der

Blick des Geistes für das Wesentliche.

Etwas dieser eigentümlichen Funktion des Bewusstseins Ähnliches haben wir

in dem, was man in der Wissenschaft als Aperçu oder Intuition bezeichnet.

Man muss darunter auch einen, wie man sagt, vorausschauenden Blick des

Geistes verstehen, durch den die wissenschaftlichen Ergebnisse, die das

Ende einer längren Gedanken- und Forschungsarbeit bilden und sie zum

Abschlusse bringen, vorweggenommen oder unmittelbar aufgefasst werden.

Freilich ist diese Vorwegnahme oder unmittelbare Auffassung keineswegs

schon eine Erkenntnis. An sie anschliessend nimmt die eigentliche

wissenschaftliche Gedanken- und Forschungsarbeit erst ihren Anfang,

zunächst sozusagen bloss probierend und tastend. Aber dieses eigentliche

wissenschaftliche Verfahren erhält doch durch das im voraus erfasste

Ergebnis seine Richtung und sein Ziel. Ihm liegt die Aufgabe ob, für das

Aperçu oder die Intuition den Beweis zu führen und sie dadurch zu einer

wirklichen Erkenntnis zu erheben. Wir werden bald sehen, dass der Blick

des Geistes, durch den wir die wesentlichen Merkmale gewinnen, darin mit

dem wissenschaftlichen Aperçu und der wissenschaftlichen Intuition

Ähnlichkeit hat, dass wir durch ihn und für sich allein noch keineswegs

Erkenntnisse gewinnen.

Achte Untersuchung.

Die wesentlichen (begrifflichen) Merkmale sind nicht aus den sinnlichen

(vorstellungsmässigen) abzuleiten.

All unsrem Erkennen liegen Sinnenbilder zu Grunde. Auf das in den

Empfindungen gegebene, das Sinnliche, Sinnfällige, muss, sei es zur

Begründung, sei es zur Verdeutlichung unsrer Erkenntnisse, immer

zurückgegriffen werden; zur Verdeutlichung insbesondere dann, wenn es sich

um die Erkenntnis des Nichtsinnlichen, Geistigen handelt. Die

Grundbestandteile dieses Sinnlichen, Sinnfälligen bilden die Sinnenbilder

der Ausdehnung und Bewegung. Von beiden haben wir Tast- und

Gesichtsbilder, auch von der Bewegung (etwa die Berührungsempfindungen von

einem über die Hand kriechenden Sonnenkäfer), denen entsprechende

Gesichtsempfindungen zur Seite gehen. Natürlich sind diese Bilder selbst

ausgedehnt und bewegt und heissen nur uneigentlich Bilder von der

Ausdehnung und Bewegung. Das deutet schon darauf hin, dass wir unter der

Ausdehnung und Bewegung etwas andres verstehen müssen als diese

sogenannten Sinnenbilder. Was wir unter Ausdehnung und Bewegung verstehen,

das zeigen die Worte Ausdehnung und Bewegung an. Diese Worte sind

sozusagen Zeichen für ein in uns vorhandenes ruhendes Wissen, eine

Wissensdisposition, eine Fähigkeit, in Urteilen darzulegen, was Ausdehnung

und Bewegung ist, oder wenigstens jederzeit diese Worte richtig

anzuwenden. Wir wissen, dass die Ausdehnung eine Vielheit gleichzeitiger

einander berührender Teile, die Bewegung eine Vielheit aufeinander

folgender, ineinander übergehender Teile umfasst. Gleichzeitige Vielheit

und Berührung, aufeinander folgende Vielheit und Übergang, das sind die

Bestandteile der Begriffe Ausdehnung und Bewegung, die wesentlichen

(begrifflichen) Merkmale der Ausdehnung und Bewegung. Aber sind diese

Merkmale nicht schon in den Sinnenbildern der Ausdehnung und Bewegung

vorhanden, nicht in ihnen unmittelbar gegeben, sodass sie sich also von

den sinnfälligen, sinnlichen gar nicht unterscheiden oder höchstens doch

durch eine in Gestalt von Worten vermittelte Umformung aus ihnen

abgeleitet werden könnten? Wenn die Sinnenbilder selbst ausgedehnt und

bewegt sind, so sind diese Merkmale so in ihnen enthalten, wie in jedem

andren Ausgedehnten und Bewegten. Aber um sie zu finden, dazu bedarf es

eben eines Finders, der von den sinnlichen Empfindungen selbst verschieden

ist, eben jenes Blickes des Geistes, dem wir die Gewinnung der

wesentlichen Merkmale zuschreiben. Die Sinnenbilder an und für sich

genommen sind nichts andres als Zusammensetzungen von Empfindungen, die je

den Teilen der Netzhaut und Tasthaut entsprechen. Sie sind Zustände des

Bewusstseins, die noch gar nicht einmal einen gegenständlichen Charakter

haben, noch nicht einmal als Objekte uns gegenübertreten. Unsrem

entwickelten Bewusstsein erscheint freilich ihre Gegenständlichkeit als

etwas Selbstverständliches; aber doch nur darum, weil ihnen der Finder,

der Blick des Geistes, gegenübersteht.

Wie werden ursprünglich aus den, sagen wir einmal bloss subjektiven

Empfindungen -- an sich genommen sind die Empfindungen ja weder subjektiv

noch objektiv -- Vorstellungen? Wie es scheint auf folgendem Wege. Mit den

Bewegungen unsrer eigenen Glieder sind Willensimpulse verbunden; sie

kehren regelmässig bei den sogenannten willkürlichen Bewegungen wieder und

associieren sich so mit den Sinnenbildern der Ausdehnung und Bewegung

dieser Glieder. Wenn nun Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung, mit

denen diese Willensimpulse nicht verbunden sind, in uns auftreten, so wird

das Gedächtnisbild dieser Willensimpulse reproduziert und auch diesen

Sinnenbildern unterlegt. So treten dann diese Sinnenbilder als

Willensdinge den Sinnenbildern, die von vornherein mit den Willensimpulsen

verbunden sind, gegenüber. So erhalten diese erstren Sinnenbilder diesen

letztren gegenüber, wie es scheint, ursprünglich einen gegenständlichen

Charakter, oder, wie wir ohne Gefahr des Missverstandenwerdens besser

sagen, sie werden zu Vorstellungen. Gegenstände im eigentlichen Sinne als

das dem Geiste Gegenüberstehende giebt es für ihn erst auf Grund des

Urteils.

Wir nannten die Sinnenbilder, mit denen associativ Willensimpulse

verbunden sind -- auch von den Sinnenbildern, mit denen sie ursprünglich

verbunden sind, können wir das Gleiche sagen, -- Willensdinge. Es ist

bekannt, dass die Wilden ebenso wie unsere Kinder und Dichter alles als

belebt und beseelt, alles als mit Gefühl und Willen ausgestattet,

auffassen. Diese Animismus genannte Erscheinung hält natürlich der

fortschreitenden Erfahrung gegenüber nicht Stand. Der geworfene Stein und

die freifliegende Taube werden bald unterschieden. Von dem Willensding

bleibt dann nur übrig, 1. dass es einen Raum ausfüllt, der nicht zugleich

mit ihm von einem andren Dinge eingenommen werden kann -- das Willensding

wird zur Substanz; 2. dass es jedem Eindringen in diesen Raum Widerstand

entgegensetzt, also Einwirkungen ausübt -- das Willensding wird zur

Ursache. Man könnte denken, diese wesentlichen (begrifflichen) Merkmale

der Dinge im engren Sinne seien wieder unmittelbar in den mit

Willensimpulsen verbundenen Sinnenbildern der Sinnendinge gegeben. Aber

auch hier gilt: es bedarf des Finders, des Blickes des Geistes, und erst

dieser schafft, erzeugt, freilich nicht willkürlich, sondern im engen

Anschluss und gemäss dem Sinnenbild, in seiner Thätigkeit von ihm bedingt

und bestimmt, das wesentliche oder begriffliche Merkmal. Das Finden,

Erblicken, auf geistigem Gebiete ist eben nicht ein materielles Aufnehmen

sondern ein Erzeugen, ein Schaffen. Allein, sollte man nicht annehmen

dürfen, dass wir diese begrifflichen Merkmale nur durch die urteilende

Thätigkeit gewinnen? Zumal wir ja die Vielheit der Teile des Ausgedehnten

und der Bewegung anscheinend nur durch Unterscheidung der Teile im Urteile

erhalten. Diese Unterscheidung im Urteil setzt die Erfassung der Teile als

einzelner, sozusagen eine Unterscheidung durch den einfachen Blick des

Geistes voraus. In der durch diese Unterscheidung gegebenen Vereinzelung

sind die Teile im Sinnenbilde der Ausdehnung und Bewegung nicht vorhanden,

sondern können erst durch den Blick des Geistes gewonnen werden. Dasselbe

gilt dann natürlich auch von dem Moment der Berührung und des Übergangs,

den andern begrifflichen oder wesentlichen Merkmalen der Ausdehnung und

Bewegung, in denen die einzelnen Teile zu zweien zusammengefasst werden.

Gewiss kommt in unsrem entwickelten Bewusstsein wie jene Vereinzelung so

auch diese Zusammenfassung im Urteil zum Ausdruck. Aber wie die im Urteil

gegebene Vereinzelung, so setzt auch die in ihm gegebene Zusammenfassung

den einfachen Blick des Geistes, dem wir die Gewinnung der wesentlichen

Merkmale zuschreiben, voraus. Diese durch den einfachen Blick des Geistes

sich vollziehende Vereinzelung und Zusammenfassung erzeugt neue

gedankliche Gebilde im Geiste, eben die wesentlichen, begrifflichen

Merkmale, die wir mit den Worten gleichzeitige, aufeinanderfolgende

Vielheit, Berührung, Übergang bezeichnen und die die Grundlage der

betreffenden unterscheidenden und zusammenfassenden Urteile bilden.

Wir können nicht zugeben, dass die wesentlichen Merkmale, aus denen der

Begriff nach allgemeiner Annahme besteht, in den Sinnenbildern oder

Vorstellungen in dem hier erklärten Sinne wirklich enthalten sind. In

andren Fällen tritt uns das noch deutlicher entgegen. Wir haben

Sinnenbilder vom Punkt, der keine Ausdehnung hat, von der Linie, die nur

_eine_ Ausdehnung, von der Fläche, die nur zwei Ausdehnungen hat, von

einem luftartigen Gebilde als dem Geiste, der den ausschliessenden

Gegensatz zu allem Körperlichen ausmacht. Es ist einleuchtend, dass die

hier genannten wesentlichen Merkmale des Punktes, der Linie, der Fläche,

des Geistes nur durch Negation des in den betreffenden Sinnenbildern

Enthaltenen gewonnen werden können. Die Negation im eigentlichen Sinne hat

nur im negativen Urteile ihre Stelle, aber diese im negativen Urteil

gegebene Negation setzt den Blick für das, was anders ist, als das, was

negiert wird, voraus.

Neunte Untersuchung.

Das Wesen der Dinge.

Aber wir haben immer noch nicht erklärt, was das Wesentliche eigentlich

ist oder worin das Wesen der Dinge besteht. Am einfachsten scheint die

Sache bei den mathematischen Gebilden zu liegen. Das Wesen eines Kreises,

einer Ellipse besteht natürlich nicht in der gezeichneten und von uns

gesehenen Linie, viel eher in der mathematischen Formel, durch welche das

Verhältnis der Linie zu dem einen Mittelpunkt des Kreises und zu den

beiden Mittelpunkten der Ellipse bestimmt wird, in dem Gesetze des Kreises

und der Ellipse. Sicher kommt die mathematische Formel dem Wesen des

Kreises und der Ellipse näher als die gezeichnete und gesehene Linie, die,

um gezeichnet und gesehen zu werden, im Widerspruch mit sich selbst

mehrere Ausdehnungen haben muss. Aber macht die mathematische Formel das

ganze Wesen des Kreises und der Ellipse aus? Sie gehören doch zu den

Kegelschnitten und nehmen innerhalb derselben eine bestimmte, durch neue

Formeln festgelegte Stellung ein. Diese gehört nicht minder zu ihrem

Wesen. Sie sind Linien, und Linien begrenzen Flächen; Flächen begrenzen

Körper, Körper nehmen hinwiederum in der Gesamtheit des Wirklichen eine

Stellung ein, an der auch die Linien teilnehmen. Auch diese Stellung zur

Gesamtheit des Wirklichen gehört zum Wesen des Kreises und der Ellipse, ja

es ist einleuchtend, dass sie ihr eigentliches Wesen bilden muss, da aus

ihr die Einzelstellung dieser mathematischen Gebilde und somit ihre

mathematische Formel sich ergiebt und abgeleitet werden kann. Was vom

Wesen des Kreises und der Ellipse gilt, wird vom Wesen aller Dinge

behauptet werden müssen. Eine rohe Auffassung sieht in diesem Wesen einen

beharrlichen, unveränderlichen Seinskern, an dem sich die mit dem Begriffe

des Dinges verträglichen Veränderungen vollziehen sollen. Einen solchen

unveränderlichen Seinskern giebt es nicht in den Dingen. Die Veränderungen

sind Veränderungen der Dinge, nicht an den Dingen. Man kann sich auch

nicht auf den Begriff des Dinges berufen, um die mit seinem Wesen

verträglichen Veränderungen des Dinges zu gewinnen. Denn der Begriff, der

die wesentlichen Merkmale umfasst, setzt das Wesen des Dinges voraus. Das

unveränderlich sich Gleichbleibende in den Dingen ist ihre Stellung zur

Gesamtheit des Wirklichen. Sie verleiht den Dingen eine überzeitliche

Geltung und eine ewige Bedeutung; in ihr besteht das Wesen der Dinge, und

dieses Wesen ist mit ihrer Wahrheit ein und dasselbe. Wie die Wahrheit, so

ist darum auch das Wesen unveränderlich und ewig. In diesem höchsten Sinne

giebt es von jedem Ding nur Einen Begriff. Er ist der Ausdruck für seine

Stellung in der Gesamtheit des Wirklichen, oder, wie wir auch sagen

können, für seine Stellung in dem System der Wahrheit. Natürlich ergiebt

sich auch aus der Stellung eines Dinges in der Gesamtheit des Wirklichen,

welche Veränderungen es durchlaufen kann, oder welche Veränderungen für

die Geltendmachung dieser Stellung erforderlich sind.

Zehnte Untersuchung.

Der Begriff der Philosophie.

Können wir wirklich für unser Erkennen das Eindringen in das Wesen der

Dinge in diesem Sinne als Aufgabe in Anspruch nehmen? Geht eine solche

Aufgabe nicht über die Kraft des Erkennens hinaus? Gilt das Wesen der

Dinge nicht mit Recht für unerkennbar? Haben wir beispielsweise vom Wesen

der Farbe eine Erkenntnis? Die Physiker sagen, die Farben seien

Ätherschwingungen; die Physiologen nennen sie Empfindungen. Aber weder die

einen noch die andren können uns sagen, was es mit den Ätherschwingungen

und Empfindungen eigentlich auf sich hat, was ihr Wesen ist. Das Wesen der

Farbe würden wir erst dann erkannt haben, wenn wir den ursächlichen

Zusammenhang zwischen den Ätherschwingungen und unsren Empfindungen und

den Zweckzusammenhang zwischen beiden verstanden hätten, wenn wir wüssten,

warum die Ätherschwingungen die Farben erzeugen und wodurch sie das

vermögen. Davon aber sind wir sehr weit entfernt. Wir wissen nicht, wie

die durch die Ätherschwingungen erzeugten Gehirnvorgänge es machen, dass

die von ihnen ganz verschiedenen Farbenempfindungen auftreten, und noch

weniger, warum es der toten und gleichmässigen Ätherschwingungen bedarf,

um die ganze Farbenwelt hervorzuzaubern, die der Kunst der Malerei ihre

Existenz verleiht. Noch weniger können wir das Wesen des Menschen

erkennen. Platon nannte den Körper den Kerker und das Grab der Seele,

moderne Physiologen betrachten das Bewusstsein als ein überflüssiges und

unbequemes Nebenprodukt. Die Frage, warum der den Geist so oft behindernde

Körper mit dem den Körper so oft zum Siechtum verurteilenden Bewusstsein

verbunden ist, wird heutzutage kaum gestellt. Erst die Beantwortung dieser

Frage würde uns Aufklärung über das Wesen des Menschen geben. Aber wenn

wir das Wesen der Dinge gar nicht erkennen können, warum denn von dieser

Erkenntnis reden und von ihr so viel Aufhebens machen? Wir antworten: das

Ziel des Erkennens ist unzweifelhaft das Wesen der Dinge, und wer die

richtige Darstellung vom Erkennen geben will, darf dies sein Ziel nicht

ausser Acht lassen; mag das Erkennen dasselbe auch nur unvollkommen und

annähernd erreichen. Man hat die Philosophie nicht mit Unrecht als die

Wissenschaft vom Wesen der Dinge bezeichnet. Man muss sie folgerichtig

auch als die Wissenschaft der Fragen bestimmen, denn sie steht mitten im

Fragen und kommt aus dem Fragen gar nicht heraus. Aber ist das etwa eine

ihrer unwürdige Bestimmung? Ist die richtig gestellte Frage und das

Bewusstsein, sie nicht beantworten zu können, wirklich wertlos? Jedenfalls

ist diese Bestimmung ehrenvoller für die Philosophie, als wenn man sie,

ihrer gegenwärtigen Lage nicht ganz unangemessen, als die Wissenschaft

charakterisiert, in der jeder eine andere Meinung hat.

Dass die Philosophie die Wissenschaft der Fragen ist, zeigt sich

besonders, wenn wir den Begriff des Erkennens ins Auge fassen. Man spricht

von Erscheinung im Gegensatz zum Wesen und unterscheidet die Erscheinung

im metaphysischen und erkenntnistheoretischen Sinne. Unter der erstren

sind die Veränderungen der Dinge zu verstehen, die sich natürlich aus

ihrer Stellung in der Gesamtheit des Wirklichen ergeben und darum aus

ihrem Wesen erklären lassen. Unter der letztren sind die Denkvorgänge im

weitesten Sinne des Wortes, die auch und in erster Linie die sinnlichen

Empfindungen umfassen, zu verstehen. Sie vermitteln das Erkennen, und

insofern sie das wirklich oder vermeintlich thun, gelten sie als

Erscheinung der Dinge in uns. Was hat es mit dieser Erscheinung der Dinge

in uns, diesen Denkvorgängen, die das Erkennen vermitteln, auf sich? Was

hat das Erkennen zu bedeuten, was ist sein Wesen? Nur eine blosse

Abspiegelung, eine müssige Wiederholung der Dinge im Bilde? Sind auch die

für unsre Erfassung des Wirklichen so notwendigen Ortsbestimmungen, die

einerseits feste Punkte voraussetzen und anderseits sich doch in lauter

Beziehungen auflösen, und ebenso die Zeitbestimmungen, von denen das

Gleiche gilt, Bilder einer von ihnen unabhängig bestehenden Wirklichkeit?

Dem Bilde ist es eigentümlich, den Gegenstand so wiederzugeben, wie er

unabgebildeterweise ist. Wäre das Erkennen nur ein Bild des Wirklichen, so

würden wir den Begriff des Dinges an sich nicht entbehren können. Um ihn

zu vermeiden, mussten wir eine unauflösliche Verbindung des Erkennens mit

seinem Gegenstande, der Wahrheit annehmen. Aber erst, wenn wir die Art

dieser Verbindung zu bestimmen vermöchten, würden wir das Wesen des

Erkennens erkannt haben, mit ihm auch die Bedeutung der für unsere

Erfassung des Wirklichen so notwendigen Orts- und Zeitbestimmungen.

Elfte Untersuchung.

Die Wahrheit das höchste Gut.

Insofern die Philosophie als Wissenschaft vom Wesen der Dinge und vom

System der Wahrheit bezeichnet werden muss, ist sie auch die Wissenschaft

vom höchsten Gute: denn die Wahrheit ist in der That das höchste Gut,

dasjenige, wodurch alles andere Wert erhält. Wertvoll wird etwas nicht

etwa dadurch, dass es der Wahrheit nicht ermangelt, sondern geradezu durch

seine Wahrheit. Dass wir etwas aus sittlichen Gründen thun sollen, dass

etwas schön ist, gilt natürlich nur insoweit, als eben dies Thun-sollen

und das Schön-sein wahr ist. Wie wir gewöhnlich sagen, es gilt nur, wenn

das sittlich Gebotene wahrhaft oder wirklich sittlich, das für schön

erklärte wahrhaft oder wirklich schön ist. Wahrhaft und wirklich gut oder

schön ist etwas nur dann, wenn es dem allgemein für alle Denkenden und für

alle Zeit gültigen, dem in diesem Sinne objektiv gültigen Begriffe des

sittlich Guten und des Schönen entspricht. Mit diesem Begriff würde sich

unser Begriff vom sittlich Guten und Schönen erst decken, wenn wir ihn in

seiner Stellung im System der Wahrheit erkannt hätten. So lange und so

weit dies nicht der Fall ist, bleibt er missverständlich und einseitig; so

lange ist er darum kein unzweideutiger und vor allem kein vollständiger

Ausdruck des wahrhaft und wirklich Guten und Schönen. Für unsren Begriff

des sittlich Guten und des Schönen, sofern er wirklich wesentliche

Merkmale enthält, gilt: nicht ohne ihn giebt es etwas Gutes und Schönes.

Für den Begriff des sittlich Guten und Schönen im System der Wahrheit gilt

hingegen: nur durch ihn ist etwas schön, ist etwas gut. Auch das Gute und

Schöne erhält seine Wahrheit und Wirklichkeit lediglich durch seine

Stellung im System der Wahrheit oder dadurch, dass es in diesem System

eine Stelle hat. Ähnlich wie vom sittlich Guten und Schönen sprechen wir

auch von einem wahren, wirklichen Israeliten, von einem wahren, wirklichen

Menschen, von wahrem, wirklichem Golde u. s. w. Der hier als Massstab

zugrundeliegende Begriff, ein Soll-Begriff oder Idealbegriff, wird in

allen diesen Fällen von uns als etwas Allgemeingültiges geltend gemacht

oder in Anspruch genommen, als etwas, das alle anerkennen müssen, und

weist damit auf den ihm im System der Wahrheit entsprechenden Begriff hin.

Was wahrhaft und wirklich ist, wird dadurch über die Vergänglichkeit und

Veränderlichkeit hinausgehoben; es ist nicht bloss etwas Scheinbares,

nicht etwas zum Verschwinden Bestimmtes, nicht etwas Nichtseinsollendes.

Aber wenn dem Scheinbaren, dem Nichtseinsollenden auch kein Wert und keine

Wahrheit zukommen soll, so ist es doch nichtsdestoweniger eine

Wirklichkeit. Wie ist das möglich? Auch das Vergängliche und

Veränderliche, worin immer es besteht, ist nur wirklich durch seinen

überzeitlichen Charakter, durch seine ewige Bedeutung. Sollen wir auch dem

bloss Scheinbaren, dem Zufälligen, dem Nichtseinsollenden einen

überzeitlichen Charakter und eine ewige Bedeutung zuschreiben? Wirklich

kann es nur durch diesen seinen überzeitlichen Charakter und seine ewige

Bedeutung sein; nur durch sie wird es über den blossen inhaltleeren

Schein, über den blossen sinnlosen Zufall hinausgehoben, wie der Schatten

nur sein kann, indem er sich an die Dinge der Umgebung dessen heftet, von

dem er ausgeht. Das Scheinbare, Nichtseinsollende, Zufällige ist, wie

später klar werden wird, das nicht wahrhaft und wirklich sondern nur

anmasslich und vorgeblich Selbständige, das die geliehene Selbständigkeit

als wirkliche gebraucht und damit zum Schein herabsetzt.

Zweiter Hauptteil.

Unser Wissen.

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Dritter Abschnitt.

Kennzeichen der Wahrheit.

Zwölfte Untersuchung.

Die Bestandteile des Erkenntnisvorgangs.

Was wesentlich ist, ist einem Ding -- das Wort im weitesten Sinne genommen

-- wesentlich, es ist ihm zugehörig und gehört mit ihm zusammen. So führt

der Begriff des Wesentlichen auf den des Zusammengehörigen zurück. Das

zeigt sich insbesondere, wenn wir den alles Wesentliche zusammenfassenden

Begriff des Wesens der Dinge näher betrachten. Die Stellung der Dinge in

der Gesamtheit des Wirklichen, d. h. also ihre Zusammengehörigkeit mit

allem Wirklichen, macht das Wesen der Dinge aus. Die Zusammengehörigkeit

ist der Grundbegriff des Erkennens, in dem uns seine wesentlichste Seite

kund wird; das Wesen der Dinge und ihre Wahrheit ist sein Ziel, aber nur

durch Erfassung des Zusammengehörigen wird es erreicht.

Das, was zusammengehörig oder wesentlich ist, muss sorgfältig

unterschieden werden von seiner Zusammengehörigkeit oder Wesentlichkeit.

Wir erfassen dasselbe mit einem Blick des Geistes, über den das

entwickelte Bewusstsein verfügt. Es ist vor allem wichtig zu beachten,

dass dieser Blick nicht als eine Erkenntnis betrachtet werden kann. All

unser Erkennen setzt ein Vorgefundenes voraus, nicht als seine Quelle,

sondern als Ausgangspunkt für eine Reihe von Thätigkeiten, die ihm

vorangehen. Diesen Ausgangspunkt, also das Vorgefundene, bilden die

Empfindungen und die aus ihnen zusammengesetzten Sinnenbilder. Auch die

Willensdinge, die durch blosse Association der Sinnenbilder der Ausdehnung

und Bewegung mit den Willensimpulsen entstehen, ferner die ersten

Vorstellungen, die wir von einem uns Gegenüberstehenden gewinnen, gehören,

wie die Sinnenbilder selbst zu den Voraussetzungen des Erkenntnisvorganges

und können insofern dem Vorgefundenen zugerechnet werden.

Durch den Blick des Geistes, der eine besondere Art der Abstraktion

bildet, gewinnen wir den Begriff oder die wesentlichen Merkmale dieser

Willens- oder Sinnendinge. Natürlich belehrt uns dieser Begriff in keiner

Weise darüber, was den Sinnendingen für die Gesamtheit des Wirklichen für

eine Bedeutung zukommt. Hier zeigt sich insbesondere, dass die vielen

Begriffe, auch wenn sie die wesentlichen Merkmale umfassen, also wirkliche

Begriffe sind, von dem eigentlich einzig und allein diesen Namen

verdienenden Begriff, der die Stellung des Einzelnen im System der

Wahrheit bestimmt, ganz und gar verschieden sind. Zur Gewinnung dieses

Begriffs bedarf es eines sozusagen alles zusammenschauenden Blicks; für

die Gewinnung jener Begriffe genügt der in Gedanken trennende Blick. Diese

in Gedanken sich vollziehende Trennung ist der eigentliche Sinn der

Abstraktion, des lateinischen abstrahere, des griechischen aphaireisthai,

nicht das Absehen, viel eher das Hinsehen und Festhalten des einen, mit

Vernachlässigung und Beiseitesetzung des andren im Denken. Es ist klar,

dass ein solches Trennen, gedankliches Isolieren ein neues gedankliches

Gebilde eben das auf diese Weise Getrennte und Isolierte und zugleich

Festgehaltene erzeugen, erschaffen muss. Die so erzeugten, geschaffenen

Gebilde sind Einzelgebilde des Denkens und als solche im Denken vorhanden,

nicht erst in Urteilen gegeben. Wenn man den Nachdruck auf das Absehen,

Fallenlassen, das leicht als Ausscheiden, Verneinen gefasst werden kann,

legt, so liegt der Gedanke nahe, diese wesentlichen Merkmale seien für uns

nur in negativen Urteilen vorhanden. Aber das widerspricht einerseits der

Selbstbeobachtung, der Reflexion auf das, was wir thun, wenn wir diese

Gebilde festhalten: es ist ein einfaches Hinsehen, Hinblicken, dessen

thatsächlicher Nebenerfolg das Absehen freilich bildet, aber ohne als

besonderer Vorgang hervorzutreten. Anderseits setzen diese negativen

Urteile bereits die Isolierung der wesentlichen und unwesentlichen

Merkmale also eben diese isolierten Gebilde voraus. Durch diese Isolierung

gewinnen wir die wesentlichen Merkmale, die zu dem Sinnen- oder

Willensding gehören: Ausdehnung, Bewegung, Nebeneinander, Nacheinander,

Substanz, Kausalität. Was die Bedeutung dieser Worte ist, können wir

freilich nur in Urteilen angeben; aber daraus folgt nicht, dass wir den

Gedankengehalt dieser Worte auch nur durch Urteile gewinnen. Die Urteile,

in denen wir die Bedeutung dieser Worte darlegen, setzen vielmehr die

entsprechenden Einzelgebilde des Denkens voraus, in denen das in den

Urteilen Verbundene isoliert wird. Diese gedanklichen Einzelgebilde

schafft, erzeugt der Blick des Geistes, aber er entdeckt und findet sie

zugleich. Das, was er findet und entdeckt, ist jedenfalls von dem

Vorgefundenen verschieden, es ist eine Zuthat zu dem Vorgefundenen, die

freilich nicht willkürlich sondern ihm angemessen ist. Mit dieser Zuthat

ist das in der Empfindung Gegebene, das Vorgefundene jedenfalls

überschritten. Sie ist das, was wesentlich ist, das, was zusammengehörig

ist, wesentlich dem Dinge, zusammengehörig mit dem Ding, in dessen Besitz

wir zunächst durch den genannten Blick unseres Geistes gesetzt werden.

Die zweite über das Vorgefundene hinausgehende Stufe, die aber auch noch

nicht als eigentliche Erkenntnis betrachtet werden kann, besteht darin,

dass sich unsrem Bewusstsein die Wesentlichkeit des Wesentlichen, die

Zusammengehörigkeit des Zusammengehörigen aufdrängt, dass der Gedanke

daran sich als unabweislich darstellt. Das Sichaufdrängen der

Zusammengehörigkeit und Sichalsunabweislichdarstellen darf nicht falsch

verstanden werden. Es ist ein _Einleuchten_ und hat darum mit äusserem

Zwange, der uns die Empfindungen aufdrängt, oder mit innerer Nötigung, die

wir erfahren, wenn uns ein Gedanke verfolgt, nichts zu thun. Es wendet

sich einfach an die Vernunft des Menschen.

Nun folgt als dritte Stufe die eigentliche Erkenntnis, die in der

_Einsicht_ der Zusammengehörigkeit oder der Wesentlichkeit besteht.

Selbstverständlich ist der sich unabweislich aufdrängende Gedanke oder das

Einleuchten etwas von der Einsicht Verschiedenes. Nur in der Einsicht kann

die Erkenntnis bestehen. An die Einsicht schliesst sich als vierte Stufe

das Urteil an, das sich ganz auf die Einsicht stützt und nur als

gedanklicher Ausdruck der Einsicht aufgefasst werden kann. Als fünfte

Stufe folgt das Bewusstsein von der Objektivität des Urteils oder das

Bewusstsein der Wahrheit des Urteils, das seinen Grund in der zweiten

Stufe, dem Einleuchten der Zusammengehörigkeit hat. Es folgt als sechste

Stufe die Gewissheit, der Gegensatz des Zweifels, der allen Zweifel

ausschliesst und dem Bewusstsein die Festigkeit verleiht, wie der Zweifel

dasselbe ins Schwanken bringt. Es ist nach dem Zeugnis der Reflexion ganz

offenbar, dass die Einsicht, der eigentliche Erkenntnisakt, von ihrem

gedanklichen Ausdruck im Urteil verschieden ist. Weniger deutlich giebt

sich kund, dass von der Einsicht auch der Zustand der Gewissheit und das

Bewusstsein der Wahrheit verschieden ist; aber beide setzen die Erkenntnis

als vollendet voraus und dürfen darum nicht mit der Einsicht verselbigt

werden.

Das Urteil entspricht dem Finden der wesentlichen Merkmale durch den Blick

des Geistes. Wie durch das letztere ein Einzelgebilde des Denkens erzeugt

wird, so durch das erstere eben jene Urteil genannte Verbindung, sei es

eines Sinnenbildes, sei es eines Einzelgebildes des Denkens mit einem

andren Einzelgebilde, eben dem wesentlichen Merkmal. Wie das Einzelgebilde

des Denkens im Worte seinen Ausdruck findet, so die Urteil genannte

Verbindung im Aussagesatze. Aber sowohl das Einzelgebilde wie diese

Verbindung sind gedanklicher Natur und müssen darum sorgfältig von dem

sprachlichen Ausdrucke unterschieden werden. Der Auffindung des

wesentlichen Merkmales folgt das Einleuchten und die Einsicht, dem Urteil

das Bewusstsein der Wahrheit und die Gewissheit. Auch diese Glieder

entsprechen sich: das Einleuchten dem Bewusstsein der Wahrheit und die

Einsicht der Gewissheit. Es sind Zustände, nicht Schöpfungen des

Bewusstseins, von denen Einleuchten und Bewusstsein der Wahrheit einen

objektiven, Einsicht und Gewissheit einen subjektiven Charakter haben. Das

Kennzeichen der Wahrheit besteht für uns in dem Einleuchten, der zweiten

über das Vorgefundene hinausgehenden Stufe des Erkenntnisvorgangs. Es

liegt nahe -- und das geschieht oft genug -- die Einsicht für das

Kennzeichen der Wahrheit zu halten; wird doch das griechische enargein und

das lateinische evidentia oft genug mit Einsicht wiedergegeben oder die

Einsicht näher als das Einleuchten der Wahrheit erklärt. Natürlich kann

unter dieser Voraussetzung nicht von einem criterium secundum quod ausser

für die nachträgliche Reflexion, sondern nur von einem criterium quo

cognoscitur die Rede sein. Wir verstehen unter dem Kriterium oder

Kennzeichen der Wahrheit nicht diesen subjektiven Zustand der Einsicht

sondern das Einleuchten, Sichaufdrängen der Zusammengehörigkeit, die

Unabweislichkeit des Gedankens derselben, die natürlich etwas Objektives

ist und darum auch die Objektivität des Urteils oder das Bewusstsein

seiner Wahrheit begründen kann.

Dreizehnte Untersuchung.

Die Gesetze des Erkennens.

Die Wahrheit, das Ziel des Erkennens ist nicht eine zusammenhanglose Summe

von Teilen sondern ein Ganzes, in dem jeder Teil den andern bedingt und

trägt, kein Chaos sondern ein System, und dieses System ist der Wahrheit

so wesentlich, dass eine einzelne Wahrheit nur Wahrheit ist durch ihren

Zusammenhang mit dem Ganzen. Man kann darum streng genommen nicht von

einer einzelnen Wahrheit sprechen sondern nur von einem Reiche der

Wahrheit. Die verschiedenen zusammengehörigen Wahrheiten als

zusammengehörige, also ihre Zusammengehörigkeit zum Bewusstsein bringen,

so den Zusammenhang aller Wahrheit herstellen, oder besser gesagt die Eine

Wahrheit finden, das ist das Ziel des Erkennens. Die Ableitung und

Erschliessung der einen Wahrheit aus der andren ist nur die Kehrseite

dieses Zieles, seine bloss formale Folgeerscheinung, und von viel

geringerer Bedeutung.

Das ist freilich ein hohes, ein allzuhohes Ziel. Der Zusammenhang aller

Wahrheit, oder, was dasselbe ist, das Wesen der Dinge zu erkennen, den

Einen Gedanken zu finden, der über alles Licht verbreitet, ist uns bis

jetzt versagt. Wir müssen uns mit einzelnen Strahlen dieses Lichtes

begnügen. Wir kommen nur wenig über die wesentlichen Merkmale der Dinge

hinaus, und wenn wir darunter diejenigen verstehen, von deren

Zugehörigkeit zu den Dingen wir eine Einsicht haben, reichen wir in vielen

Fällen nicht einmal an diese heran. So tritt für unser Denken an die

Stelle des Gesetzes der Zusammengehörigkeit, das uns die Aufgabe stellt,

alle Wahrheiten in ihrer Zusammengehörigkeit und somit als die Eine

Wahrheit zu erfassen, das Gesetz der Übereinstimmung, nach dem sich die

Wahrheit und Falschheit unsrer einzelnen Urteile bestimmt. Wir

unterscheiden vier, beziehungsweise acht Formen dieses Gesetzes, deren

Wahrheit uns unmittelbar einleuchtet. Erstens, das Zugehörige muss

zugesprochen werden. Zweitens, das Zugehörige darf nicht abgesprochen

werden. Drittens, das Nichtzugehörige muss abgesprochen werden. Viertens,

das Nichtzugehörige darf nicht zugesprochen werden. Zu dem Zugehörigen

gehört auch das Enthaltene. Was in einem Subjekt enthalten ist, gehört zu

ihm, aber nicht das Gegenteil gilt: was in einem Subjekt nicht enthalten

ist, kann ganz wohl ihm zugehören. Daraus ergeben sich die vier weiteren

nicht die Zugehörigkeit sondern das Enthaltensein betreffenden Formen.

Fünftens, das Enthaltene muss zugesprochen werden. Sechstens, das

Enthaltene darf nicht abgesprochen werden. Siebentens, das Nichtenthaltene

darf nicht als enthalten zugesprochen werden. Achtens, das Nichtenthaltene

muss als enthalten geleugnet werden. Der Zusatz als enthalten in sieben

und acht ist notwendig, weil auch das Nichtenthaltene zugehörig sein kann.

Was immer zugesprochen oder abgesprochen wird, wird als zugehörig

zugesprochen oder abgesprochen; deshalb bedarf es des Zusatzes als

zugehörig in drei und vier nicht, er ist ohne weiteres in diesen Formen

eingeschlossen. Setzen wir voraus, dass das negative mit dem unendlichen

Urteil: der Mensch ist nicht sterblich -- ist unsterblich; der Kreis ist

nicht rund -- ist nichtrund, dieselbe Bedeutung hat, so ergiebt sich, dass

die Formen zwei und drei und die Formen sechs und sieben dasselbe

ausdrücken. Man kann sie im Gegensatz zu dem Gesetze der Übereinstimmung

als Formen des Gesetzes des Widerspruches bezeichnen, das eigentlich nur

die negative Seite des Gesetzes der Übereinstimmung bildet. Es ist ein

Widerspruch nicht bloss das Nichtenthaltene als enthalten zu behaupten,

wie es die siebente Form, sondern auch das Nichtzugehörige als zugehörig

zu behaupten, wie es die dritte Form verbietet.

Nicht bloss, was in einem Subjekt enthalten ist, kommt ihm zu, sondern

auch das nicht in ihm Enthaltene, sofern es zu ihm gehört. Würde nur das

erstere ihm zukommen, so gäbe es keinen Fortschritt im Erkennen. Aber

giebt es etwas nicht in einem Subjekt Enthaltenes, das trotzdem zu ihm

gehört? Ohne Zweifel, wenigstens für alle diejenigen, welche Sinnenbild

und Vorstellung von dem Begriff, der die wesentlichen Merkmale umfasst,

unterscheiden und von diesen wesentlichen Merkmalen behaupten, dass sie

nicht in den Sinnenbildern oder Vorstellungen enthalten sind. Fassen wir

unter dieser Voraussetzung das Subjekt unter der Vorstellung auf und legen

ihm ein wesentliches Merkmal bei, oder fassen wir es unter einem

wesentlichen Merkmal auf und legen ihm ein anderes wesentliches Merkmal

bei, so schreiben wir offenbar dem Subjekt etwas zu, das nicht in ihm

enthalten ist. Natürlich kommt dem Subjekt auch das zu, was in ihm

enthalten ist, und so ergiebt sich als besonderer Fall des Gesetzes der

Übereinstimmung das Gesetz des Enthaltenseins, das die Formen fünf bis

acht umfasst.

Es giebt sehr vieles, was in einem Subjekt nicht enthalten ist und ihm

doch nicht abgesprochen werden darf, vielmehr zugesprochen werden muss.

Freilich liegt es sehr nahe, alle Urteile für analytische oder

Erläuterungsurteile, d. h. auf dem Verhältnis des Enthaltenseins beruhende

Urteile zu halten, wenn man bloss auf den gedanklichen Ausdruck der

Urteile achtet. Allein diesem gedanklichen Ausdruck, der immerhin als

blosse Analyse betrachtet werden mag, liegt eine Synthese zugrunde. Wir

denken, ehe wir urteilen, das Subjekt unter dem Gesichtspunkt des

Prädikats. Die Zusammengehörigkeit beider drängt sich uns auf, wir sehen

sie ein, und nun machen wir sie im Urteil geltend. Das alles sind wahre

Synthesen, sie kehren bei allen Urteilen, die für den Fortschritt unsres

Erkennens von Bedeutung sind, wieder. Fasst man das so unter dem

Gesichtspunkte des Prädikats gedachte Subjekt als eine Einheit auf, so ist

das Urteil natürlich, wie es sich uns in seinem gedanklichen Ausdruck

darstellt, ein bloss analytischer Vorgang. Wäre es _bloss_ dies, dann gäbe

es keinen Fortschritt in unsrem Erkennen, da alles Erkennen sich in

Urteilen vollzieht, oder darin wenigstens seinen gedanklichen Ausdruck

findet. Der Begriff des Enthaltenseins und des analytischen Verfahrens

thut unsrem Erkennen nicht genüge; wir müssen ihn ersetzen durch den der

Zusammengehörigkeit und der Synthese.

Vom Enthaltensein kann nur bei einander über- oder untergeordneten

Begriffen die Rede sein; der übergeordnete Begriff ist in dem

untergeordneten enthalten. Dieses Verhältnis gilt also nur für die

sogenannten logischen Teile, für die Gattungs- und Artmerkmale, nicht für

die metaphysischen Teile. Geschwindigkeit und Richtung sind nicht in der

Bewegung enthalten, Stärke und Höhe nicht im Tone, sie sind Eigenschaften,

notwendige Eigenschaften von Bewegung und Ton, ohne die beide nicht sein

können, aber nicht Merkmale, die ihnen übergeordnet werden könnten; oder

genauer, die eine Gattung bilden, der Bewegung und Ton untergeordnet sind.

Das Verhältnis des Enthaltenseins ist das Verhältnis des Allgemeinen zum

Besondren. Es ist nicht das einzige, nicht einmal das wichtigste

Verhältnis für unser Erkennen. Die Inhaltsmerkmale oder Constitutive eines

Begriffs sind in ihm wirklich enthalten; sie sind ausser dem letzten

unterscheidenden Merkmale auch Merkmale des höheren, übergeordneten Art-

oder Gattungsbegriffes, und verhalten sich darum zu dem Begriff in der

That wie das Allgemeine zum Besondren. Der Gedanke liegt freilich nahe,

dass dieses Verhältnis, wenn nicht das einzige, so doch das

hauptsächlichste für unser Erkennen bildet. Gilt doch allgemein bei den

Aristotelikern das Prädikat des Urteils als der allgemeinere Begriff und

wird hiernach das Verhältnis von Subjekt und Prädikat als ein

Subsumtionsverhältnis bestimmt. Statt der Baum blüht, sollen wir hiernach

sagen, der Baum ist blühend, oder besser noch, ein blühendes Etwas; statt

der Mensch ist sterblich, der Mensch ist ein sterbliches Wesen. Auf diese

Weise wird freilich das Urteil in das Subsumtionsverhältnis eingespannt.

Aber die Eigentümlichkeit der von diesem Verhältnis verschiedenen

Verhältnisse von Ding und Vorgang, Ding und Eigenschaft werden dabei

unterdrückt und beseitigt. Man muss die vier Kategorien von Begriffen

unterscheiden: Ding, Eigenschaft, Vorgang, Beziehung. In jeder dieser

Kategorien giebt es über- und untergeordnete Begriffe, aber man kann die

Begriffe der einen Kategorie nicht denen der andren über- oder

unterordnen. Der Vorgang hat das Eigentümliche eines zeitlichen Anfangs,

Verlaufs und Endes, das einer Reihe von Veränderungen eines Veränderlichen

gleichkommt. Die Eigenschaft hat das Eigentümliche eines Unselbständigen

gegenüber einem Selbständigen, das an dessen Sein teilnimmt und ohne

dasselbe nicht vorhanden sein kann. Die Beziehung hat das Eigentümliche,

dass sie zwischen zwei Gliedern besteht und ohne diese Glieder nicht

vorhanden sein kann. Überall handelt es sich hier um Verhältnisse, die vom

Verhältnis des Allgemeinen zum Besondren oder vom Verhältnis des

Enthaltenseins verschieden sind und für unser Erkennen eine viel

wichtigere Rolle spielen. Die Eigenschaft ist das Endglied des

Substanzverhältnisses, der Vorgang das Mittelglied des

Ursachverhältnisses, die Beziehung das, was die Zusammenfassung der

einzelnen Wahrheiten zu dem System oder Reiche der Einen Wahrheit

ermöglicht.

Die einzige Möglichkeit, alles auf das Verhältnis des Enthaltenseins

zurückzuführen, besteht darin, dass man auch die sogenannten negativen

Merkmale als in den Dingen enthalten oder als Inhaltsmerkmale derselben

betrachtet. Dann ist in jedem Gegenstande alles Aussagbare enthalten.

Allein negative Merkmale setzen negative Urteile voraus und haben nur in

ihnen Halt und Bestand. Durch diese negativen Urteile werden sie aber

gerade von den betreffenden Gegenständen ausgeschlossen. Man müsste also

das Ausgeschlossene als eingeschlossen, d. h. das, was nicht zum Inhalt

gehört, als zum Inhalt gehörend, oder das, was nicht Bestandteil des

Inhalts ist, als Bestandteil des Inhalts betrachten, wollte man die

negativen Merkmale für Inhaltsmerkmale erklären. Heutzutage, wo wir so

stark sind in dem Voraussehen der Konsequenzen im praktischen Leben sowohl

wie in der Wissenschaft, dass wir darüber die Prinzipien kaum noch

beachten oder ununtersucht auf sich beruhen lassen, ist es nicht zu

verwundern, dass alles zur Analyse drängt und von Synthese nichts wissen

will. Aber der Natur und dem Wesen des Erkennens geschieht damit nicht

genüge. Das ist es, was wir betonen möchten.

Das Gesetz der Übereinstimmung, des Enthaltenseins und des Widerspruchs

sind Gesetze für die Einzelurteile, aber auch die einzigen Gesetze, nach

denen die Wahrheit und Falschheit der Einzelurteile bestimmt werden kann.

Sie sind in allen ihren Formen, jede für sich genommen, unmittelbar

einleuchtend. Das gewöhnlich aufgestellte Gesetz des ausgeschlossenen

Dritten ist nicht Gesetz für ein Einzelurteil sondern nur für das

Verhältnis zweier Urteile zu einander. Es lautet: Wenn von zwei Urteilen

eins dasselbe bejaht, was das andere verneint, -- so ist notwendig eins

von beiden wahr, sie können nicht beide falsch sein, die Wahrheit ist

nicht ein Drittes, von Bejahung und Verneinung nicht Betroffenes; -- sie

können nicht beide wahr sein, eins von beiden ist falsch, auch die

Falschheit ist nicht ein Drittes, weder in der Bejahung noch in der

Verneinung Ausgedrücktes. Nach diesem Gesetze folgt aus der Wahrheit von

eins die Falschheit des Gegenteils von zwei, aus der Falschheit des

Gegenteils von zwei die Wahrheit von zwei; und dasselbe gilt von drei und

vier, von fünf und sechs, von sieben und acht. Eigentlich heisst das

Gesetz nur: zwischen Bejahen und Verneinen giebt es kein Mittleres;

Bejahen und Verneinen sind ausschliessende Gegensätze. Dass sie es sind,

kommt uns bei einem Vergleiche von eins und zwei, drei und vier, fünf und

sechs, sieben und acht zum Bewusstsein. Aber auch nur hier, wo es sich um

das Einzelwirkliche handelt.

Einführung in die moderne Logik. Erster Teil. · 第 40 / 46 题