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Wer die Entwicklung der philosophischen Forschung der letzten zehn Jahre
mit aufmerksamem Blicke verfolgte, dem konnte es nicht entgehen, dass in
der Auffassung des Verhältnisses von Psychologie und Logik eine Wandlung
eintrat oder sich wenigstens anbahnte. Anfangs hatte es den Anschein, als
ob die Psychologie die Stellung einer ersten und herrschenden Disciplin
erhalten sollte. Das Erkennen und Denken sind doch Bewusstseinsthatsachen
und anderseits Voraussetzungen aller Wissenschaften und somit auch der
Philosophie. Was lag näher, als die Wissenschaft von den
Bewusstseinsthatsachen, die Psychologie, als grundlegende philosophische
Disciplin zu betrachten, ja noch mehr, sie zur Grundlage aller
Wissenschaften zu machen. Allmählich aber brach sich der Gedanke Bahn,
dass vom Erkennen und Denken als Bewusstseinsthatsachen das Erkannte und
Gedachte sorgfältig unterschieden werden müsse und dass die Untersuchung
hierüber eher das Recht in Anspruch nehmen könne als Voraussetzung aller
Wissenschaften und als grundlegende philosophische Disciplin zu gelten. So
trat die Logik an die Stelle der Psychologie; sie nahm wieder, wie ehemals
in der Philosophie, unter den philosophischen Disciplinen die erste Stelle
ein. Aber Hand in Hand damit ging auch eine andere Auffassung der Logik.
Man begnügte sich nicht mehr mit einer Behandlung der blossen Formen des
Denkens, sondern Fragen, die den Inhalt des Denkens und Erkennens, das
Gedachte und Erkannte betreffen, wurden in immer grösserer Zahl in die
Logik hineingezogen. Die Logik wurde aus einer formalen Disciplin, zu der
sie unter dem Einflusse Kants geworden war, in eine erkenntnistheoretische
Disciplin umgestaltet. Das hatte seinen Grund nicht bloss in der
Entwicklung der philosophischen Forschung, sondern wird auch durch die
Natur der Sache gefordert.
Verstehen wir unter Logik die Wissenschaft vom Denken, so ist doch nicht
alles Denken Gegenstand der Logik, sondern nur das Denken, durch welches
aus dem im Bewusstsein Gegebenen Erkenntnisse werden, das Denken also, das
seinen Zweck im Erkennen hat und ihm als Mittel dient. In der Logik ist
also das Denken dem Erkennen untergeordnet. Die Logik ist in erster Linie
Erkenntnislehre und erst in zweiter Linie Denklehre. _Was heisst Erkennen?
Was können wir erkennen?_ Das sind die Fragen, welche die Logik vor allem
zu beantworten hat. Ihre erste Aufgabe ist, den Begriff des Erkennens nach
seinem Inhalt und Umfang zu bestimmen.
Aber das Erkennen ist eine Thätigkeit, die sich auf ein Ziel richtet.
Dieses Ziel ist die Wahrheit. Eine solche Thätigkeit setzt die Erkenntnis
des Zieles, seiner Erreichbarkeit und der Normen, die sie zu befolgen hat,
voraus. Was Erkennen heisst, können wir nur bestimmen, wenn wir wissen,
was Wahrheit ist (Definition der Wahrheit), wie wir sie erreichen können
(Kennzeichen der Wahrheit), welche Regeln wir zu diesem Zwecke beobachten
müssen (Gesetze des Erkennens). Die Untersuchungen über den Begriff der
Wahrheit, über das Kennzeichen der Wahrheit und über die Gesetze des
Erkennens, wie ich sie in der vorliegenden Schrift dargestellt habe,
machten seit 1896 den ersten Teil meiner in jedem Sommer gehaltenen
Vorlesungen über Logik aus. Sie erscheinen hier um ein Beträchtliches
vermehrt, nämlich um den ganzen vierten Abschnitt dieser Schrift, der vom
Umfange unsers Wissens handelt. In diesem Abschnitte beantworten wir die
zweite Frage der Erkenntnistheorie: Was können wir erkennen? während die
Untersuchungen über die Definition der Wahrheit, das Kennzeichen der
Wahrheit und die Gesetze des Erkennens, die drei ersten Abschnitte dieser
Schrift umfassend, die erste Frage der Erkenntnistheorie: Was heisst
Erkennen zu beantworten suchen.
Die Auffassung der Logik als erkenntnistheoretischer Disciplin ist eine
Wendung zum Besseren. Allein rücksichtlich dessen, was Erkenntnistheorie
zu leisten hat und leisten kann, gehen die Meinungen weit auseinander. Das
Erkennen im gewöhnlichen von allen wissenschaftlichen Forschern mit
Ausnahme einiger Erkenntnistheoretiker angenommenen Sinne hat eine
_metaphysische_ Bedeutung. Die Wahrheit ist ein metaphysischer Begriff.
Was wahr ist, ist nur wahr, weil es für alle Zeit und darum für die
Ewigkeit gilt. Nur darum gilt es auch für alle Denkenden. Wirklich ist
etwas nur, weil es an diesem Ewigkeitscharakter der Wahrheit teilnimmt.
Diesem Begriff der Wahrheit möchten viele um jeden Preis aus dem Wege
gehen, obgleich er in jeder ernstgemeinten Behauptung wiederkehrt und
natürlich von allen wissenschaftlichen Forschern ausser einigen
Erkenntnistheoretikern, wenn auch unbewusst, festgehalten wird. Man greift
zu allerlei Kunststücken, beginnt mit der Umdeutung und endet mit der
Wegdeutung dieses Begriffs -- alles aus Scheu vor der Metaphysik. Man hat
das Gefühl, diese Forscher wandern an einem Abgrunde in beständiger
Furcht, in ihn hineinzufallen. Der Abgrund heisst Metaphysik. Oft werden
sie vom Schwindel ergriffen und fallen wirklich hinein. Der Begriff der
Wahrheit lässt sich eben nicht unterdrücken. Aber alsbald arbeiten sie
sich wieder in die Höhe und setzen ihre gefährliche Wanderung fort. Ihre
mühselige Arbeit macht einen trostlosen Eindruck. Das Ergebnis ist ein
unfruchtbarer Formalismus.
Kant wollte das Wissen beseitigen, um dem Glauben Raum zu schaffen. Hätte
er diesen Gedanken weiter verfolgt, dann würde er zu einer Würdigung der
geschichtlichen Erkenntnisse gekommen sein, die wir bei dem grossen Denker
vermissen. Denn die Glaubensüberzeugungen gehören zu den geschichtlichen
Erkenntnissen. Für unsere modernen Formalisten hat dieser Gedanke Kants
keinen Wert, sie empfinden ihn als des grossen Kant unwürdig. Folgerichtig
darf man darum auch bei ihnen keine Würdigung der geschichtlichen
Erkenntnisse erwarten. Es scheint oft, als ob sie durch die
Erkenntniskritik nur der vergötterten Naturwissenschaft freie Bahn machen
wollen und als ob diese an die Stelle des realen Inhalts der Philosophie
treten soll. Und doch ist der Erkenntnis- und Bildungswert der
Naturwissenschaft, wie wir zeigen werden, viel geringer als der der
Geschichte.
Die gegensätzliche Trennung des Erkennens und seines Gegenstandes führte
Kant zu dem Unbegriff des Dinges an sich oder des Gegenstandes, wie er
unerkannterweise ist. Unsere Formalisten möchten dieses caput mortuum der
Kantischen Spekulation am liebsten beseitigen oder durch den
transcendentalen Gegenstand, die Regel der Vorstellungsverknüpfung
ersetzen -- da das Ding an sich nach ihrer Meinung die Grundvoraussetzung
aller Metaphysik bildet. Wäre das der Fall, dann müsste man freilich aller
Metaphysik entsagen. Denn das Ding an sich ist in der That ein ungereimter
Begriff. Aber gerade die Aufrechthaltung der metaphysischen Bedeutung des
Erkennens und sie allein macht, wie wir zeigen werden, die Beseitigung des
Dinges an sich möglich.
Die Scheu vor der Metaphysik ist noch viel verbreitet; sie ist eine
Nachwirkung der sensualistischen Psychologie und der formalistischen
Logik. Aber die Anzeichen einer Entwicklung des philosophischen Denkens,
die der Metaphysik günstig ist, mehren sich. Viele bekennen sich
rückhaltlos zur Metaphysik und treten mutig für sie ein. Sie möchten
nicht, dass ein formalistischer Logismus die Stelle des sensualistischen
Psychologismus einnähme. Auch der formalistische Logismus kann wie der
sensualistische Psychologismus nur eine vorübergehende Entwicklungsphase
der Philosophie sein. Die Logik bedarf notwendig zu ihrem Unterbaue einer
Auseinandersetzung über die Wahrheit im alten Sinne, und diese
Auseinandersetzung ist ein Zweig der Metaphysik. Das ist die Anschauung,
die wir im ersten Teile unserer Schrift vertreten.
Die Erkenntnistheorie umfasst die schwierigsten Fragen der Philosophie.
Ihr Verständnis setzt nachdenkliche verinnerlichte Naturen voraus, die
heutzutage nicht allzuhäufig sind. Gewiegte Pädagogen behaupten, dass
manchen im übrigen gut begabten Schülern jede Anlage für Mathematik fehlt.
Mit anscheinend grösserem Rechte kann man sagen, dass fast allen Menschen
mit sehr wenigen Ausnahmen die Anlage für jenen Teil der Philosophie
abgeht. Aber ich bin überzeugt, dass jeder einigermassen Beanlagte bei
entsprechendem Unterrichte ein Verständnis der Mathematik gewinnen kann.
Und was dem Eindringen in jenen schwierigen Teil der Philosophie
hinderlich im Wege steht, sind Lebensgewohnheiten, die durch
Selbsterziehung überwunden werden können und überwunden werden müssen. Wer
fühlt sich nicht angezogen von der Schilderung des wahren Philosophen im
platonischen Theätet? Wer möchte sich von einem Platon nicht gern die
Weihe des Gedankens erteilen lassen? Aus der schwierigsten dieser Fragen,
der Frage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Wirklichkeit redet der
Geist Platons zu uns. Er hat sie zuerst gestellt, und die Antwort, welche
er gab, ist auch heute noch beachtenswert.
Ich habe das Buch geschrieben für diejenigen, welche diese schwierigen
Fragen studieren d. h. durchdenken wollen, um sich eine eigene Meinung zu
bilden; nicht für die, welche sich mit einer blossen Kenntnisnahme der in
der Erkenntnistheorie behandelten Fragen begnügen möchten. Kritische
Auseinandersetzungen mit den Anschauungen anderer, diese Schatten für das
Licht der eigenen Gedanken, die seinen Glanz erhöhen sollen, wurden
grundsätzlich vermieden. Sie sind für die blosse Kenntnisnahme nützlich,
für die Vertiefung in die Sache meistens schädlich.
Hoffentlich dienen dem Zweck dieser Vertiefung das ausführliche
Inhaltsverzeichnis, das die behandelten Thesen der Reihe nach formuliert
und das ebenso ausführliche Namen- und Sachregister, das die erörterten
Grundbegriffe in alphabetischer Folge darstellt. Beide zeigen, wie viel
Gedankenarbeit der Verfasser selbst übernimmt und wieviel er seinen Lesern
zumutet. Die letztere ist nicht geringer als die erstere. Es gibt
Wissenschaften, die man sich nicht aneignen kann ohne selbst an der
Forschungsarbeit teil zu nehmen, das Lernen ist hier bedingt durch das
Mitforschen. Zu diesen Wissenschaften gehört in erster Linie die
Erkenntnistheorie. Es wäre für mich leichter gewesen bei den einzelnen
Fragen länger zu verweilen und ihre Behandlung umfangreicher zu gestalten,
wohl auch bequemer für den Leser. Es lag so nahe zu diesem Zweck die
gewohnte und geläufige Form von Vorlesungen zu wählen, wie ich sie über
diese Fragen oft gehalten habe. Was ich hier biete ist nur ein gedrängter
Auszug aus diesen Vorlesungen, den ich am Schluss derselben zu diktieren
und zur Grundlage von seminaristischen Übungen zu machen pflege. Nach
meinen Erfahrungen regt gerade diese gekürzte Form der Darstellung am
meisten zum Selbstdenken an. Sache des Lesers ist es bei den einzelnen
Gedanken stehen zu bleiben und zu diesem Zweck für die erste
Durcharbeitung das Inhaltsverzeichnis allein, für die wiederholte
Durcharbeitung das Inhaltsverzeichnis und Register zu benutzen. Ich möchte
das auch manchen Fachgenossen empfehlen, namentlich denen, die über eine
mehr als »mittlere Begabung« verfügen. Jedenfalls bin ich dann vor
Missverständnissen geschützt, wie sie in der Philosophie an der
Tagesordnung sind. Ich bemerke noch, dass die Zusammengehörigkeit, der
Grundbegriff meiner 1893 erschienenen Psychologie des Erkennens auch den
Grundbegriff dieser Erkenntnistheorie bildet.
*Halle*, 14. Juni 1901.