Prothoe.
Laßt, laßt--!
Die Oberpriesterinn.
Nichts, meine Königinn, nichts, nichts!
Es soll dir Alles bleiben, wie es ist.--
Prothoe.
Nimm dir den Lorbeer ab, den dornigen,
Wir alle wissen ja, daß du gesiegt.
Und auch den Hals befreie dir--So, so!
Schau! Eine Wund' und das recht tief! Du Arme!
Du hast es dir recht sauer werden lassen--
Nun dafür triumphirst du jetzo auch!
--O Artemis!
Zwei Amazonen. (bringen ein großes flaches Marmorbecken,
gefüllt mit Wasser)
Prothoe. Hier setzt das Becken her.--
Soll ich dir jetzt die jungen Scheitel netzen?
Und wirst du auch erschrecken nicht--? Was machst du?
Penthesilea. (läßt sich von ihrem Sitz auf Knien vor das
Becken niederfallen, und begießt sich das Haupt mit Wasser)
Prothoe.
Sieh da! Du bist ja traun recht rüstig, Königinn!
--Das thut dir wohl recht wohl?
Penthesilea. (sie sieht sich um) Ach Prothoe!
(sie begießt sich von Neuem mit Wasser)
Meroe. (froh)
Sie spricht!
Die Oberpriesterinn.
Dem Himmel sei gedankt!
Prothoe. Gut, gut!
Meroe.
Sie kehrt ins Leben uns zurück!
Prothoe. Vortrefflich!
Das Haupt ganz unter Wasser, Liebe! So!
Und wieder! So, so! Wie ein junger Schwan!--
Meroe.
Die Liebliche!
Die erste Priesterinn.
Wie sie das Köpfchen hängt!
Meroe.
Wie sie das Wasser niederträufeln läßt!
Prothoe.
--Bist du jetzt fertig?
Penthesilea. Ach!--Wie wunderbar.
Prothoe.
Nun denn, so komm' mir auf den Sitz zurück!--
Rasch eure Schleier mir, ihr Priesterinnen,
Daß ich ihr die durchweichten Locken trockne!
So, Phania, deinen! Terpi! helft mir, Schwestern!
Laßt uns ihr Haupt und Nacken ganz verhüllen!
So, so!--Und jetzo auf den Sitz zurück!
(sie verhüllt die Königinn, hebt sie auf den Sitz, und drückt
sie fest an ihre Brust)
Penthesilea.
Wie ist mir?
Prothoe. Wohl denk' ich--nicht?
Penthesilea. (lispelnd) Zum Entzücken!
Prothoe.
Mein Schwesterherz! Mein Süsses! O mein Leben!
Penthesilea.
O sagt mir!--Bin ich in Elisium?
Bist du der ewigjungen Nymphen Eine,
Die unsre hehre Königinn bedienen,
Wenn sie von Eichen-Wipfeln still umrauscht,
In die krystallne Grotte niedersteigt?
Nahmst du die Züge bloß, mich zu erfreuen,
Die Züge meiner lieben Prothoe an?
Prothoe.
Nicht, meine beste Königinn, nicht, nicht.
Ich bin es, deine Prothoe, die dich
In Armen hält, und was du hier erblickst,
Es ist die Welt noch, die gebrechliche,
Auf die nur fern die Götter niederschaun.
Penthesilea.
So, so. Auch gut. Recht sehr gut. Es thut nichts.
Prothoe.
Wie, meine Herrscherinn?
Penthesilea. Ich bin vergnügt.
Prothoe.
Erkläre dich, Geliebte. Wir verstehn nicht--
Penthesilea.
Daß ich noch bin, erfreut mich. Laßt mich ruhn.
(Pause)
Meroe.
Seltsam!
Die Oberpriesterinn.
Welch' eine wunderbare Wendung!
Meroe.
Wenn man geschickt ihr doch entlocken könnte--?
Prothoe.
--Was war es denn, das dir den Wahn erregt,
Du sei'st ins Reich der Schatten schon gestiegen?
Penthesilea. (nach einer Hause, mit einer Art von Verzückung)
Ich bin so seelig, Schwester! Ueberseelig!
Ganz reif zum Tod' o Diana, fühl' ich mich!
Zwar weiß ich nicht, was hier mit mir geschehn
Doch gleich des festen Glaubens könnt' ich sterben,
Daß ich mir den Peliden überwand.
Prothoe. (verstohlen zur Oberpriesterinn)
Rasch jetzt die Leich' hinweg!
Penthesilea. (sich lebhaft aufrichtend)
O Prothoe!
Mit wem sprichst du?
Prothoe. (da die beiden Trägerinnen noch säumen)
Fort, Rasende!
Penthesilea. O Diana!
So ist es wahr?
Prothoe. Was, fragst du, wahr, Geliebte?
--Hier! Drängt euch dicht heran!
(sie winkt den Priesterinnen, die Leiche, die aufgehoben
wird, mit ihren Leibern zu verbergen)
Penthesilea. (hält ihre Hände freudig vor's Gesicht)
Ihr heil'gen Götter!
Ich habe nicht das Herz mich umzusehn.
Prothoe.
Was hast du vor? Was denkst du, Königinn?
Penthesilea. (sich umsehend)
O Liebe, du verstellst dich.
Prothoe. Nein, beim Zevs,
Dem ewgen Gott der Welt!
Penthesilea. (mit immer steigender Ungeduld)
O ihr Hochheiligen,
Zerstreut euch doch!
Die Oberpriesterinn. (sich dicht mit den übrigen Frauen
zusammendrängend)
Geliebte Königinn!
Penthesilea. (indem sie aufsteht)
O Diana! Warum soll ich nicht? O Diana!
Er stand schon einmal hinterm Rücken mir.
Meroe.
Seht, seht! Wie sie Entsetzen faßt!
Penthesilea. (zu den Amazonen, welche die Leiche tragen)
Halt dort!--
Was tragt ihr dort? Ich will es wissen. Steht!
(sie macht sich Platz unter den Frauen und dringt bis zur
Leiche vor)
Prothoe.
O meine Königinn! Untersuche nicht!
Penthesilea.
Ist er's, ihr Jungfraun? Ist er's?
Eine Trägerinn. (indem die Leiche niedergelassen wird)
Wer, fragst du?
Penthesilea.
--Es ist unmöglich nicht, das seh' ich ein.
Zwar einer Schwalbe Flügel kann ich lähmen,
So, daß der Flügel noch zu heilen ist;
Den Hirsch lock' ich mit Pfeilen in den Park.
Doch ein Verräther ist die Kunst der Schützen;
Und gilt's den Meisterschuß ins Herz des Glückes,
So führen tück'sche Götter uns die Hand.
--Traf ich zu nah' ihn, wo es gilt? Sprecht ist ers?
Prothoe.
O bei den furchtbarn Mächten des Olymps,
Frag' nicht--!
Penthesilea. Hinweg! Und wenn mir seine Wunde,
Ein Höllenrachen, gleich entgegen gähnte:
Ich will ihn sehn!
(sie hebt den Teppig auf)
Wer von euch that das, ihr Entsetzlichen!
Prothoe.
Das fragst du noch?
Penthesilea. O Artemis! Du Heilige!
Jetzt ist es um dein Kind geschehn!
Die Oberpriesterinn.
Da stürzt sie hin!
Prothoe. Ihr ew'gen Himmelsgötter!
Warum nicht meinem Rathe folgtest du?
O dir war besser, du Unglückliche,
In des Verstandes Sonnenfinsterniß
Umher zu wandeln, ewig, ewig, ewig,
Als diesen fürchterlichen Tag zu sehn!
--Geliebte. hör' mich!
Die Oberpriesterinn. Meine Königinn!
Meroe.
Zehntausend Herzen theilen deinen Schmerz!
Die Oberpriesterinn.
Erhebe dich!
Penthesilea. (halb aufgerichtet)
Ach, diese blut'gen Rosen!
Ach, dieser Kranz von Wunden um sein Haupt!
Ach, wie die Knospen, frischen Grabduft streuend,
Zum Fest für die Gewürme, niedergehn!
Prothoe. (mit Zärtlichkeit)
Und doch war es die Liebe, die ihn kränzte?
Meroe.
Nur allzufest--!
Prothoe. Und mit der Rose Dornen,
In der Beeif'rung, daß es ewig sei!
Die Oberpriesterinn.
Entferne dich!
Penthesilea. Das aber will ich wissen,
Wer mir so gottlos neben hat gebuhlt!--
Ich frage nicht, wer den Lebendigen
Erschlug; bei unsern ewig hehren Göttern!
Frei, wie ein Vogel, geht er von mir weg.
Wer mir den Todten tödtete, frag' ich,
Und darauf gieb mir Antwort, Prothoe.
Prothoe.
Wie, meine Herrscherinn?
Penthesilea. Versteh mich recht.
Ich will nicht wissen, wer aus seinem Busen
Den Funken des Prometheus stahl. Ich will's nicht,
Weil ichs nicht will; die Laune steht mir so:
Ihm soll vergeben sein, er mag entflieh'n.
Doch wer, o Prothoe, bei diesem Raube
Die offne Pforte ruchlos mied, durch alle
Schneeweißen Alabasterwände mir
In diesen Tempel brach; wer diesen Jüngling,
Das Ebenbild der Götter, so entstellt,
Daß Leben und Verwesung sich nicht streiten,
Wem er gehört, wer ihn so zugerichtet,
Daß ihn das Mitleid nicht beweint, die Liebe
Sich, die unsterbliche, gleich einer Metze,
Im Tod noch untreu, von ihm wenden muß:
Den will ich meiner Rache opfern. Sprich!
Prothoe. (zur Oberpriesterinn)
Was soll man nun der Rasenden erwiedern?--
Penthesilea.
Nun, werd' ich's hören?
Meroe.--O meine Königinn,
Bringt es Erleichterung der Schmerzen dir,
In deiner Rache opfre, wen du willst.
Hier steh'n wir all' und bieten dir uns an.
Penthesilea.
Gebt Acht, sie sagen noch, daß ich es war.
Die Oberpriesterinn. (schüchtern)
Wer sonst, du Unglückseelige, als nur--?
Penthesilea.
Du Höllenfürstinn, im Gewand' des Lichts,
Das wagst du mir--?
Die Oberpriesterinn. Diana ruf' ich an!
Laß es die ganze Schaar, die dich umsteht,
Bekräftigen! Dein Pfeil war's der ihn traf,
Und Himmel! wär' es nur dein Pfeil gewesen!
Doch, als er niedersank, warfs't du dich noch,
In der Verwirrung deiner wilden Sinne,
Mit allen Hunden über ihn und schlugst--
O meine Lippe zittert auszusprechen,
Was du gethan. Frag' nicht! Komm', laß uns gehn.
Penthesilea.
Das muß ich erst von meiner Prothoe hören.
Prothoe.
O meine Königinn! Befrag' mich nicht.
Penthesilea.
Was! Ich? Ich hätt' ihn--? Unter meinen Hunden--?
Mit diesen kleinen Händen hätt' ich ihn--?
Und dieser Mund hier, den die Liebe schwellt--?
Ach, zu ganz anderm Dienst gemacht, als ihn--!
Die hätten, lustig stets einander helfend,
Mund jetzt und Hand, und Hand und wieder Mund--?
Prothoe.
O Königinn!
Die Oberpriesterinn.
Ich rufe Wehe! dir.
Penthesilea.
Nein, hört, davon nicht überzeugt ihr mich.
Und stünd's mit Blitzen in die Nacht geschrieben,
Und rief es mir des Donners Stimme zu,
So rief ich doch noch beiden zu: ihr lügt!
Meroe.
Laß ihn, wie Berge, diesen Glauben stehn;
Wir sind es nicht, die ihn erschüttern werden.
Penthesilea.
--Wie kam es denn, daß er sich nicht gewehrt?
Die Oberpriesterinn.
Er liebte dich, Unseeligste! Gefangen
Wollt' er sich dir ergeben, darum naht' er!
Darum zum Kampfe fordert' er dich auf!
Die Brust voll süssen Friedens kam er her,
Um dir zum Tempel Artemis zu folgen.
Doch du--