Die Oberpriesterinn.
Reißt mit Gewalt sie fort!
Penthesilea. (schaut in den Fluß nieder)
Ich, Rasende!
Da liegt er mir zu Füssen ja! Nimm mich--
(sie will in den Fluß sinken, Prothoe und Meroe halten sie)
Prothoe.
Die Unglückselige!
Meroe. Da fällt sie leblos,
Wie ein Gewand, in unsrer Hand zusammen.
Die Priesterinn. (auf dem Hügel)
Achill erscheint, ihr Fürstinnen! Es kann
Die ganze Schaar der Jungfrau'n ihn nicht halten!
Die Amazone.
Ihr Götter! Rettet! Schützet vor dem Frechen
Die Königinn der Jungfrau'n!
Die Oberpriesterinn (zu den Priesterinnen)
Fort! Hinweg!
Nicht im Gewühl des Kampfs ist unser Platz.
Die Oberpriesterinn mit den Priesterinnen und den
Rosenmädchen (ab.)
Zehnter Auftritt.
Eine Schaar von Amazonen (tritt mit Bogen in den Händen
auf) Die Vorigen.
Die erste Amazone. (in die Scene rufend)
Zurück, Verwegner!
Die Zweite. Er hört uns nicht.
Die Dritte.
Ihr Fürstinnen, wenn wir nicht treffen dürfen,
So hemmt sich sein wahnsinniger Fortschritt nicht!
Die Zweite.
Was ist zu thun? Sprich, Prothoe!
Prothoe. (mit der Königinn beschäftigt)
So sendet
Zehntausend Pfeile über ihn!--
Meroe. (zu dem Gefolge) Schafft Wasser!
Prothoe.
Doch sorget, daß ihr ihn nicht tödtlich trefft!--
Meroe.
Schafft einen Helm voll Wasser, sag' ich!
Eine Fürstinn. (aus dem Gefolge der Königinn)
Hier!
(sie schöpft und bringt)
Die dritte Amazone. (zur Prothoe)
Sei ruhig! Fürchte nichts!
Die Erste. Hier ordnet euch!
Die Wangen streift ihm, sengt die Locken ihm,
Den Kuß des Todes flüchtig laßt ihn schmecken!
(sie bereiten ihre Bögen)
Eilfter Auftritt.
Achilles (ohne Helm, Rüstung und Waffen, im Gefolge) einiger
Griechen. Die Vorigen.
Achilles.
Nun? Wem auch gelten diese Pfeil', ihr Jungfrau'n?
Doch diesem unbeschützten Busen nicht?
Soll ich den seid'nen Latz noch niederreißen,
Daß ihr das Herz mir harmlos schlagen seht?
Die erste Amazone.
Herunter, wenn du willst, damit!
Die Zweite. Es braucht's nicht!
Die Dritte.
Den Pfeil genau, wo er die Hand jetzt hält!
Die Erste.
Daß er das Herz gespießt ihm, wie ein Blatt,
Fort mit sich reiß' im Flug--
Mehrere. Schlagt! Trefft!
(sie schießen über sein Haupt hin)
Achilles. Laßt, laßt!
Mit euren Augen trefft ihr sicherer.
Bei den Olympischen, ich scherze nicht,
Ich fühle mich im Innersten getroffen,
Und ein Entwaffneter, in jedem Sinne,
Leg ich zu euren kleinen Füssen mich,
Die fünfte Amazone. (von einem Spieß hinter der Scene
hervor getroffen)
Ihr guten Götter!
(sie sinkt)
Die Sechste. (eben so)
Weh' mir!
(sie sinkt)
Die Siebente. (eben so)
Artemis!
(sie sinkt)
Die Erste.
Der Rasende!
Meroe. (mit der Königinn beschäfftigt)(zugleich)
Die Unglückselige!
Die zweite Amazone.
Entwaffnet nennt er sich.
Prothoe. (eben so)(zugleich)
Entseelt ist sie.
Die dritte Amazone.
Indessen uns die Seinen niederwerfen!
Meroe. (zugleich)
Indessen rings umher die Jungfrau'n sinken!
Was ist zu thun?
Die erste Amazone.
Den Sichelwagen her!
Die Zweite.
Die Doggen über ihn!
Die Dritte. Mit Steinen ihn
Hochher, vom Elephantenthurm begraben!
Eine Amazonenfürstinn. (die Königinn plötzlich verlassend)
Wohlan, so will ich das Geschoß versuchen.
(sie wirft den Bogen von der Schulter und spannt ihn)
Achilles. (bald zu dieser bald zu jener Amazone sich wendend)
Ich kann's nicht glauben: süß, wie Silberklang,
Straft eure Stimme eure Reden Lügen.
Du mit den blauen Augen bist es nicht,
Die mir die Doggen reißend schickt, noch du,
Die mit der seidenweichen Locke prangt.
Seht, wenn, auf euer übereiltes Wort,
Jetz heulend die Entkoppelten mir nahten,
So würft ihr noch, mit euern eignen Leibern,
Euch zwischen sie und mich, dies Männerherz,
Dieß euch in Lieb' erglühende, zu schirmen.
Die erste Amazone.
Der Uebermüth'ge!
Die Zweite. Hört, wie er sich brüstet!
Die Erste.
Er meint mit Schmeichelworten uns--
Die Dritte. (die Erste geheimnißvoll rufend)
Oterpe!
Die Erste. (sich umwendend)
Ha, sieh! Die Meisterinn des Bogens jetzt!--
Still öffnet euren Kreis, ihr Frau'n!
Die Fünfte. Was giebt's?
Die Vierte.
Frag' nicht! Du wirst es sehn.
Die Achte. Hier! Nimm den Pfeil!
Die Amazonenfürstinn. (indem sie den Pfeil auf den
Bogen legt)
Die Schenkel will ich ihm zusammen heften.
Achilles. (zu einem Griechen, der neben ihm, schon den
Bogen angelegt hat)
Triff sie!
Die Amazonenfürstinn.
Ihr Himmlischen!
(sie sinkt)
Die erste Amazone. Der Schreckliche!
Die Zweite.
Getroffen sinkt sie selbst!
Die Dritte. Ihr ewigen Götter!
Und dort naht uns ein neuer Griechenhaufen!
Zwölfter Auftritt.
Diomedes (mit den) Ätoliern (treten von der andern Seite
auf Bald darauf auch) Ulysses (von der Seite Achills mit
dem Heer)
Diomedes.
Hier meine wackeren Ätolier,
Heran!
(er führt sie über die Brücke)
Prothoe.
O, Artemis! Du Heilige! Rette!
Jetzt ist's um uns geschehn!
(sie trägt die Königinn, mit Hülfe einiger Amazonen wieder
auf den Vorgrund der Scene)
Die Amazonen. (in Verwirrung)
Wir sind gefangen!
Wir sind umzingelt! Wir sind abgeschnitten!
Fort! Rette sich, wer retten kann!
Diomedes. (zu Prothoe) Ergebt euch!
Meroe. (zu den flüchtigen Amazonen)
Ihr Rasenden! Was thut ihr? Wollt ihr stehn?
Prothoe! Sieh her!
Prothoe. (immer bei der Königinn)
Hinweg! Verfolge sie,
Und wenn du kannst, so mach' uns wieder frei.
(Die Amazonen zerstreuen sich. Meroe folgt ihnen)
Achilles.
Auf jetzt, wo ragt sie mit dem Haupte?
Ein Grieche. Dort!
Achilles.
Dem Diomed will ich zehn Kronen schenken.
Diomedes.
Ergebt euch, sag' ich noch einmal!
Prothoe. Dem Sieger
Ergeb' ich sie, nicht dir! Was willst du auch?
Der Peleïd' ist's, dem sie angehört!
Diomedes.
So werft sie nieder!
Ein Ätolier. Auf!
Achilles. (den Ätolier zurückstoßend)
Der weicht ein Schatten
Vom Platz, der mir die Königinn berührt!--
Mein ist sie! Fort! Was habt ihr hier zu suchen--
Diomedes.
So! Dein! Ei sieh, bei Zevs, des Donnrers, Locken,
Aus welchen Gründen auch? Mit welchem Rechte?
Achilles.
Aus einem Grund, der rechts, und einer links.--
Gieb.
Prothoe.
Hier. Von deiner Großmuth fürcht' ich nichts.
Achilles. (indem er die Königinn in seine Arme nimmt)
Nichts, nichts.--
(zu Diomedes)
Du gehst und folgst und schlägst die Frauen,
Ich bleib' auf einen Augenblick zurück.
--Fort! Mir zu Lieb'. Erwiedre nichts. Dem Hades
Stünd' ich im Kampf um sie, vielmehr denn dir!
(er legt sie an die Wurzel einer Eiche nieder)
Diomedes.
Es sei! Folgt mir!
Ulysses. (mit dem Heer über die Bühne ziehend)
Glück auf, Achill! Glück auf!
Soll ich dir die Quadriga rasselnd schicken?
Achill. (über die Königinn geneigt)
Es braucht's nicht. Laß noch sein.
Ulysses. Gut. Wie du willst.--
Folgt mir! Eh' sich die Weiber wieder sammlen.
Ulysses und Diomedes mit dem Heer. (Von der Seite der
Amazonen ab)
Dreizehnter Auftritt.
Penthesilea, Prothoe, Achilles, Gefolge von Griechen
und Amazonen.
Achilles. (indem er der Königinn die Rüstung öffnet)
Sie lebt nicht mehr.
Prothoe. O mögt' ihr Auge sich
Für immer diesem öden Licht verschließen!
Ich fürchte nur zu sehr, daß sie erwacht.
Achilles.
Wo traf ich sie?
Prothoe. Sie raffte von dem Stoß sich,
Der ihr die Brust zerriß, gewaltsam auf;
Hier führten wir die Wankende heran,
Und diesen Fels just wollten wir erklimmen.
Doch sei's der Glieder, der verwundeten,
Sei's der verletzten Seele Schmerz: sie konnte,
Daß sie im Kampf gesunken dir, nicht tragen;
Der Fuß versagte brechend ihr den Dienst,
Und Irrgeschwätz von bleichen Lippen sendend,
Fiel sie zum zweitenmal mir in den Arm.
Achilles.
Sie zuckte--sahst du es?
Prothoe. Ihr Himmlischen!
So hat sie noch den Kelch nicht ausgeleert?
Seht, o die Jammervolle, seht--
Achilles. Sie athmet.
Prothoe.
Pelide! Wenn du das Erbarmen kennst,
Wenn ein Gefühl den Busen dir bewegt,
Wenn du sie tödten nicht, in Wahnsinn völlig
Die Leichtgereizte nicht verstricken willst,
So gönne eine Bitte mir.
Achilles. Sprich rasch!
Prothoe.
Entferne dich! Tritt, du Vortrefflicher,
Tritt aus dem Antlitz ihr, wenn sie erwacht.
Entrück' ihr gleich die Schaar, die dich umsteht,
Und laß, bevor die Sonne sich erneut,
Fern auf der Berge Duft ihr niemand nahn,
Der sie begrüßte, mit dem Todeswort:
Du bist die Kriegsgefangene Achills.
Achilles.
So haßt sie mich?
Prothoe. O frage nicht, Großherz'ger!--
Wenn sie jetzt freudig an der Hoffnung Hand
Ins Leben wiederkehrt, so sei der Sieger
Das Erste nicht, das freudlos ihr begegnet.
Wie manches regt sich in der Brust der Frauen,
Das für das Licht des Tages nicht gemacht.
Muß sie zuletzt, wie ihr Verhängniß will,
Als die Gefangne schmerzlich dich begrüßen,
So fordr' es früher nicht, beschwör ich dich!
Als bis ihr Geist dazu gerüstet steht.
Achilles.
Mein Will' ist, ihr zu thun, muß ich dir sagen,
Wie ich dem stolzen Sohn des Priam that.
Prothoe.
Wie, du Entsetzlicher!
Achilles.--Fürchtet sie dies?
Prothoe.
Du willst das Namenlos' an ihr vollstrecken?
Hier diesen jungen Leib, du Mensch voll Greuel,
Geschmückt mit Reizen, wie ein Kind mit Blumen,
Du willst ihn schändlich, einer Leiche gleich--?
Achilles.
Sag' ihr, daß ich sie liebe.
Prothoe. Wie?--Was war das?
Achilles.
Beim Himmel, wie! Wie Männer Weiber lieben;
Keusch und das Herz voll Sehnsucht doch, in Unschuld,
Und mit der Lust doch, sie darum zu bringen.
Ich will zu meiner Königinn sie machen.
Prothoe.
Ihr ew'gen Götter, sag' das noch einmal.
--Du willst?
Achilles. Kann ich nun bleiben?
Prothoe. O so laß
Mich deine Füsse küssen, Göttlicher!
O jetzt, wärst du nicht hier, jetzt sucht' ich dich,
Und müßt's an Herkuls Säulen sein, Pelide!--
Doch sieh': sie schlägt die Augen auf--