Der Rio Negro. -- Die brasilianische Grenze.
Der Rio Negro ist dem Amazonenstrom, dem Rio de la Plata und dem Orinoco
gegenüber nur ein Fluß zweiten Ranges. Der Besitz desselben war aber seit
Jahrhunderten für die spanische Regierung von großer politischer
Wichtigkeit, weil er für einen eifersüchtigen Nachbar, für Portugal, eine
offene Straße ist, um sich in die Missionen in Guyana einzudrängen und die
südlichen Grenzen der _Capitania general_ von Caracas zu beunruhigen.
Dreihundert Jahre verflossen über zu nichts führenden Grenzstreitigkeiten.
Je nach dem Geist der Zeiten und dem Culturgrad der Völker hielt man sich
bald an die Autorität des heiligen Vaters, bald an die Hülfsmittel der
Astronomie. Da man es meist vortheilhafter fand, den Streit zu
verschleppen, als ihm ein Ende zu machen, so haben nur die Nautik und die
Geographie des neuen Continents bei diesem endlosen Proceß gewonnen. Es
ist bekannt, daß durch die Bullen der Päpste Nicolaus V. und
Alexander VI., durch den Vertrag von Tordesillas und die Nothwendigkeit,
eine feste Grenzlinie zu ziehen, der Eifer, das Problem der Längen zu
lösen, die Ephemeriden zu verbessern und die Instrumente zu
vervollkommnen, bedeutend gestachelt worden ist. Als die Händel in
Paraguay und der Besitz der Colonie am Sacramento für die beiden Höfe zu
Madrid und Lissabon Sachen von großem Belang wurden, schickte man
Grenzcommissäre an den Orinoco, an den Amazonenstrom und an den Rio de la
Plata.
Unter den Müßiggängern, welche die Archive mit Verrechnungen und
Protokollen füllten, fand sich hie und da auch ein unterrichteter
Ingenieur, ein Marineofficier, der mit den Methoden, nach denen man weit
von den Küsten Ortsbestimmungen vornehmen kann, Bescheid wußte. Das
Wenige, was wir am Schluß des vorigen Jahrhunderts von der astronomischen
Geographie des neuen Continents wußten, verdankt man diesen achtbaren,
fleißigen Männern, den französischen und spanischen Akademikern, die in
Quito den Meridian gemessen, und Officieren, welche von Valparaiso nach
Buenos Ayres gegangen waren, um sich Malaspinas Expedition anzuschließen.
Mit Befriedigung gedenkt man, wie sehr die Wissenschaften fast zufällig
durch jene »Grenzcommissionen« gefördert worden sind, die für den Staat
eine große Last waren und von denen, die sie ins Leben gerufen, noch öfter
vergessen als ausgelöst wurden.
Weiß man, wie unzuverlässig die Karten von Amerika sind, kennt man aus
eigener Anschauung die unbewohnten Landstriche zwischen dem Jupura und Rio
Negro, dem Madeira und Ucayale, dem Rio Branco und der Küste von Cayenne,
die man sich in Europa bis auf diesen Tag allen Ernstes streitig gemacht,
so kann man sich über die Beharrlichkeit, mit der man sich um ein paar
Quadratmeilen zankte, nicht genug wundern. Zwischen diesem streitigen
Gebiet und den angebauten Strichen der Colonien liegen meist Wüsten, deren
Ausdehnung ganz unbekannt ist. Auf den berühmten Conferenzen in Puente de
Caya (vom 4. November 1681 bis 22. Januar 1682) wurde die Frage
verhandelt, ob der Papst, als er die Demarcationslinie 370 spanische
Meilen [Oder 22 Grad 14 Minuten, auf dem Aequator gezählt.] westwärts von
den Inseln des grünen Vorgebirges zog, gemeint habe, der erste Meridian
solle vom Mittelpunkt der Insel St. Nicolas aus, oder aber (wie der
portugiesische Hof behauptete) vom westlichen Ende der kleinen Insel San
Antonio gezählt werden. Im Jahr 1754, zur Zeit von Ituriagas und Solanos
Expedition, unterhandelte man über den Besitz der damals völlig
unbewohnten Ufer des Tuamini und um ein Stück Sumpfland, über das wir
zwischen Javita und dem Pimichin an Einem Abend gegangen. Noch in neuester
Zeit wollten die spanischen Commissäre die Scheidungslinie an die
Einmündung des Apoporis in den Jupura legen, während die portugiesischen
Astronomen sie bis zum Salto Grande zurückschoben. Die Missionäre und das
Publikum überhaupt betheiligten sich sehr lebhaft an diesen
Grenzstreitigkeiten. In den spanischen wie in den portugiesischen Colonien
beschuldigt man die Regierung der Gleichgültigkeit und Lässigkeit.
Ueberall wo die Völker keine Verfassung haben, deren Grundlage die
Freiheit ist, gerathen die Gemüther nur dann in Aufregung, wenn es sich
davon handelt, die Grenzen des Landes weiter oder enger zu machen.
Der Rio Negro und der Jupura sind zwei Nebenflüsse des Amazonenstromes,
die in Länge der Donau wenig nachgeben, und deren oberer Lauf den Spaniern
gehört, während der untere in den Händen der Portugiesen ist. An diesen
zwei majestätischen Strömen hat sich die Bevölkerung nur in der Nähe des
ältesten Mittelpunktes der Cultur bedeutend vermehrt. Die Ufer des obern
Jupura oder Caqueta wurden von Missionären cultivirt, die aus den
Cordilleren von Popayan und Neiva gekommen waren. Von Macoa bis zum
Einfluß des Caguan gibt es sehr viele christliche Niederlassungen, während
am untern Jupura die Portugiesen kaum ein paar Dörfer gegründet haben. Am
Rio Negro dagegen konnten es die Spanier ihren Nachbarn nicht gleich thun.
Wie kann man sich auf eine Bevölkerung stützen, wenn sie so weit abliegt
als die in der Provinz Caracas? Fast völlig unbewohnte Steppen und Wälder
liegen, 160 Meilen breit, zwischen dem angebauten Küstenstrich und den
vier Missionen Macoa, Tomo, Davipe und San Carlos, den einzigen, welche
die spanischen Franciscaner längs des Rio Negro zu Stande gebracht. Bei
den Portugiesen in Brasilien hat das militärische Regiment, das System der
_Presides_ und _Capitanes pobladores_ dem Missionsregiment gegenüber die
Oberhand gewonnen. Von Gran-Para ist es allerdings sehr weit zur
Einmündung des Rio Negro [In gerader Linie 150 Meilen.], aber bei der
bequemen Schifffahrt auf dem Amazonenstrom, der wie ein ungeheurer Canal
von West nach Ost gerade fortläuft, konnte sich die portugiesische
Bevölkerung längs des Stromes rasch ausbreiten. Die Ufer des untern
Amazonenstroms von Vistoza bis Serpa, so wie die des Rio Negro von Forte
da Bara bis San Jose de Marabitanos sind geschmückt mit reichem Anbau und
mit zahlreichen Städten und ansehnlichen Dörfern bedeckt.
An diese Betrachtungen über die örtlichen Verhältnisse reihen sich andere
an, die sich auf die moralische Verfassung der Völker beziehen. Auf der
Nordwestküste Amerikas sind bis auf diesen Tag keine festen
Niederlassungen außer den russischen und den spanischen Colonien. Noch ehe
die Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf ihrem Zuge von Ost nach West
den Küstenstrich erreicht hatte, der zwischen dem 41. bis 50. Breitengrad
lange die castilianischen Mönche und die sibirischen Jäger(64) getrennt,
ließen sich letztere südlich vom Rio Colombia nieder. So waren denn in
Neucalifornien die Missionäre vom Orden des heiligen Franz, deren
Lebenswandel und deren Eifer für den Ackerbau alle Achtung verdienen,
nicht wenig erstaunt, als sie hörten, in ihrer Nachbarschaft seyen
griechische Priester eingetroffen, so daß die beiden Völker, welche das
Ost- und das Westende von Europa bewohnen, auf den Küsten Amerikas, China
gegenüber, Nachbarn geworden waren. Anders wiederum gestalteten sich die
Verhältnisse in Guyana. Hier fanden die Spanier an ihren Grenzen dieselben
Portugiesen wieder, die mit ihnen durch Sprache und Gemeindeverfassung
einen der edelsten Reste des römischen Europa bilden, die aber durch das
Mißtrauen, wie es aus Ungleichheit der Kräfte und allzu naher Berührung
geflossen, zu einer nicht selten feindseligen, immer aber eifersüchtigen
Macht geworden waren. Geht man von der Küste von Venezuela (wo, wie in der
Havana und auf den Antillen überhaupt, die europäische Handelpolitik der
tägliche Gegenstand des Interesses ist) nach Süd, so fühlt man sich mit
jedem Tage mehr und mit wachsender Geschwindigkeit Allem entrückt, was mit
dem Mutterlande zusammenhängt. Mitten in den Steppen oder Llanos, in den
mit Ochsenhäuten gedeckten Hütten inmitten wilder Heerden unterhält man
sich von nichts als von der Pflege des Viehs, von der Trockenheit des
Landes, die den Weiden Eintrag thut, vom Schaden, den die Fledermäuse an
Färsen und Füllen angerichtet. Kommt man aus dem Orinoco in die Missionen
in den Wäldern, so findet man die Einwohnerschaft wieder mit andern Dingen
beschäftigt, mit der Unzuverlässigkeit der Indianer, die aus den Dörfern
fortlaufen, mit der mehr oder minder reichen Ernte der Schildkröteneier,
mit den Beschwerden eines heißen, ungesunden Klimas. Kommen die Mönche
über der Plage der Moskitos noch zu einem andern Gedanken, so beklagt man
sich leise über den Präsidenten der Missionen, so seufzt man über die
Verblendung der Leute, die im nächsten Capitel den Gardian des Klosters in
Nueva Barcelona wieder wählen wollen. Alles hat hier ein rein örtliches
Interesse, und zwar beschränkt sich dasselbe auf die Angelegenheiten des
Ordens, »auf diese Wälder, wie die Mönche sagen, _estas selvas_, die Gott
uns zum Wohnsitz angewiesen.« Dieser etwas enge, aber ziemlich trübselige
Ideenkreis erweitert sich, wenn man vom obern Orinoco an den Rio Negro
kommt und sich der Grenze Brasiliens nähert. Hier scheinen alle Köpfe vom
Dämon europäischer Politik besessen. Das Nachbarland jenseits des
Amazonenstroms heißt in der Sprache der spanischen Missionen weder
Brasilien, noch _Capitania general_ von Gran-Para, sondern *Portugal*; die
kupferfarbigen Indianer, die halbschwarzen Mulatten, die ich von Barcelos
zur spanischen Schanze San Carlos herauskommen sah, sind *Portugiesen*.
Diese Namen sind im Munde des Volkes bis an die Küste von Cumana, und mit
Behagen erzählt man den Reisenden, welche Verwirrung sie im Kopfe eines
alten, aus den Bergen von Bierzo gebürtigen Commandanten von Vieja Guayana
angerichtet hatten. Der alte Kriegsmann beschwerte sich, daß er zur See
habe an den Orinoco kommen müssen. »Ist es wahr,« sprach er, »wie ich hier
höre, daß spanisch Guyana, diese große Provinz, sich bis nach Portugal
erstreckt (zu _los Portugueses_), so möchte ich wissen, warum der Hof mich
in Cadix sich hat einschiffen lassen? Ich hätte gerne ein paar Meilen
weiter zu Lande gemacht.« Diese Aeußerung von naiver Unwissenheit erinnert
an eine verwunderliche Meinung des Cardinals LORENZANA. Dieser Prälat, der
übrigens in der Geschichte ganz zu Hause ist, sagt in einem in neuerer
Zeit in Mexico gedruckten Buche, die Besitzungen des Königs von Spanien in
Neu-Californien und Neu-Mexico (ihr nördliches Ende liegt unter 37° 48′
der Breite) »hängen über Land mit Sibirien zusammen.«
Wenn zwei Völker, die in Europa neben einander wohnen, Spanier und
Portugiesen, auch auf dem neuen Continent Nachbarn geworden sind, so
verdanken sie dieses Verhältniß, um nicht zu sagen diesen Uebelstand, dem
Unternehmungsgeist, dem kecken Thatendrang, den beide zur Zeit ihres
kriegerischen Ruhmes und ihrer politischen Größe entwickelt. Die
castilianische Sprache wird gegenwärtig in Süd- und Nordamerika auf einer
1900 Meilen langen Strecke gesprochen; betrachtet man aber Südamerika für
sich, so zeigt sich, daß das Portugiesische über einen größeren
Flächenraum verbreitet ist, aber von nicht so vielen Menschen gesprochen
wird, als das Castilianische. Das innige Band, das die schönen Sprachen
eines Camoens und Lope de Vega verknüpft, hat, sollte man meinen, Völker,
die widerwillig Nachbarn geworden, nur noch weiter auseinander gebracht.
Der Nationalhaß richtet sich keineswegs nur nach der Verschiedenheit in
Abstammung, Sitten und Culturstufe; überall, wo er sehr stark
ausgesprochen ist, erscheint er als die Folge geographischer Verhältnisse
und der damit gegebenen widerstreitenden Interessen. Man verabscheut sich
etwas weniger, wenn man weit auseinander ist und bei wesentlich
Verschiedenen Sprachen gar nicht in Versuchung kommt, mit einander zu
verkehren. Diese Abstufungen in der gegenseitigen Stimmung neben
einander-lebender Völker fallen Jedem auf, der Neucalifornien, die innern
Provinzen von Mexico und die Nordgrenzen Brasiliens bereist.
Als ich mich am spanischen Rio Negro befand, war, in Folge der auseinander
gehenden Politik der beiden Höfe von Lissabon und Madrid, das
systematische Mißtrauen, dem die Commandanten der benachbarten kleinen
Forts auch in den ruhigsten Zeiten gerne Nahrung geben, noch stärker als
gewöhnlich. Die Canoes kamen von Barcelos bis zu den spanischen Missionen
herauf, aber der Verkehr war gering. Der Befehlshaber einer
Truppenabtheilung von 16 bis 18 Mann plagte »die Garnison« mit
Sicherheitsmaßregeln, welche »der Ernst der Lage« erforderlich machte, und
im Fall eines Angriffs hoffte er »den Feind zu umzingeln.« Sprachen wir
davon, daß die portugiesische Regierung in Europa die vier kleinen Dörfer,
welche die Franciscaner am obern Rio Negro angelegt, ohne Zweifel sehr
wenig beachte, so fühlten sich die Leute durch die Gründe, mit denen wir
sie beruhigen wollten, nur verletzt. Völkern, die durch alle Wechsel im
Lauf von Jahrhunderten ihren Nationalhaß ungeschwächt erhalten haben, ist
jede Gelegenheit erwünscht, die demselben neue Nahrung gibt. Dem Menschen
ist bei Allein wohl, was sein Gemüth aufregt, was ihm eine lebhafte
Empfindung zum Bewußtseyn bringt, sey es nun ein Gefühl der Zuneigung,
oder jener eifersüchtige Neid, wie er aus althergebrachten Vorurtheilen
entspringt. Die ganze Persönlichkeit der Völker ist aus dem Mutterlande in
die entlegensten Colonien übergegangen, und der gegenseitige Widerwille
der Nationen hat nicht einmal da ein Ende, wo der Einfluß der gleichen
Sprache wegfällt. Wir wissen aus KRUSENSTERNs anziehendem Reisebericht,
daß der Haß zweier flüchtigen Matrosen, eines Franzosen und eines
Engländers, zu einem langen Krieg zwischen den Bewohnern der
Marquesasinseln Anlaß gab. Am Amazonenstrom und Rio Negro können die
Indianer in den benachbarten portugiesischen und spanischen Dörfern
einander nicht ausstehen. Diese armen Menschen sprechen nur amerikanische
Sprachen, sie wissen gar nicht, was »am andern Ufer des Oceans, drüben
über der großen Salzlache« vorgeht; aber die Kutten ihrer Missionäre sind
von verschiedener Farbe, und dieß mißfällt ihnen im höchsten Grade.
Ich habe bei der Schilderung der Folgen des Nationalhasses verweilt, den
kluge Beamte zu mildern suchten, ohne ihn ganz beschwichtigen zu können.
Diese Eifersucht ist nicht ohne Einfluß auf den Umstand gewesen, daß
unsere geographische Kunde von den Nebenflüssen des Amazonenstromes bis
jetzt so mangelhaft ist. Wenn der Verkehr unter den Eingeborenen gehemmt
ist, und die eine Nation an der Mündung, die andere im obern Flußgebiet
sitzt, so fällt es den Kartenzeichnern sehr schwer, genaue Erkundigungen
einzuziehen. Die periodischen Ueberschwemmungen, besonders aber die
Trageplätze, über die man die Canoes von einem Nebenfluß zum andern
schafft, dessen Quellen in der Nähe liegen, verleiten zur Annahme von
Gabelungen und Verzweigungen der Flüsse, die in Wahrheit nicht bestehen.
Die Indianer in den portugiesischen Missionen zum Beispiel schleichen sich
(wie ich an Ort und Stelle erfahren) einerseits auf dem Rio Guaicia und
Rio Tomo in den spanischen Rio Negro, andererseits über die Trageplätze
zwischen dem Cababuri, dem Pasimoni, dem Idapa und dem Mavaca in den obern
Orinoco, um hinter Esmeralda den aromatischen Samen des Pucherylorbeers zu
sammeln. Die Eingeborenen, ich wiederhole es, sind vortreffliche
Geographen; sie umgehen den Feind trotz der Grenzen, wie sie auf den
Karten gezogen sind, trotz der Schanzen und Estacamentos, und wenn die
Missionäre sie von so weither, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten
kommen sehen, so machen sie sich daran, Hypothesen über vermeintliche
Flußverbindungen zu schmieden. Jeder Theil hat ein Interesse dabei, nicht
zu sagen, was er ganz gut weiß, und der Hang zu allem Geheimnißvollen, der
bei rohen Menschen so gemein und so lebendig ist, thut das Seinige dazu,
um die Sache im Dunkeln zu lassen. Noch mehr, die verschiedenen
Indianerstämme, welche dieses Wasserlabyrinth befahren, geben den Flüssen
ganz verschiedene Namen, und diese Namen werden durch Endungen, welche
»Wasser, großes Wasser, Strömung« bedeuten, unkenntlich gemacht und
verlängert. Wie oft bin ich beim nothwendigen Geschäft, die Synonymie der
Flüsse ins Reine zu bringen, in größter Verlegenheit gewesen, wenn ich die
gescheitesten Indianer vor mir hatte und sie mittelst eines Dolmetschers
über die Zahl der Nebenflüsse, die Quellen und die Trageplätze befragte!
Da in derselben Mission drei, vier Sprachen gesprochen werden, so hält es
sehr schwer, die Aussagen in Uebereinstimmung zu bringen. Unsere Karten
wimmeln von willkürlich abgekürzten oder entstellten Namen. Um
herauszubringen, was darauf richtig ist, muß man sich von der
geographischen Lage der Nebenflüsse, fast möchte ich sagen von einem
gewissen etymologischen Takt leiten lassen. Der Rio Uaupe oder Uapes der
portugiesischen Karten ist der Guapue der spanischen und der Ucayari der
Eingeborenen. Der Anava der älteren Geographen ist ARROWSMITHs Anauahu,
und der Unanauhau oder Guanauhu der Indianer. Man ließ nicht gerne einen
leeren Raum auf den Karten, damit sie recht genau aussehen möchten, und so
erschuf man Flüsse und legte ihnen Namen bei, ohne zu wissen, daß
dieselben nur Synonyme waren. Erst in der neuesten Zeit haben die
Reisenden in Amerika, in Persien und Indien eingesehen, wie viel darauf
ankommt, daß man in der Namengebung correkt ist. Liest man die Reise des
berühmten RALEGH, so ist es eben nicht leicht, im See Mrecabo den See
Maracaybo und im Marquis Paraco den Namen Pizarros, des Zerstörers des
Reichs der Incas, zu erkennen.
Die großen Nebenflüsse des Amazonenstroms heißen, selbst bei den
Missionären von europäischer Abstammung, in ihrem obern Lauf anders als im
untern. Der Jça heißt weiter oben Putumayo; der Jupura führt seinen
Quellen zu den Namen Caqueta. Wenn man in den Missionen der Andaquies sich
nach dem wahren Ursprung des Rio Negro umsah, so konnte dieß um so weniger
zu etwas führen, da man den indianischen Namen des Flusses nicht kannte.
In Javita, Maroa und San Carlos hörte ich ihn *Guainia* nennen. SOUTHEY,
der gelehrte Geschichtschreiber Brasiliens, den ich überall sehr genau
fand, wo ich seine geographischen Angaben mit dem, was ich selbst aus
meinen Reisen gesammelt, vergleichen konnte, sagt ausdrücklich, der Rio
Negro heiße auf seinem untern Laufe bei den Eingeborenen Guiari oder
Curana, aus seinem obern Lauf *Ueneya*. Das ist soviel wie Gueneya statt
Guainia; denn die Indianer in diesen Landstrichen sprechen ohne
Unterschied Guanaracua und Uanaracua, Guarapo und Uarapo. Aus dem
letzteren haben HONDIUS [Auf seiner Karte zu Raleghs Reise.] und alle
alten Geographen durch ein komisches Mißverständniß ihren _‘Europa
fluvius’_ gemacht.
Es ist hier der Ort, von den Quellen des Rio Negro zu sprechen, über
welche die Geographen schon so lange im Streit liegen. Diese Frage
erscheint nicht allein darum wichtig, weil es sich vom Ursprung eines
mächtigen Stromes handelt, was ja immer von Interesse ist; sie hängt mit
einer Menge anderer Fragen zusammen, mit den angeblichen Gabelungen des
Caqueta, mit den Verbindungen zwischen dem Rio Negro und dem Orinoco, und
mit dem *örtlichen Mythus* vom Dorado, früher Enim oder das Reich des
Großen Paytiti geheißen. Studirt man die alten Karten dieser Länder und
die Geschichte der geographischen Irrthümer genau, so sieht man, wie der
Mythus vom Dorado mit den Quellen des Orinoco allmählich nach Westen
rückt. Er entstand auf dem Ostabhang der Anden und setzte sich zuerst, wie
ich später nachweisen werde, im Südwesten vom Rio Negro fest. Der tapfere
PHILIPP DE URRE ging, um die große Stadt Manoa zu entdecken, über den
Guaviare. Noch jetzt erzählen die Indianer in San Jose de Maravitanos,
»fahre man vierzehn Tage lang auf dem Guape oder Uaupe nach Nordost, so
komme man zu einer berühmten *Laguna de Oro*, die von Bergen umgeben und
so groß sey, daß man das Ufer gegenüber nicht sehen könne. Ein wildes
Volk, die Guanes, leide nicht, daß man im Sandboden um den See Gold
sammle.« Pater ACUÑA setzt den See Manoa oder Yenefiti zwischen den Japura
und den Rio Negro. Manaos-Indianer (dieß ist das Wort Manoa mit
Verschiebung der Vokale, was bei so vielen amerikanischen Völkern
vorkommt) brachten dem Pater FRITZ im Jahr 1687 viele Blätter geschlagenen
Goldes. Diese Nation, deren Namen noch heute am Urarira zwischen Lamalonga
und Moreira bekannt ist, saß am Jurubesh (Yurubech, Yurubets). LA
CONDAMINE sagt mit Recht, dieses Mesopotamien zwischen dem Caqueta, dem
Rio Negro, dem Jurubesh und dem Iquiare sey der erste Schauplatz des
Dorado. Wo soll man aber die Namen Jurubesh und Iquiare der Patres Acuña
und Fritz suchen? Ich glaube sie in den Flüssen Urubaxi und Iguari der
handschriftlichen portugiesischen Karten wieder zu finden, die ich besitze
und die im hydrographischen Depot zu Rio Janeiro gezeichnet wurden. Seit
vielen Jahren habe ich nach den ältesten Karten und einem ansehnlichen,
von mir gesammelten, nicht veröffentlichten Material mit anhaltendem Eifer
Untersuchungen über die Geographie Südamerikas nördlich vom Amazonenstrom
angestellt. Da ich meinem Werke den Charakter eines wissenschaftlichen
Werkes bewahren möchte, darf ich mich nicht scheuen, von Gegenständen zu
handeln, über die ich hoffen kann einiges Licht zu verbreiten, nämlich von
den Quellen des Rio Negro und des Orinoco, von der Verbindung dieser
Flüsse mit dem Amazonenstrom, und vom Problem vom Goldlande, das den
Bewohnern der neuen Welt so viel Blut und so viel Thränen gekostet hat.
Ich werde diese Fragen nach einander behandeln, wie ich in meinem
Reisetagebuche an die Orte komme, wo sie von den Einwohnern selbst am
lebhaftesten besprochen werden. Da ich aber sehr ins Einzelne gehen müßte,
wenn ich alle Beweise für meine Ausstellungen beibringen wollte, so
beschränke ich mich hier darauf, die hauptsächlichsten Ergebnisse
mitzutheilen, und verschiebe die weitere Ausführung auf die »_Analyse des
Cartes_« und den »_Essai sur la géographie astronomique du
Nouveau-Continent_«, welche den geographischen Atlas eröffnen sollen.
Diese meine Untersuchungen führen zum allgemeinen Schluß, daß die Natur
bei der Vertheilung der fließenden Gewässer auf der Erdoberfläche, wie
beim Bau der organischen Körper, lange nicht nach einem so verwickelten
Plane verfahren ist, als man unter dem Einfluß unbestimmter Anschauungen
und des Hangs zum Wunderbaren geglaubt hat. Es geht auch daraus hervor,
daß alle jene Anomalien, alle jene Ausnahmen von den Gesetzen der
Hydrographie, die im Innern Amerikas vorkommen, nur scheinbar sind; daß in
der alten Welt beim Lauf fließender Gewässer gleich außerordentliche
Erscheinungen vorkommen, daß aber diese Erscheinungen vermöge ihres
unbedeutenden Umfangs den Reisenden weniger aufgefallen sind. Wenn
ungeheure Ströme betrachtet werden können als aus mehreren, unter einander
parallelen, aber ungleich tiefen Rinnen bestehend, wenn diese Ströme nicht
in Thäler eingeschlossen sind, und wenn das Innere eines großen Festlandes
so eben ist als bei uns das Meeresufer, so müssen die Verzweigungen, die
Gabelungen, die netzförmigen Verschlingungen sich ins Unendliche häufen.
Nach Allem, was wir vom Gleichgewicht der Meere wissen, kann ich nicht
glauben, daß die neue Welt später als die alte dem Schooß des Wassers
entstiegen, daß das organische Leben in ihr jünger, frischer seyn sollte;
wenn man aber auch keine Gegensätze zwischen den zwei Halbkugeln desselben
Planeten gelten läßt, so begreift sich doch, daß auf derjenigen, welche
die größte Wasserfülle hat, die verschiedenen Flußsysteme längere Zeit
gebraucht haben, sich von einander zu scheiden, sich gegenseitig völlig
unabhängig zu machen. Die Anschwemmungen, die sich überall bilden, wo
fließendes Wasser an Geschwindigkeit abnimmt, tragen allerdings dazu bei,
die großen Strombetten zu erhöhen und die Ueberschwemmungen stärker zu
machen; aber auf die Länge werden die Flußarme und schmalen Kanäle, welche
benachbarte Flüsse mit einander verbinden, durch diese Anschwemmungen ganz
verstopft. Was das Regenwasser zusammenspült, bildet, indem es sich
aushäuft, Schwellen, _‘isthmes d’attérissement’_, Wasserscheiden, die
zuvor nicht vorhanden waren. Die Folge davon ist, daß die natürlichen,
ursprünglichen Verbindungscanäle nach und nach in zwei Wasserläufe
zerfallen, und durch die Aufhöhung des Bodens in der Quere zwei Gefälle
nach entgegengesetzten Richtungen erhalten. Ein Theil ihres Wassers fällt
in den Hauptwasserbehälter zurück, und zwischen zwei parallelen Becken
erhebt sich eine Böschung, so daß die ehemalige Verbindung spurlos
verschwindet. Sofort bestehen zwischen verschiedenen Flußsystemen keine
Gabelungen mehr, und wo sie zur Zeit der großen Ueberschwemmungen noch
immer vorhanden sind, tritt das Wasser vom Hauptbehälter nur weg, um nach
größeren oder kleineren Umwegen wieder dahin zurückzukehren. Die Gebiete,
deren Grenzen anfangs schwankend durcheinander liefen, schließen sich nach
und nach ab, und im Laufe der Jahrhunderte wirkt Alles, was an der
Erdoberfläche beweglich ist, Wasser, Schwemmung und Sand, zusammen, um die
Flußbetten zu trennen, wie die großen Seen in mehrere zerfallen und die
Binnenmeere ihre alten Verbindungen verlieren.(65)
Da die Geographen schon im sechzehnten Jahrhundert die Ueberzeugung
gewonnen hatten, daß in Südamerika zwischen verschiedenen Flußsystemen
Gabeltheilungen bestehen, die sie gegenseitig von einander abhängig
machen, so nahmen sie an, daß die fünf großen Nebenflüsse des Orinoco und
des Amazonenstromes, Guaviare, Inirida, Rio Negro, Caqueta oder Hyapura,
und Putumayo oder Iça unter einander zusammenhängen. Diese Hypothesen,
welche auf unsern Karten in verschiedenen Gestalten dargestellt sind,
entstanden zum Theil in den Missionen in den Ebenen, zum Theil auf dem
Rücken der Cordilleren der Anden. Reist man von Santa Fe de Bogota über
Fusagafuga nach Popayan und Pasto, so hört man die Gebirgsbewohner
behaupten, am Ostabhang der _Paramos de la Suma Paz_ (des ewigen
Friedens), des Iscancè und Aponte entspringen alle Flüsse, die zwischen
dem Meta und dem Putumayo durch die Wälder von Guyana ziehen. Da man die
Nebenflüsse für den Hauptstrom hält und man alle Flüsse rückwärts bis zur
Bergkette reichen läßt, so wirft man dort die Quellen des Orinoco, des Rio
Negro und des Guaviare zusammen. Am steilen Ostabhang der Anden ist sehr
schwer herunterzukommen, eine engherzige Politik hat dem Handel mit den
Llanos am Meta, am San Juan und Caguan Fesseln angelegt, man hat wenig
Interesse, die Flüsse zu verfolgen, um ihre Verzweigungen kennen zu
lernen: durch all diese Umstände ist die geographische Verwirrung noch
größer geworden. Als ich in Santa Fe de Bogota war, kannte man kaum den
Weg, der über die Dörfer Usme, Ubaque und Caqueza nach Apiay und zum
Landungsplatz am Rio Meta führt. Erst in neuester Zeit konnte ich die
Karte dieses Flusses nach den _Reisetagebüchern_ des CANONICUS CORTES
MADARIAGA und nach den Ermittlungen während des Unabhängigkeitskriegs in
Venezuela berichtigen.
Ueber die Lage der Quellen am Fuß der Cordilleren zwischen dem 4° 20′ und
1° 10′ nördlicher Breite wissen wir zuverlässig, was folgt. Hinter dem
Paramo de la Suma Paz, den ich von Pandi an aufnehmen konnte, entspringt
der Rio de Aguas Blancas, der mit dem Pachaquiaro oder Rio Negro von Apiay
den *Meta* bildet; weiter nach Süden kommt der Rio Ariari, ein Nebenfluß
des *Guaviare*, dessen Mündung ich bei San Fernando de Atabapo gesehen.
Geht man auf dem Rücken der Cordillere weiter gegen Ceja und den Paramo
von Aponte zu, so kommt man an den Rio Guayavero, der am Dorfe Aramo
vorbeiläuft und sich mit dem Ariari verbindet; unterhalb ihrer Vereinigung
bekommen die Flüsse den Namen *Guaviare*. Südwestlich vom Paramo de Aponte
entspringen am Fuß der Berge bei Santa Rosa der Rio Caqueta, und auf der
Cordillere selbst der Rio de Mocoa, der in der Geschichte der Eroberung
eine große Rolle spielt. Diese beiden Flüsse, die sich etwas oberhalb der
Mission San Augustin de Nieto vereinigen, bilden den *Japura* oder
*Caqueta*. Der Cerro del Portachuelo, ein Berg, der sich auf der Hochebene
der Cordilleren selbst erhebt, liegt zwischen den Quellen des Mocoa und
dem See Sebondoy, aus dem der Rio *Putumayo* oder Jça entspringt. Der
Meta, der Guaviare, der Caqueta und der Putumayo sind also die einzigen
großen Flüsse, die unmittelbar am Ostabhang der Anden von Santa Fe,
Popayan und Pasto entspringen. Der Vichada, der Zama, der Inirida, der Rio
Negro, der Uaupe und der Apoporis, die unsere Karten gleichfalls westwärts
bis zum Gebirge fortführen, entspringen weit weg von demselben entweder in
den Savanen zwischen Meta und Guaviare oder im bergigten Land, das, nach
den Aussagen der Eingeborenen, fünf, sechs Tagereisen westwärts von den
Missionen am Javita und Maroa anfängt und sich als Sierra Tunuhy jenseits
des Xiè dem Issana zu erstreckt.
Es erscheint ziemlich auffallend, daß dieser Kamm der Cordillere, dem so
viele majestätische Flüsse entspringen (Meta, Guaviare, Caqueta,
Putumayo), so wenig mit Schnee bedeckt ist als die abyssinischen Gebirge,
aus denen der blaue Nil kommt; dagegen trifft man, wenn man die Gewässer,
die über die Ebenen ziehen, hinausgeht, bevor man an die Cordillere der
Anden kommt, einen noch thätigen Vulkan. Derselbe wurde erst in neuester
Zeit von den Franciscanern entdeckt, die von Ceja über den Rio Fragua an
den Caqueta herunterkommen. Nordöstlich von der Mission Santa Rosa,
westlich vom Puerto del Pescado, liegt ein einzeln stehender Hügel, der
Tag und Nacht Rauch ausstößt. Es rührt dieß von einem Seitenausbruch der
Vulkane von Popayan und Pasto her, wie der Guacamayo und der Sangay, die
gleichfalls am Fuß des Ostabhangs der Anden liegen, von Seitenausbrüchen
des Vulkansystems von Quito herrühren. Ist man mit den Ufern des Orinoco
und des Rio Negro bekannt, wo überall das Granitgestein zu Tage kommt,
bedenkt man, daß in Brasilien, in Guyana, auf dem Küstenland von
Venezuela, vielleicht auf dem ganzen Continent ostwärts von den Anden,
sich gar kein Feuerschlund findet, so erscheinen die drei thätigen Vulkane
an den Quellen des Caqueta, des Napo und des Rio Macas oder Morona sehr
interessant.
Die imposante Größe des Rio Negro fiel schon ORELLANA auf, der ihn im Jahr
1539 bei seinem Einfluß in den Amazonenstrom sah, _undas nigras spargens_;
aber erst ein Jahrhundert später suchten die Geographen seine Quellen am
Abhang der Cordilleren auf. ACUÑAs Reise gab Anlaß zu Hypothesen, die sich
bis auf unsere Zeit erhalten haben und von LA CONDAMINE und D’ANVILLE
maßlos gehäuft wurden. ACUÑA hatte im Jahr 1638 an der Einmündung des Rio
Negro gehört, einer seiner Zweige stehe mit einem andern großen Strom in
Verbindung, an dem die Holländer sich niedergelassen. SOUTHEY bemerkt
scharfsinnig, daß man so etwas in so ungeheurer Entfernung von der Küste
gewußt, beweise, wie stark und vielfach damals der Verkehr unter den
barbarischen Völkern dieser Länder (besonders unter denen von caraibischem
Stamme) gewesen. Es bleibt unentschieden, ob die Indianer, die Acuña Rede
standen, den Cassiquiare meinten, den natürlichen Canal zwischen Orinoco
und Rio Negro, den ich von San Carlos nach Esmeralda hinaufgefahren bin,
oder ob sie ihm nur unbestimmt die Trageplätze zwischen den Quellen des
Rio Branco(66) und des Rio Essequebo andeuten wollten. Acuña selbst dachte
nicht daran, daß der große Strom, dessen Mündung die Holländer besaßen,
der Orinoco sey; er nahm vielmehr eine Verbindung mit dem Rio San Felipe
an, der westlich vom Cap Nord ins Meer fällt, und auf dem nach seiner
Ansicht der Tyrann Lopez de Aguirre seine lange Flußfahrt beschlossen
hatte. Letztere Annahme scheint mir sehr gewagt, wenn auch der Tyrann in
seinem närrischen Briefe an Philipp II. selbst gesteht, »er wisse nicht,
wie er und die Seinigen aus der großen Wassermasse herausgekommen.« [S.
Bd. I. Seite 233].
Bis zu Acuñas Reise und den schwankenden Angaben, die er über Verbindungen
mit einem andern großen Fluß nordwärts vom Amazonenstrom erhielt, sahen
die unterrichtetsten Missionare den Orinoco für eine Fortsetzung des
Caqueta (Kaqueta, Caketa) an. »Dieser Strom,« sagte Fray PEDRO SIMON im
Jahr 1625, »entspringt am Westabhang des Paramo d’Iscancè. Er nimmt den
Papamene auf, der von den Anden von Neiva herkommt, und heißt nach
einander Rio Iscancè, Tama (wegen des angrenzenden Gebiets der
Tamas-Indianer), Guayare, Baraguan und Orinoco.« Nach der Lage des Paramo
d’Iscancè, eines hohen Kegelbergs, den ich auf der Hochebene von Mamendoy
und an den schönen Ufern des Mayo gesehen, muß in dieser Beschreibung der
Caqueta gemeint seyn. Der Rio Papamene ist der Rio de la Fragua, der mit
dem Rio Mocoa ein Hauptzweig des Caqueta ist; wir kennen denselben von den
ritterlichen Zügen Georgs von Speier und Philipps von Hutten her.(67) Die
beiden Kriegsmänner kamen an den Papamene erst, nachdem sie über den
Ariari und den Guayavero gegangen. Die Tamas-Indianer sind noch jetzt am
nördlichen Ufer des Caqueta eine der stärksten Nationen; es ist also nicht
zu verwundern, daß, wie Fray Pedro Simon sagt, dieser Fluß Rio Tama
genannt wurde. Da die Quellen der Nebenflüsse des Caqueta und die
Nebenflüsse des Guaviare nahe beisammen liegen, und da dieser einer der
großen Flüsse ist, die in den Orinoco fallen, so bildete sich mit dem
Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die irrige Ansicht, Caqueta (Rio de
Iscancè und Papamene), Guaviare (Guayare) und Orinoco seyen ein und
derselbe Fluß. Niemand war den Caqueta dem Amazonenstrom zu hinabgefahren,
sonst hätte man gesehen, daß der Fluß, der weiter unten Jupupa heißt, eben
der Caqueta ist. Eine Sage, die sich bis jetzt unter der Bevölkerung
dieses Landstrichs erhalten hat, derzusolge ein Arm des Caqueta oberhalb
des Einflusses des Caguan und des Payoya zum Irinida und Rio Negro geht,
muß auch zu der Meinung beigetragen haben, daß der Orinoco am Abhang der
Gebirge von Pasto entspringe.
Wie wir gesehen, setzte man in Neu-Grenada voraus, die Wasser des Caqueta
laufen, wie die des Ariari, Meta und Apure, dem großen Orinocobecken zu.
Hätte man genauer auf die Richtung dieser Nebenflüsse geachtet, so wäre
man gewahr geworden, daß allerdings das ganze Land im Großen nach Osten
abfällt, daß aber die Bodenpolyeder, aus denen die Niederungen bestehen,
schiefe Flächen zweiter Ordnung bilden, die nach Nordost und Südost
geneigt sind. Eine fast unmerkliche Wasserscheide läuft unter dem zweiten
Breitengrad von den Anden von Timana zu der Landenge zwischen Javita und
dem Caño Pimichin, über die unsere Pirogue geschafft worden. Nördlich vom
Parallel von Timana laufen die Gewässer [Inirida, Guaviare, Vichada, Zama,
Meta, Casanare, Apure.] nach Nordost und Ost: es sind die Nebenflüsse des
Orinoco oder die Nebenflüsse seiner Nebenflüsse. Aber südlich vom Parallel
von Timana, aus den Ebenen, welche denen von San Juan vollkommen zu
gleichen scheinen, laufen der Caqueta oder Jupura, der Putumayo oder Jça,
der Napo, der Pastaça und der Morona nach Südost und Süd-Südost und
ergießen sich ins Becken des Amazonenstroms. Dabei ist sehr merkwürdig,
daß diese Wasserscheide selbst nur als eine Fortsetzung derjenigen
erscheint, die ich in den Cordilleren auf dem Wege von Popayan nach Pasto
gefunden. Zieht man den Landhöhen nach eine Linie über Ceja (etwas südlich
von Timana) und den Paramo de las Papas zum Alto del Noble, zwischen
1° 45′ und 2° 20′ der Breite, in 970 Toisen Meereshöhe, so findet man die
_‘divortia aquarum’_ zwischen dem Meere der Antillen und dem stillen
Ocean.
Vor Acuñas Reise herrschte bei den Missionären die Ansicht, Caqueta,
Guaviare und Orinoco seyen nur verschiedene Benennungen desselben Flusses;
aber der Geograph SANSON ließ auf den Karten, die er nach ACUÑAs
Beobachtungen entwarf, den Caqueta sich in zwei Arme theilen, deren einer
der Orinoco, der andere der Rio Negro oder Curiguacuru seyn sollte. Diese
Gabeltheilung unter rechtem Winkel erscheint auf allen Karten von SANSON,
CORONELLI, DU VAL und DE L’ISLE von 1656 bis 1730. Man glaubte auf diese
Weise die Verbindungen zwischen den großen Strömen zu erklären, von denen
Acuña die erste Kunde von der Mündung des Rio Negro mitgebracht, und man
ahnte nicht, daß der Jupura die Fortsetzung des Caqueta sey. Zuweilen ließ
man den Namen Caqueta ganz weg und nannte den Fluß, der sich gabelt, Rio
Paria oder Yuyapari, wie der Orinoco ehemals hieß. DE L’ISLE ließ in
seiner letzten Zeit den Caqueta sich nicht mehr gabeln, zum großen Verdruß
LA CONDAMINES; er machte den Putumayo, den Jupura und Rio Negro zu völlig
unabhängigen Flüssen, und als wollte er alle Aussicht auf eine Verbindung
zwischen Orinoco und Rio Negro abschneiden, zeichnete er zwischen beiden
Strömen eine hohe Bergkette. Bereits Pater FRITZ hatte dasselbe System und
zur Zeit des Hondius galt es für das wahrscheinlichste.
LA CONDAMINEs Reise, die über verschiedene Striche Amerikas so viel Licht
verbreitet, hat in die ganze Angelegenheit vom Laufe des Caqueta, Orinoco
und Rio Negro nur noch mehr Verwirrung gebracht. Der berühmte Gelehrte sah
allerdings wohl, daß der Caqueta (bei Mocoa) der Fluß ist, der am
Amazonenstrom Jupura heißt; dennoch nahm er nicht allein SANSONs Hypothese
an, er brachte die Zahl der Gabeltheilungen des Caqueta sogar auf drei.
Durch die erste gibt der Caqueta einen Arm (den Jaoya) an den Putumayo ab;
eine zweite bildet den Rio Jupura und den Rio Paragua; in einer dritten
theilt sich der Rio Paragua wiederum in zwei Flüsse, den Orinoco und den
Rio Negro. Dieses rein ersonnene System sieht man in der ersten Ausgabe
von D’ANVILLEs schöner Karte von Amerika dargestellt. Es ergibt sich
daraus, daß der Rio Negro vom Orinoco unterhalb der großen Katarakten
abgeht, und daß man, um an die Mündung des Guaviare zu kommen, den Caqueta
über die Gabelung, aus der der Rio Jupura entspringt, hinauf muß. Als LA
CONDAMINE erfuhr, daß der Orinoco keineswegs am Fuß der Anden von Pasto,
sondern auf der Rückseite der Berge von Cayenne entspringe, änderte er
seine Vorstellungen auf sehr sinnreiche Weise ab. Der Rio Negro geht jetzt
nicht mehr vom Orinoco ab; Guaviare, Atabapo, Cassiquiare und die Mündung
des Inirida (unter dem Namen Iniricha) erschienen auf D’ANVILLES zweiter
Karte ungefähr in ihrer wahren Gestalt, aber aus der dritten Gabelung des
Caqueta entstehen der Inirida und der Rio Negro; Dieses System wurde von
Pater CAULIN gut geheißen, auf der Karte von LA CRUZ dargestellt und auf
allen Karten bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts copirt. Diese
Namen: Caqueta, Orinoco, Inirida, haben allerdings nicht so viel
Anziehendes, wie die Flüsse im Innern Nigritiens; es knüpfen sich eben
keine geschichtlichen Erinnerungen daran; aber die mannigfaltigen
Combinationen der Geographen der neuen Welt erinnern an die krausen
Zeichnungen vom Laufe des Niger, des weißen Nil, des Gambaro, des Joliba
und des Zaïre. Von Jahr zu Jahr nimmt das Bereich der Hypothesen an Umfang
ab; die Probleme sind bündiger gefaßt und das alte Stück Geographie, das
man speculative, um nicht zu sagen divinatorische Geographie nennen
könnte, zieht sich in immer engere Grenzen zusammen.
Also nicht am Caqueta, sondern am Guainia oder Rio Negro kann man genaue
Auskunft über die Quellen des letzteren Flusses erhalten. Die Indianer in
den Missionen Maroa, Tomo und San Carlos wissen nichts von einer oberen
Verbindung des Guainia mit dem Jupura. Ich habe seine Breite bei der
Schanze San Agostino gemessen; es ergaben sich 292 Toisen;(68) die
mittlere Breite war 200--250 Toisen. LA CONDAMINE schätzt dieselbe in der
Nähe der Ausmündung in den Amazonenstrom an der schmalsten Stelle auf 1200
Toisen; der Fluß wäre also auf einem Lauf von 10 Grad in gerader Linie um
1000 Toisen breiter geworden. Obgleich die Wassermasse, wie wir sie
zwischen Maroa und San Carlos gesehen, schon ziemlich bedeutend ist,
versichern die Indianer dennoch, der Guainia entspringe fünf Tagereisen zu
Wasser nordwestwärts von der Mündung des Pimichin in einem bergigten
Landstrich, wo auch die Quellen des Inirida liegen. Da man den Cassiquiare
von San Carlos bis zum Punkt der Gabeltheilung am Orinoco in 10--11 Tagen
hinauffährt, so kann man fünf Tage Bergfahrt gegen eine lange nicht so
starke Strömung zu etwas über einen Grad 20 Minuten in gerader Richtung
annehmen, womit die Quellen des Guainia, nach meinen Längenbeobachtungen
in Javita und San Carlos, unter 71° 35′ westlich vom Meridian von Paris zu
liegen kämen. Obgleich die Aussagen der Eingeborenen vollkommen
übereinstimmten, liegen die Quellen wohl noch weiter nach Westen, da die
Canoes nur so weit hinaufkommen, als das Flußbett es gestattet. Nach der
Analogie der europäischen Flüsse läßt sich das Verhältniß zwischen der
Breite und Länge des obern Flußstücks(69) nicht bestimmt beurtheilen. In
Amerika nimmt häufig die Wassermasse in den Flüssen auf kurzen Strecken
sehr auffallend zu.
Der Guainia ist in seinem obern Lauf vorzüglich dadurch ausgezeichnet, daß
er keine Krümmungen hat; er erscheint wie ein breiter Kanal, der durch
einen dichten Wald gezogen ist. So oft der Fluß die Richtung verändert,
liegt eine gleich lange Wasserstrecke vor dem Auge. Die Ufer sind hoch,
aber eben und selten felsigt. Der Granit, den ungeheure Quarzgänge
durchsetzen, kommt meist nur mitten im Bett zu Tage. Fährt man den Guainia
nach Nordwest hinauf, so wird die Strömung mit jeder Tagreise reißender.
Die Flußufer sind unbewohnt; erst in der Nähe der Quellen (_las
cavezeras_), im bergigten Land, hausen die Manivas- oder
Poignaves-Indianer. Die Quellen des Inirida (Iniricha) liegen, nach der
Aussage der Indianer, nur 2--3 Meilen von denen des Guainia und es ließe
sich dort ein Trageplatz anlegen. Pater Caulin hörte in Cabruta aus dem
Munde eines indianischen Häuptlings Namens Tapo, der Inirida sey sehr nahe
beim Patavita (Paddavida auf der Karte von LA CRUZ), der ein Nebenfluß des
Rio Negro ist. Die Eingeborenen am obern Guainia kennen diesen Namen
nicht, so wenig als den eines Sees (_laguna del Rio Negro_), der auf alten
portugiesischen Karten vorkommt. Dieser angebliche Rio Patavita ist
wahrscheinlich nichts als der Guainia der Indianer in Maroa; denn so lange
die Geographen an die Gabeltheilung des Caqueta glaubten, ließen sie den
Rio Negro aus diesem Arm und einem Flusse entstehen, den sie Patavita
nannten. Nach dem Bericht der Eingeborenen sind die Berge bei den Quellen
des Inirida und Guainia nicht höher als der Baraguan, der nach meiner
Messung 120 Toisen hoch ist.
Portugiesische handschriftliche Karten, die in neuester Zeit im
hydrographischen Depot zu Rio Janeiro entworfen worden sind, bestätigen,
was ich an Ort und Stelle in Erfahrung gebracht. Sie geben keine der vier
Verbindungen des Caqueta oder Japura mit dem Guainia (Rio Negro), dem
Inirida, dem Uaupes (Guapue) und dem Putumayo an; sie stellen jeden dieser
Nebenflüsse als einen unabhängigen Strom dar; sie lassen den Rio Patavita
weg und setzen die Quellen des Guainia nur 2° 15′ westwärts vom Meridian
von Javita. Der Rio Uaupes, ein Nebenfluß des Guainia, scheint viel weiter
aus Westen herzukommen als der Guainia selbst; und seine Richtung ist so,
daß kein Arm des Caqueta in den obern Guainia kommen könnte, ohne ihn zu
schneiden. Ich bringe zum Schluß dieser Erörterung einen Beweis bei, der
direkt gegen die Annahme spricht, nach welcher der Guainia, wie der
Guaviare und der Caqueta, am Ostabhang der Cordilleren der Anden
entspringen soll.
Während meines Aufenthalts in Popayan machte mir der Gardian des
Franciskanerklosters, Fray Francisco Pugnet, ein liebenswürdiger,
verständiger Mann, zuverlässige Mittheilungen über die Missionen der
Adaquies, in denen er lange gelebt hat. Der Pater hatte eine beschwerliche
Reise vom Caqueta zum Guaviare unternommen. Seit Philipp von Hutten (Urre)
und den ersten Zeiten der Eroberung war kein Europäer durch dieses
unbekannte Land gekommen. Pater Pugnet kam von der Mission Caguan am
Flusse dieses Namens, der in den Caqueta fällt, über eine unermeßliche,
völlig baumlose Savane, in deren östlichem Striche die Tamas- und
Coreguajes-Indianer hausen. Nach sechstägigem Marsch nordwärts kam er in
einen kleinen Ort Namens Aramo am Guayavero, etwa 15 Meilen westlich vom
Punkt, wo der Guayavero und der Ariari den großen Guaviarestrom bilden.
Aramo ist das am weitesten nach West gelegene Dorf der Missionen von San
Juan de los Llanos. Pater Pugnet hörte dort von den großen Katarakten des
Rio Guaviare (ohne Zweifel denselben, die der Präsident der Missionen am
Orinoco auf seiner Fahrt von San Fernando de Apure den Guaviare hinauf
gesehen, s. Bd. III. Seite 296), aber er kam zwischen Caguan und Aramo
über keinen Fluß. Es ist also erwiesen, daß unter dem 75. Grad der Länge,
auf 40 Meilen vom Abhang der Cordilleren, mitten in den Llanos weder Rio
Negro (Patavita, Guainia), noch Guapue (Uaupe), noch Inirida zu finden
sind und daß diese drei Flüsse ostwärts von diesem Meridian entspringen.
Diese Angaben sind von großem Werth; denn im innern Afrika ist die
Geographie kaum so verworren als hier zwischen dem Atabapo und den Quellen
des Meta, Guaviare und Caqueta. »Man glaubt es kaum,« sagt CALDAS in einer
wissenschaftlichen Zeitschrift, die in Santa Fe de Bogota erscheint, »daß
wir noch keine Karte von den Ebenen besitzen, die am Ostabhang der Gebirge
beginnen, die wir täglich vor Augen haben und auf denen die Kapellen
Guadeloupe und Monserrate stehen. Kein Mensch weiß, wie breit die
Cordilleren sind, noch wie die Flüsse laufen, die in den Orinoco und in
den Amazonenstrom fallen, und doch werden einst in besseren Zeiten eben
auf diesen Nebenflüssen, dem Meta, dem Guaviare, dem Rio Negro, dem
Caqueta, die Einwohner von Cundinamarca mit Brasilien und Paraguay
verkehren.«
Ich weiß wohl, daß in den Missionen der Andaquies ziemlich allgemein der
Glaube herrscht, der Caqueta gebe zwischen dem Einfluß des Rio Fragua und
des Caguan einen Arm an den Putumayo, und weiter unten, unterhalb der
Einmündung des Rio Payoya, einen andern an den Orinoco ab; aber diese
Meinung stützt sich nur auf eine unbestimmte Sage der Indianer, welche
häufig Trageplätze und Gabeltheilungen verwechseln. Wegen der Katarakten
an der Mündung des Payoya und der wilden Huaques-Indianer, auch
»Murcielagos« (Fledermäuse) genannt, weil sie den Gefangenen das Blut
aussaugen, können die spanischen Missionäre nicht den Caqueta hinabfahren.
Nie hat ein weißer Mensch den Weg von San Miguel de Mocoa zum Einfluß des
Caqueta in den Amazonenstrom gemacht. Bei der letzten Grenzcommission
fuhren die portugiesischen Astronomen zuerst den Caqueta bis zu 0° 36′
südlicher Breite, dann den Rio de los Engaños (den trügerischen Fluß) und
den Rio Cunare, die in den Caqueta fallen, bis zu 0° 28′ nördlicher Breite
hinauf. Auf dieser Fahrt sahen sie nordwärts keinen Arm vom Caqueta
abgehen. Der Amu und der Yabilla, deren Quellen sie genau untersucht, sind
Flüßchen, die in den Rio de los Engaños und mit diesem in den Caqueta
fallen. Findet also wirklich eine Gabeltheilung statt, so wäre sie nur auf
der ganz kurzen Strecke zwischen dem Einfluß des Payoya und dem zweiten
Katarakt oberhalb des Einflusses des Rio de los Engaños zu suchen; aber,
ich wiederhole es, wegen dieses Flusses, wegen des Cunare, des Apoporis
und des Uaupes könnte dieser angebliche Arm des Caqueta gar nicht zum
obern Guainia gelangen. Alles scheint vielmehr darauf hinzuweisen, daß
zwischen den Zuflüssen des Caqueta und denen des Uaupes und Rio Negro eine
Wasserscheide ist. Noch mehr: durch barometrische Beobachtung haben wir
für das Ufer des Pimichin 130 Toisen Meereshöhe gefunden. Vorausgesetzt,
das bergigte Land an den Quellen des Guainia liege 50 Toisen über Javita,
so folgt daraus, daß das Bett des Flusses in seinem oberen Lauf wenigstens
200 Toisen über dem Meere liegt, also nur so hoch, als wir mit dem
Barometer das Ufer des Amazonenstroms bei Tomependa in der Provinz Jaen de
Bracamoros gefunden. Bedenkt man nun, wie stark dieser ungeheure Strom von
Tomependa bis zum Meridian von 75° fällt und wie weit es von den Missionen
am Rio Caguan bis zur Cordillere ist, so bleibt kein Zweifel, daß das Bett
des Caqueta unterhalb der Mündungen des Caguan und des Payoya viel tiefer
liegt als das Bett des obern Guainia, an den er einen Theil seines Wassers
abgeben soll. Ueberdieß ist das Wasser des Caqueta durchaus weiß, das des
Guainia dagegen schwarz oder kaffeebraun; man hat aber kein Beispiel, daß
ein weißer Fluß auf seinem Laufe schwarz würde. Der obere Guainia kann
also kein Arm des Caqueta seyn. Ich zweifle sogar, daß man Grund hat
anzunehmen, dem Guainia, als vornehmsten und unabhängigen Wasserbehälter,
komme südwärts durch einen Seitenzweig einiges Wasser zu.
Die kleine Berggruppe an den Quellen des Guainia, die wir haben kennen
lernen, ist um so interessanter, da sie einzeln in der Ebene liegt, die
sich südwestlich vom Orinoco ausdehnt. Nach der Länge, unter der sie
liegt, könnte man vermuthen, von ihr gehe ein Kamm ab, der zuerst die
Stromenge (Angostura) des Guaviare und dann die großen Katarakten des
Uaupes und des Jupura bildet. Kommt vielleicht dort, wo die Gebirgsart
wahrscheinlich, wie im Osten, Granit ist, Gold in kleinen Theilen im Boden
vor? Gibt es vielleicht weiter nach Süden, dem Uaupes zu, am Iquiare
(Iguiari, Iguari) und am Yurubesh (Yurubach, Urubaxi) Goldwäschen? Dort
suchte PHILIPP VON HUTTEN zuerst den Dorado und lieferte mit einer
Handvoll Leute den Omaguas das im sechzehnten Jahrhundert vielberufene
Gefecht. Entkleidet man die Berichte der Conquistadoren des Fabelhaften,
so erkennt man an den erhaltenen Ortsnamen immerhin, daß geschichtliche
Wahrheit zu Grunde liegt. Man folgt dem Zuge Huttens über den Guaviare und
den Caqueta; man erkennt in den *Guaypes* unter dem Caziken von Macatoa
die Anwohner des Uaupes, der auch *Guape* oder Guapue heißt; man erinnert
sich, daß Pater Acuña den Iquiari (Quiguiare) einen *Goldfluß* nennt, und
daß fünfzig Jahre später Pater FRITZ, ein sehr glaubwürdiger Missionär, in
seiner Mission Yurimaguas von den Manaos (Manoas) besucht wurde, die mit
Goldblechen geputzt waren und aus dem Landstrich zwischen dem Uaupe und
dem Caqueta oder Jupura kamen. Die Flüsse, die am Ostabhang der Anden
entspringen, (z. B. der Napo) führen viel Gold, auch wenn ihre Quellen im
Trachytgestein liegen: warum sollte es ostwärts von den Cordilleren nicht
so gut goldhaltiges aufgeschwemmtes Land geben, wie westwärts bei Sonora,
Choco und Barbacoas? Ich bin weit entfernt, den Reichthum dieses
Landstrichs übertreiben zu wollen; aber ich halte mich nicht für
berechtigt, das Vorkommen edler Metalle im Urgebirge von Guyana nur
deßhalb in Abrede zu ziehen, weil wir auf unserer Reise durch das Land
keinen Erzgang gefunden haben. Es ist auffallend, daß die Eingeborenen am
Orinoco in ihren Sprachen ein Wort für Gold haben (caraibisch Carucuru,
tamanakisch *Caricuri*, maypurisch *Cavitta*), während das Wort, das sie
für Silber gebrauchen, *Prata*, offenbar dem Spanischen entlehnt ist. Die
Nachrichten über Goldwäschen südlich und nördlich vom Rio Uaupes, die
Acuña, Pater Fritz und La Condamine gesammelt, stimmen mit dem überein,
was ich über die Goldlager in diesem Landstrich in Erfahrung gebracht. So
stark man sich auch den Verkehr unter den Völkern am Orinoco vor der
Ankunft der Europäer denken mag, so haben sie doch ihr Gold gewiß nicht
vom Ostabhang der Cordilleren geholt. Dieser Abhang ist arm an Erzgruben,
zumal an solchen, die schon von Alters her in Betrieb waren; er besteht in
den Provinzen Popayan, Pasto und Quito fast ganz aus vulkanischem Gestein.
Wahrscheinlich kam das Gold nach Guyana aus dem Lande ostwärts von den
Anden. Noch zu unserer Zeit wurde in einer Schlucht bei der Mission
Encaramada ein Goldgeschiebe gefunden, und man darf sich nicht wundern,
daß man, sobald sich Europäer in diesen Einöden niederlassen, weniger von
Goldblech, Goldstaub und Amuletten aus Nephrit sprechen hört, die man sich
früher von den Caraiben und andern umherziehenden Völkern im Tauschhandel
verschaffen konnte. Die edlen Metalle waren am Orinoco, Rio Negro und
Amazonenstrom nie sehr häufig, und sie verschwinden fast ganz, sobald die
Zucht in den Missionen dem Verkehr der Eingeborenen über weite Strecken
ein Ende macht.
Am obern Guainia ist das Klima nicht so heiß, vielleicht auch etwas
weniger feucht als am Tuamini. Ich fand das Wasser des Rio Negro im Mai
23°,9 [19°,2 Reaumur] warm, während der Thermometer in der Luft bei Tag
auf 22°,7, bei Nacht auf 21°,8 stand. Diese Kühle des Wassers, die fast
ebenso beim Congofluß beobachtet wird, ist so nahe beim Aequator (1° 53′
bis 2° 15′ nördliche Breite) sehr auffallend. Der Orinoco ist zwischen dem
vierten und achten Grad der Breite meist 27°,5 bis 29°,5 warm. Die
Quellen, die bei Maypures aus dem Granit kommen, haben 27°,8. Diese
Abnahme der Wärme dem Aequator zu stimmt merkwürdig mit den Hypothesen
einiger Physiker des Alterthums;(70) es ist indessen nur eine örtliche
Erscheinung und nicht sowohl eine Folge der Meereshöhe, des Landstrichs,
als vielmehr des beständig bedeckten, regnerischen Himmels, der
Feuchtigkeit des Bodens, der dichten Wälder, der starken Ausdünstung der
Gewächse und des Umstandes, daß kein sandiges Ufer den Wärmestoff anzieht
und durch Strahlung wieder von sich gibt. Der Einfluß eines bezogenen
Himmels zeigt sich recht deutlich am Küstenstrich in Peru, wo niemals
Regen fällt und die Sonne einen großen Theil des Jahres, zur Zeit der
*Garua* (Nebel), dem bloßen Auge wie die Mondscheibe erscheint. Dort,
zwischen dem 10. und 12. Grad südlicher Breite ist die mittlere Temperatur
kaum höher als in Algier und Cairo. Am Rio Negro regnet es fast das ganze
Jahr, December und Januar ausgenommen, und selbst in der trockenen
Jahreszeit sieht man das Blau des Himmels selten zwei, drei Tage hinter
einander. Bei heiterer Luft erscheint die Hitze desto größer, da sonst das
Jahr über die Einwohner sich bei Nacht über Frost beklagen, obgleich die
Temperatur immer noch 21° beträgt. Ich stellte in San Carlos, wie früher
in Javita, Beobachtungen über die Regenmenge an, die in einer gegebenen
Zeit fällt. Diese Untersuchungen sind von Belang, wenn es sich davon
handelt, die ungeheure Anschwellung der Flüsse in der Nähe des Aequators
zu erklären, von denen man lange glaubte, sie werden von den Cordilleren
mit Schneewasser gespeist. Ich sah zu verschiedenen Zeiten in 2 Stunden
7,5 Linien, in 3 Stunden 18 Linien, in 9 Stunden 48,2 Linien Regen fallen.
Da es unaufhörlich fort regnet (der Regen ist fein, aber sehr dicht), so
können, glaube ich, in diesen Wäldern jährlich nicht wohl unter 90 bis 100
Zoll Wasser fallen. So außerordentlich viel dieß auch scheinen mag, so
wird diese Schätzung doch durch die sorgfältigen Beobachtungen des
Ingenieurobristen COSTANZO in Neuspanien bestätigt. In Vera-Cruz fielen
allein in den Monaten Juli, August und September 35 Zoll 2 Linien, im
ganzen Jahr 62 Zoll 2 Linien Regenwasser; aber zwischen dem Klima der
dürren, kahlen mexicanischen Küsten und dem Klima in den Wäldern ist ein
großer Unterschied. Auf jenen Küsten fällt in den Monaten December und
Januar kein Tropfen Regen und im Februar, April und Mai meist nur
2--2,3 Zoll; in San Carlos dagegen ist es neun, zehn Monate hinter
einander, als ob die Luft sich in Wasser auflöste. In diesem nassen
Himmelsstriche würde ohne die Verdunstung und den Abzug der Wasser der
Boden im Verlauf eines Jahres mit einer 8 Fuß hohen Wasserschicht bedeckt.
Diese Aequatorialregen, welche die majestätischen Ströme Amerikas speisen,
sind von elektrischen Entladungen begleitet, und während man am Ende
desselben Continents, auf der Westküste von Grönland,(71) in fünf und
sechs Jahren nicht Einmal donnern hört, toben in der Nähe des Aequators
die Gewitter fast Tag für Tag. Die Gleichzeitigkeit der elektrischen
Entladungen und der Regengüsse unterstützt übrigens keineswegs die alte
Hypothese, nach der sich in der Luft durch Verbindung von Sauerstoff und
Wasserstoff Wasser bildet. Man hat bis zu 3600 Toisen Höhe vergeblich
Wasserstoff gesucht. Die Menge des in der gesättigten Luft enthaltenen
Wassers nimmt von 20 bis 25 Grad weit rascher zu als von 10 bis 15 Grad.
Unter der heißen Zone bildet sich daher, wenn sich die Luft um einen
einzigen Grad abkühlt, weit mehr sichtbarer Wasserdunst als in der
gemäßigten. Eine durch die Strömungen fortwährend erneuerte Luft kann
somit alles Wasser liefern, das bei den Aequatorialregen fällt und dem
Physiker so erstaunlich groß dünkt.
Das Wasser des Rio Negro ist (bei reflektirtem Licht) dunkler von Farbe
als das des Atabapo und des Tuamini. Ja die Masse weißen Wassers, die der
Cassiquiare hereinbringt, ändert unterhalb der Schanze San Carlos so wenig
an der Farbe, daß es mir auffiel. Der Verfasser der _Chorographie moderne
du Brésil_ sagt ganz richtig, der Fluß habe überall, wo er nicht tief sey,
eine Bernsteinfarbe, wo das Wasser aber sehr tief sey, erscheine es
schwarzbraun, wie Kaffeesatz. Auch bedeutet *Curana*, wie die Eingeborenen
den untern Guainia nennen, schwarzes Wasser. Die Vereinigung des Guainia
oder Rio Negro mit dem Amazonenstrom gilt in der Statthalterschaft
Gran-Para für ein so wichtiges Moment, daß der Rio das Amazonas westlich
vom Rio Negro seinen Namen ablegt und fortan Rio dos Solimöes heißt
(eigentlich Sorimöes, mit Anspielung auf das Gift der Nation der
Sorimans). Westlich von Ucayale nimmt der Amazonenstrom den Namen Rio
Maranhao oder Marañon an. Die Ufer des obern Guainia sind im Ganzen
ungleich weniger von Wasservögeln bevölkert als die des Cassiquiare, Meta
und Arauca, wo die Ornithologen die reichste Ausbeute für die europäischen
Sammlungen finden. Daß diese Thiere so selten sind, rührt ohne Zweifel
daher, daß der Strom keine Untiefen und keine offenen Gestade hat, so wie
von der Beschaffenheit des schwarzen Wassers, in dem (gerade wegen seiner
Reinheit) Wasserinsekten und Fische weniger Nahrung finden. Trotz dem
nähren sich die Indianer in diesem Landstrich zweimal im Jahr von
Zugvögeln, die auf ihrer langen Wanderung am Ufer des Rio Negro ausruhen.
Wenn der Orinoco zu steigen anfängt, also nach der Frühlings-Tag- und
Nachtgleiche, ziehen die Enten (_Patos careteros_) in ungeheuern Schwärmen
vom 8. bis 3. Grad nördlicher zum 1. bis 4. Grad südlicher Breite gegen
Süd-Süd-Ost. Diese Thiere verlassen um diese Zeit das Thal des Orinoco,
ohne Zweifel weil sie, wenn das Wasser steigt und die Gestade überfluthet,
keine Fische, Wasserinsekten und Würmer mehr fangen können. Man erlegt sie
zu Tausenden, wenn sie über den Rio Negro ziehen. Auf der Wanderung zum
Aequator sind sie sehr fett und wohlschmeckend, aber im September, wenn
der Orinoco fällt und in sein Bett zurücktritt, ziehen die Enten, ob sie
nun der Ruf der erfahrensten Zugvögel dazu antreibt, oder jenes innere
Gefühl, das man Instinkt nennt, weil es nicht zu erklären ist, vom
Amazonenstrom und Rio Branco wieder nach Norden. Sie sind zu mager, als
daß die Indianer am Rio Negro lüstern darnach wären, und sie entgehen
ihren Nachstellungen um so eher, da eine Reiherart (Gavanes) mit ihnen
wandert, die ein vortreffliches Nahrungsmittel abgibt. So essen denn die
Eingeborenen im März Enten, im September Reiher. Sie konnten uns nicht
sagen, was aus den *Gavanes* wird, wenn der Orinoco ausgetreten ist, und
warum sie die Patos careteros auf ihrer Wanderung vom Orinoco an den Rio
Branco nicht begleiten. Dieses regelmäßige Ziehen der Vögel aus einem
Striche der Tropen in den andern, in einer Zone, die das ganze Jahr über
dieselbe Temperatur hat, sind eine ziemlich auffallende Erscheinung. So
kommen auch jedes Jahr, wenn in Terra Firma die großen Flüsse austreten,
viele Schwärme von Wasservögeln vom Orinoco und seinen Nebenflüssen an die
Südküsten der Antillen. Man muß annehmen, daß unter den Tropen der Wechsel
von Trockenheit und Nässe auf die Sitten der Thiere denselben Einfluß hat,
wie in unserem Himmelsstrich bedeutende Temperaturwechsel. Die Sonnenwärme
und die Insektenjagd locken in den nördlichen Ländern der Vereinigten
Staaten und in Canada die Colibris bis zur Breite von Paris und Berlin
herauf; gleicherweise zieht der leichtere Fischfang die Schwimmvögel und
die Stelzenläufer von Nord nach Süd, vom Orinoco zum Amazonenstrom. Nichts
ist wunderbarer, und in geographischer Beziehung noch so dunkel als die
Wanderungen der Vögel nach ihrer Richtung, ihrer Ausdehnung und ihrem
Endziel.
Sobald wir aus dem Pimichin in den Rio Negro gelangt und durch den kleinen
Katarakt am Zusammenfluß gegangen waren, lag auf eine Viertelmeile die
Mission Maroa vor uns. Dieses Dorf mit 150 Indianern sieht so sauber und
wohlhabend aus, daß es angenehm auffällt. Wir kauften daselbst schöne
lebende Exemplare einiger Tucanarten (_Piapoco_), muthiger Vögel, bei
denen sich die Intelligenz wie bei unsern zahmen Raben entwickelt.
Oberhalb Maroa kamen wir zuerst rechts am Einfluß des Aquio, dann an dem
des Tomo vorbei; an letzterem Flusse wohnen die Cheruvichahenas-Indianer,
von denen ich in San Francisko Solano ein paar Familien gesehen habe.
Derselbe ist ferner dadurch interessant, daß er den heimlichen Verkehr mit
den portugiesischen Besitzungen vermitteln hilft. Der Tomo kommt auf
seinem Lauf dem Rio Guaicia (Xie) sehr nahe, und auf diesem Wege gelangen
zuweilen flüchtige Indianer vom untern Rio Negro in die Mission Tomo. Wir
betraten die Mission nicht, Pater Zea erzählte uns aber lächelnd, die
Indianer in Tomo und in Maroa seyen einmal in vollem Aufruhr gewesen, weil
man sie zwingen wollte, den vielberufenen »Teufelstanz« zu tanzen. Der
Missionär hatte den Einfall gehabt, die Ceremonien, womit die *Piaches*,
die Priester, Aerzte und Zauberer zugleich sind, den bösen Geist
*Jolokiamo* beschwören, in burleskem Styl darstellen zu lassen. Er hielt
den »Teufelstanz« für ein treffliches Mittel, seinen Neubekehrten
darzuthun, daß Jolokiamo keine Gewalt mehr über sie habe. Einige junge
Indianer ließen sich durch die Versprechungen des Missionärs bewegen, die
Teufel vorzustellen, und sie hatten sich bereits mit schwarzen und gelben
Federn geputzt und die Jaguarfelle mit lang nachschleppenden Schwänzen
umgenommen. Die Soldaten, die in den Missionen liegen, um die Ermahnungen
der Ordensleute eindringlicher zu machen, stellte man um den Platz vor der
Kirche auf und führte die Indianer zur Festlichkeit herbei, die aber
hinsichtlich der Folgen des Tanzes und der Ohnmacht des bösen Geistes
nicht so ganz beruhigt waren. Die Partei der Alten und Furchtsamen gewann
die Oberhand; eine abergläubische Angst kam über sie, alle wollten _al
monte_ laufen, und der Missionär legte seinen Plan, den Teufel der
Eingeborenen lächerlich zu machen, zurück. Was für wunderliche Einfälle
doch einem müßigen Mönche kommen, der sein Leben in den Wäldern zubringt,
fern von Allem, was ihn an menschliche Cultur mahnen könnte! Daß man in
Tomo den geheimnißvollen Teufelstanz mit aller Gewalt öffentlich wollte
aufführen lassen, ist um so auffallender, da in allen von Missionären
geschriebenen Büchern davon die Rede ist, wie sie sich bemüht, das; keine
Tänze aufgeführt werden, keine »Todtentänze«, keine »Tänze der heiligen
Trompete,« auch nicht der alte »Schlangentanz«, der _‘Queti’_, bei dem
vorgestellt wird, wie diese listigen Thiere aus dem Wald kommen und mit
den Menschen trinken, um sie zu hintergehen und ihnen die Weiber zu
entführen.
Nach zweistündiger Fahrt kamen wir von der Mündung des Tomo zu der kleinen
Mission San Miguel de Davipe, die im Jahr 1775 nicht von Mönchen, sondern
von einem Milizlieutenant, Don Francisco Bobadilla, gegründet worden. Der
Missionär Pater Morillo, bei dem wir ein paar Stunden verweilten, nahm uns
sehr gastfreundlich auf und setzte uns sogar Maderawein vor. Als
Tafelluxus wäre uns Weizenbrod lieber gewesen. Auf die Länge fällt es
einem weit schwerer, das Brod zu entbehren, als geistige Getränke. Durch
die Portugiesen am Amazonenstrom kommt hie und da etwas Maderawein an den
Rio Negro, und da *Madera* auf Spanisch *Holz* bedeutet, so hatten schon
arme, in der Geographie nicht sehr bewanderte Missionäre Bedenken, ob sie
mit Maderawein das Meßopfer verrichten dürften; sie hielten denselben für
ein irgend einem Baume abgezapftes gegohrenes Getränk, wie Palmwein, und
forderten den Gardian der Missionen auf, sich darüber auszusprechen, ob
der _vino de Madera_ Wein aus Trauben _de uvas_) sey oder aber der Saft
eines Baumes (_vino de algun palo_). Schon zu Anfang der Eroberung war die
Frage aufgeworfen worden, ob es den Priestern gestattet sey, mit einem
gegohrenen, dem Traubenwein ähnlichen Saft das Meßopfer zu verrichten. Wie
vorauszusehen, wurde die Frage verneint.
Wir kauften in Davipe einigen Mundvorrath, namentlich Hühner und ein
Schwein. Dieser Einkauf war unsern Indianern sehr wichtig, da sie schon
lange kein Fleisch mehr gegessen hatten. Sie drängten zum Aufbruch, damit
wir zeitig auf die Insel Dapa kämen, wo das Schwein geschlachtet und in
der Nacht gebraten werden sollte. Kaum hatten wir Zeit, im Kloster
(_convento_) große Haufen *Maniharz* zu betrachten, sowie Seilwerk aus der
Chiquichiqui-Palme, das in Europa besser bekannt zu seyn verdiente.
Dasselbe ist ausnehmend leicht, schwimmt auf dem Wasser und ist auf der
Flußfahrt dauerhafter als Tauwerk aus Hanf. Zur See muß man es, wenn es
halten soll, öfter anfeuchten und es nicht oft der tropischen Sonne
aussetzen. DON ANTONIO SANTOS, der im Lande wegen seiner Reise zur
Auffindung des Parimesees viel genannt wird, lehrte die Indianer am
spanischen Rio Negro die Blattstiele des Chiquichiqui benützen, einer
Palme mit gefiederten Blättern, von der wir weder Blüthen noch Früchte zu
Gesicht bekommen haben. Dieser Officier ist der einzige weiße Mensch, der,
um von Angostura nach Gran-Para zu kommen, von den Quellen des Rio Carony
zu denen des Rio Branco den Landweg gemacht hat. Er hatte sich in den
portugiesischen Colonien mit der Fabrikation der Chiquichiqui-Taue bekannt
gemacht und führte, als er vom Amazonenstrom zurückkam, den Gewerbszweig
in den Missionen in Guyana ein. Es wäre zu wünschen, daß am Rio Negro und
Cassiquiare große Seilbahnen angelegt werden könnten, um diese Taue in den
europäischen Handel zu bringen. Etwas Weniges wird bereits von Angostura
auf die Antillen ausgeführt. Sie kosten dort 50 bis 60 Procent weniger als
Hanftaue.(72) Da man nur junge Palmen benützt, müßten sie angepflanzt und
cultivirt werden.
Etwas oberhalb der Mission Davipe nimmt der Rio Negro einen Arm des
Cassiquiare auf, der in der Geschichte der Flußverzweigungen eine
merkwürdige Erscheinung ist. Dieser Arm geht nördlich von Vasiva unter dem
Namen Itinivini vom Cassiquiare ab, läuft 25 Meilen lang durch ein ebenes,
fast ganz unbewohntes Land und fällt unter dem Namen Conorichite in den
Rio Negro. Er schien mir an der Mündung über 120 Toisen breit und bringt
eine bedeutende Masse weißen Wassers in das schwarze Gewässer. Obgleich
die Strömung im Conorichite sehr stark ist, kürzt dieser natürliche Kanal
dennoch die Fahrt von Davipe nach Esmeralda um drei Tage ab. Eine doppelte
Verbindung zwischen Cassiquiare und Rio Negro kann nicht auffallen, wenn
man weiß, wie viele Flüsse in Amerika beim Zusammenfluß mit andern Delta’s
bilden. So ergießen sich der Rio Branco und der Jupura mit zahlreichen
Armen in den Rio Negro und in den Amazonenstrom. Beim Einfluß des Jupura
kommt noch etwas weit Auffallenderes vor. Ehe dieser Fluß sich mit dem
Amazonenstrom vereinigt, schickt dieser, der Hauptwasserbehälter, drei
Arme, genannt Uaranapu, Manhama und Avateperana, zum Jupura, also zum
Nebenfluß. Der portugiesische Astronom RIBEIRO hat diesen Umstand außer
Zweifel gesetzt. Der Amazonenstrom gibt Wasser an den Jupura ab, ehe er
diesen seinen Nebenfluß selbst aufnimmt.
Der Rio Conorichite oder Itinivini spielte früher im Sklavenhandel, den
die Portugiesen auf spanischem Gebiet trieben, eine bedeutende Rolle. Die
Sklavenhändler fuhren auf dem Cassiquiare und dem Caño Mee in den
Conorichite hinauf, schleppten von da ihre Piroguen über einen Trageplatz
zu den *Rochelas* von Manuteso und kamen so in den Atabapo. Ich habe
diesen Weg auf meiner Reisekarte des Orinoco angegeben. Dieser schändliche
Handel dauerte bis um das Jahr 1756. Solanos Expedition und die Errichtung
der Missionen am Rio Negro machten demselben ein Ende. Alte Gesetze von
Carl V. und Philipp III. verboten unter Androhung der schwersten Strafen
(wie Verlust bürgerlicher Aemter und 2000 Piaster Geldbuße), »Eingeborene
durch gewaltsame Mittel zu bekehren und Bewaffnete gegen sie zu schicken;«
aber diesen weisen, menschenfreundlichen Gesetzen zum Trotz hatte der Rio
Negro noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie sich LA CONDAMINE
ausdrückt, für die europäische Politik nur in sofern Interesse, als er die
*Entradas* oder feindlichen Einfälle erleichterte und dem Sklavenhandel
Vorschub that. Die Caraiben, ein kriegerisches Handelsvolk, erhielten von
den Portugiesen und den Holländern Messer, Fischangeln, kleine Spiegel und
Glaswaaren aller Art. Dafür hetzten sie die indianischen Häuptlinge gegen
einander auf, so daß es zum Kriege kam; sie kauften ihnen die Gefangenen
ab und schleppten selbst mit List oder mit Gewalt Alles fort, was ihnen in
den Weg kam. Diese Streifzüge der Caraiben erstreckten sich über ein
ungeheures Gebiet. Dieselben gingen vom Essequebo und Carony aus auf dem
Rupunuri und dem Paraguamuzi einerseits gerade nach Süd dem Rio Branco zu,
andererseits nach Südwest über die Trageplätze zwischen dem Rio Paragua,
dem Caura und dem Ventuario. Waren sie einmal bei den zahlreichen
Völkerschaften am obern Orinoco, so theilten sie sich in mehrere Banden
und kamen über den Cassiquiare, Cababury, Itinivini und Atabapo an vielen
Punkten zugleich an den Guainia oder Rio Negro und trieben mit den
Portugiesen Sklavenhandel. So empfanden die unglücklichen Eingeborenen die
Nachbarschaft der Europäer schwer, lange ehe sie mit diesen selbst in
Berührung kamen. Dieselben Ursachen haben überall dieselben Folgen. Der
barbarische Handel, den die civilisirten Völker an der afrikanischen Küste
trieben und zum Theil noch treiben, wirkt Verderben bringend bis in Länder
zurück, wo man vom Daseyn weißer Menschen gar nichts weiß.
Nachdem wir von der Mündung des Conorichite und der Mission Davipe
aufgebrochen, langten wir bei Sonnenuntergang bei der Insel Dapa an, die
ungemein malerisch mitten im Strome liegt. Wir fanden daselbst zu unserer
nicht geringen Verwunderung einige angebaute Grundstücke und auf einem
kleinen Hügel eine indianische Hütte. Vier Eingeborene saßen um ein Feuer
von Buschwerk und aßen eine Art weißen, schwarz gefleckten Teigs, der
unsere Neugierde nicht wenig reizte. Es waren *Vachacos*, große Ameisen,
deren Hintertheil einem Fettknopf gleicht. Sie waren am Feuer getrocknet
und vom Rauch geschwärzt. Wir sahen mehrere Säcke voll über dem Feuer
hängen. Die guten Leute achteten wenig auf uns, und doch lagen in der
engen Hütte mehr als vierzehn Menschen ganz nackt in Hängematten über
einander. Als aber Pater Zea erschien, wurde er mit großen
Freudenbezeugungen empfangen. Am Rio Negro stehen wegen der Grenzwache
mehr Soldaten als am Orinoco, und überall, wo Soldaten und Mönche sich die
Herrschaft über die Indianer streitig machen, haben diese mehr Zuneigung
zu den Mönchen. Zwei junge Weiber stiegen aus den Hängematten, um uns
Casavekuchen zu bereiten. Man fragte sie durch einen Dollmetscher, ob der
Boden der Insel fruchtbar sey; sie erwiederten, der Manioc gerathe
schlecht, dagegen sey es ein *gutes Ameisenland*, man habe gut zu leben.
Diese *Vachacos* dienen den Indianern am Nio Negro wirklich zur Nahrung.
Man ißt die Ameisen nicht aus Leckerei, sondern weil, wie die Missionäre
sagen, das *Ameisenfett* (der weiße Theil des Unterleibs) sehr nahrhaft
ist. Als die Casavekuchen fertig waren, ließ sich Pater Zea, bei dem das
Fieber die Eßlust vielmehr zu reizen als zu schwächen schien, einen
kleinen Sack voll geräucherter Vachacos geben. Er mischte die zerdrückten
Insekten mit Maniocmehl und ließ nicht nach, bis wir davon kosteten. Es
schmeckte ungefähr wie ranzige Butter, mit Brodkrumen geknetet. Der Manioc
schmeckte nicht sauer, es klebte uns aber noch soviel europäisches
Vorurtheil an, daß wir mit dem guten Missionär, wenn er das Ding eine
vortreffliche *Ameisenpaste* nannte, nicht einverstanden seyn konnten.
Da der Regen in Strömen herabgoß, mußten wir in der überfüllten Hütte
übernachten. Die Indianer schliefen nur von acht bis zwei Uhr; die übrige
Zeit schwatzten sie in ihren Hängematten, bereiteten ihr bitteres Getränk
Cupana, schürten das Feuer und klagten über die Kälte, obgleich die
Lufttemperatur 21 Grad war. Diese Sitte, vier, fünf Stunden Vor
Sonnenaufgang wach, ja auf den Beinen zu seyn, herrscht bei den Indianern
in Guyana allgemein. Wenn man daher bei den »Entradas« die Eingeborenen
überraschen will, wählt man dazu die Zeit, wo sie im ersten Schlafe
liegen, von neun Uhr bis Mitternacht.
Wir verließen die Insel Dapa lange vor der Morgendämmerung und kamen trotz
der starken Strömung und des Fleißes unserer Ruderer erst nach
zwölfstündiger Fahrt bei der Schanze San Carlos del Rio Negro an. Links
ließen wir die Einmündung des Cassiquiare, rechts die kleine Insel
Cumarai. Man glaubt im Lande, die Schanze liege gerade unter dem Aequator;
aber nach meinen Beobachtungen am Felsen Culimacari liegt sie unter
1° 54′ 11″. Jede Nation hat die Neigung, den Flächenraum ihrer Besitzungen
auf den Karten zu vergrößern und die Grenzen hinauszurücken. Da man es
versäumt, die Reiseentfernungen auf Entfernungen in gerader Linie zu
reduciren, so sind immer die Grenzen am meisten verunstaltet. Die
Portugiesen setzen, vom Amazonenstrom ausgehend, San Carlos und San Jose
de Maravitanos zu weit nach Nord, wogegen die Spanier, die von der Küste
von Caracas aus rechnen, die Orte zu weit nach Süd schieben. Dieß gilt von
allen Karten der Colonieen. Weiß man, wo sie gezeichnet worden und in
welcher Richtung man an die Grenzen gekommen, so weiß man zum voraus, nach
welcher Seite hin die Irrthümer in Länge und Breite laufen.
In San Carlos fanden wir Quartier beim Commandanten des Forts, einem
Milizlieutenant. Von einer Galerie des Hauses hatte man eine sehr hübsche
Aussicht auf drei sehr lange, dicht bewachsene Inseln. Der Strom läuft
geradeaus von Nord nach Süd, als wäre sein Bett von Menschenhand gegraben.
Der beständig bedeckte Himmel gibt den Landschaften hier einen ernsten,
finstern Charakter. Wir fanden im Dorfe ein paar Juviastämme; es ist dieß
das majestätische Gewächs, von dem die dreieckigten Mandeln kommen, die
man in Europa Mandeln vom Amazonenstrom nennt. Wir haben dasselbe unter
dem Namen _ __Bertholletia__ excelsa_ bekannt gemacht. Die Bäume werden in
acht Jahren dreißig Fuß hoch.
Die bewaffnete Macht an der Grenze hier bestand aus siebzehn Mann, wovon
zehn zum Schutz der Missionäre in der Nachbarschaft detachirt waren. Die
Luft ist so feucht, daß nicht vier Gewehre schußfertig sind. Die
Portugiesen haben fünf und zwanzig bis dreißig besser gekleidete und
bewaffnete Leute in der Schanze San Jose de Maravitanos. In der Mission
San Carlos fanden wir nur eine *Garita*, ein viereckigtes Gebäude aus
ungebrannten Backsteinen, in dem sechs Feldstücke standen. Die Schanze,
oder, wie man hier gerne sagt, das *Castillo de San Felipe* liegt San
Carlos gegenüber am westlichen Ufer des Rio Negro. Der Commandant trug
Bedenken, Bonpland und mich die *Fortalezza* sehen zu lassen; in unsern
Pässen stand wohl, daß ich sollte Berge messen und überall im Lande, wo es
mir gefiele, trigonometrische Operationen vornehmen dürfen, aber vom
Besehen fester Plätze stand nichts darin. Unser Reisebegleiter, Don
Nicolas Soto, war als spanischer Offizier glücklicher als wir. Man
erlaubte ihm, über den Fluß zu gehen, und er fand auf einer kleinen
abgeholzten Ebene die Anfänge eines Erdwerkes, das, wenn es vollendet
wäre, zur Vertheidigung 500 Mann erforderte. Es ist eine Viereckigte
Verschanzung mit kaum sichtbarem Graben. Die Brustwehr ist fünf Fuß hoch
und mit großen Steinen verstärkt. Dem Flusse zu liegen zwei Bastionen, in
denen man vier bis fünf Stücke aufstellen könnte. Im ganzen Werk sind
14--15 Geschütze, meist ohne Lafetten und von zwei Mann bewacht. Um die
Schanze her stehen drei oder vier indianische Hütten. Dieß heißt das Dorf
San Felipe, und damit das Ministerium in Madrid Wunder meine, wie sehr
diese christlichen Niederlassungen gedeihen, führt man für das angebliche
Dorf ein eigenes Kirchenbuch. Abends nach dem Angelus wurde dem
Commandanten Rapport erstattet und sehr ernsthaft gemeldet, daß es überall
um die Festung ruhig scheine; dieß erinnerte mich an die Schanzen an der
Küste von Guinea, von denen man in Reisebeschreibungen liest, die zum
Schutz der europäischen Faktoreien dienen sollen und in denen vier bis
fünf Mann Garnison liegen. Die Soldaten in San Carlos sind nicht besser
daran als die in den afrikanischen Faktoreien, denn. überall an so
entlegenen Punkten herrschen dieselben Mißbräuche in der
Militärverwaltung. Nach einem Brauche, der schon sehr lange geduldet wird,
bezahlen die Commandanten die Truppen nicht in Geld, sondern liefern ihnen
zu hohen Preisen Kleidung (Ropa), Salz und Lebensmittel. In Angostura
fürchtet man sich so sehr davor, in die Missionen am Carony, Caura und Rio
Negro detachirt oder vielmehr verbannt zu werden, daß die Truppen sehr
schwer zu rekrutiren sind. Die Lebensmittel sind am Rio Negro sehr theuer,
weil man nur wenig Manioc und Bananen baut und der Strom (wie alle
schwarzen, klaren Gewässer) wenig Fische hat. Die beste Zufuhr kommt von
den portugiesischen Niederlassungen am Rio Negro, wo die Indianer regsamer
und wohlhabender sind. Indessen werden bei diesem Handel mit den
Portugiesen jährlich kaum für 3000 Piaster Waaren eingeführt.
Die Ufer des obern Rio Negro werden mehr ertragen, wenn einmal mit
Ausrodung der Wälder die übermäßige Feuchtigkeit der Luft und des Bodens
abnimmt und die Insekten, welche Wurzeln und Blätter der krautartigen
Gewächse verzehren, sich vermindern. Beim gegenwärtigen Zustand des
Ackerbaus kommt der Mais fast gar nicht fort; der Tabak, der auf den
Küsten von Caracas von ausgezeichneter Güte und sehr gesucht ist, kann
eigentlich nur aus alten Baustätten, bei zerfallenen Hütten, bei _‘pueblo
viejo’_ gebaut werden. In Folge der nomadischen Lebensweise der
Eingeborenen fehlt es nun nicht an solchen Baustätten, wo der Boden
umgebrochen worden und der Luft ausgesetzt gewesen, ohne daß etwas darauf
wuchs. Der Tabak, der in frisch ausgerodeten Wäldern gepflanzt wird, ist
wässrigt und ohne Arom. Bei den Dörfern Maroa, Davipe und Tomo ist der
Indigo verwildert. Unter einer andern Verwaltung, als wir sie im Lande
getroffen, wird der Rio Negro eines Tags Indigo, Kaffee, Cacao, Mais und
Reis im Ueberfluß erzeugen.
Da man von der Mündung des Rio Negro nach Gran-Para in 20--25 Tagen fährt,
so hätten wir den Amazonenstrom hinab bis zur Küste von Brasilien nicht
viel mehr Zeit gebraucht, als um über den Cassiquiare und den Orinoco an
die Nordküste von Caracas zurückzukehren. Wir hörten in San Carlos, der
politischen Verhältnisse wegen sey im Augenblick aus den spanischen
Besitzungen schwer in die portugiesischen zu kommen; aber erst nach
unserer Rückkehr nach Europa sahen wir in vollem Umfang, welcher Gefahr
wir uns ausgesetzt hätten, wenn wir bis Barcellos hinabgegangen wären. Man
hatte in Brasilien, vielleicht aus den Zeitungen, deren wohlwollender,
unüberlegter Eifer schon manchem Reisenden Unheil gebracht hat, erfahren,
ich werde in die Missionen am Rio Negro kommen und den natürlichen Canal
untersuchen, der zwei große Stromsysteme verbindet. In diesen öden Wäldern
hatte man Instrumente nie anders als in den Händen der Grenzcommission
gesehen, und die Unterbeamten der portugiesischen Regierung hatten bis
dahin so wenig als der gute Missionär, von dem in einem früheren Capitel
die Rede war, einen Begriff davon, wie ein vernünftiger Mensch eine lange
beschwerliche Reise unternehmen kann, »um Land zu vermessen, das nicht
sein gehört.« Es war der Befehl ergangen, sich meiner Person und meiner
Instrumente zu versichern, ganz besonders aber der Verzeichnisse
astronomischer tz Beobachtungen, welche die Sicherheit der Staaten so
schwer gefährden könnten. Man hätte uns auf dem Amazonenfluß nach
Gran-Para geführt und uns von dort nach Lissabon geschickt. Diese
Absichten, die, wären sie in Erfüllung gegangen, eine aus fünf Jahre
berechnete Reise stark gefährdet hätten, erwähne ich hier nur, um zu
zeigen, wie in den Colonialregierungen meist ein ganz anderer Geist
herrscht als an der Spitze der Verwaltung im Mutterland. Sobald das
Ministerium in Lissabon vom Diensteifer seiner Untergebenen Kunde erhielt,
erließ es den Befehl, mich in meinen Arbeiten nicht zu stören, im
Gegentheil sollte man mir hilfreich an die Hand gehen, wenn ich durch
einen Theil der portugiesischen Besitzungen käme. Von diesem aufgeklärten
Ministerium selbst wurde mir kundgethan, welch freundliche Rücksicht man
mir zugedacht, um die ich mich in so großer Entfernung nicht hatte
bewerben können. Unter den Portugiesen, die wir in San Carlos trafen,
befanden sich mehrere Officiere, welche die Reise von Barcellos nach
Gran-Para gemacht hatten. Ich stelle hier Alles zusammen, was ich über den
Lauf des Rio Negro in Erfahrung bringen konnte. Selten kommt man aus dem
Amazonenstrom über den Einfluß des Cababuri herauf, der wegen der
Sarsaparill-Ernte weitberufen ist, und so ist Alles, was in neuerer Zeit
über die Geographie dieser Länder veröffentlicht worden, selbst was von
Rio Janeiro ausgeht, in hohem Grade verworren.
Weiter den Rio Negro hinab läßt man rechts den Caño Maliapo, links die
Caños Dariba und Guy. Fünf Meilen weiter, also etwa unter 1° 38′
nördlicher Breite, liegt die Insel San Josef, die provisorisch (denn in
diesem endlosen Grenzproceß ist Alles provisorisch) als südlicher Endpunkt
der spanischen Besitzungen gilt. Etwas unterhalb dieser Insel, an einem
Ort, wo es viele verwilderte Orangebäume gibt, zeigt man einen kleinen,
200 Fuß hohen Felsen mit einer Höhle, welche bei den Missionären »Cocuys
*Glorieta*« heißt. Dieser *Lustort*, denn solches bedeutet das Wort
Glorieta im Spanischen, weckt nicht die angenehmsten Erinnerungen. Hier
hatte Cocuy, der Häuptling der Manitivitanos, von dem oben die Rede war
[S. Bd. III. Seite 277.], sein *Harem*, und hier verspeiste er -- um Alles
zu sagen -- aus besonderer Vorliebe die schönsten und fettesten seiner
Weiber. Ich zweifle nicht, daß Cocuy allerdings ein wenig ein
Menschenfresser war; »es ist dieß,« sagt Pater Gili mit der Naivität eines
amerikanischen Missionärs, »eine üble Gewohnheit dieser Völker in Guyana,
die sonst so sanft und gutmüthig sind;« aber zur Steuer der Wahrheit muß
ich hinzufügen, daß die Sage vom Harem und den abscheulichen
Ausschweifungen Cocuys am untern Orinoco weit verbreiteter ist als am Rio
Negro. Ja in San Carlos läßt man nicht einmal den Verdacht gelten, als
hätte er eine die Menschheit entehrende Handlung begangen; geschieht
solches vielleicht, weil Cocuys Sohn, der Christ geworden und der mir ein
verständiger, civilisirter Mensch schien, gegenwärtig Hauptmann der
Indianer in San Carlos ist?
Unterhalb der Glorieta kommen auf portugiesischem Gebiet das Fort San
Josef de Maravitanos, die Dörfer Joam Baptista de Mabbe, San Marcellino
(beim Einfluß des Guaisia oder Uexie, von dem oben die Rede war), Nossa
Senhora da Guya, Boavista am Rio Içanna, San Felipe, San Joaquin de Coanne
beim Einfluß des vielberufenen Rio Guape [S. Bd. III. Seite 348--367],
Calderon, San Miguel de Iparanna mit einer Schanze, San Francisco de las
Caculbaes, und endlich die Festung San Gabriel de Cachoeiras. Ich zähle
diese Ortsnamen absichtlich auf, um zu zeigen, wie viele Niederlassungen
die portugiesische Regierung sogar in diesem abgelegenen Winkel von
Brasilien gegründet hat. Auf einer Strecke von 25 Meilen liegen eilf
Dörfer, und bis zum Ausfluß des Rio Negro kenne ich noch neunzehn weitere,
außer den sechs Dörfern Thomare, Moreira (am Rio Demenene oder Uaraca, wo
ehmals die Guayannas-Indianer wohnten), Barcellos, San Miguel del Rio
Branco, am Flusse desselben Namens, der in den Fabeln vom Dorado eine so
große Rolle spielt, Moura und Villa de Rio Negro. Die Ufer dieses
Nebenflusses des Amazonenstroms allein sind daher zehnmal bevölkerter als
die Ufer des obern und des untern Orinoco, des Cassiquiare, des Atabapo
und des spanischen Rio Negro zusammen. Dieser Gegensatz beruht keineswegs
bloß auf dem Unterschied in der Fruchtbarkeit des Bodens, noch darauf, daß
der Rio Negro, weil er fortwährend von Nordwest nach Südost läuft,
leichter zu befahren ist; er ist vielmehr Folge der politischen
Einrichtungen. Nach der Colonialverfassung der Portugiesen stehen die
Indianer unter Civil- und Militärbehörden und unter den Mönchen vom Berge
Carmel zumal. Es ist eine gemischte Regierung, wobei die weltliche Gewalt
sich unabhängig erhält. Die Observanten dagegen, unter denen die Missionen
am Orinoco stehen, vereinigen alle Gewalten in Einer Hand. Die eine wie
die andere dieser Regierungsweisen ist drückend in mehr als Einer
Beziehung; aber in den portugiesischen Colonien wird für den Verlust der
Freiheit wenigstens durch etwas mehr Wohlstand und Cultur Ersatz
geleistet.
Unter den Zuflüssen, die der Rio Negro von Norden her erhält, nehmen drei
besonders unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, weil sie wegen ihrer
Verzweigungen, ihrer Trageplätze und der Lage ihrer Quellen bei der so oft
verhandelten Frage nach dem Ursprung des Orinoco stark in Betracht kommen.
Die am weitesten südwärts gelegenen dieser Nebenflüsse sind der Rio
Branco, von dem man lange glaubte, er entspringe mit dem Orinoco aus dem
Parimesee, und der Rio Padaviri, der mittelst eines Trageplatzes mit dem
Mavaca und somit mit dem obern Orinoco ostwärts von der Mission Esmeralda
in Verbindung steht. Wir werden Gelegenheit haben, vom Rio Branco und dem
Padaviri zu sprechen, wenn wir in der letztgenannten Mission angelangt
sind; hier brauchen wir nur beim dritten Nebenfluß des Rio Negro, dem
Cababuri, zu verweilen, dessen Verzweigungen mit dem Cassiquiare in
hydrographischer Beziehung und für den Sarsaparillehandel gleich wichtig
sind. Von den hohen Gebirgen der Parime, die am Nordufer des Orinoco in
seinem obern Lauf oberhalb Esmeralda hinstreichen, geht ein Zug nach Süden
ab, in dem der Cerro de Unturan einer der Hauptgipfel ist. Dieser
gebirgigte Landstrich ist nicht sehr groß, aber reich an vegetabilischen
Produkten, besonders an *Mavacure*-Lianen, die zur Bereitung des
Curaregiftes dienen, an Mandelbäumen (Juvia oder _Bertholletia excelsa_),
aromatischem *Puchery* und wildem Cacao, und bildet eine Wasserscheide
zwischen den Gewässern, die in den Orinoco, in den Cassiquiare und in den
Rio Negro gehen. Gegen Norden oder dem Orinoco zu fließen der Mavaca und
der Daracapo, nach Westen oder zum Cassiquiare der Idapa und der Pacimoni,
nach Süden oder zum Rio Negro der Padaviri und der Cababuri. Der letztere
theilt sich in der Nähe seiner Quelle in zwei Arme, von denen der
westlichste unter dem Namen Baria bekannt ist. In der Mission San
Francisco Solano gaben uns die Indianer die umständlichsten Nachrichten
über seinen Lauf. Er verzweigt sich, was sehr selten vorkommt, so, daß zu
einem untern Zufluß das Wasser eines obern nicht herunterkommt, sondern
daß im Gegentheil jener diesem einen Theil seines Wassers in einer der
Richtung des Hauptwasserbehälters entgegengesetzten Richtung zusendet. Ich
habe mehrere Beispiele dieser Verzweigungen mit Gegenströmungen, dieses
scheinbaren Wasserlaufs bergan, dieser Flußgabelungen, deren Kenntniß für
die Hydrographen von Interesse ist, auf Einer Tafel meines Atlas
zusammengestellt. Dieselbe mag ihnen zeigen, daß man nicht geradezu Alles
für Fabel erklären darf, was von dem Typus abweicht, den wir uns nach
Beobachtungen gebildet, die einen zu unbedeutenden Theil der Erdoberfläche
umfassen.
Der Cababuri fällt bei der Mission Nossa Senhora das Caldas in den Rio
Negro; aber die Flüsse Ya und Dimity, die weiter oben hereinkommen, stehen
auch mit dem Cababuri in Verbindung, so daß von der Schanze San Gabriel de
Cachoeiras an bis San Antonio de Castanheira die Indianer aus den
portugiesischen Besitzungen auf dem Baria und dem Pacimoni auf das Gebiet
der spanischen Missionen sich einschleichen können. Wenn ich sage Gebiet,
so brauche ich den ungewöhnlichen Ausdruck der Observanten. Es ist schwer
zu sagen, aus was sich das Eigenthumsrecht in unbewohnten Ländern gründet,
deren natürliche Grenzen man nicht kennt, und die man nicht zu cultiviren
versucht hat. In den portugiesischen Missionen behaupten die Leute, ihr
Gebiet erstrecke sich überall so weit, als sie im Canoe auf einem Fluß,
dessen Mündung in portugiesischem Besitz ist, gelangen können. Aber
Besitzergreifung ist eine Handlung, die durchaus nicht immer ein
Eigenthumsrecht begründet, und nach den obigen Bemerkungen über die
vielfachen Verzweigungen der Flüsse dürfte es für die Höfe von Madrid und
Lissabon gleich gefährlich seyn, diesen seltsamen Satz der
Missions-Jurisprudenz gelten zu lassen.
Der Hauptzweck bei den Einfällen auf dem Rio Cababuri ist, Sarsaparille
und die aromatischen Samen des Puchery-Lorbeers (_Laurus pichurim_) zu
sammeln. Man geht dieser kostbaren Produkte wegen bis auf zwei Tagereisen
von Esmeralda an einen See nördlich vom Cerro Unturan hinauf, und zwar
über die Trageplätze zwischen dem Pacimoni und Idapa, und dem Idapa und
dem Mavaca, nicht weit vom See desselben Namens. Die Sarsaparille von
diesem Landstrich steht in Gran-Para, in Angostura, Cumana, Nueva
Barcelona und andern Orten von Terra Firma unter dem Namen _‘Zarza del Rio
Negro’_ in hohem Ruf. Es ist die wirksamste von allen, die man kennt; man
zieht sie der *Zarza* aus der Provinz Caracas und von den Bergen von
Merida weit vor. Sie wird sehr sorgfältig getrocknet und absichtlich dem
Rauch ausgesetzt, damit sie schwärzer wird. Diese Schlingpflanze wächst in
Menge an den feuchten Abhängen der Berge Unturan und Achivaquery. DE
CANDOLLE vermuthet mit Recht, daß verschiedene Arten von Smilax unter dem
Namen Sarsaparille gesammelt werden. Wir fanden zwölf neue Arten, von
denen _Smilax syphilitica_ vom Cassiquiare und _Smilax officinalis_ vom
Magdalenenstrom wegen ihrer harntreibenden Eigenschaften die gesuchtesten
sind. Da syphilitische Uebel hier zu Lande unter Weißen und Farbigen so
gemein als gutartig sind, so wird in den spanischen Colonien eine sehr
bedeutende Menge Sarsaparille als Hausmittel verbraucht. Wir ersehen aus
den Werken des CLUSIUS, daß Europa in den ersten Zeiten der Eroberung
diese heilsame Arznei von der mexicanischen Küste bei Honduras und aus dem
Hafen von Guayaquil bezog. Gegenwärtig ist der Handel mit *Zarza*
lebhafter in den Häfen, die mit dem Orinoco, Rio Negro und Amazonenstrom
Verbindungen haben.
Versuche, die in mehreren botanischen Gärten in Europa angestellt worden,
thun dar, daß _Smilax glauca_ aus Virginien, die man für LINNÉ _Smilax
Sarsaparilla_ erklärt, überall im Freien gebaut werden kann, wo die
mittlere Temperatur des Winters mehr als 6 bis 7 Grad des hunderttheiligen
Thermometers beträgt;(73) aber die wirksamsten Arten gehören
ausschließlich der heißen Zone an und verlangen einen weit höheren
Wärmegrad. Wenn man des CLUSIUS Werke liest, begreift man nicht, warum in
unsern Handbüchern der _materia medica_ ein Gewächs der Vereinigten
Staaten für den ältesten Typus der officinellen Smilaxarten gilt.
Wir fanden bei den Indianern am Rio Negro einige der grünen Steine, die
unter dem Namen *Amazonensteine* bekannt sind, weil die Indianer nach
einer alten Sage behaupten, sie kommen aus dem Lande der »Weiber ohne
Männer« (_Cougnantainsecouima_ oder _Aikeambenano_ -- Weiber, die allein
leben). In San Carlos und den benachbarten Dörfern nannte man uns die
Quellen des Orinoco östlich von Esmeralda, in den Missionen am Carony und
in Angostura die Quellen des Rio Branco als die natürlichen Lagerstätten
der grünen Steine. Diese Angaben bestätigen den Bericht eines alten
Soldaten von der Garnison von Cayenne, von dem LA CONDAMINE spricht, und
demzufolge diese Mineralien aus dem *Lande der Weiber* westwärts von den
Stromschnellen des Oyapoc kommen. Die Indianer im Fort Topayos am
Amazonenstrom, 5 Grad ostwärts vom Einfluß des Rio Negro, besaßen früher
ziemlich viele Steine der Art. Hatten sie dieselben von Norden her
bekommen, das heißt aus dem Lande, das die Indianer am Rio Negro angeben,
und das sich von den Bergen von Cayenne bis an die Quellen des Essequebo,
des Carony, des Orinoco, des Parime und des Rio Trombetas erstreckt, oder
sind diese Steine aus dem Süden gekommen, über den Rio Topayos, der von
der großen Hochebene der Campos Parecis herabkommt? Der Aberglaube legt
diesen Steinen große Wichtigkeit bei; man trägt sie als Amulette am Hals,
denn sie schützen nach dem Volksglauben vor Nervenleiden, Fiebern und dem
Biß giftiger Schlangen. Sie waren daher auch seit Jahrhunderten bei den
Eingeborenen nördlich und südlich vom Orinoco ein Handelsartikel. Durch
die Caraiben, die für die Bokharen der neuen Welt gelten können, lernte
man sie an der Küste von Guyana kennen, und da dieselben Steine, gleich
dem umlaufenden Geld, in entgegengesetzten Richtungen von Nation zu Nation
gewandert sind, so kann es wohl seyn, daß sie sich nicht vermehren und daß
man ihre Lagerstätte nicht verheimlicht, sondern gar nicht kennt. Vor
wenigen Jahren wurden mitten im hochgebildeten Europa, aus Anlaß eines
lebhaften Streites über die einheimische China, allen Ernstes die grünen
Steine vom Orinoco als ein kräftiges Fiebermittel in Vorschlag gebracht;
wenn man der Leichtgläubigkeit der Europäer soviel zutraut, kann es nicht
Wunder nehmen, wenn die spanischen Colonisten auf diese Amulette so viel
halten als die Indianer, und sie zu sehr bedeutenden Preisen verkauft
werden.(74) Gewöhnlich gibt man ihnen die Form der der Länge nach
durchbohrten und mit Inschriften und Bildwerk bedeckten persepolitanischen
Cylinder. Aber nicht die heutigen Indianer, nicht diese so tief
versunkenen Eingeborenen am Orinoco und Amazonenstrom haben so harte
Körper durchbohrt und Figuren von Thieren und Früchten daraus geschnitten.
Dergleichen Arbeiten, wie auch die durchbohrten und geschnittenen
Smaragde, die in den Cordilleren von Neu-Grenada und Quito vorkommen,
weisen auf eine frühere Cultur zurück. Die gegenwärtigen Bewohner dieser
Länder, besonders der heißen Zone, haben so wenig einen Begriff davon, wie
man harte Steine (Smaragd, Nephrit, dichten Feldspath und Bergkrystall)
schneiden kann, daß sie sich vorstellen, der »grüne Stein« komme
ursprünglich weich aus dem Boden und werde erst hart, nachdem er
bearbeitet worden.
Aus dem hier Angeführten erhellt, daß der Amazonenstein nicht im Thale des
Amazonenstromes selbst vorkommt, und daß er keineswegs von diesem Flusse
den Namen hat, sondern, wie dieser selbst, von einem Volke kriegerischer
Weiber, welche Pater Acuña und Oviedo in seinem Brief an den Cardinal
Bembo mit den Amazonen der alten Welt vergleichen. Was man in unsern
Sammlungen unter dem falschen Namen »Amazonenstein« sieht, ist weder
Nephrit noch dichter Feldspath, sondern gemeiner apfelgrüner Feldspath,
der vom Ural am Onegasee in Rußland kommt und den ich im Granitgebirg von
Guyana niemals gesehen habe. Zuweilen verwechselt man auch mit dem so
seltenen und so harten Amazonenstein Werners *Beilstein*,(75) der lange
nicht so zäh ist. Das Mineral, das ich aus der Hand der Indianer habe, ist
zum *Saussurit*(76) zu stellen, zum eigentlichen Nephrit, der sich
oryctognostisch dem dichten Feldspath nähert und ein Bestandtheil des
*Verde de Corsica* oder des Gabbro ist. Er nimmt eine schöne Politur an
und geht vom Apfelgrünen ins Smaragdgrüne über; er ist an den Rändern
durchscheinend, ungemein zäh und klingend, so daß von den Eingeborenen in
alter Zeit geschliffene, sehr dünne, in, der Mitte durchbohrte Platten,
wenn man sie an einem Faden aufhängt · und mit einem andern harten
Körper(77) anschlägt, fast einen metallischen Ton geben.
Bei den Völkern beider Welten finden wir auf der ersten Stufe der
erwachenden Cultur eine besondere Vorliebe für gewisse Steine, nicht
allein für solche, die dem Menschen wegen ihrer Härte als schneidende
Werkzeuge dienen können, sondern auch für Mineralien, die der Mensch wegen
ihrer Farbe oder wegen ihrer natürlichen Form mit organischen
Verrichtungen, ja mit psychischen Vorgängen verknüpft glaubt. Dieser
uralte Steincultus, dieser Glaube an die heilsamen Wirkungen des Nephrits
und des Blutsteins kommen den Wilden Amerikas zu, wie den Bewohnern der
Wälder Thraciens, die wir wegen der ehrwürdigen Institutionen des Orpheus
und des Ursprungs der Mysterien nicht wohl als Wilde ansprechen können.
Der Mensch, so lange er seiner Wiege noch näher steht, empfindet sich als
Autochthone; er fühlt sich wie gefesselt an die Erde und die Stoffe, die
sie in ihrem Schooße birgt. Die Naturkräfte, und mehr noch die
zerstörenden als die erhaltenden, sind die frühesten Gegenstände seiner
Verehrung. Und diese Kräfte offenbaren sich nicht allein im Gewitter, im
Getöse, das dem Erdbeben vorangeht, im Feuer der Vulkane; der leblose
Fels, die glänzenden, harten Steine, die gewaltigen, frei aufsteigenden
Berge wirken auf die jugendlichen Gemüther mit einer Gewalt, von der wir
bei vorgeschrittener Cultur keinen Begriff mehr haben. Besteht dieser
Steincultus einmal, so erhält er sich auch fort neben späteren
Cultusformen, und aus einem Gegenstand religiöser Verehrung wird ein
Gegenstand abergläubischen Vertrauens. Aus Göttersteinen werden Amulette,
die vor allen Leiden Körpers und der Seele bewahren. Obgleich zwischen dem
Amazonenstrom und dem Orinoco und der mexicanischen Hochebene fünfhundert
Meilen liegen, obgleich die Geschichte von keinem Zusammenhang zwischen
den wilden Völkern von Guyana und den civilisirten von Anahuac weiß, fand
doch in der ersten Zeit der Eroberung der Mönch BERNHARD VON SAHAGUN in
Cholula *grüne Steine*, die einst Quetzalcohuatl angehört, und die als
Reliquien aufbewahrt wurden. Diese geheimnißvolle Person ist der Buddha
der Mexicaner; er trat auf im Zeitalter der Tolteken, stiftete die ersten
religiösen Vereine und führte eine Regierungsweise ein, die mit der in
Meroe und Japan Aehnlichkeit hat.
Die Geschichte des Nephrits oder grünen Steins in Guyana steht in inniger
Verbindung mit der Geschichte der kriegerischen Weiber, welche die
Reisenden des sechzehnten Jahrhunderts die Amazonen der neuen Welt nennen.
LA CONDAMINE bringt viele Zeugnisse zur Unterstützung dieser Sage bei.
Seit meiner Rückkehr vom Orinoco und Amazonenstrom bin ich in Paris oft
gefragt worden, ob ich die Ansicht dieses Gelehrten theile, oder ob ich
mit mehreren Zeitgenossen desselben glaube, er habe den
_‘Cougnantainsecouima’_ den unabhängigen Weibern, die nur im Monat April
Männer unter sich aufnahmen, nur deßhalb das Wort geredet, um in einer
öffentlichen Sitzung der Akademie einer Versammlung, die gar nicht ungern
etwas Neues hört, sich angenehm zu machen. Es ist hier der Ort, mich offen
über eine Sage auszusprechen, die einen so romantischen Anstrich hat, um
so mehr, als LA CONDAMINE behauptet, die Amazonen vom Rio Cayame seyen
über den Maragnon gegangen und haben sich am Rio Negro niedergelassen. Der
Hang zum Wunderbaren und das Verlangen, die Beschreibungen der neuen Welt
hie und da mit einem Zuge aus dem classischen Alterthum aufzuputzen, haben
ohne Zweifel dazu beigetragen, daß ORELLANAs erste Berichte so wichtig
genommen wurden. Liest man die Schriften des VESPUCCI, FERDINAND COLUMBUS,
GERALDINI, OVIEDO, PETER MARTYR VON ANGHIERA, so begegnet man überall der
Neigung der Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts, bei neu
entdeckten Völkern Alles wieder zu finden, was uns die Griechen vom ersten
Zeitalter der Welt und von den Sitten der barbarischen Scythen und
Afrikaner erzählen. An der Hand dieser Reisenden, die uns in eine andere
Halbkugel versetzen, glauben wir durch Zeiten zu wandern, die längst dahin
sind; denn die amerikanischen Horden in ihrer primitiven Einfalt sind ja
für Europa »eine Art Alterthum, dem wir fast als Zeitgenossen gegenüber
stehen.« Was damals nur Stylblume und Geistesergötzlichkeit war, ist
heutzutage zum Gegenstand ernster Erörterungen geworden. In einer in
Louisiana erschienenen Abhandlung wird die ganze griechische Mythologie,
die Amazonen eingeschlossen, aus den Oertlichkeiten am Nicaraguasee und
einigen andern Gegenden in Amerika entwickelt.
Wenn Oviedo in seinen Briefen an Cardinal Bembo dem Geschmack eines mit
dem Studium des Alterthums so vertrauten Mannes schmeicheln zu müssen
glaubte, so hatte der Seefahrer Sir WALTHER RALEGH einen minder poetischen
Zweck. Ihm war es darum zu thun, die Aufmerksamkeit der Königin Elisabeth
auf das große *Reich Guyana* zu lenken, das nach seinem Plan England
erobern sollte. Er beschrieb die Morgentoilette des *vergoldeten Königs*
(_‘el dorado’_)(78), wie ihn jeden Tag seine Kammerherren mit
wohlriechenden Oelen salben und ihm dann aus langen Blaserohren den
Goldstaub auf den Leibblasen; nichts mußte aber die Einbildungskraft
Elisabeths mehr ansprechen als die kriegerische Republik der Weiber ohne
Männer, die sich gegen die castilianischen Helden wehrten. Ich deute
hiemit die Gründe an, welche die Schriftsteller, die die amerikanischen
Amazonen vorzugsweise in Ruf gebracht, zur Uebertreibung verführt haben;
aber diese Gründe berechtigen uns nach meiner Ansicht nicht, eine Sage,
die bei verschiedenen, in gar keinem Verkehr mit einander stehenden
Völkern verbreitet ist, gänzlich zu verwerfen.
Die Zeugnisse, die LA CONDAMINE gesammelt, sind sehr merkwürdig; er hat
dieselben sehr umständlich bekannt gemacht, und mit Vergnügen bemerke ich
noch, daß dieser Reisende, wenn er in Frankreich und England für einen
Mann von der unermüdlichsten Neugier galt, in Quito, im Lande, das er
beschrieben, im Ruf des redlichsten, wahrheitsliebendsten Mannes steht.
Dreißig Jahre nach La Condamine hat ein portugiesischer Astronom, der den
Amazonenstrom und seine nördlichen Nebenflüsse befahren, RIBEIRO, Alles,
was der gelehrte Franzose vorgebracht, an Ort und Stelle bestätigt
gefunden. Er fand bei den Indianern dieselben Sagen und sammelte sie desto
unparteiischer, da er selbst nicht an Amazonen glaubt, die eine besondere
Völkerschaft gebildet hätten. Da ich keine der Sprachen verstehe, die am
Orinoco und Rio Negro gesprochen werden, so konnte ich hinsichtlich der
Volkssagen von den *Weibern ohne Männer* und der Herkunft der *grünen
Steine*, die damit in genauer Verbindung stehen sollen, nichts Sicheres in
Erfahrung bringen. Ich führe aber ein neueres Zeugniß an, das nicht ohne
Gewicht ist, das des Pater GILI. Dieser gebildete Missionär sagt: »Ich
fragte einen Quaqua-Indianer, welche Völker am Rio Cuchivero lebten, und
er nannte mir die Achirigotos, Pajuros und Aikeam-benanos. Da ich gut
tamanakisch verstand, war mir gleich der Sinn des letzteren Wortes klar:
es ist ein zusammengesetztes Wort und bedeutet: *Weiber, die allein
leben*. Der Indianer bestätigte dieß auch und erzählte, die Aikeam-benanos
seyen eine Gesellschaft von Weibern, die lange Blaserohre und anderes
Kriegsgeräthe verfertigten. Sie nehmen nur einmal im Jahre Männer vom
anwohnenden Stamme der Vokearos bei sich auf und machen ihnen zum Abschied
Blaserohre zum Geschenk. Alle männlichen Kinder, welche in dieser
Weiberhorde zur Welt kommen, werden ganz jung umgebracht.« Diese
Geschichte erscheint wie eine Copie der Sagen, welche bei den Indianern am
Maragnon und bei den Caraiben in Umlauf sind. Der Quaqua-Indianer, von dem
Pater Gili spricht, verstand aber nicht spanisch; er hatte niemals mit
Weißen verkehrt und wußte sicher nicht, daß es südlich vom Orinoco einen
andern Fluß gibt, der der Fluß der Aikeam-benanos oder der Amazonen heißt.
Was folgt aus diesem Bericht des alten Missionärs von Encaramada?
Keineswegs, daß es am Cuchivero Amazonen gibt, wohl aber, daß in
verschiedenen Landstrichen Amerikas Weiber, müde der Sklavendienste, zu
denen die Männer sie verurtheilen, sich wie die flüchtigen Neger in ein
*Palenque* zusammengethan; daß der Trieb, sich die Unabhängigkeit zu
erhalten, sie kriegerisch gemacht; daß sie von einer befreundeten Horde in
der Nähe Besuche bekamen, nur vielleicht nicht ganz so methodisch als in
der Sage. Ein solcher Weiberverein durfte nur irgendwo in Guyana einmal zu
einer gewissen Festigkeit gediehen seyn, so wurden sehr einfache Vorfälle,
wie sie an verschiedenen Orten vorkommen mochten, nach Einem Muster
gemodelt und übertrieben. Dieß ist ja der eigentliche Charakter der Sage,
und hätte der große Sklavenaufstand, von dem oben die Rede war [S. Bd. II.
Seite 354.], nicht auf der Küste von Venezuela, sondern mitten im
Continent stattgefunden, so hätte das leichtgläubige Volk in jedem
*Palenque* von Marronnegern den Hof des Königs Miguel, seinen Staatsrath
und den schwarzen Bischof von Buria gesehen. Die Caraiben in Terra Firma
standen mit denen auf den Inseln in Verkehr, und höchst wahrscheinlich
haben sich auf diesem Wege die Sagen vom Maragnon und Orinoco gegen Norden
verbreitet. Schon vor Orellanas Flußfahrt glaubte Christoph Columbus auf
den Antillen Amazonen gefunden zu haben. Man erzählte dem großen Manne,
die kleine Insel Madanino (Montserrate) sey von kriegerischen Weibern
bewohnt, die den größten Theil des Jahrs keinen Verkehr mit Männern
hätten. Anderemale sahen die Conquistadoren einen Amazonenfreistaat, wo
sie nur Weiber vor sich hatten, die in Abwesenheit der Männer ihre Hütten
vertheidigten, oder auch -- und dieses Mißverständniß ist schwerer zu
entschuldigen -- jene religiösen Vereine, jene Klöster mexicanischer
Jungfrauen, die zu keiner Zeit im Jahre Männer bei sich aufnahmen, sondern
nach der strengen Regel Quetzalcohuatls lebten. Die allgemeine Stimmung
brachte es mit sich, daß von den vielen Reisenden, die nach einander in
der neuen Welt Entdeckungen machten und von den Wundern derselben
berichteten, jeder auch gesehen haben wollte, was seine Vorgänger gemeldet
hatten.
Wir brachten in San Carlos del Rio Negro drei Nächte zu. Ich zähle die
Nächte, weil ich sie in der Hoffnung, den Durchgang eines Sterns durch den
Meridian beobachten zu können, fast ganz durchwachte. Um mir keinen
Vorwurf machen zu dürfen, waren die Instrumente immer zur Beobachtung
hergerichtet; ich konnte aber nicht einmal doppelte Höhen bekommen, um
nach der Methode von Douwes die Breite zu berechnen. Welch ein Contrast
zwischen zwei Strichen derselben Zone! dort der Himmel Cumanas, ewig
heiter wie in Persien und Arabien, und hier der Himmel am Rio Negro, dick
umzogen wie auf den Faröerinseln, ohne Sonne, Mond und Sterne! Ich verließ
die Schanze San Carlos mit desto größerem Verdruß, da ich keine Aussicht
hatte, in der Nähe des Orts eine gute Breitenbeobachtung machen zu können.
Die Inclination der Magnetnadel fand ich in San Carlos gleich 20° 60; 216
Schwingungen in zehn Zeitminuten gaben das Maaß der magnetischen Kraft. Da
die magnetischen Parallelen gegen West aufwärts gehen und ich auf dem
Rücken der Cordilleren zwischen Santa Fe de Bogota und Popayan dieselben
Inclinationswinkel beobachtet habe wie am obern Orinoco und am Rio Negro,
so sind diese Beobachtungen für die Theorie der *Linien von gleicher **
Intensität* oder *isodynamischen Linien* von großer Bedeutung geworden.
Die Zahl der Schwingungen ist in Javita und Quito dieselbe, und doch ist
die magnetische Inclination am ersteren Ort 26° 40, am zweiten 14° 85.
Nimmt man die Kraft unter dem magnetischen Aequator (in Peru) gleich eins
an, so ergibt sich für Cumana 1,1779, für Carichana 1,1575, für Javita
1,0675, für San Carlos 1,0480. In diesem Verhältniß nimmt die Kraft von
Nord nach Süd auf 8 Breitengraden zwischen dem 66 1/2 und 69sten Grad
westlicher Länge von Paris ab. Ich gebe absichtlich die
Meridian-Unterschiede an; denn ein Mathematiker, der auf dem Gebiete des
Erdmagnetismus große Erfahrung besitzt, HANSTEEN, hat meine
*isodynamischen Beobachtungen* einer neuen Prüfung unterworfen und
gefunden, daß die Intensität der Kraft auf demselben magnetischen Parallel
nach sehr constanten Gesetzen wechselt, und daß die scheinbaren Anomalien
der Erscheinung größtentheils verschwinden, wenn man diese Gesetze kennt.
Im Allgemeinen steht fest, was für mich aus der ganzen Reihe meiner
Beobachtungen hervorgeht, daß die Intensität der Kraft vom magnetischen
Aequator gegen den Pol zunimmt; aber diese Zunahme scheint unter
verschiedenen Meridianen mit ungleicher Geschwindigkeit zu erfolgen. Wenn
zwei Orte dieselbe Inclination haben, so ist die Intensität westwärts vom
Meridian, der mitten durch Südamerika läuft, am stärksten, und sie nimmt
unter demselben Parallel ostwärts, Europa zu ab. In der südlichen
Halbkugel scheint sie ihr Minimum an der Ostküste von Afrika zu erreichen;
sie nimmt dann unter demselben magnetischen Parallel gegen Neuholland hin
wieder zu. Ich fand die Intensität der Kraft in Mexico beinahe so groß wie
in Paris, aber der Unterschied in der Inclination beträgt mehr als 31
Grad. Meine Nadel, die unter dem magnetischen Aequator (in Peru) 211 mal
schwang, hätte unter demselben Aequator auf dem Meridian der Philippinen
nur 202 oder 203 mal geschwungen. Dieser auffallende Unterschied ergibt
sich aus der Zusammenstellung meiner Beobachtungen der Intensität in Santa
Cruz auf Teneriffa mit denen, die ROSSEL daselbst sieben Jahre früher
gemacht.
Die magnetischen Beobachtungen am Rio Negro sind unter allen, die auf
einem großen Festland bekannt geworden, die nächsten am magnetischen
Aequator. Sie dienten somit dazu, die Lage dieses Aequators zu bestimmen,
über den ich weiter westwärts auf dem Kamm der Anden zwischen Micuipampa
und Caxamarca unter dem 7. Grad südlicher Breite gegangen bin. Der
magnetische Parallel von San Carlos (der von 22° 60) läuft durch Popayan
und in die Südsee an einem Punkt (unter 3° 12′ nördlicher Breite und
89° 36′ westlicher Länge), wo ich so glücklich war, bei ganz stiller Luft
beobachten zu können.
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64 Diese Jäger gehören zu Militärposten und hängen von der russischen
Gesellschaft ab, deren Hauptactionäre in Irkutsk sind. Im Jahr 1804
war die kleine Festung (Crepoft) in der Bucht von Jakutal noch 600
Meilen von den nördlichslen mexicanischen Besitzungen entfernt.
65 Die geologische Bodenbeschaffenheit scheint, trotz der gegenwärtigen
Verschiedenheit in der Höhe des Wasserspiegels, darauf hinzudeuten,
daß in vorgeschichtlicher Zeit das schwarze Meer, das caspische Meer
und der Aralsee mit einander in Verbindung gestanden haben. Der
Ausfluß des Arals in das caspische Meer scheint zum Theil sogar
jünger und unabhängig von der Gabeltheilung des Gihon (Oxus), über
die einer der gelehrtesten Geographen unserer Zeit, RITTER, neues
Licht verbreitet hat.
66 Dieß ist der Rio Parime, Rio Blanco, Rio de Aguas Blancas unserer
Karten, der unterhalb Barcellos in den Rio Negro fällt.
67 Den berühmten Namen Hutten erkennt man in den spanischen
Geschichtschreibern kaum wieder. Sie nennen Philipp von Hutten, mit
Wegwerfung des aspirirten H, Felipe de Uten, de Urre, oder de Utre.