ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.

San Fernando de Atabapo. -- San Baltasar. -- Die Flüsse Temi und

Tuamini. -- Javita. -- Trageplatz zwischen dem Tuamini und dem Rio

Negro.

Wir hatten in der Nacht fast unvermerkt die Gewässer des Orinoco verlassen

und sahen uns bei Sonnenaufgang wie in ein anderes Land versetzt, am Ufer

eines Flusses, dessen Namen wir fast noch nie hatten aussprechen hören,

und auf dem wir über den Trageplatz am Pimichin zum Rio Negro an der

Grenze Brasiliens gelangen sollten. »Sie müssen,« sagte uns der Präsident

der Missionen, der in San Fernando seinen Sitz hat, »zuerst den Atabapo,

dann den Temi, endlich den Tuamini hinauffahren. Können Sie bei der

starken Strömung der *schwarzen Wasser* nicht mehr weiter kommen, so führt

man Sie vom Flußbett weg durch die Wälder, die Sie unter Wasser finden

werden. Auf diesem wüsten Landstrich zwischen Orinoco und Rio Negro leben

nur zwei Mönche, aber in Javita finden Sie die Mittel, um Ihre Pirogue

vier Tagereisen weit über Land zum Caño Pimichin ziehen zu zu lassen.

Zerbricht sie nicht, so fahren Sie ohne Anstand den Rio Negro (von

Nordwest nach Südost) hinunter bis zur Schanze San Carlos, sodann den

Cassiquiare (von Süd nach Nord) herauf und kommen in Monatsfrist über den

obern Orinoco (von Ost nach West) wieder nach San Fernando.« Diesen Plan

entwarf man uns für unsere Flußfahrt, und wir führten ihn, nicht ohne

Beschwerden, aber immer leicht und ohne Gefahr in drei und dreißig Tagen

aus. Die Krümmungen in diesem Flußlabyrinth sind so stark, daß man sich

ohne die Reisekarte, die ich entworfen, vom Wege, auf dem wir von der

Küste von Caracas durch das innere Land an die Grenzen der Capitania

General von Gran-Para gelangt sind, so gut als keine Vorstellung machen

könnte. Für diejenigen, welche nicht gerne in Karten blicken, auf denen

viele schwer zu behaltende Namen stehen, bemerke ich nochmals, daß der

Orinoco von seinen Quellen, oder doch von Esmeralda an von Ost nach West,

von San Fernando, also vom Zusammenfluß des Atabapo und des Guaviare an,

bis zum Einfluß des Apure von Süd nach Nord fließt und auf dieser Strecke

die großen Katarakten bildet, daß er endlich vom Einfluß des Apure bis

Angostura und zur Seeküste von West nach Ost läuft. Auf der ersten

Strecke, auf dem Lauf von Ost nach West, bildet er die berühmte Gabelung,

welche die Geographen so oft in Abrede gezogen und deren Lage ich zuerst

durch astronomische Beobachtungen bestimmen konnte. Ein Arm des Orinoco,

der Cassiquiare, der von Nord nach Süd fließt, ergießt sich in den Guainia

oder Rio Negro, der seinerseits in den Maragnon oder Amazonenstrom fällt.

Der natürlichste Weg zu Wasser von Angostura nach Gran-Para wäre also den

Orinoco hinauf bis Esmeralda, und dann den Cassiquiare, Rio Negro und

Amazonenstrom hinunter; da aber der Rio Negro auf seinem oberen Lauf sich

sehr den Quellen einiger Flüsse nähert, die sich bei San Fernando de

Atabapo in den Orinoco ergießen (am Punkte, wo der Orinoco aus der

Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach Nord umbiegt), so

kann man in den Rio Negro gelangen, ohne die Flußstrecke zwischen San

Fernando und Esmeralda hinaufzufahren. Man geht bei der Mission San

Fernando vom Orinoco ab, fährt die zusammenhängenden kleinen schwarzen

Flüsse (Atabapo, Temi und Tuamini) hinauf, und läßt die Pirogue über eine

6000 Toisen breite Landenge an das Ufer eines Baches (Caño Pimichin)

tragen, der in den Rio Negro fällt. Dieser Weg, den wir einschlugen, und

der besonders seit der Zeit, da Don Manuel Centurion Statthalter von

Guyana war, gebräuchlich geworden, ist so kurz, daß jetzt ein Bote von San

Carlos am Rio Negro nach Angostura Briefschaften in 24 Tagen bringt,

während er früher über den Cassiquiare herauf 50--60 brauchte. Man kann

also über den Atabapo aus dem Amazonenstrom in den Orinoco kommen, ohne

den Cassiquiare herauf zu fahren, der wegen der starken Strömung, des

Mangels an Lebensmitteln und der Moskitos gemieden wird. Für französische

Leser führe ich hier ein Beispiel aus der hydrographischen Karte

Frankreichs an. Wer von Nevers an der Loire nach Montereau an der Seine

will, könnte, statt auf dem Canal von Orleans zu fahren, der, wie der

Cassiquiare, zwei Flußsysteme verbindet, von den Zuflüssen der Loire zu

denen der Seine sein Fahrzeug tragen lassen; er könnte die Nièvre

hinauffahren, über eine Landenge beim Dorfe Menou gehen und sofort die

Yonne hinab in die Seine gelangen.

Wir werden bald sehen, welche Vortheile es hätte, wenn man über den

sumpfigten Landstrich zwischen dem Tuamini und dem Pimichin einen Canal

zöge. Käme dieser Plan einmal zur Ausführung, so hätte die Fahrt vom Fort

San Carlos nach Angostura, der Hauptstadt von Guyana, nur noch den Rio

Negro herauf bis zur Mission Maroa einige Schwierigkeit; von da ginge es

auf dem Tuamini, dem Temi, Atabapo und Orinoco abwärts. Ueber den

Cassiquiare ist der Weg von San Carlos nach San Fernando am Atabapo weit

unangenehmer und um die Hälfte länger als über Javita und den Caño

Pimichin. Auf diesem Landstrich, in den zur Zeit der Grenzexpedition kein

astronomisches Werkzeug gekommen war, habe ich mit Louis Berthouds

Chronometer und durch Meridianhöhen von Gestirnen Länge und Breite von San

Balthasar am Atabapo, Javita, San Carlos am Rio Negro, des Felsen

Culimacari und der Mission Esmeralda bestimmt; die von mir entworfene

Karte hat somit die Zweifel über die gegenseitigen Entfernungen der

christlichen Niederlassungen gehoben. Wenn es keinen andern Weg gibt, als

auf vielgekrümmten, verschlungenen Gewässern, wenn in dichten Wäldern nur

kleine Dörfer stecken, wenn auf völlig ebenem Lande kein Berg, kein

erhabener Gegenstand von zwei Punkten zugleich sichtbar ist, kann man nur

am Himmel lesen, wo man sich auf Erden befindet. In den wildesten Ländern

der heißen Zone fühlt man mehr als anderswo das Bedürfniß astronomischer

Beobachtungen. Dieselben sind dort nicht allein nützliche Hülfsmittel, um

Karten zu vollenden und zu verbessern: sie sind vielmehr zur Aufnahme des

Terrains von vorne herein unerläßlich.

Der Missionär von San Fernando, bei dem wir zwei Tage verweilten, führt

den Titel eines Präsidenten der Missionen am Orinoco. Die sechs und

zwanzig Ordensgeistlichen, die am Rio Negro, Cassiquiare, Atabapo, Caura

und Orinoco leben, stehen unter ihm und er seinerseits steht unter dem

Gardian des Klosters in Nueva Barcelona, oder, wie man hier sagt, des

_‘Colegio de la purissima Conception de Propaganda Fide’_. Sein Dorf sah

etwas wohlhabender aus, als die wir bis jetzt auf unserem Wege

angetroffen, indessen hatte es doch nur 266 Einwohner. Ich habe schon

öfters bemerkt, daß die Missionen in der Nähe der Küsten, die gleichfalls

unter den Observanten stehen, z. B. Pilar, Caigua, Huere und Cupapui,

zwischen 800 und 2000 Einwohnern zählen. Es sind größere und schönere

Dörfer als in den cultivirtesten Ländern Europas. Man versicherte uns, die

Mission San Fernando habe unmittelbar nach der Gründung eine stärkere

Bevölkerung gehabt als jetzt. Da wir auf der Rückreise vom Rio Negro noch

einmal an den Ort kamen, so stelle ich hier die Beobachtungen zusammen,

die wir an einem Punkte des Orinoco gemacht, der einmal für den Handel und

die Gewerbe der Colonien von großer Bedeutung werden kann.

San Fernando de Atabapo liegt an der Stelle, wo drei große Flüsse, der

Orinoco, der Guaviare und der Atabapo sich vereinigen. Die Lage ist

ähnlich wie die von St. Louis oder Neu-Madrid am Einfluß des Missouri und

des Ohio in den Mississippi. Je größeren Aufschwung der Handel in diesen

von ungeheuren Strömen durchzogenen Ländern nimmt, desto mehr werden die

Städte, die an zwei Flüssen liegen, von selbst Schiffsstationen,

Stapelplätze für die Handelsgüter, wahre Mittelpunkte der Cultur. Pater

GUMILLA gesteht, daß zu seiner Zeit kein Mensch vom Laufe des Orinoco

oberhalb des Einflusses des Guaviare etwas gewußt habe. Er sagt ferner

sehr naiv, er habe sich an Einwohner von Timana und Pasto um einige, noch

dazu unsichere Auskunft über den obern Orinoco wenden müssen. Heutzutage

erkundigt man sich allerdings nicht in den Anden von Popayan nach einem

Flusse, der am Westabhang der Gebirge von Cayenne entspringt. Pater

Gumilla verwechselte zwar nicht, wie man ihm Schuld gegeben, die Quellen

des Guaviare und die des Orinoco; da er aber das Stück des letzteren

Flusses, das von Esmeralda San Fernando zu von Ost nach West gerichtet

ist, nicht kannte, so setzt er voraus, man müsse, um oberhalb der

Katarakten und der Einmündungen des Vichada und Guaviare den Orinoco

weiter hinaufzukommen, sich nach Südwest wenden. Zu jener Zeit hatten die

Geographen die Quellen des Orinoco in die Nähe der Quellen des Putumayo

und Caqueta an den östlichen Abhang der Anden von Pasto und Popayan

gesetzt, also nach meinen Längenbestimmungen auf dem Rücken der

Cordilleren und in Esmeralda, 240 Meilen vom richtigen Punkt. Unrichtige

Angaben LA CONDAMINEs über die Verzweigungen des Caqueta, wodurch SANSONs

Annahmen Bestätigung zu finden schienen, haben Irrthümer verbreiten

helfen, die sich Jahrhunderte lang erhalten haben. In der ersten Ausgabe

seiner großen Karte von Südamerika (eine sehr seltene Ausgabe, die ich auf

der großen Pariser Bibliothek gefunden habe) zeichnete D’ANVILLE den Rio

Negro als einen Arm des Orinoco, der vom Hauptstrom zwischen den

Einflüssen des Meta und des Vichada, in der Nähe des Katarakts von *los

Astures* (Atures) abgeht. Diesem großen Geographen war damals die Existenz

des Cassiquiare und des Atabapo ganz unbekannt, und er ließ den Orinoco

oder Rio Paragua, den Japura und den Putumayo aus drei Zweigen des Caqueta

entspringen. Erst durch die Grenzexpedition unter dem Befehl Ituriagas und

SOLANOs wurde das wahre Verhältniß bekannt. Solano war als Ingenieur bei

der Expedition und ging im Jahr 1756 über die großen Katarakten bis zum

Einfluß des Guaviare hinauf. Er sah, daß man, um auf dem Orinoco weiter

hinaufzukommen, sich ostwärts wenden müsse, und daß die Wasser des

Guaviare, der zwei Meilen weiter oben den Atabapo aufgenommen hat, da

hereinkommen, wo der Strom unter 4° 4′ der Breite die große Wendung macht.

Da Solano daran gelegen war, den portugiesischen Besitzungen so nahe als

möglich zu kommen, so entschloß er sich, gegen Süd vorzudringen. Er fand

am Zusammenfluß des Atabapo und Guaviare Indianer von der kriegerischen

Nation der Guaypunabis angesiedelt. Er lockte sie durch Geschenke an sich

und gründete mit ihnen die Mission San Fernando, die er, in der Hoffnung

sich beim Ministerium in Madrid wichtig zu machen, emphatisch *Villa*

betitelte.

Um die politische Bedeutung dieser Niederlassung zu würdigen, muß man die

damaligen Machtverhältnisse zwischen den kleinen Indianerstämmen in Guyana

ins Auge fassen. Die Ufer des untern Orinoco waren lange der Schauplatz

der blutigen Kämpfe zwischen zwei mächtigen Völkern, den Cabres und den

Caraiben, gewesen. Letztere, deren eigentliche Wohnsitze seit dem Ende des

siebzehnten Jahrhunderts zwischen den Quellen des Carony, des Esquibo, des

Orinoco und des Rio Parime liegen, waren nicht allein bis zu den großen

Katarakten Herren des Landes, sie machten auch Einfälle in die Länder am

obern Orinoco, und zwar über die *Trageplätze* zwischen dem Paruspa und

dem Caura, dem Eredato und dem Ventuari, dem Conorichite und dem Atacavi.

Niemand wußte so gut, wie sich die Flüsse verzweigen, wo die Nebenflüsse

zur Hand sind, wie man auf dem kürzesten Wege ans Ziel kommt. Die Caraiben

hatten die Cabres geschlagen und beinahe ausgerottet; waren sie jetzt aber

Herren am untern Orinoco, so stießen sie auf Widerstand bei den

Guaypunabis, die sich am obern Orinoco die Herrschaft errungen hatten und

neben den Cabres, Manitivitanos und Parenis die ärgsten Anthropophagen in

diesem Landstrich sind. Sie waren ursprünglich am großen Fluß Inirida bei

seiner Vereinigung mit dem Chamochiquini und im Gebirgslande von Mabicore

zu Hause. Um das Jahr 1744 hieß ihr Häuptling oder, wie die Eingeborenen

sagen, ihr _‘Apoto’_ (König), Macapu, ein Mann durch Geisteskraft und Muth

gleich ausgezeichnet. Er war mit einem Theil seiner Nation an den Atabapo

gekommen, und als der Jesuit Roman seinen merkwürdigen Zug vom Orinoco an

den Rio Negro machte, gestattete Macapu, daß der Missionar einige Familien

Guaypunabis mitnahm, um sie in Uriana und beim Katarakt von Maypures

anzusiedeln. Diese Nation gehört der Sprache nach dem großen Volksstamm

der Maypures an; sie ist gewerbfleißiger, man könnte beinahe sagen,

civilisirter als die andern Völker am obern Orinoco. Nach dem Bericht der

Missionäre waren die Guaypunabis, als sie in diesen Ländern die Herren

spielten, fast alle bekleidet und besaßen ansehnliche Dörfer. Nach Macapus

Tode ging das Regiment auf einen andern Krieger über, auf Cuseru, von den

Spaniern Capitän Cruzero genannt. Er hatte am Inirida Vertheidigungslinien

und eine Art Fort aus Erde und Holz angelegt. Die Pfähle waren über

sechzehn Fuß hoch und umgaben das Haus des _Apoto_, sowie eine Niederlage

von Bogen und Pfeilen. Pater FORNERI beschreibt diese in einem sonst so

wilden Lande merkwürdigen Anlagen.

Am Rio Negro waren die Stämme der Marepizanas und Manitivitanos die

mächtigsten. Die Häuptlinge der ersteren waren ums Jahr 175O zwei Krieger

Namens Imu und Cajamu; der König der Manitivitanos war Cocuy, vielberufen

wegen seiner Grausamkeit und seiner raffinirten Schwelgerei. Zu meiner

Zeit lebte noch seine Schwester in der Nähe der Mission Maypure. Man

lächelt, wenn man hört, daß Männer wie Cuseru, Imu und Cocuy hier zu Lande

so berühmt sind, wie in Indien die Holkar, Tippo und die mächtigsten

Fürsten. Die Häuptlinge der Guaypunabis und Manitivitanos fochten mit

kleinen Haufen von zwei bis dreihundert Mann; aber in der langen Fehde

verwüsteten sie die Missionen, wo die armen Ordensleute nur fünfzehn bis

zwanzig spanische Soldaten zur Verfügung hatten. Horden, wegen ihrer

Kopfzahl und ihrer Vertheidigungsmittel gleich verächtlich, verbreiteten

einen Schrecken, als wären es Heere. Den Patres Jesuiten gelang es nur

dadurch, ihre Missionen zu retten, daß sie List wider Gewalt setzten. Sie

zogen einige mächtige Häuptlinge in ihr Interesse und schwächten die

Indianer durch Entzweiung. Als Ituriaga und Solano auf ihrem Zuge an den

Orinoco kamen, hatten die Missionen von den Einfällen der Caraiben nichts

mehr zu befürchten. Cusaru hatte sich hinter den Granitbergen von Sipapo

niedergelassen; er war der Freund der Jesuiten; aber andere Völker vom

obern Orinoco und Rio Negro, die Matepizanos, Amuizanos und Manitivitanos,

fielen unter Imus, Cajamus und Cocuys Führung von Zeit zu Zeit in das Land

nordwärts von den großen Katarakten ein. Sie hatten andere Beweggründe zur

Feindseligkeit als Haß. Sie trieben *Menschenjagd*, wie es früher bei den

Caraiben Brauch gewesen und wie es in Afrika noch Brauch ist. Bald

lieferten sie Sklaven (_poitos_) den Holländern oder _Paranaquiri_

(*Meerbewohner*); bald verkauften sie dieselben an die Portugiesen oder

_Jaranavi_ (*Musikantensöhne*.)(55) In Amerika wie in Afrika hat die

Habsucht der Europäer gleiches Unheil gestiftet; sie hat die Eingebornen

gereizt, sich zu bekriegen, um Gefangene zu bekommen [S. Bd. I. Seite 251]

Ueberall führt der Verkehr zwischen Völkern auf sehr verschiedenen

Bildungsstufen zum Mißbrauch der physischen Gewalt und der geistigen

Ueberlegenheit. Phönizien und Karthago suchten einst ihre Sklaven in

Europa; heutzutage liegt dagegen die Hand Europas schwer auf den Ländern,

wo es die ersten Keime seines Wissens geholt, wie auf denen, wo es

dieselben, so ziemlich wider Willen, verbreitet, indem es ihnen die

Erzeugnisse seines Gewerbfleißes zuführt.

Ich habe hier treu berichtet, was ich über die Zustände eines Landes in

Erfahrung bringen konnte, wo die besiegten Völker nach und nach absterben

und keine andere Spur ihres Daseyns hinterlassen, als ein paar Worte ihrer

Sprache, welche die siegenden Völker in die ihrige aufnehmen. Wir haben

gesehen, daß im Norden, jenseits der Katarakten, die Caraiben und die

Cabres, südwärts am obern Orinoco die Guaypunabis, am Rio Negro die

Marepizanos und Manitivitanos die mächtigsten Nationen waren. Der lange

Widerstand, den die unter einem tapfern Führer vereinigten Cabres den

Caraiben geleistet, hatte jenen nach dem Jahr 1720 zum Verderben gereicht.

Sie hatten ihre Feinde an der Mündung des Rio Caura geschlagen; eine Menge

Caraiben wurden auf ihrer eiligen Flucht zwischen den Stromschnellen des

Torno und der Isla del Infierno erschlagen. Die Gefangenen wurden

verzehrt; aber mit jener raffinirten Verschlagenheit und Grausamkeit, wie

sie den Völkern Süd- wie Nordamerikas eigen ist, ließen sie Einen Caraiben

am Leben, der, um Zeuge des barbarischen Auftritts zu seyn, auf einen Baum

steigen und sofort den Geschlagenen die Kunde davon überbringen mußte. Der

Siegesrausch Teps, des Häuptlings der Cabres, war von kurzer Dauer. Die

Caraiben kamen in solcher Masse wieder, daß nur kümmerliche Reste der

menschenfressenden Cabres am Rio Cuchivero übrig blieben.

Am obern Orinoco lagen Cocuy und Cuseru im erbittertsten Kampf gegen

einander, als Solano an der Mündung des Guaviare erschien. Ersterer hatte

für die Portugiesen Partei ergriffen; der letztere, ein Freund der

Jesuiten, that es diesen immer zu wissen, wenn die Manitivitanos gegen die

christlichen Niederlassungen in Atures und Carichana im Anzug waren.

Cuseru wurde erst wenige Tage vor seinem Tode Christ; er hatte aber im

Gefecht an seine linke Hüfte ein Crucifix gebunden, das die Missionäre ihm

geschenkt und mit dem er sich für unverletzlich hielt. Man erzählte uns

eine Anekdote, in der sich ganz seine wilde Leidenschaftlichkeit

ausspricht. Er hatte die Tochter eines indianischen Häuptlings vom Rio

Temi geheirathet. Bei einem Ausbruch von Groll gegen seinen Schwiegervater

erklärte er seinem Weibe, er ziehe aus, sich mit ihm zu messen. Das Weib

gab ihm zu bedenken, wie tapfer und ausnehmend stark ihr Vater sey; da

nahm Cuseru, ohne ein Wort weiter zu sprechen, einen vergifteten Pfeil und

schoß ihr ihn durch die Brust. Im Jahr 1756 versetzte die Ankunft einer

kleinen Abtheilung spanischer Truppen unter Solanos Befehl diesen

Häuptling der Guaypunabis in üble Stimmung. Er stand im Begriff, es auf

ein Gefecht ankommen zu lassen, da gaben ihm die Patres Jesuiten zu

verstehen, wie es sein Vortheil wäre, sich mit den Christen zu vertragen.

Cuseru speiste am Tisch des spanischen Generals; man köderte ihn mit

Versprechungen, namentlich mit der Aussicht, daß man nächstens seinen

Feinden den Garaus machen werde. Er war König gewesen, nunmehr ward er

Dorfschulze und ließ sich dazu herbei, sich mit den Seinigen in der neuen

Mission San Fernando de Atabapos niederzulassen. Ein solch trauriges Ende

nahmen meist jene Häuptlinge, welche bei Reisenden und Missionären

indianische Fürsten heißen. »In meiner Mission,« sagt der gute Pater GILI,

»hatte ich fünf _‘Neyecillos’_ (kleine Könige) der Tamanacos, Avarigotos,

Parecas, Quaquas und Maypures. In der Kirche setzte ich alle neben

einander auf Eine Bank, ermangelte aber nicht, den ersten Platz Monaiti,

dem Könige der Tamanacos, anzuweisen, weil er mich bei der Gründung des

Dorfs unterstützt hatte. Er schien ganz stolz auf die Auszeichnung.« Wir

sind auch Pater Gili’s Meinung, daß ehemalige, von ihrer Höhe

herabgesunkene Gewalthaber selten mit so Wenigem zufrieden zu stellen

sind.

Als Cuseru, der Häuptling der Guaypunabis, die spanischen Truppen durch

die Katarakten ziehen sah, rieth er Don Jose Solano, die Niederlassung am

Atabapo noch ein ganzes Jahr aufzuschieben; er prophezeite Unheil, das

denn auch nicht ausblieb. »Laßt mich,« sagte Cuseru zu den Jesuiten, »mit

den Meinigen arbeiten und das Land umbrechen; ich pflanze Manioc, und so

habt ihr später mit so vielen Leuten zu leben.« Solano, in seiner

Ungeduld, weiter vorzudringen, hörte nicht auf den Rath des indianischen

Häuptlings. Die neuen Ansiedler in San Fernando verfielen allen

Schrecknissen der Hungersnoth. Man ließ mit großen Kosten zu Schiff auf

dem Meta und dem Vichada Mehl aus Neu-Grenada kommen. Die Vorräthe langten

aber zu spät an, und viele Europäer und Indianer erlagen den Krankheiten,

die in allen Himmelsstrichen Folgen des Mangels und der gesunkenen

moralischen Kraft sind.

Man sieht in San Fernando noch einige Spuren von Anbau; jeder Indianer hat

eine kleine Pflanzung von Cacaobäumen. Die Bäume tragen vom fünften Jahr

an reichlich, aber sie hören damit früher auf als in den Thälern von

Aragua. Die Bohne ist klein und von vorzüglicher Güte. Gin _Almuda_, deren

zehn auf eine Fanega gehen, kostet in San Fernando 6 Realen, etwa

4 Franken, an den Küsten wenigstens 20--25 Franken; aber die ganze Mission

erzeugt kaum 80 Fanegas im Jahr, und da, nach einem alten Mißbrauch, die

Missionäre am Orinoco und Rio Negro allein mit Cacao Handel treiben, so

wird der Indianer nicht aufgemuntert, einen Culturzweig zu erweitern, von

dem er so gut wie keinen Nutzen hat. Es gibt bei San Fernando ein paar

Savanen und gute Weiden; man sieht aber kaum sieben oder acht Kühe darauf,

Ueberbleibsel der ansehnlichen Heerde, welche die Grenzexpedition ins Land

gebracht. Die Indianer sind etwas civilisirter als in den andern

Missionen. Zu unserer Ueberraschung trafen wir einen Schmied von der

eingeborenen Race.

Was uns in der Mission San Fernando am meisten auffiel und was der

Landschaft einen eigenthümlichen Charakter gibt, das ist die _‘Pihiguao’_-

oder _‘Pirijao’_-Palme. Der mit Stacheln bewehrte Stamm ist über sechzig

Fuß hoch; die Blätter sind gefiedert, sehr schmal, wellenförmig und an den

Spitzen gekräuselt. Höchst merkwürdig sind die Früchte des Baumes; jede

Traube trägt 50 bis 80; sie sind gelb wie Apfel, werden beim Reifen roth,

sind zwei bis drei Zoll dick und der Fruchtkern kommt meist nicht zur

Entwicklung. Unter den 80--90 Palmenarten, die ausschließlich der neuen

Welt angehören und die ich in den _nova genera plantarum aequinoctialium_

aufgezählt, ist bei keiner das Fruchtfleisch so außerordentlich stark

entwickelt. Die Frucht des Pirijao enthält einen mehligten, eigelben,

nicht stark süßen, sehr nahrhaften Stoff. Man ißt sie wie die Banane und

die Kartoffel, gesotten oder in der Asche gebraten; es ist ein eben so

gesundes als angenehmes Nahrungsmittel. Indianer und Missionäre erschöpfen

sich im Lobe dieser herrlichen Palme, die man die _‘Pfirsichpalme’_ nennen

könnte und die in San Fernando, San Balthasar, Santa Barbara, überall,

wohin wir nach Süd und Ost am Atabapo und obern Orinoco kamen, in Menge

angebaut fanden. In diesen Landstrichen erinnert man sich unwillkührlich

der Behauptung LINNÉs, die Palmenregion sey die ursprüngliche Heimath

unseres Geschlechts, der Mensch sey eigentlich ein

_‘Palmfruchtesser’_.(56) Mustert man die Vorräthe in den Hütten der

Indianer, so sieht man, daß mehrere Monate im Jahr die mehligte Frucht des

Pirijao für sie so gut ein Hauptnahrungsmittel ist als der Manioc und die

Banane. Der Baum trägt nur einmal im Jahr, aber oft drei Trauben, also

150--200 Früchte.

San Fernando de Atabapo, San Carlos und San Francisco Solano sind die

bedeutendsten Missionen am obern Orinoco. In San Fernando, wie in den

benachbarten Dörfern San Balthasar und Javita, fanden wir hübsche

Pfarrhäuser, mit Schlingpflanzen bewachsen und mit Gärten umgeben. Die

schlanken Stämme der Pirijaopalme waren in unsern Augen die Hauptzierde

dieser Pflanzungen. Auf unsern Spaziergängen erzählte uns der Pater

Präsident sehr lebhaft von seinen Fahrten auf dem Rio Guaviare. Er sprach

davon, wie sehr sich die Indianer auf Züge »zur Eroberung von Seelen«

freuen; jedermann, selbst Weiber und Greise wollen daran Theil nehmen.

Unter dem nichtigen Vorwand, man verfolge Neubekehrte, die aus dem Dorf

entlaufen, schleppt man dabei acht- bis zehnjährige Kinder fort und

vertheilt sie an die Indianer in den Missionen als Leibeigene oder

_Poitos_. Die Reisetagebücher, die Pater BARTHOLOMEO MANCILLA uns gefällig

mittheilte, enthalten sehr wichtiges geographisches Material. Weiter

unten, wenn von den Hauptnebenflüssen des Orinoco die Rede wird, vom

Guaviare, Ventuari, Meta, Caura und Carony, gebe ich eine Uebersicht

dieser Entdeckungen. Hier nur soviel, daß es, nach meinen astronomischen

Beobachtungen am Atabapo und auf dem westlichen Abhang der Cordillere der

Anden beim Paramo de la Suma Paz, von San Fernando bis zu den ersten

Dörfern in den Provinzen Caguan und San Juan de los Llanos nicht mehr als

107 Meilen ist. Auch versicherten mich Indianer, die früher westlich von

der Insel Amanaveni, jenseits des Einflusses des Rio Supavi, gelebt, sie

haben auf einer Lustfahrt im Canoe (was die Wilden so heißen) auf dem

Guaviare bis über die _Angostura_ (den Engpaß) und den Hauptwasserfall

hinauf, in drei Tagereisen Entfernung bärtige und bekleidete Männer

getroffen, welche Eier der Terekey-Schildkröte suchten. Darüber waren die

Indianer so erschrocken, daß sie in aller Eile umkehrten und den Guaviare

wieder hinunterfuhren. Wahrscheinlich kamen diese weißen, bärtigen Männer

aus den Dörfern Aroma und San Martin, da sich die zwei Flüsse Ariari und

Guayavero zum Guaviare vereinigen. Es ist nicht zu verwundern, daß die

Missionare am Orinoco und Atabapo fast keine Ahnung davon haben, wie nahe

sie bei den Missionären von Mocoa, am Rio Fragua und Caguan leben. In

diesen öden Landstrichen kann man nur durch Längenbeobachtungen die wahren

Entfernungen kennen lernen, und nur nach astronomischen Ermittlungen und

den Erkundigungen, die ich in den Klöstern zu Popayan und Pasto westwärts

von den Cordilleren der Anden eingezogen, erhielt ich einen richtigen

Begriff von der gegenseitigen Lage der christlichen Niederlassungen am

Atabapo, Guayavero und Caqueta.

So bald man das Bett des Atabapo betritt, ist Alles anders, die

Beschaffenheit der Luft, die Farbe des Wassers, die Gestalt der Bäume am

Ufer. Bei Tage hat man von den Moskitos nicht mehr zu leiden; die Schnaken

mit langen Füßen (_zancudos_) werden bei Nacht sehr selten, ja oberhalb

der Mission San Fernando verschwinden diese Nachtinsekten ganz. Das Wasser

des Orinoco ist trübe, voll erdigter Stoffe, und in den Buchten hat es

wegen der vielen todten Krokodile und anderer faulender Körper einen

bisamartigen, süßlichten Geruch. Um dieses Wasser trinken zu können,

mußten wir es nicht selten durch ein Tuch seihen. Das Wasser des Atabapo

dagegen ist rein, von angenehmem Geschmack, ohne eine Spur von Geruch, bei

reflektirtem Licht bräunlich, bei durchgehendem gelblich. Das Volk nennt

dasselbe »leicht,« im Gegensatz zum trüben, schweren Orinocowasser. Es ist

meist um 2°, der Einmündung des Rio Temi zu um 3° kühler als der obere

Orinoco. Wenn man ein ganzes Jahr lang Wasser von 27--28 Grad

[22°,4--22°,8 Reaumur] trinken muß, hat man schon bei ein paar Graden

weniger ein äußerst angenehmes Gefühl. Diese geringere Temperatur rührt

wohl daher, daß der Fluß nicht so breit ist, daß er keine sandigten Ufer

hat, die sich am Orinoco bei Tag auf 50 Grad erhitzen, und daß der

Atabapo, Temi, Tuamini und der Rio Negro von dichten Wäldern beschattet

sind.

Daß die schwarzen Wasser ungemein rein seyn müssen, das zeigt ihre

Klarheit und Durchsichtigkeit und die Deutlichkeit, mit der sich die

umgebenden Gegenstände nach Umriß und Färbung darin spiegeln. Auf 20--30

Fuß tief sieht man die kleinsten Fische darin und meist blickt man bis auf

den Grund des Flusses hinunter. Und dieser ist nicht etwa Schlamm von der

Farbe des Flusses, gelblich oder bräunlich, sondern blendend weißer Quarz-

und Granitsand. Nichts geht über die Schönheit der Ufer des Atabapo; ihr

üppiger Pflanzenwuchs, über den Palmen mit Federbuschlaub hoch in die Luft

steigen, spiegelt sich im Fluß. Das Grün am reflektirten Bilde ist ganz so

satt als am direkt gesehenen Gegenstand, so glatt und eben ist die

Wasserfläche, so frei von suspendirtem Sand und organischen Trümmern, die

auf der Oberfläche minder heller Flüsse Streifen und Unebenheiten bilden.

Wo man vom Orinoco abfährt, kommt man, aber ohne alle Gefahr, über mehrere

kleine Stromschnellen. Mitten in diesen _Raudalitos_ ergießt sich, wie die

Missionäre annehmen, der Atabapo in den Orinoco. Nach meiner Ansicht

ergießt sich aber der Atabapo vielmehr in den Guaviare, und diesen Namen

sollte man der Flußstrecke vom Orinoco bis zur Mission San Fernando geben.

Der Rio Guaviare ist weit breiter als der Atabapo, hat weißes Wasser und

der ganze Anblick seiner Ufer, seine gefiederten Fischsänger, seine

Fische, die großen Krokodile, die darin hausen, machen, daß er dem Orinoco

weit mehr gleicht als der Theil dieses Flusses, der von Esmeralda

herkommt. Wenn sich ein Strom durch die Vereinigung zweier fast gleich

breiten Flüsse bildet, so ist schwer zu sagen, welchen derselben man als

die Quelle zu betrachten hat. Die Indianer in San Fernando haben noch

heute eine Anschauung, die der der Geographen gerade zuwider läuft. Sie

behaupten, der Orinoco entspringe aus zwei Flüssen, aus dem Guaviare und

dem Rio Paragua. Unter letzterem Namen verstehen sie den obern Orinoco von

San Fernando und Santa Barbara bis über Esmeralda hinauf. Dieser Annahme

zufolge ist ihnen der Cassiquiare kein Arm des Orinoco, sondern des Rio

Paragua. Ein Blick auf die von mir entworfene Karte zeigt, daß diese

Benennungen völlig willkührlich sind. Ob man dem Rio Paragua den Namen

Orinoco abstreitet, daran ist wenig gelegen, wenn man nur den Lauf der

Flüsse naturgetreu zeichnet, und nicht, wie man vor meiner Reise gethan,

Flüsse, die unter einander zusammenhängen und Ein System bilden, durch

eine Gebirgskette getrennt seyn läßt. Will man einen der beiden Zweige,

die einen großen Fluß bilden, nach dem letzteren benennen, so muß man den

Namen dem wasserreichsten derselben beilegen. In den beiden Jahreszeiten,

wo ich den Guaviare und den obern Orinoco oder Rio Paragua (zwischen

Esmeralda und San Fernando) gesehen, kam es mir nun aber vor, als wäre

letzterer nicht so breit als der Guaviare. Die Vereinigung des obern

Mississippi mit dem Missouri und Ohio, die des Maragnon mit dem Guallaga

und Ucayale, die des Indus mit dem Chumab und Gurra oder Sutledge haben

bei den reisenden Geographen ganz dieselben Bedenken erregt. Um die rein

willkührlich angenommene Flußnomenclatur nicht noch mehr zu verwirren,

schlage ich keine neuen Venennungen vor. Ich nenne mit Pater CAULIN und

den spanischen Geographen den Fluß bei Esmeralda auch ferner Orinoco oder

obern Orinoco, bemerke aber, daß, wenn man den Orinoco von San Fernando de

Atabapo bis zum Delta, das er der Insel Trinidad gegenüber bildet, als

eine Fortsetzung des Rio Guaviare und das Stück des obern Orinoco zwischen

Esmeralda und der Mission San Fernando als einen Nebenfluß betrachtete,

der Orinoco von den Savanen von San Juan de los Llanos und dem Ostabhang

der Anden bis zu seiner Mündung eine gleichförmigere und natürlichere

Richtung von Südwest nach Nordost hätte.

Der Rio Paragua, oder das Stück des Orinoco, auf dem man ostwärts von der

Mündung des Guaviare hinauffährt, hat klareres, durchsichtigeres und

reineres Wasser als das Stück unterhalb San Fernando. Das Wasser des

Guaviare dagegen ist weiß und trüb; es hat, nach dem Ausspruch der

Indianer, deren Sinne sehr scharf und sehr geübt sind, denselben Geschmack

wie das Wasser des Orinoco in den großen Katarakten. »Gebt mir,« sagte ein

alter Indianer aus der Mission Javita zu uns, »Wasser aus drei, vier

großen Flüssen des Landes, so sage ich euch nach dem Geschmack

zuverlässig, wo das Wasser geschöpft worden, ob aus einem weißen oder

einem schwarzen Fluß, ob aus dem Orinoco oder dem Atabapo, dem Paragua

oder dem Guaviare.« Auch die großen Krokodile und die Delphine (Toninas)

haben der Guaviare und der untere Orinoco mit einander gemein; diese

Thiere kommen, wie man uns sagte, im Rio Paragua (oder obern Orinoco

zwischen San Fernando und Esmeralda) gar nicht vor. Dieß sind doch sehr

auffallende Verschiedenheiten hinsichtlich der Beschaffenheit der Gewässer

und der Vertheilung der Thiere. Die Indianer verfehlen nicht, sie

aufzuzählen, wenn sie den Reisenden beweisen wollen, daß der obere Orinoco

östlich von San Fernando ein eigener, sich in den Orinoco ergießender

Fluß, und der wahre Ursprung des letzteren in den Quellen des Guaviare zu

suchen sey. Die europäischen Geographen haben sicher unrecht, daß sie die

Anschauung der Indianer nicht theilen, welche die natürlichen Geographen

ihres Landes sind; aber bei Nomenclatur und Orthographie thut man nicht

selten gut, eine Unrichtigkeit, auf die man aufmerksam gemacht, dennoch

selbst beizubehalten.

Meine astronomischen Beobachtungen in der Nacht des 25. April gaben mir

die Breite nicht so bestimmt, als zu wünschen war. Der Himmel war bewölkt

und ich konnte nur ein paar Höhen von α im Centaur und dem schönen Stern

am Fuß des südlichen Kreuzes nehmen. Nach diesen Höhen schien mir die

Breite der Mission San Fernando gleich 4° 2′ 48″; Pater CAULIN gibt auf

der Karte, die SOLANOs Beobachtungen im Jahr 1756 zu Grunde legt,

4° 4′ an. Diese Uebereinstimmung spricht für die Richtigkeit meiner

Beobachtung, obgleich sich dieselbe nur auf Höhen ziemlich weit vom

Meridian gründet. Eine gute Sternbeobachtung in Guapasoso ergibt mir für

San Fernando 4° 2′. (GUMILLA setzte den Zusammenfluß des Atabapo und

Guaviare unter 0° 30′, D’ANVILLE unter 2° 51′). Die Länge konnte ich auf

der Fahrt zum Rio Negro und auf dem Rückweg von diesem Fluß sehr genau

bestimmen: sie ist 70° 30′ 46″ (oder 4° 0′ westlich vom Meridian von

Cumana). Der Gang des Chronometers war während der Fahrt im Canoe so

regelmäßig, daß er vom 16. April bis 9. Juli nur um 27,9 bis 28,5 Secunden

abwich. In San Fernando fand ich die sehr sorgfältig rectificirte

Inclination der Magnetnadel gleich 29° 70, die Intensität der Kraft 219.

Der Winkel und die Schwingungen waren also seit Maypures bei einem

Breitenunterschied von 1° 11′ beträchtlich kleiner und weniger geworden.

Das anstehende Gestein war nicht mehr eisenschüssiger Sandstein, sondern

Granit, in Gneiß übergehend.

Am 26. April. Wir legten nur zwei oder drei Meilen zurück und lagerten zur

Nacht auf einem Felsen in der Nähe der indianischen Pflanzungen oder

Conucos von Guapasoso. Da man das eigentliche Ufer nicht sieht, und der

Fluß, wenn er anschwillt, sich in die Wälder verläuft, kann man nur da

landen, wo ein Fels oder ein kleines Plateau sich über das Wasser erhebt.

Der Atabapo hat überall ein eigenthümliches Ansehen; das eigentliche Ufer,

das aus einer acht bis zehn Fuß hohen Bank besteht, sieht man nirgends; es

versteckt sich hinter einer Reihe von Palmen und kleinen Bäumen mit sehr

dünnen Stämmen, deren Wurzeln vom Wasser bespült werden. Vom Punkt, wo man

vom Orinoco abgeht, bis zur Mission San Fernando gibt es viele Krokodile,

und dieser Umstand beweist, wie oben bemerkt, daß dieses Flußstück zum

Guaviare, nicht zum Atabapo gehört. Im eigentlichen Bett des letzteren

oberhalb San Fernando gibt es keine Krokodile mehr; man trifft hie und da

einen *Bava* an und viele *Süßwasser-Delphine*, aber keine Seekühe. Man

sucht hier auch vergeblich den Chiguire, die Araguatos oder großen

Brüllaffen, den Zamuro oder _Vultur aura_ und den Fasanen mit der Haube,

den sogenannten _‘Guacharaca’_. Ungeheure Wassernattern, im Habitus der

*Boa* gleich, sind leider sehr häufig und werden den Indianern beim Baden

gefährlich. Gleich in den ersten Tagen sahen wir welche neben unserer

Pirogue herschwimmen, die 12--14 Fuß lang waren. Die Jaguars am Atabapo

und Temi sind groß und gut genährt, sie sollen aber lange nicht so keck

seyn als die am Orinoco.

Am 27. April. Die Nacht war schön, schwärzlichte Wolken liefen von Zeit zu

Zeit ungemein rasch durch das Zenith. In den untern Schichten der

Atmosphäre regte sich kein Lüftchen, der allgemeine Ostwind wehte erst in

tausend Toisen Höhe. Ich betone diesen Umstand: die Bewegung, die wir

bemerkten, war keine Folge von Gegenströmungen (von West nach Ost), wie

man sie zuweilen in der heißen Zone auf den höchsten Gebirgen der

Cordilleren wahrzunehmen glaubt, sie rührte vielmehr von einer

eigentlichen Brise, vom Ostwind her. Ich konnte die Meridianhöhe von α im

südlichen Kreuz gut beobachten; die einzelnen Resultate schwankten nur um

8--10 Secunden um das Mittel. Die Breite von Guapasoso ist 3° 53′ 55″. Das

schwarze Wasser des Flusses diente mir als Horizont, und diese

Beobachtungen machten mir desto mehr Vergnügen, als wir auf den Flüssen

mit weißem Wasser, auf dem Apure und Orinoco von den Insekten furchtbar

zerstochen worden waren, während Bonpland die Zeit am Chronometer

beobachtete und ich den Horizont richtete. Wir brachen um zwei Uhr von den

Conucos von Guapasoso aus. Wir fuhren immer nach Süden hinauf und sahen

den Fluß oder vielmehr den von Bäumen freien Theil seines Bettes immer

schmaler werden. Gegen Sonnenaufgang fing es an zu regnen. Wir waren an

diese Wälder, in denen es weniger Thiere gibt als am Orinoco, noch nicht

gewöhnt, und so wunderten wir uns beinahe, daß wir die Araguatos nicht

mehr brüllen hörten. Die Delphine oder Toninas spielten um unser Canoe.

Nach COLEBROOKE begleitet der _Delphinus gangetius_, der Süßwasser-Delphin

der alten Welt, gleichfalls die Fahrzeuge, die nach Benares hinaufgehen;

aber von Benares bis zum Punkt, wo Salzwasser in den Ganges kommt, sind es

nur 200 Meilen, von Atabapo aber an die Mündung des Orinoco über 320.

Gegen Mittag lag gegen Ost die Mündung des kleinen Flusses Ipurichapano,

und später kamen wir am Granithügel vorbei, der unter dem Namen *piedra

del Tigre* bekannt ist. Dieser einzeln stehende Fels ist nur 60 Fuß hoch

und doch im Lande weit berufen. Zwischen dem vierten und fünften Grad der

Breite, etwas südlich von den Bergen von Sipapo, erreicht man das südliche

Ende der *Kette der Katarakten*, für die ich in einer im Jahr 1800

veröffentlichten Abhandlung den Namen _‘Kette der Parime’_ in Vorschlag

gebracht habe. Unter 4° 20′ streicht sie vom rechten Orinocoufer gegen Ost

und Ost-Süd-Ost. Der ganze Landstrich zwischen den Bergen der Parime und

dem Amazonenstrom, über den der Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro ziehen,

ist eine ungeheure, zum Theil mit Wald, zum Theil mit Gras bewachsene

Ebene. Kleine Felsen erheben sich da und dort, wie feste Schlösser. Wir

bereuten es, unser Nachtlager nicht beim Tigerfelsen aufgeschlagen zu

haben; denn wir fanden den Atabapo hinauf nur sehr schwer ein trockenes,

freies Stück Land, groß genug, um unser Feuer anzünden und unsere

Instrumente und Hängematten unterbringen zu können.

Am 28. April. Der Regen goß seit Sonnenuntergang in Strömen; wir

fürchteten unsere Sammlungen möchten beschädigt werden. Der arme Missionär

bekam seinen Anfall von Tertianfieber und bewog uns, bald nach Mitternacht

weiter zu fahren. Wir kamen mit Tagesanbruch an die Piedra und den

Raudalito von Guarinuma. Der Fels, auf dem östlichen Ufer, ist eine kahle,

mit Psora, Cladonia und andern Flechten bedeckte Granitbank. Ich glaubte

mich in das nördliche Europa versetzt, auf den Kamm der Gneiß- und

Granitberge zwischen Freiberg und Marienberg in Sachsen. Die Cladonien

schienen mir identisch mit dem _Lichen rangiferinus_, dem _L. pyxidatus_

und _L. polymorphus_ Linnés. Als wir die Stromschnellen von Guarinuma

hinter uns hatten, zeigten uns die Indianer mitten im Wald zu unserer

Rechten die Trümmer der seit lange verlassenen Mission Mendaxari. Auf dem

andern, östlichen Ufer, beim kleinen Felsen Kemarumo, wurden wir auf einen

riesenhaften Käsebaum (_Bombax Ceiba_) aufmerksam, der mitten in den

Pflanzungen der Indianer stand. Wir stiegen aus, um ihn zu messen: er war

gegen 120 Fuß hoch und hatte 14--15 Fuß Durchmesser. Ein so

außerordentliches Wachsthum fiel uns um so mehr auf, da wir bisher am

Atabapo nur kleine Bäume mit dünnem Stamm, von weitem jungen Kirschbäumen

ähnlich, gesehen hatten. Nach den Aussagen der Indianer bilden diese

kleinen Bäume eine nur wenig verbreitete Gewächsgruppe. Sie werden durch

das Austreten des Flusses im Wachsthum gehemmt; auf den trockenen Strichen

am Atabapo, Temi und Tuamini wächst dagegen vortreffliches Bauholz. Diese

Wälder (und dieser Umstand ist wichtig, wenn man sich von den *Ebenen

unter dem Aequator am Rio Negro und Amazonenstrom* eine richtige

Vorstellung machen will), diese Wälder erstrecken sich nicht ohne

Unterbrechung ostwärts und westwärts bis zum Cassiquiare und Guaviare: es

liegen vielmehr die kahlen Savanen von Manuteso und am Rio Inirida

dazwischen. Am Abend kamen wir nur mit Mühe gegen die Strömung vorwärts,

und wir übernachteten in einem Gehölz etwas oberhalb Mendaxari. Hier ist

wieder ein Granitfels, durch den eine Quarzschicht läuft; wir fanden eine

Gruppe schöner schwarzer Schörlkrystalle darin.

Am 29. April. Die Luft war kühler; keine Zancudos, aber der Himmel

fortwährend bedeckt und sternlos. Ich fing an mich wieder auf den untern

Orinoco zu wünschen. Bei der starken Strömung kamen wir wieder nur langsam

vorwärts. Einen großen Theil des Tages hielten wir an, um Pflanzen zu

suchen, und es war Nacht, als wir in der Mission San Balthasar ankamen,

oder, wie die Mönche sagen (da Balthasar nur der Name eines indianischen

Häuptlings ist), in der Mission _‘la divina Pastora de Balthasar de

Atabapo’_. Wir wohnten bei einem catalonischen Missionär, einem muntern

liebenswürdigen Mann, der hier in der Wildniß ganz die seinem Volksstamm

eigenthümliche Thätigkeit entwickelte. Er hatte einen schönen Garten

angelegt, wo der europäische Feigenbaum der Persea, der Citronenbaum dem

Mamei zur Seite stand. Das Dorf war nach einem regelmäßigen Plan gebaut,

wie man es in Norddeutschland und im protestantischen Amerika bei den

Gemeinden der mährischen Brüder sieht. Die Pflanzungen der Indianer

schienen uns besser gehalten als anderswo. Hier sahen wir zum erstenmal

den weißen, schwammigten Stoff, den ich unter dem Namen _‘Dapicho’_ und

_‘Zapis’_ bekannt gemacht habe. Wir sahen gleich, daß derselbe mit dem

»elastischen Harz« Aehnlichkeit hat; da uns aber die Indianer durch

Zeichen bedeuteten, man finde denselben in der Erde, so vermutheten wir,

bis wir in die Mission Javita kamen, das *Dapicho* möchte ein *fossiles

Cautschuc* seyn, wenn auch abweichend vom *elastischen Bitumen* in

Derbyshire. In der Hütte des Missionärs saß ein Poimisano-Indianer an

einem Feuer und verwandelte das Dapicho in schwarzes Cautschuc. Er hatte

mehrere Stücke auf ein dünnes Holz gespießt und briet dieselben wie

Fleisch. Je weicher und elastischer das Dapicho wird, desto mehr schwärzt

es sich. Nach dem harzigen, aromatischen Geruch, der die Hütte erfüllte,

rührt dieses Schwarzwerden wahrscheinlich davon her, daß eine Verbindung

von Kohlenstoff und Wasserstoff zersetzt und der Kohlenstoff frei wird,

während der Wasserstoff bei gelinder Hitze verbrennt. Der Indianer klopfte

die erweichte schwarze Masse mit einem vorne keulenförmigen Stück

Brasilholz, knetete dann den Dapicho zu Kugeln von 3--4 Zoll Durchmesser

und ließ ihn erkalten. Diese Kugeln gleichen vollkommen dem Cautschuc, wie

es in den Handel kommt, sie bleiben jedoch außen meist etwas klebrig. Man

braucht sie in San Balthasar nicht zum indianischen Ballspiel, das bei den

Einwohnern von Uruana und Encaramada in so hohem Ansehen steht; man

schneidet sie cylindrisch zu, um sie als Stöpsel zu gebrauchen, die noch

weit besser sind als Korkstöpsel. Diese Anwendung des Cautschuc war uns

desto interessanter, da uns der Mangel europäischer Stöpsel oft in große

Verlegenheit gesetzt hatte. Wie ungemein nützlich der Kork ist, fühlt man

erst in Ländern, wohin er durch den Handel nicht kommt. In Südamerika

kommt nirgends, selbst nicht auf dem Rücken der Anden, eine Eichenart vor,

die dem _Quercus suber_ nahe stände, und weder das leichte Holz der

Bombax- und Ochroma-Arten und anderer Malvaceen, noch die Maisspindeln,

deren sich die Indianer bedienen, ersetzen unsere Stöpsel vollkommen. Der

Missionär zeigte uns vor der _‘Casa de los Solteros’_ (Haus, wo sich die

jungen, nicht verheiratheten Leute versammeln) eine Trommel, die aus einem

zwei Fuß langen und achtzehn Zoll dicken hohlen Cylinder bestand. Man

schlug dieselbe mit großen Stücken Dapicho, wie mit Trommelschlägeln; sie

hatte Löcher, die man mit der Hand schließen konnte, um höhere oder

tiefere Töne hervorzubringen, und hing an zwei leichten Stützen. Wilde

Völker lieben rauschende Musik. Die Trommel und die _Botutos_ oder

Trompeten aus gebrannter Erde, 3--4 Fuß lange Röhren, die sich an mehreren

Stellen zu Hohlkugeln erweitern, sind bei den Indianern unentbehrliche

Instrumente, wenn es sich davon handelt, mit Musik Effekt zu machen.

Am 30. April. Die Nacht war ziemlich schön, so daß ich die Meridianhöhen

des α im südlichen Kreuz und der zwei großen Sterne in den Füßen des

Centauren beobachten konnte. Ich fand für San Balthasar eine Breite von

3° 14′ 23″. Als Länge ergab sich aus Stundenwinkeln der Sonne nach dem

Chronometer 70° 14′ 21″. Die Inclination der Magnetnadel war 27′ 80. Wir

verließen die Mission Morgens ziemlich spät und fuhren den Atabapo noch

fünf Meilen hinauf; statt ihm aber weiter seiner Quelle zu gegen Osten, wo

er Atacavi heißt, zu folgen, liefen wir jetzt in den Rio Temi ein. Ehe wir

an die Mündung desselben kamen, beim Einfluß des Guasacavi, wurden wir auf

eine Granitkuppe am westlichen Ufer aufmerksam. Dieselbe heißt der *Fels

der Guahiba-Indianerin*, oder der Fels der Mutter, _Piedra de la madre_.

Wir fragten nach dem Grund einer so sonderbaren Benennung. Pater Zea

konnte unsere Neugier nicht befriedigen, aber einige Wochen später

erzählte uns ein anderer Missionär einen Vorfall, den ich in meinem

Tagebuch aufgezeichnet und der den schmerzlichsten Eindruck auf uns

machte. Wenn der Mensch in diesen Einöden kaum eine Spur seines Daseyns

hinter sich läßt, so ist es für den Europäer doppelt demüthigend, daß

durch den Namen eines Felsen, durch eines der unvergänglichen Denkmale der

Natur, das Andenken an die sittliche Verworfenheit unseres Geschlechts, an

den Gegensatz zwischen der Tugend des Wilden und der Barbarei des

civilisirten Menschen verewigt wird.

Der Missionär von San Fernando(57) war mit seinen Indianern an den

Guaviare gezogen, um einen jener feindlichen Einfälle zu machen, welche

sowohl die Religion als die spanischen Gesetze verbieten. Man fand in

einer Hütte eine Mutter vom Stamme der Guahibos mit drei Kindern, von

denen zwei noch nicht erwachsen waren. Sie bereiteten Maniocmehl. An

Widerstand war nicht zu denken; der Vater war auf dem Fischfang, und so

suchte die Mutter mit ihren Kindern sich durch die Flucht zu retten. Kaum

hatte sie die Savane erreicht, so wurde sie von den Indianern aus der

Mission eingeholt, die auf die *Menschenjagd* gehen, wie die Weißen und

die Neger in Afrika. Mutter und Kinder wurden gebunden und an den Fluß

geschleppt. Der Ordensmann saß in seinem Boot, des Ausgangs der Expedition

harrend, die für ihn sehr gefahrlos war. Hätte sich die Mutter zu stark

gewehrt, so wäre sie von den Indianern umgebracht worden; Alles ist

erlaubt, wenn man auf die _conquista espiritual_ auszieht, und man will

besonders der Kinder habhaft werden, die man dann in der Mission als

Poitos oder Sklaven der Christen behandelt. Man brachte die Gefangenen

nach San Fernando und meinte, die Mutter könnte zu Land sich nicht wieder

in ihre Heimath zurückfinden. Durch die Trennung von den Kindern, die am

Tage ihrer Entführung den Vater begleitet hatten, gerieth das Weib in die

höchste Verzweiflung. Sie beschloß, die Kinder, die in der Gewalt des

Missionärs waren, zur Familie zurückzubringen; sie lief mit ihnen mehrere

male von San Fernando fort, wurde aber immer wieder von den Indianern

gepackt, und nachdem der Missionär sie unbarmherzig hatte peitschen

lassen, faßte er den grausamen Entschluß, die Mutter von den beiden

Kindern, die mit ihr gefangen worden, zu trennen. Man führte sie allein

den Atabapo hinauf, den Missionen am Rio Negro zu. Leicht gebunden saß sie

auf dem Vordertheil des Fahrzeugs. Man hatte ihr nicht gesagt, welches

Loos ihrer wartete, aber nach der Richtung der Sonne sah sie wohl, daß sie

immer weiter von ihrer Hütte und ihrer Heimath wegkam. Es gelang ihr, sich

ihrer Bande zu entledigen, sie sprang in den Fluß und schwamm dem linken

Ufer des Atabapo zu. Die Strömung trug sie an eine Felsbank, die noch

heute ihren Namen trägt. Sie ging hier ans Land und lief ins Holz; aber

der Präsident der Missionen befahl den Indianern, ans Ufer zu fahren und

den Spuren der Guahiba zu folgen. Am Abend wurde sie zurückgebracht, auf

den Fels (_piedra de la madre_) gelegt und mit einem Seekuhriemen, die

hier zu Lande als Peitschen dienen und mit denen die Alcaden immer

versehen sind, unbarmherzig gepeitscht. Man band dem unglücklichen Weibe

mit starken Mavacureranken die Hände aus den Rücken und brachte sie in die

Mission Javita.

Man sperrte sie hier in eines der Caravanserais, die man _Cases del Rey_

nennt. Es war in der Regenzeit und die Nacht ganz finster. Wälder, die man

bis da für undurchdringlich gehalten, liegen, 25 Meilen in gerader Linie

breit, zwischen Javita und San Fernando. Man kennt keinen andern Weg als

die Flüsse. Niemals hat ein Mensch versucht zu Land von einem Dorf zum

andern zu gehen, und lägen sie auch nur ein paar Meilen aus einander. Aber

solche Schwierigkeiten halten eine Mutter, die man von ihren Kindern

getrennt, nicht auf. Ihre Kinder sind in San Fernando am Atabapo; sie muß

zu ihnen, sie muß sie aus den Händen der Christen befreien, sie muß sie

dem Vater am Guaviare wieder bringen. Die Guahiba ist im Caravanserai

nachläßig bewacht, und da ihre Arme ganz blutig waren, hatten ihr die

Indianer von Javita ohne Vorwissen des Missionärs und des Alcaden die

Bande gelockert. Es gelingt ihr, sie mit den Zähnen vollends loszumachen,

und sie verschwindet in der Nacht. Und als die Sonne zum vierten mal

aufgeht, sieht man sie in der Mission San Fernando um die Hütte

schleichen, wo ihre Kinder eingesperrt sind. »Was dieses Weib ausgeführt«,

sagte der Missionär, der uns diese traurige Geschichte erzählte, »der

kräftigste Indianer hätte sich nicht getraut es zu unternehmen.« Sie ging

durch die Wälder in einer Jahreszeit, wo der Himmel immer mit Wolken

bedeckt ist und die Sonne Tage lang nur auf wenige Minuten zum Vorschein

kommt. Hatte sie sich nach dem Lauf der Wasser gerichtet? Aber da Alles

überschwemmt war, mußte sie sich weit von den Flußufern, mitten in den

Wäldern halten, wo man das Wasser fast gar nicht laufen sieht. Wie oft

mochte sie von den stachligten Lianen aufgehalten worden sehn, welche um

die von ihnen umschlungenen Stämme ein Gitterwerk bilden! Wie oft mußte

sie über die Bäche schwimmen, die sich in den Atabapo ergießen! Man fragte

das unglückliche Weib, von was sie sich vier Tage lang genährt; sie sagte,

völlig erschöpft habe sie sich keine andere Nahrung verschaffen können als

die großen schwarzen Ameisen, _Vachacos_ genannt, die in langen Zügen an

den Bäumen hinaufkriechen, um ihre harzigten Nester daran zu hängen. Wir

wollten durchaus vom Missionär wissen, ob jetzt die Guahiba in Ruhe des

Glückes habe genießen können, um ihre Kinder zu seyn, ob man doch endlich

bereut habe, daß man sich so maßlos vergangen? Er fand nicht für gut,

unsere Neugierde zu befriedigen; aber auf der Rückreise vom Rio Negro

hörten wir, man habe der Indianerin nicht Zeit gelassen, von ihren Wunden

zu genesen, sondern sie wieder von ihren Kindern getrennt und in eine

Mission am obern Orinoco gebracht. Dort wies sie alle Nahrung von sich und

starb, wie die Indianer in großem Jammer thun.

Dieß ist die Geschichte, deren Andenken an diesem unseligen Gestein, an

der _Piedra de la madre_ haftet. Es ist mit in dieser meiner

Reisebeschreibung nicht darum zu thun, bei der Schilderung einzelner

Unglücksscenen zu verweilen. Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo es

Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen Völkern

leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende, wehrlose

Menschen herrschen. Als Geschichtschreiber der Länder, die ich bereist,

beschränke ich mich meist darauf, anzudeuten, was in den bürgerlichen und

religiösen Einrichtungen mangelhaft oder der Menschheit verderblich

erscheint. Wenn ich beim *Fels der Guahiba* länger verweilt habe, geschah

es nur, um ein rührendes Beispiel von Mutterliebe bei einer Menschenart

beizubringen, die man so lange verläumdet hat, und weil es mir nicht ohne

Nutzen schien, einen Vorfall zu veröffentlichen, den ich aus dem Munde von

Franciskanern habe, und der beweist, wie nothwendig es ist, daß das Auge

des Gesetzgebers über dem Regiment der Missionäre wacht.

Oberhalb dem Einfluß des Guasacavi liefen wir in den Rio Temi ein, der von

Süd nach Nord läuft. Wären wir den Atabapo weiter hinaufgefahren, so wären

wir gegen Ost-Süd-Ost vom Guainia oder Rio Negro abgekommen. Der Temi ist

nur 80--90 Toisen breit, und in jedem andern Lande als Guyana wäre dieß

noch immer ein bedeutender Fluß. Das Land ist äußerst einförmig, nichts

als Wald auf völlig ebenem Boden. Die schöne Pirijaopalme mit Früchten wie

Pfirsiche, und eine neue Art *Bache* oder Mauritia mit stachlichtem Stamm

ragen hoch über den kleineren Bäumen, deren Wachsthum, wie es scheint,

durch das lange Stehen unter Wasser niedergehalten wird. Diese _Mauritia

aculeata_ heißt bei den Indianern _Juria_ oder _Cauvaja_. Sie hat

fächerförmige, gegen den Boden gesenkte Blätter; auf jedem Blatte sieht

man gegen die Mitte, wahrscheinlich in Folge einer Krankheit des

Parenchyms, concentrische, abwechselnd gelbe und blaue Kreise; gegen die

Mitte herrscht das Gelb vor. Diese Erscheinung fiel uns sehr auf. Diese

wie ein Pfauenschweif gefärbten Blätter sitzen auf kurzen, sehr dicken

Stämmen. Die Stacheln sind nicht lang und dünn, wie beim Corozo und andern

stachligten Palmen; sie sind im Gegentheil stark holzigt, kurz, gegen die

Basis breiter, wie die Stacheln der _Hura crepitans_. An den Ufern des

Atabapo und Temi steht diese Palme in Gruppen von zwölf bis fünfzehn

Stämmen, die sich so nah an einander drängen, als kämen sie aus Einer

Wurzel. Im Habitus, in der Form und der geringen Zahl der Blätter gleichen

diese Bäume den Fächerpalmen und Chamärops der alten Welt. Wir bemerkten,

daß einige Juriastämme gar keine Früchte trugen, während andere davon ganz

voll hingen; dieß scheint auf eine Palme mit getrennten Geschlechtern zu

deuten.

Ueberall wo der Temi Schlingen bildet, steht der Wald über eine halbe

Quadratmeile weit unter Wasser. Um die Krümmungen zu vermeiden und

schneller vorwärts zu kommen, wird die Schifffahrt hier ganz seltsam

betrieben. Die Indianer bogen aus dem Flußbett ab, und wir fuhren südwärts

durch den Wald auf sogenannten _‘Sendas’_, das heißt vier bis fünf Fuß

breiten, offenen Canälen. Das Wasser ist selten über einen halben Faden

tief. Diese *Sendas* bilden sich im überschwemmten Wald, wie auf trockenem

Boden die Fußsteige. Die Indianer schlagen von einer Mission zur andern

mit ihren Canoes wo möglich immer denselben Weg ein; da aber der Verkehr

gering ist, so stößt man bei der üppigen Vegetation zuweilen unerwartet

auf Hindernisse. Deßhalb stand ein Indianer mit einem Machette (ein großes

Messer mit vierzehn Zoll langer Klinge) vorne auf unserem Fahrzeug und

hieb fortwährend die Zweige ab, die sich von beiden Seiten des Canals

kreuzten. Im dicksten Walde vernahmen wir mit Ueberraschung einen

sonderbaren Lärm. Wir schlugen an die Büsche, und da kam ein Schwarm vier

Fuß langer *Toninas* (Süßwasserdelphine) zum Vorschein und umgab unser

Fahrzeug. Die Thiere waren unter den Aesten eines Käsebaums oder _Bombax

Ceiba_ versteckt gewesen. Sie machten sich durch den Wald davon und warfen

dabei die Strahlen Wasser und comprimirter Luft, nach denen sie in allen

Sprachen Blasefische oder Spritzfische, _souffleurs_ u. s. w. heißen. Ein

sonderbarer Anblick mitten im Lande, drei- und vierhundert Meilen von den

Mündungen des Orinoco und des Amazonenstroms! Ich weiß wohl, daß Fische

von der Familie Pleuronectes [_Limanda_] aus dem atlantischen Meer in der

Loire bis Orleans heraufgehen; aber ich bin immer noch der Ansicht, daß

die Delphine im Temi, wie die im Ganges und wie die Rochen im Orinoco, von

den Seerochen und Seedelphinen ganz verschiedene Arten sind. In den

ungeheuren Strömen Südamerikas und in den großen Seen Nordamerikas scheint

die Natur mehrere Typen von Seethieren zu wiederholen. Der Nil hat keine

Delphine;(58) sie gehen aus dem Meer im Delta nicht über Biana und

Metonbis, Selamoun zu, hinauf.

Gegen fünf Uhr Abends gingen wir nicht ohne Mühe in das eigentliche

Flußbett zurück. Unsere Pirogue blieb ein paar Minuten lang zwischen zwei

Baumstämmen stecken. Kaum war sie wieder losgemacht, kamen wir an eine

Stelle, wo mehrere Wasserpfade oder kleine Canäle sich kreuzten, und der

Steuermann wußte nicht gleich, welches der befahrenste Weg war. Wir haben

oben gesehen, daß man in der Provinz Varinas im Canoe über die offenen

Savanen von San Fernando am Apure bis an den Arauca fährt; hier fuhren wir

durch einen Wald, der so dicht ist, daß man sich weder nach der Sonne noch

nach den Sternen orientiren kann. Heute fiel es uns wieder recht auf, daß

es in diesem Landstrich keine baumartigen Farn mehr gibt. Sie nehmen vom

sechsten Grad nördlicher Breite an sichtbar ab, wogegen die Palmen dem

Aequator zu ungeheuer zunehmen. Die eigentliche Heimath der baumartigen

Farn ist ein nicht so heißes Klima, ein etwas bergigter Boden, Plateaus

von 300 Toisen Höhe. Nur wo Berge sind, gehen diese prachtvollen Gewächse

gegen die Niederungen herab; ganz ebenes Land, wie das, über welches der

Cassiquiare, der Temi, der Inirida und der Rio Negro ziehen, scheinen sie

zu meiden. Wir übernachteten an einem Felsen, den die Missionäre Piedra de

Astor nennen. Von der Mündung des Guaviare an ist der geologische

Charakter des Bodens derselbe. Es ist eine weite aus Granit bestehende

Ebene, auf der jede Meile einmal das Gestein zu Tage kommt und keine

Hügel, sondern kleine senkrechte Massen bildet, die Pfeilern oder

zerfallenen Gebäuden gleichen.

Am ersten Mai. Die Indianer wollten lange vor Sonnenaufgang aufbrechen.

Wir waren vor ihnen auf den Beinen, weil ich vergeblich auf einen Stern

wartete, der im Begriff war durch den Meridian zu gehen. Auf diesem

nassen, dicht bewaldeten Landstrich wurden die Nächte immer finsterer, je

näher wir dem Rio Negro und dem innern Brasilien kamen. Wir blieben im

Flußbett, bis der Tag anbrach; man hätte besorgen müssen, sich unter den

Bäumen zu verirren. Sobald die Sonne aufgegangen war, ging es wieder, um

der starken Strömung auszuweichen, durch den überschwemmten Wald. So kamen

wir an den Zusammenfluß des Temi mit einem andern kleinen Fluß, dem

Tuamini, dessen Wasser gleichfalls schwarz ist, und gingen den letzteren

gegen Südwest hinauf. Damit kamen wir auf die Mission Javita zu, die am

Tuamini liegt. In dieser christlichen Niederlassung sollten wir die

erforderlichen Mittel finden, um unsere Pirogue zu Land an den Rio Negro

schaffen zu lassen. Wir kamen in *San Antonio de Javita* erst um elf Uhr

Vormittags an. Ein an sich unbedeutender Vorfall, der aber zeigt, wie

ungemein furchtsam die kleinen Sagoins sind, hatte uns an der Mündung des

Tuamini eine Zeitlang aufgehalten. Der Lärm, den die Spritzfische machen,

hatte unsere Affen erschreckt, und einer war ins Wasser gefallen. Da diese

Affenart, vielleicht weil sie ungemein mager ist, sehr schlecht schwimmt,

so kostete es Mühe, ihn zu retten.

Zu unserer Freude trafen wir in Javita einen sehr geisteslebendigen,

vernünftigen und gefälligen Mönch. Wir mußten uns vier bis fünf Tage in

seinem Hause aufhalten, da so lange zum Transport unseres Fahrzeugs über

den *Trageplatz* am Pimichin erforderlich war; wir benützten diese Zeit

nicht allein, um uns in der Gegend umzusehen, sondern auch um uns von

einem Uebel zu befreien, an dem wir seit zwei Tagen litten. Wir hatten

sehr starkes Jucken in den Fingergelenken und auf dem Handrücken. Der

Missionär sagte uns, das seyen _aradores_ (Ackerer), die sich in die Haut

gegraben. Mit der Loupe sahen wir nur Streifen, parallele weißlichte

Furchen. Wegen der Form dieser Furchen heißt das Insekt der *Ackerer*. Man

ließ eine Mulattin kommen, die sich rühmte, all die kleinen Thiere, welche

sich in die Haut des Menschen graben, die *Nigua*, den *Nuche*, die *Coya*

und den *Ackerer*, aus dem Fundament zu kennen; es war die _‘Curandera’_,

der Dorfarzt. Sie versprach uns die Insekten, die uns so schreckliches

Jucken verursachten, eines um das andere herauszuholen. Sie erhitzte an

der Lampe die Spitze eines kleinen Splitters sehr harten Holzes und bohrte

damit in den Furchen, die auf der Haut sichtbar waren. Nach langem Suchen

verkündete sie mit dem pedantischen Ernst, der den Farbigen eigen ist, da

sey bereits ein Arador. Ich sah einen kleinen runden Sack, der mir das Ei

einer Milbe schien. Wenn die Mulattin einmal drei, vier solche Aradores

heraus hätte, sollte ich mich erleichtert fühlen. Da ich an beiden Händen

die Haut voll Acariden hatte, ging mir die Geduld über der Operation aus,

die bereits bis tief in die Nacht gedauert hatte. Am andern Tag heilte uns

ein Indianer aus Javita radical und überraschend schnell. Er brachte uns

einen Zweig von einem Strauch, genannt *Uzao*, mit kleinen, denen der

Cassia ähnlichen, stark lederartigen, glänzenden Blättern. Er machte von

der Rinde einen kalten Aufguß, der bläulich aussah und wie Süßholz

(_Glycyrrhiza_) schmeckte und geschlagen starken Schaum gab. Auf einfaches

Waschen mit dem Uzaowasser hörte das Jucken von den Aradores auf. Wir

konnten vom Uzao weder Blüthe noch Frucht auftreiben. Der Strauch scheint

der Familie der Schotengewächse anzugehören, deren chemische Eigenschaften

so auffallend ungleichartig sind. Der Schmerz, den wir auszustehen gehabt,

hatte uns so ängstlich gemacht, daß wir bis San Carlos immer ein paar

Uzaozweige im Canoe mitführten; der Strauch wächst am Pimichin in Menge.

Warum hat man kein Mittel gegen das Jucken entdeckt, das von den Stichen

der Zancudos herrührt, wie man eines gegen das Jucken hat, das die

_Aradores_ oder mikroskopischen Acariden verursachen?

Im Jahr 1755, vor der Grenzexpedition, gewöhnlich Solanos Expedition

genannt, wurde dieser Landstrich zwischen den Missionen Javita und San

Balthasar als zu Brasilien gehörig betrachtet. Die Portugiesen waren vom

Rio Negro über den Trageplatz beim Caño Pimichin bis an den Temi

vorgedrungen. Ein indianischer Häuptling, Javita, berühmt wegen seines

Muthes und seines Unternehmungsgeistes, war mit den Portugiesen verbündet.

Seine Streifzüge gingen vom Rio Jupura oder Caqueta, einem der großen

Nebenflüsse des Amazonenstromes über den Rio Uaupe und Xie, bis zu den

schwarzen Gewässern des Temi und Tuamini, über hundert Meilen weit. Er war

mit einem Patent versehen, das ihn ermächtigte, »Indianer aus dem Wald zu

holen, zur Eroberung der Seelen.« Er machte von dieser Befugniß

reichlichen Gebrauch; aber er bezweckte mit seinen Einfällen etwas, das

nicht so ganz geistlich war, Sklaven (_poitos_) zu machen und sie an die

Portugiesen zu verkaufen. Als Solano, der zweite Befehlshaber bei der

Grenzexpedition, nach San Fernando de Atabapo kam, ließ er Capitän Javita

aus einem seiner Streifzüge am Temi festnehmen. Er behandelte ihn

freundlich und es gelang ihm, ihn durch Versprechungen, die nicht gehalten

wurden, für die spanische Regierung zu gewinnen. Die Portugiesen, die

bereits einige feste Niederlassungen im Lande gegründet hatten, wurden bis

an den untern Rio Negro zurückgedrängt, und die Mission San Antonio, die

gewöhnlich nach ihrem indianischen Gründer Javita heißt, weiter nördlich

von den Quellen des Tuamini, dahin verlegt, wo sie jetzt liegt. Der alte

Capitän Javita lebte noch, als wir an den Rio Negro gingen. Er ist ein

Indianer von bedeutender Geistes- und Körperkraft. Er spricht geläufig

spanisch und hat einen gewissen Einfluß auf die benachbarten Völker

behalten. Er begleitete uns immer beim Botanisiren und ertheilte uns

mancherlei Auskunft, die wir desto mehr schätzten, da die Missionäre ihn

für sehr zuverlässig halten. Er versichert, er habe in seiner Jugend fast

alle Indianerstämme, welche auf dem großen Landstrich zwischen dem obern

Orinoco, dem Rio Negro, dem Irinida und Jupura wohnen, Menschenfleisch

essen sehen. Er hält die Daricavanas, Puchirinavis und Manitibitanos für

die stärksten Anthropophagen. Er hält diesen abscheulichen Brauch bei

ihnen nur für ein Stück systematischer Rachsucht: sie essen nur Feinde,

die im Gefecht in ihre Hände gefallen. Die Beispiele, wo der Indianer in

der Grausamkeit so weit geht, daß er seine Nächsten, sein Weib, eine

ungetreue Geliebte verzehrt, sind, wie wir weiter unten sehen werden, sehr

selten. Auch weiß man am Orinoco nichts von der seltsamen Sitte der

scythischen und massagetischen Völker, der Capanaguas am Rio Ucayale und

der alten Bewohner der Antillen, welche dem Todten zu Ehren die Leiche zum

Theil aßen. Auf beiden Continenten kommt dieser Brauch nur bei Völkern

vor, welche das Fleisch eines Gefangenen verabscheuen. Der Indianer auf

Haiti (St. Domingo) hätte geglaubt dem Andenken eines Angehörigen die

Achtung zu versagen, wenn er nicht ein wenig von der gleich einer

Guanchenmumie getrockneten und gepulverten Leiche in sein Getränk geworfen

hätte. Da kann man wohl mit einem orientalischen Dichter sagen, »am

seltsamsten in seinen Sitten, am ausschweifendsten in seinen Trieben sey

von allen Thieren der Mensch.«

Das Klima in San Antonio de Javita ist ungemein regnerisch. Sobald man

über den dritten Breitegrad hinunter dem Aequator zu kommt, findet man

selten Gelegenheit Sonne und Gestirne zu beobachten. Es regnet fast das

ganze Jahr und der Himmel ist beständig bedeckt. Da in diesem

unermeßlichen Urwald von Guyana der Ostwind nicht zu spüren ist und die

Polarströme nicht hieher reichen, so wird die Luftsäule, die auf dieser

Waldregion liegt, nicht durch trockenere Schichten ersetzt. Der

Wasserdunst, mit dem sie gesättigt ist, verdichtet sich zu äquatorialen

Regengüssen. Der Missionär versicherte uns, er habe hier oft vier, fünf

Monate ohne Unterbrechung regnen sehen. Ich maß den Regen, der am ersten

Mai innerhalb fünf Stunden fiel: er stand 21 Linien hoch, und am dritten

Mai bekam ich sogar 14 Linien in drei Stunden Und zwar, was wohl zu

beachten, wurden diese Beobachtungen nicht bei starkem, sondern bei ganz

gewöhnlichem Regen angestellt. Bekanntlich fallen in Paris in ganzen

Monaten, selbst in den nassesten, März, Juli und September, nur 28 bis 30

Linien Wasser. Allerdings kommen auch bei uns Regengüsse vor, bei denen in

der Stunde über einen Zoll Wasser fällt, man darf aber nur den mittleren

Zustand der Atmosphäre in der gemäßigten und in der heißen Zone

vergleichen. Aus den Beobachtungen, die ich hinter einander im Hafen von

Guayaquil an der Südsee und in der Stadt Quito in 1492 Toisen Meereshöhe

angestellt, scheint hervorzugehen, daß gewöhnlich auf dem Rücken der Anden

in der Stunde zwei- bis dreimal weniger Wasser fällt als im Niveau des

Meeres. Es regnet im Gebirge öfter, dabei fällt aber in einer gegebenen

Zeit weniger Wasser. Am Rio Negro in Maroa und San Carlos ist der Himmel

bedeutend heiterer als in Javita und am Temi. Dieser Unterschied rührt

nach meiner Ansicht daher, daß dort die Savanen am untern Rio Negro in der

Nähe liegen, über die der Ostwind frei wehen kann, und die durch ihre

Strahlung einen stärkeren aufsteigenden Luftstrom verursachen als

bewaldetes Land.

Es ist in Javita kühler als in Maypures, aber bedeutend heißer als am Rio

Negro. Der hunderttheilige Thermometer stand bei Tag auf 26--27°, bei

Nacht auf 21°; nördlich von den Katarakten, besonders nördlich von der

Mündung des Meta, war die Temperatur bei Tag meist 28--30°, bei Nacht

25--26°. Diese Abnahme der Wärme am Atabapo, Tuamini und Rio Negro rührt

ohne Zweifel davon her, daß bei dem beständig bedeckten Himmel die Sonne

so wenig scheint und die Verdunstung aus dem nassen Boden so stark ist.

Ich spreche nicht vom erkältenden Einfluß der Wälder, wo die zahllosen

Blätter eben so viele dünne Flächen sind, die sich durch Strahlung gegen

den Himmel abkühlen. Bei dem mit Wolken umzogenen Himmel kann dieses

Moment nicht viel ausmachen. Auch scheint die Meereshöhe von Javita etwas

dazu beizutragen, daß die Temperatur niedriger ist. Maypures liegt

wahrscheinlich 60--70, San Fernando de Atabapo 122, Javita 166 Toisen über

dem Meer. Da die kleine atmosphärische Ebbe und Fluth an der Küste (in

Cumana) von einem Tag zum andern um 0,8 bis 2 Linien variirt, und ich das

Unglück hatte, das Instrument zu zerbrechen, ehe ich wieder an die See

kam, so sind diese Resultate nicht ganz zuverlässig. Als ich in Javita die

stündlichen Variationen des Luftdrucks beobachtete, bemerkte ich, daß eine

kleine Luftblase die Quecksilbersäule zum Theil sperrte(59) und durch ihre

thermometrische Ausdehnung auf das Steigen und Fallen Einfluß äußerte. Auf

den elenden Fahrzeugen, in die wir eingezwängt waren, ließ sich der

Barometer fast unmöglich senkrecht oder doch stark aufwärts geneigt

halten. Ich benützte unsern Aufenthalt in Javita, um das Instrument

auszubessern und zu berichtigen. Nachdem ich das Niveau gehörig

rertificirt, stand der Thermometer bei 23°,4 Temperatur Morgens 11 1/2 Uhr

325,4 Linien hoch. Ich lege einiges Gewicht auf diese Beobachtung, da es

für die Kenntniß der Bodenbildung eines Continents von größerem Belang

ist, die Meereshöhe der Ebenen zwei- bis dreihundert Meilen von der Küste

zu bestimmen, als die Gipfel der Cordilleren zu messen. Barometrische

Beobachtungen in Sego am Niger, in Bornou oder auf den Hochebenen von

Khoten und Hami wären für die Geologie wichtiger als die Bestimmung der

Höhe der Gebirge in Abyssinien und im Musart. Die stündlichen Variationen

des Barometers treten in Javita zu denselben Stunden ein wie an den Küsten

und im Hof Antisana, wo mein Instrument in 2104 Toisen Meereshöhe hing.

Sie betrugen von 9 Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends 1,6 Linien, am vierten Mai

sogar fast 2 Linien. Der Deluc’sche auf den Saussure’schen reducirte

Hygrometer stand fortwährend im Schatten zwischen 84 und 92°, wobei nur

die Beobachtungen gerechnet sind, die gemacht wurden, so lange es nicht

regnete. Die Feuchtigkeit hatte somit seit den großen Katarakten bedeutend

zugenommen: sie war mitten in einem stark beschatteten, von

Aequatorialregen überflutheten Lande fast so groß wie auf der See.

Vom 29. April bis 4. Mai konnte ich keines Sterns im Meridian ansichtig

werden, um die Länge zu bestimmen. Ich blieb ganze Nächte wach, um die

Methode der doppelten Höhen anzuwenden; all mein Bemühen war vergeblich.

Die Nebel im nördlichen Europa sind nicht anhaltender, als hier in Guyana

in der Nähe des Aequators. Am 4. Mai kam die Sonne auf einige Minuten zum

Vorschein. Ich fand mit dem Chronometer und mittelst Stundenwinkeln die

Länge von Javita gleich 70° 22′ oder 1° 1′ 5″ weiter nach West als die

Länge der Einmündung des Apure in den Orinoco. Dieses Ergebniß ist von

Bedeutung, weil wir damit aus unsern Karten die Lage des gänzlich

unbekannten Landes zwischen dem Xie und den Quellen des Issana angeben

können, die auf demselben Meridian wie die Mission Javita liegen. Die

Inclination der Magnetnadel war in der Mission 26°,40; sie hatte demnach

seit dem großen nördlichen Katarakt, bei einem Breitenunterschied von

3° 50′, um 5° 85 abgenommen. Die Abnahme der Intensität der magnetischen

Kraft war ebenso bedeutend. Die Kraft entsprach in Atures 223, in Javita

nur 218 Schwingungen in 10 Zeitminuten.

Die Indianer in Javita, 160 an der Zahl, sind gegenwärtig größtentheils

Poimisanos, Echinavis und Paraginis, und treiben Schiffbau. Man nimmt dazu

Stämme einer großen Lorbeerart, von den Missionären _‘Sassafras’_(60)

genannt, die man mit Feuer und Axt zugleich aushöhlt. Diese Bäume sind

über hundert Fuß hoch; das Holz ist gelb, harzigt, verdirbt fast nie im

Wasser und hat einen sehr angenehmen Geruch. Wir sahen es in San Fernando,

in Javita, besonders aber in Esmeralda, wo die meisten Piroguen für den

Orinoco gebaut werden, weil die benachbarten Wälder die dicksten

Sassafrasstämme liefern. Man bezahlt den Indianern für die halbe Toise

oder *Vara* vom Boden der Pirogue, das heißt für den untern,

hauptsächlichen Theil (der aus einem ausgehöhlten Stamm besteht), einen

harten Piaster, so daß ein 16 Varas langes Canoe, Holz und Arbeitslohn des

Zimmerers, nur 16 Piaster kostet; aber mit den Nägeln und den

Seitenwänden, durch die man das Fahrzeug geräumiger macht, kommt es

doppelt so hoch. Auf dem obern Orinoco sah ich 40 Piaster oder 200 Franken

für eine 48 Fuß lange Pirogue bezahlen.

Im Walde zwischen Javita und dem Caño Pimichin wächst eine erstaunliche

Menge riesenhafter Baumarten, Ocoteen und ächte Lorbeeren (die dritte

Gruppe der Laurineen, die Persea, ist wild nur in mehr als 1000 Toisen

Meereshöhe gefunden worden), die _Amasonia arborea_, das _Retiniphyllum

secundiflorum_ der Curvana, der Jacio, der Jacifate, dessen Holz roth ist

wie Brasilholz, der Guamufate mit schönen, 7--8 Zoll langen, denen des

Calophyllum ähnlichen Blättern, die _Amyris Caranna_ und der Mani. Alle

diese Bäume (mit Ausnahme unserer neuen Gattung _Retiniphyllum_) waren

hundert bis hundert zehn Fuß hoch. Da die Aeste erst in der Nähe des

Wipfels vom Stamme abgehen, so kostete es Mühe, sich Blätter und Blüthen

zu verschaffen. Letztere lagen häufig unter den Bäumen am Boden; da aber

in diesen Wäldern Arten verschiedener Familien durch einander wachsen und

jeder Baum mit Schlingpflanzen bedeckt ist, so schien es bedenklich, sich

allein auf die Aussage der Indianer zu verlassen, wenn diese uns

versicherten, die Blüthen gehören diesem oder jenem Baum an. In der Fülle

der Naturschätze machte uns das Botanisiren mehr Verdruß als Vergnügen.

Was wir uns aneignen konnten, schien uns von wenig Belang gegen das, was

wir nicht zu erreichen vermochten. Es regnete seit mehreren Monaten

unaufhörlich und Bonpland gingen die Exemplare, die er mit künstlicher

Wärme zu trocknen suchte, größtentheils zu Grunde. Unsere Indianer kauten

erst, wie sie gewöhnlich thun, das Holz, und nannten dann den Baum. Die

Blätter wußten sie besser zu unterscheiden als Blüthen und Früchte. Da sie

nur Bauholz (Stämme zu Piroguen) suchen, kümmern sie sich wenig um den

Blüthenstand. »Alle diese großen Bäume tragen weder Blüthen noch Früchte,«

so lautete fortwährend ihr Bescheid. Gleich den Kräuterkennern im

Alterthum ziehen sie in Abrede, was sie nicht der Mühe werth gesunden zu

untersuchen. Wenn unsere Fragen sie langweilten, so machten sie ihrerseits

uns ärgerlich.

Wir haben schon oben die Bemerkung gemacht, daß zuweilen dieselben

chemischen Eigenschaften denselben Organen in verschiedenen

Pflanzenfamilien zukommen, so daß diese Familien in verschiedenen Klimaten

einander ersetzen. Die Einwohner des tropischen Amerika und Afrika

gewinnen von mehreren Palmenarten das Oel, das uns der Olivenbaum gibt.

Was die Nadelhölzer für die gemäßigte Zone, das sind die Terebenthaceen

und Guttiferen für die heiße. In diesen Wäldern des heißen Erdstrichs, wo

es keine Fichte, keine Tuya, kein Taxodium, nicht einmal einen Podocarpus

gibt, kommen Harze, Balsame, aromatisches Gummi von den Maronobea-,

Icica-, Amyrisarten. Das Einsammeln dieser Gummi und Harze ist ein

Erwerbszweig für das Dorf Javita. Das berühmteste Harz heißt *Mani*; wir

sahen mehrere Centner schwere Klumpen desselben, die Colophonium oder

Mastix glichen. Der Baum, den die Paraginis-Indianer *Mani* nennen, und

den Bonpland für die _Moronobea coccinea_ hält, liefert nur einen sehr

kleinen Theil der Masse, die in den Handel von Angostura kommt. Das meiste

kommt vom *Mararo* oder *Caragna*, der eine Amyris ist. Es ist ziemlich

auffallend, daß der Name *Mani*, den AUBLET aus dem Munde der

Galibis-Indianer in Cayenne gehört hat, uns in Javita, 300 Meilen von

französisch Guyana, wieder begegnete. Die Moronobea oder Symphonia bei

Javita gibt ein gelbes Harz, der *Caragna* ein stark riechendes,

schneeweißes Harz, das gelb wird, wo es innen an alter Rinde sitzt.

Wir gingen jeden Tag in den Wald, um zu sehen, ob es mit dem Transport

unseres Fahrzeugs zu Land vorwärts ging. Drei und zwanzig Indianer waren

angestellt, dasselbe zu schleppen, wobei sie nach einander Baumäste als

Walzen unterlegten. Ein kleines Canoe gelangt in einem oder anderthalb

Tagen aus dem Tuamini in den Caño Pimichin, der in den Rio Negro fällt;

aber unsere Pirogue war sehr groß, und da sie noch einmal durch die

Katarakten mußte, bedurfte es besonderer Vorsichtsmaßregeln, um die

Reibung am Boden zu vermindern. Der Transport währte auch über vier Tage.

Erst seit dem Jahr 1795 ist ein Weg durch den Wald angelegt. Die Indianer

in Javita haben denselben zur Hälfte vollendet, die andere Hälfte haben

die Indianer in Maroa, Davipe und San Carlos herzustellen. Pater Eugenio

Cereso maß den Weg mit einem hundert Varas [Eine Vara ist gleich

0,83 Meter] langen Strick und fand denselben 17,180 Varas lang. Legte man

statt des »Trageplatzes« einen Canal an, wie ich dem Ministerium König

Karls IV. vorgeschlagen, so würde die Verbindung zwischen dem Rio Negro

und Angostura, zwischen dem spanischen Orinoco und den portugiesischen

Besitzungen am Amazonenstrom ungemein erleichtert. Die Fahrzeuge gingen

dann von San Carlos nicht mehr über den Cassiquiare, der eine Menge

Krümmungen hat und wegen der starken Strömung gerne gemieden wird; sie

gingen nicht mehr den Orinoco von seiner Gabeltheilung bis San Fernando de

Atabapo hinunter. Die Bergfahrt wäre über den Rio Negro und den Caño

Pimichin um die Hälfte kürzer. Vom neuen Canal bei Javita an ginge es über

den Tuamini, Temi, Atabapo und Orinoco abwärts bis Angostura. Ich glaube,

man könnte auf diese Weise von der brasilianischen Grenze in die

Hauptstadt von Guyana leicht in 24--26 Tagen gelangen; man brauchte unter

gewöhnlichen Umständen 10 Tage weniger und der Weg wäre für die Ruderer

(Bogas) weniger beschwerlich, weil man nur halb so lang gegen die Strömung

anfahren muß, als auf dem Cassiquiare. Fährt man aber den Orinoco herauf,

geht man von Angostura an den Rio Negro, so beträgt der Unterschied in der

Zeit kaum ein paar Tage; denn über den Pimichin muß man dann die kleinen

Flüsse hinauf, während man auf dem alten Wege den Cassiquiare hinunter

fährt. Wie lange die Fahrt von der Mündung des Orinoco nach San Carlos

dauert, hängt begreiflich von mehreren wechselnden Umständen ab, ob die

Brise zwischen Angostura und Carichana stärker oder schwächer weht, wie in

den Katarakten von Atures und Maypures und in den Flüssen überhaupt der

Wasserstand ist. Im November und December ist die Brise ziemlich kräftig

und die Strömung des Orinoco nicht stark, aber die kleinen Flüsse haben

dann so wenig Wasser, daß man jeden Augenblick Gefahr läuft aufzufahren.

Die Missionäre reisen am liebsten im April, zur Zeit der

Schildkröteneierernte, durch die an ein paar Uferstriche des Orinoco

einiges Leben kommt. Man fürchtet dann auch die Moskitos weniger, der

Strom ist halb voll, die Brise kommt einem noch zu gute und man kommt

leicht durch die großen Katarakten.

Aus den Barometerhöhen, die ich in Javita und beim Landungsplatz am

Pimichin beobachtet, geht hervor, daß der Canal im Durchschnitt von Nord

nach Süd einen Fall von 30--40 Toisen hätte. Daher laufen auch die vielen

Bäche, über die man die Piroguen schleppen muß, alle dem Pimichin zu. Wir

bemerkten mit Ueberraschung, daß unter diesen Bächen mit schwarzem Wasser

sich einige befanden, deren Wasser bei reflektirtem Licht so weiß war als

das Orinocowasser. Woher mag dieser Unterschied rühren? Alle diese Quellen

entspringen auf denselben Savanen, aus denselben Sümpfen im Walde. Pater

Cereso hat bei seiner Messung nicht die gerade Linie eingehalten und ist

zu weit nach Ost gekommen, der Canal würde daher nicht 6000 Toisen lang.

Ich steckte den kürzesten Weg mittelst des Compasses ab und man hieb hie

und da in die ältesten Waldbäume Marken. Der Boden ist völlig eben; auf

fünf Meilen in der Runde findet sich nicht die kleinste Erhöhung. Wie die

Verhältnisse jetzt sind, sollte man das »Tragen« wenigstens dadurch

erleichtern, daß man den Weg besserte, die Piroguen auf Wagen führte und

Brücken über die Bäche schlüge, durch welche die Indianer oft Tage lang

aufgehalten werden.

In diesem Walde erhielten wir endlich auch genaue Auskunft über das

vermeintliche fossile Cautschuc, das die Indianer *Dapicho* nennen. Der

alte Kapitän Javita führte uns an einen Bach, der in den Tuamini fällt. Er

zeigte uns, wie man, um diese Substanz zu bekommen, im sumpfigten Erdreich

zwei, drei Fuß zwischen den Wurzeln zweier Bäume, des *Jacio* und des

*Curvana* graben muß. Ersterer ist AUBLETs Hevea oder die Siphonia der

neueren Botaniker, von der, wie man weiß, das Cautschuc kommt, das in

Cayenne und Gran Para im Handel ist; der zweite hat gefiederte Blätter;

sein Saft ist milchigt, aber sehr dünn und fast gar nicht klebrigt. Das

Dapicho scheint sich nun dadurch zu bilden, daß der Saft aus den Wurzeln

austritt, und dieß geschieht besonders, wenn die Bäume sehr alt sind und

der Stamm hohl zu werden anfängt. Rinde und Splint bekommen Risse, und so

erfolgt auf natürlichem Wege, was der Mensch künstlich thut, um den

Milchsaft der Hevea, der Castilloa und der Cautschuc gehenden Feigenbäume

in Menge zu sammeln. Nach AUBLETs Bericht machen die Galibis und Garipons

in Cayenne zuerst unten am Stamm einen tiefen Schnitt bis ins Holz; bald

darauf machen sie senkrechte und schiefe Einschnitte, so daß diese von

oben am Stamm bis nahe über der Wurzel in jenen horizontalen Einschnitt

zusammenlaufen. Alle diese Rinnen leiten den Milchsaft der Stelle zu, wo

das Thongefäß steht, in dem das Cautschuc aufgefangen wird. Die Indianer

in Carichana sahen wir ungefähr eben so verfahren.

Wenn, wie ich vermuthe, die Anhäufung und das Austreten der Milch beim

*Jacio* und *Curvana* eine pathologische Erscheinung ist, so muß der

Proceß zuweilen durch die Spitzen der längsten Wurzeln vor sich gehen;

denn wir fanden zwei Fuß breite und vier Zoll dicke Massen Dapicho acht

Fuß vom Stamm entfernt. Oft sucht man unter abgestorbenen Bäumen

vergebens, andere male findet man Dapicho unter noch grünenden Hevea- oder

Jaciostämmen. Die Substanz ist weiß, korkartig, zerbrechlich und gleicht

durch die aufeinander liegenden Blätter und die gewellten Ränder dem

_Boletus igniarius_. Vielleicht ist zur Bildung des Dapicho lange Zeit

erforderlich; der Hergang dabei ist wahrscheinlich der, daß in Folge eines

eigenthümlichen Zustandes des vegetabilischen Gewebes der Saft sich

verdickt, austritt und im feuchten Boden ohne Zutritt von Licht gerinnt;

es ist ein eigenthümlich beschaffenes, ich möchte fast sagen »vergeiltes«

Cautschuc. Aus der Feuchtigkeit des Bodens scheint sich das welligte

Ansehen der Ränder des Dapicho und seine Blätterung zu erklären.

Ich habe in Peru oft beobachtet, daß, wenn man den Milchsaft der Hevea

oder den Saft der Carica langsam in vieles Wasser gießt, das Gerinsel

wellenförmige Umrisse zeigt. Das Dapicho kommt sicher nicht bloß in dem

Walde zwischen Javita und dem Pimichin vor, obgleich es bis jetzt nur hier

gefunden worden ist. Ich zweifle nicht, daß man in französisch Guyana,

wenn man unter den Wurzeln und alten Stämmen der Hevea nachsuchte,

zuweilen gleichfalls solche ungeheure Klumpen von korkartigem Cautschuc

fände, wie wir sie eben beschrieben. In Europa macht man die Beobachtung,

daß, wenn die Blätter fallen, der Saft sich gegen die Wurzeln zieht; es

wäre interessant zu untersuchen, ob etwa unter den Tropen die Milchsäfte

der Urticeen, der Euphorbien, und der Apocyneen in gewissen Jahreszeiten

gleichfalls abwärts gehen. Trotz der großen Gleichförmigkeit der

Temperatur durchlaufen die Bäume in der heißen Zone einen

Vegetationscyclus, unterliegen Veränderungen mit periodischer Wiederkehr.

Das Dapicho ist wichtiger für die Pflanzenphysiologie als für die

organische Chemie. Wir haben eine Abhandlung ALLENs über den Unterschied

zwischen dem Cautschuc in seinem gewöhnlichen Zustande und der bei Javita

gefundenen Substanz, von der ich Sir Joseph Banks gesendet hatte.

Gegenwärtig kommt im Handel ein gelblich weißes Cautschuc vor, das man

leicht vom Dapicho unterscheidet, da es weder trocken wie Kork, noch

zerreiblich ist, sondern sehr elastisch, glänzend und seifenartig. Ich sah

kürzlich in London ansehnliche Massen, die zwischen 6 und 15 Francs das

Pfund im Preise standen. Dieses weiße, fett anzufühlende Cautschuc kommt

aus Ostindien. Es hat den thierischen, nauseosen Geruch, den ich weiter

oben von einer Mischung von Käsestoff und Eiweißstoff abgeleitet habe.

Wenn man bedenkt, wie unendlich viele und mannigfaltige tropische Gewächse

Cautschuc geben, so muß man bedauern, daß dieser so nützliche Stoff bei

uns nicht wohlfeiler ist. Man brauchte die Bäume mit Milchsaft gar nicht

künstlich zu pflanzen; allein in den Missionen am Orinoco ließe sich so

viel Cautschuc gewinnen, als das civilisirte Europa immer bedürfen mag. Im

Königreich Neu-Grenada ist hie und da mit Glück versucht worden, aus

dieser Substanz Stiefeln und Schuhe ohne Nath zu machen. Unter den

amerikanischen Völkern verstehen sich die Omaguas am Amazonenstrom am

besten auf die Verarbeitung des Cautschuc.

Bereits waren vier Tage verflossen und unsere Pirogue hatte den

Landungsplatz am Rio Pimichin immer noch nicht erreicht. »Es fehlt Ihnen

an nichts in meiner Mission,« sagte Pater Cereso; »Sie haben Bananen und

Fische, bei Nacht werden Sie nicht von den Moskitos gestochen, und je

länger Sie bleiben, desto wahrscheinlicher ist es, daß Ihnen auch noch die

Gestirne meines Landes zu Gesicht kommen. Zerbricht Ihr Fahrzeug beim

»Tragen«, so geben wir Ihnen ein anderes, und mir wird es so gut, daß ich

ein paar Wochen _con gente blanca y de razon_ lebe.«(61) Trotz unserer

Ungeduld, hörten wir die Schilderungen des guten Missionärs mit großem

Interesse an. Er bestätigte Alles, was wir bereits über die sittlichen

Zustände der Eingeborenen dieser Landstriche vernommen hatten. Sie leben

in einzelnen Horden von 40 bis 50 Köpfen unter einem Familienhaupte; einen

gemeinsamen Häuptling (_apoto_, _sibierene_) erkennen sie nur an, sobald

sie mit ihren Nachbarn in Fehde gerathen. Das gegenseitige Mißtrauen ist

bei diesen Horden um so stärker, da selbst die, welche einander zunächst

hausen, gänzlich verschiedene Sprachen sprechen. Auf offenen Ebenen oder

in Ländern mit Grasfluren halten sich die Völkerschaften gerne nach der

Stammverwandtschaft, nach der Aehnlichkeit der Gebräuche und Mundarten

zusammen. Auf dem tartarischen Hochland wie in Nordamerika sah man große

Völkerfamilien in mehreren Marschcolonnen über schwach bewaldete, leicht

zugängliche Länder fortziehen. Der Art waren die Züge der toltekischen und

aztekischen Race über die Hochebenen von Mexiko vom sechsten bis zum

eilften Jahrhundert unserer Zeitrechnung; der Art war vermuthlich auch die

Völkerströmung, in der sich die kleinen Stämme in Canada, die Mengwe

(Irokesen) oder fünf Nationen, die Algonkins oder Lenni-Lenapes, die

Chikesaws und die Muskohgees vereinigten. Da aber der unermeßliche

Landstrich zwischen dem Aequator und dem achten Breitengrad nur Ein Wald

ist, so zerstreuten sich darin die Horden, indem sie den Flußverzweigungen

nachzogen, und die Beschaffenheit des Bodens nöthigte sie mehr oder

weniger Ackerbauer zu werden. So wirr ist das Labyrinth der Flüsse, daß

die Familien sich niederließen, ohne zu wissen, welche Menschenart

zunächst neben ihnen wohnte. In spanisch Guyana trennt zuweilen ein Berg,

ein eine halbe Meile breiter Forst Horden, die zwei Tage zu Wasser fahren

müßten, um zusammenzukommen. So wirken denn in offenen oder in der Cultur

schon vorgeschrittenen Ländern Flußverbindungen mächtig auf Verschmelzung

der Sprachen, der Sitten und der politischen Einrichtungen; dagegen in den

undurchdringlichen Wäldern des heißen Landstrichs, wie im rohen Urzustand

unseres Geschlechts, zerschlagen sie große Völker in Bruchstücke, lassen

sie Dialekte zu Sprachen werden, die wie grundverschieden aussehen, nähren

sie das Mißtrauen und den Haß unter den Völkern. Zwischen dem Caura und

dem Padamo trägt Alles den Stempel der Zwietracht und der Schwäche. Die

Menschen fliehen einander, weil sie einander nicht verstehen; sie hassen

sich, weil sie einander fürchten.

Betrachtet man dieses wilde Gebiet Amerikas mit Aufmerksamkeit, so glaubt

man sich in die Urzeit versetzt, wo die Erde sich allmählig bevölkerte;

man meint die frühesten gesellschaftlichen Bildungen vor seinen Augen

entstehen zu sehen. In der alten Welt sehen wir, wie das Hirtenleben die

Jägervölker zum Leben des Ackerbauers erzieht. In der neuen sehen wir uns

vergeblich nach dieser allmähligen Culturentwicklung um, nach diesen Ruhe-

und Haltpunkten im Leben der Völker. Der üppige Pflanzenwuchs ist den

Indianern bei ihren Jagden hinderlich; da die Ströme Meeresarmen gleichen,

so hört des tiefen Wassers wegen der Fischfang Monate lang auf. Die Arten

von Wiederkäuern, die der kostbarste Besitz der Völker der alten Welt

sind, fehlen in der neuen; der Bison und der Moschusochse sind niemals

Hausthiere geworden. Die Vermehrung der Llamas und Guanacos führte nicht

zu den Sitten des Hirtenlebens. In der gemäßigten Zone, an den Ufern des

Missouri wie auf dem Hochland von Neu-Mexico, ist der Amerikaner ein

Jäger; in der heißen Zone dagegen, in den Wäldern von Guyana pflanzt er

Manioc, Bananen, zuweilen Mais. Die Natur ist so überschwenglich

freigebig, daß die Ackerflur des Eingeborenen ein Fleckchen Boden ist, daß

das Urbarmachen darin besteht, daß man die Sträucher wegbrennt, das Ackern

darin, daß man ein paar Samen oder Steckreiser dem Boden anvertraut. So

weit man sich in Gedanken in der Zeit zurückversetzt, nie kann man in

diesen dicken Wäldern die Völker anders denken als so, daß ihnen der Boden

vorzugsweise die Nahrung lieferte; da aber dieser Boden auf der kleinsten

Fläche fast ohne Arbeit so reichlich trägt, so hat man sich wiederum

vorzustellen, daß diese Völker immer einem und demselben Gewässer entlang

häufig ihre Wohnplätze wechselten: Und der Eingeborene am Orinoco wandert

ja mit seinem Saatkorn noch heute, und legt wandernd seine Pflanzung

(_conuco_) an, wie der Araber sein Zelt aufschlägt rund die Weide

wechselt. Die Menge von Culturgewächsen, die man mitten im Walde wild

findet, weisen deutlich auf ein ackerbauendes Volk mit nomadischer

Lebensweise hin. Kann man sich wundern, daß bei solchen Sitten vom Segen

der festen Niederlassung, des Getreidebaus, der weite Flächen und viel

mehr Arbeit erfordert, so gut wie nichts übrig bleibt?

Die Völker am obern Orinoco, am Atabapo und Inirida verehren, gleich den

alten Germanen und Persern, keine andern Gottheiten als die Naturkräfte.

Das gute Princip nennen sie *Cachimana*; das ist der Manitu, der große

Geist, der die Jahreszeiten regiert und die Früchte reifen läßt. Neben dem

Cachimana steht ein böses Princip, der *Jolokiamo*, der nicht so mächtig

ist, aber schlauer und besonders rühriger. Die Indianer aus den Wäldern,

wenn sie zuweilen in die Missionen kommen, können sich von einem Tempel

oder einem Bilde sehr schwer einen Begriff machen. »Die guten Leute,«

sagte der Missionär, »lieben Processionen nur im Freien. Jüngst beim Fest

meines Dorfpatrons, des heiligen Antonius, wohnten die Indianer von

Inirida der Messe bei. Da sagten sie zu mir: »Euer Gott schließt sich in

ein Haus ein, als wäre er alt und krank; der unsrige ist im Wald, auf dem

Feld, auf den Sipapubergen, woher der Regen kommt.« Bei zahlreicheren und

eben deßhalb weniger barbarischen Völkerschaften bilden sich seltsame

religiöse Vereine. Ein paar alte Indianer wollen in die göttlichen Dinge

tiefer eingeweiht seyn als die andern, und diese haben das berühmte

*Botuto* in Verwahrung, von dem oben die Rede war, und das unter den

Palmen geblasen wird, damit sie reichlich Früchte tragen. An den Ufern des

Orinoco gibt es kein Götzenbild, wie bei allen Völkern, die beim

ursprünglichen Naturgottesdienst stehen geblieben sind; aber der *Botuto*,

die heilige Trompete, ist zum Gegenstand der Verehrung geworden. Um in die

Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muß man rein von Sitten und

unbeweibt seyn. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geißelung, dem

Fasten und andern angreifenden Andachtsübungen. Dieser heiligen Trompeten

sind nur ganz wenige und die altberühmteste befindet sich auf einem Hügel

beim Zusammenfluß des Tomo mit dem Rio Negro. Sie soll zugleich am Tuamini

und in der Mission San Miguel de Davipe, zehn Meilen weit, gehört werden.

Nach Pater Ceresos Bericht sprechen die Indianer von diesem Botuto am Rio

Tomo so, als wäre derselbe für mehrere Völkerschaften in der Nähe ein

Gegenstand der Verehrung. Man stellt Früchte und berauschende Getränke

neben die heilige Trompete. Bald bläst der Große Geist (Cachimana) selbst

die Trompete, bald läßt er nur seinen Willen durch den kund thun, der das

heilige Werkzeug in Verwahrung hat. Da diese Gaukeleien sehr alt sind (von

den Vätern unserer Väter her, sagen die Indianer), so ist es nicht zu

verwundern, daß es bereits Menschen gibt, die nicht mehr daran glauben;

aber diese Ungläubigen äußern nur ganz leise, was sie von den Mysterien

des Botuto halten. Die Weiber dürfen das wunderbare Instrument gar nicht

sehen; sie sind überhaupt von jedem Gottesdienste ausgeschlossen. Hat eine

das Unglück, die Trompete zu erblicken, so wird sie ohne Gnade umgebracht.

Der Missionär erzählte uns, im Jahr 1798 habe er das Glück gehabt, ein

junges Mädchen zu retten, der ein eifersüchtiger, rachsüchtiger Liebhaber

Schuld gegeben, sie sey aus Vorwitz den Indianern nachgeschlichen, die in

den Pflanzungen den Botuto bliesen. »Oeffentlich hätte man sie nicht

umgebracht,« sagte Pater Cereso, »aber wie sollte man sie vor dem

Fanatismus der Eingebornen schützen, da es hier zu Lande so leicht ist,

einem Gift beizubringen? Das Mädchen äußerte solche Besorgniß gegen mich

und ich schickte sie in eine Mission am untern Orinoco.« Wären die Völker

in Guyana Herren dieses großen Landes geblieben, könnten sie, ungehindert

von den christlichen Niederlassungen, ihre barbarischen Gebräuche frei

entwickeln, « so erhielte der Botutodienst ohne Zweifel eine politische

Bedeutung. Dieser geheimnißvolle Verein von Eingeweihten, diese Hüter der

heiligen Trompete würden zu einer mächtigen Priesterkaste und das Orakel

am Rio Tomo schlänge nach und nach ein Band um benachbarte Völker. Auf

diese Weise sind durch gemeinsame Gottesverehrung (_communia sacra_),

durch religiöse Gebräuche und Mysterien so viele Völker der alten Welt

einander näher gebracht, mit einander versöhnt und vielleicht der

Gesittung zugeführt worden.

Am vierten Mai Abends meldete man uns, ein Indianer, der beim Schleppen

unserer Pirogue an den Pimichin beschäftigt war, sey von einer Natter

gebissen worden. Der große starke Mann wurde in sehr bedenklichem Zustand

in die Mission gebracht. Er war bewußtlos rücklings zu Boden gestürzt, und

auf die Ohnmacht waren Uebligkeit, Schwindel, Congestionen gegen den Kopf

gefolgt. Die Liane *Vejuco de Guaco*, die durch MUTIS so berühmt geworden,

und die das sicherste Mittel gegen den Biß giftiger Schlangen ist, war

hier zu Lande noch nicht bekannt. Viele Indianer liefen zur Hütte des

Kranken und man heilte ihn mit dem Aufguß von *Raiz de Mato*. Wir können

nicht mit Bestimmtheit angeben, von welcher Pflanze dieses Gegengift

kommt. Der reisende Botaniker hat nur zu oft den Verdruß, daß er von den

nutzbarsten Gewächsen weder Blüthe noch Frucht zu Gesicht bekommt, während

er so viele Arten, die sich durch keine besondern Eigenschaften

rauszeichnen, täglich mit allen Fructificationsorganen vor Augen hat. Die

*Raiz de Mato* ist vermuthlich eine Apocynee, vielleicht die _Cerbera

thevetia_ welche die Einwohner von Cumana _Lengua de Mato_ oder

_Contra-Culebra_ nennen und gleichfalls gegen Schlangenbiß brauchen. Eine

der Cerbera sehr nahe stehende Gattung (_Ophioxylon serpentinum_) leistet

in Indien denselben Dienst. Ziemlich häufig findet man in derselben

Pflanzenfamilie vegetabilische Gifte und Gegengifte gegen den Biß der

Reptilien. Da viele tonische und narkotische Mittel mehr oder minder

wirksame Gegengifte sind, so kommen diese in weit auseinanderstehenden

Familien vor, bei den Aristolochien, Apocyneen, Gentianen, Polygalen,

Solaneen, Malvaceen, Drymyrhizeen, bei den Pflanzen mit zusammengesetzten

Blüthen, und was noch auffallender ist, sogar bei den Palmen.

In der Hütte des Indianers, der von einer Natter gebissen worden, fanden

wir 2--3 Zoll große Kugeln eines erdigten, unreinen Salzes, _‘Chivi’_

genannt, das von den Eingeborenen sehr sorgfältig zubereitet wird. In

Maypures verbrennt man eine Conferve, die der Orinoco, wenn er nach dem

Hochgewässer in sein Bett zurückkehrt, auf dem Gestein sitzen läßt. In

Javita bereitet man Salz durch Einäscherung des Blüthenkolbens und der

Früchte der *Seje* oder *Chimupalme*. Diese schöne Palme, die am Ufer des

Auvena beim Katarakt Guarinuma und zwischen Javita und dem Pimichin sehr

häufig vorkommt, scheint eine neue Art Cocospalme zu seyn. Bekanntlich ist

das in der gemeinen Cocosnuß eingeschlossene Wasser häufig salzigt, selbst

wenn der Baum weit von der Meeresküste wächst. Auf Madagascar gewinnt man

Salz aus dem Saft einer Palme Namens *Cira*. Außer den Blüthenkolben und

den Früchten der Sejepalme laugen die Indianer in Javita auch die Asche

des vielberufenen Schlinggewächses *Cupana* aus. Es ist dieß eine neue Art

der Gattung Paullinia, also eine von LINNÉs Cupania sehr verschiedene

Pflanze. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß ein Missionär selten auf

die Reise geht, ohne den zubereiteten Samen der Liane Cupana mitzunehmen.

Diese Zubereitung erfordert große Sorgfalt. Die Indianer zerreiben den

Samen, mischen ihn mit Maniocmehl, wickeln die Masse in Bananenblätter und

lassen sie im Wasser gähren, bis sie safrangelb wird. Dieser gelbe Teig

wird an der Sonne getrocknet, und mit Wasser angegossen genießt man ihn

Morgens statt Thee. Das Getränk ist bitter und magenstärkend, ich fand

aber den Geschmack sehr widrig.

Am Niger und in einem großen Theile des innern Afrika, wo das Salz sehr

selten ist, heißt es von einem reichen Mann: »Es geht ihm so gut, daß er

Salz zu seinen Speisen ißt.« Dieses Wohlergehen ist auch im Innern Guyanas

nicht allzu häufig. Nur die Weißen, besonders die Soldaten im Fort San

Carlos, wissen sich reines Salz zu verschaffen, entweder von der Küste von

Caracas oder von Chita, am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada, aus

dem Rio Meta. Hier, wie in ganz Amerika, essen die Indianer wenig Fleisch

und verbrauchen fast kein Salz. Daher trägt auch die Salzsteuer aller

Orten, wo die Zahl der Eingeborenen bedeutend vorschlägt, wie in Mexico

und Guatimala, der Staatskasse wenig ein. Der *Chivi* in Javita ist ein

Gemenge von salzsaurem Kali und salzsaurem Natron, Aetzkalk und

verschiedenen erdigten Salzen. Man löst ein ganz klein wenig davon in

Wasser auf, füllt mit der Auflösung ein dütenförmig aufgewickeltes

Heliconienblatt und läßt wie aus der Spitze eines Filtrums ein paar

Tropfen auf die Speisen fallen.

Am 5. Mai machten wir uns zu Fuß aus den Weg, um unsere Pirogue

einzuholen, die endlich über den Trageplatz im Caño Pimichin angelangt

war. Wir mußten über eine Menge Bäche waten, und es ist dabei wegen der

Nattern, von denen die Sümpfe wimmeln, einige Vorsicht nöthig. Die

Indianer zeigten uns auf dem nassen Thon die Fährte der kleinen schwarzen

Bären, die am Temi so häufig vorkommen. Sie unterscheiden sich wenigstens

in der Größe vom _Ursus americanus_; die Missionäre nennen sie _Osso

carnicero_ zum Unterschied vom _Osso palmero_ (_Myrmecophaga jubata_) und

dem _Osso hormigero_ oder Tamandua-Ameisenfresser. Diese Thiere sind nicht

übel zu essen; die beiden erstgenannten setzen sich zur Wehr und stellen

sich dabei auf die Hinterbeine. BUFFONs Tamanoir heißt bei den Indianern

*Uaraca*; er ist reizbar und beherzt, was bei einem zahnlosen Thier

ziemlich auffallend erscheint. Im Weitergehen kamen wir auf einige

Lichtungen im Wald, der uns desto reicher erschien, je zugänglicher er

wurde. Wir fanden neue Arten von Coffea (die amerikanische Gruppe mit

Blüthen in Rispen bildet wahrscheinlich eine Gattung für sich), die

_Galega piscatorum_, deren, sowie der Jacquinia und einer Pflanze mit

zusammengesetzter Blüthe vom Rio Temi [_Bailliera Barbasco_], die Indianer

sich als *Barbasco* bedienen, um die Fische zu betäuben, endlich die hier

*Vejuco de Mavacure* genannte Liane, von der das vielberufene Gift

*Curare* kommt. Es ist weder ein _Phyllanthus_, noch eine _Coriaria_ wie

WILLDENOW gemeint, sondern nach KUNTHs Untersuchungen sehr wahrscheinlich

ein _Strychnos_. Wir werden unten Gelegenheit haben, von dieser giftigen

Substanz zu sprechen, die bei den Wilden ein wichtiger Handelsartikel ist.

Wenn ein Reisender, der sich gleich uns durch die Gastfreundschaft der

Missionäre gefördert sähe, ein Jahr am Atabapo, Tuamini und Rio Negro, und

ein weiteres Iahr in den Bergen bei Esmeralda und am obern Orinoco

zubrächte, könnte er gewiß die Zahl der von AUBLET und RICHARD

beschriebenen Gattungen verdreifachen.

Auch im Walde am Pimichin haben die Bäume die riesige Höhe von 80--120

Fuß. Es sind dieß die Laurineen und Amyris, die in diesen heißen

Himmelsstrichen das schöne Bauholz liefern, das man an der Nordwestküste

von Amerika, in den Bergen, wo im Winter der Thermometer auf 20 Grad unter

Null fällt, in der Familie der Nadelhölzer findet. In Amerika ist unter

allen Himmelsstrichen und in allen Pflanzenfamilien die Vegetationskraft

so ausnehmend stark, daß unter dem 57 Grad nördlicher Breite, auf

derselben Isotherme wie Petersburg und die Orkneyinseln, _Pinus

canadensis_ 150 Fuß hohe und 6 Fuß dicke Stämme hat.(62) Wir kamen gegen

Nacht in einem kleinen Hofe an, dem *Puerto* oder Landungsplatz am

Pimichin. Man zeigte uns ein Kreuz am Wege, das die Stelle bezeichnet, »wo

ein armer Missionär, ein Kapuziner, von den Wespen umgebracht worden.« Ich

spreche dieß dem Mönch in Javita und den Indianern nach. Man spricht hier

zu Lande viel von giftigen Wespen und Ameisen; wir konnten aber keines von

diesen beiden Insekten auftreiben. Bekanntlich verursachen im heißen

Erdstrich unbedeutende Stiche nicht selten Fieberanfälle fast so heftig

wie die, welche bei uns bei sehr bedeutenden organischen Verletzungen

eintreten. Der Tod des armen Mönchs wird wohl eher eine Folge der

Erschöpfung und der Feuchtigkeit gewesen seyn, als des Giftes im Stachel

der Wespen, vor deren Stich die nackten Indianer große Furcht haben. Diese

Wespen bei Javita sind nicht mit den Honigbienen zu verwechseln, welche

die Spanier *Engelchen* nennen [S. Bd. II Seite 192] und die sich auf dem

Gipfel der Silla bei Caracas uns haufenweise auf Gesicht und Hände

setzten.

Der Landungsplatz am Pimichin liegt in einer kleinen Pflanzung von

Cacaobäumen. Die Bäume sind sehr kräftig und hier wie am Altabapo und Rio

Negro in allen Jahreszeiten mit Blüthen und Früchten bedeckt. Sie fangen

im vierten Jahr an zu tragen, auf der Küste von Caracas erst im sechsten

bis achten. Der Boden ist am Tuamini und Pimichin überall, wo er nicht

sumpfigt ist, leichter Sandboden, aber ungemein fruchtbar. Bedenkt man,

daß der Cacaobaum in diesen Wäldern der Parime, südlich vom sechsten

Breitengrad, eigentlich zu Hause ist, und daß das nasse Klima am obern

Orinoco diesem kostbaren Baume weit besser zusagt als die Luft in den

Provinzen Caracas und Barcelona, die von Jahr zu Jahr trockener wird, so

muß man bedauern, daß dieses schöne Stück Erde in den Händen von Mönchen

ist, von denen keinerlei Cultur befördert wird. Die Missionen der

Observanten allein könnten 50,000 Fanegas(63) Cacao in den Handel bringen,

dessen Werth sich in Europa auf mehr als sechs Millionen Franken beliefe.

Um die Conugos am Pimichin wächst wild der *Igua*, ein Baum, ähnlich dem

_Caryocar nuciferum_ den man in holländisch und französisch Guyana baut,

und von dem neben dem Almendron von Mariquita (_Caryocar amygdaliferum_),

dem Juvia von Esmeralda (_Bertholletia excelsa_) und der _Geoffraea_ vom

Amazonenstrom die gesuchtesten Mandeln in Südamerika kommen. Die Früchte

des Igua kommen hier gar nicht in den Handel; dagegen sah ich an den

Küsten von Terra Firma Fahrzeuge, die aus Demerary die Früchte des

_Caryocar tomentosum_, AUBLETs _Pecea tuberculosa_, einführten. Diese

Bäume werden hundert Fuß hoch und nehmen sich mit ihrer schönen

Blumenkrone und ihren vielen Staubfäden prachtvoll aus. Ich müßte den

Leser ermüden, wollte ich die Wunder der Pflanzenwelt, welche diese großen

Wälder auszuweisen haben, noch weiter herzählen. Ihre erstaunliche

Mannigfaltigkeit rührt daher, daß hier auf kleiner Bodenfläche so viele

Pflanzenfamilien neben einander vorkommen, und daß bei dem mächtigen Reiz

von Licht und Wärme die Säfte, die in diesen riesenhaften Gewächsen

circuliren, so vollkommen ausgearbeitet werden.

Wir übernachteten in einer Hütte, welche erst seit kurzem verlassen stand.

Eine indianische Familie hatte darin Fischergeräthe zurückgelassen,

irdenes Geschirr, aus Palmblattstielen geflochtene Matten, den ganzen

Hausrath dieser sorglosen, um Eigenthum wenig bekümmerten Menschenart.

Große Vorräthe von *Mani* (eine Mischung vom Harz der _Moronobea_ und der

_Amyris_ Caraña) lagen um die Hütte. Die Indianer bedienen sich desselben

hier wie in Cayenne zum Theeren der Piroguen und zum Befestigen des

knöchernen Stachels der Rochen an die Pfeile. Wir fanden ferner Näpfe voll

vegetabilischer Milch, die zum Firnissen dient und in den Missionen als

_leche para pindar_ viel genannt wird. Man bestreicht mit diesem

klebrichten Saft das Geräthe, dem man eine schöne weiße Farbe geben will.

An der Luft verdickt er sich, ohne gelb zu werden, und nimmt einen

bedeutenden Glanz an. Wie oben bemerkt worden [S. Bd. II. Seite 337], ist

das Cautschuc der fette Theil, die Butter in jeder Pflanzenmilch. Dieses

Gerinsel nun, diese weiße Haut, die glänzt, als wäre sie mit Copalfirniß

überzogen, ist ohne Zweifel eine eigene Form des Cautschuc. Könnte man

diesem milchigten Firniß verschiedene Farben geben, so hätte man damit,

sollte ich meinen, ein Mittel, um unsere Kutschenkasten rasch, in Einer

Handlung zu bemalen und zu firnissen. Je genauer man die chemischen

Verhältnisse der Gewächse der heißen Zone kennen lernt, desto mehr wird

man hie und da an abgelegenen, aber dem europäischen Handel zugänglichen

Orten in den Organen gewisser Gewächse halbfertige Stoffe entdecken, die

nach der bisherigen Ansicht nur dem Thierreich angehören, oder die wir auf

künstlichem, zwar sicherem, oft aber langem und mühsamem Wege

hervorbringen. So hat man bereits das Wachs gefunden, das den Palmbaum der

Anden von Quindiu überzieht, die Seide der Mocoapalme, die nahrhafte Milch

des Palo de Vaca, den afrikanischen Butterbaum, den käseartigen Stoff im

fast animalischen Safte der _Carica Papaya_. Dergleichen Entdeckungen

werden sich häufen, wenn, wie nach den gegenwärtigen politischen

Verhältnissen in der Welt wahrscheinlich ist, die europäische Cultur

großentheils in die Aequinoctialländer des neuen Continents überfließt.

Wie ich oben erwähnt, ist die sumpfigte Ebene zwischen Javita und dem

Landungsplatz am Pimichin wegen ihrer vielen Nattern im Lande berüchtigt.

Bevor wir von der verlassenen Hütte Besitz nahmen, schlugen die Indianer

zwei große, 4--5 Fuß lange *Mapanare*-Schlangen todt. Sie schienen mir von

derselben Art wie die vom Rio Magdalena, die ich beschrieben habe. Es ist

ein schönes, aber sehr giftiges Thier, am Bauch weiß, auf dem Rücken braun

und roth gefleckt. Da in der Hütte eine Menge Kraut lag und wir am Boden

schliefen (die Hängematten ließen sich nicht befestigen), so war man in

der Nacht nicht ohne Besorgniß; auch fand man Morgens, als man das

Jaguarfell aushob, unter dem einer unserer Diener am Boden gelegen, eine

große Natter. Wie die Indianer sagen, sind diese Reptilien langsam in

ihren Bewegungen, wenn sie nicht verfolgt werden, und machen sich an den

Menschen, weil sie der Wärme nachgehen. Am Magdalenenstrom kam wirklich

eine Schlange zu einem unserer Reisebegleiter ins Bett und brachte einen

Theil der Nacht darin zu, ohne ihm etwas zu Leide zu thun. Ich will hier

keineswegs Nattern und Klapperschlangen das Wort reden, aber das läßt sich

behaupten, wären diese giftigen Thiere so angriffslustig, als man glaubt,

so hätte in manchen Strichen Amerikas, z. B. am Orinoco und in den

feuchten Bergen von Choco, der Mensch ihrer Unzahl erliegen müssen.

Am 6. Mai. Wir schifften uns bei Sonnenaufgang ein, nachdem wir den Boden

unserer Pirogue genau untersucht hatten. Er war beim »Tragen« wohl dünner

geworden, aber nicht gesprungen. Wir dachten, das Fahrzeug könne die

dreihundert Meilen, die wir den Rio Negro hinab, den Cassiquiare hinauf

und den Orinoco wieder hinab bis Angostura noch zu machen hatten, wohl

aushalten. Der Pimichin, der hier ein Bach (Caño) heißt, ist so breit wie

die Seine, der Galerie der Tuilerien gegenüber, aber kleine, gerne im

Wasser wachsende Bäume, Corossols (Anona) und Achras, engen sein Bett so

ein, daß nur ein 15--20 Toisen breites Fahrwasser offen bleibt. Er gehört

mit dem Rio Chagre zu den Gewässern, die in Amerika wegen ihrer Krümmungen

berüchtigt sind. Man zählt deren 85, wodurch die Fahrt bedeutend

verlängert wird. Sie bilden oft rechte Winkel und liegen auf einer Strecke

von 2--3 Meilen hinter einander. Um den Längenunterschied zwischen dem

Ladungsplatz und dem Punkt, wo wir in den Rio Negro einliefen, zu

bestimmen, nahm ich mit dem Compaß den Lauf des Caño Pimichin auf und

bemerkte, wie lange wir in derselben Richtung fuhren. Die Strömung war nur

2,4 Fuß in der Sekunde, aber unsere Pirogue legte beim Rudern 4,6 Fuß

zurück. Meiner Schätzung nach liegt der Landungsplatz am Pimichin 1100

Toisen westwärts von seiner Mündung und 0° 2′ westwärts von der Mission

Javita. Der Caño ist das ganze Jahr schiffbar; er hat nur einen einzigen

*Raudal*, über den ziemlich schwer heraufzukommen ist; seine Ufer sind

niedrig, aber felsigt. Nachdem wir fünftehalb Stunden lang den Krümmungen

des schmalen Fahrwassers gefolgt waren, liefen wir endlich in den Rio

Negro ein.

Der Morgen war kühl und schön. Sechs und dreißig Tage waren wir in einem

schmalen Canoe eingesperrt gewesen, das so unstet war, daß es umgeschlagen

hätte, wäre man unvorsichtig aufgestanden, ohne den Ruderern am andern

Bord zuzurufen, sich überzulehnen und das Gleichgewicht herzustellen. Wir

hatten vom Insektenstich furchtbar gelitten, aber das ungesunde Klima

hatte uns nichts angehabt; wir waren, ohne umzuschlagen, über eine ganze

Menge Wasserfälle und Flußdämme gekommen, welche die Stromfahrt sehr

beschwerlich und oft gefährlicher machen als lange Seereisen. Nach allem,

was wir bis jetzt durchgemacht, wird es mir hoffentlich gestattet seyn

auszusprechen, wie herzlich froh wir waren, daß wir die Nebenflüsse des

Amazonenstroms erreicht, daß wir die Landenge zwischen zwei großen

Flußsystemen hinter uns hatten und nunmehr mit Zuversicht der Erreichung

des Hauptzwecks unserer Reise entgegensehen konnten, der astronomischen

Aufnahme jenes Arms des Orinoco, der sich in den Rio Negro ergießt, und

dessen Existenz seit einem halben Jahrhundert bald bewiesen, bald wieder

in Abrede gezogen worden. Ein Gegenstand, den man lange vor dem innern

Auge gehabt, wächst uns an Bedeutung, je näher wir ihm kommen. Jene

unbewohnten, mit Wald bedeckten, geschichtslosen Ufer des Cassiquiare

beschäftigten damals meine Einbildungskraft, wie die in der Geschichte der

Culturvölker hochberühmten Ufer des Euphrat und des Oxus. Hier, inmitten

des neuen Continents, gewöhnt man sich beinahe daran, den Menschen als

etwas zu betrachten, das nicht nothwendig zur Naturordnung gehört. Der

Boden ist dicht bedeckt mit Gewächsen, und ihre freie Entwicklung findet

nirgends ein Hinderniß. Eine mächtige Schicht Dammerde weist darauf hin,

daß die organischen Kräfte hier ohne Unterbrechung fort und fort gewaltet

haben. Krokodile und Boas sind die Herren des Stroms; der Jaguar, der

Pecari, der Tapir und die Affen streifen durch den Wald, ohne Furcht und

ohne Gefährde; sie hausen hier wie auf ihrem angestammten Erbe. Dieser

Anblick der lebendigen Natur, in der der Mensch nichts ist, hat etwas

Befremdendes und Niederschlagendes. Selbst auf dem Ocean und im Sande

Afrika’s gewöhnt man sich nur schwer daran, wenn einem auch da, wo nichts

an unsere Felder, unsere Gehölze und Bäche erinnert, die weite Einöde,

durch die man sich bewegt, nicht so stark auffällt. Hier, in einem

fruchtbaren Lande, geschmückt mit unvergänglichem Grün, sieht man sich

umsonst nach einer Spur von der Wirksamkeit des Menschen um; man, glaubt

sich in eine andere Welt versetzt, als die uns geboren. Ein Soldat, der

sein ganzes Leben in den Missionen am obern Orinoco zugebracht hatte, war

einmal mit uns am Strome gelagert. Es war ein gescheiter Mensch, und in

der ruhigen, heitern Nacht richtete er an mich Frage um Frage über die

Größe der Sterne, über die Mondsbewohner, über tausend Dinge, von denen

ich so viel wußte als er. Meine Antworten konnten seiner Neugier nicht

genügen, und so sagte er in zuversichtlichem Tone: »Was die Menschen

anlangt, so glaube ich, es gibt da oben nicht mehr, als ihr angetroffen

hättet, wenn ihr zu Land von Javita an den Cassiquiare gegangen wäret. In

den Sternen, meine ich, ist eben wie hier eine weite Ebene mit hohem Gras

und ein Wald (_mucho monte_), durch den ein Strom fließt.« Mit diesen

Worten ist ganz der Eindruck geschildert, den der eintönige Anblick dieser

Einöde hervorbringt. Möchte diese Eintönigkeit nicht auch auf das Tagebuch

unserer Flußfahrt übergehen! Möchten Leser, die an die Beschreibung der

Landschaften und an die geschichtlichen Erinnerungen des alten Continents

gewöhnt sind, es nicht ermüdend finden!

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55 Die wilden Völker bezeichnen jedes europäische Handelsvolk mit

Beinamen, die ganz zufällig entstanden zu seyn scheinen. Ich habe

schon oben bemerkt, daß die Spanier vorzugsweise *bekleidete

Menschen*, _gheme_ oder _Uavemi_ heißen.

_ 56 Homo __habitat__ inter tropicos, vescitur Palmis, Lotophagus;

__hospitatur__ entre tropicos sub novercante Cerere, carnivorus._

57 Einer der Vorgänger des Geistlichen, den wir in San Fernando als

Präsidenten der Missionen fanden.

58 Die Delphine, welche in die Nilmündung kommen, fielen indessen den

Alten so auf, daß sie auf einer Büste des Flußgottes aus Syenit im

Pariser Museum halb versteckt im wallenden Barte dargestellt sind.

59 Ich führe diesen geringfügigen Umstand hier an, um die Reisenden

darauf aufmerksam zu machen, wie nöthig es ist, nur solche Barometer

zu haben, bei denen die Röhre der ganzen Länge nach sichtbar ist.

Eine ganz kleine Luftblase kann das Quecksilber zum Theil oder ganz

sperren, ohne daß der Ton beim Anschlagen des Quecksllbers am Ende

der Röhre sich veränderte.

_ 60 Ocotea cymbarum_, sehr verschieden vom _Laurus Sassafras_ in

Nordamerika.

61 »Mit weißen und vernünftigen Menschen.« Die europäische Eigenliebe

stellt gemeiniglich die _gente de razon_ und die _gente parda_

einander gegenüber.

62 LANGSDORF sah bei den Bewohnern der Norfolkbucht Canoes aus Einem

Stück 50 Fuß lang, 4 1/2 :breit und an den Rändern 3 Fuß hoch; sie

faßten 30 Menschen. Auch _Populus balsamifera_ wird auf den Bergen

um Norfolkbucht ungeheuer hoch.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3. · 第 22 / 29 题